U

U ÜBEL
Seit einem Missverständnis im Vaterunser entspricht das neu eingefügte ›Böse‹ dem älteren Wort ›Übel‹ und beides soll die Anwesenheit des Teufels als Herrn dieser Welt bedeuten. Aber das ist beide Male der gleiche Irrtum. Das Übel ist der biologische Körper des Menschen im medizinischen Kollektiv. Der Zeitgeist hat sogar darin Recht, dass er das Essen und Trinken verdächtigt, dem großen Übel, dem Tod durch den Kochtopf, Vorschub zu leisten. Das große Übel des Vaterunsers meint vermutlich den Tod infolge der unabwendbaren Nahrungsaufnahme.
Hier läge alsdann ein noch niemals, weder medizinisch noch theologisch, erkannter Widerspruch des Gekreuzigten gegen den göttlichen Zoologen, Gärtner und Koch. Man vergesse auch nicht dessen Speisevorschriften, die als späte und oberflächliche Hilfe, auf eine gewisse Reue, ja zornige Verzweiflung des Gottes verweisen könnten, uns so gefräßig gemacht zu haben.
Indem Christus im Vaterunser uns anweist, Erlösung vom Übel zu suchen, hat er wahrscheinlich den Zwang zur Nahrungsaufnahme gemeint, der in jeder Hinsicht, satt oder hungrig, tödliche Folgen hat. Des Teufels in all seiner Pracht kann man sich wie St. Augustinus schließlich erwehren, des hungrigen Magens nicht. Von Lukullus kann höflich geschwiegen werden, auch er war bei goldenen Tellern verloren.
ER, der beides gekannt haben wird, den Küchenlosen Himmel und die von Küchenfeuern vergiftete Erde, kann kaum ein anderes Übel gemeint haben als die tierische Existenz. Das letzte Abendmahl ist so nie betrachtet worden. Segnet oder flucht er?
Gott, der angenommene Vater ohne Lebenserfahrung, hat das Übel als Tiernatur nie erwähnt. Er spricht nur einmal vom Brot, das man im Schweiße seines Angesichtes essen muss, als er durch die Verfluchung nach dem Genuss eines Apfels!, man bedenke auch dies, sich seines Irrtums entledigt glaubt.
Christus der Großsohn jedoch hat am eigenen Leibe erlebt, was die Schöpfung der Welt hinterlassen hat. Man löschte seinen Durst mit Essig und er zeigte auf seine Wunden, das sollte genügen.
Die Ernährung – sie umfasst schließlich die gesamte Natur, die selber von Speisen lebt, wie Verschlingungsszenen bei Bosch phantastisch beweisen – wird von einem an der Natur herunterdenkenden Neumenschentum kindisch genug verdächtigt, durch Zusätze aus Kunststoffen, die doch ebenfalls der Natur in verdrehten Verwandlungen angehören, vergiftet zu werden. Bedenkt man dabei auch wohl, wie verdreht die gute Natur schon selber aus schwarzen Löchern oder anderen Himmelskadavern frühester Abkunft zu uns gelangt sein mag, so gewinnt die falsche Hoffnung auf Überwindung des großen Übels ihr Urrecht zurück, im Gebet erwähnt zu werden.
Von all den Getäuschten wird törichterweise ein guter Urzustand des Lebens, ohne den schrecklichen Dämon des Übels näher in Betracht zu ziehen, für erreichbar gehalten. Beweise und Muster gibt es aber nicht, denn die Köche sind schließlich auch keine Narren, sondern, vergleichbar den wahren Künstlern, nie so einfältig gewesen, dem positiven Naturalismus auf den Leim zu gehen. Man will sich, wenn möglich, nicht ungebildet und kunstlos zu Tode essen. Und selbst die grübelnden Theologen, die das Sein Gottes als Wahrheit der Wahrheit erforschen, wären bildlos längst in Langeweile gestorben, hätten nicht Künstler ihnen mit tausend erlauchten Speisen und großen Deckengemälden zur Seite gestanden. Was wäre der Vatikan ohne seidene Tücher, Wandmalereien und Küchen? In gekachelten Betlabors wären man mit unbemalten Wänden nicht wirkungsvoller geblieben als jene Meister, die jetzt behaupten real zu existieren, indessen ihnen ein gelangweilter Nachwuchs wegzulaufen beginnt. Anders als die heilige Kirche haben sie törichterweise der Kunst die notwendige Bruderschaft zur Gestaltung ihrer Absurditäten verweigert. Man gedenke der vergoldeten Delphine, die als Stützen der älteren Mikroskope die faden Bilder getragen haben.
Gäbe es eine echte Gewerkschaft der Künstler, so könnte sie heute mit guten Gründen den real existierenden Cliquen ein bezahltes Stempelrecht für jeden technisch brisant gemachten Gegenstand abverlangen. (Vermutlich die Abkunft der Ornamente auf alten Gebrauchsgegenständen, für den Raub an der Natur.)
Vorschlag für ein Randgebiet der versuchten Unvernunft, als Kölner Karnevalsschlager: »Dä Hunger, dat is dat Übel, mer esse uns kapott, mer wisse nit mee wat joot is, mer bruche ne joode Koch.« - PM

ÜBERSTÜLPEN
Den Systemmantel überstülpen – eine Tätigkeit, nicht unähnlich der, das hohe Ross zu erklimmen, um darauf zu sitzen: da könnte jeder kommen, der Erstbeste, um sein Problem zu lösen, wenn es sich denn auf diese Weise löste, was wohl nicht immer der Fall ist. Das Geschäft mit Systemmänteln gedeiht prächtig überall dort, wo das Zeugma seine prägende Kraft verliert, das ist ein Geheimnis, das erklärt, warum die Abschaffung des Systemdenkens es eher beflügelt hat. Durch Recycling findet eine Menge exzellenter Ware den Weg zurück auf den Markt, daneben gibt es einen gehobenen Bedarf, der nur durch echte Neuware gedeckt werden kann. Auch Pelz, durchaus! In der Regel muss man für einen guten Systemmantel nicht mehr ausgeben als für eine Waschmaschine, das erscheint vielen tragbar und die anderen sind schon der hohen psychologischen Barrieren wegen kaum zu erreichen. Ein Wahnsinn. Eines der robusteren Wahnsysteme bietet, beiläufig gesprochen, die Enttarnung von Wahnsystemen. In diesem Segment genügt die Faustregel und die Zahlen stimmen, Schwankungen der Konjunktur abgerechnet, immer. Aber, auch das muss gesagt werden, es sind Petitessen im Vergleich zu den Möglichkeiten, die der administrative Markt bietet. Hier beherrschen die Großfirmen mit ihren bekannten Markenprodukten das Feld. Ein wirklich guter Systemmantel soll nicht nur passen, er darf darüber hinaus nicht zu viel verraten und muss soliden Schutz vor jeglicher Form der Bloßstellung bieten – bei jedem Wetter. Das kleinste Detail wirkt da rasch verspielt und aufgesetzt, als verwende jemand zuviel Zeit darauf, sich zu bespiegeln. Ein guter Vorgesetzter schätzt so etwas nicht und wird sich den Betreffenden merken. Das Gros der Bezieher von Systemmänteln sind Abhängige, manche darunter geborene Denker, denen man den Schneid abgekauft hat – angesichts der Preise, die dafür allenfalls erzielt werden, der fast sichere Ruin. »Was tun, was bewegen«: so reden sie in der ihnen eigenen Sprache und, wenn, die Folgen allmählich sichtbar werden, »Wir haben das gemacht.« Man steht zu dem, was man gemacht hat, man könnte auch sitzen oder liegen, aber so ist es anständig und es steht einem gut zu Gesicht. Die Sprache will es, man flieht sie und sie holt einen ein.

KLEINER RIESE ÜBERZWERCH
Anekdote vom Monde
»Zwerg heißt auf Englisch doch dwarf, oder? Aber was heißt dann Überzwerch?« »Wir wissen noch gar nicht, was Überzwerch heißt oder allenfalls heißen könnte. Vielleicht finden sich hier und da brauchbare Ansätze zu einem solchen Verständnis, aber im Ganzen ist das Gebiet, auf dem man es suchen müsste, noch dunkel.« Da geht die Tür auf und Überzwerch surrt herein. Als Nackenrolle dient ihm ein Gepäckstück, er schätzt den Komfort auf Reisen. Welchen Reisen? Überzwerch ist unterwegs, das zeichnet ihn vor anderen aus. Vor welchen anderen? Vor seinesgleichen? Oder vor anderen anderen, um es kolloquial zu sagen? Nun, wir werden das heute nicht ergründen, dafür ist die Zeit der Anwesenheit zu kurz. Er fährt seine Finger aus und führt sich einige Brosamen zu. Das ersetzt ihm das Gespräch, auch wenn das Ergebnis mager bleibt. Darauf ist er sogar stolz; er hasst Korpulenz über alles und bekennt sich zur klassischen Hagerkeit des Profils. Wieviel Anstrengung mag es ihn kosten, ein Leben lang ohne Regung zu bleiben und kein Fett anzusetzen? Überzwerch ist alt, wie die Leute tuscheln, er wird es bald überstanden haben. Oder auch nicht. Man begibt sich leicht auf das Feld der Täuschungen. Nichts an seinem Auftritt verheißt einen baldigen Abgang, im Gegenteil. Mit voller Absicht macht er denen, die erst im Kommen sind, das Leben schwer. Vieles deutet darauf hin, dass er noch immer mit ihnen konkurriert. Zweifellos will er gewinnen. Aber warum? Zu welchem Ende reißt es ihn hin? Ist es die Bahn des Exzentrikers, die ihn ins All schleudert oder ins Nichts? »Ah ja, ins Nichts mit ihm!« – ein Seufzer mehr denn eine Parole. Welches Nichts stünde bereit, ihn aufzunehmen? Es müsste eins sein, das sich von Sündenregistern nährt, ein fettes sogar, zumindest ein korpulentes. Die Sünden der Maler sind wie ein Haifischbecken, in dem manches untergeht. Überzwerch ein Opfer der Malerei? Immerhin verhält er sich zu ihr wie ein Sopran zur Sottise. Es zischt, wenn er an ihr vorbeifährt, aber es ist nicht das Zischen einer Schlange, eher von verdampfendem Wasser, man muss vorsichtig sein mit Vergleichen. Überzwerch hasst den Vergleich.

UMWERTUNG
Dieses schreckliche Gefühl der Vergeblichkeit, das einen daran erinnert, dass die ›Umwertung aller Werte‹ tagtäglich geschieht, dass sie sich in einem wie außen von selbst vollzieht, durch das bisschen Haut kaum gebremst oder auseinander gehalten, doch Reibung entsteht schon. Sie entsteht, sie pflanzt sich fort, in Wellen, in Schüben, in Erregungen, in Niedergeschlagenheiten, schließlich in der Dumpfheit des Vergehens, dem schlechten Kopf, den es macht, vielleicht auch im feinen, der bisweilen aufleuchtet wie eine Birne, deren zulässige Voltzahl gerade gefährlich überschritten wird. Da – sie flackert schon, gleich hört man das hässliche Geräusch, das entsteht, wenn der Faden springt. Er reißt nicht, er springt auseinander, ohne Enden, die miteinander verknüpft werden könnten, denn dass er überhaupt aufleuchten konnte, verdankt er dem Vakuum, das nun verhindert, dass etwas zu retten wäre. Nein, es ist nichts zu retten, keine technische Metapher sorgt hier für Abhilfe. Dasein heißt Rollen spielen: eine, viele, eine wie viele, viele wie eine – schön wär’s, aber es ist nicht viel dran. Das Rollenspielen nützt sich ab, wenn einer sich dabei zusieht, vor allem auf die Finger, die immer im Spiel sind, die einen ans Spiel verraten und die ersten sind, die nicht mehr mitmachen, wenn man sie bräuchte. Ach diese Finger. Nichts zu greifen haben ist schlimmer als nichts begreifen: das sagt alles über die Rolle. Das sich die Menschen mit Metaphern begnügen, die ihren Grund dem Bedürfnis verdanken, sich zu betrügen, lässt tief blicken oder auch weit. Der durch keine Metaphern beengte Blick sieht die Welt, er weiß, sie verdeckt sich den Rest, die blaue Weite das Schwarz und das Schwarz die Blindheit. Der blinde Schreck fährt durch den Schlick der Wertungen, den immer bewegten, der wie tot daliegt. Er durchfährt ihn wie der gedankenverlassene Finger das Haar, das vielleicht das Haar eines Gottes ist, aber eines desinteressierten. Die Ausschüttung der Haare – eine Lotterie, bei der niemand gewinnt, es sei denn, er steht zu weit weg, um zuzugreifen. Aber auch der Abstand wird leicht überschätzt. Er will der richtige nicht sein, egal, wie sich einer stellt.

UNGEHEUER
An der Spitze der Welt steht ein Ungeheuer. Es ist fit und macht sich bei Bedarf in die Hosen. So will es der Lauf der Dinge – cursus rerum novarum universalis –: warum, weiß keiner so recht, aber es fühlt sich gut an. Dass Gedanken, sobald man sie fühlt, zu Wissen mutieren, fällt unter die Geheimnisse der Schöpfung, die einer nicht verstehen muss, aber achselzuckend akzeptieren sollte, bei Strafe des Nichtwissens. Dass die Schöpfung den Lauf der Dinge hemmt, ist hingegen ein Märchen, das gern verbreitet und wenig geglaubt wird, ähnlich wie das von des Königs neuen Kleidern. Eigentlich schade, wo doch beide zum Schönsten gehören, das wir besitzen. Nur das Spitzenungeheuer überzeugt unbedingt: wo alle hinwollen, aber keiner ankommt, gerade dort steht es, muss es stehen, wo sonst? Es hält den Lauf der Dinge nicht auf, sondern befeuert ihn ohne Unterlass, als wäre es Heizer, aber das ist ein veraltetes Bild und wird gestrichen. Wärmer wird’s ohnedies, da braucht es keinen, der zuführt.

UNGLAUBE
»Geheimnis des Glaubens«, murmeln die Frommen. Das Geheimnis des Glaubens ist der Unglaube. Er geht überall hin, er ist stets dabei, mitten im andern schlägt er die Augen auf, deshalb hält sich jeder bedeckt, was nicht viel nützt, denn der Unglaube sieht alles. Er ist mucksmäuschenstill, er ist nicht von gestern und rechnet sich Chancen aus, wo der Glaube vergebens damit befasst ist, Berge zu versetzen. Deshalb versetzt der Glaube lieber sein Hemd, als dass er einen Unglauben zuließe. Auch braucht er es nicht, der andere wartet nicht darauf, er ist seit alters gewohnt, sich selbst durchzubringen, und pfeift auf staatliche Fürsorge. Er huldigt stärkeren Göttern, der Gelegenheit und der List, und verabschiedet den anderen kalt. Dem macht die Kälte zu schaffen, sie trifft ihn ungeschützt wie ein Luftzug der Ewigkeit, der aus den Verhältnissen herüberweht. Deshalb bekommt man den besten Glauben vom Metzger nicht ohne eine Portion Unbehagen, fein eingewickelt; zu Hause tritt man dem Inhalt näher, erschrocken, die Nachbarn könnten durchs Fenster hereinsehen und alles entdecken. Wo Glaube fanatisch wird, regiert schon der Unglaube. Er hat das Heft in die Hand genommen und lässt nicht mehr los, so sehr der andere auch klammert. Ein fanatischer Glaube kann, zur Verwunderung seiner Umgebung, loslassen; er kann, weil er muss; mit einem Seufzer verwandelt er sich in Ressentiment und düngt die Radieschen. Der Unglaube, für kurze Zeit obenauf, erwägt die Anschaffung eines neuen Glaubens, wartet aber noch mit der Ausgabe. Schließlich soll er etwas hermachen und eine Zeitlang halten.

UNGLAUBLICH
Dass Menschen alles Mögliche glauben, liegt auf der Hand. Unter der Hand glauben sie an alles Unmögliche. Das Geheimnis des Glaubens liegt also in der Hand, vielmehr in der trennenden Bewegung, die nur als Ruhe erkennbar wird, weil alles, was mit dem Glauben zusammenhängt, der Ruhe bedarf. Heute dies, morgen das zu glauben ist zwar nicht schwer, aber praktisch unmöglich, es sei denn, man weiß nichts davon. Dem Glauben ist seine Beweglichkeit fremd, nur so kommt es zum actus purus des Bekennens. Gestern war ich auf falschen Pfaden, mein Geist war verdunkelt, zumindest umwölkt, jetzt aber ist er klar und licht und kann endlich glauben,was nur vorhanden ist, um geglaubt zu werden. Mein Glaube, der unumstößlich ist wie das Licht am Ende des Tunnels, war immer da, doch erst jetzt, da er mir zugänglich wird, erkenne ich seine Kraft und Fülle. Aber was heißt schon ›erkennen‹, da er mich doch durchströmt? Glaube strömt, das ist wahr, das ist ein Gefühl, deshalb hat einer, der nicht gern auf dem Trockenen sitzt, seine Glaubenspäckchen im Gelände verteilt, um bei Bedarf darauf zurückzukommen. Wer immer strömt, der glaubt auch alles, zumindest kann man ihn alles glauben machen, und sollte er einmal der Glauberei überdrüssig werden, so ist er gut genug konditioniert, um weiter glauben zu machen, er glaube. Wer an den Menschen glaubt, wie soll der aufhören? Man kann seinen Glauben an die Menschheit verlieren: ein anderer wird ihn schon finden. Das Haus verliert nichts, es reicht nur weiter. Wer an nichts mehr glaubt, wie weit wird der wohl kommen? »Kehr um«, rät ihm sein Therapeut, und wirklich, da kehrt er schon... das Unterste zu oberst. Deshalb: Glaubet den Anfängen! In ihnen steckt, was herauswill. Wer’s nicht glaubt, hat rasch das Nachsehen. ›Unglaublich‹ ist die Formel all derer, die das Nachsehen haben und deshalb nicht ganz bei Trost sind. Der Glaube hat sie verlassen und winkt ihnen aus der Ferne zu. Nie haben sie ihn so entbehrt.

UNLEBBARKEIT
Wir haben Formen der Intelligenz kennengelernt, die, gelinde gesagt, unlebbar waren. Wie konnte das passieren? Es war nicht das abstrakte Denken, vor dem sich die Kinder fürchten und angesichts dessen die Zukunftsmenschen, von denen man hin und wieder einen trifft, in lautes Gejammer ausbrechen. Seit an der Zukunft nicht mehr gebaut wird, sondern verdient, hat die in ihre vorgeburtlichen Bestandteile zerlegte Vernunft ein Gebiet der Freude entdeckt, das sie mit dem ihr eigenen Eifer bewirtschaftet: sie beweist, was einfach nur möglich ist, aber vermöge seines einfachen Möglichseins von den höheren Stufen der Verwirklichung rituell ausgeschlossen wird. »Aber du bist doch möglich«, beschwört der Theoretiker der Zukunft sein welkes Entwurfsbündel, gelassen winkt es ab und entsorgt sich ohne weitere Eigenanstrengung in den Papierkorb, der nie geleert, doch ständig von gierigen Händen auf der Suche nach Neuem durchwühlt wird. Was möglich ist, sobald es ums Mögliche geht, zeigen die einfachsten Versuche. Auch liebt es die ersten Schritte. Wenn erst Resultate veröffentlicht wurden, lässt sein Eifer nach: im Grunde ist es ein fauler Hund. Die Menschen des alten Kontinents zum Beispiel haben eine Möglichkeitsbürokratie geschaffen, die gelassen und mit eiserner Faust in die Verhältnisse hineinregiert und sie ständig zum Guten hin verschiebt. Windschief nennen sie seither die Hasen, die wissen wollen, woher der Wind weht, damit sie ihr Mäntelchen in ihn hängen können. Das Schiefe stört sie nicht weiter – je schiefer die Verhältnisse, desto mehr Ecken und Vorsprünge treten hervor, hinter denen sie ihre Geschäfte erledigen, vor allem, wenn Regen fällt. »Möglich ist alles, warum nicht auch das?« fragt so einer und gibt sich selber Rat. Die Selberratgeber der Unlebbarkeit treiben wie die Primeln aus dem Erdreich, das nur so heißt, aber mit Subventionen begossen werden muss, damit der Grundwasserspiegel nicht unter das erreichte zivilisatorische Niveau absinkt und die Flaschenpost in ein neues Verwertbarkeitsstadium tritt. – Ach Unlebbar! Zimmernachbar von einst, vertrautes Ensemble nächtlicher Geräusche, durch kein Klopfen an imaginäre Wände zu beeindrucken oder gar abzustellen, so etwas prägt sich ein. Wo kamst du her? Ich frage dich nicht, wo du hingegangen bist, das wäre ja widersinnig und könnte mich meinen Kopf kosten, den ich noch benötige, also frage ich dich: Wo kamst du her? Denke nicht, dass du mit Schweigen kontern kannst, ich weiß, dass du aus Geräusch bestehst und nicht anders kannst. Du darfst ruhig fortfahren. Bitte, hier, gerade hier mache ich Platz, das sollte doch reichen, um durchzukommen, ich hänge mich dran. – Unlebbar winkt, er wirkt leutselig wie einst unter den Kadetten und ein wenig berauscht von den Möglichkeiten, im Grunde kommt er überall durch, gerade dort, wo es eng wird.

UNLUST
Die Unlust, lieber Grabbeau, die Unlust... rangiert gleich hinter der Lust, sie ist keine ›Lust auf‹, sondern eine ›Lust ab‹, so wie man sagt ›Hut ab‹, um seine Hochachtung auszudrücken. »Behalten Sie Ihre Lust ruhig auf!« möchte man manchem zurufen, der gerade im Begriff steht, sie abzunehmen. Man fürchtet sich vor dem, was darunter zum Vorschein kommt. So ein Mensch in seiner Lust hat etwas Putziges, als trage er einen Salatkopf über dem Scheitel, nimmt er den Putz ab, so wirken beide roh. In der Unlust bezieht sich der Mensch gern auf Anderes, er hat Erkenntnis. Wer daraus allerdings den Schluss zieht, dass viel Unlust viel Erkenntnis verursacht, der geht in die Irre. Es gibt eine Lust auf Unlust, die einem Schlussverkauf ähnelt, es ist viel schlechte Ware dabei, die durchs Grabbeln nicht besser wird. Man kann sie aufwühlen, die Unlust, sie liegt obenauf und es wäre dir lieber, sie läge unten. Doch wohin du auch greifst, sie drängt immer ins Bild – hier und da und dort. Ein Jammer, die vertane Zeit bringt keiner zurück.

UNTAT
Das Original einer Untat oder Wohltat, im Kleinen wie im Großen, steckt schon Sekunden später im Nebelbezirk vermuteten Daseins und ist unberührbar geworden. Es liegt im Schatten einer seltsamen Unschuld wie auf einem Gemälde, auf dem die Pferde Alexanders oder Napoleons traben, galoppieren und niedersinken, wo Pfeile sausen und tödliche Schüsse fallen, bloß schuld ist hier niemand. Der Fall gehört zu den Freuden des Malers, er malte dies nicht, um sich selber zu quälen. Dieser Strich ist geglückt, denkt er hocherfreut beim Aufsetzen eines Lichtes auf dem Säbel eines Barbaren. Alles bloß schöner Schein. Auf einem anderen Bild wird ein armer Bettler gespeist, der Betrachter hört aber nichts, weder Jammern noch Schmatzen, er wird nicht gesättigt, und zum Leidwesen aller Kunstliebhaber konnte bisher weder ein Maler der Nazarener noch sein Motiv, so gotisch es auch erscheinen mochte, heilig gesprochen werden. Wenngleich nicht zu zweifeln ist, daß mancher Papst unter den Fresken im Vatikan daran gedacht haben mag. Hat ein abseitiges Volk von Faktenfressern die Unwirklichkeit der Bilder vergessen und mit ihm sogar den Genuß daran?
Gleichwohl kann ein Freund der Historienmalerei den inwendig vom Reiten verschmutzten Stiefel eines preußischen Offiziers bei Anton von Werner bewundern, der außen von französischer Erde bespitzt, innen vom Bauch des Pferdes gewischt erscheint. Was für ein prachtvoller Unterschied. Jemand betrachtet voller Genuss die geglückte Sandale eines Skythen oder gar dessen rollendes Auge, das soeben den Pfeil erblickt, der seinen Lederpanzer so unerwartet durchschlagen hat.
Der Betrachter muss diesen Tod ja nicht selber erleben, so gut auch der Maler glaubt, den Blick des Sterbenden einmalig erfasst zu haben. Nie hat ihn oder den Betrachter gleichen Augenblicks dieser Pfeil durchbohrt, eine Kugel durchlöchert, noch rissen ihn grobe, schnauzbärtige Kerle im Dreißigjährigen Krieg mit Rembrandtfäusten vom stolzen Ross. Und falls es ihm einmal geschähe, weil es ihm einst ja wirklich geschehen ist, so entschwände auch diese Tat auf der Stelle im Nebelbezirk des bloß noch vermutbaren Daseins. Nein, daran ist nichts zu ändern, nicht das stärkste Gedächtnis an die verlorene Schlacht, nicht die vom Diener persönlich erlauschten Schritte der Heiligen Elisabeth auf dem Schlossweg hinab zu den Armen, nichts war je wiederholbar, außer durch Kunst. Es sei denn, es wären Wiedergeburten im Spiel, das befreite Gedächtnis käme dem vom Schicksal einstmals befallenen Maler oder Genießer auf furchtbare Weise, wenn auch leider unbedingt tödlich, noch einmal zur Hilfe. Denn der Orkus verschlingt jede Wirklichkeit, das ist ein Gesetz, das Faktenfresser sich merken sollten. Metempsychose nennt Schopenhauer den Zustand der Seelenwanderung, aber er ist sich an diesem Punkt wohl kaum wirklich sicher, es sei denn a posteriori, und dann ginge es nur um Ihn und das Unheil der wiederkehrenden Gegenwart hätte ihn gleichen Augenblick sprachlos verschlungen. Wer weiß, was ihm einst am letzten Tage im Hause am Main geschehen ist. Ein vergoldeter Buddha stand neben dem Bett auf einer Kommode. Es gibt nur die wahre oder die tödliche Wirklichkeit. Die erste vergeht unwiderrufbar, die andere ist ein Prinzip des Todes. - PM

UNTERGANG

Der Untergang vollzieht sich, ausgehend von den Rändern, in großer Schnelle. Man beachte, welche Teile zuerst versinken und welche ihnen auf dem Fuß folgen, und man »hat immer Zuschaun«, wie der Dichter sagt. Das ist insoweit bedenkenswert, als diese Art von Schau beinahe kostenlos bleibt, wenn auch nicht ohne Folgen. Niemand durchlebt einen zweiten Untergang als derselbe. Ein anderer ist an seine Stelle getreten, einer, der seine Erregung rechtzeitig dämpfen kann, weil er sich ihrer erinnert. Doch jede Erregung ist anders – diese kommt früher, sie kommt später als erwartet. Der Gewiefte gerät zwischen die Fronten des von allen Seiten aufziehenden Gewitters. Erschlägt ihn der Blitz der Erkenntnis, so hat die Seele Ruh’. Aber das geschieht selten.

UNTERNEHMEN
»Ein Unternehmen, sage ich Ihnen, ein Unter-« »Nehmen Sie noch von dem Kuchen da, er ist köstlich!« So saßen und plauderten sie zusammen wie einst im Mai und konnten zusammen nicht kommen, die Königskinder, von denen der eine sich in einen Königstiger, die andere in eine Königskobra verwandelt hatte. Sie kuschelten sich eng aneinander und ließen die Welt vergessen, dass es sie gab. Die Welt, sie vergisst rasch und gern, aber sie enthält das Vergessene zusammen mit dem Unvergessenen, kein Krümel von diesem Kuchen geht verloren und keine Unternehmung gewinnt die reine Gestalt des Nichts. »Unternimm doch etwas!« Das ist leichter gesagt als getan. Und doch hat diese Rede Gewalt über Menschen und Dinge, die weit über alles hinaus geht, was einer unternehmen könnte. Nähme einer das Wort ›Unternehmen‹ aus der Welt heraus, sie stürzte zwar nicht zusammen, aber ihr Griff lockerte sich beträchtlich. Wo ein Unternehmen winkt, ist der Unternehmer nicht weit. Woher stammt diese Lockung, deren Ruf so weit ergeht wie einer der Sprache mächtig ist, die da geredet wird? Der Mythos weiß die Antwort, er ist vielleicht die Antwort, und die Jungfrau auf dem Felsen lächelt. Keinen Moment zu früh, das Lächeln wird dringend benötigt, ein Glück, das nicht lächelt, ist keines. Die Rivalität steckt in der Sprache wie der Knochen im Eisbein. Sie ist das, was übrigbleibt, wenn alle guten Gründe gegessen und alle Hilfsmittel verbraucht sind. Man kann sie entsorgen, das ist wahr. Aber nur scheinbar: dort geht sie hin, hier wird sie hereingetragen. Wo ein Mensch an den anderen grenzt, entstehen diese Spiele, man muss sich des Anderen erwehren, weil es ihn gibt. Es gibt ihn, der arme Teufel kann nichts dafür. Umsonst, wer nichts unternimmt, trägt die Kosten blank. Dieses ewige Glückslächeln, eisig, mechanisch, untilgbar, mit dem Tauschwert erklären zu wollen, das wäre ja, als wollte man den Tauchsieder mit dem heißen Wasser erklären oder dem Fußbad. Was einer hingibt, weil es ihm weniger wert dünkt, erscheint dem anderen viel und er besetzt die Stelle. Die Rivalität reißt die Menschen aus allem Tausch heraus und macht ihn erst mechanisch, macht ihn zu dieser Äußerlichkeit, durch die einer hindurchmuss, um dem Ziel entgegen zu gehen, zu rennen, zu stolpern. Die Rivalität steckt im Ellbogen, nicht in der Tasche. Das Glückslächeln richtet die Menschen auf, schon recken sie sich, einer größer als der andere, gleich beginnt das Sich-Aufstützen, das zum Ziel führt oder zum Fall. Was einer unternimmt, macht ihn äußerlich, höhlt ihn aus, bis er diese Unternehmung geworden ist, innen hohl, ein Denkmal für andere, die den Teufel tun.

UNTER UNS
Der einzige Weg, ans Ziel zu gelangen, besteht darin, alles falsch zu machen. Falsch, tönt der Buchhalter, geblendet ob einer Röte, er weiß sich Besseres, doch fehlt der passende Ausdruck und so schwenkt er büschelweise Neues. Recht so, murmelte die Röte, dieweil sie ihn sacht überzieht. Zeige nur, wer du bist, der Rest wird sich zeigen.

UNVERHÄLTNISMÄSSIGKEIT
Unverhältnismäßig ist, was in keinem Verhältnis steht, also das Langweilige. Unverhältnismäßige sind Langweiler, anders als die Verhältnismäßigen, die sich in allen Verhältnissen zu mäßigen wissen und deshalb nur einen mäßigen Verschleiß an Verhältnissen haben. Ist das gut? Ist das schlecht? Ist das eine gut? Ist das andere schlecht? Fest steht, dass die Unverhältnismäßigen leiden müssen, bis sie obenauf sind: dann treten sie. Die Verhältnismäßigen, die bloß kurz weilen, mögen Schlimmes anrichten, aber nichts davon wird ihnen angerechnet. Angerechnet wird nur das Unverhältnismäßige: ob als Verdienst oder als Verbrechen, das steht lange dahin, bis eine kleine Handbewegung darüber entscheidet.

UNZEIT
Untergegangen, ja: untergegangen. Aber warum ›unter‹? Warum nicht einfach: gegangen? Weshalb der Mehraufwand? Warum untergehen, wenn das einfache Gehen genügt? Zu jedem, der geht, gehört einer, dem es nicht schnell genug geht. Die Frage ist: Treffen sie aufeinander? Wie treffen sie aufeinander? Schließlich: zu welcher Stunde? Am Ende entscheidet die Stunde als die Summe aller Unwägbarkeiten, was geht und was nicht geht. Das Untergegangene mag die Stunde verfluchen, das liegt daran, dass immer ein Teil von ihm bleibt. Man nennt das: zur Unzeit gegangen, also nicht gegangen zu sein.

V

V VASENMENSCH
Als Behälter des Geistes sind Vasen nicht zu gebrauchen. Stattdessen stellt man, Frauen wissen das, Blumen hinein. Damit nicht genug, dienen sie zur Verwahrung von Suchtmitteln aller Art. Mit harmlosen Konfektstückchen dekoriert, kokeln sie unter der Oberfläche und verwandeln die handerworbene Bibliothek im Handumdrehen in einen Ort der Schande, der Niedergeschlagenheit und des dumpfen Aufbegehrens gegen ein Schicksal, das es zu gut mit einem gemeint hat. Wie das? Die Wesensgemeinschaft zwischen Vase und Mensch geht weiter, als es die gemeine Formensprache nahelegt. Abgefüllt mit seiner Sucht, macht sich der Liebhaber des Schönen über die Bestände des Totenreichs her, als stünden sie allein ihm zur Verfügung. Niemand tritt ihm in den Weg, wenn er sein Werk beginnt. Der Text, den er sucht, ist qualitativ hochwertig, von gediegenem Handwerk und überdies witzig. (Er sagt »sehr witzig« mit einer kurzen Sperrung der Lippen, einer Art Hokuspokus im Stillstand, als vernehme man an dieser Stelle den Engel der Geschichte, der Stop, das Ganze noch einmal! ruft, worauf sich die Spule langsam und quietschend rückwärts zu drehen beginnt.) Den Text, von dem er annimmt, dass er in Betracht kommt, lässt er erst kreisen, später stößt er ihn sich, nachdem er ihm die Stengel gekürzt und zur besseren Feuchtigkeitsaufnahme aufgeschlitzt hat, mitten ins Herz. In dieser Lage muss sich der Text bewähren. Erst der dankbare Text, der die Tortur äußerlich unverändert überdauert und keine weiteren Ansprüche stellt, kommt für das, was nun folgt, in Betracht. Der Vasenmensch weiß es genau, aber er wird immer wieder überrascht, beinahe überrumpelt von der elementaren Gewalt des Vorgangs. Er reißt den Text aus seinem Herzen und schickt ihn in die Mühle, wo er, sekundenschnell zerrieben und in wohlriechenden Schrot verwandelt, Meister Müllers Federvieh freut. - US

VERDACHT
Wer den Verdacht nicht los wird, der ist ihm ausgeliefert: jetzt und immerdar. Die Selbstauslieferung an den Verdacht geschieht in mehreren Stufen, sie ist ein komplexer Vorgang, der von Kultur zeugt. Man könnte sagen, der Verdacht selbst existiert nur innerhalb einer Kultur des Verdachts, er schwimmt auf ihr wie das Fettauge auf der Suppe. Die Kultur des Verdachts besitzt, wie jede Kultur, eine Vorgeschichte. Im wesentlichen aber entspringt sie spontan, grundlos und ohne Hemmungen aus dem Schoß einer Gesellschaft, die sich ihrer nicht sicher ist. Man kann trefflich über die neurotischen Grundlagen einer Gesellschaft spekulieren, die ihrer so sicher ist, dass sie eines Tages im Gully verschwindet, ohne dass es jemandem weiter ins Auge spränge. Die Gesellschaft, die sich ihrer nicht sicher ist, bleibt stets auf dem Sprung, hütet sich aber, zu springen. Die Anstrengungen, die sie nicht nur gelten lässt, sondern unablässig fordert und, wie sie sagt, unternimmt, gelten stets der Zukunft. Säuberlich parzelliert, weist sie sie ihren Gliedern an. Das klärt die Funktion, die dem Verdacht in ihr zukommt. Er richtet sich gegen die Zukunft. Irgendwie stehen alle unter dem Verdacht, sie zu unterminieren, was nur heißen kann, dass alle sich gegenseitig zutrauen, unterhalb der offiziell beförderten irgendwelche Stollen und Schächte in eine andere, weniger geordnete und weniger gewisse Zukunft hineinzutreiben. Dieses mutuelle Misstrauen weckt insofern ein Misstrauen zweiter Stufe, als sich alle, die Richtigkeit der eigenen Hypothese vorausgesetzt, einander unentwegt in jenen unteren Regionen über den Weg laufen müssten. Vielleicht fürchten sie also nur jene allzu forschen Draufgänger, deren Wirken dazu führen könnte, dass der eine oder andere Stollen einstürzt und ein Stück der offiziell immer weiter ausschwärmenden Zukunft begräbt. Sonderbarerweise geschieht das wirklich und es zeugt vom seltenen Geschick der Akteure, dass dieses großräumige Absacken blühender Landschaften in der Mehrzahl der Fälle erst hinter ihnen passiert, so dass die doppelte Zukunft fürs erste erhalten bleibt. Wer unter die Trümmer gerät, ist also selber schuld, er gehört zur nicht allzu klein zu denkenden Gruppe der Zurückgebliebenen, die man gelegentlich mit dem Lastwagen aus den Gefahrenzonen herauskarrt, aber ohne innere Folgerichtigkeit und wider besseres Wissen.
Vom Verdacht heißt es: Man hat ihn oder man hat ihn nicht. Dass eine solche Sicht zutiefst unbefriedigend bleiben muss, versteht sich von selbst. Wer den Verdacht fürchtet, wer ihn um jeden Preis loszuwerden versucht, wird immer Mittel und Wege finden, seine Anwesenheit zu verschleiern und dafür zu sorgen, dass kein Verdacht bleibt. Diese stete Sorge geht soweit, dass der Verdacht gelegentlich, probe- und streckenweise, wirklich ausbleibt, teils um seiner Verblüffung Herr zu werden, teils, weil ihn das zähe Stellungsspiel langweilt und er sich anderweitig umsehen möchte. Ja, es ist so: was ein richtiger Verdacht ist, wird leicht aushäusig und heftet sich an die Fersen von Leuten, von denen er besser die Finger ließe. Auch darüber lässt sich – trefflich hin, trefflich her – nächtelang streiten.

VERFALLSDATUM
Wir haben Meisterwerke gesehen, die kein Verfallsdatum an der Stirn trugen, hinter Bergen von Schutt und Gerümpel, stockfleckig, schief in den Rahmen gepfercht, als müssten sie gleich herausbrechen, matt, staubig, von rostigen Nägeln durchbohrt, mit zerrissener Leinwand: was folgt daraus? Nichts? Das Rettenmüssen ist eine menschliche Aufgabe, ein menschlicher Impuls, ein erstes Menschliches, das keinem fremd ist, nur in den Objekten besteht Varietät. Jeder rettet das Seine, wer einen Nasenpopel bewahrenswert findet, gründet eher ein Museum, als dass er von seinem Begehren ablässt. Man hört das Aufatmen von  den Museumswänden: ›Gerettet!‹ seufzen die Werke, sie kennen den Zweck der Sirenen nicht und wähnen sich sicher. Da sie kein Zeitbewusstsein besitzen, entgeht ihnen der Zerstörungswille, mit dem sich die Retter zum Tatort drängen, der Drang, alle Hindernisse beiseitezuräumen, die sich der Rettung entgegenstellen. In der Rettung der Dinge herrscht, wie anderen Orts, die Haifischmoral, die Abwälzung der Kosten auf andere und der beschlossene Untergang. Auch deshalb sind die Kunstwerke mehr Stellvertreter der Dinge als diese selbst. Auf ihre Rettung kann man sich einigen, hat man sich bereits geeinigt, sie sind der Kanon der Dinge und der Schirm, hinter dem sie ihr beschlossener Untergang einholt. So hat man den Menschen ins Museum geholt, als man mit seiner Ausrottung begann, so stellt man die Aktion ins Museum, um anzuzeigen, dass es mit ihrer Duldung vorbei ist. Lachen und Komischfinden ist der erste Impuls der Kinder, die man hineinschleppt, sie werden still, wenn sie unvermutet auf ihresgleichen stoßen. Die Kennerfalten in den Gesichtern der Erwachsenen sagen dem, der Bescheid weiß, genug: hier versucht sich jemand zu erinnern und weiß nicht, wo er anfangen soll. Es ist auch nicht nötig, denn es gelingt ihm nicht. Warum auch? Die Geretteten beachten ihn nicht, sie sind froh, ihn los zu sein. Nur die Aktionskünstler wissen, sie sind hier fehl am Platz, und fühlen sich insgeheim unwohl. Dafür verlangen sie, beachtet zu werden.

VERFOLGUNGSWAHN
»Natürlich haben wir alle ein wenig den Verfolgungswahn, das ist ganz normal und beeinträchtigt unser Lebensgefühl nur am Rande. Fast hätte ich gesagt: er kommt in den besten Familien vor, doch weiß auch ich natürlich, dass er hier am heftigsten wütet. Nicht ohne Grund. Im Grunde, ganz unten, ist er eine Gefälligkeit, welche die Leute diesen Kreisen erweisen, weil sie wissen, dass diese keine Ruhe geben werden, ehe sie sich nicht die alte Reputierlichkeit wiedererkämpft haben. Da teilt man dann gern einen Schuldkomplex, auf dass die anderen ein wenig von ihm genesen. Man selbst empfindet in diesen Dingen dumpf, man weiß nicht, ob seinesgleichen eher als Opfer oder als Täter zu werten wäre, wären die Karten nicht gezinkt, man ist froh, nicht selbst in der Wertung zu stehen, sondern Urteile über nur entfernt vertraute, im Zeitenabgrund verschwundene Verhältnisse ausgießen zu können. So bewältigt man Vergangenheiten, so bewältigt man Gegenwarten, so ... hüllt sich das Beredte in Schweigen, während es nach der Tendenz fingert, die ihm den Weg ins Freie wiese. Eine seltsame Freiheit und ein dumpfes Begehren. Es will einem nicht wohl werden dabei. Man lauscht in Fernen, man hört den Pressluftbohrer im Nachbarhaus – schwierig.«

VERGLEICHENDE NOTDURFTKUNDE
Ein Fach, das unbedingt Zulauf benötigt, um nicht auszusterben. Solche Orchideenfächer strafen den Zug der Zeit Lügen, sie biegen sich in die Zugluft hinein, aber sie bleiben fest, die drei Wurzeln versehen ihren Job so gut wie andere den ihren. Die Vergleichende Notdurftkunde sieht es dem Einzelnen nach, dass er im Leben nicht zurechtkommt. Dass manche das blendend schaffen, geht sie nichts an. Sie wendet sich sogar explizit davon ab. In diesem Fach werden keine Konzepte erarbeitet. Das verwirrt die Studierenden und lässt sie nach Auswegen suchen. »Sagt mir denn keiner, was ich tun muss«, seufzen sie und beschweren sich laut oder leise, in vielen Tonarten, ihre Stimmen umwispern die Türrahmen der Lehrstuhlinhaber, die »Herein!« rufen, ohne sich von ihren Stühlen herunterzulassen, teils aus Unwissenheit, teils aus einem Instinkt, der ihnen sagt, dass dort unten kein Boden wartet, sondern nur Morast. Im Morast des Begehrens stehen die Studierenden Schlange. »Sehen Sie, das ist die Notdurft«, sagt der eine oder andere Assistent, der gerade vorbeischlurft, »studieren Sie sich! Aber bedenken Sie bitte: nur Gruppenarbeit wird angerechnet.« Im Examen geben sich die Klugen unter den Studierenden still, sie wissen genug, um keine Fragen zu fürchten, und sie haben auch keine. Fraglos gehen sie über die Schwelle, die ihnen ein anderes Leben verheißt, und siehe, es wird ihnen aufgetan. Ein anderes Leben, sie können nicht einmal vergleichen.

VERHÄLTNISSE
Der bizarre Charme der Verhältnisse liegt darin, dass umgesetzt wird, wo gut überlegt sein wollte. Das Umsetzen kennt man von Pflanzen, die in Treibhäusern gezogen wurden und jetzt aufs Land verbracht werden; man erwartet von ihnen, dass sie ihre Pflicht tun. Diese Ideen, die jetzt ihre Pflicht tun müssen, dürfen einem leid tun, aber wenn man sie näher betrachtet, hält sich das Mitleid in Grenzen. Es sind robuste Dinger, dem Unkraut nicht unähnlich, das sie verdrängen, man hat ihnen ein kleines Metallteil eingesetzt, an dem sie kenntlich sind, und sie tragen es mit einer gewissen Würde. Manchmal stechen sie in die Arme der Umsetzer, dorthin, wo sie durch ihre Berufskleidung nicht mehr geschützt werden, doch sie nehmen’s mit Gleichmut, so ist das Leben. Ist das Leben so? Was soll diese Saat schrecklicher Gesellen in allen Beeten? Warten sie auf irgendeinen Jason? Woher sollte er kommen? Und welche Medea beginge die alten Verbrechen neu, nur so, aus Übermut, um wegzukommen? Gerade daran ist gar nicht zu denken. »Wie froh bin ich, dass ich weg bin!« Wer konnte so etwas schreiben? Ein Mensch?

VERHÄNGNIS
»Ich bin ein Verhängnis« schrieb dieser leicht verschrobene Herr mit dem immerfort wachsenden Schnauzbart, und recht sollte er behalten. Dieses behaltene Recht, wie soll man es ansehen und wie strahlt es auf einen zurück? Verstrahlt zu sein, ›kontaminiert‹ mit Vergangenem, das sagt sich so leicht. Aber es bleibt Larmoyanz, was so spricht. Wer sich die Gegenwart leicht redet, erhöht das Gewicht des Vergangenen. Das ist ganz natürlich, es ist eine der im Grunde beliebigen Weisen, mit dem zurecht zu kommen, was ansteht. Manchmal ist die Gegenwart leicht, verglichen mit dem, was die Leute erlebt haben. Vergeht die Erinnerung, verdoppelt und verdreifacht sich die Last des Heute: das gilt im Leben des Einzelnen wie im Leben der Vielen, die grimmig untergehakt der Zukunft entgegenstreben. Man möchte sie singen hören, aber sie haben zu tun und sind entschlossen, ihr Pensum zu bewältigen.

VERHEISSUNG
Nichts ist, wie es scheint – eine wundersame Klage am Krankenlager der Realität, die nicht aufhört, zu sein, wofür man sie hält: unübersteigbar, nicht distanzierbar, den Begriffen auf eine vertrackte Weise abhold, obwohl sie doch das einzige Mittel sind, ihr zu begegnen, auch wenn Mystiker aller Lager das energisch bestreiten. »Scheint so«: das ist die Distanz, die der Begriff erlaubt, die er in die Realität ›einführt‹ – woher nur? Aus dem Nichts wahrscheinlich, aber das ist ein alter Kalauer, dem vor langer Zeit die Zähne geschliffen wurden. Ob man sich auf Begriffe einigt oder sich über sie zerstreitet, erklärt nicht, dass es sie gibt. Streit und Einigung gibt es auch ohne Begriffe, aber anders, würdeloser. Ihr Gebrauch vollzieht die Erhebung der Gattung auf ihre Hinterbeine auf symbolische Weise nach. Wir reden in Begriffen, um nicht auf allen Vieren zu laufen. Die Art und Weise, wie Menschen sich ins Gesicht sehen, enthält schon das ganze Dasein der Begriffe – virtualiter, als Drohung und als Verheißung. Die Drohung sagt: Mit mir sollst du rechnen. Die Verheißung sagt: Mit mir darfst du rechnen. Die Rechnung, von der diese stumme Rede geht, bedarf keiner Zahlen. Sie stellt nur in Aussicht, dass sie einmal aufgehen könnte.

VERKAUFTE BRAUT
Inzwischen ist die Schriftstellerei nur noch eine Art Journalismus, und nicht vom Feinsten, wie die Auguren von der Delikatessenecke anmerken würden. Wie das geschehen konnte? Man hat von lebenslanger Förderung auf Produktförderung und von der Produktförderung auf Verkaufsförderung umgestellt und fertig war der Karl. Die lebenslange Förderung bedurfte, zumindest als Schummer-Beleuchtung im Hintergrund, des altbekannten Genies. Wer unter Genieverdacht stand, dem gebührte ein anderes Leben, eine andere Aufmerksamkeit und Fürsorge als den gewöhnlichen Sterblichen. Die Polemik gegen das Genie begann zu der Zeit, als Schriftsteller sich gegen Knebelverträge zur Wehr setzten, die ihre Geistestätigkeit dauerhaft an einen Verlag banden. Ein Schriftsteller empfand es nun als sein gutes Recht, gerade das Werk zu verkaufen, über dem er brütete, und sonst nichts. Alles weitere gedachte er sich vorzubehalten – unter Einschluss der Möglichkeit, Pferde zu züchten. Hatten sie nicht recht? Sie empfanden es tief, weil der Glaube ans Genie, über Generationen gehegt und gepäppelt, in ihnen eine neue Dimension angenommen hatte: die der Selbstverständlichkeit. Wer schreibt und einen Verlagsvertrag in der Tasche hat, ist ein Genie, punktum. ›Genie haben‹ und ›schreiben können‹ müssen eine Zeitlang Synonyme gewesen sein, es wirkt unfassbar, aber die Zeugnisse lassen keine andere Deutung zu. Im übrigen waren bereits die Lebensabschnittsgenies Geniegegner, man muss ihre Schriften nur lesen. Den Verlagen kam ihr Verlangen entgegen, sie hatten zu viele falsche Genies in den Auslagen, das blähte die Lektorate. Keine Frage: Journalisten sind die wahren Schriftsteller, sie schreiben alle Tage und bringen den Werbeapparat gleich mit. Sie wissen also, worum es geht – ein großer Vorteil, sage ich Ihnen, ein großer Vorteil. Wie groß, das ist schwer zu sagen, was sich verkauft, das ist schon verkauft, der Rest bleibt liegen und wird entsorgt.

VERLEGER
Er ist klein, unbedingt klein nach heutigem Maßstab, denn sein Leben entstammt einem Gestern. Während er  zwischen den Büchern thront, die dieses Leben bedeuten, hat man ihm bedeutet, dass es mit dem Deuten nicht mehr so fortgeht: das hat er immer geahnt und es bringt ihn um ein Lächeln, das er gerade bereitet hat wie ein Kompott. So vergisst er es in seinem Mund und wendet sich neueren Aufgaben zu. Worin die bestehen? Er weiß es nicht, sein Stab wird es herausfinden, bevor er ihn bricht. Aus jungen Leuten besteht dieser Stab, er hat eine saubere Rundung, ein Ende und ein zweites, das drückt. Da sitzen die braven Autoren und erwarten Aufschluss, denn es ist ihnen aufgetragen, doch was sie hören, das schmeckt nicht, und sie verlassen die Tafel ungesättigt, für ein paar Kekse. Der gesetzte Buchstab rennt derweil im Kreis, man hat ihm eine Frist gesetzt und er weiß nicht, was kommt. Er hat dem Verleger immer misstraut, aber sie waren ein Paar. Wohin er geht, will er ihn fragen, über den Zaun, der sie jetzt trennt, stattdessen entschließt er sich, sein Los schweigend zu tragen. Wer die Zahlen kennt, kennt auch die Wege. Die einen beschreiten sie, die anderen lässt man laufen. Das ist nichts Neues, man hört es nur alle Jahre.

VERLORENE BUCHSTABEN
Buchstaben sind Handgepäck. Das macht sie anfällig für Verlustgeschichten. Wenn man bedenkt, wie viele Tausende, wahrscheinlich Millionen dieser Artikel täglich, fast unbemerkt, verloren gehen, ohne dass eine Instanz, meinethalben eine Behörde, sich um ihren Verbleib kümmerte, dann erkennt man in Umrissen die Größe des Problems. Es wäre ja nicht einmal damit getan, sie aufzufinden, zu sammeln und ihren Besitzern bei passender Gelegenheit wieder auszuhändigen, beispielsweise bei Wiederbenutzung derselben Fluglinie. Denn wer garantierte für die Identität dieser Besitzer? Gut möglich, dass allein auf das Gerücht hin, es gebe die alten Buchstaben wieder, ganze Horden von Buchstabenliebhabern sich unter falscher Identität auf den Weg machten, die Wiedererstattung also zu einem Beutezug ungeahnten Ausmaßes genützt würde. Gut möglich, sage ich und weiß, dass es ganz sicher so sein wird. Woher ich das weiß? Gehen Sie, ich kenne die Menschen. Da ist es doch besser, die Buchstaben rauschen durch wie alles Geschriebene und versickern allerorts, wo Menschen verkehren. Sie verschwinden ja nicht völlig, sie wechseln nur ihre Besitzer, und wenn sie der letzte verliert, dann freuen sie sich, allein zu sein. Endlich allein! Buchstabenfeste ungeahnten Ausmaßes durchzittern den Kosmos, jedenfalls seinen erdnahen Bereich. Das mag wenig sein, aber das ist viel. So wenig, so viel: an diesem Wahlspruch erkennt man die Buchstaben, bevor sie sich zu Wörtern verhaken. Verloren im All, dass ich nicht lache. Nehmen Sie die Buchstaben heraus und es fällt in sich zusammen. Nur die Raumfahrer wirken gequetscht; dass alles nur Buchstabenwissen ist, hätten sie so nicht gedacht. Buchstabenstreuer, so sollte man sie nennen, links und rechts fallen ihnen die Lettern aus den Taschen und sie merken nichts.

VERLUST DER MASSE
Die sogenannten Massen des zwanzigsten Jahrhunderts hat es vielleicht nie gegeben. Man täuscht sich darüber, weil man die Inszenierungen kennt und sie für die Sache selbst nimmt. In der Theorie ist die Masse eine verwickelte Sache. In der Praxis hingegen ist alles einfach: ein Zelt, eine Arena, ein Platz, ein Areal und ein bisschen Propaganda, und schon strömt, was Masse heißt. Die Masse zeigt sich, weil sie sich zeigen soll: gerade so und nicht anders. Aber dass sie anders kann: das erst macht sie zur Masse. Dass sie gezähmt wurde, dass man sie vorführen kann, ist ein Hauptspaß, aber es ist nicht die Sache. Die Wahrheit ist: die Masse wurde nie gezähmt, aber sie wurde den Leuten vorgeführt wie Frankensteins Monster, King Kong und Rosemarys Baby, und alle durften mitspielen. Die Leute wussten um ihre Gefährlichkeit und waren unheimlich zahm. Die Angst, die Masse könnte aus ihnen herausbrechen und außer Kontrolle geraten, steckte in den Darstellern und produzierte, was ihrer Aufführung den Anstrich der Masse gab: das geheime Beben vor der Revolte, die Furcht des Herrn, der sich versteckt, um hervorzubrechen, sobald die Zeit gekommen ist. Das alles ist vergangen und lockt keinen Hund mehr hinter dem Ofen vor. Mit der Revolutionsfurcht verschwand die Masse aus den Köpfen und die Straße füllte sich mit Schaulustigen. Man geht zu Massenveranstaltungen wie ins Theater: ja, man hat davon gehört, ja, man möchte etwas erleben, man möchte gemeint sein, man möchte mitspielen und man möchte Zuschauer bleiben, aber ja. Dafür bezahlt man gern, was verlangt wird. Wenn man vom Platz geht, soll etwas geschehen sein, man wünscht dabei gewesen zu sein, aber nicht als Akteur. Man bleibt reserviert, man bleibt im Rahmen. Die Erregung der Randalierer kommt eher abgebrüht daher, sie wissen schon, dass nichts geschieht und machen Radau, weil die Diskrepanz zwischen Erwartung und Ereignis stört. Das Stück, das Masse heißt, wird immer vertagt. Nichts gegen Kundgebungen, aber die Massen, die sie zusammenbringen, können den Ausnahmezustand nicht erzwingen. Sie lassen sich mit einfachen, selbst legalen Mitteln steuern und zum Verschwinden bringen. – Also gibt es die Masse doch? – Als Märchen für die Massen, aber sicher.

VERNUNFTKRIEG
Von Zeit zu Zeit führen die Verteidiger einer hypertrophen ›Rationalität‹ und eine Handvoll volksgläubiger Narren, die man zu allen Zeiten trifft, miteinander eine Komödie auf, bei deren Anblick man nicht weiß, was man mehr bewundern oder verachten soll: die Niedertracht der Unterstellung, die Perfidie der Argumente oder die Einfalt der Tendenz. In diesen ewigen Schlachten ums eingemachte Moderne, in denen sich jedermann entscheiden soll, ob er einen Zug nicht mehr verlassen darf, den ein vermuteter Urahn einmal bestiegen hat, ob er die Notbremse ziehen und ins Gelände ausschwärmen oder – seltsamste Variante – bis zur falschen Abzweigung zurückgehen und ›neu anfangen‹ soll, tobt, mit immer denselben Mitteln bestritten, nur weniger Überraschungen fähig, ein alptraumhafter, aus kaum noch vermittelbaren emotionalen Reserven bestrittener Nachkrieg.
Es gibt eine Weise, von Vernunft, Rationalität, Moderne zu reden, als habe man sie im Sack und müsse sie nur noch angemessen beschreiben resp. ausagieren, um zu den Guten zu gehören. So wusste einst Luhmann  genau, welchen Inhalt Rationalität besitzt, was natürlich ein irrationaler Bluff war: aufgefallen ist das unter Systemtheoretikern niemandem. Modernisten könnten gelegentlich anerkennen, dass die Unterscheidung legitimer und illegitimer Zeitgenossenschaft ein Manichäismus ist, auf den man im Namen der Vernunft verzichten muss, wenn man nicht der Narretei der anderen Seite – wer immer das sein mag, im Ernstfall die Ignoranten oder Zyniker der Macht – Vorschub leisten möchte. Kein kämpferischer Modernismus, der nicht lügt – wer das nicht begriffen hat, hat die Lektion eines Jahrhunderts versäumt. Das betrifft auch die Religion. Die bewährte Gleichung Religion = Dunkelmännertum geht nicht auf, man wird das akzeptieren müssen, selbst wenn es schwer fällt. Kein Zweifel, die anstehenden theoretischen Schlachten werden auf dem Feld der Kultur ausgetragen, da sollte niemand die Flinte ins Korn werfen, nur weil die Dummköpfe, die Dogmatiker und die Denunzianten regelmäßig in der vordersten Reihe zu finden sind. Sie sind es ja nicht wirklich, sie verdunkeln nur das Feld der beherzten Auseinandersetzungen, die von ruhigeren und differenzierteren Geistern geführt werden.

VERRÜCKANSTALT
Vom einfachen Verrücken der Buchstaben zur Buchstabenverrückanstalt geht DER WEG. Wer ihn beschreitet, gewinnt wenig, aber verändert vieles, manche sagen alles, doch diese wissen nicht, was sie sagen – sie sagen, was sie sagen, trotzdem. Mit dem Trotz könnte man Bände füllen, doch diese Arbeit nehmen sie einem ab. Ein verrückter Buchstabe ist wie eine wohlgeratene Antwort. Man schaut sie an und wundert sich, wie sie es unter die eigenen Augen geschafft hat, danach verbannt man sie aus dem Bewusstsein. »Wie lautete nicht gleich die Antwort?« Diese Frage ist der Ausdruck vollendeter Gleichgültigkeit gegen sie. Eine leise Unverschämtheit gegenüber dem Befragten regt sich in ihr, so als habe er nichts Besseres zu tun, als sich eine goldene Antwort zu merken. Man selbst hat zu tun. Dem kann, wer sich mit Buchstaben abgibt, nur im Weg sein. Der vollendete Analphabet kennt keine Buchstaben, nur Sätze. Wenn er sie niederschreibt, ist er in Gedanken woanders, sein Überlegen fährt wie ein spitzer Stift durch die Materie und kehrt nur gezwungen zum Ort der Fixierung zurück. Nicht jede Bildung ist Gedankenbildung, aber man muss auch einmal die heiße Luft sehen, die in jeder Bildung steckt. Der gesetzte Buchstabe wartet nicht auf den Bescheid. Er geht an jeden, der mit dem Finger darüber streicht.

VERSAGUNG
Die Gesellschaft der durchgestrichenen Väter produziert einen Effekt, über den wenig geredet wird: das Nichtgeltenlassen der Nachrückenden. Das lebenslange Buhlen um Anerkennung in den oberen, väterlich positionierten Rängen erschafft am unteren Ende der Skala Ungeheuer: wirkliche Feinde, die dahin streben, wo man selbst längst angekommen sein, wovon man sich bereits – innerlich und äußerlich – wieder lösen müsste, wohin man aber noch immer drängt und drückt, übrigens ergebnislos, jedenfalls mit anderen als den ins Auge gefassten Resultaten. Man nimmt die Jüngeren aus dem Rückspiegel wahr, als Drängler, die einen von der Überholspur vertreiben möchten. Da haben sie sich getäuscht. Wer das Leben, mit allen Implikationen, noch vor sich hat oder zu haben nicht umhin kann, fällt irgendwann unvermutet aus der ewigen Jugend ins weniger dauerhafte, nichtsdestoweniger ewige Alter, im Ernstfall täglich, im Umgang mit seinesgleichen. Man sieht es an den Gesichtszügen, die Hochgeschwindigkeits-Trassen gleichen, für die man den Bahnhof zu bauen vergessen hat, man sieht es an den erbärmlichen Produktionen, in denen sich das Immergleiche als der nächste Versuch zu Wort meldet, man sieht es vor allem an sich selbst, denn die Auswirkungen betreffen jeden. Es handelt sich, wie gesagt, um Gesellschaft, von persönlichem Versagen ist nirgends die Rede, nur von Versagung.

VERSTOPFUNGSLEHRE
Man muss den Leuten eine Lehre bieten, sonst wird aus allem nichts. Also: Entleere dich pünktlich! Dass sich die Leeren als erste davon angesprochen fühlen, erklärt die Menge der Drücker auf den Kathedern und in den Redaktionsstuben, die bekanntlich jeden Durchgang verstopfen. Ansonsten bleibt auch dieses Wortspiel, wie manches andere: leer.

VERSTUMMEN
Ich weiß nicht, worum es in diesem Spiel geht, ich hätte es nicht erfunden, aber es existiert und man nötigt mich, es zu spielen. Es ist deine Rolle, so ertönt es aus der Kulisse, schon das begreife ich nicht und vertiefe mich in die Karten. Der Hockeyspieler radelt auf schmalen Reifen vorbei und fasst sich ans Brustbein. So ein Wiesel! Verfügte ich nicht über die Katze des Nachbarn, so wie einer über den Blick auf die Wiese im Frührot verfügt, so sähe ich alt aus. Das darf nicht sein. Das Spiel, meine Liebe, das Spiel! Ich wische mir den Schweiß aus dem Gesicht und strenge mich an. Wer aufgeht, hinterlässt keinen Rest. In meiner Sprache, Spielwerk auch das, fällt der Rest an den Satz, hemmungslos, denn es ist der Satz eines Tigers in die Kulisse. Ein Satz nur, warum? Was danach kommt, interessiert keine GEMA. Stummgeschaltet, damit gehen wir vor Gericht. Ich bin, wenn ich mich so sehe, ein scharfer Hund, ein Hund mit Falten, ein geschärfter Mensch. Ist da keiner, der mich entschärft? Zieht euch nicht zurück, ihr Koyoten, in Geschwätzigkeit verstummt wie ein Regenguss, spielt nicht immerzu Meute. Ich kenne euch, in- wie auswendig, das ist nötig, um seinen Vers zu sagen, den Reimvers, den keiner versteht. Warum sich reimen? Im Sprachspiel liegen die Karten offen, aber sie verhüllen den, der sie aufnimmt. Kurioses Spiel, fast ein Zungen-, ein Zuschlag. Oder ein Zubrot.

VERSUNKENE PFLAUMEN
Am Grunde des Kuchens wandern die Pflaumen. Man sagt, sie wandern, aber das ist ein komisches Wort, recht betrachtet, dafür, von der großen Bewegung so wenig bewegt zu werden. Eher könnte man sagen, der gewaltige Kuchenleib gehe über sie weg und sie rührten sich ein wenig im Schlaf. Da kommen manche und sagen, es sei der Schlaf der Gerechten, an den zu rühren Tod und Verderben über die Kuchenheit bringe, doch wer sind sie? Es ist ein Geheimnis um ihn, das nur ein Esser goutiert. Breitbeinig sitzt er da, die Beine unter dem Tisch, er mag, was ihn erwartet, man sieht es ihm an. Aber sie schlafen doch nicht, sagt er und reibt sich das Auge. Niemand hat je gehört, dass sie schlafen. Ich weiß, wo sie liegen, und lasse mir Zeit.

VERTEIDIGUNG
›Verteidigung der Poesie‹ nannte sich eine beliebte humanistische Literaturgattung. Bedenkt man, wie so etwas heute aussehen könnte, so gerät man rasch an die großen Drei: Nichtwissen, Nichtglauben, Nichthoffen, die von der Dichtung bewirtschaftet werden – sehr zum Unmut der gemischten Gesellschaft, die sich unter dem Dach der Literatur zusammengefunden hat. ›Wir heißen euch hoffen‹ lautet die romaneske Aufforderung, der das Daumenlutschen der Leser auf gequetschtem Fuße folgt. Das ewige Bescheidwissen und der Glaube an sich selbst gehen als Gepäck mit und müssen allenfalls durch den Zoll der angesagten Überzeugungen geschmuggelt werden, was nicht so schwer ist, weil sie habituell sind: unsere zweite Natur. Ein wenig irre muten die Kantischen Fragen ›Was kann ich wissen?‹, ›Was soll ich tun?‹, ›Was darf ich hoffen?‹ an, wenn man bedenkt, dass man sich unter Leuten bewegt, die just in allen diesen Punkten frei haben - Aufgeklärte zweiten Grades, wie sie sich nennen lassen, Zeit- oder Zweitgenossen, wie man es nimmt. So ein Vers bleibt schon deshalb gerechtfertigt, weil er ein paar Kräfte von der überbordenden Sinnproduktion abzieht, detrahiert. Daher ist die institutionalisierte Auslegerei der Tod der Poesie, zumindest ihr Todfeind. Der Vers steht vor dem Sinn, unschlüssig, ob er hineingehen oder noch warten soll, er wartet lieber, das ist seine Stärke. Was für ihn gilt, gilt für alle Formen, deshalb kennt sie auch niemand, man zeigt ihnen die Fäuste, sofern man sie zu kennen vorgibt, man drängt sich an ihnen vorbei oder macht einen Diener: Habe die Ehre. Es ist aber keine Ehre, es ist der Sinndrang, der dem Harndrang in nichts nachsteht. Erhofft also nicht zuviel von der Dichtung. Das Enthoffen ist eine stillere Tätigkeit als das Enthaupten und lässt den Kopf oben, und wer schon an sich glaubt, warum sollte der an die Poesie glauben? Das wäre doch widersinnig. So gesehen ist die Verteidigung der Poesie ein wahrer Unsinn, ein Noli me tangere, übersetzt in die Sprache derer, die alles anfassen müssen.

VERUNSICHERUNG
Im Grunde warten alle auf die Stunde der Not. Da tritt sie herein: offen, ehrlich, ein wenig rot im Gesicht, weil es ihr peinlich ist, unter soviel Leuten. Wie das rührt! Man möchte sie ›Mütterchen‹ nennen, aber das klänge russisch. Man erwartet nichts von ihr, also alles. Austeilen, das kann sie, das geht zackzack, am Ergebnis ist wenig zu deuteln. Man geht seiner Wege, wie man gekommen ist, aber von Grund auf verwandelt. Wie schwierig alles ist! Sinnvorrat für Jahrhunderte! Gefehlt, leider gefehlt. Die neuen Wirklichkeiten stürzen herbei, höllische Helfer, von Räubern kaum unterscheidbar. Solange es Menschen im Überfluss gibt, herrscht an ihnen kein Mangel. Der Überfluss ist selbst die größte Ressource, er tendiert dazu, sich unter allen Umständen wiederherzustellen. Bleibt die Panik, dass die Erde ihn nicht länger trägt. Die Raumfahrt als künftiges Ventil – die Vorstellung mag lächerlich klingen, doch erzeugt sie jene letzte kleine Verunsicherung, die das System der Ängste zwar nicht ausbalanciert, aber erhalten hilft.

VERWUNDERUNGSPUNKTE
Wenn einem Kunstwerk, gleichsam als Taufe, Gerechtigkeit widerfahren ist, dann war schon der zarte Anfang seiner Entstehung auf Verwunderungspunkte angelegt. Kleine, aufspringende Eröffnungstendenzen bedeckten die Bilder der Inspiration wie das schöne Muster einer Krawatte, oder sogar, wie ein gewisser Franzose gesagt haben könnte, als scharlachfarbener Ausschlag den Arm einer schönen Frau, deren Reste der weißen Haut durch ein Armband aus grünen Smaragden belohnt worden sind. Diese Blüten, die aus den Schleiern des Schicksals oder der Schöpfung hervortreten, gleich, ob eine Krankheit oder der Webstuhl der Phantasie ihr Erscheinen hervorgerufen hat, sind weniger, als der berühmte Franzose vermutet, den Worten der Poesie zuzuschreiben als der Malerei. Genusspunkte, die das höchste Erstaunen erwecken, finden sich, außer vielleicht bei den schreibenden Manieristen, in einzelnen, sich dem eigentlichen Gegenstand eines Gemäldes weit entziehenden Details auf allen Bildern der großen Maler, und sei es der köstliche Anblick eines zum Fließen gebrachten Rubins auf der Schüssel Johannes des Täufers. Vielfältig und völlig frei von den Zielen des künftigen Bildes blühen die Verwunderungs- oder Genusspunkte als Gebilde einer immer nur für kurze Augenblicke entfesselten Malerei, die etwa in den gewundenen Ranken des Kleides am Arme der Fornarina die Natur viel weiter verlassen als Raffael es sich im Porträt gestattet, wenngleich auch hier die Spuren davon zu finden sind, denn das Netz der Schönheit ist bekanntlich unendlich.
Velázquez hat bei den Infantinnen in Wien, an Händen und Füßen, an Schleifen und Stoffen, weit von all den beflissen gemalten Kindergesichtern entfernt, die Verwunderungspunkte zur höchsten, fast rührenden Blüte gebracht, ohne dabei einer falschen Prunksucht verfallen zu sein.
Auch bei Rembrandt muss man in Andacht schweigen, besonders bei seinen späteren Bildern. Hier finden sich berauschende Stellen alchimistischer Kochkunst eines aufs höchste gesteigerten Pinsels, der, in farbreich schmelzende Öle getunkt, wahrhaft köstliche Speisen der Malerei auf die Leinwand gebracht hat.
In der alten Pinakothek in München findet sich das vielleicht bedeutendste Flammen- und Fackellicht der Ölmalerei überhaupt, die Dornenkrönung Christi. Ein malerisch tief erschütterndes Alterswerk Tizians. Hier ist der Verwunderungspunkt zur Einheit eines ganzen Bildes geworden.
Aber das alles ist zweimal untergegangen, einmal an den Dogmen der, ich spreche zur Hälfte mit Paulus, »falsch berühmten Vernunft« (er hat Kunst gesagt) und später an den zertrümmerten Dekorationen ohne Pinsel, den dünnen Zeitungsabklatschen von Tagesmenschen, die pausenlos den Fabrikgebäuden der ›Lofts‹ mechanisch anmutend entspringen. Gewollter Naturalismus von Dilettanten, durch dreiste Imitation des wahren künstlerischen Wahnsinns berechnend auseinandergeschnitten. - PM

VERZEIHUNG
Wenn einer sich hinstellt und sein »Ich verzeihe« ausspricht, wohl wissend, dass alle im Saal auf den Patzer lauern und draußen sich Leute drängeln, die nicht verzeihen können, nicht verzeihen wollen, nicht verzeihen dürfen, weil es untersagt ist und schlecht honoriert wird, und das in gleicher Sache – was ist das? Bescheidenheit? Anmaßung? Schlichtheit? Raffinesse? Moral? Aber wo ist denn die gleiche Sache? Haben denn alle dasselbe erlebt? Was ist dasselbe in einem solchen Erleben? Wenn schon die Person nicht mehr dieselbe ist, die erlebt hat, wo kommt es her, wo wird es bewahrt, dieses ›Selbe‹? Die Peinlichkeit ist es, die es bewahrt, die Betretenheit, mit der eine Gesellschaft reagiert, sobald gewisse Wörter ausgesprochen werden oder bestimmte Themen auf den Tisch kommen. Im Chor der Betretenen finden sich immer frenetische Vorsprecher – Leute, die es den anderen hinreiben, weil sie selbst es am wenigsten ertragen. Damit wäre man beim Es. Eine schöne Aufklärung ist das, an deren Ende Es regiert und das Tabu. Aber Verzeihung, Verzeihung, ist eine Sache der Moral, also des Einzelnen, ein menschenfreundlicher Akt. Wer sollte wen daran hindern? Ein Gott den Gott? ›Versöhnender, der du nimmer geglaubt...‹ Ach was.

VISUAL DEADLOCK
Kann mir das mal einer erklären? Aber kurz, denn ich habe Angst. Was bitte ist ein Reaktor? Überall Rauch, das ist doch nicht normal. Nein, keine Bilder. Oder doch. Mal sehen. Das ist alles so deprimierend. Stark, das Video. Ein paar Tote, aber schnell, wenn ich bitten darf. Nein, keine Toten. Wo kommen die überhaupt alle her? Räumt dort denn keiner auf? Das Supermarktbild mit den leergefegten Regalen, das gibt zu denken, kann ich das gerahmt haben? Aber bitte. Was tritt da aus? Cäsium was? Sowas kann sich doch keiner merken. Und wenn, muss ich mich jetzt fürchten? Ja, ich fürchte mich, jetzt. Nein, ich schäme mich nicht dafür. Du kannst dich jetzt über mich lustig machen, aber ich schäme mich nicht. Ich finde, dass mich das angeht. Glaubst du, was du siehst? Unglaublich. Irre. Wer seinen Laden nicht im Griff hat, wo gehört der hin? In die Irrenanstalt? Ich weiß nicht, dazu kann ich nichts sagen. Soll ich jetzt anfangen zu weinen? Nichts als Trümmer, was soll denn das. Diese Bilder gehen um die Welt, sie werden uns lange nachgehen. Ja, wie die Hunde. Scheißköter, ewig Gekläff. Sowas verändert die Welt. Nicht zu fassen. - US

VOLKSSEELE
Der empfindsame Holocaust-Leugner will nicht erlöst, er will befreit werden. Er hat die Lageranlagen, angereichert mit den verfügbaren Zahlen, Daten, Fakten, Bildern, Zeugenaussagen und Legenden, in seinem Kopf säuberlich aufgebaut, sie bilden den Parcours, den seine Wahrnehmungen und Empfindungen ein ums andere Mal absolvieren, auf dem er die kleinste Veränderung mit unerbittlicher Sorgfalt registriert, an dem sich sein Gefühle abarbeiten, ein Gemisch aus Befangenheit, Zorn, Bedrückung und peinlicher Bedrängnis, und er will, dass die alten Befreier noch einmal kommen und ihn davon befreien. Dieser Befreiung versucht er vorzuarbeiten, mit untauglichen Mitteln, aber doch auch wieder tauglichen, soll heißen unwirksamen, weil es keine Befreiung gibt und geben kann. Stattdessen verrennt er sich, wie es heißt, er wird zur Gefahr für den öffentlichen Frieden, man versucht ihn zu bändigen. Man müsste ihm die Scham nehmen, damit er sich schämen kann.

VOLKSVERTRETER
Während die Volkscharaktere verblassen, treten die sehr französischen, sehr italienischen, sehr deutschen etc. Züge an sehr bestimmten Repräsentanten sehr deutlich zutage. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass Politiker, als Volksschauspieler, zu Exempeln indigener Kultur geworden sind, die man Fremden vorführt, um sich selbst daran zu ergötzen. Fehlen die Gäste, beginnt das Publikum zu gähnen und findet die Aufführung fad. Politiker mit eindeutigen Talenten stehen deshalb in einer Zerreißprobe: sie sind die Schurken im Stück und das düpierte Volk amüsiert sich über ihre Versuche, der strafenden Nemesis zu entwischen. Dabei steht letzterer der Sinn kaum nach Bestrafung, sie will bloß hinterdrein. Das ›gilt‹ als eine der bedenklichsten Entwicklungen der politiknahen Justiz – dieselbe Mediengeilheit treibt Staatsanwälte, Richter und Delinquenten vorwärts und einer zieht den anderen hinter sich her wie im Märchen von der goldenen Gans. Falls ›bedenklich‹ von ›bedenken‹ kommt, hätte man hier einen Fall, in dem das Bedenken jeden anderen Faktor überwiegt, ohne ein Jota an der Sache zu ändern oder auch nur ändern zu wollen, denn allein das öffentliche Bedenken zählt und kann sich, recht bedacht, gleich zu dem hinzuzählen, wogegen es sich richtet.

VOLLBRACHT
Ein kleiner Wechsel in der Betonung und schon wird die Sache infantil. ›Das habe ich vollbracht‹ steht auf der Innenseite des Buchs, dort, wo die Widmungen angebracht sind, es wird meist überlesen und wirklich wäre es geeignet, Befremden hervorzurufen. Aber bei wem? Bei Fremden? Oder bei solchen, die sich auskennen? Man hat es vollgebracht, das Buch, von Deckel zu Deckel, von Leseohr zu Leseohr. Ist man deshalb kein Schlitzohr? Was wäre man denn? Ein Einheimischer? Auf diesem Terrain? Wieso ist man dann draußen?

VORRECHT
Man muss sich das Recht, das einer dem anderen voraus hat, als eine Art Vorsatz oder Präambel denken, die bestimmt, wie und in welcher Haltung er den Rechtsraum durchqueren darf, ohne angehalten und kontrolliert zu werden, oder, falls es doch einmal geschehen sollte, wie er aus der Sache herauskommt. Letzteres – wie einer aus einer Sache herauskommt – entscheidet darüber, in welcher Sache er unterwegs war, nicht etwa umgekehrt, wie unbedarfte Gemüter voraussetzen, die selbst genügend Ansprüche erheben, um ihre Unbedarftheit Lügen zu strafen. Das Vorrecht, so lässt sich konstatieren, stellt sich her – unter allen Umständen, unter allen Bedingungen, man braucht dafür nur ein paar Handvoll Staub, sozusagen. Wer es sich nimmt, wer auf und davon ist, bevor die anderen davon Wind bekommen, den treffen die Fäuste nicht mehr, die sich hinter ihm ballen. Doch wissen alle, dass sie ihn bald am Straßenrand wiedertreffen, mit Plattfuß und ohne Reserven. Daher erregt er keinen wirklichen Hass. Es gibt Leute, denen das Vorrecht nur insoweit zusagt, als sie es sich mit maximaler Kraft erstreiten. In diesen Stieren erkennt sich die Intelligenzija wieder. Sie schreit sie nieder, solange sie leben, anschließend schreibt sie ihre Biographien. Das kommt davon, dass sie gern in der Prominentenloge sitzt und mit den Insignien der Macht spielt. Sie wiegt sie in der Hand und möchte sie werfen – so weit, dass nur sie selbst in der Lage wäre, sie wiederzufinden. Soviel Weite ist nie, daher findet sie sich beengt.

VORREDE, üble
Die Nachrede, übel wie eh und je, schert sich nicht um die Vorrede, die ihr vorangeht, als ginge die Nachrede sie nicht an. Ein glänzendes Paar, gemeinsam dazu bestimmt, alle Widrigkeiten zu meistern. Doch was, wenn die Vorrede schon der Nachrede gleicht? Wenn alles gesagt ist, ehe der Kandidat seine Laufbahn beginnt? Dann befinden wir uns in der Politik, dem alten Märchenland, in dem der Zauber der Hexenmeister und Meisterhexen über die plumpen Ergüsse der Lehrlinge siegt. Ein Schriftsteller schreibt seine Vorreden selbst, teils, um diesem Effekt vorzubeugen, teils, um ihn anzuschieben: jedem Bug seine Welle, jedem Druck sein Karma. Darum ist jedes Wort, das er schreibt, Politik. Wer anschiebt, darf nicht warten, bis alles gesagt ist und jemand die Bücher schließt. Einmal geschlossen, kommt jede Vorrede zu spät. Übel ist, was übel begann oder übel endet, gleichgültig, was nicht übel anhebt und dann zu Tode gelobt wird.

W

W WAGNEREI
Über den Wagenmacher haben viele gehöhnt. Sein Schurz aus braunem Leder ist und bleibt legendär. Doch wurde, was aus seiner Werkstatt kam, gern gesehen und viel gefahren. Man hört den Hornklang und weiß schon Bescheid. Andererseits: wer weiß, wie Hörner in ihrer natürlichen Umwelt klingen? Diese hier haben die Natur nie erblickt. Die Wälder, von denen sie berichten, wurden vor langer Zeit abgeholzt. Eigentlich können sie nicht berichten, denn sie dienen dem Straßenverkehr, seit es sie gibt. Bei starkem Verkehr hört man sie häufiger, das versteht sich von selbst und charakterisiert ihr Auftreten mehr als anderes. Die Limousinen, für die sie Aufmerksamkeit heischen, erinnern in ihrem Dahingleiten an gravitätische Zeiten. Sie weisen, was sie haben, so betont vor, dass man während der Fahrt aufpassen muss, damit nicht Passanten sich ein Souvenir davon abbrechen. Nun, schade wäre ein solcher Raub nicht. Angenommen, er diente der Stromlinie und damit dem Fortkommen, so wäre beiden Seiten gedient. Fortkommen wollen sie schon, die Fahrgäste, man nimmt sie von außen nur undeutlich wahr, weil die getönten Scheiben das Milch der Gesichter in grünlichen Käse verwandeln. Über diese Verwandlung wären Bücher zu schreiben – eine Phrase, denn nichts gibt es, worüber lieber Bücher geschrieben würden. Arme Bücher, sie schimmeln bei ihrer Entstehung und verlieren die Seiten, sooft man sie aufschlägt. Bald, wenn es keine Bücher mehr gibt, werden sie sagen: wir waren die ersten.

WAGNIS
Was den ›Fall Chirico‹ so unendlich lächerlich erscheinen lässt, ist der Umstand, dass man offenbar den größten Teil seiner Werke vor seinen Verehrern verbirgt, um nicht zu sagen versteckt – das erinnert, wie vieles, an jenen Nachkriegs-Begriff von Aufklärung, der aufs Wegschließen setzt, damit niemand auf dumme Gedanken kommen möge. Diese Zeit geht erkennbar zu Ende und so zeigt man heute den ›ganzen Chirico‹, als liege darin ein besonderes Verdienst und ein gewaltiges Wagnis. Dem mag so sein, doch das Ganze ist nicht das Ganze und und das Wagnis hält sich in engen Grenzen. Man zeigt und versteckt durch die Art des Zeigens, man wählt willkürlich falsche Proportionen, um kein Ärgernis zu geben, und gibt es auf diese Weise. Was ist so gefährlich an dieser Kunst, deren Entstehungsbedingungen ebenso vergangen sind wie die Dogmen einer zu eng gesteckten Moderne, gegen die sie einst antrat? Angenommen, sie stiftet die Sinne an – zu was? Um das zu klären, müsste man sie schon zu ihrem Recht kommen lassen. Angenommen, diese Kunst wäre nur ›fatal‹ – hätte dann nicht die Allgemeinheit ein Recht darauf, alles zu sehen, um ihre Schlüsse zu ziehen? Aber vielleicht sind es längst die falschen Freunde, die dieses Spiel spielen und nicht aus den alten Gegnerschaften herausfinden, in die sie vor Zeiten hineingerieten.

WAHL
Was immer dieser Mensch gewählt hat, es ist etwas in der Art eines Schicksals und verdient Respekt. Er hätte sich auch anders entscheiden können, das ist wahr, aber es ist auch trivial. Es gilt so gut wie immer und nie. Diese Formel ist weniger salvatorisch als aufmüpfig – der ewige Hohn über den, der sich falsch entschied, obwohl er es hätte wissen müssen, findet im Leben der Einzelnen kaum einen Widerhall, er ist, im klugen wie im zynischen Sinn, Literatur. ›Eine verhängnisvolle Entscheidung‹ ist der Titel eines Reißers, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Historiker lieben ihn, sie sind geradezu vernarrt in ihn, er spiegelt ihnen die Struktur ihres Gebiets wieder und sie hätten ihn gern erfunden. Stattdessen können sie nicht aufhören, die Kuh an dieser Stelle zu melken. Ob’s der Wahrheitsfindung dient? Wer mag das entscheiden. Man müsste die Folgen kennen. Aber das hieße, sich zu exponieren, da zuckt man besser die Achseln. Der Einzelne übrigens auch, er versucht, die Spur der Entscheidung, die sein Leben ruiniert hat, in der vielfädigen Vergangenheit zu entdecken, er findet dabei so manches, aber die Spur bleibt ihm verdeckt. Dennoch weiß er, er hat sich entschieden, am Ende des Grübelns ist ihm sein Leben so wert wie ein anderes. Überhaupt ist der Formel, der Wert eines Lebens entscheide sich an dieser oder jener Stelle, mit äußerstem Misstrauen zu begegnen, sie ist nichts wert.
Was die Wahl der Mittel angeht, so sind wir nicht zimperlich, wir nehmen, sozusagen, was wir haben. Wer ein Mittel ausspart, kann sicher sein, dass der andere, der es einsetzen wird, schon unterwegs ist. Das zu ergründen braucht Zeit, die man im Ernstfall nicht hat oder nicht zu haben glaubt. Das Ergebnis ist, dass sich die ursprüngliche Sicherheit in Unsicherheit verkehrt und den heroischen oder auch nur anständigen Entschluss von innen vergiftet. Man hat es bei der Embryonenforschung gesehen und wird es immer wieder sehen können. Es ist der Lauf der Welt.

WAHLSPUR
Die Aufgabe ist, nächst dem Überleben, zu rekapitulieren, was ein Mensch ist, danach, herauszufinden, wieviel Mensch in einem selbst steckt und heraus will, danach, wieviel Menschliches sich in den Formen verbirgt, die einen lenken, leiten, stützen, behindern, verwirren und irgendwann sterbenslangweilig werden, danach, wieviel Form man sich selbst, seinen Verhältnissen und den Dingen zu geben im Stande ist, danach, wieviel davon sich vergessen lässt, und schließlich, wie der unvermeidliche Rückzug aussehen könnte, schließlich der Rückzug selbst. In alledem gibt es keine Regel, keinen notwendigen Verlauf, keine Vernunft und keine Natur, jedenfalls nicht im Sinne eines Du hast keine Wahl. Nicht, dass es die Wahl gäbe, dass sie möglich wäre, sie ist nur unumgänglich und das, was dauernd geschieht. Solange du wählst, bleibt die Aufgabe; wer sich aufgibt, dem schwindet die Aufgabe und von Wahl bleibt keine Spur.

WAHNSINN
Sie nennen sie Penthesilea und sie spielt den Wahnsinn, den sie ergreift wie ein Handtuch, um ihre Stirn zu kühlen, man hört Wasser rieseln und weiß, dass es nicht genügt, ihr zuzuhören, weil sie die ihr aufgetragenen Verse zwar auszusprechen, aber nicht zu sprechen vermag. Was sie dick aufträgt, das muss wohl der letzte Schrei sein, es schwankt gewaltig zwischen Auf-Auf! und Unterwerfung, unter welches Gesetz auch immer, der ewige Lover, den Blumenstrauß unterm Arm, als müsse er sich dort kitzeln, ist diesmal nicht gemeint, diesmal nicht. Wie gut ist es, nicht gemeint zu sein, sollte sich das, was sich hier ausstellt, in der Regel bewahrheiten. Doch damit ist nicht zu rechnen, diesmal nicht und überhaupt nicht.

WAHNWELTEN
Die Deutschen haben seit den sechziger Jahren des letzten – welchen? – Jahrhunderts in unterschiedlichen Wahnwelten existiert: im Osten unter der verordneten Vorstellung, ›im Sozialismus‹ zu leben, im Westen unter der, einer Revolution beizuwohnen bzw. beigewohnt und zugleich faschistische, kommunistische usw. Angriffe auf die freiheitlich-demokratische Ordnung erfolgreich abgewehrt zu haben, natürlich auf dem Gebiet der Kultur, in vollkommener Sekurität, innerhalb einer durch fremde Truppen garantierten, aber durch und durch souverän gelebten Ordnung, und darüber hinaus auf dem Weg des allmählichen Rechts- und Institutionenumbaus andere zu werden, wirklich und wahrhaft andere Menschen, mit einer reiferen Sexualität, einem reiferen Rechts- und Sozialempfinden, einer reiferen Welt-Wahrnehmung, einem reiferen Wissen in religiösen und sonstigen Weltanschauungsfragen: eine Hochmutsstory ohnegleichen, angesichts derer man gar nicht fragen sollte, wie viel davon sie mit anderen Bewohnern des Planeten teilen und was als weiterer deutscher Sonderweg im Bewusstsein zu deklarieren ist. Vielleicht ist gerade das ja auch die unwichtigste aller Fragen. Wichtig scheint, nachdem sie wieder zusammengekommen sind, allein das Gefühl der Stellvertretung, die nicht zu bremsende Überzeugung, als Menschheitswesen eine Evolution durchlaufen zu haben, unumkehrbar, und reif geworden zu sein. Sonderbare Phrase: reif wofür? Wollen sie denn gepflückt werden? Und wem, um Himmels willen, sollen sie schmecken? Schmecken sie sich denn selbst? Schmecken sie überhaupt? Haben sie Geschmack? Wer soll sie am Ende verdauen? Dieses Ende, von dem manche glauben, dass es nahe ist, andere wiederum, dass es da, aber in einen Dauerzustand übergegangen ist, andere wiederum, dass es eine Schimäre darstellt, weil die Wirklichkeit aus Exportüberschüssen, Weinerlichkeitskultur und ›Kult‹ immer so weiterläuft und sich nie mehr wird abstellen lassen, außer man selbst ist tot und die Sache lohnt sich nicht mehr, während wieder andere ihre ganz persönliche Vision davon leben, also ein Ende sind, weil sie es sein wollen, scheint unverdaulich. Aber was heißt das schon. Schwindet der historische Sinn, so schwindet auch das Organ der Verdauung und immer andere Hominiden bevölkern eine immer andere Erde oder den ihnen vorbehaltenen Teil davon. Ein Preis des Immer-anders-Seins besteht darin, dass immer Andere kommen, die sich die Welt der noch Lebenden ebensowenig vorstellen können wie die der Toten, es sei denn als Wahn. Als gute Deutsche wissen sie natürlich, was sie von all dem zu halten haben: Die Welt ist reif für den Wandel. Wahnwelten sind umso dichter, je mehr sie einander ähneln.

WAHRHEITSSCHAU
Die Anwürfe haben die Qualität von Zeugnissen, wie sie für Hexenprozesse dokumentiert sind, der Delinquent erscheint gefesselt und wird in seine Zelle zurückgeführt, nachdem man ihm ein wenig Luft abgenommen und durch die obligaten Körperspalten gejagt hat, um eine Aussage zu erhalten. Das Verbrechen? Nein, es ist kein Jux. Es ist die Majestät des Geschlechts, die durch ihn beleidigt wurde – durch ihn, von ihm, in ihm, vor allem letzteres, denn letztlich ist jeder Sex Einstellungssache, wer gut eingestellt ist, dem dient er zu einem gesunden Fortkommen. Daran hapert es hier, jedenfalls haben die Organe es für diesmal erfolgreich verhindert. Die guten Organe, wie immer diesseits und jenseits des Körperteils tätig, durch den alles hindurch muss: das Denken, das Fühlen, das Wollen und das Verderben. Was nicht unter die Haut geht, geht nirgendwo hin. Ein dickes Fell weiß mehr davon, als es zugibt. Es könnte abgeben, aber es soll zugeben und da wird es heikel. Lieber intoniert es das alte Lied: »Ich habe gelebt, also lebe ich«, als sprudelte in ihm die Quelle der Marseillaise, die von dergleichen nichts weiß, es sei denn im Spaß. Doch hiermit ist nicht zu spaßen. Dem Minutensex folgt die U-Haft, in der sich die Karriere zur Parabel verbiegt: Stoff für Blatt- und Filmemacher, also Leute, denen nichts einfällt, es sei denn, es fällt ihnen vor die Füße. Die sexuelle Revolution frisst ihre Matadore und schaut sich dabei genüsslich zu. Sie trägt das etwas starre Antlitz des Alters, das viele ungemein lebendig finden, weil sie die Runzeln, eine um die andere, für Facetten halten, es sind aber nur Teile, die sich verselbständigt haben und bald abfallen werden, denn die Liebe ist rein wie am ersten Tag.

WAND-MAHLER
Das System lässt seine Renegaten nicht verkommen. Jene Mauer des Schweigens, die wegdrückt, wer, aus welchen Gründen auch immer, nicht dazugehört, scheint wie geschaffen, um von ihnen mit Wandmalereien bedeckt zu werden, die jeder Interessierte zur Kenntnis nimmt, auch wenn dazu nicht gesprochen wird. Die Frage, wer in den Genuss solcher Privilegien kommt, ist leicht beantwortet: er muss die Vorhölle des westlichen Neomarxismus durchquert und sich dort seine Meriten erworben haben. Das wird lebhaft bestritten, wie alles, was schwer zu leugnen ist. Und wirklich geht es, biologisch bedingt, damit zu Ende. Ein kleines Schluss-Feuerwerk aus Erinnerungsbildern, eine kleine Verpuffung fürs Demo-Museum, eine kleine Reprise aus diesem und jenem und der lauernde Altersblick, wer von den Jungen sich die Ansteckung holt: so muss es wohl zugehen, wenn ein Gesinnungs-Wir abtritt, dem der Sinn früh abhanden kam, so dass durchkam, was sich bis heute nur schwer erschließt: Geungs. Ein langer Lern-Prozess ging zu Ende, das Gelernte plädiert auf Freispuch und die Grafitti-Wand blüht.

WANDEL
Die Leute schätzen den Wandel, die im raschen Wechsel zu füllenden Schaufenster, den Norm- und Wertewandel ungemein, ganze Industrien beschäftigen sich damit, diesen Bedarf zu proklamieren und zu stillen. Es ist wie eine Sucht, aber vielleicht kann man das ›wie‹ streichen und den Grundcharakter der Sucht an diesem positiv konnotierten Spiel der Gesellschaft neu zu buchstabieren versuchen. Die Sucht füllt ihre Regale mit Markenartikeln, sie hat keine anderen und bedarf keiner anderen. Es ist nicht die Gesellschaft, sagt man, es ist die Ökonomie, aber ebensogut kann man wiederholen: die Sucht ist die Sucht. Die Sucht nach Neuem macht da keine Ausnahme. Das Neue ist neu, weil es ein Verfallsdatum trägt, es ist das künftige Alte, man muss sich rasch daran halten, bevor kein Halten mehr ist, jedenfalls nicht in Bezug auf diese Sache. Das ›Ergreifen des Neuen‹, auf Dauer gestellt, ist Wiederholung, jedenfalls stehen die Zeichen nicht schlecht, es so zu sehen – mythische Wiederholung auf der Schwundstufe des Rituals.
Die rituelle Verabschiedung des Alten hat viel gemein mit der Gott-ist-tot-Religion, nachdem sie ihres Sensationscharakter verlustig gegangen ist und Alltagsblässe ihr flach gewordenes Gesicht überzieht. Nicht die christliche ›Wandlung‹ steckt in der Religion des Wandels, sondern der aggressive Verzicht darauf. Man will den Wandel als ›innerliches Erleben‹ nicht zulassen und liefert sich ihm an allen Ecken und Enden aus. Natürlich macht man sich damit abhängig – zunächst von einer dinghaften Psyche, was nichts Neues wäre, vor allem aber von Hinz und Kunz, die sich in Heerscharen von Designern und Popgrößen, von Politikern und Umbauspezialisten materialisieren. Die ohnmächtige Wut darüber, von immer gleich belanglosen Gestalten ›wertemäßig‹ drapiert und herumgeschubst, ›gefördert‹ und drangsaliert zu werden und alle Kräfte angespannt auf den Punkt des Mithaltens konzentrieren zu müssen, stabilisiert den ›Prozess‹ an der Subjektfront, wo Profilmangel herrscht und nur das Hilfspersonal ganze Arbeit leistet.
Die Austeilung der Hostie erfolgt wie eh und je. Sie wird ergänzt um die Ermahnung, schnell zuzugreifen, weil sie sonst bereits im Mund verfällt oder in der Luft verschwindet, bevor man sich ihrer bemächtigt. Aber da ist keine Hostie und das Wandlungsversprechen, das so tief in die Menschen eindringt, bleibt leer. Wer sein tägliches ›Der Wert ist tot, es lebe der Wert‹ zelebriert, bewegt sich ebensosehr in wie außerhalb der Religion, er bewegt sich innerhalb ihrer Strukturen, um zu verweigern, und er bewegt sich außerhalb, um zuzulassen, sowie am Gängelband einer irren Hoffnung, Gewinne einzustreichen, von denen die Nur-Religiösen, wie er glaubt, nur träumen können. Dieser Traum, dem religiösen Träumer überlegen zu sein, speist sich aus fehlgeschlagenen Kommunionen und  korrespondierenden Entschlüssen, sich das einmal Versprochene, koste es was es wolle, auf anderen Wegen zu ertrotzen. Die politischen Religionen, deren Grundsätze rascher altern als das Personal, das sie unters Volk streut, bringen immer neue Jahrgänge brettharter und tief gestörter ›Realisten‹ hervor, deren Wille darin besteht, sich in die Zukunft zu spritzen und die leeren Kammern des Erhofften mit Egomasse zu füllen.

WEGDRÜCKER
Giftig, so richtig giftig, mein lieber Wegdrücker, wo wollen Sie hin? Oder, worauf? Worauf wollen Sie hinaus? Doch nicht auf die alte Schote, dass heute Ihr Tag sei, just Ihrer, und niemandes sonst? Der Tag, an dem Sie sich Ihren Teil abholen, vorn, wo neben den Spülresten auch die Platten mit den zerbröselten Kuchen stehen, an denen sich jeder selbst bedienen kann, bis alles abgeräumt ist? Nein, das ist nicht Ihr Ernst, das können Sie nicht meinen. Gut, das beruhigt mich sehr, das ist also nicht der Fall. Was sonst? Alles, was der Fall ist, aber für einen müssen Sie sich entscheiden. Nein? Sie zögern? Nicht im Ernst, nicht im Ernst. Was soll das Zögern? Mein lieber Wegdrücker, wenn ich das so sagen darf, bleiben Sie auf dem Teppich, gehen Sie sanft mit den Leuten um, lassen Sie die Finger von den gewagteren Spekulationen, nicht Ihre Einkünfte stehen auf dem Spiel, sondern Ihre innersten Überzeugungen, dafür wirft man den Rest gern in die Tonne. Dieses Sich-Andienen, das ist die Wucht. Schöpferische Zerstörung? Ach gehen Sie, das Rad, das Sie drehen, hat eine Speiche zuviel vielleicht, daran wird man Sie zu Tode schleifen.

WEGRÄUMEN
Wegggeräumt wird man auf zweierlei Wegen: einmal durch den Verlust des Ansehens, das man sich lange zu geben wusste, ferner durch einen einfachen, von niemandem zu verantwortenden Wechsel der Wahrnehmung, der von heute auf morgen eintreten kann. Ein Wort, das gerade noch galt, gilt dann als überflüssig, im harmloseren Fall als gestrig, im schlimmeren als zeitlos und also hier und heute unangebracht. Das ist eines der selten gewürdigten Wunder der Sprache: ein Wort bleibt unangebracht, sooft es einer auch anbringt. Aber niemand will als fauler Hund vom Acker gejagt werden. Stolz will er, aufgerichtet und erhobenen Hauptes den Ort verlassen, an dem er sich lange herumgedrückt hat, denn nicht immer war er so gern gesehen wie gerade jetzt, da er geht. Das Gefühl, weiß er, geht mit. Es muss also das richtige sein, nicht eine zwittrige Nummer, von der nur die falsche Hälfte bleibt. Die falsche Hälfte – aber das ist ja er selbst, der da geht, die richtige bleibt, weil sie schon gegangen ist. Da soll einer sich auskennen, denkt er und kratzt sich dort, wo er den Sitz der Gedanken vermutet. Dieser Weg steckt voller Hindernisse, die einmal beiseite geräumt werden möchten.

WEGZEHRUNG
Da liegen sie, die Gedanken. Einzelne, abgezählte, knollenartige, überaus artige, aus der Art gefallene und ganz und gar dem Zufall entfallene. Da liegen sie und irgendeine Art von verborgenem Zusammenhang waltet zwischen ihnen, man könnte auch sagen, er streckt seine Fühler hierhin und dorthin, aber er kann sich nicht entscheiden, wohin er sich wenden soll. Die Szene mutet überaus friedfertig an, gut könnte man sie sich auf einer Leinwand vorstellen, das spart die dritte Dimension und nimmt das Bedrohliche fort. Vielleicht auch nicht, was sich so bündeln lässt, ist zu allem Möglichen fähig.

WEICHENSTELLER
Wer die Weichen stellen will, muss die Harten mobilisieren. Nicht für seine Sache, bewahre, das ginge nur mit Überhärte, wohl aber zu seinen Gunsten. Immer bereit, in die nächste Falle zu gehen, leisten sie jedem Schadensruf Folge. Nicht sie sind das Problem. Wer die Weichen stellen will, kann nur indirekt vorgehen. Er muss kommen lasssen. Das kann durch verdeckte Operationen geschehen, die im Einzelfall nützlich sind, aber im Ganzen viel Schaden anrichten. Besser ist es, sich unlauterer Mittel zu bedienen, aber offen. Das klingt schwieriger als es ist, es ist, jedenfalls von Zeit zu Zeit, das Gegebene, das den Beschenkten links und rechts aus den Ärmeln fällt. Wenn sie sich erst bücken, ist der Zeitpunkt nah. Wehe dem, der glaubt, er könne sich seiner bemächtigen! Ein guter Weichensteller weiß, dass die Weichen ihre Zeit haben und es fällt ihm nicht ein, sie ihnen zu kürzen. Eher drängt er sie, sich alle Zeit zu nehmen, die sie zu brauchen glauben. Er kennt ihre innere Maßlosigkeit. ›Greift zu‹, scheint er zu sagen, ›greift nur zu. Erst wenn ihr fest ineinander greift, ist meine Stunde gekommen. Was sage ich Stunde? Sagte ich Stunde? Sagte ich wirklich Stunde? Nun, für den Augenblick mag das hingehen. Ich meinte anderes, aber niemand hört mir zu.‹

WELTBANAUSE
Eine Weltkultur – wer gäbe sich damit zufrieden? Drei, sechs, viele Weltkulturen müssten es schon sein, damit der Planet sich erhöbe, bis zu den Wolken, gewiss, aber auch darüber hinaus. Dafür sind schließlich Kulturen da, das müssen sie leisten, falls nicht, erhebt sich die Frage, was sie überhaupt leisten und wozu sie da sind außer zum Geldausgeben, weil es so schön ist. ›One world, one culture‹ – das ist die Sprache eines Denkens, dem die Welt das prächtige Konstrukt des Andersdenkenden verdankt. Die Aufforderung, anders zu denken, also nicht recte, sondern verso, hebt den Terror der einen Welt ins Licht und beantwortet ihn mit Gegenterror. Das geht den Leuten nicht ein. »Warum?« fragen sie, »was ist falsch daran, anders zu denken?« Sie glauben, das richtige Denken sei zwar das richtige, aber ›irgendwie‹ nicht richtig: das richtige Denken sei das, was alle denken, richtig hingegen sei es, andersherum, das heißt von hinten zu denken. Man könnte es auch als Denken ›mit links‹ bezeichnen, doch das rührt bereits ein Mehrheitsempfinden auf, das besser ruhte. Aber was denken denn alle? Oder, pardon: Wie wenig muss man denken, um wie alle zu denken? Und wie wenig darf man daran verändern, um als Andersdenkender durchzugehen? Denn darum geht es doch: Was alle denken, macht den Denkenden unsichtbar. Als Andersdenkender stellt er sich frei. Aber da alle so denken, ist mehr als das Blitzen der Woge, die einen aus einer Unsichtbarkeit in die andere schleudert, nicht zu haben. Da tut es gut zu wissen, dass diese Weltkultur nur ein Phantom ist, erfunden für Leute, die ›Welt‹ sein müssen, um überhaupt da zu sein.

WELTENBUMMLER
Aus den bizarren Neologismen der letzten Jahrzehnte sticht einer hervor, dem man gern die Palme verleihen möchte: ›virtuelle Welten‹. Ein Ausdruck, der kühl den Singular ausschlägt, um sich ganz ins Plurale zu versenken, diese Einheit, die keineswegs vorhat, eine zu sein oder zu werden, sondern sich dem widmet, was man kennt, um es durch Zahl zu schlagen. Sagen wir, wie es ist, diese unsere Welt kehrt nicht wieder, sie ist über die Wupper gegangen, dorthin, wo kalt der Wind der Evolution bläst und gleißende Sonnen das Rad der Energiekrisen drehen. Ein Kind, dem man eine Welt schenkt anstelle eines Fahrrads, steht gleich ganz anders da. Wie anders, das wird sich weisen. Es hat aber ein Rückzugsgelände gewonnen, falls die Gesellschaft zum Halali bläst. Das wird es nicht missen wollen, wenn es – horribile dictu! – erwachsen geworden ist. Virtuell ist diese Welt, kein Zweifel, sie könnte sein und sie besteht, in der Mehrzahl der Fälle, aus Geflunker, aber darin unterscheidet sie sich nicht oder zumindest nicht sehr von der Gesellschaft, die streng darauf besteht, als real und sogar reell zu gelten. Es könnte auch sein, dass die eine oder andere virtuelle Welt die reale durch einen höheren Grad an Wirklichkeit schlägt, denn wo einer sich wirklich, das heißt nach seinen Einschätzungen, Maßstäben, emotionalen Bindungen aufhält, das ist nicht vorhersehbar und das weiß am Ende allein er selbst. Die virtuellen Welten sind allesamt Feinde der Gesellschaft, der eingebildeten und der wirklichen, die einen zerstören sie, die anderen lassen sie laufen. Wohin? In die Wüste natürlich, dorthin, wo die Ressourcen lagern und der Struggle for Life das kalte Gähnen derer hervorruft, die von anderen Kämpfen bewegt werden. Das erfüllt die Gouvernantengesellschaft mit Sorge, sie ist entschlossen, dem Gegner die Stirn zu bieten, darin erinnert sie entfernt an ein Parlament von Alkoholikern, das beschließt, die Promillegrenze beim Autofahren zu senken, indessen die Fahrer sich draußen zuprosten. Diese virtuellen Welten, das ist ja sie selbst, wie sie sich in ihren Gliedern auf- und davonmacht, ein Verlegenheitsausdruck, mit dem sie den Schwund konstatiert, ihre Verwandlung in etwas, das noch niemand zu benennen weiß. Virtuell ist daran gar nichts. Und ›Welt‹ – naja.

WELTENLENKER
Welten lassen sich leichter lenken als z.B. Papierschiffchen, was jeder bestätigen kann, der einmal versucht hat, einem den eigenen Willen aufzunötigen, um das Wort ›zwingen‹ hier zu vermeiden. Welten hingegen erweisen sich als von Grund auf gefügig, sie sind der Traum jeden Willens, der sich verwirklichen will und winken ihm gnädig zu. Es gibt sie für jeden Zweck und wer noch, in Erinnerung älterer Einkaufstechniken, darauf besteht, die eine oder andere komme ihm nicht in die Tüte, der weiß Bescheid, zumindest weiß er sich den Anschein davon zu geben. Wo immer sich eine Tüte auftut, hüpft eine Welt hinein, die Hersteller von Wundertüten haben das stets zu nutzen gewusst. Die modernen Wundertüten finden sich im Netz, sie besitzen Namen wie Oasenwelt, Hygienewelt, Literaturwelt oder Kainswelt und tragen, außer dem Dot-Stummel am Ende, dafür Sorge, dass der Weltenbummler nicht untergeht, der seit den Tagen Elias’ und Swedenborgs auf mechanische Fortbewegungsmittel ausweichen musste und darüber fast zu Grunde ging. Doch natürlich soll auch er nicht den Weltenlenker vergessen machen, der über und hinter allem die Finger im Spiel hat. In ihm, einer Kreuzung aus Kaninchen und Hase, hat die Ununterscheidbarkeit einen solchen Grad an Bestimmtheit erlangt, dass nur die Balance der Daten eine gewisse Sekurität verspricht, so wie ein Anbieter von Importsesseln gut beraten ist, ein paar Stühle dazuzustellen und den einen oder anderen Tisch gleich mit anzubieten, wodurch es sich empfiehlt, auch Teppich und Tapete ins Sortiment aufzunehmen. Und so weiter. Man könnte den Weltenlenker den Meister des Undsoweiter nennen, doch täte man ihm damit Unrecht, da er zwar weiter ist, doch der Kopula von Grund auf misstraut und stattdessen alles selbst sein will. Über seine Gründe kann man, wie häufig, nur spekulieren, sie liegen teils im pekuniären, teils im privaten Bereich und nur ein Gericht besäße das Recht, sie ihm zu entreißen.

WELTFLUCHT
Wenn ein Phrasendrescher und ein Großschriftsteller sich im Spiegel einen Briefwechsel liefern, dann flieht die Welt. Wohin? In die Büsche, um einem Bedürfnis nachzugeben, das sich nicht von zwei Heftklammern disziplinieren lässt? In den Untergrund, wohin niemand ihr folgen mag, der auf Tantiemen hofft? Die Welt? In den Untergrund? Alle Welt? Alle Neune, das ist ja ein wilder Gedanke. Wo er nur hinwill? Das Hinwollen ist den Gedanken inhärent, nur unter Hintergedanken tritt es in den Hintergrund. Der Untergrund ist die Welt in ihren tragenden Teilen. Wer sich hinein verirrt, verläuft sich leicht und fühlt sich verfolgt. Sage keiner, das sei kein realistisches Gefühl. Auch das Gefühl, sich erleichtern zu müssen, wäre ohne Realitätsanker weniger verbreitet. Wer sich den Untergrund als einen Sammlungsplatz zweifelhafter Elemente denkt, bleibt ebenso im Trockenen wie einer, der dort die Anführer künftiger Paraden auf den Dorfplätzen der Weltpolitik ortet. Im Untergrund ist alles wie oben, aber – es schweigt. Es protestiert nicht, es schweigt. Darin lässt sich ein gewisser Überlebenswille erkennen: sich nicht totquatschen lassen ist ein Menschenrecht, das öfter in Anspruch genommen wird, als man denkt. Wem die Wege der Rede eng werden, der flieht in die Weiten des Nichtbeteiligtseins. Die Nation der Nichtbeteiligten, in den Katakomben der Geschichte aufs Pfingstwunder hoffend – einer, den diese Vorstellung nicht heiter stimmt, ist dem tragischen Weltbild verhaftet und sollte ausbezahlt werden.

WELTFORMAT
Eine Weltzeitung preist ihr Format an, indem sie Listen aus Wörtern verfertigt, mit denen sie ihre Leser Tag für Tag bombardiert: ein ausgezeichnetes Wörterbuch der – nein, nicht Dummheit, das wäre jetzt zu hoch gegriffen –, der Beständigkeit, der Weltfestigkeit ihrer Leser, so wie man an anderer Stelle von Trinkfestigkeit redet und ungefähr dasselbe damit verbindet – die ungeheure Ausdauer darin, sich den Stoff zuzuführen, der einen mit Sicherheit ruiniert, aber später. Heute bin ich dabei, voll dabei, und darauf kommt es ja an. Man stelle sich vor, ich wäre dabei, aber nur halb, und die andere Hälfte irrte draußen ziellos umher. Was, frage ich, wäre das für ein Dabeisein und wie stünde ich vor mir da? Vielleicht stünde die andere Hälfte draußen gerade vor dem Plakat meiner Weltzeitung und fühlte sich seltsam... verdunkelt, das wäre dann meine Schuld. Eine schlimme Welt.

WELTKULTUR
Zuerst die Scheinfrage: Will man eine im Entstehen gedachte, in Wahrheit ziemlich fertige Weltkultur herunterbrechen auf die mentalen und organisatorischen Bedingungen der Regionen und ›lokalen Zonen‹ oder will man die so unterschiedlichen kulturellen Biotope schützen, erhalten und als Ressourcen einer nachhaltigen Menschheitsentwicklung unter verschärfte Beobachtung stellen? Mit dieser Frage hat man viel Zeit zugebracht, dafür fiel die Antwort, auf die man gleich hätte kommen können, relativ eindeutig aus: beides, soweit sich Geld damit verdienen lässt. Es war die postmoderne Querelle des anciens et des modernes, eine ›Querelle des modernes et des postmodernes‹, allerdings wurde sie nicht auf Französisch geführt. Geführt wurde sie in der Sprache des Geldes, die nicht so eindeutig ist, wie man es sich im Interesse einer klaren Weltsicht gern wünschte. So malt sich die siegreiche, im Kern banale Weltkultur in jedem ›kulturellen Kontext‹ anders und zeitigt andere Folgen. Diese Kontexte sind, wie man inzwischen weiß, in einem so atemberaubenden Ausmaß national determiniert, dass es denen, die die entsprechenden Untersuchungen durchgeführt haben, unheimlich vorkommt und sie ihre Ergebnisse nur ergänzt um Handreichungen für eine verbesserte Praxis zu publizieren wagen. Es schert sie nicht, dass sie damit für sich eine Metaebene in Anspruch nehmen, deren Existenz sie empirisch bestreiten. Verständlicher wird ein solches Zirkelverhalten, bedenkt man, dass im Umkehrschluss die Welt und ihre Kultur nur in jeweils differenten Vorstellungswelten existieren. ›Unsere Welt‹ ist also unsere Welt, mit allen Possessivansprüchen, die sich daraus ergeben. Die letzte Hoheit ist Deutungshoheit, wer sie weggibt, der taucht ab. Dennoch gibt es die Weltkultur, an der jeder sich infiziert, der sich technisch in ihrem Einflussbereich bewegt. Der Umstand, dass sie in eine Nussschale passt, da sie sich immerdar in statu nascendi befindet – so wie komplexere nationale Kulturen, etwa die europäische, auch –, verschleiert nur mühsam ihr Übergewicht. Es zeigt sich vor allem darin, dass sie die differenten Kulturen in Bewegung hält, durch Druck und Gegendruck, durch die tägliche Notwendigkeit, ihre Injektionen zu verarbeiten und zu interpretieren. Das Banale hält das Komplexe in Bewegung. Das ist nicht schwer zu verstehen. Das Komplexe tendiert dazu, Hintergrund zu bilden, es ähnelt dem Chor der antiken Tragödie, der die Ereignisse kommentiert und an die Bedingungen erinnert, unter denen sie sich vollziehen, aber den Akteuren nicht tätig entgegentritt. Wehe dem, der ihn übersieht. Und wehe dem, der auf den Einfall käme, ihm die Bühne zu überlassen.

WELTSPARTAG
Wir halten den Lauf der Welt nicht auf, wir verändern ihn nur ein bisschen von innen. Auch das kostet Mühen, die sich nicht jeder leistet, der es sich leisten könnte. Wer von den Zinsen lebt, hat zur Welt ein anderes Verhältnis, er findet ihre Kämpfe ein Kinderspiel und geht Rosinen pflücken. Dabei vertut er sich oft und erwacht als Gekreuzigter: angetan mit der Schärpe der Ignoranz und gekrönt mit der Dornenkrone der Erfolglosigkeit, kein Christos, nein, aber ein Selbstverneiner aus Hochmut, einer, der auszog, als ginge es darum, bei sich einzuziehen, ohne zu bedenken, dass viele als Erbteil reklamieren, was unter dem Griff ihrer Hände zerfließt und sich soeben anschickt, neuen Gesetzen zu gehorchen. Das bleibt ganz allgemein gesprochen, die Beispiele sind Legion. Und doch ist es der Starrsinn, der diese Welt zusammenhält, das beharrliche Zurückkommen auf die ältesten Dinge, als seien sie niemals vergangen oder als sei das Vergangene nur eine verstellte Gegenwart, mit wenigen Handgriffen auf ihre Erfordernisse auszurichten. Wer eine Vergangenheit unter Tabu stellt, handelt sich eine andere ein, sie drückt auf alle Türen. Wer die Ökonomie der Triebe an die Zirkulation der Waren delegiert, verflüssigt kein Selbst, sondern seine Kinder. Keine Emotion ist ein Letztes, kein Wunsch steht für eine Zukunft, kein Debakel dauert. Die Begriffe sind so beweglich, weil sie unberührbar sind; nicht das Gleitmittel gleitet, sondern das, was es transportiert. Sie verändern sich, das ist wahr, sie verändern sich unter der Hand, sie verändern sich ununterbrochen, sie verändern sich durch Gebrauch, aber die Dimension, in der sie sich ändern, bleibt, und sie ist unangreifbar, weil sie ungreifbar ist. Der Mensch ist nichts, das übergangen oder überwunden werden kann, wenn er verschwindet, bleibt kein Bewusstsein, den Verlust zu beklagen oder auf neue biologische Abenteuer zu sinnen. Der Mensch ist kein Wurf, er ist die Hand, die wirft, ebenso das Geworfene und der Grund, auf den es fällt, die Bewegung, in der es ausrollt und der Stein, an dem es zum Erliegen kommt. Er ist die volle Fünf, über die nichts geht, weder über sie hinweg noch über sie hinaus. Das ist komisch, in der Tat.

WELTSPIELE
Die unblutigen Spiele des Baron de Coubertin nähren, wie jeder weiß, nicht nur den Mann, sondern auch den Verdacht. Dieser mitwandernde Verdacht, verarscht zu werden, gibt den Spielen die Würze, ihren Jungmannen-Charakter, gleichgültig, wie viele junge Frauen dabei mitrennen, -stoßen oder -dopen. Jeder weiß, dass physische Leistung kein Wachstumssegment ist. Eine Bestleistung beruht auf einem Trick oder einem Wunder. Der Trick zählt zum Training, das Wunder zu den unlauteren Mitteln. Das Ausmitteln dessen, was lauter und unlauter ist, was zählt und was nicht zählt, liegt den jungen Männern im Blut. Es bringt sie in Rage, zu sehen, wie der Nachbar den Stinkefinger hebt oder das Hinterteil entblößt und unbehelligt davonzieht. Die Schmach zu rächen, gäben sie ihr Leben dahin. Olympia, das ist ihr Theater der Evidenz. Gold oder Beschiss – eine drangvolle Weltsicht, die den Beschiss herausfordert und in Gold verwandelt, Stück für Stück, Keule für Keule.

WELTSPITZE
Dass die Welt eine Spitze habe, ist seltsam und sollte bedacht werden. Man hätte sie gerne einmal gesehen, diese Spitze, aber die Welt hält sich an dieser Stelle bedeckt. Sie weiß, dass alle, die darauf starren und es kaum erwarten können, dass sie sich zeigt, einen Schreck bekämen und ärztlich versorgt werden müssten. Daher beschränkt sie sich aufs Gerede. So bleibt ihre wahre Form unerkannt wie von Anbeginn der Zeiten und das Gerede wächst. »Die Spitze der Welt ist rund«, schrieb einer der frühesten Apologeten. Dabei sollte es nicht bleiben. »Die Behauptung, eine Spitze sei rund, ist widersinnig und daher abzulehnen«, liest man bei Antonius von Padua, der zu den Vögeln sprach, ohne sich, außer dem Vorteil, gehört zu werden, viel davon zu versprechen. Er kannte nicht die Geheimnisse der Logik und sein Einspruch verschwand von den Bildschirmen der Vernunft, bis ihn ein kleines Mädchen auffischte und in sein Bettchen trug. Unter Zuträgern macht der Satz seither die Runde, was oft einen seltsamen Anblick bietet. Wer bietet mit? In der Spitze ist, wie man hört, immer ein Plätzchen frei für die eigenen Leute, sofern sie gut genug sind, was aber vorausgesetzt werden darf, denn sonst handelt es sich um Versager, die ausgewechselt werden müssen, am liebsten in vollem Lauf, gleichsam aus dem Versagen heraus. Man nennt das, nach einem Vorurteil, die männliche Sicht der Dinge. Ein Sexismus, kein Zweifel, wenngleich ein gegründeter.
Sichtbarkeit gibt immer den Schock, das wissen die Zweifler. Unter ihnen gilt als ausgemacht, dass die Spitze der Welt zeitlich gedacht werden muss und das Starren auf einen Punkt nur den Sehmuskel lähmt. »Die Welt ist Zeit«, verkünden sie vollmundig landauf landab, »sie ist eher pfeilartig zu denken als andersherum«, was unter Auguren nur Hohngelächter bewirkt. Dass die Zeit vorne so wie hinten beschaffen sein könnte, schließt den Gedanken an eine Spitze praktisch aus. Auch dass Welt und Zeit dasselbe sein könnten – schon die Idee, erstere könnte nur eine Blase in der Zeit, eine winzige Ausbuchtung darstellen, stößt auf unüberwindliche Hindernisse –, darf als unwahrscheinlich gelten. Schließlich hat alle Welt Zeit oder auch nicht, da liegt noch immer der Unterschied. Wer keine hat, soll sie sich nehmen, es scheint große Vorräte davon zu geben, die allenthalben herumliegen, in Schuppen vermutlich, wo sie keiner sieht, es sei denn, er ist Lagerarbeiter und kommt von der Raumfahrt, die gern Löcher in die Welt bohrte, ihr aber nur Dellen beibringt – viel Prominenz, kaum Durchbruch. Wohin auch? Löcher ins All? Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.

WENDEZAUBER
... sehen wir die Sache doch einfach so: über die Installationen konnten die Museen zu einer bestimmten Zeit die Oberhoheit über die Kunst zurückgewinnen, als sie wegen der nach und nach ins Spiel gekommenen ›horrenden Summen‹ an die Sammler verloren zu gehen drohte. Auch war viel von Erpressbarkeit die Rede und mancher pfiffige Sammler ließ die Kommune seinen neuen Wilden einen goldenen Käfig spendieren. In den schönen neuen Ausstellungsräumen durften die Installationen sich rekeln wie Filmdiven vor der Kamera. Der ästhetische Sinn umhüllt wie jeden vergleichbaren Vorgang in der Geschichte auch diesen mit Zuckerwatte und die Kunsthistoriker, wie immer begierig darauf, historische Wenden zu kartographieren, schufen die dazugehörige Literatur. Schon das Wort ›Tafelbild‹ erinnerte irgendwann nur mehr ans Nachsitzen. Dem heutigen Leser wird davon wenig plausibel. Allein die normative Kraft des Faktischen veranlasst ihn, vorsichtshalber zu glauben, wo aus so vielen Quellen so vieles spricht. ... Irgendwas sieht man immer. Das Sehen geht nirgendwo aus, insofern besitzt auch der dümmste Glaube ein fundamentum in re, dessen niemand ungestraft spottet.

WERTLOS
Es gibt Aufgaben, die nur bewältigt, wer darauf verzichtet, sich evaluieren zu lassen. Solche Aufgaben nennt man gemeinhin Lebensaufgaben. Es mag sein, dass die Wissenschaft solche Aufgaben nicht kennt, hier scheint jeder ersetzbar, vor allem, wenn er es vorzieht, gegen die Mauern des Vorurteils anzurennen, die der Begriff der ›Scientific Community‹ bündig umreißt. Hier ist alles offen und die Durchsetzer setzen sich durch. Auf ein paar Fragen gibt’s keine Antwort, manche davon so subtil, dass nur Menschen, die ohne Schultern zur Welt gekommen sind, sich ihnen wenigstens auf Rufweite nähern können. Solche Fragen bleiben, zusammen mit den Menschen, die ihnen nachgehen, in einem System auf der Strecke, das keine Tabus kennt, weil es sich an sie hält. Sakrosankt ist, was auf den Schultern von Riesen geschieht.

WER WEN?
Wir werden auf diese Frage zurückkommen, aber nicht gleich; es ist keine, die man im Handstreich beantwortet, besser, man lässt sie liegen, in irgendeinem Winkel, wo nicht jedermann auf sie tritt, denn die Gefahr, die von ihr ausgeht, ist immer beträchtlich. Nur die Unverborgenheit macht sie erträglich. ›Kalkulierbar‹ wäre ein dreistes Wort, man sollte es vermeiden. Auch nennen wir sie nur eine Frage, weil wir kein besseres Wort dafür wissen, denn eigentlich wissen wir alle Antworten im voraus. Es ist eine Erwartung, die Vorahnung eines Bebens, das durch alles hindurchgeht und dafür sorgt, dass die Träume nicht in den Himmel wachsen. So ein Beben gibt immer zu tun. Manches ist nicht mehr da und anderes hat man so nie gesehen. Man selbst ist um eine Erfahrung reicher und sehnt sich zurück in die Friedhofsruhe des vorigen Zustandes, die doch eine Zeit der Geschäftigkeit war – nun, da der Deckel drauf liegt, riecht man den Muff. Nur die Freunde fehlen. Sofern sie überlebt haben, sind sie zerstreut. Begegnet man einem, so reicht der Gesprächsstoff für eine Plauderei am Tresen, dann scheidet man scheu voneinander. Die Liebe dagegen hat Konjunktur, was von vielen, zu ihrem Nachteil, bestritten wird. Aber wen schert das Gezirpe derer, die auf dem Quivive sind? Niemand will wissen, was sie dort treiben, man neidet ihnen den Gipfel nicht. Ohnehin ist er so niedrig, dass man ihn mit bloßen Augen nicht sieht. Man muss schon Karten zur Hilfe nehmen, die nach einem Beben immer unsicher sind. Eine kartierte Landschaft gilt für zwei: Der Sieger will wissen, was ihn erwartet, der Verlierer, was er verlor. Beide erfahren, was sie nicht wissen wollen, das bringt sie auseinander und wieder zusammen. Landschaften der Seele haben es leichter. Wer die Schilder am Eingang passiert hat, den empfängt eine tätige Milde, die man gern mit jemandem teilen möchte, um sie zu genießen. So gewahrt man sie nur, auch darin liegt eine Kraft.

WICHTIGKEITSDISKURS
Der Wichtigkeitsdiskurs ist das Kernstück der Luhmann-Gesellschaft, eine der Ressourcen, von denen in den Schriften des Meisters unentwegt die Rede ist. Wichtig sind Diskurse, die sich von ihren Trägern gelöst haben und nun einen Diskurs zweiten Grades bilden, einen Diskurs aus Diskursen, in dem immer dieselben Namen und Behauptungen sich zu Mustern zusammenfügen, die jeder kennt, die aber eine gewisse als ausreichend erachtete Variationsbreite ermöglichen. In diesem Erachten, diesem Erachtetwerden tritt eine Selbstreproduktion ans Licht, deren Selbst unbestimmt bleibt, das nicht benannt wird und vielleicht, wie im Märchen, nicht benannt werden darf: was sich da reproduziert, ist die Position als Wesenheit, die Funktion als Substanz, anzuschauen im Einerlei der Gesichter, die wechseln, um sich zu gleichen und den Verfall zu kaschieren, der jeden heimsucht. Im Wichtigkeitsdiskurs ›lernen‹ wir, so wie ›wir‹ in der Vergangenheit gelernt haben und die nächsten fünfzig Jahre hindurch lernen werden, bis »das alles«, wie einer der Arrangeure, die seltener wechseln, einst zu Protokoll gab und die meisten insgeheim denken, »auseinanderfällt«. Die Lektionen bestehen darin, allerlei, was man längst hätte wissen können und vielleicht wirklich wusste, ohne dass es jemanden angefochten hätte, in die sich gleichende Rede einzubringen und dort so lange herumzuschieben, bis es entweder eine passende Bettung gefunden oder den Diskurs durch eine seiner zahlreichen Maschen wieder verlassen hat. ›Wir haben gelernt‹ – wohl der Person, der bei dieser Phrase wohl wird, man kann bei ihr lernen.

WIEDERHOLEN
Das Wiederholen der Wörter, ihre zweite Chance, tönt sie ab, tönt sie neu: wie den Klang, so den Sinn. Das Wiederholen ist eine Bewegung, die wohl erwogen sein will. Sie zieht einen Sinn, der bereits enteilt ist, zurück in den Kreis, sie gewinnt keinen zweiten Sinn, sondern den ersten neu. So etwas ist er nicht gewöhnt, er stockt, er fühlt sich unbehaglich und behaglich zugleich, er reckt sich, macht sich größer, gibt den Käfer, gleich wird er brummen. Womöglich spricht er sogar. Ein ›sprechender Sinn‹ – wer ihn nicht kennt, hat hier nichts verloren, hier nichts und da nichts, am Ende gar nichts, was kein Fehler ist, sondern eine Fatalität. Das Zuhören – Nur zu! – stellt sich nicht her, sondern ein, wie man sagt. Das ist richtig. Die Wiederholung lockt es heraus. Man sagt, der gute Stil meide die Wiederholung; darin liegt eine Unfreiheit, die man dem Stil ankreiden kann. Man muss die Vermeidung vermeiden lernen – so wie den Imperativ in der Entschließung –, erst dann kommt man der Sache näher. Selbstverständlich ist jede Wiederholung auf diese oder jene Weise zwanghaft. Das spricht für sie, das spricht gegen sie. Gegen den Zug der Wörter hilft nur Weitersprechen. Da mag es genügen, wenn nicht unbemerkt bleibt, dass das eine oder andere ausschert und sich erneut anstellt, um ein zweites Mal durchzurutschen. Mit einem Zwinkern sei es gesagt: Wer sich wiederholt, tritt dem Verhängnis freier entgegen, er straft den Schuss kurzerhand Lügen, der von langer Hand abgefeuert wurde, um ihn zu vertilgen.

WIR
Wer sind ›wir‹? Eine Handvoll Leute vielleicht hier und da. Ist das wichtig? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir sind nicht allein. Wir sind viele. Soll heißen, wir sind nicht einzeln allein, sondern als Gruppe. Alleingelassene. Der Einzelne ist immer ›wir‹, es sei denn er steht im Regen und wartet aufs Taxi. Und auch dann, gerade dann ist er ›wir‹. Er ist so sehr ›wir‹, dass er gar nicht daran denkt, den Taxifahrer, wenn er denn kommt, als Erlöser zu begrüßen. »Heil dir.« »Übergeschnappt, was?« So kann man, außer in besoffenem Zustand, nicht reden. Und doch, und doch. Wir sind viele – damit beginnt jedes größere Debakel. Gerätschaften zur Stärkung des Wir-Gefühls sollten verboten werden, wie es autoritäre Regime auch wirklich versuchen. Sie haben ihre Hintergedanken dabei, ganz recht. Stattdessen käme es darauf an, keine Hintergedanken zu haben. Kein Wir ohne Hintergedanken, ohne den Gedanken an Macht, Power, Überwältigung, Größe, Zukunft, Sieg: Wir und Welt gehören zusammen. Die Welt gehört dem Wir. Das ist eine Binsenwahrheit. Leider unterschlägt sie, welche Weisen des Zusammengehörens diese Welt erst ermöglichen. Eine Gruppe, die sich als Gruppe erkennt, hat bereits verloren, sie hat sich verloren an eine nicht zu ortende Mitte, sie ist verloren in der Weite der sie umgebenden Welt. Verloren ist auch der Einzelne, der sich an seine Gruppe verliert. Irgendwann ist der Weltquark mit uns durch und lässt uns im Regen stehen. – Taxi!

WIRKUNG
Wer schreibt, malt, denkt, möge doch bedenken, wann er beachtet werden will – ob heute, in zehn oder in fünfzig Jahren, das macht, banal gesprochen, einen Unterschied, und doch gehen auch fünfzig Jahre rasch dahin und mancher reibt sich heute die Augen, was da auf ihn zurückkommt. Wer auf raschen Verzehr seiner Produkte rechnet, muss sich kurrenter Vorstellungen bedienen, er darf an keiner Stelle über sie hinausgehen, kurz, er darf Vorschläge machen und muss in Demut abwarten, ob sie angenommen werden. Wer zehn Jahre warten kann – keine lange Zeit, aber eine Spanne, in der einem schon einmal ein Leben davonläuft –, steht bereits anders da, er kann sich aufs Rechthaben verlegen und schauen, was dabei herauskommt. Wem es auf fünfzig Jahre nicht ankommt, der hat auf eine unpersönliche Weise frei, es ficht ihn nicht an, was heute oder morgen gesagt wird oder auch nicht. Er darf vermuten, dass Porträts, die er fertigt, nicht mehr auf Ähnlichkeit überprüft werden, und dass die praktische Situation, auf die ein Vorschlag zielt, rettungslos vergangen sein wird – übrigens auch die theoretische, so dass alles, was er geschrieben, gemalt, gedacht hat, sofern es dann noch vorhanden ist, einer grenzenlosen Auslegung offensteht, wenn sie denn lohnend erscheint. Es steckt etwas in den Menschen, das ihnen, wie zu Sammler- und Jäger-Zeiten, zuflüstert, dreißig Jahre seien genug, sie stellten eine Grenze dar, über die hinüber einer keine Ansprüche erheben sollte, außer auf Rente. Das Altwerden ist ein Los wie andere, es gibt Schlimmeres, aber man weiß es nicht. Man sollte sich nicht zu sehr dagegen auflehnen, das verbraucht Kräfte, die an anderer Stelle benötigt werden. Man sollte sich auch nicht zu sehr vor dem Veralten fürchten, auch das ist ein Los. Los sein von allem, wem käme das nicht gelegentlich in den Sinn? »Ein utopischer Text, eine utopische Leinwand, man selbst als abwesender Schöpfer, als der da seit langem gestorben und gleichwohl anwesend, als sei man der Meister des Meisters, was will man mehr?« So flüstert Homomaris, der sich in diesen Dingen auskennt und wenig will, aber das wirklich.

WISSENSCHAFTSKITSCH
Ich schlage das Blatt auf: links wird gehöhnt, rechts liegt das Weltbild blank. Der Materialismus der Wissenschaft konkretisiert sich im Wunsch nach Geld und Anerkennung. Vor allem ersteres, vor allem letzteres – wer sich nicht davor fürchtet, falsch wiedergegeben zu werden, kann den Job auch gleich selbst erledigen. Dafür gibt es Organe. Hauen wir also auf die Pauke: wir haben die Funktionsweise des Gehirns noch nicht ganz entschlüsselt, aber die Grundfragen sind gelöst; wir können kein Bewusstsein erzeugen, wissen aber im Prinzip, wie es geht; wir lassen die Zeit mit dem Urknall beginnen, der Rest ist metaphysisches Gequatsche; wir sind Funktionalisten, denn wir verfügen über die Substanzen und können sie spritzen; wir sind Konstruktivisten, denn wir kennen die Verhältnisse in- und auswendig; wir sind überzeugt, denn so etwa könnte es sein; wir wüssten mehr, besäßen wir bessere und teurere Apparate; wir könnten die Menschheit retten, könnten wir die Gefahren, die wir soeben mit unseren teuersten und besten Geräten zu entdecken beginnen, mit besseren und teureren Geräten besser erkunden; wir sind Drücker aus Überzeugung, nicht aus schmutziger Geldgier, denn wir brauchen mehr, als letztere einbringt; wir wissen, dass der Wahrheitsbegriff, aufs Ganze gesehen, nichts gebracht hat, davon sind wir überzeugt. Das alles hat mit Forschung, mit reeller, ausführender, von Tag zu Tag ihre Ergebnisse sichernder und geduldig in Frage stellender Wissenschaft – vielleicht – nichts zu tun. Es ist aber kommunikative Realität. Die Wissenschaftschimäre hält die Gesellschaft in Bann und schlägt ihre Beichtstühle in jedem Einzelnen auf, dem das schlechte Gewissen aufs Lebensgefühl drückt. Verunsicherung ist ihr Geschäft. Das schlechte Gewissen... die essentielle Ressource des Westens, der Treibsatz hinter der Bereicherungsgier, dem angstvollen Schielen nach dem Vorsprung. Es muss Geld kosten und mit Tod, Verderben und Rettung herumfuchteln, dann wird es wohl stimmen.

WITZ
Witz haben, Geist haben, Geist zeigen, das Seine dazulegen, zeigen, dass man ein Mensch ist, dass man in Betracht kommt, dass man aus Eigenem da ist und nicht nur, weil man funktioniert, das alles weist auf einen unerschütterlichen Rest von Mündigkeit, von durch-den-Mund-Leben, den sich Menschen nur sehr schwer nehmen und schon gar nicht abschwatzen lassen. Man hat in diesem unerträglichen zwanzigsten Jahrhundert einen Mechanismus zur Triebabfuhr daraus machen wollen, einen Ausdruck unbewusster Spannungen und eine Spannungsentladung, die auch eintritt, aber zwischen den Leuten, wenn er anstelle des kalten und anonymen Verkehrs einen dann ›menschlich‹ genannten Umgang provoziert. Diese Provokation, das Risiko, sich unvermittelt zu geben, ist naturgemäß dort am größten, wo die schärfsten Sanktionen lauern. Da kann es schon passieren, dass einem ein Witz über die Lippen kommt – dass er die öde Maulhalterei passiert, ohne angehalten zu werden, weil... nun, weil der Kontrolleur zufällig gerade absent ist. Aber wie Menschen so sind: manch einer brennt darauf, den neuesten zu erzählen, selbst um den Preis, sich um Kopf und Kragen zu reden. Auch das bleibt der Konstellation geschuldet, bleibt sekundär und medioker, überdies subaltern. Was Witz zum Witz macht, ist eine traurige Sache.

WÖRTERBUCH
Wörterbücher sind das Α und Ω der Information. So steht am Anfang der Aufklärung – andere sagen: an ihrem Ende – Diderots Projekt der großen Encyclopédie: wer in ihr nachsieht, erfährt viel darüber, wie sich Menschen die Welt einmal gedacht haben. Die Welt? Welche Welt? Ihre Welt? Bei allem, was der Fall ist: so ist es nicht. Man erwirbt durch Schreiben keine Eigentumsrechte an der Welt, sonst sähe die Skala der Millionäre anders an. Andererseits: was wäre das Rechtsgeschäft ohne die Schrift? Eine dubiose Geschichte, wie mit ihr auch. Wer die Schrift beherrscht, beherrscht die Menschen. Beherrscht, wer die Schrift beherrscht, auch das Schreiben? An dieser Frage trennt sich die Welt. Buchstabe und Geist, was immer sie zur gemeinsamen Sache beitragen, sind voneinander geschieden, seit es Reformen gibt, die dann von ihren Nutznießern zu Grabe getragen werden. Die Handlanger des Erreichten sind überall dadurch kenntlich, dass sie den Geist liquidieren und die Buchstaben – die Kultur – behalten. In der Hand vermutlich, wo sonst? Ob es die linke sein soll oder die rechte, darüber muss gestritten werden – diese Phrase sagt viel über den Zustand der Gesellschaft aus, wie die zweite beteuert. Eine Gesellschaft, in der Information und Desinformation beständig ineinander übergehen, verfügt doch über ein Element der Beständigkeit, ein A oder AA oder AAAAA, eine Technologie der Artikulation. Ein gutes Wörterbuch wäre demnach der Abriss einer Technologie der Artikulation. Es informiert durch Desinformation und es macht vor, wie es geht, indem es vormacht, wie es nicht geht. Das Vormachen beschäftigt diejenigen, die es gern nachmachen würden, wenn es sie nicht überforderte. So machen sie vor, wie es geht, und gehen daran zugrunde.

WORTEKEL
Wortrausch, in Wortekel umschlagend: eine mindere Form des Weltekels, darum nicht wirkungslos. Man soll solche Effekte nicht abtun oder unter dem Stichwort ›Sprachkrise‹ in die Geistesgeschichte verbannen. Es handelt sich um einen radikal ungeschichtlichen Vorgang, um eine Wiederkehr im Einzelnen, dem sich die Sprache verflüssigt – zu welchem Zweck? So fragt man, wenn die Lavaströme bergab fließen, man weiß, wie töricht diese Frage ist, nichts als ein Ausdruck der Fassungslosigkeit, denn da unten, direkt in der Rinne, liegen die Felder, auf deren Ertrag man angewiesen ist und bleibt, wenn die Stunden der Erregung vorbei sind. Der Ertrag ist hin, man weiß es genau, und es kommt der Moment, da sieht man die Realität doppelt: eine, die nicht verschwinden, nicht aufgezehrt werden will durch diese Richtungsänderung der Ereignisse, und eine, die sich schonungslos darüberwälzt, gewalttätig, mit einer ungeheuerlichen Sanftheit und Selbstverständlichkeit, die einen benommen macht und bis an die Grenze des Erbrechens mitnimmt. »Das nimmt dich mit«, sagt der Bauer, bevor er ausspuckt und seinem verschwundenen Land den Rücken kehrt.

WORTFÜHRER
Kann es sein, dass Menschen vierzig, fünfzig Jahre alt werden, auf die sechzig zugehen, ohne ein eigenes Weltverhältnis zu artikulieren? Es kann, es geschieht alle Tage, es ist nichts Besonderes. Aber gilt das auch für ganze Altersgruppen, Jahrgangskohorten, wie man sie nennt? Kann es sein, dass sie langsam von jüngeren eingeholt und abgelöst werden, die die heuchlerisch über die Jahre festgehaltenen Konzepte, den maschinellen Verkehr vergangener Jahrzehnte als ihre Sache, sogar als neu wieder aufnehmen – in Treue feste Nachfahren eines früheren Hochmuts, der sich in ihnen vorderhand ein zweites Leben ergattert? Es kann, es geschieht dort, wo institutionell verfestigte, durch Markt- und Medienmacht oder durch administrative Einflussnahme homogenisierte und perpetuierte Ideologielagen den individuellen Bildungszyklus überrunden und zu einem Schattendasein verurteilen. Dort, wo es geschieht, sollte man nicht leichtfertig davon ausgehen, dass die verächtlich beiseite geschobenen Zwischenjahrgänge nichts zu sagen hätten. Es geht einem mit ihnen wie den Archäologen mit Kulturen, aus denen die schriftlichen Zeugnisse fehlen: man muss die stummen Zeugnisse studieren, die sie hinterlassen, die Strukturen der Sprachlosigkeit selbst, die sie dem Gerede hinzufügen, die sie ihm einziehen, als handle es sich um tragende Schichten, die verhindern, dass das ganze fügsame Mitmachen in sich zusammenfällt. Wem die Sprache verweigert wird, der rächt sich stumm, der rächt sich durch Autoaggression, durch die Hässlichkeit, die von seiner Erscheinung ausströmt und ihn als Funktionstypen kennzeichnet, als Leistungsträger, auf den niemand verzichten kann, auch wenn allen vor der Art der erbrachten Leistung graut. Die gnadenlosen Exekuteure, die fügsamen Vollstrecker, die hochkarätigen Sesselfurzer findet man am besten, wenn man Geburtsjahrgänge studiert. Ihre passiven Gegenstücke ziehen Invalidität und Familienpflege vor. Man achte auf diese Passiven: es sind die Aktiven ihrer Generation, aus denen nichts geworden ist, weil aus ihnen nichts werden konnte – geborene Wortführer, denen es am Wort gebricht, das andere, weniger skrupulöse, sich selbst im Mund herumdrehen.

WORTGLANZ
Der höchste Ausdruck der Seele als Pneuma findet sich im Mittelpunkt eines jeden Wortes, das, ohne einem Urteil unterworfen werden zu können, durch den Mund dessen, der es ausspricht, den Körper verlassen hat. Jeder Gedanke um seine Bedeutung ist zweitrangig gegenüber dem Wert des ausgestoßenen Wortes als Seelenprodukt. Das Wort ist an sich beseelt.
Die Gestalt des Wortes als ein zartfarbener, manchmal auch bunt geränderter Fleck vor dem Angesicht jedes Sprechenden ist allein durch die Art einer malenden Geistestätigkeit zu erfassen, durch welche das einzige vera ikon eines Menschen sichtbar gemacht werden kann. Es zeigt sich nie weiter als 12 Zentimeter, oft auch ein wenig näher, vom Mund eines Sprechenden entfernt. Nur so allein gilt, das Wort sei Fleisch geworden, in größerer Entfernung wird es zum reinen Ton.
Spötter zu Zeiten Ingres’ nannten ein solches nur selten von hellsichtigen Künstlern der Schule von Port Royal gemaltes Abbild Crêpe de Visage oder Gesichtspfannkuchen. Doch hielt man seine Existenz immerhin für möglich. Es ist nach Homomaris dem Jüngeren, der sich auf die Schriften Poussins beruft, durch eine mit Essigsaurer Tonerde bestrichene Glasplatte viel leichter zu erkennen als durch Kirchners Camera obscura, deren sich die malenden Jesuiten bedienten. Man zählt kunstgeschichtlich noch etwa vierzig bekannte Wortgeistporträts der Sammlung Coeleste ohne ein eigentliches Gesicht. Es wird aber angenommen, es habe viel mehr gegeben, die man als bloße Flecken verkannt oder auch als Werk der Zerstörung betrachtet und demnach übermalt oder weggeworfen hat. - PM

WÜRDE
§ 1 Die Würde des Kunstwerks ist unantastbar.
§ 2 Der Respekt vor den Werken der Kunst ist die Grundlage jeder menschlichen Kommunität.
§ 3 Die Unversehrtheit bestehender Werke der Kunst ist zu gewährleisten.
§ 4 Die Auffassung, Kunst müsse nach Funktionen beurteilt werden, zeugt von Anmaßung und ist zu verwerfen.
§ 5 Die Auffassung, Kunstwerke seien Fetische, zeugt von Einfalt und verfällt der Strafe der Lächerlichkeit.
§ 6 Die Unterscheidung ›wahrer‹ und ›falscher‹ Kunstwerke arbeitet den Banausen in die Hände und ist daher abzulehnen.
§ 7 Die Ablehnung der Unterscheidung wahrer und falscher Kunstwerke arbeitet den Fälschern in die Hände und ist daher abzulehnen.
§ 8 Die Ablehnung der Ablehnung der Unterscheidung wahrer und falscher Kunstwerke arbeitet dem Kunstmarkt in die Hände und ist daher abzulehnen.
§ 9 Die Ablehnung der Ablehnung der Ablehnung ist kunsttheoretischer Unfug und daher abzulehnen.
§ 10 Die Klassifizierung von Kunst nach Jahrgängen oder Jahrzehnten (›Kohorten‹) verstößt gegen die Würde der Kunstwerke und ist unter die Strafe der Nichtachtung zu stellen.
§ 11 Wer Werke der Kunst nachmacht oder beschmiert oder nachgemachte oder beschmierte in Umlauf bringt, wird zur lebenslänglichen Lektüre des Struwwelpeter verurteilt und unverzüglich seiner Strafe zugeführt.
§ 12 Wer Werke der Kunst versteckt oder zerstört oder versteckte oder zerstörte vergisst oder zerstörte oder vergessene aus den Registern entfernt, wird einer so altertümlichen Strafe zugeführt, dass sie unaussprechlich erscheint.
»Ach die Würde«, seufzt Pelerina, an der manches abtropft. »Die Würde des Menschen ist unbeweisbar. Aber die der Dinge! Da hatten wir doch gestern... oder war es vorgestern? Ein Ding, sage ich Ihnen, groß wie ein Kürbiskern. Was für ein Ding! Präsenz! Wer mit Menschen was machen will, kommt mit der Würde nicht weit.«

WÜRSTCHENBUDE
Lauter Würstchen, denkt sie. Die jungen Frauen können einem Leid tun. Können nichts dafür. Müssen die Suppe auslöffeln, die ihre Mütter ihnen eingebrockt haben. Von Männern kann nicht mehr die Rede sein. Würstchen halt. Rücken dir auf die Bude und dann kriegen sie den Moralischen. Oder Angst. Die wunderbaren Folgen der freien Liebe. Der Abschaffung der Ehe zugunsten einer Beziehung, die man fährt, so lange sie hält. Kinder sind da nicht vorgesehen. Kommen sie trotzdem, muss es halt irgendwie gehen. Das ›Wie‹ auszuloten bleibt immer noch Zeit, wenn die Beziehung im Eimer ist. Zeit satt. Die Post-Beziehung hat Konjunktur und die Söhne dieser Beziehungen haben rascher einen eigenen Haushalt ›als sie gucken können‹, wie man zu sagen pflegt. ›Hotel Mama‹ nennt man das dann und hält für einen wärmenden Ort, was eine menschliche Hölle ist. Vor dem Kamin lässt sich schön träumen, während die Mädels ihrer Wege gehen. Mama wird es schon richten, schließlich war sie auch mal jung und ihre Würstchen sind noch immer die besten. Ein Paar Würstchen bitte, aber mit Ketch-up! - AC

WÜSTENDIEB
»Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt!« - Der Mann hatte Nerven. Wir, die Söhne und Töchter, die Enkel und bereits wieder Urenkel der Wüstenberger, haben nichts zu verbergen oder zu offenbaren. Denn Wüste sind wir ganz und gar, jedenfalls wenn es nach diesem Propheten geht, dessen Sätze in unseren Ohren etwas wüst klingen, was niemanden daran hindern soll, sich an ihnen zu erbauen. Auf Erbauung jedenfalls läuft hinaus, was als Verdammung begann. Das ist ein allgemeines Gesetz, das kein Flüssigkristallmedium löscht. Wer sich erbauen lässt, ist schon verdammt – mit solchen Sätzen setzt sich zur Wehr, wer sich selbst zu erbauen gedenkt. Niemand hindert ihn daran, niemand unterstützt ihn dabei. Er wird sich seine Materialien also zusammenstehlen und eine Träne der Dankbarkeit dem Wüstenpropheten spenden, der bereits nichts anderes tat. Ein großer Dieb, in der Tat! Oder ein kleiner, da Größe in diesem Gewerbe nur hinderlich ist. Die Kleinen haben überall die schrecklichsten Wörter und bringen sie hemmungslos an.

WÜSTEN-EI
In Holland serviert man sogenannte Benedikt-Eier zum Gedenken an gewisse Verirrungen im Leben der Heiligen, die nun nicht mehr schamhaft verdeckt werden, sondern allesamt auf den Tisch müssen. Entsprechend könnte man in aufgeklärten Ländern Wüsten-Eier auf den Tisch bringen, weniger um die wüsten Reden bellizistischer Fernsehphilosophen auf ihre Genießbarkeit hin überprüfen zu lassen, als um die historische Rolle des Elysée bei der Förderung der Demokratiebereitschaft im Wüstensand dem gebildeten Gaumen gebührend einzusenken. Wohl bekomm’s! Nur die Dünnhäutigen unter den Heutigen haben vielleicht ein Problem, wenn Bomben und Raketen vom Himmel regnen, vielleicht haben sie auch mehr gelesen als die Klügeren oder ein fatales Gedächtnis, das nicht weiß, wie manipulierbar es ist und deshalb Erinnerungen produziert, die nicht en vogue sind, richtige Ausreißer. Wovor sie ausreißen? Vielleicht vor dem Ei des Philosophen, der einmal große Politik anschieben wollte und seither in Lach-Haft sitzt, bis die letzte Gurgel sich über seinem Einfall geschlossen hat.

X

X XORG
Alles Sichtbare hat seinen Preis sowie eine Rückseite. Das ist das Kreuz mit der Präsenz. Die heutigen Sichtbarmacher tragen die Zeichen des Ärgers nicht im Gesicht, sie bestehen aus Zeichenketten, die man nicht sieht, jedenfalls nicht, solange die Präsenz ihre Fangarme nach dem armen Spielmann ausstreckt. Auch die Zeichenketten sind vorgeschoben, sie wären nichts, wenn sie nichts bewirkten. In ihnen zeigt sich die Tätigkeit, die das Sichtbare sichtbar macht, die unermüdliche Eingabe von Werten in unbegrenzt aufnahmebereite Systeme, jedenfalls fast. So gesehen, wäre XORG nicht weniger als eine Bewegung der Hand, die das Dunkel auf den Schirmen hinwegräumt: eine Bewegung in der Bewegung, eingebettet, ansonsten sähe diese Hand alt aus. Die Bewegung in der Bewegung ist eine Art Gleichnis, sie steht für vieles, aber nicht ohne weiteres. Der Trick, dem staunenden Publikum eine Nichts-als-Welt vorzugaukeln, liegt darin, jene durch Zureden zum Verschwinden zu bringen. Das wirkt, seltsamerweise, obwohl jeder sie wahrnimmt und sorgsam in der Bewegung verbirgt, vermutlich, damit sie ihm nicht abhanden kommt.

XOTULN
X. nennt man im Yagir die Abfallprodukte von Prozessen, die dem Einzelnen, nachdem er sie redlich genährt, über den Kopf wachsen. Und was heißt schon über den Kopf? Kaum zur inerten Größe erwacht, verlieren sie jede Kontur und mutieren zu Nebel, in denen nach und nach jede Orientierung erlahmt. »Was soll ich machen?« fragt der Yagrit, der noch nicht gewohnt ist, sich nach der Decke zu strecken und den Anweisungen strikt Folge zu leisten, die von allen Seiten her auf ihn eindringen. Eine gute Frage. »Nichts«, wäre eine Antwort, »alles« eine andere, beide gleich unbrauchbar, wenngleich intellektuell reizvoll. »«Die Lautsprecher ausschalten« wäre eine andere, aber sie klänge bereits nach Terror und verbietet sich von selbst. »Schwierige Situation, man lernt dabei viel. Aber insgesamt: schwierig.« Die Stimme klingt, als stamme sie aus keinem Lautsprecher, doch das könnte ein übler Trick sein. »Man lernt es auszuhalten und dabei kommt immer etwas heraus.« Der geübte Yagrit weiß, was die Stimme verschweigt: ›Halte dich an die Xotuln. Am besten gehst du dort entlang, wo sie dicht an dicht liegen.‹
Der Weg nach Orb ist mit Xotuln gepflastert: eine geflügelte Redensart, die man den Fremdlingen in die Schuhe schiebt, damit sie sich besser in ihnen verlaufen.

Y

Y YAGIR
Im Yagir ist das Rauchen verboten und das ist gut so – riesige Gebiete der Wildnis sind der Verrücktheit von Menschen, die unbedingt ihren Glimmstengel brauchen, bereits zum Opfer gefallen und weitere werden folgen. Kein Verbot kann dieses Laster beseitigen. Nur verringern kann man es, wenn man die Alten und Schwachen beeindruckt, die sowieso immer aufgeben wollen. Jetzt fühlen sie sich genötigt und protestieren heftig, übertreiben ihre Sucht bis ins Lächerliche und lassen die zittrigen Finger von der Packung, weil sie sich nicht trauen. So ist das mit den Verboten. Allerdings wird der Anteil derer, die aufgeben, bei weitem aufgewogen durch den Anteil derer, die durch das Verbot erst angelockt werden. Ihre sehnige Muskulatur, verborgen unter einem Fell, das sich von der Savanne kaum abhebt, verheißt nichts Gutes. Immer weiter gehen sie jetzt in den Yagir hinein, die Spurenleser sehen die Zeichen und schweigen, denn sie fürchten die Entlassung, wenn sie von erhöhten Gefahren berichten. Dabei ist der Yagir so groß, dass man eine Vorsicht, wie sie im Rauchverbot zum Ausdruck kommt, für unangebracht halten könnte. Dem ist aber nicht so. Im Yagir gibt es viele einsame Existenzen, die sich nicht zu helfen wissen, wenn die Brandwolken am Horizont erscheinen. Jetzt verschließen sie Tür und Fenster und hoffen, das sehnige Pack zieht in der Ferne vorbei. Denn die ohnehin stetig wachsende Brandgefahr wiegt wenig angesichts der Aussicht, von ihm aufgespürt und zum Objekt seiner sadistischen Späße gemacht zu werden. Über die Art und das Ausmaß dieser Quälereien sind viele Hypothesen im Umlauf, aber es bleiben Unsicherheiten. Den geräuschlosen Peinigern nützt der Umstand, dass man im Yagir nur Wörter für das besitzt, was man nicht wirklich fürchtet. In vielen Belangen ist das von Vorteil. Aber wohl nicht in allen. Im gegebenen Fall scheint es aber, als habe man die Bedeutung der vorhandenen Bezeichnungen willkürlich auseinander gebogen, um einen namenlosen Raum zu erzeugen, in dem diese Wesen ohne Anzeige zu gleiten vermögen. Es heißt, die Romanproduktion im Yagir nimmt zu.

Z

Z ZÄHLKLASSIKER
Die sukzessive Ersetzung der alles beherrschenden Struktur durch den herrschenden Diskurs und dessen Verdrängung durch die Facebook-Community bei den Allerweltsdeutern der Kultur hat etwas Atemberaubendes, andere Zeiten hätten gesagt, es bleibt einem dabei die Spucke weg. Nur die Zeit-Ziehharmonika stellt immer wieder den Abstand des ganz anderen her. Sie benötigt dabei viel Luft und Ellbogenspiel. Nun, reden wir von etwas ganz anderem. Reden wir davon, wie diese von Differenz strotzenden Zeitzeugen es innerhalb von anderthalb Generationen geschafft haben, alles wegzureden, was sich aus dem selbstgenügsamen, auf Geld, Freizeit und Spaß abonnierten Kollektivwesen auch nur millimeterweise entfernt, so dass es allmählich an seiner eigenen Existenz irre geworden ist und zu den eifrigsten Totrednern des Geistes zählt. Mag es zählen. Mag zählen, was will. »Schon eure Zahl ist Frevel«, fabelte einst der aristokratisierende Wirtssohn George, dem sein Hang zu jungen Männern und ihren ›Idealen‹ die Poesie verdarb und die Neugier herablassender Biographen einhandelte. Sinnigerweise lässt der Vers aus, ob die große oder die kleine Zahl das größere Übel stellt. So zählt, wer beizeiten das Zählen geübt hat. Ein Klassiker muss mit allen Lagen zurecht kommen und diesen hier: finde ich gut (x).

ZÄHNE
»Niemand kennt den dramatischen Ursprung der Zähne.« (Eluard / Ernst) Das mag sein. Wer wollte darüber rechten? Aber, wie immer, ein bisschen wissen wir schon. Ödipus zum Beispiel, mit diesem unfassbar feinen Gehör begabt, das nichts hören will, bis alles zugleich darin Raum findet, benützt die Zähne noch kaum, jedenfalls nicht, um seine Zunge zu hüten. Gewiss hätte er sie sich sonst abgebissen, statt sinnloserweise Rache an seinen Augen zu üben. Mit kleinen spitzen Zähnen öffnet Sokrates die Ampulle mit dem Schierlingsgift, um es den Freunden einzuträufen. Zugegeben, der Weg von dort zu den blendenden Gebissen unserer Schauspielerinnen, die man auf jedem besseren Basar für ein Spottgeld erstehen und sich über den Kamin hängen kann, ist noch weit. Aber ein Anfang ist gemacht. Man hätte gern das Gebiss der Maria Stuart, doch der Anblick könnte enttäuschen. Sicher wäre ich mir im Falle Hamlets: ein ungeheures Gebiss, einer Raubkatze würdig, käme zum Vorschein, könnte man es wagen, den bleichen Prinzen zu exhumieren. Doch das sind Petitessen im Vergleich zu der Frage, worauf der dramatische Biss zugegebenermaßen hinauswill. Vor dieser praktisch unverantwortlichen Frage erstarrt das Publikum, bevor es in hellen Haufen das Foyer flutet und letztlich die Straße gewinnt. Die Straße gewinnen – das wird es sein. Aber um welchen Preis? Wer das Gras wachsen hört, dem ist das Wachstum der Zähne zuwider und er will es nicht sehen. »Ein scheußliches Schauspiel!« murmelt er beinahe tonlos hinter einer geschlossenen Reihe von Zähnen, die er niemandem zeigt außer dem Spiegel, der sich pflichtgemäß schüttelt.

ZAHLKOPF
Dass einer zu Boden fällt, ist ganz selbstverständlich, fragt sich nur, wie er aufkommt, ob als Kopf oder Zahl. Das zu entscheiden fällt nicht immer leicht, es täuscht sich da mancher fürs Leben. Fein heraus sind Leute, die mehrfach aufschlagen, es sei denn, der Mutwille hat sie verführt, aber auch so einer findet leicht Kundschaft. Auf den Aufschlag kommt es an. Was einmal die Unfallstatistik füttert, führt ein andermal eine stabile Lage herbei – den Kopf oben tragen ist weniger Haltung als das, was herausspringt. Das Wort klingt ein bisschen ordinär, weil die Leute nichts anderen kennen als ihren Vorteil, aber es trifft die Sache. Überhaupt das Springen: an unsichtbaren Seilen übt es sich fast so gut wie an sichtbaren. Sie lassen sich leicht höher stellen.

ZAHNERSATZ
Zahnlos sein, das zeichnet den Löwen auf Urlaub, den Löwen a.D., den Löwen an sich, der beschlossen hat, sein Wirken vorbehaltlos dem Wir, der Weltgemeinschaft derer, die guten Willens sind, zur Verfügung zu stellen. Es zeichnet ihn, soll heißen, er fühlt sich in seiner Rolle unaufdringlich bestärkt und manchmal sogar auf unangenehme Weise nach vorne geschoben, als wolle man ihm signalisieren, dies sei nun einmal seine Rolle und er solle sich nicht genieren. Geniert er sich denn? Solange er in Reih und Glied steht, fühlt er sich gern als primus inter pares, doch so, vor der Reihe, allein dem Oberlehrer gegenüber, der an der Tafel die Einsatzgebiete malt, während in den Bänken Tumult herrscht, weiß er nicht recht, was er von der Sache zu halten hat, er wäre gern einer wie alle und weiß, gerade das ist ausgeschlossen, und er weiß den Grund, ohne ihn zu erraten. Er weiß ihn, soll heißen, er blickt auf die Reihen blitzender Gebisse in fröhlichen Raubtierköpfen und träumt von Anschaffungen, die er nicht wird bezahlen können.

ZAUBER
Der Zauber ist faul, ein träger Lump, der lieber zu spät kommt als wirklich zu helfen. Aber es gibt Lagen, da kommt so einer gerade recht. Die wirklichen Helfer verrichten ihren Dienst und sind verschwunden. Das spricht nicht gegen sie, aber auch nicht für sie. Wären sie doch nur ganz verschwunden! Aber das gelingt ihnen nicht. Einmal in dein Leben getreten, schwärmen sie in die  Gegenwarten aus, die noch kommen. Jede von ihnen erinnert an eine fatale Lage, an die du nicht zurückdenken magst. Es sind blockierte Erinnerungen, sie umkreisen dich und ihr Treiben wird zusehends dichter. Auch harmonieren sie untereinander nicht, sie versuchen sich auszustechen, zusammen mit den verdeckten Gesichtern ergibt das den Eindruck einer großen Gemeinheit. Eine Hatz aus nichts, aus den zartesten Anfängen, aus lauter Rührungsresten sozusagen. Dagegen hilft nur der Zauber – nicht der große, niemals aufgedeckte, sondern der kleine Schwindel, dem man nicht von hier bis da traut, den man durchschaut hat, bevor er sein Spiel beginnt, dem sozusagen von sich selbst bereits schwindlig wird. Ein solcher Zauber kommt stets wie gerufen, er hat sich auf diese nicht ergangenen Rufe spezialisiert und kennt sie in- wie auswendig. Wer die unerwiderten Rufe zu den Kostbarkeiten eines Menschenlebens zählt, sollte diese hier nicht vergessen, ebenso ihre prompte Erfüllung. Wie sich nichts von selbst versteht, so auch dieses System der kleinen Erfüllungen, das sich mit der Zeit um und über jeden Einzelnen rankt und das er, wie es ihn, gegen die anderen abschirmt. Lieber bietet er die Oberfläche des Unglücks, eine leere Hülse, deren Anblick viel wirkliches Unglück erzeugt.

ZAUBERWÖRTER
Man hält die Produktion von Zauberwörtern für eine Erfindung der Romantik, doch das ist ein Irrtum, den Studenten zu büßen haben, wenn erst ein sogenannter Abschluss ansteht. Anfangs wissen sie noch nicht, dass es Bußarbeit ist, was da auf sie zukommt, sie wollen, wenn sie klug und nicht ganz so korrupt sind wie ihre Lehrer, ›etwas herausbekommen‹. Dabei stopfen sie unentwegt etwas hinein: Angst-, Schuld-, Beklemmungsgefühle, weil ihnen die Leere dessen aufgeht, was sie sich ›erarbeiten‹ müssen, aber seitenverkehrt. Die Wissenschaften von der Kultur haben etwas Hechelndes. Da die Theorien, auf die es ankommt, kurz sind, werden sie nur im Plural gehandelt – allein das enthält eine Schwierigkeit, die leicht unübersteigbar wird. Entsprechend ist der Anschauungsgehalt der meisten Theorien dürftig und häufig gar nicht vorhanden – eine verzweifelte Kombinatorik vor leerem Tresor, angesichts derer einem nichts aufgehen kann, weder draußen noch drinnen. Da kommt jedes Zauberwort recht: es erschließt und versiegelt auf der Stelle, in einem oder ›ineins‹, um gleich eines der beliebtesten zu verwenden. Verschwommen sehen, verschwommen lesen, verschwommen denken – soviel Bewegtheit verlangt nach etwas Festem, auf dass Verlass ist, jedenfalls bis nach der Prüfung, danach finden sich andere. Schön am Zauberwort ist das Prestige, das es genießt und auf das man sich einlässt wie auf die Innereien eines Sonnenstudios, um ein wenig Sonne auf sich zu lenken, auch wenn kein Strahl am Himmel zu sehen ist. Jedes Wort hat einen kleinen Schalter, an dem man die Zeit einstellen kann, die man mit ihm verbringt, und einen großen Ein-Aus-Schalter, den nur diejenigen betätigen dürfen, denen es Geld, Ruhm und Freizeit einbringt.

ZEITFENSTER
Jesus und Pilatus haben viel Zeit gebraucht, um sich aufeinander zuzubewegen. Man kann auch sagen, sie haben sich Zeit gelassen. Aber was heißt das schon? Nun, da sie einander gegenüber stehen, Gesicht an Gesicht, Kinn an Kinn, Nase an Nase, Braue an Braue, spüren sie beide, dass eine Geste vonnöten ist, wollen sie nicht die Menschen enttäuschen, die sich viel von diesem Treffen erwarten. Beide verfügen über einen großen Vorrat an Gesten und dächten sie darüber nach, es käme ihnen so vor, als hätten sie ihn auf diesen Moment hin angelegt. Natürlich ist das der Grund, aus dem er nicht in Betracht kommt. So, wie sie jetzt gegeneinander stehen, Mann gegen Mann, entscheidet der nächste Einfall darüber, wer von beiden das Rennen macht. Jesus, der Mann, der der Welt ein neues Staunen bescherte, ist da natürlicherweise im Vorteil. Wie immer muss er nur tun, was niemand von ihm erwartet. »Ich werde dich jetzt töten«, flüstern seine Lippen, ohne sich zu bewegen. Auch Pilatus bleibt unbewegt. »Das habe ich erwartet«, flüstert der Stahl seiner Augen, sich in die des anderen senkend. »Sicher?« fragen die unbewegten Lippen, man könnte meinen, sie lösten sich ein wenig aus ihrer Starre, aber das ist der Großaufnahme geschuldet, der sich der Mensch nicht gewachsen zeigt. Auch der Stahl bebt ein wenig und es bleibt reine Spekulation. »Don’t forget«, schreibt der Stahl, er schreibt es in der Sprache des Siegers, dem alles gehört – die Häuser, die Stallungen, die Esel, die Ochsen, die Frauen – und der großmütig darauf verzichtet, seinen Anspruch soweit hinunter durchzusetzen, da ihm doch alles entgegenkommt: satis est. Und nun? »Genug ist nicht genug«, bebt es von unbewegten Lippen – ein schwacher Einfall, wie sich am Gegner erweist, der seine Schergen herbeiruft. »Bevor sie bei dir sind«, bedeuten die Lippen, deren Beben verschwunden ist, »bevor sie bei dir sind, werde ich in dir sein.« Diese Szene kennt Pilatus, er ist ein begeisterter Kinogänger und freut sich, wenn die Wirklichkeit sich ans Drehbuch hält. »He won«, ruft er mit diesem Lächeln, das seine Fans von ihm erwarten, und dreht ihm den Arm nach oben, der ehernen Zinne zu.

ZEITGENOSSE
Irgendwo, in Köpfen oder aus Kloaken, die wir nicht sehen, erneuert sich gerade die Welt – an diesem Gedanken wird jede Zeitgenossenschaft zuschanden. Sie wird zur Schande, nicht gesehen zu haben, an der die Nachwelt unbeirrt festhält. Man hätte sehen können, da es doch andere gab, die sahen, und: man hätte sehen müssen, da es doch anderen (oder in anderen) geschah – zwischen diesen beiden Polen irisiert, was als Vorwurf absurd, als moralisches Gebrechen unabweisbar ist. Zeitgenossenschaft ist ein Konstrukt post festum – Trittbrettfahrer vergangener Zeiten fühlen sich zum Urteil über ihre Mitwelt berechtigt und fordern unnachsichtig von ihr, ihm zu entsprechen. Der intellektuelle Spießer ist Zeitgenosse – wer immer ihm für seinesgleichen gilt, ist ihm weit voraus oder er wurde, als halbseiden, von ihm erkannt.

ZEITPLAN
Der Beobachter hat keinen Zeitplan. Das unterscheidet ihn vom Befreier, dem er sich innerlich verwandt fühlt. Der Befreier, könnte man kalauern, hat keine Zeit, zumindest nicht übrig, da er die seinige völlig in den Zeitplan investiert hat, der ihn vorantreibt. Das sind die üblichen Kalamitäten der Freiheit, die sich schnell zu Paradoxien erweitern, bevor sie als Aporien verkümmern und am Ende von gleichgültigen Horden zertrampelt werden. Doch nicht davon möchte ich heute reden. Heute, Freunde, feiern wir den Beobachter. Der Zeitplan sieht ihn nicht vor. Sicher, es gibt diese Leute, die darauf achten, dass Zeitpläne eingehalten werden, und mancher hält sie für die wahren Beobachter. Nicht so der Beobachter selbst. Er kennt ihre Nervositäten und Tricks, er weiß, wann sie ins Schwitzen geraten und wie sie in ihren Berichten lügen und täuschen. Der Beobachter weiß, dass der Zeitplan, um eingehalten zu werden, zu Maßnahmen nötigt, die – idealiter – keiner sieht: Luftnummern der Geschichte, wie man sie nennen könnte, schnellstmöglich aus dem Gedächtnis zu streichen, wenn alles vorbei ist. In ihnen erkennt er die wahren Übergänge. Ob sie brutal sind oder nur komisch, ficht ihn fast weniger an als das Gefühl, der Zeit auf die Finger zu sehen. Was andere Plan nennen, ist für ihn diese unglaubliche Dreistigkeit zu sagen: HIER GESCHIEHT ES.

ZEITRAND
Man denkt sich die Zeit gerne randlos, in alle Richtungen hin ausgebreitet, jedenfalls nach hinten wie nach vorn, und man nimmt die Rede vom Urknall und dem endlichen Anfang der Zeit als gottgegeben hin wie zu früheren Zeiten das kirchliche Dogma – man weiß, wer dagegen spricht, kommt in Teufels Küche, also lässt man es bleiben. Der Gedanke, dass die Zeit einen Rand hat wie jeder beliebige Gegenstand, löst hingegen ein Befremden aus, das sich in keine Ergebenheit auflöst. Ein Rand, wieso? Ist denn die Zeit ein Ding im Raum? Ist sie begehbar? So fragen heißt, die Einsicht in das Unvermeidliche des Gedankens willkürlich aufzuschieben. Wer dabei verharrt, macht sich lächerlich. »Jetzt lass es gut sein!« »Hör doch mal auf!« Der Zeitrand stößt auf Interesse, wo immer einer ihn aufblitzen lässt. Das kommt daher, dass Ränder gefährlich sind, insbesondere solche, von denen man weiß, dass es dahinter ins Bodenlose geht. Über den Zeitrand schubsen: eine neue Gefahr und ein neues Spiel. Man weiß, dass sich die Leute am Zeitrand drängeln werden, weil das Bewusstsein der Gefahr das Lebensgefühl steigert. Man weiß auch, dass sie Ketten bilden und sich weigern werden, auch nur einen Schritt weiter zu gehen, obwohl dort alles ›normal‹ und ›wie immer‹ auszusehen scheint. Sie werden den Abgrund der Zeit fürchten, weil sie instinktiv wissen: Er ist da. Und sie werden den Rammstoß von hinten fürchten, der sie über den Rand hinaus befördert. Sie wissen, er wird kommen, und sie werden alles tun, um ihn abzufangen. Soviel zur Zukunft.

ZEITRAUM
Der Zeitraum, in dem ich denke, schreibe, male, hat eine Grundfläche von drei x drei Tagmetern. Das ist nicht viel, aber wenn man bedenkt, dass die meiste Arbeit untertage geschieht, sollte es ausreichen. Mit Tagmetern umgehen ist nicht so einfach, ganze Kohorten von Kinowissenschaftlern beschäftigen sich damit ohne Ergebnis. Der junge Mensch, machen wir uns nichts vor, ist in dieser Hinsicht unbedarft. Er kennt die Zelle nicht, in der er sich bewegt. Er hält sich für mobil, aber das ist ein Irrtum. Ein nützlicher übrigens, sonst wären alle jungen Menschen Künstler und das wäre das Ende. Wir haben es an uns selbst erprobt und können berichten. Es gibt Organe, sage ich Ihnen, die daran sehr interessiert sind. Nicht, was Sie denken, aber denken Sie überhaupt? Sie warten doch nur auf die Pointe. Die kann ich liefern. Aber halt, warten Sie. Den Zeitraum, soviel kann ich verraten, erfüllt man durch Warten. Die Wartearbeiten, von denen so viel die Rede ist, erfüllen ihren Zweck vornehmlich dadurch, dass das in die Ferne gerichtete Warten, das den Menschen so eigentümlich ist, umgegossen wird in ein Warten an Ort und Stelle, im Hier und Jetzt. Wie das geht? Das kann ich Ihnen sagen. Wer begriffen hat, dass nichts Besseres nachkommt, wer weiß, dass es gilt, das Nächste zu fürchten, weil es seine eliminatorische Kraft zuallererst an denen erprobt, die es einlassen, für den wird das Warten zu einem kunstvollen Gefüge von Verrichtungen, in denen der Horror vacui überall spürbar ist. – Mach die Tür zu, ich könnte mich anstecken. Letzte Woche schon hatte ich einen Anflug, er hat mich zurückgeworfen und es ging mir nicht gut. Nun bin ich verspätet und muss aufholen. Ja, du hast recht. Nichts von dem, was ich einst wollte, hat sich erfüllt. Und? Nichts davon ist verloren. Mein Werk, mein persönliches, mir auf den Leib geschrieben, ist die Zeit. Ich gestalte sie, ich gebe ihr Raum. Ich überlasse ihr meinen Raum, ich gewähre ihr, was sie am nötigsten braucht: Raum. Ohne Raum keine Zeit. Ohne Zeit kein Ich. Das haben wir beide begriffen, es ist die Grundlage unseres Pakts. Durch mich tritt die Zeit in den Raum aus. Sie darf ihn erfüllen, ich betätige das Ventil. Wehe dem, der mich dabei stört. Ich blase ihn weg.

ZEITVERSCHIEBUNG
Man macht sich selten klar, dass uns die Nietzsche, Freud, Weber so nah sind wie ihnen, zu ihrer Zeit, ein Rousseau, Kant oder Goethe – also sehr nah, während letztere doch für uns, bei aller dokumentarischen Sichtbarkeit, hinter historischen Nebeln verborgen bleiben, in denen man endlos stochern kann, ohne die Frage entschieden zu bekommen, wie es denn nun weitergehen soll mit den geliebten Problembeständen und Menschheitsfragen, deren Beantwortung man nicht gern dem Postboten oder dem Gedankenfriedhof überlässt. Das heißt, wir gewinnen, nach Veränderungen, die uns ohne Beispiel dünken, erst langsam das Bewusstsein der historischen Distanz wieder, das uns den Älteren gegenüber nicht weniger als selbstverständlich ist. Was man Posthistoire nennt, war, bei allem seither sichtbar Gewordenen, ein Gedankenspiel von Leuten, die sich und den anderen eine Zeitlang Ruhe verordnen wollten – nach den ungeheuerlichsten Schrecken, das muss man zu ihrer Verteidigung festhalten. Es ist das klassische Konzept einer Geschichtsbetrachtung aus der Sicht von Siegern und Verlierern: die einen wünschen, dass der einmal errungene Sieg ewig währe und wollen nur noch Verkehr und Kommerz zugelassen sehen, die anderen verlangen, dass die Situation der Niederlage sich nie wiederhole und das Gehäuse der Welt sie ein für allemal aufgenommen habe. Omnipotenz- und Ohnmachtsgefühle können eine Zeitlang zu gleichen Ergebnissen führen. Beide beruhen auf Phantasien, die langsam verblassen und einer realistischeren Weltbetrachtung Raum geben. Die Sieger stehen vor neuen Herausforderungen und die Verlierer begeben sich auf Felder der Auseinandersetzung, auf denen sie sich Erfolg ausrechnen. Der eine oder andere Sieger kollabiert und genießt den Fortschritt, der sich daraus ergibt. Die Fixierung auf die immer gleichen Vordenker führt zu vergleichbaren Ergebnissen: je heftiger die Beziehung, desto abrupter, desto sprachloser kommt das Ende. Oder, schlimmer, das Bereden der Trennung hört nimmer auf und die Zukunft wird zum Appendix der Vergangenheit. Besser wäre es, man trennte sich rechtzeitig und bliebe ›in Freundschaft verbunden‹ – eine Schimäre, aber keine unfreundliche.

ZEITZEUGEN
Zeitzeugen haben eigentlich keine Zeit, da sie nicht über sie verfügen. Über ihre Zeit verfügen andere gleich Naturgewalten, die sich jeder Kontrolle entziehen. In ihren Leben steht ein Zeitfenster offen, durch das andere hindurch zu sehen wünschen, immer und immer wieder, denn dahinter liegt die Vergangenheit pur. Sobald sie es schließen, sind auch sie weg vom Fenster und vom Winde verweht. Das wissen sie und hüten sich vor unbedachten Bewegungen. Damit nicht genug, sind sie ja Zeugen nur im Stand der Gnade, den die anderen ›Zeugenstand‹ nennen: einer Gnade auf Zeit, von denen gewährt, die sie zu Zeugen berufen haben. Auch diese Zeit geht von ihrer Lebenszeit ab, aber anders. Im Zeugenstand bewegt sich die Zeit vertikal. Man könnte versuchsweise sagen, sie fällt von den Zeugen ab – ein lästig gewordenes Kleidungsstück, ehrerbietige Hände tragen es aus dem Saal.

ZERSTÖRUNG, ZERSTREUUNG, ZUFÄLLE, ZWECKE
Verschiedene Grundlagen der Motive fleißiger Täter und Denker. Eines geht oft dem anderen voraus, anderes geht dem ersteren nach. Auch der geschwindeste Kopf kennt seine inneren Landschaften samt den Wurzeln philosophischer Säulen nur wenig und die Hoffnung auf den Tod ist trotz seiner allgemein bekannten Gewissheit kein Ratgeber.
Schon im Pseudo-Wallenstein bat dieser Seni vergebens um eine einzige innere Landkarte, gleich von wem und wäre es die des Kaisers. »Gib er sie mir und Gold soll dir in Strömen fließen.« Seni antwortet: »Mein guter Herr, gäbe er mir die passenden Flügel, Papiere und Stift zu solch einer Reise, ohne zu schaudern wüsste ich ihm die Antwort zu malen. Wenngleich dies auch leicht unser beider Ende bedeuten könnte. Denn ungestraft drängt bloße Neugier sich nicht in solche Höhlen. Auch fehlte dazu die Lampe des Psychopompos.«
Dennoch sollte an dieser Stelle der angeborenen Theogonie jedes einzelnen Menschen gedacht werden, von der er sich weder durch öffentlich vorgetragene Wut, durch Zerstörung von Kirchen oder äußere Zwecke entfernen kann. Je lautstärker die Gotteslästerung, desto näher die Theogonie, die eiserne Wand mit rätselhaften Gesetzen, an die der Lästerer stößt. So lehrte es Garganelli am Abend zu Lichtel. - PM  

ZETTEL
Das Alphazet... was wir uns dabei gedacht haben? Vielleicht nichts, vielleicht nicht einmal das, jedenfalls alles Mögliche. Heraus kam etwas anderes als das, worüber damals gesprochen und sicher auch nachgedacht wurde. Etwas nicht so anderes, muss redlicherweise hinzugefügt werden, dass die Differenz das Gemeinsame überwöge. Also: was uns vorschwebte, war ein Wörterbuch der unnötigen Begriffe, mit Ausflügen in den Bereich der unmöglich scheinenden, aber doch der Begriffe. Das Begreifen also stand im Vordergrund, so wie das Schneiden im Vordergrund steht, wenn man das Messer neu erfindet oder eine neue Sorte Messer auf den Markt wirft, die das Schneiden revolutionieren könnten, wenn die Menschen daran ein Interesse hätten. Für jeden, der liest, steht fest: es steht viel Unbegreifliches zwischen den Zeilen, das ein Recht darauf hat, auch einmal begriffen zu werden, es müsste eben anders begriffen werden, mit unebenen Mitteln sozusagen. Das Alphazet ist zur Welt gekommen wie das Messer zum Leichnam. Allein, für sich, hat es gar keinen Weltbegriff. Erst durch die Häufung der Fälle stellt sich heraus, was sich damit anrichten lässt. So verwandelt es nach und nach das bescheidene Witzwort eines Philosophen, die Welt sei alles, was der Fall ist, in eine ernsthafte Sache. Was, bitte, ist der Fall? Alles, was fällig ist. Nun, heute ist manches fällig, und wir leben heute. Die Welt ist alles, was fällig ist. Fällig war – und ist – das Alphazet. Da steht es und es ist die Welt, hier, heute, morgen, gerade so lange es sich verzettelt.

ZIELPLURIVERSUM
Man kann, was Lola rennen lässt, ›Leben‹ nennen, man kann es auch lassen. In jedem Fall handelt es sich um eine Okkupation. Wer okkupiert hier wen? Das Leben das Leben? Die Besinnungslosigkeit die Besinnung? Aber das stimmt nicht, auch die Besinnung rennt, dass es eine Lust ist, ebenso der Instinkt und alle Instanzen dazwischen. Sie alle sind nach einem Ziel unterwegs. Nein, nicht der Tod ist das Ziel, auch nicht das erfüllte Leben. Das Ziel ist der Okkupant: die einzige Gestalt der Unfreiheit, die dem Freiheitsdrang nicht nur erträglich, sondern unumgänglich erscheint, da sie konturlos bleibt. Das Ziel als unbestimmte Größe – vergleichbar dem Verlangen, der Lust und der Neugier – bleibt weder einfach noch einsinnig, es bildet ein Geflecht sui generis, es erzeugt eine eigene Ebene der Selbstverständigung und der Feinabstimmung: von Tag zu Tag, vielleicht von Minute zu Minute. Es macht den Heutigen, so wie man sagt: Er hat sich gemacht. Das sagt sich leicht und unterschlägt die Mühen der Realisierung. Wer als Kind darauf gedrillt wurde, immer ein Ziel vor Augen zu haben, und sich dann als Erwachsener in einer Welt bewegt, die in toto, soll heißen nach dem Selbstverständnis der Mehrheit ihrer Bewohner, angekommen ist, kennt nur noch Ziele, er lebt in einem Zielpluriversum, das ihn verdauen muss – mit Haut und Haar, mit Mark und Bein, von Sekunde zu Sekunde.

ZIGARETTENASCHE
Man hätte wissen müssen, dass der Kampf um den Menschen vor den Zigaretten nicht haltmacht. Nun ist es geschehen und keiner kann sagen, er habe es nicht gewusst. Man hat es geschehen lassen, als läge man noch in den Windeln und das, was geschieht, gehe wie ein fernes Verantwortungsbrausen über einen hinweg. Die Raucher stehen vor den Türen und treten ihre Kippen in den Asphalt, als wollten sie sich gleich mit zertreten, aber so, dass niemand es merkt. Sie stellen ihr Laster aus, doch sie sind es selbst. Das Laster zeichnet ihre Bewegungen und macht sie kenntlich. »Was sind das für Männer?« fragt das Kind am Arm seiner Mutter, die es hastig weiterzerrt. »Still, das sind Raucher.« »Rauchen Frauen auch?« »Darüber spricht man nicht.« Warum nicht, denkt sich das Kind und beschließt, eine Frau zu werden, um Klarheit zu schaffen. Besser unter dem Schafott leben als daneben, immer zusehen und weggezerrt werden ist langweilig.

ZITATWARE
Offen gesagt, es wird einem nicht wohl unter denen, die alles durchsetzen müssen. Die Durchsetzungskraft bleibt eine Resultante aus Infantilismus und Gemeinheit, was immer man darüber denken mag. Das gilt im Feld der Gedanken, wo die Orchideen immer als erste dran glauben müssen, sobald die Vermesser kommen. Es gilt auch andernorts, doch Vorsicht ist angebracht. Lieber sind mir die Vermessenen, ihr Maß ist die Maßlosigkeit. Das leuchtet ein, bedenkt man, dass sie schon vermessen wurden. Dieses Bedenken! Wenn einer meine Gedanken sichtbar macht, dann danke ich ihm sehr. Was denn sonst? Ich weiß, ich kann nicht mit ihm konkurrieren. Will ich es denn? Wo alles falsch ist, verdirbt das Richtige schnell.

ZIVILSEIN
Wir sind notorische Zivilisten, wir verachten den Krieg der Welten ebenso wie die Feldzüge der Großkonzerne, die wir in Sandkästen nachspielen, kritisches Bewusstsein geheißen, wir erschrecken über die gewalttätigen Zusammenstöße zwischen Zivilisationen, die sich so manches zu sagen hätten, wären sie nur bereit, einander ins Gesicht zu sehen und nicht zu spucken, wir glauben nicht an die Beherrschbarkeit der Natur, speziell der Kernspaltung, zu friedlichen und anderen Zwecken, wir schlafen unruhig, weil wir uns vor der Gewaltbereitschaft der Nachwachsenden ebenso fürchten wie vor dem hemmungslosen Gerede der Älteren, wir sind Heutige, weil wir zu wissen glauben, welche Dämonen im Vergangenen lauern, wir haben die Leichenhaufen in Schwarz und Weiß nicht vergessen, auch nicht in Technicolor, wir gedenken der Asche und sehen mit Schaudern den Finger des Mörders am Hals des Opfers. Unsere Hände sind leidlich adrett, nicht, weil wir fürchteten, sie zu beschmutzen, eher, weil wir das Zupacken für eine unanständige Tätigkeit halten, aus der viel Unheil entsteht. Wir sind mündig, nun ja, man sieht unseren Gesichtern nach, dass in ihnen Münder sitzen, die sich gelegentlich öffnen, nicht, um zu schreien oder zu lachen, sondern um Sätze von gediegenem, der Situation angemessenem Ernst abzusondern, Weinkrämpfen vorzubeugen, die Erregung zu dämpfen, zu begütigen. Wir wissen, was gut oder schlecht wäre, wir wissen schon weniger, was gut oder böse ist, das Vorbeugen nimmt unsere Kräfte in Anspruch, so dass wir manchmal auch gelobt werden wollen, was sogar geschieht. Dieses immer ein wenig Vorgebeugtsein wirbt, warum es verschweigen, um Sympathie. »Es muss doch möglich sein...«: so beginnen viele unserer Sätze, es sind nicht die schlechtesten, möglich ist alles, die Träne blinkt, das Leben hat uns wieder.

ZUBERRENNEN
Beim Zuberrennen gewinnt immer der Beste. »Mach die Schotten dicht, alte Halbleiche!« ist so ein flapsiger Spruch, mit dessen Auslegung einer viel Geld verdienen könnte, der die Wettregeln kennt. Lernen ließe sich daran viel. Die kalten Wächter, die manche Übertretung gesehen und nicht geahndet haben, begießen die Stunde des großen Verlusts. Beim Zuberrennen flattern die Herzen blank, wer mit der Gabel hineinstoßen wollte, hätte sie gleich am Hals. Aber wer will das schon. Alle Sieger werden erwartet, besonders einer, der schönste. Ihm fliegen die Herzen zu, an ihm haften sie wie an Papageno. Sie möchten ein wenig ruhen, die lieben, doch der frenetische Lufthauch lässt es nicht zu. Im scharfen Wind der Konkurrenz liegen sie sämtlich schief. Nur die Zuber, übereinander gestapelt fürs kommende Jahr, geben ein Bild unerschütterlicher Geduld. Wer dieses Gebirge überstiege, träumt der Wanderer, käme ins andere Land, dorthin, wo die Schinken den Bären nachschlagen, auch das kein Honigschlecken, o nein.

ZUCKERBROT
Mein Freund Zuckerbrot, ein entfernter Verwandter des großen Zuckerbrot, der in aller Munde ist, war die verkörperte Allergie. »Was soll ich machen«, sagte er, »wäre ich so verrückt, Süßes zu wollen, bekäme ich sofort Saures. Die Leute fressen mich auf, wenn ich damit anfange. Ich bin in einer verzwickten Lage.« Das schien mir auch so. Dass es mir nicht gelingen wollte, ihn zu bedauern, hat mich immer bedrückt. »Vergiss es«, entfuhr es ihm, als ich ihn darauf ansprach, »du glaubst hart zu sein, dabei bist du windelweich. Wie, zum Teufel, soll man sich an einen Waschlappen anlehnen?« »Ich glaube gern, dass du recht hast«, gab ich, innerlich beunruhigt, zurück. »Aber vergiss nicht, dir das Maul zu wischen, bevor du fortgehst.« Er lachte. »Da hast du mich auf dem richtigen Fuß erwischt, wer mit sich hadert, erntet die letzten Brocken.« »Zumindest fischt er sie auf«, rief ich leidlich pikiert, »was er damit anstellt, steht auf einem anderen Blatt.«

ZU-KLUMP-HAUEN
Kriegsähnliche Handlung mit rechtlichem Beigeschmack. Siehe Unverhältnis­mäßigkeit.

ZUKUNFT
Wir haben, vielleicht zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, einen Zustand erreicht, in dem alle wesentlichen Ereignisse in der Zukunft liegen: von der Erschöpfung der Ölquellen und allgemein technisch-ökonomischer Schlüsselressourcen über diverse denk- und errechenbare Klimaveränderungen hin zu den unmittelbareren Drohungen der Statistik, unter denen der kerntechnologische GAU und der versehentliche oder zielstrebig herbeigeführte Atomwaffeneinsatz zu Recht noch immer die vorderen Plätze besetzen, gefolgt von den Entgleisungsszenarien der Demographen und Seuchenforscher, denen gegenüber sich auch eine so erdabgewandte Disziplin wie die Asteroidenforschung nicht lumpen lassen möchte, nicht zu reden von der seit Lissabon unter Intellektuellen stets ernst genommenen Seismologie und ihren fatalen Szenarien. Was jetzt geschieht, ist schon Schnee von gestern. Überall, wo geforscht wird, öffnen sich mit den Finanzsäckeln öffentlicher oder privater Auftraggeber auch die Abgründe diverser, einander gegenseitig die Priorität des Schreckens streitig machender Zukünfte, angesichts derer die Gespräche der Menschen verstummen und die Gesichter sich wegwenden, so wie man vordem auf lose Reden über den Gottseibeiuns reagierte. Nur die jungen Leute plaudern munter weiter, sie spüren instinktiv, dass sie hier gegenüber den Älteren etwas in der Hand haben, schließlich geht es um ihre Zukunft, sei es auch eine, die in fünfhundert oder fünftausend Jahren ansteht, und die älteren sind praktisch schon tot, jedenfalls kommen sie höchstens als Auslöser des kommenden Unheils in Betracht.
Denn darin liegt der Kern der Angelegenheit: in der Zukunft verdichtet sich das Unheil, so wie einst in ihr das Heil eine sichere Bleibe suchte. Doch Sicherheit erwartet der Mensch hinieden vergebens. Die Verwandlung großer Teile der sogenannten exakten Wissenschaften in Buß- und Fastenpredigten nimmt insofern nicht wunder, als die irdisch modifizierte christliche Heilserwartung vormals diese Maschine in Gang setzte. Wir sehen den aus der älteren Glaubensgeschichte vertrauten Übergang von der Nah- zur Fernerwartung, die Ersetzung der Heilsnotwendigkeit durch die Alltagsnotwendigkeit – es muss geforscht werden, weil der Status quo dazu zwingt – und zuguterletzt die Rückkehr der Dämonen, die ungute Aussicht, durch den angezettelten Glaubenskrieg, den zur materiellen Gewalt der Gegenwart angewachsenen Elan einst friedlich ersonnener Zukunftskonzepte, in Niederlagen nie dagewesenen Ausmaßes gestürzt zu werden – und in Verzweiflungen, als deren Ende sich nur das kosmologisch motivierte Erlöschen der unmöglichen Gattung empfiehlt. Hier steht vorderhand niemand auf, der, das Pfeifchen in der Hand, Wörter wie ›komisch‹ in den Mund nimmt: »Mein Gott, ist das komisch! Hinweg mit dem Höllengeschwafel, wir gehen, auf diesen Beinen und mit diesen unseren Gedanken versehen, über diese Erde und fühlen uns heute so wohl wie gestern, abgerechnet das ungute Gefühl, bei Gelegenheit verbrannt, erstickt, tiefgefroren und geschreddert zu werden, mögen ein gütiger Himmel und mein gutes Recht verhindern, dass es geschieht, solange ich Besseres vorhabe.« Niemand, wie gesagt, schickt sich zu solchen Reden an, sie verbieten sich, wohl erwogen, von selbst. Dergleichen Wohlerwogenheit findet in der Vergangenheit einen harten Kern, der schon deshalb nicht verschwindet, weil unentwegt Gegenwart zuströmt. »Aber es geschieht doch: hier verschwinden Menschen und dort tauchen sie wieder auf, in verstörenden Aggregatzuständen, wenn überhaupt, lasst uns wenigstens gegen die Klimaerwärmung kämpfen

ZUKUNFTSFEST
A, moderat:
»Wir haben, immerhin, zwei Generationen vor uns kennengelernt, deren Leiden an sich Leiden an Deutschland war, am Vaterland, das die Jüngeren gern ›Väterland‹ nannten, um anzudeuten, woran sie ihr Mütchen kühlten. Was danach kam, interessierte sie nicht, sie gaben der Gleichgültigkeit eine Reihe von Bezeichnungen, etwa die, sie müssten das zwischen Himmel und Hölle geteilte und später im Stil einer Provinzposse vereinigte Land ›zukunftsfest machen‹. Und wirklich litt, was nachkam, nicht an Deutschland, sondern an und unter ihnen. Das Wort ›zukunftsfest‹ verweist auf das ältere ›bombenfest‹, das den Nachgeborenen als Metapher erhalten blieb, wohl weil die Bombenarsenale, die sie bedrohten, den direkten Wortsinn nicht länger erlaubten. Bombenfest waren die Rituale, wer daran kratzte, flog raus oder bekam die rote Karte gezeigt. Aber es kratzte ja niemand, einer, der sein Auskommen fand, hatte genug gefunden fürs Leben und begehrte allenfalls Sex. So bleibt als Frage über ihrem Leben die eine: Wie lebt es sich, wenn die Zukunft zur Festung wurde, begehbar nur unter ideologischen Bücklingen und Ehrenbezeugungen für die amtierende Mannschaft? Gut, wird die Mehrzahl der noch Heutigen sagen, gut, sie sagen es, ohne zu lügen, weil die Wahrheit ihnen verschlossen blieb und als ›metaphysischer Restbestand‹ einer kuriosen Verachtung anheimfiel. Was soll auch verachten, wer, wenn er nur anfangen wollte, bei sich selbst anfangen müsste? Schon die Mahnung, moderat zu bleiben und gelten zu lassen, enthält eine Drohung. Wer sich selbst nicht gelten lässt, wie kann der gelten lassen? Daher beginnt das Unheil dieser Generation beim Sex. Er frisst sie auf, weil sie zu keiner anderen Praxis gefunden haben, er verspeist sie bei lebendigem Leibe, denn alles weitere ist Technologie und muss getan werden: hier verwirklicht sich, wessen Leben verwirkt ist. Nein, ich vergaß das Geld, die Musik und den Urlaub – also den Sex. Was daraus folgt? Wenig. Die Zukunft ist kein Fest, sie ist auch kein Test für die Gegenwart. Gehet also hin und vergesst, wer wir waren, es sei denn, der eine oder andere unter uns rafft sich noch auf und strömt über.«

ZUKUNFTSÖFFNER
Alle wollen die Zukunft öffnen, als handle es sich um eine Büchse, aber das Gegenteil ist der Fall. Auch bliebe, falls es so wäre, die Frage des richtigen Öffners eine, die man nicht ausschließlich empirisch lösen sollte, da so eine Dose bei unsachgemäßer Behandlung rascher ramponiert ist, als der praktische Verstand sich das gemeinhin eingesteht. Andererseits bleibt die theoretische Betrachtung einer Büchse, von der man mehr oder weniger nur weiß, dass sie zu ist, unergiebig und führt zu nichts, welches, als erste Eigenschaft einer Zukunft, die keiner kennt, weiteres Nachdenken provoziert. Führt das Nachdenken über die Zukunft zu nichts, so ist nichts zwar kein Ersatz für die Zukunft, doch ausschließlich deshalb, weil nichts Ersatz für die Zukunft sein kann – Zukunft ist unverzichtbar. An dieser Stelle hört man gern Rufe im Publikum: »So kommen wir nicht weiter!«, »Aufhören!«, »Den Unfug lassen!« – Trommeln, Pfeifen, Ungeduld, der ganze Bachtin kommt einem im Rudel entgegen und tanzt den karnevalesken Reibach der Seele. Der Zukunft eine Öffnung – wer nicht hineinkommt, hängt bloß herum und zählt die Zeit der Entbehrungen. Man fragt sich oft, was sie nur schlürfen wollen, wenn sie endlich ein Loch in die Zukunft gestanzt haben und der Saft ihnen entgegenspritzt. Nichts ist besser als die Zukunft und nichts ist verwandter als diese beiden, das kleine Nichts und das große Zu, das unentwegt künftet, was ja nichts anderes heißt, als dass der Saft schon weg ist, wenn sie sich öffnet. Wenn! Große Dinge werden geschehen – manche auch nicht. Das kommende Jahrhundert wird das tragischste der Menschheitsgeschichte sein: unermessliche Katastrophen, gegen die gehalten alles Vergangene wie Sandkastenspiele aussehen wird. Damit kommen wir der Substanz der Zukunft schon näher. Sandkastenspiele, soso. Man trägt den Entwerter in sich und will dabei sein. Die Dummen wollen dabei sein, wenn die Reichen, Schönen und Mächtigen beieinandersitzen oder im Geländewagen die Wüste durchkurven, die Schlauen sehen den Betrug und wollen sich salvieren: das Unbetretene ist ihr Revier und unbetreten ist nur die Zukunft. Eine Büchse, die jeder mit sich herumträgt, aber: unbetreten. Den einzigen Zugang, der halbwegs reell scheint, gewährt die Statistik. Die Fortschreiber dessen, was war und ist, wissen zwar auch nichts, aber sie malen den Verdacht in Zahlen. Man kann der Zukunft die Verschlossenheit nicht verdenken. Wo das Gegenwärtige nichts gilt, hätte sie schon verloren, zu gewinnt sie immer.

ZUNGENSCHLAG
Ein Zungenschlag, und das Weltall birst auseinander. Das ist eine bekannte Tatsache und geschieht alle Tage. Zwei Zungenschläge, und es fügt sich wieder, als sei nichts gewesen. Wie kann ein Weltall bersten? Es ist doch schon alles, geborsten wäre es zwei. Das weiß der Zungenschlag, der sich fürchtet, allein aufzutreten, da er unbedingt vermeiden will, was immer geschieht. Die Suche nach einem zweiten Zungenschlag bestimmt sein Leben und es mutiert zur Recherche. Das ist eine Vokabel der Ehrfurcht, eine Wünschelrute mehr als ein Wort, aber in diesem Fall schlägt sie an. Sie ginge weiter und schlüge den Fels, doch das ist gar nicht nötig: diese Quelle sprudelt von selbst, so sehr hat sie den Tag erwartet, an dem das Wort fällt. Nun, da es fiel, bückt sie sich tief und hebt es auf – entrückt dem Schmutz und den Gefahren der Straße soll es einen Verwahrort finden, vor dem es der Straße graut. Zu den Akten! Das freut den Zungenschlag, da sieht er sich wieder, sich und alles das übrige.

ZURÜCKRUDERN
Man weiß, man ist zu weit gegangen – also geht man hin und versucht es zu korrigieren. Man rudert zurück, wie der Ausdruck lautet, die Enten verfolgen den Vorgang und wundern sich. Wer zurückrudert, tut dies ohne Überzeugung, sein Blick bleibt starr auf die Region gerichtet, die ihm jetzt – nur für eine Weile, wie er hofft – verschlossen bleibt. Deshalb kommt er auch nirgendwo hin, was ihn nicht weiter kümmert, er nimmt es kaum wahr, denn... alles ist jetzt Nirgendwo. Wem Alter und Konstitution das Zurückrudern nahelegen, den halten die Leute für verbraucht. Die Weisheit, die sie ihm attestieren, hat einen verächtlichen Geschmack, es ist die Vorsicht des Angeschlagenen, die sich in ihr bekundet, und hat nichts weiter zu bedeuten. Man erkennt an ihr nur, dass er gewillt ist, sich noch ein paar Jährchen zu gönnen. Wer würfe den ersten Stein? Doch so harmlos ist die Geschichte nicht. Je nach Position wird sie erst richtig gefährlich – wer kein Ziel vor Augen hat außer dem Unerreichbaren, wer selbst dieses vor sich selbst verdunkelt, weil er das Erreichte nicht gefährden möchte, wer nicht weiß und nicht wissen will, in welchem Gewässer er sich befindet, weil es ihn nicht kommodiert, wer nicht weichen will, obwohl alle, ihn eingeschlossen, wissen, dass er nichts mehr erreichen kann, ein solcher Mensch bedeutet das, was man landläufig ein Unglück nennt. Dabei behält man ihn bei, damit kein Unglück geschieht. Währenddessen bewegt es sich geschickt, auf leisen Sohlen, mitten unter den Akteuren.

ZUSAMMENHANG
Man wird, um einen vollständigeren Begriff der Malerei in der Moderne zu erhalten, nicht umhinkommen, die Linie, die sich von Böcklin, Klinger, Marees, dem mittleren und späten Chirico hin zum jüngeren Mersmann zieht, in ihn aufzunehmen. Das ist mit vereinzelten Ausstellungen nicht zu erreichen, ebenso wenig mit einem Gedenkkult, dem die klaren Begriffe fehlen. Man hat genug gesehen, um zu begreifen, dass es mit dem Gesehenhaben nicht sein Bewenden haben kann. Andererseits hat man zu wenig gesehen, um die Dinge im Zusammenhang zu begreifen. Der ›Fall Chirico‹ – in Wirklichkeit ein ›Fall‹ seiner Verfolger – könnte hier von größerem Nutzen sein als der übliche Ausfluss deutscher Gleichgültigkeit und wirklicher Ignoranz. Der ›Rang‹ dieses Malers wurde nie bestritten, nur beschnitten auf eine handliche Auswahl: ein klarer Fall von ästhetischer Entmündigung mit allen bizarren Folgen. Soviel konnte man sehen, um zu wissen, dass er das Malen nie verlernt hat – was gelegentlich vorkommen mag. Übrigens auch nicht das Zeichnen, wie ihm jüngst ein Altschwätzer des Feuilletons vorwarf. Mit Händen und Füßen Front machen gegen die Kunst: Das reizt die Lachmuskeln, auch wenn das träge Gesäß sich vorübergehend als siegreich erweist.

ZUSTANDSDEUTSCHE
Zustände zu haben ist der Verfassung der Deutschen eingeschrieben – nicht jener einst provisorischen, die sich allseits großer Beliebtheit erfreut, sondern der wirklichen, die subkutan schlägt. Eine schlagende Verfassung, in der Tat: Was als Zeige- und Taktstock den Weg durch die Wirrnis der Gegenwart zeigt, dient zugleich als Prügel für alle, in denen es anders fühlt, denkt, redet, klärt: sie müssen hinein in den Zustand, der gerade angesagt ist, wenn sie überhaupt zählen wollen. Unter Demokraten bleibt es erstaunlich, wieviele Menschen in Deutschland nicht zählen, weil es die Haupt- und Staatszähler so beschlossen haben. Man lässt sie leben und füttert sie mit sozialen Privilegien durch, die im Ernstfall bis zum berüchtigen Hartz IV herunterreichen, ansonsten können sie reden oder schreiben, soviel sie wollen, nichts davon kommt in Betracht. Wer kann, lacht, wenn er die Phrase vom ›neuen Deutschland‹ liest, und fühlt sich erinnert. Man kehrt das Elend der Menschen unter den Teppich der falschen Gesinnung und trampelt darauf herum, als sei das Problem damit aus der Welt. Irgendwann werden einem selbst einfache Wörter verdächtig, zum Beispiel ›berüchtigt‹: Wer kommt hier in welchen Geruch und in wessen Nasen? Wer im Aasgeruch lebt, dem schlägt schon der harmlose Nachbar auf den Geruchssinn, bloß weil er sich regt.

ZUSTIMMUNG
Zustimmung ist ein Ausdruck des Vergessens: das wissen viele, aber sie wollen es nicht zugeben, weil es ihre Kreise stört. Besser geben sie die Narren. Wenn etwas stimmt, dann muss man zustimmen. Die Frage ist also: Stimmt’s? Woran sonst soll man es erkennen als an der Zustimmung? Kommt einer daher mit einer Autorität, groß wie die Eiger-Nordwand, dann kann er Zustimmung fordern, er wird sie bekommen wie im Mittelalter die Kirche den Zehnten. In der Sache mag jemand recht haben, ohne dass jemand ihm zustimmt, aber Zustimmung findet er so nie. Wer im Recht ist und Zustimmung fordert, fordert die Menschen heraus. Stimmen sie zu, so fordern sie, dass er Ruhe gibt. So gehen ganze Länder verloren für ein Stück Papier, auf dem etwas steht. Wer nicht im Recht ist, fordert Zustimmung pur, er fordert Zustimmung zu seiner Person und verwickelt sich dadurch in Widersprüche. Das gefällt den Menschen, sie sehen sich involviert und denken, dass man sie ernst nimmt. Der größte Geck fordert den größten Ernst und erhält ihn ohne Umschweife. Wie darf er denn sein? Gar? Halbgar? Roh? Der rohe Ernst ist der heiligste, er ist dem Zorn verwandt, der uns alle tötet, während wir auf den Messias warten. Woher der Zorn? Eine Zustimmung, der ihr Objekt gerade abhanden kommt: da habt ihr euren Zorn.

ZWEI MAGIER
Zwei Magier, einander zuzwinkernd, steuern ihre Wellenschiffchen gegeneinander, sie steuern sie so, dass sie nicht zerbrechen, sondern sich sacht ineinander legen und kunstvolle Schleifen bilden, bevor sie auseinanderfahren und jedes getrennt seiner Wege zieht. Und siehe, auch das ist nur Schein. Draußen, dicht unter dem Horizont, wo unsereins wenig zu unterscheiden vermag, nur Punkte, die sich berühren oder auch nicht, geschieht vielleicht gerade dasselbe, vielleicht auch nicht, jedenfalls eint beide dieses Spiel, halb sichtbar, halb verdeckt, mit Kräften, von denen man wenig ahnt, unbeabsichtigt, unerwartet, nach Regeln, die sie an Fäden aus einem Inneren ziehen, das sich ihnen gerade so öffnet, wie man eine Tasse in der Luft schwenkt, bevor man sie ins Gebüsch wirft: Mag sie finden, wer will.

ZWEITBEWUSSTSEIN
Das Problem des Glaubens ist der Unglaube. Er widmet sich ihm nicht theoretisch, sondern praktisch: durch Gebet, Übungen, Fasten, Kasteiungen nach innen, durch Mission, Überzeugungsarbeit und Bekämpfung der Ungläubigen nach außen. Dabei ist ebenso ›innen‹, was ›außen‹ ist, und umgekehrt. Es entlastet, dem Unglauben, der Unmöglichkeit zu glauben, als Feind ins Auge zu sehen und ihm beizukommen, indem man ihn drangsaliert. Die innere Bedrängnis wird dadurch weitergegeben, externalisiert. Die Entlastung besteht, genauer besehen, darin, dass man zu tun hat. Man gibt sich zu tun und man hat zu tun: das ist eines der Geheimnisse des Glaubens. Daher die Aufgabe, die des Gläubigen harrt, wobei das Deutsche praktischerweise auch die Nebenbedeutung des ›Aufgebens‹, des ›Sich-Aufgebens‹ mit heraushören lässt. ›Es ist mir aufgegeben‹: Von wem denn? Durch was denn? Die Rede von Gott wird hier ganz praktisch, sie eliminiert das Erkenntnisproblem, reduziert es eventuell auf ein Erkennungszeichen. Wer auf Erfolg aus ist, sieht in ihm das Erkennungszeichen. Im Fall des Misserfolgs hat er sich eben geirrt oder den göttlichen Willen falsch interpretiert. Niemals bezieht er den Irrtum auf die ›Idee‹ des Zeichens. Wer ›nichts glaubt‹, hat es hier weder leichter noch schwerer. Er befindet sich im gleichen Fall. Auch er lauert auf Zeichen, auch er bangt darum, dass sie ihm zuteil werden. Auch er will den Erfolg. Auch er ist ein Gläubiger. Auch er gibt einer Idee ›Kredit‹. Diese Idee mag krude sein oder ausgebreitet, sie mag sich mit Bildungsstoff behängen oder mit Erfahrungen aus dem Schlachthaus – darum geht es nicht. Worum es geht, ist jedes Mal dasselbe: glaube ich oder glaube ich nicht, trage ich meinen Glauben vor mir her wie einen Schild oder ziehe ich ihn hinterdrein wie ein Hündchen, ein Zweitbewusstsein, von dem ich mich distanziere, weil ich’s für kindisch halte? Ich möchte aber um keinen Preis von ihm lassen, da es, so oder so, zu mir gehört. Vielleicht möchte ich es ja lassen, aber es trottet weiter hinter mir her und denkt gar nicht daran, mich zu verlassen.
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Und noch vor zehn (!) Minuten, nach ein paar Schlucken warmen Wassers, das ich nach dem Aufstehen in der Früh brauche, dachte ich an nichts anderes, als dass ich Ihnen schreibe, wie ich gestern [...] das Mersmann-Schödlbauersche Alphazet, heruntergeladen und geöffnet habe [...]. Und da habe ich nicht umhin können, mir vorzustellen, wie diese doch brodelnde Gedankenküche ihre Existenz behaupten muss – gegenüber der geradezu scheußlichen Weltrealität, die wir da täglich einatmen. Es sind ja unheimliche Wortbildungen da drin – und Vorstellungen, die richtiggehend einer anderen »Gegen«-Sphäre entspringen und in diesem tellurischen Geistes-Entwurf fortan kreisen müssen. Kompliziert wie eine der berühmten astronomischen Uhren, die nicht mehr repariert werden können, weil uns das Zeug dazu fehlt. Eine Notwendigkeit, also. Eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Was bleibt mir noch gegen die ubiquitäre Wallstreet und die Thatcherische Ausdünnung aller Meistersingerischen Substanz unserer Berufe und noch erhalten gebliebenen Lebensweisen? Das Alphazet – ich kenne es noch zuwenig, verspreche mir jedoch viel davon – könnte wohl, wenn nicht etwas von unserer verlorenen »Ursprünglichkeit« zurückgeben, so uns doch zeigen, wohin einmal der Weg ging, der nun verwüstet ist.
Suitbert Oberreiter