Q

Q
Q, das Davorliegende. Vor der Quelle, vor der Qual: Wo liegt, was davorliegt, immer davor? Die Kinderfrage, die Erwachsene stumm macht, stumm und einfallslos, selbst wenn sie vorher nur so sprudelten. So sieht es aus. Das eben heißt erwachsen sein: der Fragerei entwachsen zu sein, nur Fragen zuzulassen, die auch beantwortbar scheinen, und die anderen aufzuschieben, immerfort aufzuschieben, bis sie sich von alleine erledigen. Gleich werde ich es wissen, aber ich weiß nicht, ob ich noch wissen will – dabei wusste ich längst, wollte nur nicht darüber reden. Aus Scheu? Weit gefehlt. Wenn die Frage dich stumm macht, dann ist das Verstummen die Antwort. »Dummkopf! Warum hast du das nicht begriffen?« Aber die Antwort – du hast sie gegeben! Also hast du sie gewusst. Du hast nicht gewusst, wie man sich zu ihr verhält, also hast du dich zu ihr verhalten. Richtig oder falsch? Das ist hier nicht die Frage. Das kommt später. Oder früher, auch das ist nicht klärbar. Das Davorliegende ist nicht klärbar. Alles klar? Vielleicht, weil hier kein Zweifel denkbar ist. Das liegt vor dem Zweifel, es ist klar oder unklar oder ein Weiteres (Engeres) in sich selbst, aber es entlässt nichts. Es entlässt auch dich nicht. Denke nur, du seist entlassen: wie falsch fühlt sich das an! Und ist doch nur ein Gedanke.

QUALLFUSS

Q
Auf dem Quallfuß erwischt – das tut weh! Die wenigsten Zweibeiner wissen, dass sie ihn haben: Streckfuß und Quallfuß. Was der eine vorlegt, muss der andere bewältigen. Das fällt niemandem leicht, es ist in den seltensten Fällen vorzeigbar, daher bleibt es in der Regel ruhig um diesen Fuß, bloß in Ausnahmesituationen geht es um ihn. Dann ist der Mensch jammerig, er behauptet, es gehe ihm nicht gut, alle Welt sei zu ihm ungerecht, es sei zuviel zusammengekommen: Geht auseinander! Platz da! Er möchte einmal durchatmen können, ein einziges Mal nur, das reicht für ein Leben. Und eben das geht nicht. Es geht nicht! Streck den Fuß, aber lass dich nicht erwischen. »Es geht nicht zusammen!« Gerade das, gerade das. Es geht nicht zusammen und es geht nicht auseinander. Es geht gar nicht. Alles, was Zweibeiner ist, will gehen, es muss gehen und geht. Doch manchmal kann es nicht. Ist der Mensch Zweibeiner? Warum nicht! Nur das Dritte macht ihm zu schaffen.

QUALPAKT

Q
nannte man die nach der Jahrhundertwende an den Universitäten zur Stabilisierung der Wissenschaft gegen den Lehrkörper ergriffenen administrativen Maßnahmen, sprich: die feierlichen Absprachen zwischen Ministerien und Hochschulen, nach denen Forschung und Lehre sich in festen Zeiträumen innerhalb zu- und ausgewiesener Zäune bewegen sollten. Das geschah, wie es hieß, zum Zweck der Ertragsoptimierung, denn auch das Kapital Wissenschaft muss bekanntlich arbeiten, und tatsächlich steigt der Leidensdruck der so aus der individuellen Verantwortung in die kollektive Entlassenen von Fall zu Fall beträchtlich, ohne dass einer wüsste, wo die Grenze des Ertragbaren denn nun wirklich verläuft. Darüber hüllen sich alle Seiten in die Toga akademischen Schweigens. Was im Bereich der optimal zu bewirtschaftenden Großgeräte und -theorien vermutlich ›Sinn macht‹, wirkt sich in Fächern, in denen das Denken anhand von Büchern geschieht, die in der Regel über das Ausleihsystem bequem zu besorgen sind, so aus, dass zügig neben der verordneten Wissenschaft eine verdeckte, private, fast geheim zu nennende, vor den Augen der jeweils heimischen Kollegenschaft sorgsam verborgene zweite Wissenschaft entsteht. Die eine für den Säckel, die andere fürs Gemüt – die doppelte Venus befeuert die Qual der Wahl und sichert Qualität durch funktionale Differenzierung, wie denn sonst.

QUALSICHERUNG

Q
Das also ist die Qual, sagt der junge Mensch, fast lächelnd, ich wusste nicht, dass sie so … schleichend kommt, so wenig aufgeblasen, fast wie das Innere eines Luftballons, dem die Hülle fehlt. Ganz ohne Hülle geht es nicht, aber diese Qual ist wirklich ohne Substanz, und was wäre die Hülle sonst? Da habe ich mich gequält, um der Quälerei durch die anderen zuvorzukommen, was so nicht stimmt, denn die kam früher, sie ist sozusagen durch Induktion auf mich übergesprungen, ich konnte es irgendwann selbst. Ja, ich konnte mich irgendwann quälen und habe alle Prüfungen bestanden, die sie mir auferlegt haben und von denen sie sagten, sie kämen nicht von ihnen, da müssten alle durch, sie selbst... sie selbst. Aber das, was ich jetzt erlebe, das sind nicht sie und nicht ich. Da muss keiner durch, weil es kein Durchkommen gibt. Diese Qual könnte jeden Moment aufhören, ich denke sogar, ich könnte es bewirken, durch ein Wort, eine Geste, durch Aufstehen und Fortgehen. Sie würde noch ein bisschen nachgrummeln, aber der Bann wäre gebrochen und ich könnte sie nicht mehr ernst nehmen, das weiß sie. Ich könnte, sie könnte. Und eines Tages würden wir uns wieder begegnen. Doch nicht, um uns auszutauschen über die alten Zeiten, das ewige Weißt-du-noch. Sie wäre nur wieder da, ein neuer Versuch ihrerseits, mich über das Ziel aufzuklären, das erklärte Ziel, das verklärte Ziel... Warum spiele ich mit den Worten herum, statt mich auszudrücken? Der gute Ausdruck, wohin soll er gehen! Wohin geht der Ausdruck, wenn er den Körper verlässt? Fährt er in andere Körper wie der böse Geist in die Säue? Das wäre lächerlich. Dieser seltsame und selbstquälerische Versuch, die Qual loszuwerden, hilft nur dazu, sich mit ihr zu beschäftigen. Nichts hat sie lieber. Aber taugt er wirklich? Da wäre es ja fast besser, man ließe sie gewähren. Daran ist sie nicht gewöhnt.

QUANZLER

Q
Bei der Jagd nach der Kanzlerschaft muss es Sieger und Verlierer geben, das ist ganz natürlich, es liegt schon in der Natur der Dinge, um nicht zu sagen, es ist die Seele des Spiels: In diesem Satz sind zwei ideologische Stolpersteine verborgen, wer sie bemerkt, kommt weiter, alle anderen müssen zurück auf Null. Apropos Null. Bei einer Aussichtsquote von Null verwandelt sich der Kanzlerkandidat automatisch in einen Loser, wie das im Deutschen heißt, der Sprache des Landes Sisyphos, in dem alles heißer gegessen als gekocht wird – man verbrennt sich dort die Zunge selbst dann, wenn nur rohe Zutaten auf den Tisch kommen, aus denen der Gast sich sein Essen selbst basteln kann. Ein Wahlkampf zum Beispiel, der langsam in die heiße Phase übergeht, besteht praktisch nur aus Ingredienzien, an denen sich jeder bedient, der mitzukämpfen behauptet, sie liegen so ungefähr über den Tisch ausgeschüttet, dass man sich kein Gericht dabei vorstellen kann, es sei denn das Jüngste. Bis dahin ist alles Thema, vor allem das Unausgesprochene –: befragt man von interessierter Seite das Wahlvolk, so will eine Mehrheit die Schlacht ums Kanzleramt »gerade so und nicht anders … bitte kein Themenwahlkampf, bitte, nur das nicht!« Da lächeln die zum Endkampf angetretenen Kämpfer*innen. Sie lächeln ein bisschen zu sehr von oben herab, gerechter und mühsamer wäre es, sie würden hinauf lächeln, der Berg der unausgesprochenen Themen erscheint dem Mitbürger allzu hoch, um weggelächelt zu werden, vielleicht will das Wahlvolk auch selbst weggelächelt sein, weil dann die Qual der Wahl sich von selbst erledigt. Denn wer die Wahl hat, hat die Qual, und wer die Qual hat, beißt sich auch … in den Hintern vielleicht, jedenfalls manchmal, dort, wo es sich so bequem sitzt, solange man sitzt und ausschwitzt, was man an Feuchtem intus hat. Ein Kandidat ohne Fortune, so etwas weiß man, wird niemals Kanzler. Da hilft nur der Ruf nach der Quote, irgendeiner Quote, gleichviel wofür … Quote ist gerecht. Dass ein Kandidat am Ende das doch nicht wird, was zu werden er sich vorgenommen, ist … richtig! Ungerecht. Ein Dilemma. Die Quote, die gute Quote, sie sollte, wie jedes, auch dieses Dilemma lösen. Wer Kanzler sein will und es nicht werden kann, obwohl die Chancengleichheit es ihm in die Wiege gelegt hat, warum, in alles in der Welt, sollte er nicht Quotenkanzler, kurz Quanzler werden? Was spricht dagegen? Der Vorschlag liegt ab jetzt auf dem Tisch, gleich neben den Ingredienzien zu einem Festschmaus, Wahlkampf genannt, jeder kann ihn sich greifen wie eine Hasenkeule, der Kandidat wäre gut beraten, ihn sich rechtzeitig zu eigen zu machen, bevor der alertere, jedoch ebenso chancenlose Konkurrent ihm doch noch zuvorkommt – ein geborener Quanzler, der es nur noch nicht weiß, aber bereits aus tiefster Seele anpeilt.
Man kann davon ausgehen, dass Quanzler auf Halde produziert werden.

QUASSELSTRIPPE

Q
Die Quasselstrippe kennen wir gut, wir sind alle dabei, wenn sie loslegt, doch den Anfang haben wir schon verpasst. Die Quasselstrippe ist bereits in Fahrt, bevor die Fahrt beginnt, in der Hinsicht ist sie autonom, nicht reaktiv. Sie reagiert, ohne zu reagieren, darin liegt ihr soziales feeling, ohne das sie einpacken könnte, ihr Gequassel vor allem, denn sie strapaziert Nerven, die sie nicht kennt, bloß aus dem Gefühl heraus, mit ihnen bestens vertraut zu sein. Der Quasselstrippe gegenüber ist keiner allein, er verschmilzt mit dem großen Wir, das weiß, wie Gesellschaft geht. Allein wäre er ihr gnadenlos ausgeliefert, so kennt er sich aus. Dafür wendet sie sich auch an keinen allein, sie will Mithörer, vor allem solche, die sich nicht zu erkennen geben. Sie weiß, das menschliche Ohr ist ein Loch, durch das alles hinein spaziert, was aus ihrem Munde kommt. Denn sie hat ein apartes Stimmchen und alles, was sie damit formt, ist artikuliert. Im Grunde will sie nur das: artikulieren – sie hat diese Fähigkeit einmal in sich entdeckt und hält sie seither für menschlich.

QUASTIKON

Q
Im Quastikon stehen die Bahnen still und alle gehen zu Fuß. Grund ist eine Vereinbarung, getroffen vor langer Zeit: So weit die Füße tragen, ist Ruh. Im Quastikon ist das menschliche Ruhebedürfnis endemisch, es geht weit über alles hinaus, was in anderen Provinzen davon zu spüren ist, es ist Gesetz. Wie kommt eine Provinz zu einem solchen Gesetz? Ganz einfach: durch Provinzialität. Die Oberen haben es durchgesetzt und die Unteren … die Unteren … halten sich dran. Warum? »Hier ist Quastikon«, teilen sie breitmundig mit, sie gurgeln ein wenig nach, um sich Nachhilfe im Quastikantentum zu erteilen, ein richtiger Quastikant erkennt den Fremden auf dreißig Schritt. Im Ausland trifft man Quastikanten fast nur auf der Bahn, sie lächeln verzückt und betonen: »Ich fahre gern.« Wohin? »Das ist nicht so wichtig, ein Ziel findet sich immer, Hauptsache: weit weg.« Weg wovon? Da lächeln sie milde, die Quastikanten. So schön kann Heimweh sein. »Wir haben die Welt verändert«, sagen sie stolz, »wir haben getan, wovon alle Welt redet, ohne dass etwas geschieht. Bei uns ist es geschehen und davon erholen wir uns jetzt. Ihr habt alles noch vor euch, dafür bedauern wir euch. Aber wir helfen gern.« Der Mitreisende denkt sich: die meinen es ernst. An der nächsten Station ist er weg. Im Quastikon, denkt er sich, gehen die Uhren anders. Aber warum? Sie nehmen ernst, was bei uns Geschwätz ist. Vielleicht war es auch bei ihnen nur Geschwätz, bis sie beschlossen, es ernst zu nehmen. Muss man sich nicht ernst nehmen? Ist das nicht der einzige Weg zur Selbstachtung? Was tun, wenn man durch und durch Geschwätz ist?

QUEERELIE

Q
Sie gefiel allen gut und blühte nur eine Saison, aber heftig. Den Rest finden Sie hier.

QUELLFORMAT

Q
Im Quellformat ähneln sich alle Dinge, aber das geht schnell auseinander. Es liegt an der Größe, denken die Menschen, sie verwechseln Format und Größe, der Fehler liegt in ihrer Natur. Das Quellformat eines Politikers zum Beispiel bestimmt nicht die Windel – das wäre ja absurd. Im Quellformat ist Politiker, wer etwas bewirken will: das Wirken allein, das alle anderen ausfüllt, reicht ihm nicht, es fehlt das kleine ›be-‹, das groß werden möchte, größer als alles andere, riesengroß, zum Staunen groß. Politiker ist, wer staunen machen möchte. Doch da ihn das mit den Zauberkünstlern und überhaupt den Künstlern verbindet – eine Verwandtschaft, die selten geleugnet wird –, muss etwas hinzukommen: das Erschrecken. Worüber erschrecken die Menschen am heftigsten? Über die Verwandlung der Welt. Also ist Politiker, wer die Welt verwandeln will. Ihr den Stempel aufdrücken – so heißt das. Zu Glück für die Welt sind die verfügbaren Stempel rar. Zum Unglück für die Welt sind es meist Dummköpfe, die, auf verschwiegenen Pfaden des Schicksals, an sie herankommen und sie erbarmungslos schwingen. Darin liegt ihre Chance, Verbrecher zu werden – große Verbrecher, zu kleinen hätte es nicht gereicht.

QUERDENKER

Q
Vor dem Querdenker steht der Kreuzdenker, aber er wird nicht mehr gern gesehen. Er hat sein Kreuzchen gemacht und niemand hält ihn auf: Dort ist die Tür! Gefragt sind Querdenker, sie sind die geborenen Abderiten und passen durch keine Tür. Gefangene ihrer Neugier, können sie es nicht lassen, ihr nachzugehen. Nichts, behaupten sie mit Nachdruck, hält sie auf. Man könnte sie auf den Türrahmen hinweisen, aber der ist für sie ›kein Thema‹. Das Querdenken, glauben sie, hält sich an keine Rahmenverpflichtung. Sein Fall ist der freie. Verbinde das Unverbundene, das schmerzt am Anfang, aber am Ende leuchtet es ein. Wem leuchtet es ein? Das ist eine gute Frage, schwer zu beantworten, denn niemand weiß, wer dafür in Betracht kommt. Vielleicht sind es neue Leute, eben angekommen, sie wissen nichts vom Querdenker und seiner Geschichte, sie halten ihn für den Vordenker und machen ihr Kreuzchen gern. Sie könnten auch nachdenken, die Guten, aber das Kreuzchenmachen geht schneller und lässt die Hände frei, man weiß nie, wem man gleich damit an die Gurgel geht.

QUERSCHENKER

Q
Man schenkt, was man hat, man schenkt, was man zu entbehren weiß, ein Tor schenkt, was er anschließend dringend benötigt, weil der Verlust ihn mental überfordert, das kommt vor, das geht nicht wirklich ans Eingemachte, es greift nur ans Zwerchfell, das geht schon. Was nicht geht, das ist das Querschenken, bei dem einer hergibt, was er gerade empfängt, so dass Schenker und Beschenkter blitzschnell die Position wechseln, man könnte auch meinen: ineinander übergehen oder bis zur Unkenntlichkeit miteinander verschmelzen. Der Witz des Schenkens liegt aber in dem überwältigenden Gefühl, beschenkt zu werden – das zur Gegengabe drängende Bewusstsein setzt später ein, vom Bewusstsein, beschenkt zu werden, trennen es Lichtjahre. Wer angesichts eines Geschenks gleich daran denken muss, was es ihn kosten wird, der fühlt sich nicht beschenkt, er kennt dieses Gefühl vielleicht gar nicht oder er hält das Geschenk für ein Übel. Über diesen fatalen Zustand ist der Querschenker weit hinaus. »Alles geschenkt«, denkt so einer und schenkt wie beschenkt, sein Geschenk ist, beschenkt zu sein und zu schenken, zu schenken und beschenkt zu werden, er teilt aus, um nicht einzustecken, denn: er mag nicht einstecken. »Warum einstecken? Die Freude ist kurz und das Leben geht auch vorbei.« Kundige nennen das: Tantenfieber.

QUIETSCHORGIE

Q
Eine Quietschorgie kommt selten allein, meist sind es mehrere, die zusammenfallen, denn nur so kommt es zum Konzert. Und nur wenn es zum Konzert kommt, gelingt die Orgie. Man könnte also, als Analytiker, zu dem Schluss kommen, die Quietschorgie sei als solche unerträglich und schreie nach Vollendung in der Menge. Wirklich ist sie, recht gehört, ein einziger Schrei nach Gemeinsamkeit, eine Inbrunst auf dem Weg zur Erlösung, die in ihr steckt, aber nicht herauskommen kann, solange die Vereinzelung andauert. Nun dauert, recht betrachtet, die Vereinzelung an, solange der Einzelne existiert. Daher ist die Quietschorgie, wohlgemerkt: recht gehört, ein einziger Schrei nach Aufhebung der Existenz. Gelingt die Aufhebung im Konzert? Oder liegt im Konzert das gelingende Eingeständnis, dass Existenz und Erlösung im Kern eins sind? Wie kann das möglich sein, da sie doch radikal verschieden sind? Die Lösung des Rätsels liegt im Kern. Wäre die Existenz eine Nuss, so wären wir alle Nussknacker. Stattdessen sind wir Türen, die beim Aufgehen quietschen und quietschen, wenn man sie schließt, der Kern ist die Angel und die Erlösung der Öltropfen, vielleicht gibt es deshalb so viele schmierige Existenzen.

QUINSEL

Q
Dieses Wort gab es eben noch nicht und jetzt ist es da. Was wie eine creatio ex nihilo aussehen könnte, entpuppt sich sogleich als Abfolge völlig stringenter Denkschritte – im nachhinein, wie denn sonst? Nichts ist je so logisch erdacht worden wie das Quinsel. Oder war es der Quinsel? Die Quinsel vielleicht? So konservativ ist das Denken – es weigert sich, nicht aus Überzeugung, sondern aus Nachlässigkeit, vielleicht auch aus Vorsicht, mit Feminin- oder Maskulinformen zu beginnen. In welches Abseits käme man da bereits zu Beginn? Obwohl … es gäbe genügend Leute, die gleich mit dem Hauen und Stechen anfangen, man braucht sie nur aufeinander loszulassen. Wäre das stringent? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Was diese Leute denken, ist ohnehin schwer zu ergründen, über kurz oder lang haben sie sich so ineinander verhakt, dass dem armen Quinsel die Luft ausgeht, noch bevor es recht zu atmen gelernt hat. Es atmet also? Willkommen in der Welt der Lebhaften, der Atemholer, der Lungenblütler, der Sauerstoffverbrenner, der Weltvernichter! Willkommen, verdammt – wo ist da der Unterschied? Es schweigt. Das Quinsel schweigt. Was soll man aus ihm herausbringen, solange es schweigt? Nichts, praktisch nichts. Könnt ihr nicht einmal aufhören zu schreien? Dieses endlose Geschrei verschreckt das Quinsel, seht doch, es flüchtet schon. Ein Fluchttier! Also das ist mir schon fast zu bestimmt. Gerade noch nicht vorhanden und bereits scheu. Man hätte es wissen müssen.

QUITTANT

Q
Wollten Sie nicht quittieren? Warum sind Sie noch da? Was hält Sie auf? Hier, eine kleine Unterschrift und Sie sind frei. Sie erbleichen doch nicht? Da bin ich aber froh. Sehen Sie, ich dachte schon, Sie wollten etwas sagen, aber jetzt ist alles gut. Wer nichts zu sagen hat, lebt zum Teil erheblich länger, jedenfalls verrät uns das die Statistik. Sie haben doch nichts zu sagen? Dann können Sie alles werden, Präsident um Beispiel, das wäre noch ein Pöstchen. Möchten Sie es? Nein? Ich kann Sie verstehen. Sie fürchten das böse Erwachen, aber da kann ich Sie beruhigen. Es wird kein Erwachen geben, nicht für Sie. Wer nichts gibt, dem wird nicht gegeben, selbst Ihnen nicht, der Sie alles geben, wie mir Ihr Trainer versichert. Warum stellen Sie sich so an? Ihr Trainer ist ein guter Mann, besser wäre, Sie nähmen das nächste Mal eine Frau. Das muss ich Ihnen jetzt nicht erklären, oder? Wozu braucht jemand wie Sie einen Trainer? Reine Neugier, müssen Sie wissen, ich wüsste gern, was in Ihnen vorgeht. Sagen Sie’s nicht, behalten Sie’s! Sie haben einen Mund, das überzeugt mich, aber lassen Sie ihn zu. Ich will es selber herausbekommen. Alles, was aus Ihrem Mund kommt, klingt – entschuldigen Sie! – so banal. Schöne Vokabel übrigens, ›ba-nal‹, man schmeckt das Nasale heraus und das Basale, da hat man schon, was man braucht, Kopf und Fuß, das ganze Verhältnis. War es nicht das, was sie einmal wollten: die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen? Ich erinnere mich flüchtig, so etwas gelesen zu haben, verstehen Sie, ich habe jetzt Zeit und lese gerade sehr viel, darunter diese alten Sachen von Ihnen, ich meine, das, was damals schon alt war, als Sie es für sich entdeckten. Es war dann ja auch an der Zeit. Sie waren einmal an der Zeit, erinnern Sie sich? Heute sind Sie am Drücker, so ändert sich das. Eigentlich hat sich wenig geändert, nur die Verhältnisse, ich meine, sobald Sie quittieren, sind Sie sie los. Was heißt das, Sie kommen mit ihnen zurecht? Habe ich das bestritten? Wer, wie Sie, mit allem zurechtkommt, der kommt auch damit zurecht. Sie sind ein Kärrner, hat man das Ihnen gesagt? Es kommt nicht darauf an, dass einer den Karren in den Dreck fährt, es kommt darauf an, wie er es tut. In der Beschränkung zeigt sich der Meister. Ein Meister der Beschränktheit zum Beispiel … warum werden Sie blass? Ich habe doch gar nichts gesagt. Ein Meister der Beschränktheit zum Beispiel akzeptiert jede Beschränkung, weil er weiß, er kann was draus machen. Er weiß noch nicht, was er draus machen wird, aber er traut sich die Aufgabe zu und darauf kommt es an. In diesem Sinn sind wir alle ein wenig beschränkt, finden Sie nicht auch? Jeder ein Meister seines Fachs. Drum sitzen wir jetzt auch hier und nicht draußen unter der Brücke, dort, wo es kalt ist. Erinnern Sie sich noch an die Penner, damals, als alles anfing? Solidarische Zeiten, wo sind sie hin? Die Penner von damals, wo sind sie hin? Penner sind immer von heute, wussten Sie das? Sie haben keine Vergangenheit, sie haben keine Zukunft, sie haben bloß dieses Heute. Eigentlich sind sie, was wir immer sein wollten, nur wollten wir nie so sein wie sie. Wir haben das nicht erkannt. Etwas hielt uns davon ab, diesen Weg zu beschreiten. Quittieren Sie jetzt, damit wahren Sie Ihre letzte Chance. Danach ist’s aus, das wissen Sie doch. Ich sage nicht, Sie sollten sie nutzen, das steht mir nicht zu, es bleibt Ihre Entscheidung, ich mische mich da nicht ein. Es tut übrigens nicht weh, falls das eine Rolle spielt, ich habe mich erkundigt, natürlich, wo denken Sie hin, ich kann es auch gern selbst bestätigen.

QUOTENFRAU

Q
Das Instrument, Statistiken zu fälschen, indem man willkürlich herstellt, worüber sie Auskunft geben sollen, ist bekanntlich die Quote. Das Problem der Quote besteht darin, dass sie Repräsentanzen schafft, wo Leistung – oder, vorsichtiger gesagt: Fähigkeiten, Bereitschaft, sie zu nutzen, das Leben in den Dienst einer Aufgabe stellen etc. – gefragt wäre. In den Parteien ›hat‹ man daher, wie man sagt, ›kein Problem‹ mit ihr, jedenfalls, solange es um repräsentative Posten geht und man darauf vertrauen kann, dass Politik, die ›für die Menschen‹ gemacht wird, von den gleichen Menschen gutgeheißen und kontrolliert werden sollte. Auch die Wirtschaft bietet eine Fülle lukrativer Stellen, die im Prinzip, soll heißen in der Realität, jedermann ausfüllen kann und in denen es meist um Kontrolle geht. Hier können Quotierungen, gesellschaftspolitisch gesehen, höchst wünschenswert sein, im übrigen sind sie gleichgültig. Anders steht es um Bereiche, in denen, zumindest dem Anspruch nach, die ›reine Leistung‹ zählt: dazu gehören sicher die Wissenschaften, auch wenn der Rest der Gesellschaft sich dabei ein Lächeln abquält. Dort findet man die falsche, die verschleierte, die Quote durch Unaufrichtigkeit: das willkürliche Hoch- und Herunterreden erbrachter und in Aussicht gestellter Leistungen durch Auswahlkommissionen, die nur der Wissenschaftlichkeit verpflichtet sind und dabei schön sein, das heißt: Resultate vorlegen wollen, die auch gesellschaftspolitisch ›vertretbar‹ sind und einen Sinn machen, vielleicht sogar zwei. Oder drei? Oder vier? Etwa die, dass jede dieser Auswahlen auf Auswahlen fußt, die ihnen voraus gehen und denen entsprechende Auswahlen voraus gegangen sind? Leichte Verschiebungen der Skalen, uneingestandene Präferenzen, Typusselektionen, die ganze anonyme Verteilung von Rücken- und Gegenwind für Leute, die keine Ahnung davon haben, warum gerade sie die Lieblinge sind, während andere nicht von der Stelle rücken? Hier geschieht, was stets geschieht: das Bild der Quotenfrau bliebe unverständlich, wenn nicht der Quotenmann ihr vorausginge, an dessen Zustandekommen, machen wir uns nichts vor, das Geschlecht und seine Vorlieben ebenfalls kräftig beteiligt sind, übrigens schon bei Mutter. Das Besondere der Quotenfrau besteht darin, dass sie gewollt wird. Eine Praxis, die ansonsten zwar unausrottbar, aber nicht ›angestrebt‹ und nicht gemeint ist, jedenfalls nicht im Allgemeinen und im Ergebnis, wird hier forciert und offen gefeiert, um, ja gewiss, Statistiken zu fälschen.

RADFAHREN

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»Eine Zeitlang sah es so aus«, sagt G. und rührt eine Nadelspitze Zucker in seinen Tee, »als sei das Radfahren als gesellschaftliche Metapher endgültig passé. Aber seit man diese Erlebnisparks für Radfahrer eingerichtet hat, auf denen sie pfeilartig wie Boten Apolls mit starrem Blick aneinander vorbei in die Zukunft rasen, bin ich mir dessen nicht mehr so sicher.« »O ja«, sinniert Adler, »da wäre viel zu bemerken. Was die Leute Karriere-Dschungel nennen, ist in Wahrheit ein Gewirr aus Radwegen oder die  Kreuzungsfreiheit als Illusion.« »Wie meinen Sie das?« will G. wissen. »Wie ich es sage. Die Idee dabei ist, die Augen so starr geradeaus zu halten, dass alles, was von der Seite naht, gar nicht erst in den Blick kommt. Das gibt ein angenehmes Gefühl der Sicherheit und die Empfindung, aus der Gegenwart direkt in die Zukunft hineinzupreschen.« »Was öfter vorkommen soll.« »Gestern hat mich einer, der durch einen Fußgängerpulk hindurchschoss, als sei er Luft, fast gestreift.« »Dieses ›fast‹ beschäftigt die Leute. Einmal hörte ich, wie sich eine ältere Frau über die Polizei beschwerte. ›Sie sieht nichts. Sie tut so, als gäbe es diese Leute nicht. So ist es immer.‹ Mein Gerechtigkeitssinn ließ mich einwenden, dass es eigene Polizeifallen für Radfahrer gebe - umsonst. ›Wer da hineingerät, ist kein Radfahrer, sondern...‹ Sie kramte nach dem richtigen Ausdruck, ich sprang ihr bei: ›einer, der es eilig hat?‹ Da sah sie mich an und ich entdeckte die Entrüstung in ihrem Gesicht.« »So ist das. In der Jugend haben sie es eilig und im Alter rufen sie die Polizei.« »Nichtsnutze. Sie drängen sich an der Schuld vorbei wie an einem umgekippten Mülleimer: Nur weiter.« »Es sind Zeitlawinen. Ein Fuß oder ein Schrei hat sie gelöst, jetzt rasen sie zu Tal. Wer ihren Weg kreuzt, ist schon verschwunden. Mag sein, er erwacht in einer anderen Welt.«

RADIKALSEIN

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Radikal sein, an die Wurzeln gehen, ist an einige Voraussetzungen gebunden, zu denen, nicht zuletzt, das Sich-Bücken gehört: eine menschliche Geste, in der sich Furcht und Aufmerksamkeit unentwirrbar vermengen. Man nennt das gemeinhin Verehrung – für die Ursprünge, das Unscheinbare und Kleine und doch so unendlich Kostspielige. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Das Spiel mit den Kosten, in diesem Fall zumeist Unkosten genannt, bringt das Radikalsein in Gang und hält es in Schwung. Welch ein Aufwand, radikal zu sein! Und doch, wie minimal dieser Aufwand. Jeder Radikalismus ist ein Minimalismus, der sich als Maximalismus verkleidet und seine Kosten nach außen trägt. Dort ruhen sie, träge, bis sich einer der Sache annimmt. Dann explodieren sie.

RAPID

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Dem betulichen Kino folgt das rapide auf dem Fuß, das rapidere dem rapiden. Aber das täuscht, denn die Betulichkeit steht den Rapiden überall auf den Hacken. Im Roman ist es dasselbe: je schneller die Lektüre vorankommt, desto langsamer schleift das Verstehen hinterher. Da es aber nicht zurückbleiben kann, da es immer zur Stelle ist, egal, ob man es brauchen kann oder nicht, fordert es seine Recht: jetzt, sofort, auf der Stelle. Das hohe Tempo erzeugt Langeweile – versteht man nichts, ist es nichts, hat man schon verstanden, ist es auch nichts. Es schadet auch nichts, denn wenn man jetzt, just in time, alles mitbekommt, solange nur der Faden nicht abreißt, solange nichts unterbricht, dann sagt man anschließend »schön war’s« und geht seiner Wege. Darin klingt Dankbarkeit an, die Dankbarkeit dessen, der schon vergessen hat, was für ihn getan wurde, was ihm angetan wurde, was er sich selbst zugefügt hat, als er sich auslieferte. Man ist mitgegangen, daran kann doch nichts Falsches sein, es hat uns köstlich amüsiert und jetzt wollen wir damit in Ruhe gelassen werden. Ein Jegliches zu seiner Zeit. Das Unbegriffene, das einem nachgeht, ist lästig, solange keine Denkernatur sich seiner annimmt. Und das kommt seltener vor, als man denkt, sofern das denkbar erscheint. Deshalb ist Betulichkeit die natürliche Gangart derer, die gerne hasten. Sie rennen vor, um zurückzufallen, es sind die geborenen Trödler.

RAUMGREIFER

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Ein Land, in dem die Automobilproduktion brummt, bringt keine Gedichte hervor, und wenn es welche hervorbringt, dann will niemand sie lesen. Nichts regelt das Denken sinnreicher ab als der seriell gebuchte Urlaub unter exotischer Sonne, ein jährlicher Zwischenstopp in einer psychiatrischen Anstalt unter dem Einfluss klug dosierter Medikamente kann nicht besser anschlagen. Wer das ganze Jahr drin ist, muss, so oft es geht, raus: das leuchtet ein und bringt an den Tag, was einer unter Leistung versteht und was draußen los ist. Der Doofe Rest sitzt vor der Glotze oder schaufelt Spanferkel in sich hinein. Das Land mit den fettesten Etats schickt seine Professoren zu den begehrtesten Symposien, das ist doch klar, den Rest darf jeder sich ausmalen. Soweit die Grundlagen, allein die Regel reicht weiter, bis jenseits des Horizonts, das ist wichtig zu wissen, weil Horizontweitung zu den Pflichtübungen gehört, die jeder absolvieren muss, der etwas werden oder bleiben will, also jeder. Auch der geweitete Horizont bleibt Horizont. Ein bisschen ausgeleiert vielleicht, aber im Kern ungefährdet. Man schickt sich in die Welt, man schickt sich um die Welt. Man schickt sich.

RECHTSLIBERTINAGE

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Ein Jahrzehnt als Befreiung deklarierter Libertinage und anschließend dreißig Jahre ›Frauenbewegung‹, um die Preise wieder in die Höhe zu treiben – die Proportion macht nachdenklich und würde es noch mehr, hätte nicht der misstrauisch beäugte Zuzug aus anderen Kulturen die sexuelle Konkurrenzsituation längst auf neue Füße gestellt. Da hilft nur Dame Justitia: neue und erweiterte Straftatbestände, die sich jenseits der ›klassischen‹ Missbrauchs- und Vergewaltigungsdelikte tief in die Bereiche des Unbezeug- und Unbeweisbaren hineintasten, als blühe gerade dort in berückender Selbstbestimmtheit die blaue Blume Weiblichkeit. Nur war und ist Venus nicht überall mit dem Recht im Bunde, sie führt, wie Literaturen in aller Welt bezeugen, ihr eigenes Recht mit sich und die Jurisprudenz ist gut beraten, ein gewisses Maß an Anerkennung dieser Macht gegenüber walten zu lassen. Es wäre daher nicht schlecht, wenn auch der Gesetzgeber hier tatbestandsweise ›Prudenz‹ walten ließe, statt den kontinuierlichen Verschärfer zu geben. Jeder Brauch führt seinen ganz eigenen Missbrauch mit sich, der sich zwar eindämmen, aber nicht eliminieren lässt, es sei denn, die Bräuche ändern sich wieder – um den Preis neuer Missbräuche. Bekanntlich ist das Gros der sexuellen Bräuche alt und relativ verbreitet, die hochgepeitschte Änderungserwartung daher in gewissen Fällen kaum mehr als einer der vielen Wege ins Nichts, die mit dem schönen Namen der Emanzipation zu dekorieren man sich einmal angewöhnt hat.

REDENS-ARTEN

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Man kann von Bildern nur metaphorisch reden, das heißt in Bildern. Man kann diesen Sachverhalt bildreich verschleiern, aber am Ende wird man auf ihn zurückkommen. Man redet über Bilder, man spricht über Bilder, man redet, weil einem dieses oder jenes Bild zum Reden Anlass bietet: das sind drei unterschiedliche Weisen, sich redend auf Bilder zu beziehen. Im ersten Fall geben Machart, Motiv, Preis, Geltung, Herkunft des Bildes den Ton an, im dritten die Befindlichkeit des Betrachters, seine Ziele, Interessen (auch theoretische), Gefühle, sein Desinteresse, seine Verschleierungsabsichten, sein Ausweichen vor Gesprächen, die stattdessen geführt werden müssten, das flüchtige Stop and Go der Wahrnehmung, seine Eitelkeit, seine Prahlsucht, sein Redebedürfnis – all das wandert in die verbale Gestalt des Bildes hinein und macht es genieß- oder ungenießbar. Und all das hat mit dem Bild, streng genommen, nichts zu tun oder nur insoweit, als es die geduldige, unendlich gleichgültige Folie darstellt, auf der es sich vollzieht und die vielleicht bereits vergessen ist, wenn die Rede ihr Zentrum erreicht, falls sie so etwas überhaupt besitzt. Der zweite, mittlere Fall meint das Im-Gespräch-Sein, den erreichten gesellschaftliche Status eines Bildes: es ist, wenn es soweit kommt, eine Art Person geworden, jemand, der mit am Tisch sitzt – im Modus der Abwesenheit, versteht sich, damit man über ihn sprechen kann, so wie ein Jubilar anwesend-abwesend ist, wenn die Worte feierlich werden, oder wie ein Mörder realiter abwesend sein muss, damit das Gespräch über ihn so recht in Gang kommt. Ein solches Bild kann noch immer ein Nichts sein, eine Null, aber es hat etwas bewirkt – es hat erreicht, dass man über es spricht, es hat, in der Narrensprache, Karriere gemacht. Vielleicht ist es jemand, über den man zu Recht spricht, eine richtige Persönlichkeit, jemand, den man nicht kennen kann, ohne sich auf die eine oder andere Weise zu ihm zu verhalten. Diese Art des Sprechens ist unerschöpflich und unbegrenzbar, sie hat ihre Zeit und sie hat ihre Phrasen. Sie verfährt nach Mustern, die jedem vertraut sind, aber in jedem Zirkel anders interpretiert werden – wer den Ton nicht trifft, wer die augenblickliche Valenz der Wörter nicht richtig taxiert, wer nicht in diesem Augenblick dazugehört, woher er auch kommen mag, erntet das Schweigen, das er fürchtet wie der Düvel das Weihwasser. Reden wir also vom Bilde.

REICHSGRÜNDER

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Seit die Deutschen in Europa auftauchten – das ist lange her –, gründen sie Reiche, aber vergeblich. Es liegt ihnen im Blut, vielleicht auch in einer anderen Flüssigkeit, die nicht herauswill, sie können nicht anders. Es ist ein wenig ihr Hobby, schrieb einer aus dem Tross ihrer ungleichen Vettern, als die noch etwas von der Sache verstanden. Daher nahmen die Westdeutschen es als Glücksfall, dass Frankreich nach dem Total-Desaster des Dritten Reichs aus nüchterner Überlegung ihnen das nächste Projekt auf die Reißbretter schob – die Zeit schien reif dafür und das etwas anders genannte Reich blühte, vor allem deshalb, weil es ein bisschen zu sehr von dieser Welt war – als Wirtschaftsunion –, und auf der anderen Seite nicht ganz, weil die Krönung, der gemeinsame Staat, nicht gelingen wollte, obwohl alle wahren Europäer sich eine Zeitlang danach verzehrten. Immerhin reichte die Konstruktion, um gemeinsam reich zu werden, zumindest, bis sich die Habenichtse aus dem Süden und Osten mit an den Tisch setzten, die einen, um sich am vorhandenen Reichtum zu bereichern, die anderen, um teilzuhaben an Europas Reichtum – eine subtile Differenz, die etwas über Mentalitäten aussagt, aber auch über die inzwischen ergriffenen Vorsichtsmaßnahmen der anderen. Der Osten braucht Europa, der Süden verbraucht es, der Norden … Schweigen über den Norden, er verabscheut Europa und will es doch, er liebt Europa und träumt davon, es neu zu gründen, wie einst die Sachsen das Reich der Franken. Das ist zwar ein Professoren­traum, aber man kann nie wissen. Wenn Professoren in Träume verfallen, dann träumt irgendwann die Gesellschaft, zumindest ihr studierwilliger Teil. Derweil geht das Leben weiter und pflegt seine hässlichen Segmente. So ein Reich macht einen gewissen Teil der Bewohner reich und die anderen taub, sie wollen nicht glauben, wie ihnen mitgespielt wird, und wenn der Professor – Sinn bleibt Sinn – die Auskunft auf dem Silbertablett serviert.

REIGEN

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Nach der Versicherung des Herrn Nietzsche, er sei ein Verhängnis, sind andere gekommen, die ähnliches versichern zu müssen glaubten, und wieder andere, denen man es abnahm, ohne dass sie es eigens versichern mussten. Dieser Reigen fasziniert die Menschen noch immer. Er ist sogar zu einer Art Perpetuum mobile des Lehrbetriebs geworden und die jungen Damen und Herren, die offen sind für das Abenteuer, glauben ihm unbesehen. Geht man zu den Ökonomen, so findet man keine Spur von jenen verhängnisvollen Herren. Es ist, als habe es sie nie gegeben. Glaubt man den Moderneforschern, so ist ›die Moderne‹ in toto verhängt, eine von oben sich in das Leben und Denken der Menschen drängende Macht, der Widerstand zu leisten zwecklos ist und allenfalls mit blutigen Massakern geahndet wird. Es gilt als inhuman, dem Verhängnis die Stirn zu bieten und es auf seine Denkfehler aufmerksam zu machen: sie haben ›nichts zu bedeuten‹. Dagegen gilt es als human, das angeblich Verhängte als Verhängnis zu deuten, als etwas Unentrinnbares, dem man sich so wenig entziehen kann wie dem Straßenverkehr und dem Zahnarzt. Aber der Straßenverkehr und der Zahnarzt wissen nichts von dieser Moderne. Dem begegnet die Rede von den zwei oder drei Kulturen, die gleichsam über den Kulturen schwebt und aus der Arbeitsteiligkeit der Gesellschaft auf ihre Unverbundenheit schließt. Dieses Unverbundensein ist ein großes Geheimnis. Sie macht die Menschen nachgiebig gegenüber Erfolgen der anderen Seite und multipliziert diese damit: erst die Beistimmung von Leuten, die ohne Urteil beistimmen, lässt Theorien gültig erscheinen und setzt Trends in Gang, die Tausende von Kilometern entfernt Menschen verhungern oder Megavermögen anhäufen oder zur Kalaschnikow greifen lassen. Es bleibt aber Arbeitsteilung. ›Kulturen‹ entstehen, wenn Theorien frenetisch werden und auf die Gefühlswelt der Leute übergreifen, die mit ihnen in Berührung kommen und ihrerseits Gefühle ›vermitteln‹.

REIZWÄSCHE

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Das Wort Reizwäsche reizt die Kundschaft, es ist aber auch zum Lachen. Es stammt aus einer anderen Epoche, es muss unter Umständen erfunden worden sein, die noch der Erfindung harren. Warum so streng? Wäsche reizt, das ist ihre Bestimmung. Vor allem reizt sie die Haut, die sie ertragen muss – tagaus tagein, selbst nachts wird es nichts mit der Freiheit. Da ist es besser, sie arrangiert sich. Wäsche ist Macht – und nicht die geringste. Am besten, man fühlt sich wohl in ihr, das erleichtert vieles. In einem Korsett zum Beispiel –
»... Wissen Sie, was ein Korsett ist? Lassen Sie sich nichts vorgaukeln, Sie wissen es nicht. Sie werden es nie erfahren. Warum? Es würde Sie verunsichern – sicher, das ist das Wort, ich habe lange danach gesucht. Wer möchte schon eingezwängt leben? Sie? Im Ernst? Dafür reizen Sie gern? Aber wen? Sie suchen noch? Suchen Sie nicht zu lange, dort kommen sie schon. Alle in Reih und Glied, wie die Schöpfung es ihnen vorschreibt. Ein Wort unter Modeschöpfern – ich weiß nicht, wie ich’s vermitteln soll, aber ich habe den Eindruck, ich habe den starken Eindruck, Sie üben noch. Geben Sie her. Geben Sie’s einfach her, ich trage diese Dinge schon länger. Ziehen Sie sich ordentlich an, dann kann Ihnen nichts passieren. Was mit mir passiert? Warum fragen Sie? Das geht Sie nichts an, scheren Sie sich zum Teufel. Und gehen Sie keinem an die Wäsche, der Sie zum Teufel wünscht. Das ist ein Rat von mir, Sie können ihn annehmen oder zum vorigen in die Tonne stopfen. Wie ging er nicht gleich? Was, Sie haben ihn vergessen? Sie vergessen meine Ratschläge? Ich weiß, jetzt mogeln Sie, meinen Rat vergißt keiner so schnell. Sie wollen mich doch bloß reizen. Wie wollen Sie das bewerkstelligen, ganz ohne Reizwäsche? Am besten, Sie fahren aus der Haut und schenken sie Ihrer Bank. Wussten Sie, dass Ihre Bank Häute sammelt wie andere Leute Briefmarken? Banken sind notleidend durch die Bank: Sagt Ihnen der Spruch etwas? Wer seine Haut retten will, der gehe hin und rette die Bank: So sieht es aus. Nun, Sie haben es in der Hand, eine Geste von Ihnen und die Welt geht einen anderen Gang. Das war übrigens mein letzter Rat: Eine Bank, die nicht unter die Haut geht, ist die Schulden nicht wert, die man bei ihr aufnimmt. Ziehen Sie sie ab und Sie werden sehen, im letzten Hemdchen steckt immer ein Gläubiger. Vielleicht auch nicht, dann eben sein kleiner Finger.«

REIZWÖRTER

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So schreiben, dass es den Leser kitzelt: er lacht, er wehrt sich, er schlägt nach etwas, das er nicht sieht, er wird wild, er springt aus dem Bett, das er erst später zu verlassen gedachte, er rennt im Kreis, er weiß sich nicht anders zu helfen als... Als? Gute Güte! Er wird doch nicht? Ja, er wird, er hat schon.

RELIGIONSERSATZ

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Im letzten Jahrhundert war es unter Europäern üblich, Ideologien als Religionsersatz zu titulieren. Das war eine angemessene Sicht in Zeiten, die für alles Ersatz schaffen mussten und zu schaffen wussten: vom Kaffee über den Sprit bis zum Wohnraum und der Krankenkasse für zu groß gewordene Krankheitserwartungen. Die allgemeine Substitutionspraxis machte vor den Sinnfragen nicht halt, sie durchdrang sie von einem Ende bis zum anderen. Nie wurde die Welt der Welterklärung so erklärt wie in den Zeiten einer gesteigerten Erklärungsnot, nie diktierte die Ungeduld so ihren Rhythmus und ihre Inhalte. Das neunzehnte Jahrhundert betrachtete die Religion als eine zwar archaische, doch völlig intakte Ideologie, der eine neue Praxis den Garaus machen würde. Das zwanzigste sah in ihr ein verendetes Wissen, das durch eine Praxis der Praxis ersetzt werden müsse. Wann immer sich diese als verheerend erwies, versuchte man sie zu retten, indem man aus dem Kadaver Teile herausschnitt und für den allgemeinen Verzehr freigab. Man könnte daraus schließen, es sei leichter, sich eine tote Religion anzueignen als eine lebende. Das heißt: von der Hand in den Mund leben. Andererseits fällt es nicht schwer, eine ersetzende Praxis als Praxisersatz zu denunzieren und ein wenig zu loben, denn eine gesunde Ersatzpraxis fordert den Menschen weniger als eine Praxis, aus der es kein Entrinnen gibt. Wie ist das möglich? Wie kann das Schicksal des Menschen unentrinnbar sein, wenn es so leicht fällt, den nächsten Flieger zu besteigen und abzuhauen? Die Geretteten blicken auf die Menschheitsentwicklung als eine lange Kette von Verfehlungen und Verirrungen zurück, die an der eigenen Haustür endet. Die abgewandte Seite des Hauses ist fensterlos, einige schwadronieren davon, die Aussicht auf den menschenfreien Planeten sei möglich, aber nur für starke Nerven geeignet. Zum Glück sagen es die Statistiken anders. Für die heutige Menschheit sind alle Europäer Schweizer. Sie sollten es lassen, mit Raketen um sich zu werfen, um irgendetwas ›durchzusetzen‹.

RENDEZVOUS

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Man fühlt sich nicht schuldig, man sucht nach der Schuld. – Falsch, ganz falsch. Die Schuld sucht nach dir. Aber erkennt sie dich? Sie sieht dich an, sieht durch dich hindurch: Du bist ein Kandidat. Bist du ein geeigneter Kandidat? Bist du ein guter Kandidat? Diese Fragen passieren dich, ohne dass du sie abwehren könntest. Unwillkürlich straffst du dich, es fehlte nicht viel und du kämmtest dein Haar: Du willst ein guter Kandidat sein. Du bist bereit, aber nicht ganz, denn du fühlst, etwas stimmt nicht. Auch die Schuld zögert. Ja, sie zögert. Dieses Zögern der Schuld wird selten beschrieben. Es hat nichts Entlastendes. Es zählt also nicht in den moralischen Geschichten, die erzählt werden wollen. Mag sein, sie kennt dich bereits. Im Grunde seid ihr alte Bekannte. Nein, du machst ihr nichts vor. Und sie geht vorbei, ein Tiger im Busch, der seine Beute verschmäht – aber nur dieses Mal. Morgen fällt sie dich an. Oder irgendwann.

RENNSTALL

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Wo die Biederen sich des Rennstalls bemächtigen, gehen die Pferde stiften.

RESPONSIONSARENA

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Ist man, wie die Kenntnis des Universums es nahelegt, vom Übergewicht der toten Materie überzeugt, dann begreift man sie bereits als gewaltige Responsionsarena, die Überzeugungen eingibt – was wurde vom Geist jemals mehr erwartet? –, und die Initiative, jene zweite oder vielleicht dritte Wirklichkeit auszubilden, die man die menschliche nennt und die sich nicht in sozialen Ordnungsvorstellungen erschöpft, sondern sich darin allenfalls abzuzeichnen beginnt, bekommt durch sie den größten Schub. In dieser ›Arena‹ erscheint jede biologische Ordnung bloß als Intermezzo, durch ein paar lumpige Milliarden Jahre in der Zeit und durch diese extrem unwahrscheinlichen physikalischen Bedingungen begrenzt, die mittlerweile in jedes Schülerhirn Eingang finden. Was wir Bewusstsein nennen, tritt ganz allein der anorganischen Kulisse der Welt gegenüber und findet in ihr sein angemessenes Gegenspiel. Wer dann die Materie als Intermezzo der Leere begreift, ist dem Mystizismus bereits verfallen wie irgendein religiöser Geist vor ihm. Der als Löser der Welträtsel auftretende Soziologismus wirkt so unbegreiflich, dass man sich fragt, wie Generationen von Wissenschaftlern ihm erliegen konnten. Währenddessen überziehen andere Disziplinen ihr Konto, insofern erübrigt sich die Antwort.

RESTWÄRME

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Generationen von Überzeugungstätern haben den Glauben im Namen des Wissens überwunden. Deshalb glauben ›wir‹ zu wissen. Dieses ›wir‹ ist verräterisch. Es ist die Stelle, an welcher der Glaube einsickert oder besser: das Glauben. Zu wissen glaubt man im Plural, es ist eine Beschäftigung, die man in Gemeinschaft mit anderen ausübt, die das Wissen mit einem teilen, so wie man den Glauben des anderen teilt. So wie? Nicht ganz, denn wenn ich sage, niemand weiß, was ich wirklich weiß, dann liegt darin ein anderer Vorbehalt als der, den ich meine, wenn ich feststelle, dass niemand weiß, wie es in mir aussieht. Der Wissensvorbehalt funktioniert nur unter der Prämisse, dass ich etwas weiß, was ich nicht preisgebe – etwas, angesichts dessen nichts von dem, was ›wir‹ zu wissen glauben, als Wissen durchgehen kann. Es kann, als falsches Wissen, zwar geglaubt werden, aber nicht im ausgeklügelten Modus meines Zu-Wissen-Glaubens. Glauben wir also, was das Wissen zu glauben uns nötigt. Ohne diese Nötigung ist nichts zu glauben. Glauben ist nicht wissen, Wissen ohne zu glauben bleibt Wissen, glauben ohne zu wissen bleibt Glauben. Ist das, was einer glaubt, ohne dass er es zu wissen glaubt, Wissen, wenn es anderswo als Wissen geglaubt oder ›angenommen‹ erscheint? Die Frage erscheint müßig, ein Spiel mit Worten, gespielt um das, was Leute, die weiter sind, etwas wegwerfend den ›subjektiven Rest‹ nennen, wo es doch darauf ankomme, mehr allgemein zu sprechen und zu denken, vor allem letzteres. »Ich meine das jetzt mehr allgemein«: darin steckt mehr Unglaube, als einer zuzugeben bereit ist, ein innerliches Beiseitetreten, das dem Allgemeinen den Raum gibt, den es benötigt oder zu benötigen scheint, um sich auszubreiten, um wirklich allgemein zu sein mit allen Konsequenzen, die so etwas hat. Welche hat es denn? Es sind die üblichen: Schließ dich an, sei du selbst. Sei es ganz. Wirf über Bord, was in Wirklichkeit nicht du bist, sondern der Vorbehalt, den andere in dir aufgerichtet haben. Vergiss ihn. Vergiss die Reserve. Das hier ist die Wirklichkeit. Na, wird doch schon... Wer innerlich beiseitetritt, um das allgemeine Spiel zu spielen, um die Erwartungen zu erfüllen, die an ihn gestellt werden, hört nicht auf zu glauben, er glaubt nur anders. Er glaubt an die Schwäche, an die Unbestimmtheit, die ihn ›innen‹ erfüllt. Er will aber nicht schwach sein, er will in seiner Schwäche stark sein und behauptet deshalb, ›da drinnen‹ sei nichts, das Drinnen selbst sei eine Fiktion, ein Spiel der Sprache, die den Spieler narrt und um die Pointe bringt, falls er sich ihr überlässt. Er behauptet das, wie man etwas behauptet, und es ist eine Be-Hauptung: ein neues Haupt für Jedermann, der sonst erkennbar kopflos herumliefe, weil er nicht wüsste, was er nun glauben sollte.

RETTUNGSWESEN

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Dass, wo die Not am größten, auch die Rettung am nächsten ist, beteuern die Geretteten gern, die nicht Geretteten schweigen sich über diesen Punkt auffällig aus. Was aus dem Mund des Einzelnen zaghaft klingt, das klingt anders im Chor. Wir werden den Ausweg schon finden; dass wir es bisher nicht konnten, ist bereits so etwas wie ein Zeichen, außerdem haben wir viel herausgefunden, und wenn es den Kern der Sache nicht trifft, trifft es doch den Nerv und verbreitet Hoffnung. So reden viele und die meisten denken so, vor allem wenn es um Menschheitsprobleme geht, die schleichend oder in weiter Ferne sich ankündigen. Dass die Politik gern Programme aufstellt und Ziele beschließt, hat mehr mit der Hoffnung auf den findigen Bastler zu tun, als sie zuzugeben bereit ist. Findet sich keiner, räumt man das Feld schweigend. Die Kürze des Menschenlebens – von der des Gedächtnisses zu schweigen – deckt vieles, vielleicht das Meiste von dem, was schiefgeht. Früher oder später fordert der starre Blick nach vorn seinen Tribut. Wer mit untauglichen Mitteln das Unmögliche versucht, wird leicht für einen tragischen Narren gehalten, dessen Tragik niemand sieht, also für eine Travestie. Währenddessen geschieht alles, was er verhindern wollte, aber es entgleitet ihm und am Ende findet er eine gewisse Zufriedenheit darin, an etwas zu zerschellen, dessen Natur ihm sein hektisches Bemühen zur Hälfte verborgen gehalten hat.

REUE, Kultgefährte des Eros

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Die Reue ist überall zuhause. Aber besonders in Häusern, denn jedes Haus bietet der Reue Unterschlupf. An Türen und Fenstern, Wänden und Mobiliar stiftet sie Stätten des dunklen Gedächtnisses und verfinstert die schönsten Gegenstände des Handwerks. Sie verschont nicht einmal den Schmuck oder altes Porzellan. Nur die Tapeten, von der Reue gebleicht und begehrt, vermögen die reuigen Menschen für eine Weile zu schützen. Das Labyrinth der Ranken und Muster zieht sie an und beschwichtigt ein wenig den Gram der Bewohner durch ein Sausen und Schweifen, das ablenkt und tröstet. »Die Reue hat ihre Musik«, pflegte der Jacobiner Tirralieur, ein Meisterhenker am Place Grave, über dieses Geräusch zu sagen, wenn er nach seiner Arbeit bei Mutter Tulip seinen Wein trank (nur Weißwein). Dann lauschte er der bunten Gascogner Tischdecke, in der die Reue so sausend pfiff, dass er glauben mochte, es reue selbst die Reue, Reue erweckt zu haben.
Doch leider bleibt jede Reue nicht lange in den Tapeten. Zurückgekehrt fällt sie wie Schnee über ihre alten Nester und die Bewohner ziehen erneut ihre Taschentücher. - PM

REVIER

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»Zermürbend« nennt G. eine Gesellschaft, in der die Vielen um die Wenigen kreisen, die es rechtzeitig geschafft haben, sich neben den Geldtöpfen zu postieren, zermürbend und wenig stimulierend, es sei denn, man nimmt die Anstrengung dafür, ebenfalls in die Nähe der Töpfe zu gelangen – ein lebenslanger Prozess, in dem die Fliegen erschöpft von den Wänden fallen und die Brote Schimmel ansetzen, bevor es gelingt, sie zu Munde zu führen. »Zu Munde! Eine herrliche Phrase, die Sie da im Munde führen.« Nun, es mundet nicht und das ist der Kern der Sache. Der Mund bleibt zu. Man mag es das Rad des Ixion nennen oder nur ein Hamsterrad, was den Vorteil hat, dass es einem täglich vor Augen steht und man seinen Bewohner kennt, der einen nichts angeht und der das auch ausstrahlt. Ausstrahlung – darum geht es in diesem zermürbenden Spiel, es ist ein Kampf um Ausstrahlung, eine täglich verlegte und am Ende verlorene Arbeit, die sämtliche Energien schluckt, als hätten sie nie existiert. Wer nichts ausstrahlt, den strahlt auch nichts an – eine der Grundregeln der gesellschaftlichen Physik, die  von den Anfängen her in den Kinderschuhen steckt, während die Sache ungerührt in ihr nächstes Stadium tritt.
»Wenn ich einmal alt bin –« geheimes Lustwort, in dem die Selbstretter sich ein Bettchen bereiten, das keiner sehen darf und das bereits muffig wirkt, während es unangerührt die Stunde des hohen Besuches erwartet. Die Segnungen der Altersmedizin treffen auf die unerhörten – und ungehörten – Hoffnungen einer bereits zurückgefallenen Jugend, die weiterhin meint, sich erhalten zu müssen und dafür die Quittung empfängt: Arztrechnungen ohne Zahl, mit der Hoffnung auf reichere Ernten. Die Forschung weiß, was sie der Klientel schuldet. Jedes Hinausschieben der Grenze sorgt vorneherum für Entlastung und erregt den perversen Wunsch, irgendwann, in ferner Zukunft, endlich dort anzukommen, wo es nur noch weitergehen kann, in kleinen Schritten, von Tag zu Tag, so dass sich das ganze aufgestaute Pensum eines versäumten Daseins gemächlich abarbeiten und also erfüllen lässt. Hinein in die Erfüllung! Das ist ein bequemes Zimmer für Schwerstversehrte, von dem die Gesunden träumen. Sie träumen nicht umsonst, sie werden dafür bezahlt und es geht ihnen gut. Die Erde ist ihr Revier, sie umkreisen es ohne Unterlass.

REVOLUTIONSÄRA

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Viel ist über sie geschrieben worden, die menschenverzehrende, und viele haben sich nach ihr verzehrt. Was aber auf Dauer mehr interessieren dürfte: Wie konnte die etwas hausbackene Vorstellung, dass die Welt zwölf Stunden am Tag Kopf steht, aus dem Gefängnis der populären Verdrehungen des Kopernikanismus mit einer solchen Vehemenz ausbrechen, dass man zweihundert Jahre lang unter ungeheuren Opfern der Versuchung nachgab, sie vom Kopf auf die Füße zu stellen? Die heutige Astrologie lässt dergleichen Leidenschaft nicht mehr zu; wer beim nächsten Trip an die Grenzen seines Universums gehen möchte, der revoltiert nicht, er ›zeigt, dass es geht‹. Die Revolutionsära war zu Ende, als die ersten Popsongs auftauchten, in denen ein fröhliches Gedudel Bewusstseinserweiterung verhieß. Dass man unter Wasserwerfern noch einmal Revolution spielte, mehr noch, dass man ihr Erbe zwei Jahrzehnte später hinwegfegen konnte, indem man sie parodierte, zeigt, dass die astrologische Binsenweisheit endlich die Köpfe erobert hatte. Die Zeit ist reif, das Wasser vom Mars zu holen, es ist der nächste Weg und man lernt immer dazu. Die Verschwendung an den Grenzen der Welt ist gewaltig, die Menschen verstehen nicht die Macht des Gesangs, nur als Josephine sie einstmals verließ, durchfuhr sie ein Seufzer. Seither ist man weiter.

RHYTHMUS

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Viele Theorien stellen hier die Körperlichkeit in den Vordergrund, den Tanz, das Sich-Wiegen, die verschiedenen bekannten Körper-Rhythmen oder Körper-Zyklen, was sicher nicht unerheblich ist, aber die mentale Seite abdunkelt oder als eine bloße Funktion der anderen Seite erscheinen lässt. Doch auch das Bewusstsein rhythmisiert, und zwar spontan, wie jeder bestätigen kann, der bereits zu Zeiten Bahn fuhr, als die Schienen noch nicht zusammengeschweißt waren und man die Übergänge mit dem Körper wahrnahm. Da ließ sich beobachten, dass aus dem monotonen tam tam tam rasch ein tam-ta-ta-tam entstand, das nach relativ kurzer Zeit in ein ta-ta-tam-tam übergehen konnte und wirklich überging und so fort. Das schläfrige oder eingelullte Bewusstsein wechselte die rhythmische Interpretation des physikalischen Phänomens nach Spontaneitätsregeln, die, wer weiß, denen eines Gedichts gar nicht so unähnlich sind.
Was bedeutet das? Rhythmen sind synthetische Leistungen des Bewusstseins, sie werden nicht einfach wahrgenommen, sondern mental erzeugt. Was da erzeugt wird, sind zweifellos Zusammen(ge)hänge: etwas kettet sich aneinander, gibt sich mittels Wiederholung und Variation eine Binnenstruktur. Die stimmlich interpretierte Sprache kann so gut wie der Schienenstrang zum physischen Auslöser solcher Prozesse werden. Dazu bedarf es bekanntlich nicht einmal des lauten Sprechens. Auch ›Stimme‹ lässt sich, wie musikalische Phänomene allgemein, intrinsisch reproduzieren.
Sprache und Denken, Sprache und Gedachtes hängen aber bekanntlich zusammen, sie sind intim verschwistert. Ein sinn-loses oder -leeres Rhythmisieren von sprachlichem Material erscheint daher nahezu ausgeschlossen. Die Bedeutung reißt den Rhythmus, der Rhythmus die Bedeutung mit sich fort. In pragmatischen Situationen – und unter Pragmatikern – ist das wenig mehr als ein angenehmes oder störendes Hintergrundrauschen. In bestimmten Menschen – nennen wir sie Dichter – erreicht das Rauschen eine beträchtliche Stärke, es interveniert an den verschiedensten Stellen, vielleicht sogar durchgehend, sobald der Gebrauch der Sprache sich über das alltägliche Sprechen erhebt, also, sagen wir, eine gewisse Eigendynamik entfaltet. Solche Interventionen lassen den Sinn des Gesagten nicht unberührt, sie modifizieren und differenzieren ihn, indem sie synthetische Einheiten herstellen, die nicht auf der Ebene der unmittelbaren Wort- und Satzbedeutungen liegen.
Und auch das Umgekehrte findet statt. Ein Rhythmus lässt sich, wie in den festen Formen der Poesie geschehen, mit ganz unterschiedlichem Wortmaterial unterlegen: so kann der einmal gefundene Rhythmus weiterlaufen, solange die Gedankenausbildung im Prozess des Formulierens noch nicht abgeschlossen wurde – wenn es sein muss, über einen langen Zeitraum, wie zur Gewähr dafür, dass in einem bestimmten Tiefenbereich ein und dieselbe Sache weiterhin gegenwärtig bleibt und ›verhandelt‹ wird.

RIESENSCHULTERN

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Eine Moderne, die auf sich hält, kommt immer nach der Moderne, sie ist ›irgendwie weiter‹. Das verbindet die ersten mit den letzten Modernen, denen die allerletzten folgen, die mit Sicherheit wissen, dass sie ›bereits anders‹ sind, nicht so befangen irgendwie – anders als alle anderen, aber auch ein wenig anders als man selbst. Deshalb liegt allen so viel daran, festzuschreiben, was es mit der Moderne und den Modernen so auf sich hat. Jede Beschreibung ist ein Stück Abgrenzung, als Reflexion getarnt, ein Stück Selbstbehauptung gegen alle, die bereits so grandios modern waren, dass man selbst dagegen ein wenig alt aussieht oder aussähe, hätte man nicht Gründe, so zu sein, wie man aussieht, obwohl dieses Aussehen, wie jedes Aussehen, täuscht. ›Wie langweilig, diese Moderne, welche Trottelei, ihr zu folgen!‹ Ein Aufruhr ohnegleichen. Die ungeheure Erregung, die das Gähnen begleitet, muss erst einmal gemeistert werden können, am besten durch Lebensarbeit, in deren Verlauf sich eine neue Generation von Gegenwartsspezialisten formt, die genau weiß, was noch oder wieder erlaubt und nicht erlaubt ist, was sich hier und heute ziemt und was als unziemlich verschwinden muss, ›Zwerge auf den Schultern von Riesen‹, wie ihr Lieblingsbild lautet. Das ist eine durch Alter nur mühsam geadelte Heuchelei, die überdies eine handfeste Drohung an die Nachrückenden enthält: Was wäret ihr, falls ihr euch einfallen ließet, von diesen Schultern herabzuklettern und eigene sein zu wollen? »Nach uns wird kommen / Nichts Nennenswertes.« Aber die Riesen, liebe Kinderlein, sind es doch nur aus einer gewissen Perspektive, es sind Gipsbüsten oder einfache Steckenpferde, gegen einen eingebildeten Sonnenuntergang gehalten. Auf ihnen lässt sich, bei einiger Rücksicht auf den Zwirn und um den wohlbekannten Preis der Lächerlichkeit, trefflich reiten, wie auch immer. Wer den Weber deutet, wie soll der je aus dem Schneider kommen?

RINGPARABEL

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Lessings Ringparabel endet, wie jeder weiß, der lesen kann und gelegentlich wirklich liest, mit einem Patt. Wenn keiner weiß, welcher der ererbten Ringe der echte ist, bleibt nur, dass alle sich benehmen, mit der Aussicht, dass der wahre sich schon am Ende erweise. Bereits Wagners Ring räumt mit diesem Gesäusel auf und was später als Ideologie auf den Plan trat, fackelte nicht lange, als es galt, in finale Kämpfe einzutreten, ehe die Atombombe dem Treiben notdürftig Einhalt gebot. Man kann darin einen Fortschritt sehen, in den Augen der meisten ›macht‹ diese Perspektive ›Sinn‹.
Gnadenlos ist der Gnadenlose. Das leuchtet objektiv wie subjektiv ein und wirft, wie immer, ein seltsames Licht auf die Ergebnisse der natürlichen Auslese. Was aber zurückbleibt, was vor Menschen und Göttern angenehm macht, das ist ohne Zweifel das Geld. Es haben oder nicht haben macht den Unterschied. Die Menschen fühlen sich wohl, wo das Geld sich wohlfühlt, vorausgesetzt, man erlaubt ihnen, es zu erwerben. Insofern war die Zeit über die Religionsparabel hinausgeschritten und hatte sie absorbiert. Das galt, bevor der eliminatorische Zug erneut ans Licht trat – nicht gegen irgendeinen, sondern just den Gegner, von dessen Unüberwindlichkeit die Parabel einst ausging.
Die Quellen der Religion erschöpfen sich nicht wie Ressourcen, die der Wüstensand birgt oder das Polareis. Die ganze sorgfältig beachtete Trennung von Religion und Politik fällt dahin, sobald sich das religiöse Gemüt beleidigt oder herausgefordert oder entehrt fühlt – von was auch immer. Plötzlich entsteht eine Grenze, über die viele, legal und illegal, hierhin und dahin wechseln, ein täglicher Strom, der sich vom nächtlichen in mancherlei Hinsichten unterscheidet. Wer glaubt, das ließe sich, einmal in Gang gekommen, auf eine religiöse Richtung oder das, was man, biologisch versiert wie eh und je, ›Auswüchse‹ nennt, beschränken – was glaubt denn der? Das liberale System geht, stolpert, ringt sich neuen historischen Kompromissen entgegen. Wie sie aussehen werden und wer sie, nach welchen Kämpfen, aushandeln wird? Das weiß keiner.

RISIKO EUROPA

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Wer die Vereinigten Staaten von Europa wünscht, wer sie gern herbeihandeln möchte und, wer weiß, durch sein Handeln tatsächlich hier und da befördert, der muss sich auch fragen, wie dieses Europa, sollte es einmal die Welt bereichern, in ihr zu handeln gedächte. Wenn die Ratio seiner bisherigen Existenz das Nichthandeln ist, das Auseinanderbrechen der Interessen und Strategien an bestimmten neuralgischen Punkten, und wenn dieses Nichthandeln den ewigen Stein des Anstoßes bildet, dann muss sich das neue Handeln gerade um diese Punkte herum bilden. Besitzt Europa dann neue Interessen, von denen das heutige nichts weiß? Wird es vorsätzlich die Quellen der historischen Erfahrung verstopfen, aus denen seine nationalen Strategien sich speisen? Oder wird sich das jeweils stärkste strategische Moment durchsetzen, machtvoll gesteigert durch die Möglichkeiten, die der neue Staat dann bereitstellt? Wäre dieses Europa also nur das Vergrößerungsglas der heute im ›Ernstfall‹ entscheidenden nationalen Laster, zum Schrecken seiner Bewohner und vielleicht seiner ›Partner‹? Es bliebe ja nicht beim Anblick. Alles wäre wirklich und kein zu erwartendes Desaster hielte sich in den Grenzen der Zweitklassigkeit. Andererseits ließe sich manche Schwäche durch Stärke decken und schlüge daher nicht so durch, was immer das heißen mag. Eine Ordnungsmacht zuviel – diese Formel für neues Unglück und neue Weltkatastrophen möchte man gar nicht anfassen. Man bekommt sie auch nicht weg. Die heutige Welt ist zu sehr auf die strategische Schwäche Europas gebaut, als dass jener künftige Zustand verlässlich oder nur ›vernünftig‹ zu kalkulieren wäre. Ihn anzustreben enthält also ein Risiko, das eingegangen werden muss, wenn man weiter kommen will. Und weiter kommen – darum geht es doch, oder?

RISIKOGESELLSCHAFT

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Wenn das Risiko zu groß geworden ist, geht es petzen. Es weiß, was es damit in Gang setzt, aber es kann nicht anders: darin liegt seine Größe. Sollen die Helfer doch anrücken! Schließlich liegt der Sinn des Risikos darin, sich die Reserven der anderen zuzuführen – wo liegt das Risiko? Seine Größe liegt in der Kleinheit, im Rhythmus, nach dem es sich aufbläht und zusammenzieht. Um das riskante Leben zieht sich das andere zusammen wie eine Gummihaut, weil alle die Streuwirkung fürchten, die eintritt, sobald es platzt. So ruht es sicher wie in Abrahams Schoß, während es voranstürmt. Mögen die Spießer noch in Jahrzehnten bezahlen, was hier geschieht: Dieser Rausch war echt.

ROLLE VORWÄRTS

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Auf wundersame Weise, Frau Specht, gleichen sich unsere Profile: Sie mit dem hämmerndem Kopf, der Ihnen, wie ich mir vorstelle, von Zeit zu Zeit fürchterlich brummen muss, ich mit dem hämmernden Fingerchen auf Tasten so hart und zart, dass ich mir vorstelle, sie entgleiten mir eines Tages und ich hämmere tastenfrei in die Welt. Man kann alles beschriften außer der Schrift und ihren Werkzeugen, die nur eine Aufschrift vertragen und das ist sie selbst. Man kann sich in eine Schriftrolle verwandeln, das ist, alles in allem, nicht befremdlicher als eine Hosenrolle oder eine Rolle mit der Aufschrift: Achtung, Betrolle! Als ich jung war, übten alle die Rolle vorwärts, sie war vorgeschrieben und ergab sich aus der natürlichen Bewegung der Körper. Den ungezwungenen Vorwärtsdrang des jungen Menschen sacht in eine Rolle rückwärts zu überführen, darin besteht die Kunst der Menschenführung. Wir haben sie geübt, Sie und ich. Aber was ist darüber aus uns geworden? Vorwärts, grölten die alten Etats, aus denen man uns, oft unter Gebühr, bezahlte. Und: vorwärts, so geht es, auch mit uns, nur das Vorankommen stockt. Bei Licht besehen: was ist dran am Vorankommen? Wollen wir das? Nicht nur die Träne quillt, auch das Leben. Neuer Baum, neuer Wurm. So sieht es aus.

ROLLENPOOL

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Die Rollengesellschaft hat es, immerhin, fertig gebracht, das Theater zu musealisieren. Dasselbe gilt in verschärfter Form für die Oper; dass der Mensch vor dem Schicksal singt, macht ihn unvermittelt zum Scheusal und nervt – die Athleten des Wohlklangs besitzen, frei nach Hölderlin, ein Organ zuviel vielleicht. Das Proben der Alltagsrollen ist schwer genug und die meisten kommen kaum darüber hinaus. Das Stück ist aus, wenn das Leben beginnt. Es sagt ihnen aber keiner und sie schauspielern weiter. »Was sucht ihr?« könnte man fragen, doch man weiß die Antworten bereits. Sie klauben Brocken herumfliegender Rollen vom Boden und bewerfen jeden damit, der ihnen ›blöd kommt‹. Es könnten auch Nüsse sein, das wäre verständlicher. Das kleine Fernsehspiel hilft da weiter, Abend für Abend, Genre für Genre. An dieser Krücke gehen sie alle. Nehmt das gute Stück aus der Gesellschaft der Freien und der Bewussten heraus und sie kriecht euch auf allen Vieren. Das wissen alle und alle verstecken es. – Dass einmal die Lichter ausgehen könnten, diese Obsession des Industriezeitalters schürt die panische Revolte gegen das Selbst, von dem, gebieterisch oder nicht, die Aufforderung ausgeht, es zu tun statt darauf zu warten, was immer es sein mag. Nein, meine Damen und Herren, Dasein heißt keine Rolle spielen, die Rolle ist ein einfaches Reflexionsmedium, man zerstört es, wenn man die Distanz zum Leben beseitigt, wenn man die Distanz im Leben beseitigt, weil man beiderseits des Vorhangs oder der Mattscheibe ›nur‹ leben will. ›Zeigen, wie man Konflikte löst oder an ihnen zu Grunde geht‹, diese stereotype Beschreibung einer Praxis, die den Konflikt schürt, ohne an ihm zugrunde zu gehen, setzt Deutungshoheit – man will auch den Letzten erreichen, um ihm zu zeigen, wo’s langgeht. Der kleine Zusatz fehlt in den Selbstbeschreibungen der Macher. Er ist aber wesentlich. So rennen sie alle, innerlich oder äußerlich oder innen wie außen, nur der kleine Traber läuft Gefahr, unter die Räder zu kommen. Dieser Mensch also, einer unter vielen, die ich ebenso wenig kenne wie ihn, will mir zeigen, wo es langgeht: Ich nehme die Drohung ernst.

ROLLENSTÖRUNG

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Jemand spielt die Rolle des Gestörten und kommt damit durch. Warum? Unser soziales Dasein ist durchsetzt mit psychischen Störungen – gleichgültig, ob sie bei anderen oder bei mir selbst auftreten, ›ich‹ bin im Bilde, oberflächlich im Bilde, soll heißen, ›ich‹ lege mir die Sache zurecht, solange ›ich‹ damit durchkomme, also ziemlich lange... Erst bei völliger Ratlosigkeit ziehe ich einen Spezialisten zu Rate, sofern die Sache mich etwas angeht und ich dazu befugt bin. Diese Befugnis, eine Dysfunktionalität zu beseitigen – denn darum handelt es sich –, liegt also nicht in meiner Hand, sie ist rechtlich geregelt, in Arbeits- und sonstigen Verträgen begründet, wenngleich in den seltensten Fällen fixiert. Begrenzt wird sie durch die Freiheit des Individuums und seine Persönlichkeitsrechte, die ein gewisses Maß an Dysfunktionalität einschließen. Kein Mensch ohne Marotte, keine Marotte ohne den dazugehörigen Menschen. Erst die Marotte macht den Menschen ›eigen-tümlich‹, das heißt, sie stattet ihn mit Eigentumsrechten bezüglich seiner Person aus. Angesichts seiner Marotten sagt der Mensch »Ich bin ich« und wendet sich seiner Arbeit zu. Marotten erleichtern das Leben, denn sie schaffen Entlastung: überall dort, wo ich nicht funktioniere, springt ein anderer ein, ob aus Lust, aus Funktionsdrang, aus Überzeugung oder Verpflichtung oder aus reiner Not, spielt keine Rolle, es ist nebensächlich, Hauptsache, die Angelegenheit belastet mich nicht länger, ich bin sie los. Habe ich nicht recht? Aber sicher! Die Störung ist behoben, die Sache abgetan: Wo bleibe ich? Ich habe gestört, das ist wahr, mein Zurücktreten hat den Schaden abgewendet, die störende Instanz, also ich, bleibt, aber sie stört nicht länger. Etwas bleibt: meine Inkompetenz in dieser Sache, ich habe sie mir erworben, als Ruf, als Warn- und Merkzeichen, das mir jetzt anhaftet, gleichgültig, wie weit meine Kompetenz noch reicht. Nur ein Milieuwechsel bringt es zum Verschwinden, wo man nichts von mir weiß, bin ich in der Wahl meiner Marotten frei – ich kann bestimmen, in welchen Grenzen ich funktioniere, ich kann simulieren, ich sei der und der, Inhaber der und der Marotten, ohne als Simulant zu gelten, es sei denn, die Funktion, um deren willen das neue Milieu mich aufgenommen hat, verlangt gebieterisch, dass ich funktioniere. Ich muss simulieren, falls ich nicht als Automat gelten will, je farbiger die Person, die ich mir gewählt habe, desto mehr gleitet an mir ab, desto mehr ›lasse ich mich gehen‹. Wohin geht einer, der sich gehen lässt? Er geht seinen Weg, sagt man, Bewunderung und Erbitterung halten sich darin die Waage; sobald die Erbitterung überwiegt, heißt es, es wäre besser, er ginge seiner Wege. Das ist eine Frage der Perspektive, aber auch der Behandlung; ein geschickter Persondarsteller dosiert seine Marotten je nach Umgebung und Anlass, am besten individuell. Gerade das nennt man: er spielt seine Rolle. Nun, er spielt nicht, er probiert, und was er probiert, ist keine Rolle, sondern ein Rollenversagen, ein Entzug, eine Dysfunktionalität – er will, er muss herausfinden, wie weit er darin gehen kann, wie weit er zu gehen hat, um als der und der und damit überhaupt zu gelten. Ein gefügiges Werkzeug will niemand sein, es ist ehrenrührig, dafür zu gelten, und dennoch sind sie es alle, denn wer die rote Linie überschreitet, gilt als gestört, das heißt als Person minderer Zurechnungsfähigkeit, er hat überreizt und droht der Bedeutungslosigkeit anheimzufallen, aus der er sich herauszuarbeiten wünschte. Doch zwangsläufig ist das nicht. Auf dem Klavier der Aufmerksamkeit lässt sich spielen – und wer genießt mehr Aufmerksamkeit als der Gestörte? Vorausgesetzt, er ist durch Recht und Gesetz unangreifbar, noch besser: durch die Art seines Metiers. Das kann bis zur professionellen Verwechslung gehen, wie der Beruf des Schriftstellers hinreichend belegt. Hinter (fast) jeder Störung steckt ein Geltungswunsch, wer ihn findet, hat das Mittel gewonnen, den anderen zu beherrschen, er ist ›kompetent‹. – »Nein, als gestört würde ich mich nicht bezeichnen.« Noch Fragen?

ROTE HITZE

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Alles was recht ist – warum stockt die Rede? Warum schon hier? Von den Intellektuellen ist geblieben, was immer ihr fragwürdigster Teil war: die Nähe zur Macht und die Nähe zum Verbrechen, vorausgesetzt, die Gesinnung stimmt. Unter allen Verbrechensmotiven ist ›aus Gesinnung‹ das rätselhafteste geblieben: kriecht es denn aus ihr hervor, um sich wie eine Krake auf das Opfer zu stürzen, das nicht weiß, wie ihm geschieht? Oder ist Gesinnung nichts weiter als eine Handfeuerwaffe, auf den Nächsten gerichtet, weil er der Nächste ist, also näher dran als andere? Aber dieser Nächste ist selbst ein Konzept und nicht einfach der Nächstbeste, der dir über den Weg läuft, es sei denn, du läufst gerade Amok oder leidest unter zeitweiliger Amnesie oder Begriffsverwirrung oder bist überhaupt verwirrt. Doch selbst Verwirrte sieben ihre Opfer umsichtig aus der Menge, bevor sie draufhalten. Gemordet wird immer. Auch regiert wird immer. Was liegt näher als die Verbindung von Macht und Blut? Es sind dumpfe Phantasien, die sich hier ausleben, ein System, das zwischen Macht und Verbrechen eine halbwegs reinliche Scheidung versucht, bringt sie alle gegen sich auf. »Man kann nichts machen, Tod den Schweinen.« Das ist, als Filmparole, die ewige Rache der Erhitzten an Dostojewski, dem sie nicht verzeihen, dass er hartnäckig die ermordete Pfandleiherin zeigt: weiß er nicht, dass der Minister gemeint war? Zumindest der Polizeiminister oder der Vernehmungsbeamte oder der Zellenaufseher oder, wer weiß, der Schriftsteller, der das alles weiß. Sie morden Dostojewski, sie kennen ihn längst nicht mehr, aber sie morden weiter, in sämtlichen Videoformaten, mit denen Gehirne sich fluten lassen.

RÜCKSENDUNGSZAUBER

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Nicht die Ankunft aller abgesandten Gegenstände, ob mit Gnade oder Güte oder Blindheit des barbarischen Wissens erfüllt, bleibt im Sinne des Gottes glücklich im Geiste ihrer Empfänger bestehen. Andere Durchkreuzungen, die objektiv unbekannt sind, fahren unentwegt in das gewünschte Glück jener Ankunft und stricken darin wie die Spinnen ihre Abwandlungen, so als verwandle sich eine Landkarte in eine Irrkarte und die Flüsse, Gebirgszüge, Straßen und Städte glichen darin Naturerinnerungen von Gedanken und Behauptungen, ja wechselten nach der Macht einer anderen Kunst, einer unentwegt neueren Kunst als der augenblicklichen, ihre Plätze. Daher Erstaunen, Streit, Hass und Kriege, aber auch lange Wanderungen des Denkens in grüner Finsternis der Urmutter der Wälder. Die Verwirrung des Wandels der Wirklichkeit ist der Grund der Gewaltsamkeit unter den wilden Tieren, denn unter ihnen wird zeitlich versetzter geblickt als bei uns, und wer etwas Fettes am Morgen im Waldland erspäht hat, weiß nicht, was gestern bereits wider die Mahlzeit gestiftet wurde.
Augenblicklichkeit ist die luftig leichte Grundierung eines ewigen Wechsels auf allen Dingen. Schillernd wie Gift glänzt die Gewissheit auf allen Blättern. Übrigens erzeugt ein Urverhalten aus dem Geist grundsätzlicher Unkenntnis des fremden Ursprungs alles Seyenden außerhalb unserer selbst die großen und kleinen Verirrungen, die Gesetze und Konstitutionen des Staates als Ackerboden vermeintlicher Wirklichkeit. Man zähle die Sklaven, ruft der Gnostiker Homomaris, sie bestimmen die Erstarrung der Barbarei nach den ausgestreuten Samen der Hoffnung. Selig das Vertrauen, fährt er fort, auf den Zerfall eines Augenblicks. Oh, wer den Augenblick kennt und den Stoff seiner Siege, der findet in Höhlen am Waldrand das Zauberlicht der unterirdischen Sonne der freigeborenen Bären und Eremiten. Ein immerwährender Wandel des Weltgeistes spottet dem Stoff der Dinge, verletzt und beackert den Geist des Betrachters mit der Pflugschar gemalter Stiere und stiftet die Ehrenschöpfung der Landschaftsmalerei und der Stillebenkunst an jedem beliebigen Ort.
In der Geschichte der Blicke, der historia coruscationum, haben die Dinge so häufig gewechselt, wie Blicke sie getroffen haben oder wie die in Einzelne zerfallende Menge aller gelebten und lebenden Menschen, die je, der Verpflichtung der Blicke folgend, Gewissheiten verfallen sind, die nichts als Erbschaften anderer Blicke waren. Und so ergibt sich vielleicht, dass der Mensch als Einzelner selbst eine Rücksendung ist. - PM

RÜHRT EUCH!

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Man schlägt die Frauen ans Kreuz der Quote und ruft: »Rührt euch!« Und siehe, sie rühren sich, jede auf ihre Weise, und es ist rührend anzuschauen. Manche wird mit ihren Problemen vor der Zeit fertig und blickt wie aus einem Heiligenbildchen auf den Alltag herunter, als wollte sie sagen: »Da, seht ihr?« Nein, sie lächelt nicht, vielleicht fröstelt sie, aber sie ist gut gebettet und hütet sich vor Geständnissen. Wie die Quotenfrau sich vor Geständnissen hütet, so hütet sich die im Bann der Quote stehende Frau davor, Geständnisse überzubewerten. Wer etwas zu gestehen hat, dem geht es gut. Was gibt es da zu gestehen? Die im Bann der Quote stehende Frau blickt auf die Quotenfrau mit einer Mischung aus Mitleid, Verachtung und Verständnis: Wer wäre nicht schwach geworden an ihrer Stelle? Warum jetzt so hart? Muss Schwäche geahndet werden? Vielleicht, ja, es wird schon so sein, aber: die geahndete, in Härte verwandelte Schwäche, sie bleibt eine, hinter der man die Schwäche ahnt. Die Unerbittlichkeiten der Sprache sind niemals grundlos. Cherchez la femme! So nimmt sich die Komödie der Quotenfrau an wie früher der Heiligen oder derer, die sich zu früh dahin auf den Weg gemacht haben. Sie ist die Beste, die wir bekommen konnten, nun muss sie unsere Beste werden, damit alle etwas von ihr haben. Vor allem sie selbst, denn, Hand aufs Herz: Was hat sie davon? Was, zum Teufel, hat sie davon? Nun, sie ist bereits wieder auf und davon, denn sie hat diese Möglichkeiten, von denen andere träumen, und Träume, sagt sie, kann sie sich nicht leisten. Das ist eine seltsame Phrase für eine Frau, die alles erreicht hat, im Leben und anderswo: sie kann sich Träume nicht leisten. Will sie es denn? Wenn die Träume abgeräumt sind, steht der Kitsch in der Tür und schwenkt sein Willkommen!

RÜPELSZENE

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Rüpelszene mit Bild, unbedingt einem Bild, ohne Bild keine Rüpelszene, am besten mit Axt. Das Rüpel-Emblem ist die Axt, unbedingt eine Axt, für den gefrorenen See, innen und außen, beiderseits, denn der Rüpel, was treibt er anderes, als das Eis, das ewig sich schließende, mit der Axt zu öffnen, nur für Momente, nur für Momente, aber die Wunden, die er schlägt, die er dabei schlägt, sie heilen selten, sie heilen fast nie. Ein Rüpel verspricht keine Heilung, das wäre nicht sein Metier, sollte er etwas versprechen, dann sind seine Worte Schall und Rauch, nicht dafür wird er gebraucht. Wird er gebraucht? Wer um alles in der Welt braucht so ein Untier? Ein Untier, gewiss, weder Tier noch Mensch, ein Unmensch, so nennt man ihn hier und dort, dann schlug die Axt tief. Man sieht ihn gebückt, offenen, leicht stieren Auges, man kann ihn riechen, Schweiß perlt an seinem Brustkorb herunter, der Schweiß der Imagination, denn es bleibt kühl um ihn und er selbst übernimmt sich nie, lässig schwingt er die Axt. So, kurz vor dem Aufschlag, hält ihn der Zeichenstift fest. Eine Rüpelszene, am besten von Mersmann, der sich aufs Sujet versteht, kommt selten allein, denn einer, der die Axt zu schwingen weiß, trifft mehr, als die Kamera gutheißt.

RUHM

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Ausgebreitet als zweifarbiger Pfannkuchen, vorne in Wellen und rosig vom Backofen, hinten so blau wie das ewige Meer, legt sich der Ruhm zum Genuß der Eitelkeit über den Magen des Herzens. Hat es denn nicht schon die Knie des Herzens gegeben? Der Hintergrund prangt in der Röte des Abends. Zweibeinige Rosen decken den Tisch und gebärden sich in gefälliger Rührung vor den Furchen und Falten all derer, die ihren Ruhm durch Frechheit und dreiste Reden erlangt haben. Die greisen Berühmtheiten stehen vor den verstaubten, noch einmal ans Licht gezerrten Tischen der Folterwerkzeuge und betrachten mit Tränen in den Augen all die Gummizangen ihrer politisch gefärbten Leiden, die weichen Streckbretter mit künstlichen Foltergewichten, deren Polster sie einstmals selber entworfen haben.
Unablässig schleppen sie ihre Kränze an zeitgenössische Denkmäler und ordnen besorgt die Schleifen. Sie haben gehört, die Moderne gehe zu Ende.
Mit dauerentrüsteten Mienen, hier und da noch Spuren von Geifer an den geübten Lippen, geben sie zu erkennen, dass sie unruhig geworden sind im Spiel ihres ruhmvollen Sykophantentums. Sie wissen augenzwinkernd, dass sie zwischen den Gummibändern ihrer Gemeinsamkeit niemals wirklich verlassen, niemals wirklich verjagt und niemals wirklich einsam gewesen sind. Zur Einsamkeit fehlte ihnen das wahre Talent und die ehrlichen Werke. Alle haben sie unter dem dauernden Sturm durch die offenen Türen der Zeit, wie betrunkene Lanzknechte, das Gleiche gesungen, bis alle das Gleiche erlebt, gehört und gesehen hatten.
Nun blickt man erstaunt auf eine boshafte Jugend, die frech widerspricht, deren Väter aber zugleich ein ganzes Regime gewaltsamer Schwachköpfe beiseite geschafft haben. Von der Nicolaikirche niemals ein ernsthaftes Wort. Für die klugen Verzögerer sind das ›drüben‹ bloß schlechte Jagdhunde, die schon einmal die Beute gefressen haben. Für höfliches Apportieren und Herrschaftstreue auf immer verloren. Das macht die Schlauberger so empfindlich. Wieviele mögen es sein, fragen sie sich bei Tag und bei Nacht, und das, obwohl kaum jemand, der halbwegs bei Verstand ist, die Fenster aufmacht, wenn da draußen trotzig die alten Lieder geflüstert werden. Aber wohin will die abgelaufene Zeit? Nach Europa natürlich, in die Erlösung aller, was immer das sein mag, und zuletzt in den Klimaschutz, denn wer als abgestorbener Demiurg die Welt nicht verlassen kann, will sie wenigstens halbwissenschaftlich kaputt gemacht haben. Das ist das tiefste Motiv der Gegenschöpfung, denn bei uns ist alles von Gestern, besonders die Zukunft.
Die Asservatenkammern sind täglich geöffnet, der alte Krieg wird täglich beschworen, der alte Frieden täglich gestiftet. Aber die Ruhmbegierigkeit ahnt, dass, wenn sie nicht gleich dem Hautgout eines Hasenrückens den Totenduft hat und immerwährende Reue verbreitet, die Gegenwart von ihr nicht mehr bewegt werden kann. Für immer läßt sich der Dämon der Zeit, der Zeit mit Zukunft, nicht verdrängen, er kann aus ruhmreichen Kränzen Fallstricke machen.
Dann werden die ersten Propheten wie zu den Zeiten Konstantins auftreten und sie brauchten diesmal bloß Guten Morgen zu sagen, das wäre bereits im Lande des alten Ruhms ein so neues Signal, dass es wildes Erstaunen erwecken könnte. - PM

RUMOR

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Es rumort in der Kunst, die Seismographen sagen Beben voraus, gegen die gehalten die Vergangenheit nur Idyllen enthält, aber das tun sie immer. Dieser Rumor, mit Verlaub sei es gesagt, ist nichts als... nichts als... natürlich, nichts als dieses nichts als, an dem sich jede Kohorte die Zähne ausbricht, ein Auf-ein-Neues, das, äußerst selten eingelöst, alsbald zum Alles andere als übergeht, vom Frühstück zur Vesper, man sitzt schließlich nicht immer so beisammen und noch ist Sommerzeit, auch wenn die Abende kühler werden. Jeder Klamauk ist genehm, sofern es darum geht, den Abschied hinauszuzögern, da habt ihr euren Rumor. Aber warum Abschied? Das wüsste einer zu sagen, den ihr mit Aufträgen dahin und dorthin geschickt habt, damit er nicht an euren Tischen Platz nehmen konnte. Diese Aufträge, an sich unbedeutend und nicht der Rede wert, haben ihn an Orte gebracht, die ihr kaum vom Hörensagen kennt, und nun weiß er manches. Aber ihr hört ja, es hat nichts zu bedeuten, und ihr habt euren Rumor – feiert also ruhig weiter in die Nacht hinein, jemand wird den Müll schon beseitigen.

RUSSENFRESSER

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Geben Sie mir einen Russenfresser und ich sage Ihnen, woher er kommt. Warum ich das weiß? Es frisst sich durch, wissen Sie, es frisst sich durch. Es gibt, wenn Sie mich fragen, einen zu Kreuze kriechenden Hochmut, der sein Kreuz hinter sich hat, gewissermaßen hat er’s im Kreuz, und diese Bewegung... o diese Bewegung! Oft, wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie, aber ich kann’s nicht mit ansehen, es krümmt sich mir durch und durch, mir ist, als werde der innere Mensch durch den Fleischwolf gedreht, aber es kommt nichts heraus, verstehen Sie, es kommt nichts heraus. Und, ganz im Vertrauen: Was soll denn herauskommen? Sie, also Sie wissen schon, wen ich hier meine, sie stopfen immer nach, aber die einfachste aller Fragen stellen sie nie.

SARKOSSI

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Wir haben diesen Fall nicht übersehen, es fällt uns nur noch nichts dazu ein. Der geneigte Leser, die geneigte Leserin wappne sich daher mit Geduld. Der Artikel wird kommen und Sie werden staunen über soviel Eleganz, soviel Beredsamkeit, soviel Aufrichtigkeit und Leidenschaft auf Feldern, wo man dergleichen vor der Hand nicht vermutet. Ein Glück, dass man auch hinter der Hand leben kann – und gar nicht schlecht. Manche leben besser hinter der Hand als davor und dies nicht nur, weil sich ein Gähnen dort leicht unterdrücken lässt. Die leichte Unterdrückung ist vielleicht eine Spezialität des Hinter-der-Hand-Lebens und ‑Regierens. Vor allem das Denken bleibt abgeschattet, während die Geste in herrischer Pracht nach vorn tritt. Die gute! Wir sahen sie gestern, wir sehen sie heute, wir sehen sie schon im Futur und würden gern selbst hinter die Hand flüchten, wäre, ach wäre der Artikel bereits geschrieben, der dies alles möglich machte. Und wäre es ein Artikel zuviel, der eine, der das Artikelfass zum Überlaufen brächte, aber daran will keiner denken. Warum auch? Zum Denken braucht es Philosophen, wohl dem, der sie im Überfluss hat, so dass er im Ernstfall davon abgeben kann.

SARKOSSI-LINIE

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Südlich der Sarkossi-Linie ist alles erlaubt. So flüstert man im Yagir hinter vorgehaltener Hand, der große Sarkossi selbst habe einmal angeordnet, die dort vermuteten Reichtümer... – es flüstert sich gut in einem freien Land. Im Yagir lässt sich gut in allen Lautstärken flüstern, da niemand zuhört, der das Gehörte weiterträgt. Jedenfalls nach offizieller Lesart, die nicht verhindert, dass Aufzeichnungen jeglicher Art sich in den Medien wiederfinden, ohne dass geklärt werden könnte, wie so etwas möglich ist. Den Informanten, sollten sie jemals vor Gericht erscheinen, drohen furchtbare Strafen. Sollten sie? Das ist die Frage und sie harrt der Beantwortung.
Was die erwähnte Sarkossi-Linie angeht, so existieren keine Karten, aus denen man ihren Verlauf entnehmen könnte, selbstverständlich nicht, da es sie offiziell nicht gibt. Nachweisen lässt sie sich nur anhand gefühlter Überschreitungen, z.B. wenn die Landespresse einen mit Pomp empfangenen Staatsgast währenddessen als Potentaten oder Schurken bezeichnet und müde Witze über ihn reißt. Insofern läuft die Linie mitten durch den Regierungspalast hindurch, man weiß nur nicht genau, wo sie hinten wieder herauskommt.
Das breitere Publikum nimmt die Linie erst aus der Ferne wahr, tief im Midi, dort, wo Jagdgeschwader die Schallmauer zu durchbrechen pflegen und immer wieder Mörtel und größere Brocken Gesteins auf die Häupter durchbruchwilliger Möchtegern-Einwanderer herunterstürzen. Das hat, wie manches andere, nichts zu bedeuten. Generell könnte das Gros der Kommentatoren gut damit leben, ließe sich die Sarkossi-Linie als Grenzlinie zwischen Bedeutung und Nichtbedeutung vermitteln. Ungereimt wäre das nicht, da alles, was südlich von ihr geschieht, nicht die Bedeutung besitzt, die ihm im Norden zweifellos zukäme.
Dem Süden Bedeutung absprechen, darin besteht weitgehend seine Bedeutung, jedenfalls im Norden. Die Sarkossi-Linie drückt aus, was die Menschen denken, sobald sie etwas für undenkbar erklären. Jedem seine kleine Sarkossi-Linie, das war Teil eines Sozialprogramms, das dann wegen größerer Verpflichtungen zurückgestellt wurde. Mancher Yagirit betrachtet nachdenklich seinen Bauchumfang und fragt sich, was wohl wäre, wenn die progressiven Kräfte sich durchgesetzt hätten.

SAKRALITÄT

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Es ist nicht nötig, den Begriff des Heiligen in die Kunst hineinzutragen: bemerkenswert sind eher die Versuche, ihn aus ihrer Beschreibung zu entfernen. Sie sind es nicht, weil sie so überaus gelungen wirken oder ein Hauch von Unabdinglichkeit sie umwittert, eher aufgrund ihrer nachhaltigen Unbedarftheit in Verbindung mit einer gewissen Persistenz und – sagen wir es ruhig – Penetranz. Der Kultus soll nicht das letzte Wort in Fragen der Kultur besitzen, so nicht und jetzt nicht. Vor allem so nicht: die rituelle Reinigung einer Fläche, die Herstellung eines Bezirks, der anders ist und in dem andere Gesetze, vielleicht überhaupt Gesetze und nicht bloß Notwendigkeiten den Verkehr regeln, die Verlangsamung und Ausdünnung des Verkehrs selbst an solchen Orten, die Reduktion des Umgangs an solchen Orten auf ein paar Gesten und Worte, die damit einhergehende Kanonisierung von Worten und Blickrichtungen, ihre sachte, durch Einführungsriten verstärkte und normierte Verwandlung in seelische Intensitäten, in Gefühlsqualitäten und schließlich in Gesehenes, das heißt in etwas, das gleichermaßen am Anfangs- und am Endpunkt einer Bewegung steht, die doch als unaufhörlich gedacht ist und also wiederkehren muss wie die Speiche eines Rades: immer und immer wieder, in einer Zeit, die eigens zur Wiederholung genötigt wird, kalendarisch, mit Hilfe der Schrift und des Zeichens, das jemand setzt und das jetzt auf immerdar korrespondiert – das ist zwar anlässlich eines jeden Museumsbesuches zu besichtigen, aber es soll nicht sein, es soll nicht sein. Warum? Weil in der Negation die Kraft des Bewahrens steckt, die durch keinen Glauben an die künstlerische Sendung gedeckt wird. Destruieren wir ein bisschen, weil es so schön ist und den Zauber erneuert, der ohnehin die Sprache verschlägt. Ein Dummkopf, wer sich dabei etwas denkt. Soll er doch wegbleiben, solange der Weizen blüht.

SANKT LUHMANN

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Man hat aus dem Ahnherrn der Systemtheorie einen Heiligen gemacht, zu Recht, denn die Anzeichen einer nichtalltäglichen Gestörtheit geistern durch die Seiten seines, wie alles Große, unabschließbaren Projekts. Man sieht, wie der von der Verwaltung eingesetzte Sparkommissar seinen Plan ausarbeitet, wie er durch die Abteilungen eilt, um ihn umzusetzen, wie er hier Erfahrungen sammelt, die er dort anwenden kann, wie er sich kurz über die Eigenheiten des jeweiligen Gebiets belehren lässt, um alsbald den Stift in die Hand zu nehmen und das neue System mit ein paar Strichen den Gegebenheiten anzupassen, man verfolgt die Schulungen des Personals, sieht die notwendigen Freisetzungen und die gewonnene Freizeit der Fachkräfte, die von sich aus nie geglaubt hätten, dass man beim Einkauf der Problemlösungen so zusammenlegen und die Preise drücken könnte. Schließlich entdeckt man die jungen Leute, die mit dem System groß werden und es für ›ganz normal‹ halten, denen die hier und da sich hartnäckig haltenden Widerstände schier unbegreiflich vorkommen. Ihre sommerlichen Flüge sind früh gebucht und im Herbst legen sie Ergebnisse vor, die sich sehen lassen können. Man könnte sie in der Handysparte einsetzen, die nach wie vor Ärger bereitet.

SATURNISCHE BIBLIOTHEK

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»Ach, Homomaris«, seufzt die kleine stille Frau mit dem um die Schultern gelegten Kätzchen, und es klingt wie eine Erinnerung. Das Gegenteil ist der Fall, sie ist Wahrsagerin und weissagt die Zukunft. Neben ihr hängt ein Bild mit einem kleinen gelben Fleck darauf, man kann nicht unterscheiden, ob er zum Bild oder zur Unterlage gehört oder zu beidem, das Bild ist blau, fast monochrom, mit einem Schuss Lila, das die Wange des stillen Gottes färbt. Über seine Stirn wächst ein Gezweig, es könnte fast Lorbeer sein, doch das hier ist Saturn, der Gott der Bücher, und die Blätter sind einzeln auf der Stirn befestigt, wie Pailletten oder Paillons, das wäre nur so ein Vergleich. Direkt neben seinen mächtigen Brüsten und Flügeln ohne Zahl wird es wirklich, da wachsen die Homunculi in Reih und Glied aus den Regalen. Ein Mann, der zu ihnen emporblickte, verwandelte sich augenblicklich in eine Statue des heiligen Christophorus, bestimmt, sie über die Alpen zu tragen, doch ein loses Gewirr von Körperteilen, von Armen und Beinen und Krügen bremst seinen Schritt. Es hätte auch keinen Zweck, armlos, wie er sich darstellt, trüge er nichts außer sich selbst. Auch das wäre unter Umständen des Guten zuviel.

SAUM, SÄUME

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Die Säume, liebe Kinder, die Säume, wer säumt denn da? An Rändern gehen, an Rändern stehen, in Abgründe glotzen, den Kitzel erfahren, das Kind mit dem Bade ausschütten, rasche, scharfe Entscheidungen treffen, am laufenden Band, sich abnabeln und an die Speichen des großen Rades fesseln lassen, das ist doch was. Herrgott, dagegen kann man nicht an, das liegt, wie es liegt und kommt heraus, wie es will. Das Durchfahren ist eine Sache, das Aus-der-Haut-Fahren eine andere, doch am Horizont, da verschmelzen sie, da kommt zusammen, was immer zusammen gemeint war. »Fahr nicht durch«, hörte man in seiner Jugend öfters, eine bittende, leicht genervte Stimme mischt sich ins Erinnern, ein Zagen, eine Ängstlichkeit, die den Kitzel steigert, je nach Belieben. Ja warum denn nicht! Diese Öffnung, gerade diese, die sich hier auftut, da musst du durch, alles andere gilt nicht, es kostet nur Zeit und ließe dich säumig werden, wer wollte das schon. Säumig sein, trödeln, die Stelle verpassen – ach du Schreck. Dass man den Schrecken duzt, hat viel damit zu tun, dass er so vertraut ist, weil man ihn nie versäumt, weil er subkutan mitreist und die Druckstellen bestimmt, die Orte gesteigerter Unruhe, an denen – auf der Stelle – gehandelt werden muss. Der Schreck geht immer an Säume, in ihm erneuern sie sich inständig, man könnte fast sagen, dass sie ihm erblühten, empfände man dieses Bild an dieser Stelle nicht als ausgesprochen lächerlich, obwohl es sich, beim zweiten Hinsehen, beinahe rechtfertigt: Säume sind der Blütenbesatz des Daseins, seine schnelle Abbreviatur, in der es sich zur Anschauung bequemt – für wen? Für den Zeitsinn, wen denn sonst.

SECHZIGENDER

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Wer sechzig ist und nach Ämtern giert, was ist so einer? Ein alter Sack, dem die Hose aufsteht, so dass ein gesundes Zimmermädchen schreiend davonläuft und die Polizei verständigt? Sie sind verständigt, diese Zimmermädchen, so oder so, sie wissen, was es geschlagen hat, wenn erst die Jagd auf sie beginnt. So einen ans Messer zu liefern, kann nicht schlecht sein, vielleicht ist es eine gute Tat, jedenfalls wird man sehen, was sich herausschlagen lässt. Die Trennung von Amt und Schreibtisch erscheint als die natürliche Folge einer Ausschweifung, die ihren Höhepunkt in einer vergangenen Zukunft findet. Sie erscheint und alle Bahnen ordnen sich neu. Wenn selbst die bis dato Übersehenen nicht bereitstehen, am Werk der Vollendung mitzuwirken, was soll man dann von den alten Freunden halten, die einen ermuntert haben, alles zu geben, wo man sich doch schon verausgabt hatte und erwarten durfte, dass sie den Rest dazulegen? Nicht viel, nicht zu viel, vielleicht gerade so viel, wie nötig ist, um von ihnen Abschied zu nehmen, also ein Händchen, vielleicht zwei, falls sich in einem davon noch ein Umschlag befindet, eine Extra-Gabe, mit der man nicht gerechnet hat und die einen jetzt beinahe rührt. Nicht zu sehr, der Chauffeur wartet schon und seine Augen verraten nichts.

SEGEN

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Der Alltagsdeutsche, im Begriff, das bequeme Kollektiv zu verlassen, wirft einen Blick zurück und verzichtet. Worauf? Auf die Freiheit? Mitnichten. Auf die Schicksalsgemeinschaft? Das wäre... Aber immerhin, es wäre... ein Kriegs-, ein Nachkriegsfall. Nein, im Verzicht auf die Freiheit liegt kein Segen, das spürt er, und auf den Segen kommt es doch an. Also woher sie nehmen? Besser, man vertilgt sie im Kreis der Seinen, unter langsamem Kauen, während die Flasche die Runde macht.

SELBSTERNANNT

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Bestimmte Frauen mögen es nicht, dass in manchen Berufen nur zählt, wer sich selbst über die Schwelle getragen hat und nun dasteht als jemand, der eine gewisse Sicht auf die Dinge sein eigen nennt, ohne dass man ihn einem Rudel zurechnen könnte. Sie mögen es nicht, weil man sie, eher aus Versehen, hereingelassen hat und sie jetzt die Aufpasserinnen mimen, auf dass alle sich an die Regeln halten, an die sie selbst sich eisern halten müssen, um nicht aufzufallen, auch wenn es schwer fällt. Die Devise, nicht aufzufallen, verträgt sich nur schwer mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die um ihre Gaben weiß; umso deutlicher weiß sie die Grenze zum Auffälligwerden zu markieren. Erlaubt ist, was sich ziemt. Den Eisernen wird alles auffällig und sie benützen dafür das Ausschlusswort ›selbsternannt‹. Wer selbsternannt ist, bestimmen sie und sie sorgen dafür, dass so jemand entfernt wird, prompt oder sachte, peu à peu. »Das ginge ja noch. Aber seit in der Kritik die Quote regiert, wimmelt es in der Literatur von selbsternannten Schriftstellern. Neulich las ich eine bewegte Litanei über den selbsternannten Revolutionsführer Lenin und begriff, die Revolution ist ein ordentliches Berufungsverfahren, das der Betreffende seinerzeit geschwänzt hat. Vermutlich wollte er sich dem Stress nicht aussetzen und dafür bringen wir ihn jetzt vor Gericht.«

SELBSTKASTEIUNG

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Der arme Sünder, zur Selbstkasteiung schreitend, wovon nährt sich der? Nein, nicht wie die Vöglein im Walde und die Lilien auf dem Felde, nicht von den verirrten Speisen der Reue und der Ergebung, nicht von der Wehklage und nicht von der Sammlung, nicht von der Gnade und nicht vom Selbst. Er sammelt alle Bosheiten, die andere jemals gegen ihn und seinesgleichen losgelassen haben, das gedankenlose Gewäsch von Leuten, die täglich die Grenzen ihrer Welt abstecken müssen, um in ihr einherschreiten zu können, den hochmütigen Humbug professioneller Verleumder und die galligen Spitzen Nachdenklicher, die das Recht beanspruchen, sich den Rest der Menschheit vom Leibe zu halten und ihre Anbetung dessen, was ist, mit treffenden, leider zu tief oder zu leicht ritzenden Bemerkungen über alles zu dekorieren, was nicht sie sind. Er sammelt diese Bosheiten wie andere Kulturwesen Briefmarken, er besitzt eine wohlgeordnete Kollektion davon, die er täglich befühlt und Interessierten gern zeigt; er möchte nicht tauschen, er fühlt sich komplett und wünscht, dass andere davon Kenntnis erhalten. In gewisser Weise – alles ist ›in gewisser Weise‹, warum nicht auch das? – ist er der erste komplette Mensch. Er hat sein Pensum erfüllt, er hat es, Punkt für Punkt, abgearbeitet, und wenn ihm jetzt gelegentlich die Maßstäbe verschwimmen, dann deshalb, weil die Grenzen der Sammlung so weit gesteckt sind, dass er sie, nicht erst seit heute, aus den Augen verloren hat. Schließlich will er den Überblick und nicht irgendeine Zahnpasta-Nettigkeit, die ihn entlastet. Seine Briefmarken, weit entfernt davon, ihm zur Last zu fallen – er weiß, manche darunter sind von zweifelhafter Authentizität, aber das steht auf einem anderen Blatt –, geben ihm etwas, eine Befriedigung, die er lange vermisst, einen Schauder, ein anderer als er selbst zu sein, ein Ziel, das hinter ihm liegt, eine Hoffnung, die nicht auf die Zukunft gerichtet ist, sondern darauf, nicht gemeint zu sein. Er hat es erreicht – es ist nicht länger das Paradies der Werktätigen oder der Frauen, es ist nicht die Psyche und nicht das Reich der Vernunft, es ist das Erreichte. In ihm sitzt er wie die Made im Speck. Manchmal wundert er sich über den Brechreiz, den sein Anblick auslöst, aber er weiß: Diese da erreichen nichts.

SELBSTSTÄNDIG

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Ständig selbst sein zu müssen, das nervt, auch wenn die Bedingungen günstig stehen. Selbst das ständig im Mund geführte Bekenntnis zur Selbstständigkeit nimmt sich auf dem Papier weniger nachdrücklich aus als auf Sitzungen, die das Selbst, wie man weiß, in nicht geringem Umfang fordern – vielleicht auch erfordern, das mag die Sprachwissenschaft hinterdenken. Das Hintertreiben hingegen sollte man ihr nicht ohne weiteres und auf längere Zeit überlassen, seit man weiß, dass sie ständig selbst das hintertreibt. In ihrer natürlich-sanften Gegnerschaft zur vermuteten Sprache nimmt diese von Hektikern der öffentlichen Rede gern ›beamtet‹ genannte Disziplin mitunter Positionen ein, die den, der selbst ständig agieren und selbständig entscheiden muss, an Disziplinlosigkeiten erinnern, die ihn fast die Existenz gekostet hätten. Diese hier kosten nichts als den faden Geschmack des Erfolgs, eine funktionierende Rechtschreibung zugunsten des vertrauten und in der Praxis lästigen »Alles geht« ganz ohne Not entsorgt zu haben: Geht doch!

SELBSTVERPFLICHTUNG

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Lässt sich das Selbst verpflichten, und, wenn ja, worauf? Das ist der Kern aller im Grunde nicht lösbaren Fragen, des Pudels Kern gleichsam. Das Selbst ist eine unhandliche Größe, unruhig und bestimmungslos: vielleicht ist das seine Bestimmung, ohne Bestimmung zu sein. Bestimmung durch wen, durch was? Durch die Sprache? Die Sprache ist selbst eine anonyme Macht, vielleicht die Macht schlechthin, das Böse, das gelegentlich Gutes bewirkt, alles Gute, immerhin, wie man es sich wünscht, gegenseitig und immerfort. Doch wünscht man es nicht sich selbst, so weit im Läppischen vergreift sich keiner. Das Selbst steht außerhalb alles Guten, es steht nicht in Rede, es ist nicht müßig, es ist nicht beschäftigt, es zählt nicht. Nein, es zählt nicht, weder im aktiven noch im passiven Sinn. Es löst sich ab, manchmal, schweigend, es treibt davon und das liebe Ich rennt in putzigen Sprüngen hinterdrein, nachdem es schnell ein paar Marken gesetzt hat. Wo Ich war, soll es wenigstens eine Zeitlang ... nach mir riechen, das ist die kürzeste Theorie des Unterbewusstseins und die strengste. Alle Erforscher des Geruchs erforschen im Grunde das Schweigen, aber sie können darüber nichts sagen. Das Ich, dem es gelänge, die Leine des Selbst zu kappen, würde an dieser Stelle beredt. Das soll nicht sein. »Verpestete Luft« sagen die Leute, wenn ein Ich im Raum steht, dem das Selbst abhanden  zu kommen droht. Dieses Ich ›steht in Verwesung‹, so wie man in Verhandlungen steht. Sein Blick funkelt strategisch, doch seine Bewegungen sind müde. Es ist ein alter ego, es weiß von keinem zweiten. Dabei ist es schon unterwegs.

SELIGWERDER

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»Es geht um den Glauben.« Was sonst? Wann immer es um etwas geht, geht es ›in Wirklichkeit‹ um den Glauben. Um welchen Glauben? Ist er angesagt, nicht angesagt, verabschiedet er sich gerade unter Getöse oder ist er noch nicht ganz angekommen? »In der Regel geht es um praktische Dinge.« »Glauben Sie?« »Ich weiß nicht recht. Ja doch, ich glaube schon.« »Ja oder nein?« »Ja sicher.« »Ganz sicher?« »Ganz sicher. Kommen Sie, examinieren Sie, wen Sie wollen. Wer ist schon ganz sicher? Ein Verrückter vielleicht.« Ein bewegliches Figürchen, quecksilbrig, nirgendwo völlig festgelegt, es sei denn unter Martern oder unter dem Eindruck von Martern, und gäbe es nur das zermarterte Gehirn, das am Ende den Befund aussondert: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Ich könnte auch anders, aber warum? Es würde nichts ändern. Ein Selbstbefund, und kein erheiternder. ›Der kann nicht anders‹ heißt: jemand hat seine Form gefunden. Er ist ein Getriebener, sei es der Umstände, sei es seiner selbst. Unter der Hand ist aus dem ›Ich glaube‹ ein ›Ich bekenne‹ geworden. Wer bekennt, glaubt nicht bloß, sondern nimmt die Folgen dessen auf sich, woran zu glauben er sich entschlossen hat. Die Leute betrachten, was so einer anstellt, als Exzess. Der Entschluss zu glauben überschreitet den reinen Glauben und stellt ihn von einer anderen Seite aus her. Demgegenüber ist Glaubenwollen das Normale. In der Regel wird es für den Glauben genommen, aber auch das ist ein Irrtum. Wer glauben will, will mehr als bloß glauben. Er will, das Geglaubte möge reell sein, er will an die Wahrheit dessen glauben, woran er glaubt, und es misslingt. Glauben und Unglauben verschmelzen zur Standfigur des Gläubigen. Wer glauben will, kann vieles anstellen, um seinen Glauben unter Beweis zu stellen. Doch in dieser Angelegenheit, die nur ihn etwas angeht, versagt er immer aufs Neue. Mag sein, dass er das Hochgefühl eines Erfolgs für die Sache nimmt, aber die Sache entgleitet ihm, sie war in den Erfolg nicht eingeschlossen, sie entzieht sich. ›Wer’s glaubt, wird selig.‹ So drückt der Volksmund sich aus und mancher möchte es glauben.

SEMESTERBEGINN

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Der Rechtschreibung haben wir uns entledigt und jetzt erledigen wir den Rest. Das klingt gefährlicher, als es ist, aber man sollte uns nicht unterschätzen. Manch einer sieht uns, in die Ecke gedrängt, zusammengekauert, und hält uns für erledigt, nur weil wir einen Aussetzer hatten, aber das geht vorbei und wir sind wieder fit. Dieses ewige Fitsein haben wir den anderen voraus, dafür hassen sie uns und wollen uns los werden, was Unsinn ist, denn wir sind ersetzbar, überall und auch jetzt. Wir sind Hunde aus der Rotte des Ildefondo, den niemand kennt, ein unerhörter Vorteil für den, der ihn zu nutzen weiß. Andere haben Einfälle, aber wir wollen etwas erreichen, dafür sind wir angetreten, dafür putzen wir Klinken und stopfen Mäuler. Wir sind das ewige Jetzt, wir sind die Gefahr, der sich die Alten und Kranken ausgesetzt sehen und vor der sie sich fürchten, obwohl sie nicht von Gewicht sind, eher ließe sich sagen, wir lassen den, für den wir uns interessieren, alt aussehen, wir sorgen dafür, dass er sich krank fühlt, allein durch Nähe, soweit reicht unsere Macht. Wer sich gesund fühlt, kennt uns nicht, er weiß nicht, wovon die anderen reden und meint, sie sähen Gespenster. Was nicht falsch ist, nicht falsch, aber natürlich naiv – auf beiden Seiten. »Gehen Sie«, sagt die Dame am Häppchentisch, »meinen Sie nicht, dass Sie übertreiben?« Da ist etwas dran. Wir werden sichtbar durch Übertreibung. Deshalb verkehren wir gern in Kreisen, in denen man sich durch Übertreibung schuldig macht, zum Beispiel an Universitäten, wo die Übertreibung als Todsünde gilt. Allerdings fällt dort das Spiel fast zu leicht, wir geraten ins Gähnen und machen Fehler aus Langeweile. Wenn das Semester noch frisch ist und alle in die Arena strömen, gehen wir aus uns heraus und beißen in die Menge.

SENDBOTEN

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Die Freiheit zeigt sich in zweierlei Gestalt unter den Menschen: als Summe der Gesetze und Regelungen, die dem reibungslosen commercium omnium dienen, und als Religion mit Tempeln und Riten, Opfern und Feldzügen wider ihre Feinde. »Gut«, sagt W., »aber wenn das so ist, dann verstehe ich nicht, wie es mit ihr so weit kommen konnte.« »Wie weit?« fragt der Verteidiger der Freiheit, man merkt, dass es ihm schwer fällt, die Contenance zu wahren. »Dass es in ihrem Inneren soviel Reibereien gibt, nur der Krieg gegen die Feinde läuft wie geschmiert.« »Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Eindrücke nehmen, aber Sie sollten froh sein, dass die äußeren Feinde so schwach und die inneren so erfolglos sind.« »Vielleicht meinen wir ja dasselbe. Aber sehen Sie, womöglich sind die Verteidiger des ungehinderten Kommerzes ihr eigener Feind. Wie soll man mit ihnen Geschäfte machen, wenn sie sich immer und überall durchsetzen müssen? Es ist kein gutes Geschäft, die Hand in einen Aktenvernichter zu stecken. Haben Sie so ein Ding? In meinem Büro steht noch eines. Man gibt einen Vorgang hinein und bekommt nichtssagendes Papier heraus. An die großen Schredder da draußen kann ich nur mit Beben denken.« »Aber das ist ganz natürlich. Ein Vorgang ist abgeschlossen, ein anderer beginnt. Alle starten neu wie am ersten Tag.« »Doch die Erinnerung bleibt. Übrigens auch an das, was man selbst einmal war. Sie wird nur undeutlich.« »Wenn die Erinnerung Sie quält, gehen Sie zum Therapeuten. Nein nein, ich verstehe, was Sie meinen. Menschen und Länder sind wie Geschichten, sie gehen ungern zu Ende. Im Grunde fürchten sie den Neuanfang.« »Vielleicht haben Sie recht und es ist alles eine Frage der Furcht. Aber wovor? Wenn der Herr so streng ist, warum sind seine Sendboten so lax, sobald sie einmal am Drücker sind? Fürchten sie nichts?« »Sie fürchten sich und sie fürchten sich nicht. Ehrlich gesagt, wissen sie nicht, was sie von der Sache zu halten haben. Es ist der Erfolg, der Zweifel in ihre Herzen sät, und sie stehen für nichts. Das ist ganz natürlich.« »Welcher Erfolg?« »Sehen Sie, in Ihrem Herzen sind Sie einer von uns. Sie wissen nichts davon und das ist gut so. Mit dem Herzen stehen wir alle auf Ihrer Seite.« »Auf meiner Seite? Welche sollte das sein? Wir bewohnen dasselbe Haus, ich weiß davon nichts.«

SENSORIUM

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Nein, wir sind nicht die Kommentatoren der Kommentatoren – das ist lustig (selten), das ist wichtig (manchmal), aber es kann doch nicht der Kern der Anstrengungen sein, des ganzen gestemmten Lebens, das nun wirklich nicht. Was aber ist der Kern? Ein Apfeltörtchen? Der Wahrheitssinn, stark und verwirrbar wie der Gleichgewichtssinn, trägt dich durch die Zumutungen der Alltagswelt, nicht über sie hinweg. Kein Wunder also, wenn du sie stark empfindest. Das macht dich noch längst nicht zum Sensor oder zur Wünschelrute, die man zur Seite legt, wenn sie nicht mehr ausschlägt. Zu was dann? Der du die Lügenhaftigkeit des Meinungsgewerbes so stark empfindest – immer wieder versagt deine Rede an dieser Stelle, verirrt sich in fremden Skalen, warum? Wer auf dem Meer lebt, lebt auch den Wellenschlag des Meeres, das ist ganz unausweichlich, es wäre sinnlos, darüber zu sinnieren, wie es auch anders sein könnte. Nur der Mut und die Findigkeit, die beständige Abwehr, der Wille, sich nicht zu beugen, geschweige denn, sich fortschwemmen zu lassen wie einen Rest, ein Stück Abfall, eine Beute des Elements, unterscheiden ihn sichtbar von den Ausgeburten des Meeres, die ihn nächtens bedrängen und von deren Kadavern er sich tagsüber ernährt. Im Grunde weiß er wenig über sie.

SEXFRONT

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Wie konnte sich der Feminismus, diese breite, gut aufgestellte Veränderungsfront, von der Schwulenbewegung so die Butter vom Brot nehmen lassen? Denn machen wir uns nichts vor: bei dem, was heute Frauenbewegung heißt, handelt es sich um kaum mehr als einen Nebenstrang des one world movement for free sex and against gender discrimination, das mit genuinen Frauenproblemen so wenig am Hut hat wie eine Haifischflosse mit der Flugfähigkeit eines Seidenreihers. Wie konnte das geschehen? Ganz einfach: So wie eine jüngere an einer älteren Ideologie zehrt, um sie schließlich durch langdauernden Kräfteentzug – nein, nicht zu ersetzen, denn dafür reicht auch die Kraft der neuen nicht, aber soweit zu schwächen, dass sie keiner eigenen Regung mehr fähig ist, sondern willenlos den Impulsen der anderen Seite folgt, so wie eine Religionsidee inmitten einer bereits ausgebildeten Religiosität zündet, weil sie den Leitgedanken vereinfacht und dadurch eine größere Geradlinigkeit in der Durchsetzung von Interessen gewinnt, so löst sich das Geschlechterproblem, sobald das Menschheitsinteresse der Fortpflanzung durch einen Trick aus ihm herausgelöst wurde. Dieser – ziemlich banale – Trick lautet: Macht es auf die männliche Tour. Er könnte auch heißen: Alle Definitionsmacht den Männern, aber das wäre denn doch zu dreist und könnte Misstrauen erregen, vor allem, weil das weibliche Männerbild aus naheliegenden Gründen nicht zwingend schwul geprägt ist, obwohl das nur den gesellschaftlichen Gegebenheiten entspräche und durch die entsprechende Frauenideologie längst sanktioniert wurde: Männer machen die Definitionen und Frauen entziehen sich ihnen. Wie naiv ist das denn? Der nicht festgelegte Mann – voilà, da ist er, gut durchdekliniert, und fordert seine Rechte. Und da er von Mutter Natur mit einer etwas kräftigeren Stimme ausgestattet wurde und in Politik und Gesellschaft gut vernetzt ist… Als die Frauenbewegung auf das Konzept ›Gender‹ setzte, also auf das soziale Geschlecht, gab sie sich auf: warum? Eine Grenzüberlegung löst das kleine Rätsel im Handumdrehen. Wenn Frauen reklamieren, sie seien keine Frauen mehr, sondern etwas anderes, Männer etwa, bringen sie das Problem, das zu lösen sie angetreten sind, zum Verschwinden – durch Selbstaufgabe. Ophelia geht ins Wasser, um verstanden zu werden, und erntet Erfolg: Kulturtragende verstehen sie mit jeder Aufführung besser, vor allem in der Theaterpause, zwischen den Akten, sobald ihre Stimme vielfältig im Foyer widerhallt. Wenn hingegen biologisch unauffällige Männer behaupten, sie seien keine Männer mehr, sondern anders – Zwischenwesen oder Frauen oder Selbstdefinierte –, dann holen sie sich Definitionsmacht in genau diesen Bereichen und füllen sie aus. Frauen … wo bleiben die Frauen? Sie bleiben als Hilfstruppen oder Nachahmerinnen oder ›Karrierefrauen‹ oder Konsumtanten weiter im Spiel oder in einer Rolle, über die viel gelacht wird, während der generöse Beifall nicht nachlassen will: Puffmütter im Männerzoo, den Akrobaten des Geschlechts Manna und Erfrischungen spendend und ihre derb-zarte Erotik lobend – über den grünen Klee, weit über ihn hinaus.

SICH-ÄUSSERN

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Das öffentliche Sich-Äußern besitzt eine Kraft, die nach innen geht: nicht als Resultante der Stimmen, die darauf antworten, sondern als unerwarteter Effekt einer Entblößung, die sich selber vorantreibt. Sie ist weniger harmlos als die des Körpers – die wiederum nicht so harmlos ist, wie den Leuten suggeriert wird –, vor allem deshalb, weil sie zu keinem natürlichen Abschluss kommt. Es entblößt sich ja nicht das Selbst, das vielleicht nicht mehr ist als eine gut versteckte Blöße, es entblößt nur... was? An dieser Frage kommt es zu keinem Abschluss, es gleitet an ihr entlang in einen Bezirk, den manche Leute das Offene nennen. Man erkennt es am separierten Tierblick. So verwandelt sich der öffentliche Mensch inmitten seiner Gesinnungen und Funktionen in ein jagdbares Wild, angetan mit einem Sprach-Körper, der einem Fuchsbau ähnelt. Dieser Sprach-Körper ist immerfort im Umbau, jede Inspektion trifft, neben dem Vertrauten, auf neue Einsprengsel, unvermutete Inseln des Unvertrauten, Stege und Übergänge, Durchbrüche, wo beim letzten Mal noch Wände standen, und Wände an Stellen, an denen das arglose Gemüt auf nichts zu stoßen gedenkt. Wände aus nichts... Sie sind vielleicht der prägendste Part der sich öffnenden Rede. Gebieterisch schreiben sie die Umwege vor, die gegangen werden müssen, während der vorausbedachte Effekt ungewiss bleibt und sich rasch ins Gegenteil kehrt.

SIEFERLE

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Der arme Herr Sieferle war so mutig, ein paar Seiten zu hinterlassen, auf denen das Vaterland nicht als auswärtige Größe firmierte, sondern als das eigene, jedenfalls schimmert etwas davon zwischen einigen analytischen Sätzen hindurch, deren Inhalt im übrigen jedem Leser vertraut gewesen sein sollte, der ein paar Jahrzehnte deutsches Feuilleton auf dem Buckel hatte – und das Feuilleton stürmte. Eine der Sturmspitzen ging so weit, noch dem Toten einen Prozess an den Hals zu wünschen. Voilà. Wenn das Totengericht tagt, hat der Patriot gute Karten. Alle guten Geister waren und sind Patrioten, bloß das Vaterland wechselt. Wen kümmert das Vaterland, wenn nur ein Herz dafür schlägt? Man muss kein großer Denker gewesen sein, um in den Ewigen Jagdgründen sein Auskommen zu finden. Es genügt, ein paar Denunzianten aufgescheucht zu haben, die mit dem Denken Schindluder treiben – sie meinen Menschen zu denunzieren, aber sie denunzieren das Denken selbst. Pech für sie: Das Denken rächt sich nicht, es geht über sie hinweg.

SIEGERPODEST

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Man muss mit den herrschenden Kräften rechtzeitig Mitleid haben, denn ihr Geltungsanspruch klingt bereits hohl. Das gilt für jede siegreiche Sache, als gute erklimmt sie das Treppchen, unter Hohnsprüchen trollt sie sich von dannen. Leute, die länger verweilen wollten, haben daraus den Fortschritt gezimmert, die permanente Revolution, die auf Dauer gestellte Reform. Genützt hat es nichts, sie mussten und müssen herunter, weil das Privileg, auf der richtigen Seite zu stehen, nur auf Zeit verliehen wird. So lebte die Arbeiterbewegung, ohne sich darüber verständigt zu haben, von der Überzeugung, dass die Arbeit nicht ausgeht, so agierte der Feminismus unter der Annahme, dass Kinder immer geboren werden, von wem und unter welchen Bedingungen auch immer – Annahmen, die prima vista nicht falsch sind, aber irgendwann ihr vertracktes Gesicht zeigen, nachdem sie es lange unter den Masken der patentierten Probleme verbargen. Was sich vor wenigen Jahren Globalisierung nannte, hört heute auf andere, weit weniger schmeichelhafte Namen, es gibt einen Manichäismus der Geduld wie der Ungeduld, beide müssen herunter. Wie die Straße der Sieger ins Nichts führt, so erweist sich der Siegerpodest als Startrampe ins Abseits. – »Beiseitegeworfen«, durchfährt es Homomaris, den Gnostiker von Lichtel, er denkt von Haus aus und schert sich wenig ums Budget.

SINNVOLLSCHENKER

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Der klassische Sinnvollschenker wird nicht geboren, sondern wiedergeboren, er lebt nicht, sondern er ist erfüllt von Leben. So einer ergibt sich nicht, schon gar nicht von selbst, er wird ausgegeben, am besten mit vollen Händen, links, rechts, wie auch immer. Er ist eine Art Zugabe, mit der eine Gesellschaft manche ihrer kleineren Krisen meistert. Viele z.T. prominente Wissenschaftler sind Sinnvollschenker. Sie tragen das gestickte ›SV‹ an verborgenen Stellen ihrer Kleidung, doch den Blicken aufmerksamer Zeitgenossen entgehen sie selten. Viele Sinnvollschenker sind Künstler oder werden von der Gesellschaft als solche gehalten. Man erkennt sie an ihrem gekonnten Zeitmanagement, daran, dass sie stets zur Verfügung stehen, wenn man ihre Dienste benötigt. Als Aktionskünstler wirken sie gern ›verstörend‹, dafür gibt’s Bares auf die Hand und man kann sie wegräumen oder sie trollen sich, ohne dass man sie darum bitten müsste. Sie beanspruchen nicht viel Raum, aber er muss öffentlich sein, sonst fällt ihnen wenig ein. Die Ausbildung des Sinnvollschenkers/der Sinnvollschenkerin ähnelt in mancher Hinsicht der des Schamanen/der Schamanin und vollzieht sich im Verborgenen; innerlich und äußerlich verändert, erkennt man sie kaum wieder, wenn sie die Bühne der allgemeinen Aufmerksamkeit betreten.
Es gehört zu den Eigenschaften des Sinns, stets halb voll oder halb leer zu sein, man kann den Mangel beklagen oder sich mit der Aussicht auf künftige Sinnerfüllung über die Gegenwart trösten, aber Sinn bleibt Unsinn, Unsinn macht Sinn und das nicht schlecht. Im Gegenteil, er macht seine Sache gut, gäbe es mehr Unsinn auf der Welt, so liefen die Dinge gelegentlich besser, aber auch hier macht sich rasch das eiserne Gesetz des Mangels bemerkbar. Dementsprechend beschränkt sich die Arbeit des Sinnvollschenkers darauf, den Mangel nicht länger als das erscheinen zu lassen, was er doch ist, sondern als etwas anderes, ein abgekartetes Spiel z. B. oder eine Voliere, in der auf Knopfdruck Vögel zu zwitschern beginnen, die man so nicht sieht, es sei denn, man stellt sich auf Zehenspitzen oder färbt sich per Langzeitversuch die Nase. Besonders Geldleute sind anfällig für diese Künste und bewundern sie dankbar. Politiker täuschen gern Bewunderung vor, doch etwas daran stört die Leute. Recht haben sie. Aber man täusche sich nicht: Niemand geht unangefochten durch das Tal der minderen Aussichten und mancher, dem die Leere ins Gesicht geschrieben steht, lebt heimlich in Fülle. Jeder Mangel wird irgendwann zum Störfall und wer ihn an die Außengrenze verlagert, hat inwendig gut lachen.

SLOTERDIJK, COMTE DE

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Die Geste des radikalen Schwätzers besteht darin, das, was sich von selbst versteht, aus dem Zirkel, in dem es sich von selbst versteht, in andere hinüberzutragen, in denen es zur Pfauenfeder taugt, aber zu nichts anderem. Dort wird jetzt verstanden, was nicht verstanden wird, das heißt, mit jenem kleinen »Aha« und einem winzigen Anflug von Ironie in der Stimme, der sagt: Ich zitiere hier, du weißt schon wen. Das notorische Zitiertwerden vervielfacht das Geschwätz, so dass es von allen Seiten auf seinen Urheber zurückprasselt. Infolgedessen befindet er sich in einer ewigen Aufbruchssituation – er muss dem entkommen, was er anrichtet. Das ist nicht so einfach bewerkstelligt. Aus diesem Grund legen manche Bücher Wert auf die Feststellung, in ihnen sei das eilige Schreiben dem Denken endlich entwischt: Triumph der Artistik, Vollendung des fast Unmöglichen, dessen, was leicht von der Hand geht und schwer zu erreichen ist. Es sind die letzten Bücher, zusammen bilden sie das Corpus der letzten Hand und des letzten Fußes. Ihr Marschbefehl lautet: »Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Du musst dein Schreiben ändern.« Das ist leicht zu erreichen, aber ganz unmöglich.

SÖHNE

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Mit den Söhnen ist das so eine Sache. Je erwachsener sie werden, desto kindhafter wird ihr Spiel. Sie werden undeutlicher in ihren Regungen, jedenfalls in denen, die sie auf die Welt da draußen verweisen würden, sie zeigen Ermattungserscheinungen an ihrer kostbaren, über so viele Jahre ununterbrochen trainierten Muskulatur – gerade dort, wo die Kraft sitzen müsste, die sie fortbringt. Aber das wollen sie nicht, sie sitzen ruhig auf ihrem Fett und überschlagen die Barschaft: Reicht es, reicht es nicht? Und reichte es auch, sollte gerade jetzt der Aufwand lohnen? Sie wollen alles richtig machen, darin liegt das Übel. Sie wollen schon jetzt alles richtig machen, nicht erst in einer Zukunft, die draußen wartet und Schimmel ansetzt, gleich wird sie davonrollen auf ihren goldenen Speichen. – Der Ärmste, er fühlt sich beschenkt, es ist ihm eine Ehre, ein wenig im Haushalt auszuhelfen, in ihm kehrt der Großknecht vergangener Zeiten wieder, den sich keiner mehr leisten kann. Weite des Ostens, Traum jedes Junggesellen! Ein kleines Business in Singapur kostet nicht viel, menschlich gesehen, dadurch löst sich niemand zu Hause ab, seid unbesorgt, Mütter.

SOLIDARITÄT

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Zweifellos hat nichts die Verhältnisse im Yagir ähnlich drastisch verändert wie der Beschluss der Instanzen, die Solidarität der Geschlechter aufzuheben. Das geschieht, da man hier in der Wahl der Methoden wenig zimperlich vorgeht, rückwirkend, so dass einer sich vergeblich nach Beispielen für gelungene Paarung in ferner Vergangenheit umblickt. »Alles Lüge!« Im Yagir merkt man sich solche Sprüche und ist bestrebt, das Leben nach ihnen auszurichten. Das geht meistens daneben. Aber wer lange hier gelebt hat, weiß: daneben geht auch ein Weg. So existiert gleich neben dem – unter Kennern: exzellent! – ausgebauten Straßennetz ein Geflecht aus Trampelpfaden, dessen Gesamtstruktur keiner kennt, obwohl sich alle in großer Geschwindigkeit und nahezu geräuschlos auf ihnen bewegen. Man stelle sich ein Luftbild des Yagir vor, mit dichtem Verkehr auf allen Straßen und etwas wie Nebel auf Strecken, die auf den ersten Blick frei scheinen. In  solchen Abschnitten versickert der Verkehr; die Leute nehmen ihr Bündel und trollen sich. Es sind glückliche Naturen darunter, die kaum ihre Geschwindigkeit drosseln. Manche, die vom Schutz der Baumriesen träumen, ergeben sich mit einem gewissen Aufatmen dem Trott, einige wissen schon, dass sie krepieren werden und finden keinen Anschluss. Von Zeit zu Zeit liegt eine vermoderte Leiche im Holz und die Instanzen tanzen den Was-tun-Tango. Ein unbeteiligter Beobachter könnte leicht den Eindruck gewinnen, nach derlei Exzessen sei der Andrang auf den Pfaden besonders groß. Nur die Jugend, wie immer, tummelt sich auf den Straßen. Sie bevorzugt die kleinen Demonstrationen – Kabinettstückchen, die beweisen sollen, was alles in den Lücken zwischen den daherbrausenden Fahrzeugen möglich ist. Es passiert viel, vor allem die Zahl der Kopfverletzungen gibt zu denken. Dennoch bleibt die Überlegung richtig, dass die Straßen auch im dichtesten Verkehr vor allem leer sind. »Woher diese Leere?« »Das Tempo, ihr Lieben, das Tempo.«

SONDERBONUS

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Diese Theorie ist mir an Herz gewachsen, sie behagt mir. Jene andere dort sagt mir nichts, sie mag für Leute Gültigkeit besitzen, die ich nicht kenne. Ich stelle sie mir hässlich vor, mit einem Schuss Spießertum durch die Brust. Ich anerkenne, dass es sie gibt. Nie würde ich Hand anlegen, zu widerlegen, was so offenkundig verkehrt ist, dass es mich selbst schon auf die Distanz verletzt. Ich bin dort nicht zu Hause, das ist eine andere Gang. Mag sie ihren Straßenabschnitt tyrannisieren, ich gestehe ihr das Recht, so zu handeln, zu. Eigentlich müsste für mich etwas abfallen, ein Sonderbonus für meine Langmut. Denn, unter uns, allein das Zuschauen tut weh. Alles daran ist widersinnig im Exzess. Ich könnte die Polizei verständigen oder das Ordnungsamt. Ah, da kommen sie die Straße herauf. Gute Jungs, klare Muskeln, der Gesichtsausdruck stimmt. Man wird sich wohl anfreunden müssen. Ah, welche Aufschlüsse!

SONNENANBETER

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›In unserer Kultur‹ – damit beginnen die Lügen. Dass unsere Kultur existiert, ist die erste, keine gewöhnliche, ein zweckvolle, gleichwohl: eine Lüge. Man kann den Umstand mit Hilfe eines ›differenzierten Kulturbegriffs‹ wegoperieren, aber die Tatsache bleibt. Dass man sich einigt, ist kein Zeichen von Kultur, sondern entschiedener Abkehr von ihr. Patrioten und Schwätzer haben nur gemeinsam Kultur, sie rechnen mit Graden solider Durchseuchung. Alles, worauf man sich einigen kann, fällt unter den differenzierten Kulturbegriff. Auf den Ketten unbrauchbarer Unterscheidungen rollt er dahin, sinkenden Sonnen entgegen, die er für ferne Welten – oder Kulturen – hält, in denen er sich wiederzufinden begehrt.

SONNENSYSTEM

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Was wir Gesellschaft nennen, lebt vom Betrug, das muss wohl so sein und sollte niemanden aufregen. Was wir Betrug nennen, lebt von der Gesellschaft und redet ihr ununterbrochen ein, sie möge sich nicht an den falschen Stellen aufregen, denn die wirklich großen Durchstechereien fänden andernorts statt. Die Gesellschaft lebt von der Gesellschaft, der Betrug vom Betrug, die Moral von der Moral und die Geschichte von der Geschichte. Diese Selbstverschlingungssysteme sind es, die den Menschen quälen und ihm die Empfindung vermitteln, er lebe in einem Käfig und draußen lache das Leben und die Sonne sowieso. Die lachende Sonne gibt, immerhin, zu denken – zwar nicht denen, die sie anbeten und lange Reisen unternehmen, um ihren Audienzen beizuwohnen, aber sie gibt zu denken. Dass, was uns ernährt und vernichtet, mit Sicherheit abgewrackt wird, aber erst, nachdem wir von ihm alle Qualen erdulden durften, böte den Glanz einer eleganten Lösung, bei der man sich auf Gesichtshöhe mit dem Wesen befände, das dafür sorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Aber dieses Wesen wankt, es weicht zurück – eine fatale Bewegung, denn hinter ihm steht der nächste Abgrund, in den es taumelt und in dem es vergeht. Das alles geschieht im Denken, im unablässig vorwegnehmenden Denken, das in der reinen Denktätigkeit auch das reine Wesen untergehen lässt, dem einen natürlichen Untergang zu prophezeien müßig wäre. Das System der Bedürfnisse trägt und demütigt, es ist das System der Demütigungen, das die Unbedarften der Gattungsbranche ›Leben‹ nennen und das sie gern ›zu sich‹ befreien würden.

SORTENFAHNDER

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Die Fahndung nach den entlegensten Sorten hat den Planeten, wenn man so sagen will, groß gemacht: jetzt, wo es mit ihr nicht mehr so fortgehen will, verlegt man sich auf ertragreichere Praktiken, als da sind das Einkochen, Tiefgefrieren und Wegschließen, denn, so sagt man, die künftige Menschheit hat ein Recht darauf, zu erfahren, wie alles war, als es noch war. Wie immer man es dreht: Sortenfahnder zu sein ist nicht attraktiv, die Jungen misstrauen der Kunde und trainieren für Olympia, wo sie auflaufen werden. Die alten Hasen sehen es wohl, sie sind wendig und schnell, sie können um Ecken sehen, gerade damit ecken sie an. Manchmal begegnen sich zwei und es entschlüpft ihnen ein Gruß. Das hat es in besseren Zeiten nicht gegeben, es tut ihnen leid. Sortenfahnder sind Einzelgänger, ihre Routen führen durchs Unterholz, Brandrodung fürchten sie, aber sie hält sie nicht wirklich auf, es sei denn den einen oder anderen, der dabei umkommt. Manch einer gibt eher sein Leben für eine Sorte als einen Pfifferling auf die Zukunft: er hat genug gesehen, und wer kann so etwas schon von sich sagen.

SPACERS

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Die Spatzen sind die wahren Raumfahrer, wie schon der Name verrät – spatium, der Raum, man beachte das Neutrum. Man sollte sie spacers nennen in jenem Idiom, dessen erlesenste Sprecher ohnehin mehr in Raumnähe kreisen, als dass sie auf Erden wandelten, es sei denn, es handelt sich um seltene Erden, auf denen in kritischen Momenten ihr Daumen ruht. Die Spatzen, um auf sie zurückzukommen, kennen als Umwelt nur Welt, Welt ohne Theorie, Welt pur, ›Weltinnenraum‹, wie der selige R. das nannte. Sie putzen weg, was ihnen gefällt, den Rest lassen sie liegen. Doch nicht darauf kommt es in ihrem Fall an. Sie sind schon weg: das rückt die Sache ein gutes Stück näher. Nichts macht sie zutraulich, was so erscheint, ist mehr als ein Missverständnis, es ist das Malheur der Dummen, die unfähig sind, die Spatzen-Existenz zu begreifen. Wo immer sie sich gerade aufhalten, befinden sie sich in einem neutralen Raum mit verschiebbaren Grenzen, in Fluchten aus Räumen, die ineinander über- und aufgehen. Sie siedeln nirgends und machte sie einer auf das Universum aufmerksam, sie überflögen es mit einem gleichgültigen Flügelschlag. So leben sie die Gesetze der physikalischen Welt, ohne sie zu realisieren, sie leben nicht nach ihnen, sondern ›irgendwie‹ davor. Dieses Irgendwie, unter Menschen Ausdruck mangelnder Bestimmtheit, bedeutet, auf ihre Existenz bezogen, äußerste Präzision. Nein, Menschen sind nirgendwo Spatzen – obwohl...

SPALTPILZ

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Man spaltet eine Gesellschaft, indem man ihr nimmt, was sie gibt, zum Beispiel Gesellschaft. Das ist leichter getan als gesagt, man braucht nur ein kleines Tabu, angerührt mit ein bisschen Verleumdung, einen Schuss Hetze sowie eine Regierung, die vorgibt, diesem Treiben ein Ende setzen zu wollen, und es dadurch auf den Höhepunkt bringt. Wer regiert, erzeugt Einheit durch Spaltung, er sorgt durch sein Handeln dafür, dass, was widerstrebt, unten liegt und nicht, jedenfalls für die Dauer dieser Regierung, in Betracht kommt, es sei denn, eine Explosion fördert es unversehens zutage. Gesellschaft hingegen existiert dort, wo jeder sich auseinandersetzt, das Aufeinandersitzen macht aggressiv und befördert die Abschottung. Wer den Feind in sie hineinträgt, der ist schon ihr Feind, deshalb sagen viele, die ›Staat‹ meinen, ›Gesellschaft‹: sie wollen gängeln und gegängelt werden und keiner ist da, der ihren Wunsch erfüllt. Welch ein Horror! Der Hass aufs ›isolierte bürgerliche Subjekt‹ füllt Bibliotheken, dabei ist er nichts als Hass auf die Gesellschaft, in der man sich unwohl fühlt, weil die anderen auch etwas zu sagen haben und denken, was ihnen in den Kram passt. Den Staat als Feind ansehen und nichts als Staat im Sinn haben: das ist die Paranoia der progressiv Progressiven, die den Fortschritt dort verorten, wo sie selbst forttrotten – wer weiß, wohin, wer weiß wozu? Sie haben die Lösung für Probleme, die noch erfunden werden müssen, und geben dem gern eins aufs Maul, der ›zur Sache‹ redet.

SPANNUNGSBOGEN

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Ich habe immer die Köpfe beneidet, die Tag für Tag, halb voll oder halb leer, mit gleichem Neigungswinkel sich an ihre Verrichtungen machen, um davon abzulassen, sobald die Stunde naht, in der man sich zurückzieht, um anderen Tätigkeiten nachzugehen. Sie leisten ihr Pensum, kein Zweifel, und fast immer kann sich das Resultat sehen lassen. Spricht man zu ihnen von der Spannung, unter der man selbst steht, von der Unfähigkeit, sie nach Belieben ab- oder aufzubauen, dann lachen sie und freuen sich über das gelungene Wortspiel und es fehlt nicht viel, dass sie dich für einen Windbeutel halten, der seine Mitmenschen mit hohlen Worten an der Nase herumführt. Beneide ich sie wirklich? Das lässt sich schwer sagen. Was ist schon wirklich? Ihre Ruhe zum Beispiel, um die ich sie wirklich beneiden könnte, wirkt sie nicht ein wenig aufgesetzt? Bleibt sie nicht zu sehr ans Tagwerk gebunden und weicht des Nachts, wenn es nichts zu tun gibt, einer höllischen Unruhe, deren Nachklingen sie für Träume halten, weil sie nicht anders können als sie mit Bildern zu versetzen? Was sind schon Träume? Nein, ich beneide sie nicht. Aber nicht deswegen, weil ich mich selbst für beneidenswert hielte, sondern weil sie alle um Mitleid bitten, zu ihrer Stunde, an ihren Tagen und, was soll ich sagen, ohne alle äußere Einwirkung, ganz aus sich heraus.

SPERM

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Wir befinden uns, erdgeschichtlich betrachtet, im Sperm. Wer das nicht begriffen hat, versteht z.B. nicht, warum die Anzahl der Spermien pro Erguss als Indikator firmiert. Sinkt die Zahl, wie es der Fall zu sein scheint, so hat das etwas zu bedeuten. Nur was? Darüber streiten sich die Experten. Immerhin: Das kann nicht in Ordnung sein, soviel steht zu vermuten. Unter gesunden Verhältnissen dürfte die Anzahl der Spermien steigen, das leuchtet dem Mitmenschen ein, vor allem dem jungen, der den Hals nicht vollkriegen kann. Was allseits verschwiegen wird: Diese Zahl erscheint erst im Sperm. Wir wissen nicht, wie gesund oder krank Erdalter waren, die diese entscheidende Zahl nicht kannten. Der Abstand Mensch/Tier verblasst angesichts einer unüberbrückbaren Wissensscheide, an der die Geister sich scheiden: Schwarmgeister versus Spermgeister. Was war das Wissen vom Menschen, vom Leben allgemein, solange die entscheidenden Daten fehlten? Schwärmerei! Nun, der Wissenschaft vom Sperma sei Dank, sind sie zur Stelle, und die Spermgesellschaft etabliert sich in ihrem eigenen Saft. Leider, leider, geht es bergab, seit erst das Wissen begann. So fragil ist alles, durch die Brille der Erkenntnis betrachtet.

SPERRUNG

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Die F***book-Sperrung eines jap***ischen M***s mittleren Alter*s, dessen geschlechtliche Orientierung bis zu diesem Tage keinerlei Anlass zu Spekulationen gegeben hatte, wirkte sich seither so aus, dass seine Nachbar*in, eine [in sich] runde Person, eines Morgens die Feuerwehr und gleich darauf die Polizei rief, weil eine entsetzliche Aura, welche seiner Wohnung entströmte, sie zu den schlimmsten Befürchtungen trieb. Die Polizisten, die der Feuerwehr gewaltsam Zutritt zur Wohnung verschafften, berichteten später, dieser Einsatz habe ihr Leben komplett verändert. (Das kann eventuell fake news sein, Vorsicht bei der Weitergabe!) Einer ließ sich zu der Bemerkung hinreißen: »Dort, wo wir herkommen, gibt es solche Menschen nicht.« Er wurde vom Dienst suspendiert und zog in eine andere Stadt, angeblich, nachdem er der an seine Hauswand gesprühten Hass-Parolen nicht länger Herr wurde und unter Koliken litt. Ein Polizeisprecher, der den Vorgang so nicht bestätigen wollte und stattdessen einen halbstündigen Vortrag über die gesellschaftlichen Ursachen von Integrationsfeindlichkeit abspulte, stürzte Tage später auf der, sofort in Umlauf kommenden Gerüchten zufolge, aus drei harmlosen Stufen bestehenden Treppe zu seinem Apartment und verstarb Stunden später im Krankenhaus. Der gesperrte M*** mittleren Alter*s hingegen blieb in seiner Wohnung und lebt dort, vermutlich in Freuden, noch immer. Befragt, welche Handlung seine Sperrung ausgelöst habe, gab er zu Protokoll: »Ich habe einer Mücke gedroht.« Eine Antwort auf die Frage, womit er ihr gedroht habe, verweigerte er unter Hinweis darauf, sein neues, ebenso strenges wie streng geheimes Geschlecht verbiete ihm, auf Provokationen dieser Art einzugehen. Außerdem existiere ein richterliches Dekret, an das er sich, wie jede*r anständige Staatsbürger*, für eine gewisse Zeitspanne zu halten gedenke. Einer Reporter*in, die ihn telefonisch bedrängte, den Inhalt des Dekrets ihren Leser*innen zu verraten, schickte er, während sie redete, eine aus den Worten »Sie sind eine Mücke« zusammengesetzte SMS. Die Reporter*in bekam daraufhin eine*n Herzanfall* und befindet sich nunmehr im landestypischen Trauma-Gewahrsam*******.

SPIEGELSCHRIFT

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Ich weiß nicht warum, aber trauen Sie mir zu, in diesem Krautgarten wildern zu gehen? Die Luft ist rein, die Kugeln fliegen, piff-paff, oder wie das heutzutage heißt, sie fliegen, wie sie wollen, es sind meine Ohren, die sie durchlöchern, daran können Sie den Hörsturz ermessen, der mich mitnimmt, denn er ist unterwegs zu anderen Ufern, an denen manch Heilkraut wächst, lebenslang, also lang, so lang wie kurz, also gut. Wo standen wir gerade? Dass man uns hätte stehen lassen! Während wir standen, sind wir weiter getrieben, ein ganzes Stück, vielleicht auch ein halbes. Stückwerk sind wir und Stückwerk vollbringen wir, hier wie dort, hüben wie drüben, im Spiegel bewegt sich, was sich bewegt, nicht mehr, nicht weniger. So in den Spiegel hineinzukommen ist nicht einfach, mancher starrt ein Leben lang hinein und alles, was herausstarrt, starrt ihn nieder. Ein starres Lied! Aber ein kürzliches.

SPIELDOSE

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Dass das Spiel eingedost wurde, zählt zu den Tücken des industriellen Zeitalters. Das postindustrielle holt es hervor und und befreit die Klänge, die nicht im Traum daran denken, zum eigenen oder zum Wohle aller einander die Hände zu reichen. »Wir sind das Wohl«, rufen sie und schiffen sich ein nach Cythera, der Insel der Wohltuenden, auf der Panik herrscht. Man kann sie verstehen, die Klänge, sie kennen die Hände, die sie ergreifen sollen, und finden, es sei an der Zeit, sie abzuhacken. Aber sie wissen auch, dass jene schneller nachwachsen, als das Herz erlaubt. Daher empfinden sie einen natürlichen Ekel vor der Gewalt und ziehen die Elemente vor. Cythera ist ein kleines Land und das Meer, von dem es umschlossen wird, liegt fast immer glatt und glänzend vor seiner Tür. Allein in Zeiten wie dieser zeigt es die Wut, die noch immer in ihm steckt, und steigert sie zum Orkan. Im Untergang verschmelzen die Klänge und ihr Lied ergreift, wen es findet, drüben, in den Gefilden der Seligen, die sich den Schweiß von der Stirn wischen und es unerhört finden, in Momenten wie diesem einfach wegzuhören.

SPIELZEUG

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Nur bestimmte Gedankengänge, mit denen sowohl die Spaziergänge selbst wie auch die Unterführungen des Geistes gemeint sind, können den körperhaft dämmernden Gestalten Raum gewähren, die wir hier Spielzeuge nennen. Hinzu kommt das seltsam schlendernde, fast schlotternde Wanken der Gedankenbewegungen, die das Spielzeug erscheinen lassen. Diese halb schlaffen halb wechselnden Zustände, die in Stimmungen und Gefühlen kleine Bildimpulse hcrvorlockcn, sind der Erzeugung kurioser Figuren zugeneigt, wie sie etwa in einer frühen Ausgabe Rabelais’ zu finden sind, aber auch bei Callot und besonders bei Homomaris, wenngleich hier in einer bis dahin unbekannten ornamentalen Selbständigkeit.
Besonders die neuen, soeben erst auftauchenden, ornamententsprungenen Äffchen der Phantasie krümmen sich ganz besonders zu jenem gefälligen Spielzeug, das der logischen Klarheit der heute abschweifenden Psyche so unähnlich sind wie die der Natur des Wassers verwandten Schlittschuhläufer auf Zeichnungen Garganellis.
Gehen wir davon aus, dass wir für diesmal auch hier der allzuklein geratenen Logik Adieu sagen, so sind wir Zeugen eines gewaltigen Auftritts von Puppen, die, den Elephanten Hannibals vergleichbar, die Alpen überqueren, um Täler zu bevölkern, aus denen das neue Spielzeug, gleich Pilzen des Spieltriebs wiedergeboren, ein neues Geisteswesen zu bilden beginnt, auf das wir uns einst jenseits verordneter Gleichheit in einsamer Freude stürzen dürfen. - PM

SPIESSER

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Regel Nummer eins: Über Dinge reden, von denen man nichts versteht. Das geht leicht, weil die Rede an Bestimmtheit gewinnt, sobald die Kenntnis der Sache gering ist. Und darum geht es: Bestimmtheit. Alles Unbestimmte ist Teufelszeug, Unrat, Unfug, falsches Bewusstsein, gefährliche Rede, Schnickschnack, luxurierendes Ego.
Regel Nummer zwei: Einverstanden sein. Nur wer einverstanden ist, hat die Chance, verstanden zu werden: immer, zu jeder Zeit. Und darauf kommt es an. Alles Unverständliche ist: falsch. Das Unverständliche, als soziale Kategorie, dient dem Einverstandenen, es markiert seine natürlichen Grenzen, ohne falsche Ausgrenzung, denn man will niemanden ausgrenzen. Man will nur verstehen: ein Menschenrecht wie das, sich jeden Mittag an den gedeckten Tisch zu setzen. Wer das nicht begreift, wie soll man den verstehen?
Regel Nummer drei: Ein gutes Bewusstsein haben. Das gute Bewusstsein geht über das gute Gewissen hinaus wie ... wie ... genau! Das gute Bewusstsein stellt keine Vergleiche an, die sein Fassungsvermögen überschreiten. Dennoch – oder deshalb – lebt es im Vergleich. Das gute Bewusstsein nutzt jeden Vergleich, um festzustellen, dass es sich auf der richtigen Seite befindet. Woran es das festmacht? Nun, es ist das gute Bewusstsein. Wäre es schlechtes Bewusstsein, so wäre alles andersherum. Aber so ist es, dem Himmel sei dank, nicht. Wenn er nur nicht herunterfällt! Das wäre unpraktisch, bei all den Fortschritten.

SPIESSGESELLE

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Ich bin der Spießgeselle der Kunst, sie schreit nach mir alle Tage. Was mir das tut? Nichts, mit Verlaub gesagt. Sie macht mich nicht krank, nicht gesund. Ich helfe nicht, ich schade nicht. Ich wohne ihr bei, das ist erlaubt, das geht so bis ans Ende der Tage. Eine schöne Überraschung wäre das, wenn’s einmal nicht mehr ginge. Sie stellt aus und ich führe ein: das ist unser Deal. Ich wäre unauffällig, wäre ich nicht omnipräsent. Im Einführen bin ich unersättlich. Ob ich ihr lästig bin? Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie sucht mich auf, müssen Sie wissen, sie hat da freie Hand. Ich biedere mich nicht an, warum sollte ich. Und Druck –? Diese Hand? Glauben Sie, dass so etwas Druck macht? Ich muss schon sagen. Ich denke, die Kunst braucht mich, weil ich keinen Druck mache. Will ich denn etwas? Was sollte das sein? Der Unersättliche, müssen Sie wissen, will nichts. Im Grunde seines Herzens ist er gesättigt. Es handelt sich um Ausgleich, das Herz ist angekommen, die Haut frisst ihm aus der Hand.

SPITZENPOLITIKER

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Dass Politiker aus Spitzen gefertigt werden, wird in der Debatte viel zu wenig berücksichtigt. Nicht, dass ihre Robustheit aus leicht verderblichem Material stammt, gibt zu denken, sondern die Art der Herstellung selbst: hochgradig mechanisiert, hängt ihr doch immer ein Hauch von erlesener Handarbeit an, der dafür sorgt, dass vor allem Frauen sich nach dem Produkt drängen und es ›befühlen‹ müssen. Kein Zweifel, Politiker (Politikerinnen ohnehin) werden befühlt, und nicht nur von Frauen. Das wäre zu verkraften, solange es unter dem diskreten Blick der Verkäufer geschieht. Aber jeder weiß: das Gegenteil ist der Fall. So entsteht ein Politiker noch einmal aus all dem öffentlichen Befühltwerden, er erbaut sich förmlich aus dieser Speise, aber es ist nicht erbaulich. Warum? Weil, nun, weil das ›allgemeine Wesen‹, die teilnehmende Öffentlichkeit auch die Sinne kontrolliert und normiert. Das ausgerichtete, das kanalisierte und entlang den geltenden Linien polarisierte Empfinden wird taub gegen die Qualitäten von Menschen, die sie vom Gros unterscheiden, man projiziert ins Große, wovor man sich im Kleinen am besten schüttelt. So siegt die industrielle Fertigung auch auf der Wahrnehmungsseite. »Das ist Spitze«, sagen die Leute und meinen: Gott, haben wir gelacht.

SPOTTGELD

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Geld, das aller Beschreibung spottet, lässt sich nicht aufheben. Es zirkuliert und rouliert, dass es eine Lust ist, eine Spott-Lust, die den ganzen Körper erfasst und ihn den Gegebenheiten anpasst, dass es eine Freude ist. Es passte auch alles, bliebe da nicht ein winziges Häkchen, ein Wider-Häkchen, ein Wieder-und-wieder-und-wider-Häkchen, das wispert und winselt, als hätte es nicht an den Falten und Flusen genug, in die es verhakt ist... – Hören Sie, können Sie nicht vernünftig mit uns reden? – Warum nicht, man kann alles versuchen. Kein ›Nimm mich‹ erreicht seinen Adressaten durchs Ohr, es geht nicht hinein, so als sei es das Nadel-Öhr, und das Nimm-mich sei reich, was so nicht stimmt, aber stets unterstellt wird. Der Reichtum des Spottgeldes kommt, wenn er kommt, überraschend, ein flotter Segen, er flutet das Haus und hinterlässt, wenn er geht, nur Gerümpel. Für ein Spottgeld tut eine viel, sie lehnt sich über die Brüstung und lässt sich sehen. »Das lässt sich doch sehen!« Sehr wohl, sehr gut. Für wieviel? Das ist ein Geheimnis, ich verrate es Ihnen auf der Stelle. Wissen Sie, maître, ich würde Ihnen mehr verraten, aber Sie sind zu schnell. Man lässt sich sehen für einen Unterschied. Das ist unser aller kleines Geheimnis, wohlgehütet, der springende Punkt. Folgen Sie mir, folgen Sie mir ruhig. Fragen Sie nicht, woher das Geld kommt, ich könnte es Ihnen erzählen, die Quelle sprudelt, ein Traum. Das Spottgeld? Ach ja. Dem Spottgeld genügt der Unterschied pur, deshalb gelingt ihm der wahre Reichtum nie oder nur im Vorbeigehn, als Silberstreif. Das Spottgeld ist die Reservewährung der Theorie.

SPRACHBEHERRSCHUNG

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Alle hundert Jahre erneuert sich diese Sprache, entledigt sich des Bluts und des Grauens, unter deren Krusten sie fast erstickt wäre, und beginnt zu flüstern, sie biegt sich, sie dehnt sich, es kommt etwas in sie hinein, während draußen irgendein Fortschritt rasselt: dieses Flüstern, wer schreibt es auf? Wer notiert die linden, die lindernden Wirkungen einer Sprache, die doch kaum einer kennt, kaum einer kennen kann, weil sie nur eben so im Entstehen... ›im Entstehen erhascht‹, das ist ein angenehmes Wort, ein Wort von großer Schönheit, wenn man es aus der Nähe erfährt. Aber diese Sprache ist niemandes Sprache, die Eigentumsrechte, die geselligen Rechte an ihr zerfallen zu Staub, sie zerfallen denen im Mund, die lieber an ihnen ersticken als sie hergeben wollen. Sie zieht sich heraus – vielleicht ist es das, was die guten Leute verunsichert. »Wir beherrschen unsere Sprache nicht mehr«: mit diesem Schreckensruf reisen Kritiker durch die Lande und versuchen ihre Klientel wachzurütteln. Das waren noch Zeiten, als man mit ihr tun und lassen konnte, was man wollte. Herrschaftszeiten, kein Zweifel. Die Sprache, der Fuchtel der Herrschaften entschlüpft, geht diesseits des Geschreis und Gestöhns ihres Wegs.

SPRACHCHIMÄRE

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den Schwanz einkneifend: ein großes Motiv. Was ist ein großes Motiv? Eines, an dem man sich gerne abarbeitet. Eines, bei dem man gern hinsieht, wie es ein anderer behandelt hat. Eines, bei dem man gleich weiß, dass alles Bemühen, ihm gerecht zu werden, auf jede erdenkliche Weise zum Scheitern verurteilt ist. Ein Motiv also, dem niemand gerecht wird: das wäre groß. Die Sprachchimäre ist groß, denn ihr gerecht werden hieße sie auszurotten. Ganze Heerscharen von Analytikern haben das versucht und man kann nicht sagen, ihre Arbeit sei vergeblich gewesen. Sie haben das Unmögliche versucht, ihre Namen sind eingetragen ins Buch der Rekorde, die Schulkinder kratzen ihre Namen aus dem Gedächtnis hervor wie getrocknete Tinte oder wie geronnenes Blut. Und immer fließt ein wenig nach. Das geht nicht ab ohne priesterliche Nachhilfe. Die Lehrer ahnen das oder ahnen es nicht, die Anstrengung der Vermittlung überdeckt beides. Man lehrt Lösungen, ohne von der Aufgabe etwas wissen zu wollen. Eine seltsame Algebra. ›Von der Bildwahrnehmung zur Sprachchimäre‹: das ist so ein Witz, zu dem sich das Gelächter nicht einstellen möchte, vermutlich weil es fürchtet, nicht auf seine Kosten zu kommen.

SPRACHUNTERGANG

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›Es ist schade, dass meine Sprache untergeht.‹ So sprechen viele, und es ist die reine Gedankenlosigkeit, die aus ihrem Munde kommt. Denn eine Sprache geht nicht in Gedanken unter, sondern in Gedankenlosigkeit. Wenn also ihre Sprache, wie sie sagen, im Untergang begriffen ist, so sollten sie wissen, dass sich das verhängnisvolle Urteil in ihren leeren Gedankenhülsen verbirgt. Denn jeder Gedanke, der keiner ist, enthält ein Urteil, das sich gegen seinen Träger richtet. Solange einige gedankenlos plappern und andere nicht, wendet es sich bloß gegen den, der gerade spricht. Nimmt hingegen die Gedankenlosigkeit überhand, so wendet es sich irgendwann gegen den zweiten Träger, die Sprache, in der nichts von Belang mehr geschieht. Belanglos sein, belanglos werden: das ist, als gemeinsam zu bewältigende Aufgabe, das untrügliche Mittel, sich einer Sprache (samt den lästig gewordenen Forderungen, die sie stellt) zu entledigen.

SPRENGKÖRPER

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Die Welt führt uns den Stoff zu und wir erstatten ihn ihr zurück – ein wenig veredelt, wie wir uns schmeicheln, aber vielleicht liegt da der Irrtum. Vielleicht sind wir, wie die Ökologen behaupten, Verderber der Stoffe, vielleicht heften sie sich deshalb an unsere Fersen und lassen nicht locker, bis sie pulverisiert, verbrannt, in die Luft gejagt oder auf unsäglichen stinkenden Halden ihre letzte Bleibe gefunden haben, weil das Verderben nicht erst uns, sondern bereits ihnen eingesenkt ist und sie nichts anderes mit sich anfangen können. Nein, die Welt will nicht bewahrt werden, auch nicht für künftige Geschlechter, weniger, weil sie keinen eigenen Willen besitzt, vielmehr, weil diese Prozesse zwar verlangsamt, aber nicht aufgehalten werden können. Mit ein wenig Überblick über die natürlichen Katastrophen, die das Leben generell bedrohen, wirken die ihm innewohnenden Verschlimmerungspotentiale wie Beschleuniger, so als stoße es sich in immer abstoßendere, also den Prozess auf Grund der in ihnen herrschenden Bedingungen intensivierende Regionen vorwärts. Natürlich sind die Bedürfnisse, die da agieren, z.B. das Menschentier, keine Frevler an der Schöpfung oder dergleichen, es sei denn, man versteht die Schöpfung von vornherein als kosmischen Ausnahmezustand, als ›unser prekäres Jetzt‹. Das kann man machen, es ist sogar sinnvoll, die Zeiten und Räume der Geologie, von denen der Astronomie ganz zu schweigen, lassen sich den eigenen Lebensabläufen nicht vermitteln. Schon der Begriff der Gattung sprengt das menschliche Vorstellungsvermögen. Allerdings zeigt sich niemand imstande, ihn abzuschütteln, man kann ihn nur nach Bedarf verkleinern. So ein kleiner Sprengkörper, geschickt deponiert, befördert das Bravsein – immer daran denken heißt soviel wie: nicht zuviel darüber nachdenken, um der Köpfe und ihrer Bedeckungen willen nicht zu Ende denken, die vorgesehenen Formeln herunterbeten, wenn es denn sein muss, ein Menschenbild haben. Haben Sie keins? Warten Sie, ich helfe Ihnen beim Suchen, gleich hinter der Tür links, da hängt es, Sie müssen es vielleicht umdrehen, das mag sein.

SPRÜHKUNST

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Der Sprayer von Köln hat zwei Ohren. Er verfügt auch über eine Nase, aber die Ohren sind wichtiger. Sie verraten ihm alles, was er braucht. Seine Kunst geht durch das Gehör, so wie eine andere durch den Magen geht. Das bedeutet nicht, dass man sich anhören müsste, was er auf die Fassaden sprüht. Man würde auch nichts erlauschen, so sehr man sich anstrengte. Seine Kunst ist der Lohn einer Gefahr, die nur durch das Gehör wahrgenommen und bestanden werden kann, da die Augen mit dem Herstellen des Werks befasst und vollständig ausgelastet sind. Der Angst, erwischt oder zumindest vorzeitig unterbrochen zu werden, lässt sich nur dadurch begegnen, dass er ihre Ursachen – Bullen, denunziationswütige Nachbarn, Hauswandbesitzer – dem allgegenwärtigen Verkehr zuschlägt, sie förmlich in Verkehr verwandelt, den er als trainierter Großstadtbewohner ständig über das Gehör kontrolliert. Das Sprühen an fahrenden Zügen erschafft aus dieser zur Gewohnheit gewordenen Not einen Sport. Die Konzentration auf das Werk wird dezentriert und moduliert durch das stete Bewusstsein der Gefahr, so als hätten die steinzeitlichen Höhlenmaler ihre Zeichnungen, auf dem Rücken eines Bisons reitend, seinem bewegten Hintern zu applizieren versucht.

SPUCKKONTAKT

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Setze dich nie in die erste Reihe, es sei denn, es macht dir nichts aus. Was, es macht dir nichts aus? Dass du angespuckt wirst: es berührt dich nicht? Du verbuchst es unter Kontakt? Kontakt zu wem? Kontakt womit? Kontakt wofür? Wer unbedingt in Kontakt bleiben will, der setze sich ruhig in die erste Reihe – nur Geduld, schon stellt er sich her. Ein Tröpfchen ins Gesicht und du stehst bereits unter Strom. Das hat die Evolution so gewollt. Ein Lob der Evolution, die auf diese Weise Theater erschuf. Im Evolutionstheater wird immer der aufrechte Gang geprobt und immer misslingt die Probe. Das ist tragisch, das ist lustig, das nervt. Ein bisschen Feuchtigkeit kommt da gerade recht.

STAATSHYGIENE

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Im Yagir hat man die Frauen von ihrer biologischen Funktion entbunden und man stellt fest, dass sie verstärkt über Kopfschmerzen klagen. In diesem ›verstärkt‹ liegt die Crux, da verlässliche Vergleichsdaten fehlen. Was immer man vom Yagir halten möchte, es ist eine Experimentierbühne. Vieles von dem, was Gesellschaften wollen und sich im Ergebnis nicht leisten können, praktiziert man hier ohne viel Federlesens. Entsprechend spöttisch reagiert man auf Kommentare von außen. Yagiriten tragen den Kopf hoch, auch der Kopfschmerz will hoch getragen werden und ist kein Argument für oder gegen die Sache. Da man den metaphysischen Schmerz nicht kennt, dient der gemeine Kopfschmerz als legitimer Ausdruck dessen, was man nicht ändern kann, weil man an den Ursachen nichts ändern will. Was dem Kopfschmerz dient, dient der Sache: so oder ähnlich könnte die einschlägige Parole lauten. Die ›Modellierung des Körpers‹ zum Beispiel, diese Daueraufgabe der Schönen, die es nach mehr verlangt – mehr Schönheit, mehr Geld, mehr Gerechtigkeit –, hat man im Yagir mit großem Aufwand zur Perfektion gebracht. Jedenfalls behaupten das die Auguren, auch wenn der einfache Augenschein, in der Straßenbahn etwa oder im Flugzeug, den Gedanken nicht zwingend nahelegt. Die Entzauberung des Naheliegenden hingegen ist keine Parole, eher ein Anliegen, mit dessen praktischer Aufbereitung sich gutes Geld verdienen lässt. Viele lassen sich darauf ein, denen es nicht liegt, faul auf der Haut zu liegen und andere für sich aufkommen zu lassen. Will man wissen, was so jemand tut, bekommt man schnell das Gefühl, er weiß es selber nicht und steckt noch in der Erkundungsphase. Was liegt schon nahe? Man muss in allen Fernen zu Hause sein, um eine Ahnung davon zu bekommen. Auch dann liegt nichts weniger nahe als der Zauber der Nähe, der sich entfernt, wenn man seiner bedarf. Im Yagir jedenfalls macht man sich darüber Gedanken und mancher Ideenwettbewerb scheitert an zuviel Nähe. Nähe zu was? Hier ist der Staat gefragt, der zuviel Nähe nicht duldet. Was dann? »Nur das Recht«, murmelt der Patriarch, dem man die Hoden entfernt hat, auf dass er seine Funktion vorurteilslos erfülle, »nur das Recht.« Was er damit meint, ist schwer zu ergründen, der Gesetzgeber und die Juristen streiten sich wie die Kesselflicker, allein bei gehobenen Anlässen schreiten sie einvernehmlich zum Altar der Worte und laben sich an ihrer unvergesslichen Gestalt. Man hat Frauen gesehen, die bloß von Rechts wegen schwanger wurden, doch auch im Yagir sind sie die Ausnahme. Die meisten schlagen sich irgendwie durch und finden Wahnsinn, was sie mit Wahn schlägt.

STERBENSHILFE

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Wem sterbenslangweilig ist, wer sich verdrücken möchte, der, sollte man annehmen, findet immer Mittel und Wege, seinen Abgang zu organisieren. Aber weit gefehlt. Auch hier sind die Braven in der Überzahl. Ohne staatliche Beratungsstellen geht nichts und solange die Krankenkassen sich weigern, das letzte Selbstentleibungsmittel zu finanzieren, wird die Lobby der Selbsttöter nicht ruhen, sie wird die Bevölkerung gegen die Regierung aufzuwiegeln versuchen und aktiven Wahlkampf betreiben. Ihre Spots sind die besten, was nur deswegen nicht auffällt, weil sie unter die öffentlich-rechtliche Zensur fallen und privat wollen sie nicht sein. Schließlich geht es um ein Menschenrecht und die privaten Medien, die so gern alles aufs Beihilfethema abstellen, wollen zwar an der Sache verdienen, scheuen aber das Verdienst. Skandal! Der ärgste Feind der Selbsttöter ist ihre Rate, die eine hässliche Spur durch die offiziellen Statistiken zieht. Im Wettkampf der fortgeschrittenen Industrienationen gäbe es manche, die sie eher mit Schuhwichse überstreichen als mit einem Trauerschleifchen versehen würden. Dabei hängt auch diese Bevölkerungsgruppe wie alle anderen am Fortschritt, sie sähe sich so gern vorn und bliese mit Freuden ins Horn der Reform. Wer etwas für sie täte, den würde sie zwei Dekaden lang wählen; genug, um die Republik umzukrempeln und sie zukunftsfest zu machen.

STERNSCHNUPPEN, PASSANTEN

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Dass Intellektuelle ihre Texte einander zum Lesen anbieten wie sauer Bier, bezeugt, was sie voneinander halten, nämlich nichts. Lieber sprechen sie über die Sterne am gemeinsamen Himmel und lesen aus ihnen heraus, was jeder sich ausgedacht hat, es sei denn, sie sind miteinander befreundet oder gehören zum gleichen Stall. Verleugnest du mich, so verleugne ich dich. So läuft das Spiel, das viele Verlierer kennt und nur Gewinner, auf welche die Zunft leicht verzichten könnte. Die intellektuelle Welt ist der Kosmos, nicht der Straßenverkehr, und jede Sternschnuppe wiegt leicht einen Passanten auf, der bei einem Glas Roten mancherlei Aufschluss verschaffen könnte.

STICHWORT

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Stich, Wort! Und nicht zu knapp. Nicht zwischen die Rippen, Dummkopf, wer zum Herzen will, dem ist etwas zu Kopf gestiegen, er hat einen Stich, er soll sich behandeln lassen. Alles, nur nicht die Rippen. Ich kannte ein Wort, das sich nur zwischen Fußzehen bewegte, es wollte von den Möglichkeiten nicht lassen, die sich in dieser Region ergeben. Die Füße, verriet es mir, sind die Marschierer des Geistes. Sie gehen keinem Gedanken nach, denn über Gedanken wird weiter oben entschieden, darauf haben sie keinen Einfluss, und bis sie zu ihnen herunter kommen, sind es keine Gedanken mehr, sondern Impulse: ein wichtiger Unterschied, über den wenig nachgedacht wird. Geist ist Impuls. »Weißt du«, verriet es mir flüsternd, »die Gedankengeber sind alle tot, die Gedanken Leichen, aber die Impulse, sie leben, aufgrund der Trägheit der Masse, noch lange fort, sie sind erst zur Hälfte angekommen, sie sind noch immer unterwegs!« »Und unterwegs sein –« versuchte ich zu ergänzen – »ist menschlich«, flüsterte das Ungeheuer. »Sieh sie dir an, diese Fleischgebirge, sie schleppen sich dahin, manche tänzeln sogar, das sind die Perversen, die Mühen der Ebenen lieben sie sehr und kommen sie einmal ins Gebirg, dann schnalzen sie mit der Zunge. Wer da nicht zusticht, dem ist nicht zu helfen. In mir jedenfalls zuckt es, ich kann nicht anders, ich stehe dazu.« »Willst du sie aufhalten oder willst du, dass sie schneller laufen?« »Keins von beiden. Ich will, dass sie zusammenzucken, am besten bei jedem Schritt, ohne innezuhalten. Das macht sie mir weniger menschlich, mehr... gedankenähnlich, wenn du verstehst, was ich meine.« »Nicht wirklich.« »Sieh es einmal so: seit die Gedanken tot sind, glauben die Menschen, dass sie sich befreit haben oder drauf und dran sind, sich zu befreien, das geht schon geraume Zeit so, aber es ist nicht wahr. Frei sind sie bloß in Gedanken, die Ebenen sind Gehege von Ketten, eine länger als die andere, eine tückischer als die andere, alle sind miteinander verhakt und schleppen sich wechselseitig fort. Wen es ins Gebirge verschlägt, der fühlt sich ungebändigt, aber das ist eine alte Geschichte und der Ausgang ist bekannt.« »Frei ist nur die Tat. Aber lassen wir das. Und du meinst?« »Natürlich meine ich. Sie gehorchen aufs Stichwort, das habe ich mir immer gewünscht und es ist die Wahrheit. Ich bringe die Verhältnisse zum Tanzen. Der Geist lebt in der Sohle. Hier und da löst sie sich schon, sie ahnt den Schwindel und ist bewegt. Bald werde ich ausschreiten, auf Schusters Rappen, ein Wort nur, aber was will man mehr, bei dieser Herkunft.«

STILLE

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Mitten im Sacrificium der Stille erhebt sich die Schuld wie der Baum der Erkenntnis. Nur durch die Stille erscheint sie allmächtig, denn im Lärm ginge sie unter, weil die Seele Zustände der Kunst, der Religion und der Phantasie durch Lärm nicht empfangen kann. Das Getümmel der Schlachten und die darin verübten Grausamkeiten sind in der Geschichte der Schuld noch nie als Früchte des Lärms begriffen worden. Hier liegt der gewünschte Grund des heute allgegenwärtigen Lärms in schuldiger Zeit. Der zum Untergang stimulierte Teil der Menschen überwiegt und verhindert durch seinen Lärm auf scheinmusikalischen Veranstaltungen und Fußballplätzen die Existenz der Empfindsamkeit.
Die Gestalt der Schuld gleicht heute dem Thanatos okupatia vom Schlachtfeld zu Okupanthelios; überall lagen dort einst die gehörlosen Leichen und stummen Mörder. Anhänger Stefan Georges bestimmten im Streben nach Griechenlands Größe und Unschuld irrtümlich diesen Gott mit seinem weit geöffneten Mund, den allzu männlichen Schultern und lächerlich kleinen Ohren zum hohen Symbol der angeblich in Griechenland einst für immer erloschenen Schuld. Maillol soll allerdings über den in Paris gezeigten Entwurf gelacht haben.
Obwohl Schuld ja bekanntlich viel älter und greifbarer ist, gilt heute alle Aufmerksamkeit einem Gespenst der Schuld, das, ohne Gestalt, aus beschriebenen Papieren und Photographien besteht. Schuld steckt nur noch schriftlich im Wesen der Gegenwart, als wäre sie eine wissenschaftlich messbare Absonderung ihrer selbst, so dass man in Anspielung an das große Wort Albrecht Dürers sagen könnte: »...wer sie heraus kann reißen, der hat sie.« Daran denkt aber wohlweislich niemand, so wie in den Zeiten der magischen Apotheken sich kaum jemand getraut hat, unter dem Galgen Alraunen zu rupfen. - PM

STIMMLADEN

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Im Streit der Mächtigen, warnt Gobo, habe ich keine Stimme. Warum mein Stimmchen im Chor der Ohnmächtigen verschleißen? Gobo hat recht, seine Stimme ist keinen Pfifferling wert. »Geh und kauf dir eine neue.« »Pass auf, dass sie dir nicht aus dem Mund fällt.« Das sind noch die netteren Sprüche. Dabei ist sein Gehör leidlich. Stimmenkauf, ja das kennt er, davon hat er gehört. Gern würde er sich seine Stimme abkaufen lassen, aber ihm fehlt die Kundschaft. Einen Stimmladen hat er schon eröffnet, mit Shop im Internet, bislang leider ohne Resonanz. »Stimmenkauf ist ein diskretes Geschäft«, flüstern die Freunde ihm zu – ein wohlgemeinter Rat, der, wie so viele, ins Leere geht. Gobo leidet an seiner Stimme. Jeden Tag bläht er sich mehr auf, brüllt, sobald sich ihm jemand auf zwanzig Schritt nähert, so lässt sich Diskretion nicht erreichen. Eigentlich besäße er, stimmlich betrachtet, die nötige Ausstattung von Natur. Nur das Flüstern sollte er lassen. Dabei flüstert er für sein Leben gern. Er würde das Universum zusammenschmeißen, nur um einmal nach Herzenslust flüstern zu dürfen. »Aber was hindert dich?« So redet sein Todfeind, der Versucher, der nichts unversucht lässt, ihn zu verderben. – Nichts hindert mich, flüstert Gobo, außer der Fresse. Ich weiß, wie sie zuckt, sobald ich zu flüstern beginne. Weißt du, wie das ist, wenn sich Unglaube über ein Gesicht breitet? Auch ich habe versucht, Flüsterparolen unter die Leute zu bringen, wie jedermann: Wie stehe ich heute da? – Der Gedanke beschäftigt ihn in einem fort. Dabei steht es nicht schlecht um ihn. Auch stimmt es nicht, dass keiner ihn hört. In Wirklichkeit ist sein Problem ein eingebildetes. Böte man ihm eine Stentorstimme zum Kauf, er wiese sie entrüstet zurück. ›Darum geht’s nicht.‹ Worum dann?

STOFFWECHSEL

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Goethe verstand sein Dasein als Pyramide, Proust verwandte seines auf den Bau einer Kathedrale. Und wirklich haftet der einen Person etwas Mumienhaftes, der anderen die Aura des Heiligen an. Aus ihren Schriften kommt einem zweierlei Lebendigkeit entgegen. Wo immer man die Recherche aufschlägt, trifft man auf diesen ruhigen, stetigen, überaus gegenwärtigen Intellekt, es ist, als schlüge man das Buch noch einmal auf und befinde sich in der unwandelbaren Mitte eines Denkens, das, im Begriff, gleichzeitig nach allen Richtungen auszugreifen, sich immer wieder für die eine, immaterielle Richtung entscheidet, die es in eine ebenso knisternde wie flüchtige Sinnlichkeit einzuwickeln weiß wie in Zellophan. Blickt man in den Faust, so ist die Empfindung der Gegenwart eher stärker. Aber es ist nicht die eines Intellekts, sondern die eines Wesens, das Stoffe umschlägt, vergleichbar vielleicht einem antiken Handelsplatz. Unter ebenso raschen wie würdevollen Bewegungen, von kleinen Gesten bis zur großen emotionsgeladenen Darbietung, wechseln die Stoffe ihren Besitzer und man kann sicher sein, dass hier der Prozess der Veredelung, der Verfeinerung und Sublimierung nicht nur unaufhörlich seinen Gang nimmt, sondern eine ganz ungewöhnliche Steigerung erfährt, so dass, nähme man diesen Platz aus dem System des Welthandels heraus, dem Universum ein paar wesentliche Ingredienzien fehlen würden. Das sind die beiden lebendigsten Weltpunkte, die Europa hervorgebracht hat. Fragt sich, ob ein dritter denkbar ist und wie er aussehen könnte. Viele haben sich an der Halle des Volkes versucht und sich dabei verhoben: in diesem Für andere scheint ein irreparabler Fehler zu liegen. Niemand, außer einem Schwachkopf, ist für sich selbst, man sollte unauffällig für andere sein.

STOLPERHAUS

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Im Stolperhaus bist du zu Hause oder verloren. Etwas Drittes gibt es nicht. Im Stolperhaus hat der Dritte verloren, er könnte nach Hause gehen, gäbe es das, denn hier ist seine Gegenwart nicht erwünscht. Man behandelt ihn, wie der Volksmund sagt, als sei er Luft. Doch das Bild leitet die Auffassung fehl, denn wäre er Luft, so würde er eingeatmet und wäre wieder im Spiel. Natürlich geht es ums Spiel, immer und immer wieder nur ums Spiel, und da stört dieser. Aus welchem Grund? Das ist schwer zu sagen, am besten hüllt man sich in ein Gewand aus Schweigen, als sei es zu kalt, um Tacheles zu reden und die Folgen zu tragen. Die Folgen... ja, die Folgen. Aber lassen wir das, es kommt nichts dabei heraus. Der Dritte, nun, er ist ja nicht irgendwer, er ist keine bloße Annahme, kein Postulat oder Schemen, er ist vorhanden wie du und ich, so wahr mir... Keine falschen Beteuerungen! Immerhin: es ist seine wirkliche Gegenwart, die bedrückt. Er könnte bleiben, nur seine Gegenwart... müsste... müsste...
– Eine willkürlich ausgeschlossene Gegenwart: Wussten Sie, dass es so etwas gibt? Nein? Da sind Sie aber ganz schön naiv. Wer sind Sie überhaupt? Wie kommen Sie hier herein? Hat Ihnen jemand aufgemacht? Was hat Sie bewogen, Ihre Meinung zum Besten zu geben? Sie kennen die Regeln nicht, könnte das sein? Stattdessen bewegen Sie sich, als brächten Sie einen Satz eigener mit! Nein, schlimmer: als wüssten Sie nicht, dass Regeln nötig sind. Scheren Sie sich zum Teufel! Tut mir leid, aber so läuft das Programm. Und nun habe ich mich genügend mit Ihnen beschäftigt, lassen Sie mich in Ruhe. Was ich damit sagen wollte: Sie sind nicht dran. Sie leben in der Vergangenheit, was denken Sie, wer Sie sind, vielleicht gehört Ihnen die Zukunft, das kann ich nicht beurteilen, in meiner Gegenwart haben Sie nichts zu melden. Unter uns: Machen Sie sich nichts draus. Das hier geht bald zu Ende, dann sind Sie dran, Sie haben doch jetzt schon die besseren Karten. Nein, rühren Sie nichts an! Um Himmels willen, rühren Sie jetzt nichts an. Ich sehe doch, wie Sie leiden, aber ich sehe hier keine Zukunft für Sie. Im Ernst, wenn Sie etwas für sich tun wollen, machen Sie die Tür zu, aber leise, von außen. –
Wer nicht dran ist, der stolpert leicht, das geht ganz natürlich. Falls es Aufsehen erregt, dann liegt das am Stolperer. Schließlich ist er es, der sein Leben verstolpert. Die anderen können nichts dafür. Auch sind sie schon weiter, sie haben die Sekunde genutzt, in der dieser zu Boden ging, um weiterzukommen. Wer soll jetzt noch begreifen, was da geschah? Kein Hindernis weit und breit, ein verstolpertes Leben wiegt wenig mehr als eine Feder. Schon schwebt es dahin.

STRECKWUNDER

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Die Menschen strecken sich nach dem Wunder und sie zerbrechen daran. Was erwarten sie? Dass ihnen alles nach Wunsch läuft? Natürlich nicht. Der Wunsch läuft vorneweg und duldet nicht, dass ihm einer folgt. Unendlichkeit? Was ist das? Ein schreckliches undundund ohne Ende? Von der Unendlichkeit blieb: die unendliche Trauer. Nein, die Menschen erwarten nichts, sie strecken sich nur. Wer hinter jedem gestreckten Hals ein Geschäft wittert, hat sie bald im Sack.

STREET ART

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ist der lohnende Versuch, eine Straße dadurch begehbar zu machen, dass man sie fest in den Blick nimmt. Wem diese Definition zu schwierig oder zu abartig erscheint, der möge einen Blick aus dem Fenster werfen und eine Zeitlang die gegenüberliegende Straßenseite ins Auge fassen: Was bitte, macht den dazwischenliegenden Raum so schwierig? Er ist nicht wirklich, der Blick ist augenblicklich in ihm versunken, untergegangen, und die so hart erkämpfte Fassung rahmt schon das unerreichbare Gegenüber. Deshalb: hübsch in den Blick nehmen, Kindchen, was ihr begehrt, ihn nicht loslassen derweil, so ein losgelassener Blick kehrt nie wieder zurück.

STREUWINKEL

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Das Reptil, stundenlang in der flirrenden Hitze ein Opfer belauernd, verfehlt sein Ziel knapp. Schuld daran ist der Streuwinkel. Nicht, dass es ihn nicht kennen würde, nicht, dass es auf ihn nicht eingestellt wäre. Darum geht es nicht. Nicht eingestellt ist es auf die Schwankungen, denen er unterliegt. Bedürfte es der Hilfe der Wissenschaft, um zu überleben, dann müsste es eine Wissenschaft von den Schwankungen sein, denen optische Täuschungen ausgesetzt sind. Sie bilden eine echte Gefahr, vielleicht die einzige, mit der die Täuschungen rechnen müssen, wenn sie sich einen festen Platz in der Wahrnehmung erobert haben. Täuschung funktioniert nicht eo ipso, sondern nur in einem Fluidum, auf das Verlass ist, aber nicht zu sehr. Wer sich verlässt, der wird verlassen. Wer sich nicht verlässt, kommt vor lauter Maßnahmen nicht aus sich heraus. Das ist für den Einzelnen gesagt, in der Gesellschaft kehrt es sich um. Die Gesellschaft kennt das Glück der Maßnahme, die für sich selbst bürgt. Der Streuwinkel, als moralische Anstalt betrachtet, als Theater der Verfehlungen, folgt, die Auguren wissen es, den Gesetzen der Ablenkung, die für jedes Medium extra bestimmt werden müssen. So bewegt sich das Phänomen in engen praktischen, aber weiten theoretischen Grenzen. Manches, was dem bloßen Auge eng beieinander liegt, erweist sich als unvergleichlich, anderes, als gleichartig beschrieben, macht in der Praxis einen gewaltigen Unterschied – in der Praxis, also einen geringen, alles entscheidenden. Ein knapp verfehltes Ziel bleibt ein verfehltes, selbst wenn die Leistung des Schützen als bewundernswert gilt. Ein knapp verfehltes Lebensziel – nicht auszudenken, unauslotbar das Ganze, der reine Horror. Da bleibt es besser, keines zu haben, locker zu bleiben und mitzustreuen. Streut, meine Lieben, streut, was das Zeug hält! Bleibt unerreichbar! Der Rest wird sich finden. Und fände er sich nicht, so fände sich ein anderer, immer ein anderer. So darbt man sich reich. Das ist, aufs Universum der Ablenkungen hochgerechnet, nur konsequent und letzten Endes nicht übel.

STUMPFSINN

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Was einen im Traum verfolgt, macht die Wege bei Tag dunkel. So weit, so gut, doch: Was heißt hier Verfolgung? Wir deponieren da etwas in der Sprache, was sich nicht lösen will. Das Nachgehen hat einen üblen Leumund, man fühlt sich rasch verfolgt, soll heißen, man bekommt es mit der Angst zu tun, zumindest mit einer Beklommenheit, die weder weiß noch wissen will, ob der andere zuschlagen oder nach der Zeit fragen möchte. Vielleicht ist es die Zeit, die dem Nachgeher im Gesicht steht, aber er kann sie nicht entziffern. Entziffere mich, drängt der Nachgeher, doch wir gehen schneller und meiden den Anblick seines Gesichts. So kann einem eine Villa nachgehen, freskengeschmückt, aber vergebens, weil der Geist, der ihr entströmt, den Blick zurück nicht erlaubt. Man könnte ihn über die Schulter werfen, fast wie eine Sommerjacke oder eine Umhängetasche. Stattdessen beschleunigt man den Schritt. Ein Überlebensinstinkt gibt das ein, der von fremden Erfahrungen spricht. Eigentlich spricht er nicht. Er drängt und wir lassen uns drängen. Einmal, in einer Seitenstraße, fasst er zu.

STURM

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Nein, kein Sturm weht vom Paradies her über die Trümmerwüsten der Vergangenheit. Kein Engel fängt diesen Sturm auf und wird von ihm rücklings in die Zukunft geweht. Eher schon lässt ein wanderndes Vakuum alles Ferne nah und alles Nahe fern erscheinen. Aber auch das ist nur ein müßiges Spiel von Metaphern, die nichts zu greifen und nichts zu beißen bekommen. Das Vergangene reißt den Handelnden zu sich heran und sprengt ihn in Fernen, die er planend verkennt. Es durchläuft mich eisig, wenn ich sehe, was alles geschehen ist. Ich bin schon weg, auf einem anderen Stern. Es durchläuft mich anders, wenn ich sehe, was alles hätte geschehen können. Schon bin ich interessiert, schon bin ich bereit fortzuschreiben. Eine Geschichte verpasster Gelegenheiten ist Sache von Leuten, die einander vorgaukeln, die Geschichte rechtfertige ihr Tun.

SUBVERSIONSSTAU

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Die Menschen fühlen so lange subversiv, bis etwas geschieht, dann lassen sie’s. Dieses Lassen ist wie ein großes Aufbäumen, das dem Ertrinken geschuldet ist. Es ändert nichts am Resultat. Unter den Lehrern der Subversion finden sich wahre Unfassbarkeitsmagier, sie arbeiten mit Versatzstücken. Leider bekommt das ewige Versetzen den Apparaten nicht und sie versagen häufig den Dienst. Das muss einer wissen, bevor ihn der Glauben an eine Sendung befällt, als handelte es sich um die Mandeln oder den Blinddarm. Für Unternehmer stellt der Subversionsstau eine reale Gefahr dar: Investitionen, auf die man sicher gerechnet hat, können nicht abfließen und auf öffentlichen Plätzen verfaulen die Gesinnnungen. Ein X und ein U in einem Kreis macht unter Eingeweihten die darüber gebreiteten Planen kenntlich. Sie sollen die Blicke der Allgemeinheit ablenken, die so oder so Bescheid weiß und mangels Kopfbedeckung nicht einmal den Hut zieht, geschweige denn Schlüsse. Der Subversionsstau und das Bescheidwissen verhalten sich zueinander wie, sagen wir, der Mond zum Mount Everest. Sie unterhalten einen vagen Kontakt. Bezeichnenderweise bleibt sein Inhalt geheim. ›Einen Blick hinaufwerfen‹ – das ist eines der Rätselwörter des Planeten, durch keinen Sprachwechsel zu bannen. Werfen wir einen Blick hinauf: der Subvertierte läuft unter einem großen Geschick, das nicht das seine ist, man könnte meinen, er habe keines.

SYBERBERG-OPER

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Glücklich das Land, in dem es genügt, »Scheiße!« zu murmeln und die Augen zu verdrehen, um als ›wichtiger Autor‹ in die Literaturgeschichte der Gegenwart einzugehen. So ein Glücksfall war die BRD der siebziger Jahre, was unter anderem dazu geführt hat, dass eine ältere Generation Tränen lacht, wenn ihr wieder einmal ein Bändchen des Schriftstellers Achternbusch in die Hände fällt, während die Jungen betreten zur Seite sehen. Eine Spezialität jener Zeit ist die Klasse der sonderbaren Genies, in denen die Vergangenheit ein bisschen lauter wütete als die Gegenwart, die sich so wütend der Vergangenheit gegenüber gebärdete. Nach und nach verwandelten sie sich in (fast) Unberührbare. So der Regisseur Syberberg, in dem das Selbstdenken sich zur nekrophilen Beschäftigung auswuchs und damit wieder preiswürdig wurde. In jeder großen Oper liegt die Tendenz zur Seifenoper, es muss nur der Künstler kommen, der sie herausreißt. Dieser vermochte viel, mehr vermag die Zeit, in der alles verkommt.

SYMBIOSE

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Gesellschaft läuft in symbiotische Lebensformen aus, die zuverlässig verhindern, dass derjenige, der sich in sie begibt (besser: von ihnen umfangen wird), einen Weltbegriff bildet. Der Zerfall tritt dort ein, wo man versäumt, den schlichten Gemütern, den Harmonie- und Anlehnungsbedürftigen, den  Antriebsarmen, sexuell Abhängigen und Erfolglosen, den notorischen Familienmenschen, den Trennungsopfern, den Zukurzgekommenen, den beruflich Gescheiterten und Versagern ein Gesicht zu geben, durch das sie unbehelligt und mit einer Miene, die besagt, dass sie das und das und damit als die anerkannt sind, die sie nun einmal sind, auf die Welt blicken und vor ihr bestehen können. Der symbiotische Mensch hat keine Vorstellung von der Welt, er tritt ihr nicht gegenüber, wie er nun einmal ist, weil die Gesellschaft sie ihm verstellt – dieselbe Gesellschaft, in die er auf keine Weise hineinkommt, es sei denn als Objekt oder als Opfer. Und dennoch lebt er in ihr dank Mimesis und Osmose, in Nahverhältnissen, in denen er sich mittels dosierter Aggression, mittels banaler und zumeist unerfreulicher ›Spielchen‹ orientiert. Vielleicht kennt er die Regeln nicht, die für ihn gelten und ihn betreffen, vielleicht will er sie nicht respektieren, vielleicht kämpft er gegen sie an und reklamiert andere, die in den Teilen der Gesellschaft gelten, zu denen er nicht zugelassen ist. Er sagt ›Gesellschaft‹ mit einem bitteren Unterton und meint ›Welt‹: die Gesamtheit der Verhältnisse, in denen er steht und denen er nicht ausweichen kann. Die Verwechslung von Gesellschaft und Welt ist gefährlich, wie die Welt der Gemobbten zeigt. Wer Welt nur noch als kollektive Aggression zu empfinden und begreifen vermag, der ist wahrhaft gescheitert, er hat die Person dahingegeben – für ein Linsengericht, das man ihm jetzt vorenthält.

SYNTAX, BILDNERISCHE

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Man wird auch einmal dem Gedanken näher treten, dass es eine bildnerische Syntax ebenso wenig gibt wie die oft beschriebene und an Akademien gelehrte Bildlogik. Und das ist nicht verwunderlich. Die Syntax gehört zur Sprache wie die Logik zum Denken. Man denkt nicht in Bildern, man denkt mit Hilfe von Bildern, man denkt an ihnen entlang, man durchdenkt sie und man denkt – vielleicht – über sie nach. Allerdings lässt sich dieser Sachverhalt beinahe nach Belieben dadurch kaschieren, dass man mit hehrer Stirn von anderem redet – zum Beispiel von der Gesellschaft, der Politik, der Grausamkeit und dem Verbrechen. So geboten es ist, von diesen Dingen zu reden, so sicher schlägt irgendwann die Erkenntnis durch, dass es sich dabei um einen Trick handelt, der einen davon abhält, sich mit den Bildern zu befassen. »Ich betrachte meine Kunst als erfolgreich, wenn sie die Betrachter dazu zwingt, sich über Grausamkeit und Folter Gedanken zu machen.« Der Standardsatz des Betriebs stammt von Künstlern, welche einmal von Leuten geprügelt wurden, die mit Sprüchen dieser Art der Kultur den Garaus machen wollten, und von Nicht-Künstlern, die auf billige Weise davon ablenken wollen, dass auf ihren Bildern nichts zu sehen ist. Wer sich über Grausamkeit und Folter Gedanken macht, wartet nicht darauf, dass die Museen ihre Pforten öffnen, er bedarf auch keiner Documenta. Wer sich keine Gedanken macht, ist immerhin geübt genug, die Stirn in Falten zu legen und vage vor sich hin zu assoziieren, wenn die gesellschaftliche Konvention es erfordert. Man könnte ihm Prügel androhen für den Fall, dass er dafür nach Kunst verlangt.

SYSTEMGESTEN

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Die großen Gesten der Moderne ähneln dem Wettrennen nach dem Mond: es waren Systemgesten, unabdingbar, notwendig bei großer Not, vorgetragen mit einem Elan ohnegleichen, ohne Rücksicht, ohne Vorsicht oder doch nur mit planverträglichen Dosen davon, im Ergebnis erfolgreich, aber zu teuer und zu billig, um eine Industrie daraus zu machen. Die entstandene Industrie heißt ›erdnahe Raumfahrt‹ und arbeitet mit Simulationen, daneben testet sie Stoffe und Menschen für den täglichen Einsatz. – Was bedeutet das? – Durchbrüche, mein Lieber, sind das, wofür die Menschen sie halten: sie lassen das Alte eng erscheinen und das Neue reizlos. Anders gesagt: der Reiz des Neuen ist das Neue und die Wiederholung ist schneller ausgereizt als der Zustand davor, der sich in eine Art Utopie verwandelt: Hier stand Omas Sofa und dort ihre Anrichte: süß! Nicht nur dem wirklich Neuen laufen die Kosten davon, auch die Wiederholung dessen, was schon einmal die Welt verblüffte, lässt sich praktisch nicht durchsetzen, weil die Kosten zwar kalkulierbar, aber nicht mehr verträglich erscheinen. – Du meinst -? – Ich meine nichts. Von der bemannten Mondfahrt blieben: ein zerknitterter Anzug in einem Museum, dazu seitenweise Demonstrationen im Internet, sie habe nie stattgefunden und die Bilder, die berühmten Bilder, seien in einem Hollywood-Studio entstanden. – Aber das ist Unfug. – Menschlicher Unfug. Wenn erst die Museen Platz schaffen für die Kunst des einundzwanzigsten Jahrhunderts, dann werden bleiben: eine ramponierte Brillo-Box, der ein Idiot das Geheimnis mit einem Golfschläger zu entreißen versuchte, und seitenweise Argwohn im Internet, die Kunst habe nie darin Platz gefunden. – Das hältst du für denkbar? – Selbstverständlich. Auch du, Brutus. Du solltest dir an den Kopf fassen und dich fragen: was geht hier vor?

SCHAM

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Man hat dir diese Scham eingepflanzt, ohne einen Gedanken darauf zu verwenden, was man damit anrichtet, wahrscheinlich, ohne diesen Akt selbst zur Kenntnis zu nehmen, wahrscheinlich sogar, ohne es zu wollen, absichtslos, hinterrücks: die Scham, der zu sein, der du bist, ohne Füllung, ohne Substanz, in einem Akt tückischer Übelnehmerei, die nichts bedeutet hat. Vor allem letzteres, dass es nichts bedeutet, dass es niemals etwas bedeutet hat, richtet die Scham aus. Jeder Windhauch reicht aus, dich zu treffen und trifft dich auch. Jeder? Natürlich nicht. Aber wer spricht vom Windhauch. Was einen anweht, verrät nicht unbedingt sein Woher, und wenn, dann in der Regel zu spät. Das Wissen, woher der Wind weht, gibt dir die Fassung zurück, auch wenn es kein Wissen ist, sondern bloß eine Vermutung. Vermuten heißt gegenhalten. Auch du bist ein Gegenstand von Vermutungen, der Widerstand gegen dich ist längst unterwegs, wenn du das Bett verlässt, und du weißt es. Du hast aufgegeben, sie entkräften zu wollen, es sind ihrer zu viele, auch wenn sich die Zahl, wenn man auf die Inhalte sieht, stark reduziert. Aber es sind ja Vermutungen und jede besitzt einen Träger, es sind seine Vermutungen und jede Entkräftung entkräftet auch ihn ein Stück, so weit lässt er’s nicht kommen. Die vermutete Vermutung, der auf keine Weise beizukommen ist, nährt deine Scham.
Diese Scham ist das öffentliche Wesen.

SCHATTENFORSCHUNG

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Den Gedanken oder bessser die alle Sammler verfolgende Ahnung, es gebe tatsächlich eine theosophische Schrift mit dem Titel Schattenforschungen, darf man nicht mit der viel bekannteren Vermutung verwechseln, man könne das kostbare Original als Nachdruck ganz billig in der zweiten Ausgabe der Meteorologischen Hefte von 1911 im Hamburger Wetter-Verlag finden, denn hier stehen tatsächlich nur einige dürftige Auskünfte über den Zauberregen auf tropischen Inseln. Sie sollten nach Maßgabe erfahrener Missionare gestrandeten Seeleuten beider Weltkriege als Trinkwasser fördernde Selbsthilfe dienen. Man bekam Anweisungen, wie man in Trockenzeiten mit Hilfe von Taschenlampen oder Revolverschüssen wilde Völkerschaften beeindrucken konnte, den echten Regenzauber zu üben, an den übrigens kaum jemand ernsthaft geglaubt haben wird. Eher sollten wohl die oft feindseligen Eingeborenen beeindruckt und die durstigen Matrosen abgelenkt werden.
Anders dagegen das Original von 1870, das seltsamerweise während der wüsten Zeiten sprachlicher Verwilderung in Arabien unter der französischen Kolonialherrschaft als Streitschrift in deutschen Landen unter der Hand verbreitet wurde. Ein stark protestantisch gefärbter preußischer Kleinverlag in Cottbus gab unter dem Titel Das deutsche Zimmer »Forschungsergebnisse« über »Bedrohungen des Himmels als Antworten auf die Sprachnotstände in aller Welt« heraus, eine Schrift, deren Verfasser sich auf die Untersuchungen zweier Wiener Forscher stützte, Max von Englschall und Peter Haliman. Die beiden hatten erklärt, unnatürliche Schatten entgegen allen Gesetzen des Sonnenlichtes zunächst in Bibliotheken und später auch an anderen Orten entdeckt zu haben. Trotz mancherlei Schwierigkeiten auf Grund unterschiedlicher Auffassungen darüber, was Sonnenlicht außer in der Landwirtschaft zu bedeuten habe, war man sich rasch darin einig, dass eine Heimsuchung ganz besonderer Art bevorstünde, eine Art Geisteskrankheit, die eines Tages weltweit durch sprachliches Versagen babylonisches Unheil anrichten könnte. Dies sollte nach Englschalls Enkel Joseph zwar anfänglich nur für den vorderen Orient und dessen französische Besatzung gelten, doch wurde es irgendwann als rein deutsches Phänomen betrachtet.
Die immer häufiger ausschließlich in Österreich und Preußen auftauchende und schließlich mit den soeben entdeckten Lichtmesssprüngen der Firma Siemens versuchsweise vermessene Schattenschlange lenkte den Blick sehr bald auf die antideutschen Stimmungen in Europa und den allgemeinen militärischen Patriotismus. Man begann sich mit Dostojewskis sozialem Christentum zu beschäftigen, um dem erwarteten heiligen Russland rechtzeitig und gut protestantisch den Rang abzulaufen. Nach dem Vorbild des Idioten tauchte in diesem Zusammenhang der Name »Das törichte Reich« für Deutschland das erste Mal auf. Man konnte unmöglich übersehen, dass sich das seltsame Phänomen unmittelbar nach der Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles – es ging da um wenige Stunden – zuerst am Rhein bei Strassburg einem evangelischen Pfarrer geoffenbart hatte. Dieser einst als Student mit Max von Englschall befreundete Mann namens Eberhard Anton Tänzler begab sich sofort zu seinem alten Freund und Geologen nach Wien und die Sache nahm  ihren Lauf. In Österreich und Preußen konnte eine kleine Anzahl somnambuler Ästheten die Schlange in mehreren Fällen über kurze Strecken von maximal hundert Metern verfolgen. Dergleichen ereignete sich in Graukauding bei Wien ebenso wie in Berstenrode bei Cottbus. Durch Vorgärten und Parkanlagen, übrigens alle Symbole des Christentums, Wegekreuze, kleine Kapellen, Friedhöfe sorgfältig vermeidend, schlich sich der wolkige Körper bis nach Berlin und das mit bedeutenden Folgen.
Sein letzter Aufenthalt im Berliner Schloss führte alsdann sehr rasch, am 9. November 1871, zu der bis heute geheimnisvoll gebliebenen Aufnahme Jesu Christi, unter dem Namen Michael Menschensohn, in das »Törichte Reich«. Es waren die Anhänger der nun ebenfalls als Spracherlösungsgesellschaft auftretenden Dichter des Deutschen Zimmers und dessen überaus vornehmes Direktorium, die sich zu diesem Akt des Geistes entschlossen hatten. Neben den Dichtern bestand es aus einigen Prinzen und Fürsten des deutschen Hochadels beider Konfessionen. Kein Name ist überliefert. Der Ort der Aufnahme war Frankfurt. Erst neuerdings ist ein »National-surreales Reichsschutzblatt« mit handschriftlichen Hinweisen auf dieses Ereignis auf einer englischen Auktion in Lahore aufgetaucht und als Kuriosität von einem Holländer ersteigert worden. - PM

SCHEINBEDINGUNG

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»Ich habe mehr gesehen als Sie«, sagt die Frau des ermordeten Bankiers zu den Polizisten, die sie daran hindern wollen, an den Unglücksort vorzudringen, »lassen Sie mich durch!« Ein bemerkenswerter Satz aus dem Mund einer bemerkenswerten Frau. Da meldet sich die Kriegsgeneration zu Wort, der nichts Unmenschliches und daher nichts Menschliches fremd ist. Erfahrungen, die der Folge-Generation radikal fremd sind, während sie eifrig die dazugehörigen Bilder konsumiert, verwandeln sich in uneinholbare Vorsprünge, die niemand gelten lässt, auch nicht den Sicherheitsbeamten vor Ort, der sich an seine Anweisungen hält. Vom Nicht-Gelten-Lassen zum Nicht-Haben-Wollen ist nur ein Katzensprung – und ebenso vom Nicht-Haben-Wollen der Erfahrungen zu dem ihrer Träger. Auch diese Katze ist gesprungen, nachdem sie lange geschnurrt hat. Schlimme Erfahrungen werden beiseite gebracht oder einbetoniert wie der Unglücks-Reaktor von Tschernobyl, der strahlt und strahlt. Das Trauma – oder was man so nennt – ist die Gesellschaft und der von ihr ausgehende Druck, sich an nichts zu erinnern, es sei denn, man bekommt den bezahlten Helfer gestellt. Wird das Erinnern erst zum Geschäft, dann erinnern sich diejenigen, die nichts zu erinnern haben, am besten. Ihr Vorsprung heißt: Professionalität. Die anderen, von Zeitgenossen zu Zeitzeugen degradiert, versuchen sich zu erinnern. In diesem ›versuchen‹ steckt ihr Dilemma und, genau gesehen, ihr ganzes Elend. Die Versuchung ist groß und der Versucher nah. Dennoch: es kommt immer etwas heraus.

SCHEINFRASS

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Unter dem Scheinfraß leiden die Marder am meisten. Scheinbar kommt er ihnen entgegen, aber sie verstehen nicht immer, ihm rechtzeitig auszuweichen und stürzen sich mit einer kindischen Vehemenz auf das, wofür sie ihn halten, die ihnen auch sonst eigen ist. Er taugt aber nicht, weder für sie noch für andere. Läge es in der Natur des Scheinfraßes, für das zu gelten, als was er taugt, dann wäre bereits die Hälfte des Problems für immer gelöst. So jedoch, unter hundert Varianten verborgen, die ihn alle nicht hergeben, lockt er mit einer Süße, die einer alten Bonbonschachtel entnommen zu sein scheint, aber durch Beimengungen giftiger Suada Schaden genommen hat und nun jeglichen Biss vereitelt. Der junge Marder, der das Phänomen noch nicht kennt, kann sich die plötzliche Hemmung nicht erklären und weicht nicht mehr von der Stelle, sei es, dass er irgendwann vor Entkräftung stirbt, sei es, dass ihn die Hunde der Nachbarschaft aufstöbern und vertreiben, sei es, dass ihn die Kinder kreischend entdecken und für den Rest seines kurzen Lebens zum Gespött machen. Ältere Marder, die um die Gefahr wissen, können gleichwohl nicht widerstehen. Sie begeben sich in das Debakel wie andere ins Hochgebirge, ausgerüstet mit allen erdenklichen Gerätschaften, mit Spezialnahrung versehen und zu Ausflüchten aufgelegt, wenn sie jemand bei ihrem Tun überrascht und sie spöttisch fragt, was sie da treiben. Weise Leute schütteln den Kopf und bitten sie, sich zu bedenken, bekommen aber nur eine Hochmutsgeste als Antwort; wer einmal dem Scheinfraß obliegt, ist keiner Begütigung aufgeschlossen, er will es wissen. Oder auch nicht. Denn, wie ein Sprichwort sagt: Wer den Schein roh frisst, kann sich nichts dafür kaufen (cf. Geldfresser).

SCHEINLEXIKON

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Scheinlexika sind Scheinkanonen, die auf Scheingesinnungen zielen. Bei soviel Schein erwartet der Laie viel und wird selten enttäuscht. In der Regel übertreffen Scheinlexika Reallexika bei weitem an Süffisanz, Redlichkeit und Präzision. So wie der Mensch die Welt des Scheins der realen vorzieht, so würde er keinen Augenblick zögern, seine Informationen aus Scheinlexika zu beziehen, könnte er nur lesen. Daran hapert es. Der Mensch ist das Tier, das nicht lesen kann: erst diese Scheindefinition eröffnet einen zweifelsfreien Zugang zur Welt der Realia, in denen die Dummköpfe von Enttäuschung zu Enttäuschung stolpern, bevor sie im Suff enden oder im Altenheim. Der lesende Mensch isst zwar Tiere, aber er misst sich nicht an ihnen, insbesondere nicht in Fragen des Einkommens, des Sozialstatus und des Fressvolumens. Er freut sich ihrer, das ist wahr. Er würde sich auch der Menschen erfreuen, nagte in ihm nicht der Verdacht, sie könnten lesen, wenn sie es nur wollten. Sie wollen nicht lesen: soviel Unverstand raubt ihm den seinigen. Was soll man mit einem solchen Gesindel nur anfangen? Nun, der Ausweg steht bereit – man sperre sie in Lexika, die sie nie besuchen werden, jedenfalls nicht lesenderweise, so dass sie das Bild nicht verunklaren können, das kundige Artikelschreiber von ihnen entwerfen. So erfährt der wirkliche Leser aus Scheinlexika (und nirgendwo sonst), wie es in der Welt wirklich zugeht. Hat jemand weitere Fragen?

SCHEINVATER

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Das Deutsche verzeichnet bekanntlich zwei Arten von Schein: (a) das Papier, das amtliche Dokument, den Berechtigungsnachweis, (b) das Unwesenhafte, Täuschende, Darübergebreitete, den Sinnentrug. Ein Scheinvater ist daher entweder ein Vater auf dem Papier oder jemand, der anderen oder sich selbst vorgaukelt, Vater zu sein. Man sieht, beide Bedeutungen gehen zwar nicht auseinander hervor, konvergieren jedoch auf eine dem Betroffenen selten konvenierende Weise. Mit dem Vorgaukeln ist das so eine Sache, wer die Menschen kennt, nähme in diesem Fall eher an, der Scheinvater selbst sei hier jemand, dem etwas vorgegaukelt wird oder wurde. Entsprechend wäre ein Scheinzahler jemand, der für eine Sache bezahlt, die es so nicht gibt, ein Scheinbetrüger jemand, der betrogen wird und ein Scheinschläger einer, der sich zusammenschlagen lässt. Allerdings fehlt in diesen Fällen wohl meist der Feuereifer, der den Scheinvater alles in allem auszeichnet, jedenfalls dann, wenn alles nach Plan läuft. Ein Scheinvater gibt der Scheinmutter, die der juristische Sprachgebrauch so nicht kennt, eine Fülle von Möglichkeiten in die Hand, die alle dem Umstand entspringen, dass in diesem Fall eine gewisse natürliche Befangenheit wegfällt und das ganze Verhältnis ungeniert auf Druck und Zug, auf Ausbeutung gestellt ist, auch wenn dieses Wort nicht gebraucht wird. Der ausgebeutete Vater wird in der Regel ein guter Vater sein, da er den Gedanken, ausgebeutet zu werden, in sich selbst bekämpft. Er darf ihn nicht zulassen, obwohl er einen Dauerplatz auf der Schwelle einnimmt und fröhlich winkt. Man könnte, aufs Volkswohl gesehen, den Nachwuchsbetrieb komplett auf Scheinväter umstellen. Leider lassen die Menschen sich zwar gern betrügen, aber nur, wenn sie ›den Eindruck haben‹ – herrliche Phrase! –, sie seien ein ganz besonderer Fall und es gebe kein auf ihresgleichen gestütztes System. Arme Irre – sie wollen nicht wahrhaben, dass sie in dieser Hinsicht immer zu spät kommen. In der Männerwildnis gedeihen die Kinder mehr schlecht als recht, aber sie gedeihen. So lässt man sie ruhig in ihrem Glauben. Mehr wollen sie nicht, mehr können sie nicht. Ungekonnte Leben gibt es genug.

SCHERENSCHNEIDER

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Manches ist im Eimer, was nur im Eimer erscheint. Irgendeinen Sex-Award wird jeder erringen, das wäre ja noch deprimierender, wenn hier nichts von der Anstrengung bliebe. Emma zum Beispiel... Wer ist Emma? Eine Sex-Postille der durchgestrichenen Art könnte zum Beispiel folgern, die Palme gebühre dem gegengeschlechtlichen Partner, der alles verweigert, also dem Nicht-Partner, dem berührungsfreien Paralleluniversum der freischwebenden Intelligenz. Letztere ist eine alte Phantasie von Leuten, die schwer unter ihrer Sexualität leiden und deshalb finden, sie gehörten nirgendwo hin. Die Postille zeigt ihnen den Weg, denn sie kennt ihn und ist ihn viele Male gegangen. Sie weiß, wie man Intelligenz bindet: mit der Schere. Mancher hat sie im Kopf, doch zwingend gehört sie zwischen die Beine, wo sie ihr blutiges Recht mit Verve vertritt.

SCHERZKEKS

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»Scherzkeks« sagen die Menschen. Dahinter steckt eine größere Einsicht: der Scherzkeks ist der Einzelne in seiner Bröselgestalt. Er hält noch zusammen, er steht noch zur Verfügung, aber das ändert sich, kaum hast du ihn in der Hand. Was er sagt, kann niemanden überzeugen. Selbst wenn er recht hätte – wen kümmert’s? Ein Scherzkeks ist ein Mensch, der den Aufbruch verkennt: er sitzt gerade so gut und hätte etwas zu erzählen, von dem er weiß – oder annimmt –, dass es für alle wichtig sein könnte, aber im allgemeinen Stühlerücken geht er damit unter. Vielleicht hat er sich zu lange Zeit gelassen und jetzt ist der richtige Zeitpunkt vorbei … vielleicht. Vielleicht müsste er nur anders auftreten, aber die Natur hat es ihm verwehrt. Vielleicht blitzt in ihm ein neuer Gedanke auf, zu neu, um spontan einzuleuchten, zu gefährlich, um ihm jetzt lange nachzuhängen, denn niemand will den Aufbruch verpassen, das wäre das Gefährlichste, und er sackt in sich zusammen. Jedenfalls schmeckt nicht, was er erzählt, und er hat Glück: es ist die leiseste Form des Übelnehmens, mit der die Gruppe ihn mundtot macht.

SCHIMPFKANONADE

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Die Kanonade ist echt, man hört den Donner, obwohl das Schlachtfeld weit und der Himmel hoch ist, doch etwas Unechtes bleibt dabei, ein Zweifel, ob es uns allen gut geht, wenn wir allzu sehr auf sie hören. Aber wie sollte einer aufhören zu hören, wo doch im Aufhören selbst... Hör auf dich, hör auf die Stimme deines Herzens, hör auf alles ringsum, nur nicht... Ja? ... nur nicht auf diesen Donner, der dich ganz ausfüllt, bevor er dich zerreißt. Nun, ›bevor‹ ist vielleicht nicht das richtige Wort, es zerreißt einen ja ›nachgerade‹ oder ›geradewegs‹, etwas Gerades ist also unbedingt dabei, eine schiefe Geradheit, die dich immerfort abrutschen lässt... ›Entgleiten‹, das ist das Wort. Sie macht, dass ich mir entgleite. Sie verfügt über die Macht des Wortes, denn Worte sind es, deren sie sich bedient, nur mit der Rede hapert es fortwährend, die schiefen Bilder, die kranke Grammatik, die heuchlerischen Assoziationen, sie zeigen an: es kann nicht weit her sein mit dieser Rede, irgendein Apparat, ganz in der Nähe, dient als Quelle der Störgeräusche, deren wir nicht Herr werden, die uns seit Nächten nicht schlafen lassen, die uns rauben, was wir nicht besitzen, obzwar es uns rechtens zusteht, aber was heißt schon rechtens. Diese Kanone wurde ja aufgestellt, um alles, was rechtens gesagt werden könnte, im Flug zu zerreißen, sie muss nicht treffen – falsch wäre das, ganz falsch – nur zerreißen. Der Donner, der niemals trifft, aber zerreißt, was sich sammeln muss, um zu bestehen, ist vielleicht kein Donner, sondern die Stille, die ausbricht, sobald das Schweigen der Wissenden unerträglich geworden ist.

SCHLAFBEDÜRFNIS

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Das enorme Schlafbedürfnis des Stagiriten erklärten manche seiner Schüler sich so: als Gott über die Erde ging – er war damals sehr beschäftigt und deshalb nicht sonderlich aufmerksam –, entfielen ihm neben den Buchstaben und Wörtern auch ganze Sätze, an die sich seither keiner erinnert, es sei denn im Schlaf. Andere sagten, nicht der Schlaf sei daran das Entscheidende, sondern das Erwachen. Nur wer viel und tief schlafe, könne so kräftig erwachen, dass das eine oder andere aus jenem verlorenen Fundus dabei austrete und sich ins Tagbewusstsein verstreue. Diese beiden Schulen haben die Welt mit dem Netz ihrer Sprüche überzogen, so dass keiner entscheiden kann, wo das eine endet oder beginnt. Es sind eben Schulen, in denen Gedanken sich um die Vorherrschaft über die Wörter streiten. Leute, die wünschen, keiner Schule hörig zu sein, denken, dass sich das Tagbewusstsein, oder was unsereins dafür hält, in den Sätzen sammelt. Man darf diese Sammlung nicht unterbrechen oder auf andere Weise willkürlich verkürzen, zum Beispiel durch das Einschalten falscher Lichtquellen oder anderer Informationsträger. Man muss ihr die Zeit lassen, die sie braucht, um sich zu runden. Wer gelernt hat oder durch Zufall dahin gekommen ist, ein Schreibwerkzeug einzuschieben und sich seiner geschickt, das heißt fast unmerklich zu bedienen, behält etwas zurück, was entfernt an jene göttlichen Sätze erinnern könnte, aber da der Zusammenhang sich nicht herstellen will und die Zeit der Sprüche vorbei ist, behält er diese Beobachtung am besten für sich und gibt nichts davon aus, es sei denn, ihm träumte, er sei über Nacht reich geworden und müsse sich nun verändern.

SCHLAFKRANKHEIT

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Lasst sie schlafen, die Schläfer. Wer schläft, entleibt sich nicht, sein Leib wiegt ihn und hüllt ihn ein. Das ist gut. Wer die Welt für einen Traum hält, muss ein guter Träumer sein, ein rüstiger Träumer, ein redlicher Träumer, keiner, für den der Schlaf nur Vorwand ist, sich als Ungeheuer zu konzipieren. Als Ungeheuer? Das geht einfacher, als du denkst. Wem der Schlaf zum Wunsch mutiert, endlich zu erwachen, und das Wachen zum Entsetzen oder zum Ekel davor, wieder einzuschlafen, dem erscheint zwischen Wachen und Schlaf das Ich als Schreckgespenst und er wünscht sich nichts sehnlicher, als es auszulöschen, um endlich wach zu sein oder zu bleiben. Das große Erwachen, von dem alle träumen und vor dem sich alle fürchten, für ihn wartet es jenseits des Ich, ganz nah, täglich rückt es ein wenig näher, eine spiegelnde Ferne, die soziale Dimension des Wortes ›Schluss machen‹ festschreibend und überbietend. Das Ende des Gemaches oder Der gemachte Schluss oder Das sich Fallenlassen ins gemachte Bett der Entschlusslosigkeit, dem die Matratze fehlt und unter dem das Bodenlose sich auftut – all das sind Figuren des Schlafs inmitten des Wachens, das den Schlaf fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Es umschleicht ihn gleich einem Feind, der nicht geweckt werden darf, und es wünscht sich nichts sehnlicher, als in ihn einzufallen, ihn zu verwüsten und das fatale Zauberwerk stillzustellen, auch um den Preis, dass die Welt zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Soll sie doch! Einmal sehen, wie es zerfällt, das stählerne Gehäuse der Zeit, die nicht vergeht, weil ihr ein Vergehen zu Grunde liegt, das nicht genannt werden darf!

SCHLAFWAHL

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Eine Politik, die auf Bilder reagiert statt auf Fakten, gehört, aus Gründen der Selbsterhaltung, abgewählt – sofort, für immer. Was also gehört Politik im Medien-Zeitalter? Abgewählt! Kein Zweifel, dieser Schluss ist logisch korrekt und entspricht dem Gefühl der Massen, die sich von ihren Vorturnern ›verarscht‹ vorkommen. Nur sind die Massen des Abwählens müde, wenn sie, die nächste und übernächste fällige Abwahl vor Augen, die Wahlkabinen betreten. Die besten Wahlergebnisse erzielen sie daher im Schlaf. Der Schlaf der Reflexe erzeugt die Ungeheuer, die abzuwählen dann reflexhaft gelingt. Das sind Sternstunden, in denen eine Borniertheit die andere aus dem Sattel hebt, unter dem Jauchzen der Medien, wie denn sonst?

SCHLAGESEL

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Aus der Tiefe der Zeit, da, hinter der Hecke, stammt der Schlagesel: ein krummer Hund, ein Fisch von einem Hund, und fies will er sein, dass es die anderen juckt. Darum macht er Fisimatenten wie andere Umstände oder Umstände wie andere Ärger, zu dem es bei ihm nicht reicht, weil alle anderen es ärger treiben als er selbst. Er selbst, ja das ist er: ein seltenes Exemplar seiner selbst. Er hätte sich gern häufiger, aber dazu reicht es nicht und im Grunde ist es ihm recht. Wenn er schlägt, so trifft es Verräter, wenn er verrät, so sind es Geheimnisse, von denen niemand etwas wissen will, so gemein sind sie und so bedeutend. Die Vergangenheit, tönt er, strömt durch mich hindurch in die Zukunft, ich bin ein tönendes Rohr, das sich im Winde biegt und Sturm verspricht. Habe ich mich versprochen? Nein, denn außerdem bin ich Gegenwart, reine Gegenwart, seht her meine Kreuzigungsmale, sie duften nach Honig und dürfen auch angefasst werden. Ich bin ein Volk, ich ganz allein, es umfasst alle Mitgeborenen, die mir zuarbeiten, in ihren oder meinen Gedanken, Worten oder Werken, wo ist da der Unterschied? Übrigens soll, wer mich anfasst, büßen, ein kleines Andenken schadet nicht und hält den Kreislauf in Schwung. Seine Bewunderer nennen ihn einen Kyniker, einen Hundling, aber nein, er ist Schlagesel und wünscht, dem möge Rechnung getragen werden.

SCHLEPPERFREUNDE

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»Sage mir, wo du anstehst, und ich sage dir wie du reinkommst. Du kannst es auch selber herausfinden, aber das kostet extra, womöglich das Leben.« Nach diesem Motto holt sich Europa seine ›Flüchtlinge‹ übers Mittelmeer. Sein Bedarf scheint unersättlich zu sein, wenn man den Zahlen trauen darf, ebenso sein ethisches Feingefühl, wenn man den Verlautbarungen lauscht. Nur die Leute trauen dem Braten nicht und regen sich auf. Worüber? Über als Menschenfreunde verkleidete Schlepper? Über als Bürokraten verkleidete Lobbyisten? Über als Schlepperfreunde enttarnte… Was ist los? Gestrichen? Einfach gestrichen? Das ist normal. Über als Politiker verkleidete… – hier, endlich, beginnt der Bereich der üblen Nachrede. Warum nicht eher? Politik braucht Blitzableiter, dabei ist sie selbst der größte. »Potzblitz«, sagte der Hase, »da ist was los.« Und verschwand im Klee, dem gemalten. Potzblitz sagt er immer, denn er weiß, was los ist, und möchte nicht involviert sein. Das ist ein Kunstwort, früher auf Volvo-Fahrer gemünzt (»Sicherheit aus Schwedenstahl«), die wussten, wie eine gesunde Umwelt bezahlbar bleibt. In Zeiten wie diesen steht es für ›völvisch‹ – nein, nicht ›schwedisch‹ oder gar ›nordisch‹, wie das assoziativ bedrängte Gemüt argwöhnt –, es meint den inneren Wolf, der auf großem Hasenfuß lebt.

SCHMERZEINFLÖSSERIN

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Wer holt dich aus der Versteinerung heraus, aus diesem Wechsel von Raserei und Erstarrung, der deine Züge formt und entformt und den Betrachter ratlos entlässt? Medea nennen sie dich. Da ist was dran. Zwar tötest du deine Kinder nicht. Dafür entwendest du ihnen das Leben und bereitest ihnen ein anderes. Wie das geht? Das fällt unter deine Geheimnisse, die nicht so geheimnisvoll sind, sieht man dir erst auf die Finger. Daran ist keinem gelegen und deshalb lassen sie dich in Ruhe. In Ruhe? Da liegt eines der Rätsel, die von der Gesellschaft gestellt, aber nicht gelöst werden.

SCHMUTZTHEORIE

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Eine Theorie, die genügend Schmutz aufwirbelt, um geglaubt zu werden, muss einige Voraussetzungen erfüllen, z.B. muss sie dicht über den Boden der Tatsachen wegstreichen, was nicht so einfach ist, wenn man bedenkt, dass sie meist in Höhen zielt, auf denen sich alles verklärt. Eine andere Regel besagt, dass ihre Urheber, wollen sie nicht, dass die Sache auf sie zurückfällt, im Verborgenen tätig werden müssen. Auch das ist schwerer, als man glaubt, schließlich wünschen sie zu den Profiteuren zu gehören. Die glücklichsten unter ihnen sind die, die sich aufs Unglück Dritter berufen können: auf ihm steigen sie wie auf einer Himmelsleiter empor, um sanft zu fallen, wenn einmal eine Sprosse wegbricht. Das Unglück Dritter ist das Sesam-öffne-dich des schmutzigen Ruhms. Viele, die nicht warten können, bedienen sich seiner im voraus und prellen die armen Leute, die es vielleicht ereilt, um die Aufmerksamkeitsrendite, die sie dringend benötigen werden.

SCHNITT

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Man konnte sich das lange Zeit nicht erklären – besser lässt der Schnitt sich nicht ausdrücken, der alle Heutigen von allen Früheren trennt. Denn gewöhnlich denkt die frühere Zeit nicht daran, sich etwas nicht erklären zu können, es ist ein untergeschobener Balg, eine Distanzierungsformel, die wenig mehr besagt, als dass ›wir‹ weiter sind, Fortgeschrittene. ›Wir‹ haben ein Rätsel gelöst, heißt das, eines, das uns die Welt hingeschoben hat, diese ewig frische Sphinx. ›Wir‹ haben die richtige Antwort gegeben, ›der Mensch‹, und gehen jetzt und legen uns zu Mutter ins Bett. Dass wir jemanden aus dem Weg räumen mussten, um der Sphinx überhaupt ansichtig zu werden, geht uns vorerst nichts an, damit beschäftigen wir uns später. Wie war doch der Name? Seltsam, wie unfertig eine Erinnerung ist, so lange der Name fehlt. Ah, da kommen die Arbeiter, sie schleppen ihn schon herbei, ich werde einmal hingehen und nachsehen, was sie haben.

SCHÖNHEITEN IM FUTUR

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Städte, gleich schwimmenden Inseln aus Nebeln tauchend, in denen niemand sie zu vermuten gewagt hätte, noch vorenthaltend, worauf es bei ihnen hinauswill. So läuft man an Orten herum, die einem ihr Bild verweigern, das alte, das man nicht mehr gekannt hat, das neue, sich erst langsam formende, zu langsam für den, der in ihnen lebt und sich durch Neugier blind macht. Die Leute holen sich ihre Bilder ›von außerhalb‹, wie sie sagen, das ist verständlich, aber auch komisch, es ist ein Stück Entgeisterung dabei, das bereits wieder gespenstisch wirkt. Sie sagen: Nach den Zerstörungen ist vor den Zerstörungen, sie behaupten es tapfer, aber sie meinen es nicht so. Im Zentrum der Zerstörungen, dort, wo ein kürzlich freigesprengter Platz auf die Ankunft einer nobleren Vergangenheit wartet, schrieb einer den Satz: Im Zentrum der Zerstörungen steht der Mensch.

SCHÖNHEITSPFLÄSTERCHEN

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Die Ästhetik des Hässlichen (ver)endet an der – endlich – losgelassenen weiblichen Brust, nachdem sie lange durch heftige Schreie bekundet hat, woran es ihr fehlt. Der unerschütterliche Wunsch dieses Geschlechts, schön zu erscheinen, auch wenn Hässlichkeit angesagt ist, weist den Weg in die Boutiquen und Auslagen noch der ungeselligsten Kunst, die je als solche wird auftreten wollen, so wie sie es immer mit eherner Stirn dem Flaschenpostwesen vorgezogen hat, zu erscheinen. Die Kunst, abgeführt zwischen zwei Polizisten, im Negligé, flüchtig die Haare ordnend und zerstreut der Menge zuwinkend: so hat sie sich gern gesehen, so würde sie sich, in Teilen, immer noch gern sehen, doch jede Kokserin aus dem Glamourmilieu ist ihr darin über. Das Hässliche so gestalten, dass es auch eine Art Schönheit darstellt, überall die Ränder der Schönheit streifen, an ihnen entlangstreifen wie eine Katze, die Aufmerksamkeit erregt, das heißt doch, das Hässliche nicht gestalten, nicht hässlich zu sein, nicht hässlich sein zu wollen, es sei denn gegen die Konkurrenz und auf dem geduldigen Papier der Interpreten und der Ausstellungsmacher. Aber auch Papier ist nicht immer geduldig, manchmal kräuselt es sich vor Ungeduld an den Rändern und manchmal gerät es in lodernden Zorn und verschlingt sich selbst. Die unkonventionelle Schönheit, überall Konvention geworden, läuft als Raubtier durch die Wüste der Intuition, die an jedem hingehaltenen Gitter endet: kein Durchschlupf, kein Unterschlupf, kein Unterlass, kein Untergang, nur ein Beben, das die Gemüter verwirrt und dem Haarausfall applaudiert.

SCHÖNSEIN/NICHTSEIN

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Zum Nichtsein verdammt – entschiedenes Los aller schönen Seelen, deren Produktivität die öffentlichen Vertriebswege belagert, auf denen sich Hybridwesen aus Geld und Geist tummeln, vor denen jedem rechtschaffenen Gemüt graust. Angesichts des Übergewichts des Geldes ist es mit dem Geist dort ohnehin nicht weit her. Aber das ist nur ein und vielleicht nicht einmal der interessanteste Aspekt der Sache. Der andere betrifft die Selektion selbst, die da vorgeht, und die Veränderung aller produktiven Verhältnisse durch die Verschiebung der Zahlenrelationen. Wenn der Inhaber eines mittleren Verlages angibt, von dreitausend jährlich unerbeten einlaufenden Manuskripten ›im Schnitt‹ zwei, verteilt auf drei Jahre, zu drucken, dann klingt das nach Beliebigkeit. Kein ›Stab‹ kann unter solchen Umständen nach vernünftigen Kriterien arbeiten. Gerade die kleine Produktion erscheint demnach ›gegriffen‹ – ein Eindruck, den übergangene wie notorisch enttäuschte Leser gern bestätigen. Die Frage ›Woher die Fülle?‹ ist so noch gar nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Es ist die Fülle dessen, was nicht in Betracht kommt und am Ende, mangels anderem, doch ›rein mechanisch‹ in Betracht gezogen wird: denn es ist unser. Die Kultur kocht in allen Menschen, die lesen, mehr oder weniger, und allzu oft kocht sie über – in Manuskripten, für die man niemanden tadeln sollte, die nur keiner drucken will, weil es dafür keine Gründe gibt. Sie sorgen aber dafür, dass Hervorbringungen, die in Betracht kämen, die, unter Gesichtspunkten einer Kultur, die auf sich hält, unbedingt in Betracht gezogen werden müssten, ginge es mit rechten Dingen zu, gar nicht sichtbar werden im Wust des durch all die schönen Seelen geschaffenen Alltags. So setzt sich schließlich neben den durch Protektion und ›Beziehungen‹ Begünstigten durch, wer die Kunst – oder das Denken oder das Wissen – kurz hält, um sich hauptsächlich dem Verkaufen – der Person und der Sachen – zu widmen. Eine solche Wendung vollzieht keiner ungestraft, vor allem nicht, wenn er einmal von anderen Prämissen ausgegangen ist: der Aufstieg setzt den Genickbruch voraus, in eigener Sache, im Morgengrauen. Eine Literatur von Gehenkten, die scheinbewegt im Frührot baumeln, hat wenig Erbauliches, sie lässt frösteln und schnürt das Denken ein. So stürzt der Wille zum Schönsein gerade die ins Nichtsein, die sich vor ihm fürchten, weil Schönsein Glänzen heißt – vor anderen, wem denn sonst.

SCHRECKANHALTER

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Alle suchen nach Lösungen. Warum? Es scheint ihnen das Beste zu sein. Das Beste? In dieser verfahrenen Situation? Wie kann etwas das Beste sein, wenn es sich dem suchenden Blick so beharrlich verweigert! Irgendetwas stimmt mit den Lösungen nicht. Zu lange lassen sie auf sich warten. Was die Menschen brauchen, es muss zur Hand sein. Was nicht zur Hand ist, scheidet als unbrauchbar aus oder gehört ins Land der Märchen. Das Land der Märchen steckt voller Lösungen. Was sie dort hintreibt? Wer soll das wissen. Was sie dort treiben? Aber das wissen wir doch: Sie treiben es bunt. Im bunten Märchenland, in dem eine Hand die andere wäscht, löst eine Lösung sich in der nächsten auf – spurlos, wie manche behaupten, aber das ist nicht wahr. Alles hinterlässt Spuren. Im Märchenland spuken die Lösungen, sobald sie auf- und abgelöst wurden, als Schreckanhalter herum. Sie halten den Schreck an wie andere Leute, wenn einmal etwas Unfassbares passiert, den Atem. Im Märchenland passiert nichts Unfassbares, alles ist nett und adrett wie am ersten Tag. Im Märchenland passiert überhaupt nicht viel. Die ältesten Märchen sind die jüngsten. Sie werden am meisten erzählt.
Lass sie gehen, die Lösungen! Immer hinein ins Land der Märchen! Keiner braucht sie. Lass dem Schweren die Schwere! Ehe drei Tage vorbei sind, ehe der Hahn dreimal kräht und die Osterglocken ins Kraut schießen, klärt sich der Himmel und die Tatsachen haben das Wort. Was sie damit machen werden? Keine Ahnung. Frage den Himmel, der über sie lacht.

SCHRECKENSKAMMERN

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siehe Stapelwohnungen.

SCHREIBFLUSS

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Schreiben: die unterdrückten Sätze einer Epoche in Behälter sammeln, in denen sie überleben. Der schöne Satz ›Das geht Sie einen Dreck an‹ weist, wenigstens in Ansätzen, den Weg. Allerdings hat Dreck eine Art zu überleben, die den Leuten manchmal den Atem und öfter die Besinnung raubt. Auf seine Art ist er ein Überlebenskünstler, er fackelt nicht lange, er ist, wie die Wissenschaft, immer schon weiter. Diese seltsame Verwandtschaft mit den Wissenschaften ist kaum jemandem aufgefallen, doch es gibt Ansätze. Man findet Zeiten, in denen beide eine regelrechte Allianz eingehen, aus der die Wissenschaft wie aus einem schweren Rausch erwacht; sie versteht nicht, wie das passieren konnte und fühlt sich fremd. Aber was heißt schon Wissenschaft? Auch in ihr stößt man auf Drogen- und Hexenmeister, nüchtern bleiben immer die Nüchternen. Woher also die unterdrückten Sätze nehmen, das nicht Gesagte, das Gemurmelte, das schweigend hinzu- oder hinterher Gedachte, das im Ansatz oder im Kopfkissen Erstickte, das vorzeitig Abgetriebene, das zutiefst Unbewusste, das Vergessene und Verdrängte, das Schmutzige und Verschmutzte, den verborgenen und verbogenen Diskurs, da dies alles seine professionellen Liebhaber hat, nebst den närrischen und den bösartigen? Woher nehmen? Das ist eine Dreigroschenfrage, die den Schreibfluss abrupt unterbricht und in ein Rinnsal verwandelt – genug für die hohle Hand, in die es sich schmiegt wie ein Kätzchen, während es in alle denkbaren Richtungen davonläuft.

SCHREIBLYCHTEN

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Immer wieder bedarf es der Erläuterung alter Begriffe, die nicht so handgreiflich zu verstehen sind wie Hausfibel, Schlohbart oder Labelunz, die ja noch alle, jedenfalls im alten Schlesien, gut bekannt und bis heute deutbar geblieben sind, mögen sie inzwischen auch eine polnische Wiedergeburt erfahren haben.
Nun wird aber das ›Schreiblychten‹ oder ›Schreiberwyschen‹ Gerhard Hauptmanns, aus dem einstmals tiefreligiösen, kleinritualen Küchenwesen katholischer Kreise Schlesiens stammend, aufs Gröbste missverstanden, ja angefeindet. Es gilt als kleinliches Treiben oder gar Unfug der ehemals deutschen Behörden.
Weit gefehlt, denn es handelt sich keineswegs um Begriffe der preußischen Bürokratie zur sparsamen Beleuchtung von Schreibtischen oder zur Reinigung staubiger Akten, sondern um seltsame Heiltümer frommer Gemeinschaften, die nach Jakob Böhme entstanden waren. Es geht hier um tiefe Eingriffe in Tischsitten und Speisen und in beiden Fällen um religiös gestaltete Butterwecken, die lange dem frommen Adel als ›Aurorische Speysen‹ vorbehalten waren. Ihre Zubereitung zur Weihnachtszeit ähnlich den ›Frumben Klunzen‹ oder dem ›Heylisalz‹ sind leider weitgehend verloren gegangen.
Selbst Luther besaß als guter Kenner reliöser Sitten außerhalb der Kirche einmal im Jahr deren zwölf, die er unverblümt seine getreuen Apostel nannte und eigenhändig von seiner Frau in verborgener Klostermanier aus dem grünlichen Mehl der Schüttlermühle zu Weimar vorbereiten ließ. Feinste schwimmende Wachsscheiben wurden mit einer im Wasser bewegten Kerze aus Glühstroh, das nicht erlosch, mit allerlei Zeichen des Heils beträufelt, dann senkrecht durch ein Seidengeflecht gepresst und auf die ungebackenen Wecken von je etwa drei bis vier Unzen aufgetragen. Pulverisierte Haftstreifen aus den Fäden junger Zuckerschwäne – das waren die damals handelsübliche Honigschleifen der Neu- oder Frühbienen in Schwanenform – wurden auf je zwei Kilogramm Lurleholzmehl (d.i. noch grün gebliebener Weizen) umgewälzt oder untergeschlagen und so entstand das klare und süße Netz aus heilbringenden Zeichen. Lesen konnte man sie nicht.
Alles weitere besorgte irgendein abergläubischer Pfarrer, der sie im Ofen des nächsten Bäckers, sofern er ein halber Ketzer war, backen und glühend wie Glas zerfließen ließ. Viel blieb von ihnen nicht übrig, aber die dünnen Scheiben aus Zucker und Fett waren durchleuchtet von Heil, das immerhin, wie Luther anmerkte, soviel Licht gab wie eine »Dreikreuzerkerze bescheidenen Umfangs«. In ihrer Nähe vergoss man unweigerlich Tränen und erfreute sich in vollkommener Aufrichtigkeit seiner eigenen guten Taten.
Niemand nahm Anstoß an diesem genießbaren Selbstlicht, selbst wenn es später der Jesuit Philibert Gutenreiter in seiner Backstube des Hermas als tiefdämonische Speise verdammte, »älter als Rom und das Christentum und als Speise der Selbstergötzung zutiefst verwerflich«. Dennoch haben sich Päpste und Bischöfe, Heilsgestalten und Mystiker, aber auch zahlreiche gekrönte Häupter wenig darum gekümmert. Zu süß war die lichtvolle Speise, zu selig die vergossenen Tränen im Selbstlob barocker Freuden, als dass man darauf verzichtet hätte. Erst die aufkommende Reuevernunft puritanischer Zeitalter hob nach und nach diese Form der Seligkeit auf und man näherte sich aufs neue dem Alkohol. - PM

SCHREIBSEELE

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Sich etwas von der Seele schreiben, wer wollte das schon. Oder vielmehr: wer wollte das nicht? Die Seele ist doch kein Tischtuch, von dem man die letzten Krümel wischt, indem man den Handballen so oder so darüber hinführt. Was soll also werden? Was eine rechte Schreibseele ist, gibt die Knechtseligkeit nicht so schnell auf. Das Schreiben animiert nicht die Seelenkräfte, es animiert sich selbst, es führt in eine Art Scheinbeseelung der Wörter, die zu blinken beginnen, als begönne bei ihnen der Wörthersee. Das ist eine alte Metapher, abgenutzt, wie man sagt, durch Gebrauch, er liegt aber ganz still da, wenn man von diesem Glänzen absieht, das sich vornehmlich bei Nacht zur Geltung bringt, doch man merkt’s auch bei Tag. Vielleicht hätte ich schreiben sollen, manche merken es auch bei Tag, aber ich mag nicht. Hingeschrieben besitzen die Wörter eine Kraft, die sie im Mund nicht bekommen, wo einer sie eher zerkaut als beseelt, vielleicht liegt es auch an der Bekräftigung, die ihnen dort oft widerfährt und die vielleicht der kleinen Meerjungfrau gilt oder einer Schaumpfeife, die sich einer zu zerbeißen scheut. Zu Unrecht, wie wir wissen, zu Unrecht! Was eine rechte Schreibseele ist, weiß sich auf dem Papier eher zu helfen als auf dem Parkett. Das versteht auch die alte Genossin, die es doch besser wusste, als sie noch jung war.

SCHREISCHUPPEN

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Das Theater der Schreie jagt durch das Unterbewusstsein der Leute, als sei es auf Schnitzeljagd: jeder Zettel zählt und jeder Fund ändert den wilden Lauf der Verfolger. Bloß im Ganzen sind sie verständigt und das große Halali nimmt seinen Lauf, als sei es von langer Hand eingeregelt. Was auch, mehr oder weniger, stimmt, denn das Gehör –... Zum Teufel mit dem Gehör! Wer hört? Was hört? Was wird gehört? Ich zum Beispiel höre, was nicht für meine Ohren bestimmt ist, ich verstehe ausgezeichnet, das ist keine Frage der Lautstärke, sondern der Frequenzen, also der Abstimmung, letztlich des Instruments, das einer mitbringt, hier wie dort. Alles drumherum empfinde ich als Geschrei: gehört, um verworfen zu werden. Die unerträgliche Tyrannei der verabreichten Meinung wird gemildert durch Verwerfung, sie findet nirgends gerade in den Gehörgang hinein, geschweige denn in den Verstehensgang. Die großen Vorgänge bleiben nicht unverstanden, weil sie so unverständlich wären, sondern weil das Verstehen sich sträubt. Es sträubt sich, sage ich, weil die Auslieferung des Gehörs, dieses vorgeschalteten Organs allen Unterscheidens, der Annullierung des Unterscheidungsvermögens gleichkäme und damit jedem Verstehen ein Ende setzte. Alle Aufmerksamkeit bedarf des Filters, einer physiologisch verkleideten Intelligenz, die anspricht – oder auch nicht. Man leiht sein Ohr, aber man überlässt es niemandem, es sei denn, man hört schon weg. Ansonsten gilt: es fällt mir wie Schreischuppen von den Ohren.

SCHRIFTSTELLER

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Buchstabenfüßchen des Homomaris. Lettern, die wie Brezeln oder entgeisterte Jungfrauen in allegorischen oder bloß unfertigen Landschaften herumstehen, kennt man seit der Antike. Homomaris gibt ihnen die Würde der freiragenden Existenz: nicht umsonst stehen sie auf eigenen Füßen, sie machen etwas daraus, für ihr eigenes Leben und darüber hinaus. Was genau sie daraus machen? Einmal das eine, einmal das andere. Es kommt ganz darauf an. Angewiesen bleiben sie auf die wie angeklebt wirkenden Füßchen, die sich selten bewegen, und wenn, dann nicht zum Guten. – Wie können Sie so etwas sagen? – Sagen wir, sie deuten diese Grundbewegung zum Guten, in selteneren Fällen auch zum Bösen an, aber sobald eines versucht, sie auszuführen, zeigt es sich gleich gehemmt und gefährdet den Buchstaben, den zu tragen doch seine Aufgabe ist. – Tragen sie immer denselben oder wechseln sie auch? – Manchmal glaubt man, sie bei Betrachtung eines anderen Buchstaben wiederzuerkennen, aber die Wahrnehmung bleibt verwaschen und der Eindruck kann täuschen. – Also eher wie Möbelfüße? – Schriftsteller, Möbelfüße, wo ist da der Unterschied.

SCHROTTPRESSE

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Die Kunst schiebt sich weiter, sie springt, stürzt, torkelt auf jede erdenkliche Weise in ihre Zukünfte hinein. Nur große Kunstwerke rufen ein Nachdenken hervor, das über Dekaden geht, sie verlangen eine überlegtere Antwort. Deshalb ist bedeutende Kunst konservativ. Sie bewahrt die Fragen und reflektiert die Komplexität der Antworten ihrer Vorgänger. Oberflächliche Gehirne konstruieren daraus einen Rückstand gegenüber dem, was an der Zeit ist. Wer Erstklassiges nicht zu sehen vermag, erkennt in ihm nur Drittklassiges; es ist für ihn ›überholt‹. Das Dahinbrettern auf der Überholspur, am besten im Pulk, gilt meist als ›professionell‹. Das mag sein, es stimmt fürs Profil wie für den Profit. Wer einen schnellen Wagen besitzt, möchte ihn ausfahren. Da wollen die fixen Jungs und Mädels nicht zurückbleiben. Eine Kunst, die den Vorwärtsdrang küsst, ist Kunst zum Tode. Die Schrottpresse ist ihre ›Destination‹.

SCHULDPOLITIK

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Nichts einfacher als die Politik der Schuld. »Das soll ich gewesen sein? Nie und nimmer! – Ich war es aber, und damit beginnt die unendliche Suche. Wenn ich es war, wenn ich es wäre, wenn ich es gewesen wäre, was hätte mich dazu gebracht? Zweifellos der wahre Schuldige, das wahre Schuldige, das Monstrum in oder außer mir, der Andere, das Ungeheuer, das mich fortgezogen hat. Aber dieses Ungeheuer bin ich, also bin ich ungeheuer. Seht her, ein Mensch! Wer wirft den ersten Stein? Gern ließe ich mich steinigen, wenn damit der Gerechtigkeit Genüge getan werden könnte. Gerade das möchte ich bezweifeln. Ich opfere mich, seht her: Nehmt es ruhig an, mein Opfer, es wird euch nichts nützen, denn ihr seid wie ich. Ihr glaubt, ihr hättet es, anders als ich, nicht getan, aber ihr irrt euch. Euer Leben ist ein Irrtum. Ich sehe klar, dafür nehme ich meine Schuld – die nicht meine ist – auf mich, nur dafür, ich bin ein Erleuchteter, ihr hingegen seid Erloschene, vor aller Zeit. Aber was habe ich getan? Etwas wurde getan, lange vor meiner Zeit, vielleicht auch zu meiner Zeit, in einer anderen Welt, einer parallelen Welt meinethalben, die Verbindungen mögen hierhin und dahin gehen, aber es ist und bleibt eine andere Welt und ich war und bin nicht beteiligt. Das bin ich: des Unbeteiligtseins schuldig. Diese Augen hätten sehen können und sie haben nichts gesehen. Und umgekehrt: Diese Augen sehen, sie sehen hier und jetzt und es ist alles geschehen. Brennen wir sie aus! Eine kleine Operation, eine Erlöschung, eine winzige Abtötung, mit großen Folgen. Als Geblendeter stehe ich zur Verfügung, ich bin bereit. Selbstblender, das bin ich, das ist mein Erfolg. Mir nach! Die Wunde hat mich gesalbt, ich bin ein Krösus der Schuld, ich gebe sie aus, in großer und kleiner Münze. Und wie ich sie ausgebe. Keiner folge mir nach. Einzig stehe ich da in der düsteren Glorie, unter einem schwarzen Himmel, der an den Rändern zu brennen beginnt, auf festem Land, von dem ich weiß, dass die steigende Flut es ertränkt, in einem Haus, das hinweggebombt ist und keiner sieht es, in einem Körper, in dem die Furien der Vernichtung toben und den ich pflegen werde bis ans Ende meiner Tage, das auch das Ende meiner Welt sein wird, die eure ist, die nur eure ist, denn, unter uns: Ich komme nicht in Betracht. Vergesst mich! Ich habe keine Stimme, ich nicht, ich plappere nach, was man mir vorplappert und plädiere auf Nicht schuldig. Die Schuld hat keine Schuld. Möge die Welt in Schuld versinken, meine Hände sind rein. Mein Kopf auch, ich muss nur ein wenig nachdenken. Lasst mich nachdenken. Lasst mich... Aber wo geht ihr hin? Lasst mich mit euch sein, bis ans Ende eurer Tage. Ich will euch an etwas erinnern, was ihr nicht wisst. Ich will, dass ihr es wisst. Ich will, dass mein Wissen in euren Köpfen Platz nimmt, unverrückbar. Ich weiß, dass ihr wisst, aber zum Vergessen neigt, gegen diese Neigung setze ich meinen Willen. Auch ich neige zum Vergessen. Besäße ich nicht diesen granitenen Willen, wer weiß, ich wäre wie ihr. Das ist nicht der Fall. Was ist schon der Fall? Was fällt, muss man stoßen, hat einer gesagt, ein Wahnsinn, anstößig, gewiss. Und doch ist es etwas, sagen wir... in der Ebene der Wahrheit, nicht die Wahrheit selbst, aber sie ließe sich, von einem solchen Satz ausgehend, vielleicht ertasten.«

SCHULDSCHEIN

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Dem Ausdruck ›Schuldschein‹ eignet etwas Archaisches. Das liegt am Wort ›Schuld‹, das gegenüber den Schulden ein Mehr bedeutet, das niemals abbezahlt werden kann. Schuld büßt, sie zahlt nicht. Wer in eines anderen Schuld steht, kann zahlen, bis er blass wird – retten wird ihn erst der Entschluss, die Rechnung für beglichen zu halten. Es sei denn, der andere entlässt ihn aus seiner Schuld, was selten vorkommt, da ein zivilisierter Mensch den Gedanken, ein anderer könne ihm etwas schuldig sein, gar nicht erst aufkommen lässt. »Der schuldet mir etwas«: das ist keine Aussage, sondern eine Drohung, die selten ihre Wirkung verfehlt. Diese Art Scheinschuld vergiftet die Beziehungen zwischen den Menschen, sie schafft Ungeheuer an Taten und Naturell. Vor allem schafft sie Opfer – Menschen, denen langsam die Luft zum Atmen ausgeht, während ringsherum alle behaupten, sie seien das blühende Leben selbst.

SCHULTERRIESEN

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Unter denen, die vorgeben, auf den Schultern von Riesen zu stehen (man merkt es ihnen nicht an, aber es ist so, wie sie sagen), gibt es wirkliche Schulterriesen, die den Eindruck erwecken, eine Rotte geübter Athleten könne spielend auf ihnen Gebäude errichten, ohne dass es sie weiter inkommodierte. Der Eindruck trügt, wie einmal in aller Festigkeit ausgesagt werden muss. Der moderne Schulterriese verträgt es nicht, dass man sich seiner Schultern bemächtigt. Schon eine Mücke bringt ihn zur Raserei. Ein kleines Äffchen, ihm zu einem seiner vielen Geburtstage geschenkt, resigniert nach dem ersten Tag; trüb und verwahrlost dämmert es in einem Winkel seiner Studierstube dem Ende entgegen. Man hat es mit Kindern versucht, umsonst. Der Schulterriese zuckt und zagt, dass Gott erbarm’ – was in diesem Fall eine bloße Redensart ist, denn von einem Gott der Schulterriesen war nie die Rede. Vielleicht brächten Mikadostäbchen den gewünschten Erfolg, doch der Versuch wurde wohl nie unternommen.
Es ist nicht gut, auf den Schultern von Schulterriesen Platz nehmen zu wollen. Sie verstehen vermutlich den Impuls nicht, man könnte meinen, sie seien so mit der Pflege ihres enormen Oberkörpers beschäftigt, dass sie bereits der Gedanke in Panik versetzt. Vielleicht sind die vielen Spiegel schuld, von denen sie umstellt sind und aus denen sie abwechselnd ihren Morgen-, Mittags- und Abendanblick entnehmen, als werde er ihnen auf seidenen Tüchern gereicht. Ein Schulterriese will frei sein, unbedingt frei sein, er will nicht gebraucht werden, obwohl er das Gegenteil beteuert, er verabscheut Verschleiß, lieber spricht er dem Alkohol zu. Vielleicht glaubt er nicht, der zu sein, der er ist, oder die Schultern sind bloßer Schein. Was aber wäre in diesem Fall ein bloßer Schein? Ein nackter? Oder ein ausgestopfter? Auf jeden Fall erhebt sich hier ein Problem, würdig des nächsten Symposiums, zu dem er entschwebt, als gelte es, unbedingt als Giraffe zu enden.

SCHUTZANZUG

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So ein Anzug bietet einen gewissen Schutz, das weiß jeder, gerade an Orten, an denen er leicht deplaziert wirkt. Das etwas Förmliche, etwas Konventionelle, etwas Unverbindliche und etwas Eitle, das von ihm ausgeht – lauter Kennzeichen des ›guten Stils‹, dieses deplazierten (keinesfalls ›deplatzierten‹) Sprechens, das es verdient, festgehalten zu werden. Der gute Stil verlangt nach der Aufnahme, er setzt sie voraus, folglich die Geräte, deren es bedarf, also des Apparats, der sie bedient, also der Kontrolleure. Das ist der Schutz, den so ein Stil gewährt: er gewährt Sicherheit im Schatten der Kontrolleure, die ein waches Auge darauf haben, dass ihm nichts geschieht, und die alles festhalten, falls etwas geschieht. Der gute Stil gefällt durch den Ärger, den der Ausdruck des Misstrauens nach sich zieht. Er besitzt viele Feinde, der Gute, die unschlüssig sind, ob die Drohung auch ernst ist, und einen Haufen Schmarotzer, die durch Stänkern und billige Vorstöße auf sich aufmerksam machen wollen – so, im Pulk, bewegt er sich vorwärts wie der Herr Direktor über das Firmengelände, ein ferner, fast unpassender Anblick für Arbeiter, die ihre Tätigkeit nicht verlassen dürfen, weil sonst ein Unglück passiert.

SCHWANZ-AB-ZONE

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›No fuck area‹: ursprünglich ›Eingreifarena‹, entwickelt für ölreiche Diktatoren mit akutem Machtstau südlich der sog. Sarkossi-Linie. Als probates Instrument der Nachbarschaftshilfe von der Weltgemeinschaft weitgehend akzeptiert. Inhaltlich verwandt der sog. Fluchverbotszone (»Du sollst keine eigenen Götter neben mir...«), zeichnet sie sich durch tiefergehende Vollmachten für beteiligte Organe bei der Penetration fremden Territoriums aus. PoZ(›Penetration ohne Ziel‹)-Blitz-Aktionen gelten als probates Mittel gegen den moralisch-finanziellen GAU der Betreiberstaaten, zumindest hübschen sie das Regieren vorübergehend an. Haushaltsexperten entlocken sie ein leichtes Zucken der linken Gesichtshälfte. Ansonsten gehen die Ansichten der Beobachter über ihre Wirkungen weit auseinander. Manche betrachten die NFAs als klassische Bodenbereiter für Bürgerkriege ohne Ausstiegsszenario zwecks Herstellung sogenannter failed states beziehungsweise fügsamer Klientenstaaten. Andere erkennen in ihnen das Antlitz des über alle Widrigkeiten triumphierenden Rechts der Völker auf die Anwendung des jeweils neuesten Völkerrechts, auszuführen in blood & oil, und recken in voreilender Achtung das Kinn. Wieder andere erkennen nichts und fragen sich erschüttert, was das alles bringt. Das sind Langweiler, verglichen mit denen, die ihr eigenes kleines Business in das Geschehen einbringen und finden, endlich sei es an der Zeit, dass Philosophen Despoten stürzen und Rechtsassessoren alle Großverbrechens-Begriffe, die sie gelernt haben, auf einmal zur Anwendung bringen, in der begreiflichen Annahme, dass sie beim nächsten Mal nicht mehr zu Wort kommen werden. Es ist ja nicht so, dass niemand ahnt, wie es laufen wird, aber die Weltgeschichte besteht nun einmal aus Glücksmomenten und einer davon ist jetzt. In tyrannos! So darf jeder denken, was er will, vorausgesetzt... der Eingriff wird gebilligt. Es geht nicht darum, was jeder denkt. Denken kann jeder.

SCHWEBEBALKEN

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Schneeweiß und voller Grazie schwebt die kleine Meerjungfrau auf Messers Schneide vorbei. Den Balken im Auge des Prinzen übersieht sie dabei geflissentlich. Schließlich trainiert sie olympisch und die Erringung einer Goldmedaille ist dem illegalen Erwerb eines Traurings nicht nur vorzuziehen, sondern in Zeiten globaler Engelmacherei das Gebot der Stunde. Gegen diese Art der Bewegung, die in ihrer mädchenhaften Grazilität alle Kröten zum Schweigen bringt und ihnen die Geldstücke im Maul verschimmeln lässt, ist die Akrobatik auf dem gemeinen Barren als rabiates Stuckwerk anzusehen, das nicht zur Betrachtung kommt. Alle Laufstege dieser Welt jedoch, die die Ausübung maximaler Grazie mit minimaler Unterfütterung erlauben, sollten sich hüten vor der Kasuistik rabulierender Wanderprediger, die ihre Mission so interpretieren, dass sie zu berechnen versuchen, an welcher Stelle genau sich der Übergang von High Heels zu High Noon vollzieht. Dass es sich dabei um einen Übergang handelt, der sich selten ergibt, wenn die Sonne am höchsten steht, da die Schwebepartikel in den Augen der Menschen durch das grelle Licht vervielfacht werden, ist nicht weiter zu erwähnen und liegt in der Natur nicht nur der Sache. - AC

SCHWEIGERÄTSEL

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»Lass die Toten die Toten begraben.« Der Sinn dieses Satzes erschließt sich spät. Ihm voraus liegt das Opfer. Welches Opfer? Darüber lässt sich nur mutmaßen. Wen es betrifft, der schweigt. Unverbrüchlich? Wer sein Schweigen nicht bricht, der wird zerbrochen. Besser, eins bricht mit dem anderen.

SCHWEIGETEXTE

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Niemand fasst diese Texte an und das ist gut so, denn allzu viele Blicke sind schweigend auf sie gerichtet. Auch sind es keine Texte zum Anfassen. Sie würden sich wellen, krümeln, in wenigen Minuten wäre alles vorbei. »Wo ist der Text?« bellt dann der Leser, er will sich einbringen und nichts lässt ihn ein. »Bleib draußen«, bedeutet ihm die Stille nach dem Text, die Stille, die endlich frei hat. »Frei wovon?« möchte der Leser, halbwegs versöhnt, von ihr wissen, er ist gebildet und weiß, dass die entscheidende Frage noch kommt. Aber so entlockt er ihr nichts. Schweigetexte stellen ihre Fragen selbst. In einer Welt von Beschäftigten könnte man argwöhnen, sie beschäftigten sich mit sich selbst. »Wie die Kinder«, wirft ein Kritiker ein und kommt sich erwachsen vor. Doch der Einwurf misslingt und die Münze rollt auf den Boden. Auch der Argwohn vergeht und macht der Zuversicht Platz, dass alles am Ende... ja was denn? Nicht soviel bedeutet? Seine Ordnung hat? Hat es sie nicht? Woher soll sie dann kommen? Und wer, sollte sie kommen, könnte mit ihr etwas anfangen? Das könnte es sein. Schweigetexte haben den Anfang hinter sich, sie fangen überall und nirgends an. Wer mit ihnen etwas anfangen möchte, sieht sich bereits angefangen und sogar, wer weiß, zu Ende gebracht, bevor der Hahn dreimal kräht und der Morgen graut. Ist das erlaubt? Er weiß es nicht und, ehrlich gesagt, es interessiert ihn nicht sehr. Schon sitzt er in seiner Maschine und gibt Gas. »Gib Stoff!« sagt er und schaltet den Nachbrenner ein.

SCHWERSTVERDIENER/INNEN

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Der Westen wird an der Wunde Gleichberechtigung verbluten, weil er kein anderes Maß kennt als die Statistik. Gerade die Statistik aber kann über Gleichberechtigung keine Aussagen treffen, es sei denn, man schiebt Zusatzaussagen ein, die nichts anderes darstellen als Zusatzannahmen, so dass am Ende die gleichmäßige Verteilung der Funktionen und Posten ohne weiteres als Ausweis der Gleichberechtigung dient. Die erste und wichtigste Zusatzannahme ist die, dass unterschiedslos alle Glieder der Gesellschaft ohne Ansehen von Person, Geschlecht, Religion, Herkommen und Überzeugung dasselbe wollen, nämlich Karriere machen in dem lächerlichen, absurden und ärgerlichen Sinn, den Gehalts- und Prestigespiegel einander wechselweise vorhalten. Ohne die primitive Tyrannei des Vor-Urteils vor jedem Urteil, das der Einzelne, der diese Bezeichnung verdient, sich über die Gestaltung seines Lebens abverlangen muss, ist gesellschaftlich nichts zu machen. Der lebendige Ausdruck dieser Tyrannei ist die – förmliche oder informelle, auf Denkverboten beruhende – Quote, die dafür sorgt, dass die Statistik stimmt, auch wenn an der Auswahl von Begabungen und Charakteren nichts stimmt. Aber nicht die Quote an sich ist das Übel, sondern das Erzwingungsverhalten seitens der politischen Akteure, die darüber hinwegtäuschen wollen oder müssen, dass die gesellschaftlichen Rollen insgesamt überdacht werden müssten, wollte man die wirklichen Ungleichgewichte beseitigen oder zumindest erträglicher gestalten. Wenn siebzig oder achtzig Prozent der real angebotenen Tätigkeiten subjektiv als ›Scheiße‹ empfunden und gesellschaftspolitisch als suboptimale Ressourcen-Nutzung denunziert werden, der es um dringender Emanzipations-Bedürfnisse willen zu entrinnen gelte, dann stimmt entweder etwas an der Ökonomie nicht oder am Geisteszustand der Gesellschaftsplaner. EU-Quoten für Schwerstverdiener/innen in Vorstands-Etagen bekämpfen kein Übel, sie sind sein – vorerst – dreistester Ausdruck.

TABU

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Auf dem Scheitelpunkt des Tabus erscheint der Fürst der Finsternis und lässt seine Meute los. Nein nein, er hetzt sie auf nichts, mit entsetzlicher Langmut bindet er sie los und entlässt sie: Gehet hin, ihr seid nun erwachsen. Das ist ein schönes Wort für Gebildete und Menschen mit einem Atem, der über Kontinente reicht: So hörbar müsste es sein, aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist das geflüstertste aller Worte, es zischt nur ein wenig dort, wo es ausgesprochen wird, wie wenn jemand Wasser auf dem Herd verschüttet, weil er einen Topf beiseite rückt.

TABUFOLGEN

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Man verhängt nicht ohne tiefgreifende Folgen ein Tabu über ein Land: man errichtet damit eine Tabugesellschaft, die ihren eigenen Regeln folgt, soll heißen, die anfängt ihre Belange nach und nach über die Errichtung neuer Tabus zu regeln, bis am Ende die ganze geheiligte Kritikfähigkeit und -bereitschaft der Moderne zur frommen Mär verkommen ist. Das Tabu frisst sich durch. Öffentlich verhängte Sprachregelungen sind, nicht anders als im privaten Bereich, Tabus: wer eine kennt, kennt sie alle – nicht in extenso, aber in effectu, er laboriert an ihren Auswirkungen, schon bevor er mit ihnen, wie es so sinnig heißt, konfrontiert wird. So soll es schließlich auch sein: Hüte deine Zunge! Hüte dein Denken! Sei Schaf und Hirte zugleich! Wenn dir das Schwierigkeiten bereitet, so gib dein Denken dran oder denke für andere, das geht leicht und verleiht Macht. Es gibt Sprachregelungen z. B. im religiösen Bereich, die dem öffentlichen Frieden dienen, sie sind – jedenfalls in liberalen Rechtsordnungen – passiver Natur, sie gebieten Rücksicht, sie schützen ein bestehendes Tabu, aber sie richten kein neues ein. Die neuen Tabus tendieren dazu, solche Formen der Rücksichtnahme aufzuheben, sie verlangen Gehorsam, indem sie verletzen, und sei es das simple Sprachempfinden – die Sprache selbst erhebt sich früher oder später gegen sie und spricht sich frei, das sagt ein anthropologisches Gefühl.

TABUFORSCHER

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Was dem einen sein Auskultationshämmerchen und dem anderen seine Wünschelrute, das ist einem dritten sein Tabu: wo sich die Rede der Zeitgenossen verhärtet oder verschwimmt, wo sich Lücken im Sprechfluss auftun oder Abgründe, wo alle schnell weitergehen oder die Absperrungen so unübersehbar sind, dass erst gar keiner hingeht, da erwacht seine Aufmerksamkeit und die Sprache gewinnt eine Schärfe und Klarheit, die ihn sonst eher langweilt und die er auf vielerlei Weisen abzubiegen gelernt hat. Fragt man, was es sei, erteilt er eher ausweichende Antworten; er liebt es nicht, das Tabu zu definieren, vermutlich, weil er argwöhnt, derlei behindere ihn bei der Arbeit. Er spürt es, er holt es aus den Reden der Menschen ebenso heraus wie aus ihren Mienen, ihren Absichten und Institutionen, manchmal könnte man meinen, es sei das, worauf eine abgründige Natur ihn dressiert hat; einmal entwischte ihm die Bemerkung, es sei das Wirkliche. Das bestimmt ihn zum Arbeiter im Bauch der Gesellschaft, er kommt selten heraus, und wenn, dann allenfalls, um ein paar scheue Blicke zu werfen. Er ist nicht mehr jung und erinnert sich voller Hohn an die Zeiten, als bärtige junge Männer gemeinsam mit lachenden jungen Frauen sich daran machten, reihenweise Tabus zu brechen. »Sie dachten an Regeln und merkten den Unterschied nicht, so sehr waren sie seine Sprösslinge.« Sprösslinge des Tabus – er hält die Filmrechte an diesem Titel, aber er vergibt sie nicht.

TABUKINDER

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Die Kinder des Tabus sind sanft und willig und beißen, wenn sie nichts anderes zwischen die Zähne bekommen, auch gern ins Gras. Warum denn nicht? scheinen ihre Gesichter im Todeskampf zu sagen, und in der Tat, warum denn nicht? Andere werden bockig und beißen auf Granit. Ist das erstrebenswert? Unangefochten tanzt das Idol.

TABULINIE

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Im Yagir gilt als ausgemacht, dass, wer auf ihr balanciert, nur ein Verräter sein kann. In Wahrheit ist die Tabulinie eine imaginäre Route, die kreuz und quer über Land führt, hier eine Eisenbahnlinie quert und dort eine Großstadt. Zum größten Teil verläuft sie durch karges Gelände, wo auch einmal ein Halm sprießt und eine Katze in der Sonne erwacht. Das macht bereits einen guten Teil ihrer Beliebtheit aus. Denn das ist sie: beliebt. Im Sommer sieht man Scharen von Schulkindern auf ihr ausschwärmen, in der Mitte einherschreitend, den Kompass in der Hand, die würdigen Damen und Herren des Lehrkörpers. Allerdings ändert die Tabulinie ihren Verlauf von Jahr zu Jahr, was die Lehrer, ein wenig faul von Haus aus oder auch überbeschäftigt, weitgehend ignorieren. Sie übernehmen einfach die älteren Koordinaten und lassen sich den Weg vom Kollegen erklären, der damals die Exkursion durchführte. So geht das Jahr für Jahr. Es passiert, dass sich einzelne Gruppen im Gelände begegnen, sie kommen von verschiedenen Seiten und streben in unterschiedliche Richtungen. Höflich plaudern die Erzieher miteinander und schütteln insgeheim über einander die Köpfe. Die Schüler, ohnehin überzeugt, dass alles nur ein Vorwand ist, um sie ins Gelände zu locken, haben damit keine Probleme. – Manchmal streift ein einsamer Wanderer mit der Balancierstange durchs ebene Gelände, man kann sicher sein, das ist nur Bluff und die Kamera fährt mit. Es soll aber Leute geben, ausgerüstet mit einer inneren Wünschelroute, die unbeirrt auf dem Spannungsgrat entlangwandern, zur einen Seite das verbotene, zur anderen das verstattete Land. Einem der ihren gilt das eine wie das andere als unbetretbar, obwohl sie im Gespräch zugeben, dass es sich hier wie dort um Arenen des Erlaubten handelt, je nachdem, welche Art Leben einer zu führen wünscht. Welche Art Leben... da lacht der Tabugänger kurz und trocken, er muss weiter, zu einem ausgedehnten Gelächter reicht die Zeit nicht, sie fehlt ohnedies an allen Ecken und Enden.

TABUVERZICHT

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Diejenigen, die sich aufmachen, der Gesellschaft das letzte Geheimnis zu entreißen, stoßen am Ende auf den Begriff des Tabus. Im Tabu wird die Gesellschaft undeutlich, sie verschwimmt sich förmlich vor Augen und entschwebt in Nebeln, deren Vorhandensein sie mit gleicher Verve betont und bestreitet. Es ist alles eins. Nebulös erscheint bereits der einst von der Peripherie der Kolonialsysteme in die Mitte eingewanderte Begriff. Heute, da Zentrum und Peripherie nahezu dasselbe bedeuten – »auf dasselbe hinauslaufen«, wie G. eine Spur zu lässig betont –, hat er jede Kontur eingebüßt außer der des Verschwimmens und des Meidens ohne klare Begründung, der kollektiven Blicklosigkeit im klassischen Irgendwie. Das Tabu ist der Märchenspiegel, in dem einer, der hineinblickt, sich selbst nicht findet. Das beruhigt und beunruhigt in einem, es bezeichnet einen der Anlässe für die heilsam genannte Unruhe, in der sich Gesellschaft erhält. Das Hervortreten des Tabus, seine mit Händen zu greifende Anwesenheit ist ein Grund für die Entkräftung der Kritischen Theorie, die sich in der Gesellschaft einen, wie es zeitweise schien, unhintergehbaren Adressaten gegeben hat, der sich indessen unentwegt selbst hintergeht.
Das Tabu fällt, je nach Betrachtungsart, vollständig in das Gebiet der Gesellschaft wie aus ihm heraus. Man sollte nicht vorschnell das Wort ›Kultur‹ an dieser Stelle gebrauchen. Eher könnte man sagen, die Gesellschaft entspringt dem Tabu wie... – davon sei hier nicht die Rede. Das Undeutliche der menschlichen Verhältnisse legt es nahe, sie nach klaren Regeln zu organisieren, an die sich alle zu halten haben. Es wird aber durch diese Regeln nicht beseitigt, sondern nur zurückgedrängt. So kann es eine Zeitlang den Anschein haben, als sei es im Rückzug begriffen und werde irgendwann von selbst verschwinden. Doch die Türen stehen bereits offen, durch die es zurückströmt. Insofern steht das Tabu jeder Gesellschaft bevor, die auf diesen Namen Anspruch erheben kann, der Gesellschaft, die sich in Bewegung befindet (was nichts anderes heißt, als dass sie die Regeln neu oder schärfer oder diffenzierter zu fassen strebt, nach denen sie funktioniert). Es steht ihr bevor, es steht vor ihr, sobald sie einmal beschließt, den Blick zu heben und das eigene Antlitz im Spiegel des Anderen aufzusuchen, der ins Hilflose gesteigerten Unnatur.
Doch das Tabu ist mehr als nur der ungewisse Rand von Gesellschaft. Es bezeichnet, was sich nicht schickt oder ziemt, es markiert etwas, angesichts dessen der verträgliche Charakter des eigenen Tuns spontan kollabiert, so wie ein mühsam im Grenzbereich stabilisierter Patient plötzlich und unerklärlich zusammenbricht. An dieser Stelle beginnt die Hatz, die das Werk der Zerstörung physisch vollenden, es zum Absch(l)uss bringen will, sofern sie überhaupt etwas will, was so nie gesagt wird. Die Hatz bricht aus dem Tabu hervor wie aus einer Wand, die, eben noch glatt und schier undurchdringlich, auf einmal die Poren zeigt wie andere Leute die Zähne. Wie glatt oder porös sind die Grenzen der Gesellschaft – ein Fragezeichen für jeden, der sich gern an den Rändern herumdrückt, aber keine Lust verspürt, geteert und gefedert, gerädert und gevierteilt oder ungefragt in einen der vielen herumstehenden Müllschlucker entsorgt zu werden. Am besten, so denkt er, stünde dieser Gesellschaft der Verzicht aufs Tabu zu Gesicht, aber gerade das ist auf keine Weise zu haben. »So ist das also mit ihr, ich hätte es mir gleich denken können. Nun, da ich es weiß, weiß ich mehr als genug. Wann wäre schon genug? Und wann, frage ich, wäre Gesellschaft sich selbst genug? Ich frage ja nicht, ich merke nur an, aber ich merke es an den Brauen, schon braut sich etwas zusammen. Ach du liebes bisschen.«

TAGEBUCH

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Du bist nicht vorhanden: das ist ein Vorteil. Ich will jetzt nicht auf das übliche Lob der Anonymität hinaus, auch nicht darauf, dass du es nicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit geschafft hast und deshalb Entlastung brauchst. Nein – sagen zu können, niemand habe gesehen, und dieser Niemand zu sein, was sage ich, zu wissen, dass man dieser Niemand ist, geht über jede Vorstellung hinaus, die einer zu geben imstande ist. Schluss mit der Vorstellung, sagen die Leute und meinen damit, es sei die Pflicht jedes Einzelnen, zu begreifen, dass er schlussendlich stört. Alles Vorhandene trägt den Stempel der Unvernunft, was sage ich, des Unredlichen, das vorprescht, bevor es sich in Dunst auflöst, was alles in allem die beste Lösung verspricht. Die reichlich Vorhandenen reiben sich ihresgleichen hin, als gelte es, Buch zu führen über die Ungerechtigkeit, nicht völlig in der Wahrnehmung anderer aufzugehen. Besser wäre es, sie führten nicht Tagebücher, sondern Nachtbücher, um ihre Schlafphasen zu dokumentieren, ausgenommen den Traum, der mit allem im Bunde steht, was zur Wahrnehmung drängt, und zu jeder Lüge das Seinige beisteuert.

TALENTNÄSSER

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Dieser Künstler hat ein bedeutendes Talent und ist auf die andere Seite gegangen. Das ist nichts Besonderes, es passiert alle Tage, schon ein »Hoppla!« wäre zuviel des Aufsehens, man sollte es sich tunlichst verkneifen. Er ist dein Freund, jedenfalls kommt es dir so vor, du hast dich an diese Fiktion gewöhnt, sie ist dir sogar teuer, aber sie verstellt dir den Blick, und so, wie du dich anstellst, könnte man meinen, du schleiftest eine Leiche durch die nächtliche Straße: verdächtig, höchst verdächtig! Er hatte ein Talent und sucht, getreu der protestantischen Ethik, den Erfolg. In der Kunst ist die protestantische Ethik so etwas wie das Wasserballspiel unter den Sportarten: Man muss schwimmen können, um überhaupt spielen zu dürfen, man muss verdammt gut schwimmen, um gerade einmal so zu spielen, dass die Dribbler zu Lande darüber nur lachen können. Deshalb hat man die großen Arenen geflutet, auf dass kein Vergleich möglich sei. Man hetzt die Talente ins Wasser, als trügen sie Haifischflossen, und manchen unter ihnen wachsen in der Tat welche, das bekommen die anderen rasch zu spüren. Die Kunst ist kurz und kompakt, es kommt darauf an, sie durchzusetzen. So hörten wir es in jungen Jahren und sahen die Kompaktkünstler nacheinander auf ihren Treppchen den Minutenruhm abkassieren, Küsschen rechts, Küsschen links; was sich in den kurzen Paketen befand, die man ihnen unter die Achsel schob, entzog sich der allgemeinen Kenntnis. Oder auch nicht. Was herauskommen will, findet seinen Weg immer, manchmal zerbricht eine Flasche und entleert ihre Flüssigkeit pur. Wer sich benässt, erregt – im besten Fall Aufsehen. Ein Talent, ohne Zweifel.

TARTÜFF

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Der Biologismus ist die Tartüfferie der Seele, ihr Hopplada, eine leichte Herausforderung für alle, die es schwer nehmen, wenngleich nicht besonders. »Aber man muss doch erklären können –.« Man muss, man muss. Eins durch das andere. Das Körper-Ich reibt sich die Hände, während das andere barfuß Handstand übt. So kommen sie weiter, vor ihnen liegt eine große Fläche. Verdopple mich, sagt das Körper-Ich, ich weiß, dass ich’s bin. Das andere schweigt, es mag sich nicht aufregen. Außerdem schweigt es nicht wirklich, denn, wie immer man’s nimmt, im Körper-Ich weiß es sich redend. Wozu reden, so mag es meinen, wenn doch Rede ist? Oder geht, wie man es nimmt. Der Redefluss ist der Speichel der Seele, sie sieht sich im Spiegel, sobald sie auf ihn herunterblickt. Das bin ich, sagt sie, huch, wann hätte ich das gedacht! Sie hat kein Zahlengedächtnis, die gute, daher gilt ihr alles gleich. Wenn das Körper-Ich morgens die Waage besteigt, schlägt Seelchen die Hände über dem Kopf zusammen: wie kann man nur so viel wiegen? Es selbst wiegt nichts, behauptet es fest und wartet darauf, dass die Waage es besteigt.

TASTE THE WASTE

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Der Westen endet, bei untergehender Sonne, zwischen den Hügeln, die, näher kommend, sich als ausgewachsene Berge erweisen, als Massiv, das nur bombardiert werden muss, damit es weiter gehen kann, zügig, wie denn sonst. Ein Massiv kann nicht bombardiert werden. Militärs wissen das, doch gehorsam, wie man sie will, wissen sie Mittel und Wege, ihr Wissen zu verschleiern. Sie bomben gehorsamst und richten sich darin ein. So genießen Zivilisten als untergehende Sonne, was für den, der Bescheid weiß, lodernde Brände sind, ausgelöst durch gezielte, klein erscheinende Ausrottungen, deren Zweck darin besteht, die Bösen zu vernichten, was nie falsch sein kann. Die Zivilisten behandeln den Rest der Welt, den sie nicht sehen, als Müll und glauben, manches könne man wieder verwenden, wenn die Zeit dafür reif und der böse Rest verschwunden sei. Sie sehen den Abfall nicht, der sich in den Blicken der anderen malt. Der Kampf der gefallenen Engel auf dem Müllhaufen der Geschichte hätte etwas Erheiterndes, wenn er nicht ununterbrochen Menschenleben forderte, eines Theseus harrend, um der Geschichte ein Ende zu machen. Ariadne spielt mit dem Faden, sie würde den Gang ins Labyrinth auch allein antreten, aber sie macht sich nichts aus Geschichte und bleibt deshalb draußen. Man kann nicht sagen, sie warte auf Theseus, sie ist geschäftig und zweifelt an ihren Kräften.

TASTENSCHLÄGER

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Man muss ein paar Wörter in die Tasten schlagen beim Übertritt in das Jahrzehnt, das die Entscheidung bringt, ob einen das Schicksal alt oder sehr alt konzipiert hat. Die Leute legen Wert darauf, sich dabei nicht alt zu fühlen – eine einfache Übung, für die es genügt, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Anflüge von Resignation und, geben wirs zu, Erlöschensphantasien für diesmal beiseite zu setzen, sie weichen ja freiwillig. Körpergefühle der gröberen Art zeigen sich unbeeindruckt, man kann ihnen den Krieg erklären, nun, da man die Hände frei hat und eine gewisse Erwartung sich legt. Letzteres scheint das Entscheidende zu sein, das vom Himmel fallende Manna, die Speise, die sich selber nährt. Erwarte nichts von dem, was kommen wird, erwarte von dir, was noch kommen soll. Es gibt eine Altersmunterkeit, die die Jungen verblüfft und ein Stück weit täuscht. Von ihr fühlt man sich meilenweit entfernt und plötzlich, übergangsweise, seltsam angezogen, als läge in ihr die Lösung des Lebensproblems, das bleibt, dabei misstraut man ihr heftig und würde sie gern in die Rumpelkammer verbannen, in der die alten Rollen liegen, die heute nicht mehr gebraucht werden, obwohl sie einst auf den Bühnen die Welt erheiterten. Diese Welt hier will nicht erheitert werden, sie findet sich ›komisch‹ und weiß nicht, wie ihr geschieht. Es ist, als würde alle Welt plötzlich sechzig und fragte sich, was das nun wieder bedeute. So vieles hat man durchlaufen, dessen Bedeutung nicht wirklich klar wurde, dass der Satz, es habe nichts zu bedeuten, einem gründlich verleidet ist, er gehört zu den Unsätzen, die auf Unfug deuten und Unsicherheit. An diesem Tag erscheint sie gebannt, die alte Unsicherheit, an diesem Morgen zumindest, das Dasein jedenfalls erweist sich als fester Bestandteil des Sinns, bloß als Erreichtes.

TAUBENEIER

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Auf ihre alten Tage wird die Theologie noch einmal kämpferisch und verspricht, alles anders zu machen, vorausgesetzt, sie bekommt den Kredit, den man ihr zäh und langsam entzogen hat. Sie hat eine eigene Vorstellung vom Menschen und seinen Rechten und verspricht, sie rigoros durchzusetzen. »Vergesst, was ihr habt, denn ihr habt es nicht wirklich. Man bewirft euch mit falschen Werten, als seien es Taubeneier. Das Gegenteil ist der Fall.« Manche, die sich frei wähnen, vernehmen die Botschaft und sind bestürzt. Wie, wenn sie recht hätte? Wäre dann alles anders? Wohin gehen die Errungenschaften, wenn sie errungen wurden? Gehen sie in die ewigen Jagdgründe ein? Oder stehen sie im Keller, mit Planen bedeckt und sorgfältig ausgezeichnet? Fragen, Fragen, nur die Antworten stehen dahin. Es ist alles so ungewiss und diese da sind so sicher. Was macht sie so sicher? Sie haben sich der gerechten Sache verschrieben und lieben den Kampf gegen das Heute, in dem ihr nicht Genüge geschieht. Aber: wenn die Uhren zurückgedreht werden, wo stehen sie dann? Im Futur? Vor allem: was zeigen sie dann? Zeigen sie noch die Zeit oder bloß, wo sie stehen? Wo stehen sie denn? Im Keller? Bei den Planen? Dort stehen sie längst. Was also wollen jene, die nicht länger nach Gerechtigkeit dürsten wollen? Den ersten Stein aufheben? Oder den zweiten? Ist der zweite nicht so schlecht wie der erste? Der erste beste oder der bessere erste? Nein, die Straße ist vielleicht nicht der Ort, das zu entscheiden. Wollen sie überhaupt etwas oder ballern sie nur in die Luft? Vielleicht erschrecken sie eine Taube und ein Ei fällt in ihren Schoß.

TAUBENSCHIESSEN

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Die Taube, einmal abgeschossen, bekommt vor jedem Gericht der Welt Recht. Warum? Weil sie nichts verbrochen hat? Ich bitte Sie! Wer hat schon etwas verbrochen? Gemeine Verbrecher sehen anders aus. Das Recht der Taube ist das Recht darauf, nachdem der Aufschlag vernommen wurde, als Zeichen des Friedens verehrt zu werden – keine Sekunde früher, aber dann unbedingt. Das Recht der Taube besteht darin, durch die Brust geschossen zu werden, nicht ins Gehirn oder ein anderes ehrenwertes Organ. Ist das alles? Nein, keineswegs. Das Recht der Taube, einmal ergangen, schlägt alle weiteren Rechte mit Taubheit. Es schlägt, so betrachtet, das Recht der Bürger auf ihren eigenen Staat: Recht vor Recht. Warum? Das ist leichter gesagt als begriffen. Wer schert sich um den inneren Frieden, solange er herrscht? Erst wenn er tot ist, treten die Schützer hervor und verrichten ihr Handwerk. Dann zieht ein anderer Frieden ein, ein klirrender, auch wenn die Sonne am Himmel steht und alles wärmt. Vom Schützen zum Schützer braucht’s nur ein Rrrrrrh – ein Knurren, je leiser, je effektiver. Das Knurren der Schützer ist das Knurren der Beschützten, nur seitenverkehrt. So lässt sich im Nachhinein schwer erkunden, wer knurrt und wer damit anfing. Also ist es sinnvoll, das Nachhinein gleich beginnen zu lassen, um freie Hand zu haben. Da liegt die Aufgabe der freien Faktenpresse, die sich die Freiheit herausnimmt, Fakten zu pressen, bis sie ins Bild passen. ›Framing‹ nennt das die Wissenschaft, die es an ihren Schützlingen probt: einmal ausgebildet, ist es aus mit der Bildung. Gern liefert jene die Rahmen auch selbst – für die Unbedarfteren unter den Absolventen, deren innerer Antrieb ungenügend ist und deshalb vom Batteriewechsel lebt. Die Ladestationen stehen in Stiftungen, wie bereits ihr Name verrät, denn sie tragen die Namen der Stifter, die einst beschlossen haben, Gutes zu tun und jetzt nicht mehr damit aufhören können, selbst wenn sie tot sind. Ohnehin sind die toten Stifter die besten, weil das Überraschungsmoment fehlt, das den Menschen auszeichnet, vor allem in seinen ausgezeichneten Exemplaren. Tot wie ein Stifter – wer wär’s nicht gern, um der Sache willen und überhaupt?
Taubenflug und Taubentod: das geht zusammen, weil es zusammengehört. Was sich gehört, das setzt sich durch, jedenfalls in the long run, jedenfalls dann, wenn niemand interveniert, sonst geht es schneller. Bizarr wie’s Taubenschießen – ›Au Backe‹ sagt es sich leicht, es heißt aber Wange und darüber spricht man nicht. Wer sie hinhält, der bekommt einen Kuss für die Welt.

TAUBENSCHISS

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Ein Hund ohne Schiss fällt nicht auf, erst der Taubenschiss macht den Hund von Welt. »Einen Taubenschiss hat dieser Hund! Wo er ihn nur her haben mag?« Der psychologische Vorteil des Hundes liegt auf der Hand: Herkunft kümmert ihn nicht, er hat keinen Schiss vor Tauben, er fürchtet den Schiss nicht und schämt sich nicht, wenn er ihn abbekommt. Ein Mensch hingegen… Schweigen über den Menschen! Ein Mensch, vom Schiss betroffen, weiß nur das eine: Er muss ihn loswerden, auf der Stelle, aber im Grunde ist das Malheur nicht mehr abzuwenden. Einmal beschissen, immer beschissen. Sein Leben hat einen Fleck abbekommen, der nicht mehr weggeht, innerlich, dort, wo er zählt. Ein Mensch, der auf sich hält, hat keinen Schiss. Dass er ihn doch hat, tief drinnen, wo er nicht weggeht, hält er unter Verschluss und sucht die Gefahr dort auf, wo sie ihm am geläufigsten scheint: im Park. Mit tiefem Grimm sieht er die Haltlosen Tauben füttern, er würde gern Rechenschaft von ihnen fordern, aber das wäre der Augenblick, den die Taube benötigt, und schon wäre es wieder geschehen. Wer auf sich hält, achtet auf jede Taube, sein Blick umfasst Himmel und Erde, er hört das Flügelrauschen und empfängt jeden Schlag einzeln.

TAUBENZWICKER

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Man muss euch zwicken, ihr Brut, was sonst? Ihr Platzbekoter, ihr Schindel- und Zinnendurchseucher, ihr Kopfscheißer, ihr Friedhofsgurrer: Was wollt ihr? Was begehrt ihr von unserer Welt? Was treibt euch in jede Gesellschaft und, per Flügelschlag, wieder auseinander? Was bringt es euch ein, wenn ihr mit uns diniert? Warum putzt ihr weg, was man euch hinwirft? Was ruckt das Köpfchen, wenn man euch kränkt? Gebt zu: Ihr seid schnell gekränkt. Oder scheint das nur so? Ihr Picker! Ihr Wegelagerer! Euch möchte man nicht im Dunkeln begegnen. Im Hellen sieht’s anders aus, da hat es keine Gefahr, da seid ihr nicht helle genug. Bescheißt, wen ihr wollt, aber nicht hier. Wer hier bescheißt, fliegt, das wisst ihr genau. Also, in drei Teufels Namen, fliegt! Weit kommt ihr ohnehin nicht. Wer erst eure Flugbahn kennt, kennt euch alle. Das hättet ihr nicht gedacht. Da kommt der Vergifter, kennt ihr ihn auch? – Was ihr seid? Keine Gefahr. Niemandes Gefahr seid ihr, daran krepiert ihr, denkt daran, wenn es soweit ist.

TAUSENDKRÜCKLER

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Wenn die Herren des Wirklichen gescheitert sind, bezichtigen sie die Literatur. Sinnigerweise finden sie in ihr starke Verbündete, die erleichtert reagieren, sobald sich ein neuer Spielraum für Einfälle auftut. Darauf haben sie lange gewartet, nichts können sie weniger brauchen als eine stabile Lage. Spannt sich die Situation, beginnen sie zu funkeln, die Bosheit bricht aus den Poren, das Wortemachen, es lohnt sich wieder und verspricht den zu nähren, der sich geschickt genug anstellt. ›Reicht doch!‹ steht über den Krückendepots, aus denen sich jeder bedienen darf, der sich öffentlich auszeichnen möchte. ›Reicht doch!‹ steht über den Gabentischen, mit denen die Buchhändler das Auge ihrer Kundschaft beglücken, ›Reicht doch!‹ über den Herbstprogrammen der Verlage, ›Reicht doch!‹ über den amüsanten Albernheiten, die den erwarten, der den Lockrufen folgt. Einmal verflogen und nicht so weit her: satis est.

TELLERRAND

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Das Gesicht, über den Tellerrand der Geschichte heraufdämmernd, blickt ernst, fast nachdenklich auf den Betrachter. Ein bläulicher Schimmer hebt seine Züge. Er könnte sich dem flackernden Blaulicht eines Polizeiwagens verdanken. Viele Leute würden dem ›einen Sinn abgewinnen‹, weil, wie sie glauben, dieses Gesicht für Recht und Gesetz steht. Andere scheren sich einen Dreck um Recht und Gesetz, solange der Spaßfaktor stimmt und die Falschen draußen bleiben. Das Gesicht provoziert, sagt das Bild, es provoziert schlimme Gedanken. Woher sie kommen? Ach, wissen Sie… Dieser Dämon lockt sie aus dem hintersten Winkel der Gesellschaft ans Licht, dorther, wo die Nichtwähler auf ihren aus Schlafsäcken und Papier bestehenden Lagern hocken und der Unschuld vom Lande rasch übel wird. Er ist das Idol der Abgehängten, der Verlierer aller Klassen, der übermäßig Verschuldeten, der kleinen Pensionäre, denen das Geld ausgeht, der redlich Empörten und der ein wenig Dummen, die immer noch glauben, praktisch alles könne über Nacht besser werden, wenn nur der da oben, wer immer es sei, seinen Job ein wenig ernster nähme. Von Jobs ist in diesen Kreisen viel die Rede, schließlich befindet das Land sich im Wahlkampfmodus und das Kapital geht auf Tuchfühlung mit den Massen. Dieses Gesicht, sagt der zum Bild gehörige, bisher nicht erwähnte Titel, steht euch bevor. Er sagt es drohend, irgendeine Gefahr unterstellend, die aus dem Bild nicht erschlossen werden kann, es sei denn, man versteht den Tellerrand der Geschichte automatisch als Drohung. Wofür es Gründe gibt! Nur, ob das allgemein Richtige auch in diesem Fall zutrifft, weiß fürs erste kein Mensch, insofern handelt es sich um eine leere Drohung, der ein geübter Leser mit Geringschätzung begegnet. Nicht so in diesem Fall. Als stürzte alles, was der Fall ist, in sich zusammen, so stürzt die Flut der Beschimpfungen auf diesen Menschen herab. Was treibt dieser Mensch? Was treibt ihn? Wohin treibt es ihn? Wohin wird es seine Wähler treiben, wenn die Hoffnung sich wieder entfernt und das Elend in seine Winkel zurückkriecht? An welchen Rand wird er die Welt treiben, wenn keiner ihm in den Arm fällt? Wie bunt werden es die treiben, die diese Gefahr in Wort und Bild zu bannen versuchen? Ihre Mythen verwandeln das Land schon jetzt, man versteht, dass niemand es vor den Rettern retten wird.

TENBORCH

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Die Krähen ziehen und machen einer Reihe anderer Vögel Platz. Warum so unfreundlich? Auch hier sind Schwingen, sich zu erheben, und wo sie fliegen, muss wohl die Luft sein, das ist doch klar. Ein paar Zettel, wie immer sinnreich organisiert, vermitteln die Welt – aus Punkt, Komma, Strich lugt sie hervor wie ein Stück Haut aus dem Reißverschluss. Was heißt ›lugt‹? Triumphierend, mit Sang und Klang und Trompetenschall, zieht sie ein, meinethalben auch mit Kind und Kegel, wir wollen nicht rechten. Das flüsterte mir eine Betschwester zu ihrer Zeit und es stimmt immer. Wer nicht sieht, was nicht da ist, der sieht gar nichts und scheidet aus. Was er ausscheidet, bleibt ihm überlassen, eine klebrige Sache das, alles in allem, mit der eine Allgemeinheit, die auf sich hält, nicht befasst werden sollte. Dieser hier wollte zeigen, was es nicht gibt, er wollte es einmal in der vollen Pracht seines Nichtvorhandenseins vorführen, aber auch ihm ist es nicht gelungen. »Schau mal«, sagt ein Klugscheißer zum andern, und der repliziert: »Was es nicht gibt!« Er könnte hinzusetzen: »Ulkig, was?«, aber das käme ihm, alles in allem, albern vor und er kann es auch lassen, schließlich ist er auf solche Phänomene trainiert.

TERMINDRUCK

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»Die unabänderliche Kontingenz der Termine« – so zu reden enthält eine Portion Chuzpe, weil es unterschlägt, auf welche Seite die Kontingenz fällt: ob auf die des privaten Lebensablaufs oder die der organisatorischen Vorgänge, die gleichgültig, ob man sie als persönlich sinnhaft empfindet, zäh ihrer eigenen Logik folgen. Dass der Einzelne in diesen Abläufen kontingent ist oder sich als kontingent empfindet, weil irgendein Einzelner seinen Platz einnehmen könnte, hindert nicht, dass ein Einzelner zur Stelle sein muss, auf dass das organisierte Unternehmen seinen Fortgang nehme. Ein Einzelner aber ist immer einer zuviel, um das Kontingenzmodell in seiner Reinheit aufrechtzuerhalten. Ob Termine zu Ereignissen werden oder Ereignisse zu Terminen schrumpfen, gerade darin findet sich der Einzelne als Einzelner, gleichgültig, ob er dabei einen Sinnüberschuss empfindet oder einen Mangel an Sinn. Das Mehr oder Weniger daran ist eben der individuelle Faktor, den man ihm wegoperieren will oder den er sich, als alter Luhmannianer, selbst wegschwatzt. Wer ein Büro bezieht, zieht das Dasein eines Büromenschen dem eines Waldschrats vor – er nimmt sich die Zeit, die er braucht, um dieses Dasein zu führen, viel Zeit unter Umständen, aber auch das ist, angesichts der Ungewissheit der Lebensdauer, eine Aussage, die an Schwachsinn grenzt. Die genommene Zeit ist die zugeführte und keine Tätigkeit liegt so weit draußen, dass sie das Innere nicht tangiert. Wer, ohne zum Sklaven herabgewürdigt zu sein, sein Leben verwartet, ist selbst schuld. Das, unter all den Opferwilligen, die sich in bequemen Drehstühlen räkeln, einmal gesagt, ist auch Verdienst.

TERMITOLOGIE

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Wie alle wirklich erfolgreichen Unternehmungen erhält auch das Alphazet gelegentlich Beistand von außen. So schlägt der Philosoph Steffen Dietzsch vor, unter dieses Stichwort folgende Tätigkeiten eines regen Kopfes zu fassen:
1. Metaphernbildung bzw. ›Genderfizierung‹ in ›politisch-korrekter‹ Absicht,
2. ›Ohne Durchdenken der Prinzipien‹ (mit Kant zu sprechen) ›mit bloß empirischer Vernunft allgemeine Urteile zu fällen‹, – aktuell: nach einem singulären Aktenfund müsse die jeweils betroffene Geschichte neu geschrieben werden!«,
3. »Wortschöpfungen (die eigentlich als Begriffe tauglich sein sollen!) je nach Betroffenheits-Status konstituieren zu lassen – aktuell: Ungläubige, Unrechtsstaat,
4. Worte naiver Evidenz als Begriffe auszugeben,
5. politische Wortbildung als Zeichen von (ideologischer) Selbstfindung, -bestätigung oder Wiedererkennung als ›Eigene‹,
6. Begriffsfelder moralistisch zu halbieren (damit zu tabuisieren), – aktuell: Erinnerung versus Vergessen.
http://www.globkult.de/bannkreis/742-bannkreis-26-termitologie
Natürlich wäre es gut, würde der Leser (die Leserin) mit ähnlicher Präzision vom Verfasser darüber belehrt, welchen gesamtgesellschaftlichen Zielen all diese gut dokumentierten Verfahren wohl dienen. Da der Philosoph sich in der Hinsicht ausschweigt, soll hier der obligate Wink mit dem (dichterischen) Zaunpfahl genügen:

Bist, Kumpel, du bei Troste nicht,
so nötigt dich das Wortgezücht.

Eine gewisse lachmuskuläre Wirkung übt Punkt 4 aus, bedenkt man die naive Nicht-Evidenz so mancher wissenschaftlicher, das heißt solcher Begriffe, die nach dem obigen Schema als ›termitologisch‹ eingestuft gehören. Gelegentlich will es scheinen, als sei es gerade die Unfähigkeit zu einer naiven, also individuell stimmigen und unbefangenen Weltsicht, die den Entwicklungsprozess gewisser Disziplinen zügiger vorantreiben hilft, als er sonst seinen Gang ginge. Ängstlichkeit und Vollmundigkeit sind die mit Abstand bedeutendsten Ressourcen, die der Einzelne in die Spiele der Wissenschaft einbringen kann, und er bringt sie ein, d.h. er schüttet, soviel er davon in sich zu erbohren vermag, in die vorgesehenen Taufbecken, in denen dann das semi-politische Alltagsgeschwätz seine methodische Aufbereitung empfängt, um als wissenschaftliche Suada auf eine ebenso beratungshungrige wie belehrungsresistente Profi-Politik niederzuregnen.
Der Philosoph wäre keiner, wenn er nicht auch die Folgen seines Vorschlags bedächte, und er kalkuliert wie jener rechtschaffene Kaufmann einen, wenngleich kleinen, d.h. fairen, Gewinn: »Was damit gewonnen wäre? – Man könnte einem alltagspraktisch (und erst recht im Politik-Geschäft) unausweichlichen Prozess der Selbstbornierung, den Nietzsche vornehmer Auto-idolâtrie nennt, kritisch auf die Spur kommen.« Das wär’s doch.

TEXTPROBE

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Eines der Wunderwörter der Sprache. Man muss es nicht erklären, es zergeht auf der Zunge und eröffnet größeren Wundern die Bahn. Man probiert einen Text wie einen alten Wein unter rituellen Vorkehrungen und in allen Ehren, man kennt die Wonnen im voraus, aber man will sie genießen, um zu erkennen, dass man von ihnen nichts wusste. Textgenießer erkennt man an der Bereitschaft zur Panik, mit der sie im Universum der Texte ihren Weg suchen, dessen innerer Geradheit der äußere Anblick extrem widerspricht. Ein Satz von Habermas z. B. kann sie in die Verzweiflung treiben. Die Abwesenheit von Rhythmos und Melos lässt sie weniger am Sinn als am Unsinn der Sätze zweifeln, den zu verwerfen ihnen um soviel schwerer fällt wie er schwerer wiegt. Doch trösten sie sich mit der Galileischen Einsicht in die Gesetze des freien Falls und erweisen dem Aufprall, dem sie kurz nachhorchen, die Ehre eines säuerlich verzogenen Mundwinkels. Wer alle Texte probiert, wer auf allen Hochzeiten getanzt, wer jeden Wahn mitgegangen ist und jede Wanze besprochen hat, gilt in diesen Kreisen als Aussätziger. Es sind Reinheitsfanatiker, die lieber das Hemd wechseln als den Geschmack, der sich ihnen in jedem Erschmecken aufs Neue erschließt: Wie kann man Wunder auswechseln, die so vielgestaltig sind wie der Tag und so undurchdringlich wie die Nacht? Wunder, die sich ereignen oder auch nicht, so wie der Regen auf verdorrte Felder niederrauscht, die nach ihm dürsten, ohne ihn zu kennen? Wer heute diesen und morgen jenen Geschmack sein eigen nennt, dem kann man alles vorsetzen, da er die Differenz bereits mitbringt und heimlich entkorkt, während er zu genießen vorgibt, was gerade den Weg über seinen Schreibtisch nimmt. Wer Geschmack beweist, ist schon im Minus, er beweist nur, dass ihm alles gleich schmeckt. Mehr oder weniger, mal mehr, mal weniger, im Grunde schmeckt alles nach nichts.

TEXTUM SANCTUM

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Eine Phänomenologie der heiligen Texte (des heiligen Textes), die ihren Namen verdiente, dürfte sich weder mit Oberflächenbeschreibungen noch mit Rückführungen auf psychophysiologische Zustände und kulturelle Codes zufrieden geben. Sie dürfte sich – sozusagen – überhaupt nicht zufrieden geben. Sie müsste sich, gleichsam bis ins Kleinste, mit den Vorgängen vertraut machen wollen, die durch die Texte, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, induziert (und indiziert) werden. Das sind, nach Lage der Dinge, Bewusstseinsvorgänge, und solange das intellektuelle Phlegma in allen Fragen, die das Bewusstseins angehen, anhält, solange sind hier keine Fortschritte zu erwarten. Alle Texte sind im Bewusstsein von Texten geschrieben und existieren nur im Bewusstsein von Texten. Dieses Bewusstsein ist ebenso vielgestaltig wie einfach. Es macht keinen Unterschied zwischen einem heiligen und einem profanen Text, denn dieser Unterschied beruht auf einem Erkennen, das einer kulturellen Wertigkeit gilt, einem Kanon. Wohl aber kennt es Intensitätsgrade des Ergreifens und des Ergriffenwerdens, Grade der Scheu und des Abscheus, in denen ein erster Akt innerhalb des Lesens fast greifbar wird, ohne sich dem tastenden Zugriff ganz zu erschließen. Ein ›erster Akt‹, was soll das sein? Das Aufdämmern der Möglichkeit, sich auszuschreiben, etwas ›in Text‹ zu überführen und darin wirklich werden zu lassen, das doch gelebt werden muss und nur als Leben zugelassen ist (an welchen Tischen?), führt auf allen Wegen über den Rand des profanen Lebens hinaus, das ab jetzt Nichts-als-Leben heißt und damit gebrandmarkt ist. Sakral ist der Text, der den einfachen Wunsch, da zu sein, aufnimmt und verwandelt in den Wunsch, diese Strecke, diesen Parcours, den der Text absteckt, irgendwann durchlaufen zu haben. Wie durchlaufen? Aus dem Da-sein ist ein Da-und-dort-sein geworden, eine verschobene, eine verrückte Existenz. Wohin verschoben, wohin verrückt? Wo liegt das Einfache dieser Verrückung? Mit dem Text tritt die Möglichkeit in das Leben, mehr zu leben als dieses Leben. Welches Mehr? Ein Mehr an Kraft, Nachdenklichkeit, Bezügen? Dies alles und mehr. Ein Mehr an Offenheit, vielleicht. Der Text entwirft eine Traktion in die Zukunft, er wirft, buchstäblich, Seile ins Unbekannte. Man kann Angst vor den Texten bekommen, man kann den Drang in sich spüren, sie zu zerstören, umsonst. Das Loch ist schon gebrannt, das Aufgeschlagensein der Texte erlaubt kein Zurück. Wohin zurück? In die Gegenwart? Die Gegenwart ist der Antipode der Texte, sie ist in ihnen durchlaufen, wenngleich nicht abgetan. Sie ist das sich Öffnende, das gerade jetzt sich Öffnende, sie ist mehr Gegenwart als zuvor, aber sie ist einer der Pole jener Verrückung, ein Pol, obwohl sie doch alles und jedes umschließt. Was man das Imaginäre nennt, ist eine ungeheuerliche Verharmlosung angesichts des Eingriffs, den der Text im Leben des Einzelnen vornimmt. Neben ihm bleiben nur Ergriffenheiten zweiten Grades, lose Anmutungen früherer Existenzformen, Erkundungen elementarer Mechanismen des Menschseins, aus denen alles entwichen ist, was das Seelchen und seine bezahlten Betreuer in ihnen suchen.

THEATERKARTE

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Wer alles auf eine Karte setzt, dem ist es recht, wenn er an einem Abend zugrunde geht. Warum am Abend? Weil er ein Mensch ist, dem nur Menschen ein Licht aufstecken können. Das Künstliche ist sein Zuhause, er will es nicht missen. Er möchte eine Vorstellung geben, stattdessen genügt es ihm, einer beizuwohnen, für die er an der Abendkasse bezahlt. Diesen Kuss der ganzen Welt – »neinnein«, murmelt er zerstreut, »lass mal stecken, ich übernehme die Kosten.« Doch das Theater verteilt keine Küsse, ganz umsonst übernimmt er die Kosten, nur weil er beschlossen hat, sich zu übernehmen.

TIEFDRUCKRINNE

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Als Willy Brandt die Bürgernation ausrief, war der Jubel groß, fünf Jahre später wurden die Schotten geschlossen und es ging wieder um Gewinne. Die Effizienzmaschine nahm ihre nie wirklich unterbrochene Arbeit auf, die linke Larmoyanz trottete in die ausgetretenen Wege zurück, das öffentlich zur Schau getragene ›Bewusstsein‹ verfiel jener ostentativen Form der Quartalssäuferei, die es als Lernprozess deklariert. 1990 wiederholte sich das Schauspiel im Osten. Was der Ausdruck ›deutscher Herbst‹ nun eigentlich bedeutet, wurde nie geklärt, stattdessen erzählt man die immer gleichen Geschichten mit dem immer gleichen falschen Zungenschlag, als hätten sich die Kinder nun einmal daran gewöhnt und dürften nicht beunruhigt werden. Wer wen regiert, ist keine Frage, sondern eine Antwort. Man bekennt sich und hält sich bedeckt. Unter Graupelschauern beteuert man, großen Spaß zu haben, und unter Palmen ist der Spaß riesig.

TITANIC

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Wörter wie ›Titanic‹ klingen nach Blechmusik, nach Tschingderassa, nach etwas, das voraussichtlich nicht gut gehen und deshalb mit Fleiß übertönt wird, um den Leuten den Kopf zu verdrehen und sie auf die heroischen Landschaften einzustimmen, die vor ihnen liegen. Darin liegt vermutlich ein Grund, warum das Schicksal dieses ›Ozeanriesen‹ so viele Menschen beschäftigt, vom Journalisten bis zum Streichholzbastler, und eben auch Intellektuelle, die nicht aufhören können, darüber nachzusinnen, wie dieses Ende wohl war und wie es überhaupt so weit kommen konnte. Den einen ist es Parabel, den anderen ein wohlfeiler Untersatz, um ihren kalt gewordenen Kaffee stilvoll ins Bild zu rücken. Im Zentrum dieses Bildes steht seit jeher die Bordkapelle, die für eine angenehme Untergangsatmosphäre sorgt, während die Gentlemen an den Rettungsbooten dem Grundsatz ›Ladies first‹ zum letzten Mal Reverenz erweisen. Alle in zwei Weltkriegen vernichtete Tonnage samt menschlichem Begleitpersonal, bis hin zur heillos überfüllten Wilhelm Gustloff, kommt gegen dieses ziselierte Bild eines Oberschicht-Abgangs nicht an. Aber das Tschingderassa bricht immer durch, es klingt, als schlüge aus ferner Vergangenheit eine Melodie der Seele ans halbtaube Ohr, die unauslöschlich vom Fortgang des menschlichen Desasters erzählt, in Stahl gegossen und blechern für alle Zeit.

TOCHTERVATER

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Im Tochtersein liegen zweierlei Gnaden, eine von Geburts und eine von Geschlechts wegen, die erste wollen wir aussparen und die andere geschickt umschiffen, damit nichts passiert. Was soll schon passieren? Das töchterliche Verlangen nach väterlicher Zuneigung kann frenetische Züge annehmen. Es kann sich in diesen Zügen aber auch einnisten und in Selbstadoration aufgehen. Wer wäre der Vater, der ihr genügte? Das ist übrigens eine gute Frage, der man besser nicht nachgeht, da sie ins Dickicht führt. Echte Väter wissen das und sind immer bereit, ein bisschen Unkraut platt zu treten. Übrigens lebt die Tochter auf einer Insel, wo keiner sie besucht. O diese Tochter-Insel! Für den Vater ist jede Tochter Andromeda. Er wäre gern Perseus, aber er fürchtet den Drachen und auch, dass er nicht gemeint ist.

TOD

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Zu den vergeblichsten aller vergeblichen Unterfangen des Lebens, als heimliche Wurzel aller Bemühungen, gehört es wohl, dem Tod zu entkommen. Sogar im Begriff der Zeit steckt ein solcher Versuch. Man will Zeit gewinnen, obwohl man sie doch verliert. Kein Gesetz auf der Welt, das nicht auf die eine oder die andere Weise dem Tod entgegentritt, selbst der Krieg. Insofern ist jeder ein Illusionist im Bezug auf die mannigfaltigen Felder und grauen Zonen des Todes. Man nähert sich dann im Alter möglichst langsam den Kittelträgern der Zoologie, den grammatikalischen Brücken der Philosophie, der zweiten Natur der Kunst und dem Sophismus der Liebe Gottes, und selbst über die letzte Befreiung vom Illusionismus der Götter gelangt man, von Neugier und Schuldgefühlen getragen, vielleicht in die letzte und größte aller Verzögerungen, in den Halbtod von Himmel und Hölle. Manche bleiben an dieser oder an anderer Stelle stehen. Bei Dante und Manganelli ist Zeitlosigkeit das letzte Stilmittel der Ausdehnung über das Leben hinaus. Jahrhunderte lesen hier gleichsam mit und verschweigen die Uhrzeit.
Laotse, auf seinem langsamen Wasserbüffel, auch hier spielt die Langsamkeit eine Rolle, sieht in der Ferne »der Berge Gipfelriesen« und einem einsamen Straßenwächter an einer der mächtigen Mauerschleifen, die auch dazu da sind, den Weg zu verlängern, gesteht er, »Tue nichts, und alles ist getan.« Goethes Faust, wie man sich denken kann, bis zum Schluß noch gerne in anmutiger Gegend, hofft hingegen auf »kleiner Elfen Geistergröße«, die den Jammer des Heiligen oder des Bösen wenigstens mitempfinden. So tritt man dem Tod durch schöne Tapeten oder in eisiger Luft in chinesischer und deutscher Denkart entgegen. - PM

TODESENGEL

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Dies ist der Todesengel der zeitgenössischen Literatur, niemand macht es so schön wie er und keiner verweigert sich, wenn er ihn zum Gespräch bittet, um ihm das Zeichen auf die Stirn zu drücken. Seine Bewegungen sind voller Sanftmut, auch seine Stimme, soweit sie sich der Öffentlichkeit bekannt gemacht hat. Viele halten ihn für eine eher unscheinbare Gestalt und sie täuschen sich nicht, denn einer, der den Schein zum Erlöschen bringt, den andere werfen, ist nicht darauf angewiesen zu scheinen, es behindert ihn eher. Über diesen Sachverhalt täuschen sich viele, vor allem solche, die auf die brave Einfalt von Vokabeln wie ›Multiplikator‹ setzen. Nein, dieser alternde Jüngling ist kein Multiplikator. Eher ein Divisor: er teilt die Menge und nimmt das Meiste von dem hinweg, was sich ihm darbietet, auf dass er es austeile. Wehe dem, der auf ihn setzt; das Ergebnis könnte enttäuschen. Warum er das tut? Muss es immer Gründe geben? Es geht auch ohne. Mancher hat eine Mission, von der seine Umgebung nichts ahnt. Da genügte ein kränkendes Wort in der Kindheit, man kennt das. Aber sie hinübergeleiten, einen nach dem anderen, ihren Fuß mit Lethe netzen, das Boot losbinden und langsam, langsam zum Gleiten zu bringen, ihm zusehen, wie es im Nebel verschwindet – wer den Reiz dieser Aufgabe nicht empfindet, der ist für die Welt der Kultur verloren. Er wird auch nie wissen, worum es geht, obwohl gerade das seine dringlichste Frage ist.

TODESKANDIDAT

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Wer begriffen hat, dass über dem Tor zum Inferno des zwanzigsten Jahrhunderts die Gleichung Gott = Gesellschaft steht und ›Gott ist tot‹ nur als hingekritzelte Latrinenparole mitläuft, der hat auch begriffen, warum die verantwortlichen Denker dieses Jahrhunderts den Begriff der Wahrheit zerstören mussten – nicht um der Wahrheit willen, bewahre, sondern der Gesellschaft zu Gefallen, die mit ihr ›nichts anfangen‹ kann, und das von Anbeginn. Nun hat es mit der Begriffszerstörung seine Bewandtnis: was hinten verabschiedet wird, spaziert vorne zur Tür herein et vice versa. Nicht ob die Gesellschaft ›tot‹ sei, ist also die Frage, sondern ob Gott sich aus ihr verabschiedet hat und weitergezogen ist. Die Wahrheit ist, dass ›die Gesellschaft‹ ihre motivierende Kraft eingebüßt hat. In ihr besaß man einen Gott, wie man ihn noch nicht kannte: einen Selbstverstümmler, gewaltsam im Exzess, dabei nicht frei von sentimentalen Anwandlungen. Eine Zeitlang glaubte man in ihm Saturn zu erkennen, den seine Kinder aufessenden Götzen, später Medea – lauter Sentimentalitäten, verglichen mit der Figur des Über-Ödipus, der sich nach vollbrachtem Gemetzel, äußerlich zwangsberuhigt, erst ein Auge, dann das zweite ausreißt und genüsslich verspeist: ein Todeskandidat ohne Überlebenshoffnung, aber voll intimer Überraschungen.

TODESWUNSCH

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Dieser Wunsch zu entschweben, von einem tauben Element davongetragen zu werden, sich von ihm ermorden zu lassen, als gelte es ein besseres Leben, sich die Luft zum Atmen, die von irgendwoher bereits knapp wurde, mit Hilfe einer kleinen selbstgebastelten Vorrichtung selbst zu verweigern, was ist das? Sein Leben in die Hand nehmen – ist es das? Um es fortzuschleudern? Wohin? Wer schleudert, wer wird geschleudert? Wohin geht ein Leben, das fortgeht? Das ist keine Jenseitsfrage. Es geht ja wirklich, und gleichgültig darum, ob der Weg lang oder kurz ist, muss er gegangen werden und wird gegangen. Dieser wirkliche Weg ins Aus, vielleicht ohne Panik gegangen, aber im inneren Aufruhr als Ende einer langen Kette von Gedanken und Handlungen, ihn kennt niemand, der ihn nicht zu Ende gegangen ist. Auch dieses Geheimnis geht in den Tod ein und ist sein Besitz.

TOD DURCH ERREGUNG

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Sir Jonathan Husband jr. wird zum Tode verurteilt, weil er gut findet, was auf diesem Planeten geschieht. »Ich finde die Welt gut, wie sie ist« – ein Wahnsinniger, der so etwas schreibt, leider nicht im rechtlichen Sinn, sonst könnte er vielleicht überleben. Was schreibe ich da: er wird überleben, so oder so, kein Gericht dieser Welt wird sich bereit finden, die Vollstreckung des Urteils anzuordnen. Jedenfalls wiegt er sich in dieser Hoffnung, eitel, wie er ist, hofft er auf künftige Anhänger. In der Zwischenzeit schreibt er Briefe an seine Angehörigen, in denen er beteuert, sie da nicht mit hineinziehen zu wollen, auch bestätigt er bereitwillig allen, die nichts damit anfangen können, sie hätten mit seinen Auffassungen nichts zu schaffen. Man weiß nicht, ist es naiv oder durchtrieben, leicht zu durchschauen ist das Spiel allemal. Die Menschen haben mehr mit den Gesinnungen ihrer Nachbarn zu tun als man denkt, und Fernwirkungen gehören zum gesicherten Inventar. Wer Gesinnungen erregt, weiß sich zumindest ihrer zu bedienen, er gehört auf den Scheiterhaufen, den sie zusammen auftürmen.

TONFALL

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Sie werden den Ton aus allem heraushören, den Ton des Alphazets, daran werden Sie nicht vorbeikommen, das ist schon geschehen, auch wenn es noch in der Zukunft liegt. So ein Ton liegt stets in der Zukunft, er fließt ein, sanft oder ungestüm, je nach Musikerlaune, aber es bedarf keines Musikers, nicht in diesem Fall, denn es ist, den Logophilen sei es gesteckt, der Ernstfall. Sie haben richtig gelesen, der Ernst kommt irgendwann zu Fall, er hat seine Kadenz wie alles andere auch. Den Ernst abhören, während er fällt, diesen ganzen langen, unendlich verwickelten und doch verblüffend geradlinigen Fall, ihm zuhören, so wie man jemandem etwas zukommen lässt, den man schon lange kennt und schätzt, dessen Lebensweg aber Fragen aufwirft, mit denen man sich nicht abzugeben wünscht, das ist der Ernstfall, jedenfalls an den Stätten des Denkens, dort, wo gedacht wird. Wo die liegen? Im Ernstfall dort, wo Menschen das Denken meistens vermuten, im Gehirn. Doch hat es, wie man hört, seine Absencen. Das Gehirn registriert den Ton, es registriert ihn schon lange, wie den Nachhall einer Tür, die ins Schloss fiel, vor langer, sehr langer Zeit. Gestern also oder vor drei Sekunden, wer soll das wissen.

TOTE AUGEN

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Da ruhen sie, wie Fische der Tiefsee, und sehen niemanden an. Niemand, wer sonst, kann diesen Blick aushalten, er spielt nebenbei mit dem Schuppengeflecht und fordert Aufschluss. Schließt euch auf, Augen, in beiderlei Richtung läuft der Verkehr, ein toter Blick fesselt keine Seele, und wenn schon, dann erst nach Mitternacht, wenn die Schau vorbei ist. Unten herum ist es bekanntlich dunkel, da fällt weniger ins Gewicht, was andernorts Furore zu machen bestimmt wäre. Also benehmt euch. Keinem wird etwas genommen, weil man euch ignoriert. Niemand hat gut reden, er kennt die Verhältnisse wie keiner sonst und freut sich, wenn er Gesprächspartner findet, deren Wissen nirgendwo stockt.

TOTENINSEL

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Der Tod ein ›fait social‹ und sonst nichts –? Das möchte man sehen. Billig ist es zu sagen, man erlebe den Tod nur an anderen, bestenfalls mit anderen, wenn man bereit und fähig ist, einen anderen auf dem Weg in den Abgrund zu begleiten, oder wenn man eine kollektive Katastrophe wider Erwarten überlebt. Nachdenklich macht vor allem das letzte Beispiel, denn es demonstriert, dass das, was man gemeinsam erlebt, jedenfalls nicht der Tod ist, der auf all diesen Wegen überhaupt nicht erfahren werden kann. Auch daraus lässt sich ein Argument zugunsten der Behauptung stricken, der Tod sei eine soziale Größe: Was ich nicht aus mir selbst weiß, das weiß ich nur als Mitwesen, sei es, dass ich jemandem den Schädel einschlage, sei, es, dass ich einen hier und jetzt Toten im Leben gekannt habe und den Unterschied wahrnehme oder sogar empfinde, als Trauer vielleicht, das soll vorkommen. Ein schönes Argument, ein prachtvolles Argument und so lebenswahr. Nicht wahr? Nur der Tod, die Idee der Auslöschung meiner Existenz, sei sie hiesig oder überhaupt, bleibt daraus... sagen wir: ausgeschlossen. Und das soll er wohl auch, damit das Gehäuse der gesellschaftlichen Fakten, in dem es aus jedem Winkel zieht, seinen Charakter als geschlossene Anstalt behält, an der so vielen so viel liegt. Macht die Tatsache, dass ich das Wort ›Milchstraße‹ von meinen Mitmenschen lerne, die Milchstraße zu einem gesellschaftlichen Faktum? Und wenn, in welcher Weise? Ist ›die Gesellschaft‹ selbst... vielleicht eine Art Matrjoschka und nimmt sich auf jeder Stufe wieder in sich hinein? Wer die Idee des Erlöschens nicht in sich hineinnimmt, und sei es nur in der mildesten Form, als einen Sonderfall des Überlebens, den sich nur niemand recht vorzustellen vermag, an den ist sie überhaupt nicht herangekommen: Ein reizendes Subjekt wäre das, in das nichts hineinkommt, ganz reizend, wirklich, ohne Zweifel, ganz ohne Zweifel.
Die Toteninsel liegt auf dem Land, auf dem flachen Land, man kommt trockenen Fußes hinein, aber man muss nicht nur loslassen, wie es in den Handbüchern heißt, man muss sich auch abstoßen können, plötzlich, aus eigenem Entschluss, etwas gilt es da zu bestehen, von langer Hand, das sich nicht von allein versteht, das mit Abwarten nicht zu erreichen ist, allenfalls in einer schreckkomischen Verzweiflung, die mit sich selbst hadert und sich nicht zulassen will, weil die Kränkung, die in ihr liegt, zweifellos ein ›fait social‹, nach Kompensation verlangt, nach dem größtmöglichen gesellschaftlichen Aufwand. Rettet mich! Ihr seid Schweine –!

TRÄUME

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Im verwickelten Strom der inneren und der äußeren Literatur, in der nächtlichen Bibliothek des Schlafs, erheben sich Schattenfiguren und Stimmen bekannter und unbekannter Freunde. Sie werden begleitet von Ansichten bedeutender Archiktektur auf ansteigenden Straßen und Plätzen. Man entdeckt Antiquitätengeschäfte und Galerien, die eine Kunst vertreten, die ebenso unbekannt wie wahrscheinlich anmutet. Sie wird vorgestellt von neu zusammengesetzten oder ergänzten Freunden oder flüchtig bekannten Menschen der Öffentlichkeit, die sich ebenfalls mit ihnen vermischen. Diese Literatur der Träume zeigt ein künftiges, zartes, fast fliegendes Leben, man fühlt keine Anstrengung, wenn man die mächtigen Treppen der Kathedralen ersteigt oder durch halb zerstörte, aber durchaus belebte Straßen eine bestimmte Rückkehr verfolgt, ohne zu wissen, in welche Richtung man laufen soll. Die in Ungewißheit schwebende Dämmerung weit geöffneter Kathedralen führt an hölzerne Schreine, an uralte Nischen und Grotten, in denen die Weisheit einer christlichen Religion in Gestalt von Büchern oder Gebeinen waltet. Epitaphien, bedeckt mit gemeißelten Spuren jener Angst, die uns neuerdings immer vor den schleppenden, üppigen Rankenwerken befällt, deren Schwung in anderen Zeiten die Sinne ergötzt hat. Wir fühlen uns schuldig in der Armut oder im Missverständnis unserer Tage, in denen wir solche Gewürze verdrängt und vergessen haben.
So aber, wie die fremd gewordenen Freunde, drängen sich mir die verlorenen Zeiten auf und wirken ernüchternd. Die geschwächte Gegenwart, die jetzt bereits in den Schlaf gedrungen ist, erzeugt eine trübe Vergangenheit und darüber hinaus eine unbedeutende Zukunft, und selbst die schmerzhafte Vergesslichkeit ist vorsorglich darin eingewoben. Als Prophezeiung verwirrt sie kaum noch den Schlaf, der doch einst die Vernunft erlöst hat, und die alte, berühmte Ferne der Aussicht wird allzu rasch vom Schleier der Maja verhüllt, da wird nichts mehr geglaubt, nicht einmal im Schlaf.
Der gute Schlaf gelingt nur noch selten. Selbst die mächtige Architektur dieses Tempels zerfällt, wie draußen die Straßen, in verwilderte Höhen und Tiefen, die belebt sind von wirren Umzügen mit Baldachinen, Monstranzen, Kelchen und kopflosen Mitren, die, auf abgerissene Äste gesteckt, einst von Päpsten getragen wurden. Nur selten schweben ihre erlauchten Köpfe, die Augen nach oben gewandt, von Schutzpatronen begleitet an Säulen dahin. Anwesende Besucher vor Wandgemälden, Altären und Taufsteinen sind in der Stimmung der schwarzen Vögel, die sich im Herbst an Turmspitzen und Dächern versammeln, um von hier aus in ferne Gebiete aufzubrechen. Niemand will bleiben.
Diese Menschen leben wie Vögel auf Bildern, die andere Zeiten gut aufbewahrt haben und die jetzt erneut zu wirken beginnen. »Wir versammelten uns doch schon einmal vor deinen Augen, an einem anderen ferneren Ort, den du sträflich vergessen hast«, sagt sorgenvoll eine Stimme. Wieder spürt man den traurigen Vorwurf über die sündhafte Vergesslichkeit. Man hat hier alles wirklich schon einmal gesehen, entweder gemalt oder so im Aufbruch begriffen, wie man vorhin, noch im besseren Zustand des Traumes, die blaue Vase und die zwei alten Tassen mit schönen Flügeln aus Porzellan, kurz vor ihrem Ausbruch aus dem staubigen Schaufenster, gesehen hat. - PM

TRANSPERFORMANZ

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Wer in der Welt der Kultur eine Zeitlang nicht das Wörtchen ›Performanz‹ einzusetzen wusste, der beherrschte das Geschäft nicht, er war definitiv ›draußen‹. Der Körper hatte die Bühne des gesitteten Denkens betreten, es verlangte ihn nach Spielen, nach mehr Spielen, nach der Welt als Spiel, zum Entzücken aller Liebhaber und zum Entsetzen der Antiquare, die dem wenig entgegen zu setzen wussten. Seit die Performanz regiert, gibt es sie wieder, die düsteren Hallen des Geistes, in denen die Menschheitsgedanken unbewegt, in Kisten und Kasten verpackt, registriert und geordnet, dem Schlummer der Ewigkeit obliegen. Manchmal reibt sich der eine oder andere die Augen, erstaunt, dass es um ihn so ruhig geworden ist, und entschlummert erneut.
Was aber tun, wenn die Performanz selbst sich mit Sehnsucht nach dem Gedanken zu tragen beginnt, wenn sie ein Bedürfnis entwickelt, ein schweifendes Begehren mit ungewissem Ausgang, aber festen Absichten? All diese prachtvollen Verkörperungen des Sagbaren müssen schließlich erfahren, dass das zu Sagende sich leise verdrückt, sobald es begreift, dass es nur den Rohstoff der Inszenierung liefert und nicht weiter in Betracht kommt. Selbst Drehbuchschreiber werden schlechter, sobald man es nicht mehr der Mühe wert findet, sie zu erwähnen.
Das nächste Zauberwort an den Fördertöpfen heißt daher Transperformanz: eine ›wie verwandelt‹ wirkende Performanz, ganz auf ihre neue Aufgabe eingestellt, aufs Gebären und Austragen und schließlich die Aufzucht klitzekleiner Gedankenkinder, die auch einmal groß werden sollen – hinreichend groß, um im Zirkus den wilden Mann zu geben und mit bloßen Zähnen einen Elefanten unter der Kuppel zu präsentieren. Denn Präsenz ist alles. Die Geisteraugen, aus denen uns das Vergangene anblickt, sollen sich vor Entzücken verdrehen. In der Gegenwart strömt alles zusammen, sie ist Ware und Handelsplatz, Verkäufer und Betrogene, Bühne und Paukboden, warum nicht Gedanke; einmal ganz Gedanke sein, das gibt ein liebliches Bild.

TRANSZENDENZ

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Die unendliche Zärtlichkeit, mit der frühere Generationen von der Poesie redeten; die unendliche Geschlagenheit, die einen selbst von ihr reden lässt. Selbst bei Figuren wie Rimbaud oder Trakl ist Poesie Lust. Erst im Zeitalter der Lust, dessen Statthalter sie vielleicht immer war, wird sie zu Krümel und Falte. Leben wir auf dem Olymp? Mitnichten. Fragen Sie einen beliebigen Zeitgenossen – er hält das Leben der olympischen Götter für eine Lüge, mehr: für einen Fehler. Was Götter bewegt, lässt ihn kalt. Der Zwang, jeden Augenblick in die Zukunft zu stürzen, von Naiven wie Sartre einst als Nötigung zur Transzendenz angepriesen, lässt Gegenwart gar nicht aufkommen. Sie ist in Erwartung des kommenden Urlaubs konsumiert. Die Zukunft ist der freie Fall: das bedeutet nicht, ›in Zukunft sind alle frei‹, es bedeutet, die Zukunft hat nichts Entgegenkommendes mehr und die Zahl derer, denen sie gestohlen bleiben kann, wächst. Bleibt die Frage, wer sie gestohlen haben könnte. An dieser Stelle entstehen Mythen wie eh und je, aber düstere. – Nun, Herr Sartre, wie fühlt man sich nach dem Sieg, als toter Commandante einer toten Truppe, unbeerdigt neben einem offenen Grab, nahe einem Fluss, dessen Namen vergessen wurde, in einem Deltagebiet, über das ein Frösteln hingeht? Sagen Sie nicht, das sei lange her und sie hätten, wie jeder gute Zeitgenosse, dazugelernt; diese Dinge fallen in eine Generation, die nun verfällt.

TRASH

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»Von den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird in Erinnerung bleiben, dass man damals die Trash-Form des Schreibens tradierbar gemacht hat.«  »Zumindest unter denen, die es angeht«, sagt G. »Ein paar Literaten und Kritiker, unbedeutendes Volk. Aber weiter.« »Diese raschelnden Papiere, die sich zu neuen Papieren zusammenschieben, von flüchtigen Notizen durchzogen und hier und da mit Frage- oder Ausrufezeichen aufgewertet, nicht zu reden vom ›Marker‹ und den an die Ränder gestrichelten Pfeilen, korrespondieren auf seltsame Weise den Klamotten der Damen, die damals massenhaft in den Seminaren und Hörsälen saßen.« »Was willst du damit sagen?« »Nun, es waren Töchter, die da herumsaßen, größtenteils mit Gedanken ans Aus- und Einziehen beschäftigt, Bewohnerinnen eines geldgeschützten Innenraums, den außer ihnen überhaupt niemand als real betrachtete, abgesehen von den Dozenten, denen es eine diebische Freude bereitet haben muss, ihn flüchtig zu dekorieren – von Vorlesung zu Vorlesung, von Publikation zu Publikation.« »Und damit...« »In einer solchen Atmosphäre baut man keine Trutzburgen und keine Angriffsmaschinen. Man begnügt sich damit, den Leuten eine Handvoll ›Materialien‹ zukommen zu lassen, ausreichend, um ein Date zu vereinbaren oder eine Prüfungsvorbereitung zu strukturieren – ganze Haufen Gekritzel, verrutschende und im geeigneten Augenblick über den Boden verstreute Blätter, auf denen der neugierig huschende Blick alles findet, was er zu finden hofft, oder auch nicht...« »Oder auch nicht. Ich erinnere mich gut an die Gebärde, mit der eine Kommilitonin die Stapel, die ihre Bude zeitweise in ein Mausoleum für modernes Denken verwandelt hatten, nach dem Examen im Container verschwinden ließ – ein bisschen Wehmut lag darin und große Gleichgültigkeit. Man sah, dass sie schon weg war.« »Ich kenne die Wehmut der Dozenten, die wussten, dass ihnen früher oder später das süße Gift ausgehen würde, wegtrocknen wie die Tinte in den anachronistischen Füllfederhaltern, auf deren Gebrauch sie eine Zeitlang beharrten.« »Die Kultform der Beiläufigkeit... Man ist der Junge, der gerade zufällig um die Ecke biegt.« »Und das ex cathedra. Eine hohe Kunst. Heute, da der Barthes ab ist, fällt sie in sich zusammen. Die Hüterinnen des Zusammengehens sind ausgezogen. Hier und da findet man noch ein Leseexemplar und blättert verstohlen in ihm herum. Aber im Großen und Ganzen...« »... wiederholt sich das Halbe und Kleine. Es holt sich wieder, was es braucht, und fragt nicht nach dem Purismus vergangener Tage.« »Der so puristisch nicht war, eher verwertend.« »So viel unnützes Papier. Das Waldsterben, was haben wir gebangt.«

TRAUERFALL

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Dass die Gesellschaft längst tot sei, sollte für jemanden, der an Denkfiguren der Alten geschult ist, nichts Überraschendes haben. Ein gebildeter Nietzscheaner zum Beispiel wäre imstande, die Stationen ihres Verblassens, seit sie als societas civilis das Licht der gebildeten Öffentlichkeit erblickte, mit Leichtigkeit nachzeichnen, auch wenn er die Regung aus einem eingeborenen Aristokratismus heraus unterdrückt, der ihn an diesen Fels des Seins schmiedet. Die Epoche der Gesellschaft wäre in seiner Darstellung wenig mehr als das papierene Säkulum, dem man keine weiteren Wälder nachwerfen sollte. Heute, da sie niemand mehr braucht, da ihr weitgehend entleerter Begriff den klaren Blick auf die Sachverhalte vernebelt, bleibt, die verzweifelte Hoffnung Schiffbrüchiger auf eine Wiedergeburt einmal beiseite gelassen, die Frage zu erörtern, was denn an ihre Stelle zu treten vermöchte. Im Liberalismus, der Kirche der Gläubigen der gesellschaftlichen Dinge, und seinen sozialistischen Ablegern ist mehr Glaubensbereitschaft versammelt, als die Botschaft vom Ableben der Betagten verträgt. Man müsste diesen Leuten ein verblüffendes, auf genauer Kenntnis ihrer Nöte beruhendes Angebot unterbreiten und ihnen Zeit lassen, es sich zu eigen zu machen, nach dem Motto: Was noch im Namen von Gesellschaft geschieht, geht fehl – mit jener Unfehlbarkeit, mit der ein toter Gedanke sich selbst denunziert. Was also wäre zu gründen? Eine Auffanggesellschaft? – So dächte ein gebildeter Nietzscheaner, so könnte er zu denken versucht sein, wenn es ihn gäbe. Aber wäre er dann Nietzscheaner?

TRAUMSATTEL

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Wer den Traum reiten will, muss ihn satteln. Aber kann er es auch? Den Traum reiten, das geht nur im Traum. Manche Träume erscheinen fertig gesattelt, fehlt nur der Reiter. Andere wollen geritten werden und verweigern den Sattel. Sie suchen den wilden Träumer, aber er ist selten geworden. Träume interessieren ihn nicht. Sein großer Traum ist die Traumlosigkeit ohne Vergessen, der Traum aller Träume. Der wilde Träumer ist Platoniker, er will, dass die Welt vergeht und er will dabei zusehen. Aber will er dabeisein? Wenn ja: warum? Wenn nicht: warum nicht?

TRAUMTOD

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Der Tod im Traum gehört zu den leichteren Übungen. Anders als der wirkliche Tod wirft er keine Ängste voraus. Panik andererseits ist grundlos, sie braucht keine Todesgedanken. Der Traumtod hat den Vorteil, dass er die Sache von beiden Seiten betrachten lässt: Wer nicht sterbend zum Leben erwacht, der träumt munter weiter und schwimmt im Totsein wie der Fisch unter einer geschlossenen Eisdecke. Wahr ist vermutlich, dass er keinerlei Neugier zeigt – er weilt nicht als Lebender unter den Toten, sondern ist tot unter Toten, darunter solchen, die er im Leben gut kannte, doch da sind auch andere. Schwimmen jenseits der Schleuse: es gibt ein Bewusstsein davon, dass sich etwas geschlossen hat und man in einem anderen Becken nach anderen Regeln rudert. Gern wärest du auf und davon, doch die Schleuse hält dich in ihrem Bann. Das ist das Totsein – es fühlt sich nicht, es hängt an. Kein Zweifel, du hängst am Haken, vermutlich zappelst du wild, aber das merkst du gar nicht, du bist so bei dir, dass du ganz außer dir bist, das verschlingt alle Reserven. Die äußerste Anstrengung ist mürbe, sie berührt dich kaum, sie lässt dich … nicht frei, sondern gelöst. Dies Gelöstsein zu ergründen lohnte es fast, tot zu sein. Doch wer weiß, ob es sich dann gerade so ergibt wie im Traum. Im Traum weißt du, was du nicht weißt, aber du weißt es nicht; erwacht weißt du nicht, was du im Traum wusstest, aber du weißt, dass du wusstest, was zu wissen sich nicht schickt.
P. kannte einen, der glaubte zu wissen, dass er im Traum nur zu wissen glaube, da es in Träumen kein wirkliches Wissen geben könne. Das aber wusste er unbedingt.

TROJA

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Diese Retrospektive hat uns gefallen und wir empfehlen jedem hineinzugehen. Man sieht, dass der Künstler sich etwas bei seinen Bildern gedacht hat. Ein Bilderbogen der Punischen Kriege zum Beispiel, in Kohle gearbeitet, deutet den Endschlag an – Armageddon. Die Mitte Europas, ausradiert auf künftigen Landkarten, atomar verwüstet und unbegehbar gemacht auf menschliche Zeit. Ein weißer Fleck in der Zukunft, der man selbst ist, mitsamt den Menschen und Traditionen, den Bauwerken, Landschaften, Traumbildern und Ideen, den in endlosen Alltagen erdachten Gebilden und Phantasmen, den mit ihnen verwachsenen Wünschen und Ansprüchen. Das wäre, das war, das ist Karthago – ein unüberbietbares Vorher-Nachher, eine Fata Morgana des Grauens, genährt durch den in Wahrheit unausrottbaren Fortschrittsgedanken.
Halb plastisch, auf Holztafeln montiert, Motive aus einem fernen, rauchenden Troja: Priamos, sterbend auf die Schulter Heydrichs gestützt, von verkleideten SS-Leuten außer Landes geschafft, Heydrich selbst, vom Attentat genesen und unerkannt unterwegs zu neuen Ufern. Brennende, schon halb zerfallene Paläste, Damen der besseren Gesellschaft stürzen sich hastig in die bereitwillig hingehaltenen Schwerter ihrer Liebhaber, Gemetzel in den Straßen und Gassen, Raub und Kasteiung, Bilder über Bilder, alles vorbei und allgegenwärtig, ein unlöschbarer Brand, eine Schande, die niemals erlischt. Niemals? Niemals. Solange Menschen, begabt mit Gedächtnis, die Erde... Wie gesagt: Gehen Sie hin!
Die pragmatische Geschichtsschreibung überhängt ihre Löcher mit Bildern, die immer auch einen Teil des Gewebes überdecken, dafür aber Handlungssignale in alle Richtungen senden. Manche sind fest montiert, wer sie abnehmen möchte, läuft Gefahr, einen Teil der Konstruktion einzureißen, andere lehnen nur leicht an der Wand, als warteten sie darauf, aufgehängt zu werden, was selten geschieht. Letztlich stehen sie gut. Wieder andere fungieren als Stellwände, sie lassen Durchblicke und -gänge frei, doch nicht in alle Richtungen. Diese beiden öffnen den Weg in den Hintergrund, aber nur halb, man zwängt sich eilig zwischen ihnen hindurch, der flüchtige Blick rafft, was er mitnehmen kann, es ist nicht viel, aber mehr als genug. So wie sie einander gegenüber stehen, nimmt eines am anderen Maß. Karthago endet, Troja nie. Schande oder Untergang... wer sich da nicht entscheidet, den wird man wohl einen Bilderfeind heißen. »Weitergehen... einfach weitergehen...« sagen die Wärter im Vatikan, die den Trubel schon länger kennen. Die Macht der Bilder führt leicht zu Verspätungen, währenddessen warten das Essen und die kleine Lektüre am Abend. Was ich heute wohl auslesen werde? Eine Frage auch das, an Zeit und Raum.

TROLLKRIEG

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Wie stupide die Leute sind, brüstet sich Adler, kann man zum Beispiel daran erkennen, dass sie glauben, sie könnten ihre Mitmenschen dadurch stoppen, dass sie ihnen bei jeder Gelegenheit übers Maul fahren. Natürlich erreichen sie das komplette Gegenteil: wo der andere verstummt, brodelt und qualmt es in ihm weiter, bis es irgendwann ein Ventil findet. Die ganze übers-Maul-Fahrerei bewirkt also nur, dass aus Menschen Vulkane werden, die irgendwann Tod und Verderben, bestenfalls Gift und Galle speien, wie man es ja auch sieht, wenn man sich in ihren sogenannten sozialen Medien umschaut. Was daran sozial sein soll, kann ich nicht verstehen, es sind Einübungs-, um nicht zu sagen Brutstätten des Asozialen, so dass man sich vor ihnen fürchten müsste. Und das verdankt sich, ich wiederhole mich hiermit, fast immer der übers-Maul-Fahrerei. Woher mag sie kommen?
– Das kann ich dir sagen, mischt Ratte Fritz sich ein, sie wollen alle den Anfängen wehren und das tun sie dann auch. Den Anfängen von Höflichkeit und Gesittung, okay, darauf kann man gut und gern verzichten, solange man undercover unterwegs ist, wichtiger scheint da schon, den Anfang eines Gedankens zu stören, der sich gerade bilden will – Gedanken bilden sich nämlich, im Gegensatz zu den Netzkämpfern, sie bilden sich heraus, ganz ohne Geschrei, sofern man ihnen nur Zeit und Gelegenheit bietet –, denn ein ungebildeter Gedanke, nun...
– Ich weiß, worauf du hinaus willst, kreischt Adler dazwischen, ich darf dich unterbrechen, weil ich diesen Gedanken selbst schon oft hatte, er ist sozusagen auf meinem Mist gewachsen und deshalb überfällt mich an dieser Stelle die Ungeduld. Also, du willst sagen, wer öffentlich pöbelt, ins Wort fällt, fremde Gedanken zerstört, indem er sie vollendet, gleich auf den Mann geht, bei Gefahr, dass sich dahinter eine Frau oder sein eigener Sohn verbirgt, will verhindern, dass ein anderer sich seine Gedanken macht. Apropos: das Machen von Gedanken ist, wenn ich das sagen darf, eine sehr intime Angelegenheit, man sollte sie in der stillen Kammer erledigen, bevor man den Marktplatz betritt. Was in die Hose gehen will...
– ... das geht in die Hose, das meinst du wohl, es sei denn, man lässt sie rechtzeitig runter. Aber das ist es doch: Sie lassen die Hosen reihum herunter und wundern sich, dass keiner –
– Nein, das wirst du nicht sagen. Ich untersage es dir. Ich will, dass du schweigst. Ich sperre dich aus. Ich will, dass man dich löscht. Ich will, dass man dich öffentlich auspeitscht. Ich will, dass Menschen Schreikrämpfe bekommen, wenn sie dich lesen. Ich will dich vernicht, hörst du, ver. Aber, aber: wo bistn du? Gekauft, was? Agent einer fremden Macht, was? Das müsste ich wiss. Kommir nich da mit. Mit eim Saz intz Gebüsch. Das häten sie gern. Daraus wird nichts. Das werden sie schön –

TROMMELWIRBEL

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Die Militärsprache im Zustand der Politik der anderen Mittel kennt die höllische Komposition der Gleichheit aller im Tode durch Trommelwirbel und Pfeifen, aber die Pauke darf da nicht fehlen. Zwar ist die Trommel mit größerer Sicherheit als die Pauke ein vor undenklichen Zeiten von Geistern gesandtes und bis heute von ihnen beherrschtes Instrument. Im Vergleich zu ihr scheint die Pauke bloß größer und dümmer und scheinbar im Ton von harmloserer Wirkung auf das Gemüt der Soldaten, aber man hüte sich vor solchen Einblasungen, die uns glauben machen wollen, die Pauken kämen vom Himmel. Zwar stünde die Pauke, so könnte man meinen, den Göttern wegen ihrer naiven Großzügigkeit und Donnerverwandtschaft gut an, aber man täusche sich nicht. Die rasselnde Intelligenz der Trommel in Gemeinschaft mit der Dummheit der Pauke erzeugt die Zerrüttung der Nerven als Vorbereitung der Hölle. Beide vereint und zusätzlich noch von Pfeifen gehetzt, wirken schlimmer auf das Gemüt als der gemeine Donner der wirklich viel einfältigeren Kanonen, die ja betäuben und töten statt anzustacheln. Auch fahren ihre Kugeln oder Granaten niedriger heran und gleichen mitsamt ihrem rasenden Windzug zugeschlagenen Türen, so dass stets ein seltsames Nachhinein ihr Wesen bestimmt. Man kann sie unablässig vergessen und wieder vergessen.
Ganz anders die Trommeln, Pauken und Pfeifen. Die Trommel rasselt und hetzt, die Pauke zeigt bum bum bum die Grotten der offenen Todespforten und spielt die Dunkelheit grenzenlos über die unsicher still gewordene Landschaft an den Rändern der Schlacht. Man sagt, die Kriegsmusik kehre über moderne Lautsprecher wieder zurück, aber das bloße Gequäke von oben oder rückwärts ist gar nicht zu vergleichen mit der Allgegenwart der Trommelwirbel, vereint mit ihren schauerlichen Genossen. - PM

TROSTLOS

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Nachdem das große Los von einem Unbekannten gezogen wurde, ist das Trost-los ein übrig gebliebenes Stück des Traumes, der zum Wetten verführt hat. So erklärt sich das Trost-los als Ausdruck der getrösteten Vergeblichkeit im Traum vom Zufall des Glücks. Von hier aus kann es erneut im klassischen Dienst der Vergeblichkeit weiter gehen. Es kann wieder eingesetzt werden. Alle Welt setzt heimlich darauf, denn im Trost-los steckt der unauslöschliche Sieg des Großen und Ganzen, als das unzerstörbare Los aller Menschen, es ist gleichsam unendlich.
Was soll, wenn das Große und Ganze auf diese Weise gespalten wird, schon das richtige große Los? Wer möchte denn Papst oder Königin von England sein oder Bundeskanzler, man wäre nicht ganz bei Trost, hielte man dieses Elend unter den Augen derer, die das wohlerworbene Trost-los unüberlegt zu Gunsten eines täuschenden Dauerschauspiels verworfen haben, für den Gewinn durch ein großes Los?
Das große Los ist in seinen Wurzeln so trostlos wie Gott, dessen trostloses Schicksal wir alle kennen und der mit uns lebt in der Einheit der Trostlosigkeit, aber ohne den Bindestrich. Auf Gott wird dennoch gesetzt, weil in der Kapsel, die sich so nennt, alles unsichtbare verborgen sein muss, auch das echte Trost-los.
»Der liebe Gott würfelt nicht« hat Einstein gesagt, aber das sagt ein von Gott seit alters Getäuschter, denn in dieser Kapsel spielen unsere Illusionen seit langen Zeiten mit dem Zweifel durch unsere Leidenserfahrung einen wüsten theologischen Poker. Hinter uns in der Kapsel steht das Leiden persönlich, hinter Gott aber steht ja bekanntlich niemand, außer wir wagten es, uns nach der List des Odysseus so zu nennen und dort zu vermuten. Auch den Teufel hat man im Hintergrund Gottes vermutet. Die Kunst der gespaltenen Trostlosigkeit besteht aber, ebenso listig wie abstrakt, in einem einfachen Bindestrich. Dieser winzige Strich, dieser kleine Stab ist unser Zepter im neuen Theater der Schicksalsmetaphysik. Auf dieser Bühne müsste aber der Gott aus der Kapsel gelockt und viel höher hinauf befördert werden. Wobei wir uns allerdings nicht höflich tiefer zu stellen haben. Wir am Boden brauchen den Bindestrich als Zepter zur Rechten und die Kapsel da oben bedarf der wild gewordenen Engel zur Linken.Was sagen die Künstler? Bloß abwarten und Tee trinken? - PM

TRÜMMERFRAU

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Man hat das Bild der Trümmerfrau aufpoliert, bis es heller strahlte als die Fixsterne am Ideenhimmel. Was man erreichte (und vielleicht erreichen wollte), war die systematische Verdunkelung des Anteils, den Frauen am Zustandekommen der Trümmerwelt hatten. Warum? Das mit Schuldgefühlen gepolsterte Mitleid mit den Frauen ist die letzte, unweigerlich von beiden Geschlechtern ergriffene Chance, jene männliche Dienstbarkeit wiederaufleben zu lassen, die das ›andere‹ Geschlecht sich in seinen Aufbrüchen so ausdrücklich verbittet. Ein Instinkt- und Reflex-Mann, der nichts mehr einsetzen kann, um das Los seines abtrünnig gewordenen Weibchens zu verbessern, es zu versüßen, auf irgendeine krumme Weise zu veredeln, kann immer noch eins: folgsam wie ein Hund mit dem Schweif wedeln, wann immer ein Zeichen erscheint, ansonsten bei allem, was geschieht, zutiefst davon überzeugt sein, dass allein sie, auf den zerfallenen Resten ihrer Familie sitzend, alles zusammenhält: Trümmerfrau. Verschwindet sie ganz aus dem Blickfeld, auch gut: dann stülpt sich das Trauer- und Trümmerbild über die Gesamtheit der Frauen, der verlassenen Frauen, der mit ihren Problemen alleingelassenen Frauen, der Frauen, deren berechtigtes Verlangen, wenigstens gleiche Chancen in der Gesellschaft zu erhalten, immer wieder mit Füßen getreten wird. Je kläglicher das eigene Scheitern, desto aggressiver die Parteinahme für die Frau(en) in Fällen, von denen einer nichts oder wenig weiß und die ihn, streng genommen, auch nichts angehen. Ob er’s glaubt? Das wissen die Götter, ratlose Gestalten in Weiß mit einem Schuss Schuldgefühl ohne Ende.

TSUNAMI

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Bei jedem großen Naturereignis – Tsunami, Erdbeben, Überschwemmungen –, bei dem innerhalb von Minuten Tausende von Menschen fortgerissen, ertränkt, erschlagen, verbrannt, erstickt, auf jede erdenkliche Weise ausgelöscht werden, explodiert das Mitgefühl mit den armen, unschuldigen Wesen, die auf so grausame Weise dem nachbarlichen Miteinander entrissen werden. Kein Wort davon, wieviele Morde, Intrigen, Misshandlungen, Betrügereien, Diebstähle, private und institutionelle Übergriffe in einem solchen Moment unterbrochen werden, wie viele nicht mehr zur Ausführung gelangen, weil die Natur Täter oder Opfer vorher außer Gefecht setzt. Darüber zu schreiben oder auch nur daran zu denken erschiene den meisten Menschen ungehörig, es wäre zynisch. Gegen den äußeren Feind, in diesem Fall die Natur, rücken alle zusammen – in Gedanken, nur in Gedanken, und das auch nicht allzu sehr, wie der statistische Verbrechensanstieg unmittelbar nach dem Einbruch des Entsetzlichen mitteilt: wer immer einen kühlen Kopf bewahrt und sich nicht damit begnügt, nicht betroffen zu sein, kann ihn ebenso gut einsetzen zu helfen, wie die Situation ›gnadenlos‹ für sich selbst auszunützen. Die Übermacht der ›Gewalten‹ macht die Menschen nicht gut, sie macht sie schlau, selbst vor dem sicheren Untergang. Der amerikanische General, der in diesem Sinn Natur spielte, als er die kampfbereit in ihren Schützengräben liegenden Einheiten einer Armee ›schlicht‹ mit Bulldozern zuschaufeln ließ, erreichte damit, dass die nächste Kämpfergeneration wusste, was ihr blühte, wenn sie sich einem solchen Feind zu erkennen gab. Die Natur hat keine Gegner, man rechnet mit ihr, man weicht ihr aus, man studiert und benützt sie, man erwägt die Vorteile und Gefahren, die sie bietet, man lernt vielleicht im Umgang mit ihr, was es heißt, Mensch zu sein, mit allen Vor‑ und Nachteilen, aber man liefert sich ihr, außer in Anfällen törichter Arglosigkeit, nicht aus. In diesem Sinn hat die islamische Welt dem Westen widerstanden, mag kommen, was will.

TÜCHTIGKEIT

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Ein Land, dessen erprobt große Durchsetzungskraft durch einen Faktor gebremst wird, sagen wir, eine Schuld, ein Schuldbewusstsein, eine Schande, ein überwältigendes Nie wieder, stringent und unklar verbunden mit dem verdrängten, wiewohl unauslöschlichen Gedanken, den großen Wurf, i.e. die Verfehlung, glücklicherweise verfehlt, es, soll heißen: seine Geschichte, versiebt zu haben, genehmigt sich ein neues Betätigungsfeld, frei und unbelastet von Reminiszenzen, und lässt seiner gewohnten Tüchtigkeit seinen Lauf. Das kann nicht gut gehen, das wird nicht gut gehen, also muss irgendein Faktor hinein, der den neuen Glanz, sagen wir, ein bisschen verdunkelt, sagen wir, ein bisschen versteckt. Also wird dieses Land unaufhaltsam zum Träger einer neuen Idee, einer neuen Macht-Idee, der gemäß der alte Machtwille gebrochen, gebannt, endgültig zu Grabe getragen und durch etwas Gemeinschaftliches, dem Machtstreben Entsagendes, prinzipiell und auf Dauer Friedfertiges ersetzt wird. Wie denn sonst? In dem Maße, in dem diese Idee Realität gewinnt, das heißt Macht erzeugt, wächst die Verpflichtung, Seit an Seit mit den friedlich Verbündeten Druck zu üben, Macht zu demonstrieren, die man verdammt, Kriege zu führen, die keine sein dürfen, die gemeinsame Sicht der Dinge gemeinsam durchzusetzen, bis die prinzipielle Friedfertigkeit durchlöchert erscheint wie ein Schweizer Käse: so wird man verlässlich, so wird man respektabel, so wird man irgendwann wieder wer. Ein Akteur meldet sich auf der Bühne zurück. Wo steht das Stück? Ist es ein Wunder, wenn die prinzipiell friedfertig Verbündeten plötzlich Unruhe zeigen, sich die Augen reiben und einen Haufen Fragen stellen, die keiner beantworten kann, z.B. ob da nicht unter der Hand ein neuer Koloss heranwächst oder etwa vielleicht bereits herangewachsen ist? Wenn sie dann, dem Gesetz der Unruhe folgend, sich weiter fragen, wer in diesem neuen Machtfeld, dessen Teil sie nun sind, wohl jetzt und künftig das Sagen hat? Wenn sie unter der Hand Maßnahmen ergreifen, die, misstrauisch betrachtet, geeignet erscheinen könnten, die gemeinsame Sache am Laufen zu halten und zugleich zu bremsen, obwohl die Sache, als Idee betrachtet, kein Bremsen verträgt? Und wäre es da wohl ein Wunder, wenn der große Tüchtige, der doppelten Last der Geschichte ledig, plötzlich anfinge, hier und da ungemütlich zu werden, versteckt und offen Macht auszuüben, um die beworbene Sache voranzutreiben? Nun, kein Wunder, aber der Beginn einer anderen Geschichte, vielleicht ein sich in der Ferne abzeichnendes Desaster. Wer will das wissen? So, wie das Land dasteht, wird es immer auch Verbündete finden, die aus der Logik der Konstellation heraus denken und dabei auf ihre Kosten kommen. Was soll er tun, der große Tüchtige? Sich seiner Tüchtigkeit entschlagen? Aber das wollte er ja, auf einem begrenzten Feld, wo denn sonst?

TUWASSER

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Die Tuwasse aller Länder, groß oder klein, haben sich vereinigt und feiern den Durchbruch. Im Yagir zeigt man ihnen die Hebel und Knöpfe der Macht und mahnt lächelnd zur Vorsicht, ehe man sie mit ihrem Schicksal allein lässt. Natürlich sind alle Schalter programmiert und wer einen Hebel betätigt, der betätigt sie alle. »Geht doch«, rufen die Tuwasse und freuen sich, dass sich etwas bewegt. Dass es so leicht geht, hätten sie nicht gedacht, und im Grunde ihrer Herzen wundern sie sich. So werden sie mutiger vor der Zeit und lassen geschehen, was längst schon hätte geschehen können, hätten nicht andere Kräfte es immer zu verhindern gewusst. Nun sind sie weg, die anderen Kräfte, einfach verschwunden, und es geht vorwärts. Wie in jeder guten Parabel kommt am Ende der Umschlag. Sagen Sie, wer kennt die Enden einer Parabel? Niemand. Eine Tuwasserfahrt zieht rasch ihre Kreise, aber das Glücksgefühl, dabei zu sein, wiegt die Unbill der Fische auf. Schließlich merken auch sie, dass sich etwas bewegt, und sollten dankbar sein. Der Umschlag kommt schneller als gedacht, er kommt selten allein, auch verschwindet er rascher in den dafür vorgesehenen Schlitzen und Spalten, als ein Lächeln das andere wegwischt. Was zählt, ist der Augenblick. Er ist Zählmeister aller Klassen und wirklich unersetzlich.