MACHENSCHAFTEN

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Die aufeinandergestapelten Akten übler Verwaltungsprozesse gelten als staatsarchivarisch fruchtbare Sammlungen von Machenschaften. Tatsache ist auch, dass die berühmten Muster des stucco lustro an Wänden und Säulen barocker Kirchen bezeichnenderweise dem Schnittmuster der einst symbolisch von Henkersknechten auf Aktenböcken mit Äxten durchschlagenen Sammlungen auf überraschende Weise gleichen.
Jede einzelne Machenschaft selbst war fast immer von Tinten gebläut und schwimmend gerötet, sodass die staatlich geforderte Transzendenz in Dingen der Verwaltung oft in omamentalen Linienspielen vollkommen unterging. Hier sammelte sich der Neid in gelblichen, dort der Hass in grünlichen Farben, denn dazumal bestimmten durchaus noch Leidenschaften die Wahl der Tinten. Hieraus folgerte Wölfflin, dass die Malerfarben bedeutender Hofkünstler, ja selbst der Konditoren und Hofschneider vom Studium gerichtlich gespaltener Machenschaften bestimmt sein könnten. Besonders Spanien mit seinen Verwaltungsschulen bis hin zur Inquisition besaß eine ungeregelte, wenn auch formal- ästhetisch höchst verfeinerte Farbgebung aus dem Geist der dämonischen Machenschaften. Von Velázquez bis Goya ist deren Einfluß durch Wölfflin bezeugt.
Goya schreibt an den Oberrichter von Salamanka, Stolpedaro de Marquavedi Espoda, dem Schwager seines Bruders: »Werter Herr, teurer Freund, noch einmal bitte ich Sie um ein oder zwei groseteros (das sind ortsübliche Aktenfässer von etwa sechzehn Mavedis) da mir das Farbamusement zu dem Altarbild der Jungfrau von Oviedo auszugehen beginnt, ehe der Abt und der Herr Gouverneur die Kirche besichtigen werden.« (Aus Homomaris: Gespaltene Briefe)
Das deutsche Grundgesetz verbietet die ästhetische Nutzung von Machenschaften außerhalb der Redezeiten im Parlament. - PM

MACHT

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Man findet Menschen, die den finsteren Zauber der Macht so stark empfinden, dass sie ihn in allen Verhältnissen als das aufspüren, was letztlich zählt. Diese Tendenz hat eine theoretisch-praktische Disziplin der Weltseufzer hervorgebracht, deren Vertreter man abwechselnd beneiden und zur Raison rufen möchte. Aber es erweist sich als unmöglich, sie kennen die Uneinnehmbarkeit ihrer Position wie die Argumente, die man gegen sie auffährt. Der blinde Fleck in ihrer Kalkulation ist die nächste Generation, das heißt alle diejenigen, die von ihnen lernen, wie leicht man immer und in allen Belangen die Machtfrage stellen und folglich gewinnen kann. Wer die Macht zur Anzeige bringt, arbeitet dem Machttypus vor. Ein trauriger Befund, dem um Gesellschaft nicht bange ist.

MACRONADE

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Als ein paar Politiker beschlossen, die Kultur ihres Landes sei ›divers‹ und sonst gar nichts, also bloß eine Projektionsfläche für ihren Ehrgeiz, stellte sich heraus, wie einförmig alles geworden war: die amtlichen Medien, die stets dieselben Sprüche verbreiteten und dazu Bilder zeigten, von denen man nicht erfuhr, ob sie gestern oder vor vier Jahren aufgenommen worden waren, die Leitmedien, die alle wie auf Verabredung in dieselbe Richtung hetzten, am liebsten gegen die Hetze, das heißt, vornehmlich gegen den Widerspruch, den sie vereinzelt erfuhren, die Priester, die sich aufatmend der neuen Richtung an den Hals warfen, weil sie irrigerweise annahmen, dass nur sie die Kraft aufbringen würden, das Land in den vor ihm liegenden Krisen zu stabilisieren, die Schwätzer, die sich an allem aufgeilten, was Anlass zur Sorge geben konnte und daher Anlass zu großer Verschwiegenheit wurde, die bezahlten Denker, die unentwegt das Tor zur Zukunft aufstießen, das vor geraumer Zeit hinter ihnen ins Schloss gefallen war, ohne die Laufrichtung ändern zu wollen, die von ihnen allen an-, doch nicht ausbuchstabierten ›anderen‹, auf die das Wort von der Diversität gemünzt war und die von seiner Schwere überrascht wurden, als fühlten sie sich von einem Goldbarren halb erschlagen und halb beglückt, den ihnen eine boshafte Fee zugeworfen hatte, um ihre Reaktionsfähigkeit zu testen, und den sie doch nicht würden einwechseln können. Und plötzlich, wie auf Verabredung, begannen alle zu keifen, vereinzelte Kämpfernaturen gingen darüber hinaus und provozierten den Unfrieden wie eine im Anmarsch befindliche Bürgertugend.
Es war ein altes Land mit einer großen Kultur, glitzernd im Tau seiner Untergänge, von finsteren Träumen seiner Vergangenheit heimgesucht, selbstverständlich in seinem Stolz, der nichts zu bedeuten hatte, weil er so eingekerbt war, dass er keines Wortes bedurfte, und nun herausgefordert wie nie zuvor in der Geschichte, wenn man von den legendären Anfängen absah, über die ein Erwachsener lächelte. Nun wurde es mit den Knien geritten. Der es ritt, hielt sich für einen neuen Wilden, einen Eroberer der Leere, an der alles Vision schien, ein Stück Bast in der Hand, mit dem er sie binden wollte, als ließe sich anschließend daraus trinken, denn er war, wie seine Landsleute, Weintrinker und vertraute dem guten Tropfen im voraus mehr als dem Tropf, der aus ihm sprach.

MAGMA

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Da liegt die Gegend, wo, zwischen Eisriesen, flüssiges Magma das Meer zum Kochen brachte und die getöteten Fische tonnenweise bauchoben schwammen – soviel zur Orientierung. Man fühlt sich seltsam wohl an solchen Plätzen, die Luft geht frei und der kühle Kopf bemerkt so mancherlei, was ihm sonst weniger auffällt. Die Natur bewegt sich aufgeräumter als anderswo, mehr obenhin, sie rührt, könnte man meinen, weniger an, was schmerzlich sein könnte, und bekämpft energisch die Runzeln in ihrem Gesicht. Glatt sein, schön glatt sein, spiegeln, was es schon gibt, was es tausendmal gibt, hier wie an anderen Ufern. Das Leben der Fischottern ist nicht zu verachten, es sei denn, die Verächter kommen in langen Booten und das Gemetzel beginnt.

MAGRITTE

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»Hier, ein Magritte«, ruft die Frau des Direktors entzückt, sie leistet sich diese Passion, denn sie muss hart arbeiten und genießt das Schöne an seinen freien Tagen. »Es ist ein Magritte«, ertönt die Stimme des Gatten, der nachgesehen hat und sich insgeheim fragt, welche Diät der Meister vertreten mag, der so hoch in der Gunst der Frauen schwebt. »Wie ein Flöckchen, ein Wölkchen am lichten Azur, so ein liebes, leichtes Bild.« Der Gatte stutzt, solche Töne sind neu, streckt hier der Erwerbstrieb die Fühler aus? Doch die Frau ist schon weiter, sie bewundert, was kommt. Der Meister trägt einen strengen Scheitel, bemerkt der insgeheim zögernde Gatte, er spürt die Schwelle. Wieviel mag der Vogel gekostet haben? Einen Pappenstiel gegen das Bild, gegen Vogel und Ei, vom Meister betrachtet, gemalt, betrachtet, in natura und in effigie, und nun ich. Nur das Blau ist stumpf. Es ist wirklich stumpf. Den Azur hat sie geträumt, das Bild trägt sie hinweg. Schnell, fang sie ein. Oder halt, nein, es hat Zeit. Das Museum verliert nichts, es enthält sich doch selbst, was will man mehr.

MALBUTTER

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Das Verständnis für die Pittura grassi hat auf puritanische Weise stark abgenommen. Die heute gemalten Ideen, trocken und ohne Fülle, bedürfen schon lange nicht mehr der köstlichen Salben der Malerei, um Bilder im höheren Sinne fett und gleichsam ›katholisch‹ zu machen. Dazu gehört, dass inzwischen auch eine der einstmals bekanntesten Ölpflanzen der Venezianischen Malergärten am Canale lardo verschwunden ist. Es war ein Kräutlein, das selbst noch in den mageren Zeiten der Nazarener eine große Rolle gespielt hat, von den Deutschen ›das triefende Pfaffenäuglein‹ genannt. Eine unscheinbare Blattpflanze, aber Trägerin eines kostbaren öligen Seims, der nach Texten der Malerbücher kaum in einer der älteren Werkstätten gefehlt haben wird. Aus ihr gewannen die Künstler bis weit ins neunzehnte Jahrhundert im Handumdrehen das wasserlösliche Tränenfett, Laertina grassi, das in den Farbgeschäften zu Rom noch lange sehr rein, ohne Beimischungen von Stearin, in grüner Farbe zu haben war. Es war wohl in allen Sorten der Malbutter zu finden, die, von Tizian über Hans von Marées bis Giorgio de Chirico, den Meistern der letzten großen Peinture à l’uile, benutzt worden sind. Natürlich ist jede Malbutter anders. Das gotische Eierfett der Deutschen zum Beispiel, das, mit Elfenbeinstaub und ›hilligem Schmeersaft‹ zu Brei geschlagen, als Mus gekocht worden ist, wurde von den Meistern wohl eher bei der Arbeit verkostet als unter die Farben gemischt. Ein wunderliches Beispiel des echten leiblichen Malertums. Man fand das vertrocknete Mus in den Spalten frommer Altarblätter zur Unterfütterung schwindenden Holzes auf steinharten Brotfugen sowohl bei Jänsken van Soest wie bei Meister Emeram Martyr.
»Was hilft aller Glanz auf bemaltem Holz! Wieder habe ich heute, unter einem begehrlichen Schluckauf, die gute Malbutter anrühren müssen, die dann nie auf das Bild gelangt ist, weil kein Ränftlein Speck mehr im Hause war. Magarethe, mein Weib, und ich, verschlangen sie noch in der Früh unter Tränen.« So lautet ein Geständnis des einarmigen Malers Jacob Ohnbrass aus Ulm.
Auch von Chirico wissen wir manche Besonderheit. Er vergötterte beispielsweise eine halb flüssige Salbe von saftgrüner Farbe in einer Karaffe und ließ sie durch einen Adepten der Mailänder Malerküche, einer geheimen Spontaneinrichtung fliegender Künstler und Alchimisten, zweimal im Jahr überprüfen. Als dieser Vorgang durch gezielte Indiskretion in Rom bekannt wurde, nannte man ihn wegen seiner bis heute noch nicht begriffenen, in übernatürlichen Glanzfetten leuchtenden Stilleben der späten Zeit hinter vorgehaltener Hand nicht mehr einen metaphysischen Maler, sondern einen malenden Ölhändler. - PM

MALERGLÜCK & -PEIN

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Zwanzig Jahre vor der Tür des Zeichners herumgelungert, auf ein Wort hin, er sei dein Freund – welche Verschwendung an Lebenskraft und -anmut! Aber was für ein Maler: erst ist alles flüssige Kraft, Sog in die Ferne, die zugleich Innen ist, Innenferne, oft beschrieben, mit kristallenen Griffeln hervorgekratzt, alle Venen angestochen, alles vom Herzen her gesehen, gedacht, gepunktet, schraffiert, übereinander geschichtet, verdichtet und verdreht, damit es passt. Dann, im zweiten Durchgang, die matte Reprise, das Bunte, das sich breitmacht wie die falschen Blümchen auf einer Bergwiese, auf der plötzlich Ziegen weiden, herabgestiegen von den fernen Bergen, von den Zacken und Graten und Schrunden, auf denen sie schroffe Konturen gegen den Himmel zeichneten, Sternbilder für den einsamen Zeichner, der auch ein Wanderer war. Nun, da er denkt, es sei Mittag, bleibt die Tür zu, der Herr weilt wie weiland ein anderer im Seinigen. Aber, pardon, es ist nicht Mittag, es ist schon Abend, die Sternlein blinken, das Haus, das feste Haus, hat die Mütze gezogen und salutiert, eine archaische Geste, die man hier nicht vermutete. Bei diesem Anblick fröstelt den Wanderer, der Eintritt, denkt er, hat sich erübrigt und schließlich, wer tritt schon die Tür des Nächsten ein, nur um ihm näher zu sein.

MALGRUND

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Der Grund, auf den ich male, der Grund, aus dem ich male – seltsamer Doppelsinn, seltsames Doppelwesen, das vor die Wand tritt, als habe es soeben noch in ihr residiert, doch die Wand kann sich an nichts erinnern. Ohne Wand kein Grund, doch Wände, die keine Gründe hergeben, gibt es zuhauf. Es ist sogar, näher betrachtet, die Regel, denn unverwandt sind sie immer. Was sich erhebt, grundlos erhebt, bedarf des Grundes, um ohne Grund da zu sein, es bedarf der Grundlosigkeit, um sich zu erheben, andernfalls erhöbe es nur... Aber was rede ich! Das Abrakadabra der Kunst ist eine Gemengerede, der keine Gemeinde zu folgen vermag. Man übermalt den Grund, der einen bewog, man übermalt das Überwiegende, um seine Übermacht zu erfahren, man übermalt den Grund, den es ohne diesen Akt gar nicht gäbe, der im Übermalen aufscheint und verschwindet, ohne zu vergehen. Er geht in eine Art Untergrund über, von dem man, ginge es mit  Recht zu, sagen müsste, dass er die Operationen der Oberfläche erklärt. Aber da erklärt sich nichts. Die Oberfläche erklärt sich selbst, sie trägt den Malgrund in sich wie... wie... das unartikulierte Bild. Und das ist wenig gesagt, blutwenig, sozusagen. Erhöbe sie sich, eine Aurora des Hierseins, nicht wirklich über ihren Gründen, so bliebe sie, immerhin, eine der Gänse des Kapitols. Aber sie weckte niemanden und die Gefahr ginge ganz unbemerkt an allen vorüber.

MANGANELLI

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Die wirklichen Stellvertreter Gottes auf Erden hält sich die Gesellschaft als Spaßvögel. Es ist ihnen nicht unlieb, denn so haben sie ein Auskommen, während ihnen andererseits der Ausgang verwehrt ist. Eingesperrt in die Zelle ihrer Vertretung, können sie Zeitung lesen, Wasser kochen oder Bücher schreiben, es ist alles gleich und es ist alles vergebens. Der, den sie vertreten, lässt sich nicht blicken, er schickt auch keine Boten vorbei, er vertraut absolut. Dieses absolute Vertrauen erregt den Stellvertreter in jungen Jahren, eine Zeitlang lässt es ihn kalt, dann wieder wird es ihm lästig, aber er begreift – oder weiß es unter der Oberfläche der Zweifel –, dass es immer da ist und immer da sein wird bis zum letzten Atemzug. Was danach sein wird? »Keine Ahnung«, sagt die junge Frau mit dem zwischen jugendlichem Hochmut und Entgeisterung changierenden Gesicht, »muss ich das wissen?« »In der Prüfung schon«, versucht es der Dozent, »aber vermeiden Sie unbedingt dieses ›keine Ahnung‹, man könnte Sie beim Wort nehmen.« »Wobei sonst?« fragt die junge Frau und zuckt mit den Achseln, »keine Ahnung.« Der Stellvertreter Gottes denkt viel, aber er denkt zum Zeitvertreib. ›Keine Ahnung‹ könnte er jedem Satz anfügen, den er niederschreibt, doch das wäre schlechter Stil und widerspräche dem Amt.

MARÉES

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Wer das Meer im Namen trägt, braucht für den Ankerplatz nicht zu sorgen. Er bewegt sich zwischen den Schichten, zwischen Himmel und Erde, ein alter Dachdecker, der auf dem First davonreitet und den Hunden ein Schauspiel bietet, auf das ihr Geheul lange gewartet hat. Nun entlädt es sich in die Nacht hinaus, die Lampen geben einen ungenauen Eindruck von dem, was vorgeht, sie strahlen hell und sind sauber justiert, aber sie bleiben dahinter. Dieses Dahinterbleiben des Lichts ist etwas Geheimnisvolles, es gibt dem, der mit dem Licht arbeitet, einen Vorsprung, den er dringend benötigt, um ihn sofort zu missbrauchen, weil er mit ihm – in Wahrheit – nichts anfangen kann. Nein, er bewegt sich nicht in der Wahrheit, sondern außerhalb, das Meer der Lügen liegt ihm glatt an, schwer, kühl und ölig, wäre nicht die Positionslampe, die er fürs Fortkommen angesteckt hat und nun brennen lässt, weil sie bereits brennt, er würde vom Druck des nachdrängenden Lichts davongetrieben, so vermag er zu navigieren und kreuzt dort auf, wo ihn niemand erwartet, zur Unzeit, die niemals endet. Unter Ruderern gilt der Satz: besser einen Marées im Nacken als einen tätowierten Stier im Geviert.

MASCHINENTEXTE

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Angenommen, es passiert – es passiert immer, aber angenommen, es passiert wirklich –, so darf man sich nicht wundern, wenn die Reaktion darauf überraschend ausfällt – so, als habe etwas in uns nur auf diesen Moment gewartet, um sich zu entfalten oder, bleiben wir vorsichtig, eine Art Semi-Sichtbarkeit zu beanspruchen, an die vorher gar nicht zu denken war. Wie das geht? Ein Beispiel. Jeder, der sich im automatischen Schreiben versucht, macht die Erfahrung, dass es nicht geht. Die Instanz, die unsereins manchmal Geist, manchmal Bewusstsein und manchmal einfach Verstand nennt, weil das Wort Vernunft immer gleich mehr Fragen aufwirft, als zu beantworten sind, ist unhintergehbar. Man könnte das eine theoretische Erfahrung nennen, wohl wissend, welche Kröte man sich damit ins Haus holt. Was aber geht, was wirklich geht und gelegentlich, ohne dass man es will oder weiß, wie man hineingeraten konnte, ist eine Explosion an sprachlicher Kraft, die sich selbst steuert und ihre Wege geht, als seien sie ihr vorgezeichnet, mit jener seit alters ›divinatorisch‹ genannten Sicherheit, die besser eine Unsicherheit genannt werden sollte, weil ihr Begleiter, die ausdenkende und -malende Phantasie, dabei immer wieder ins Hintertreffen gerät und im Grunde von der Bewegung überrollt wird. Diese Kraft ist vielleicht die unruhig gewordene Vernunft, die sich aus den Beschränkungen losrüttelt, die ihr im Alltag auferlegt sind, weil Gefahr im Verzug ist. Und, seltsam auch das, diese Kraft ist eigentlich zeichnerisch – überflüssig, darüber nachzudenken, in welchem Medium sie sich bekundet.

MASSENMENSCHEN

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Anders als der von einzelnen Machthabern gelenkte Mitläufer in einer Zeitherde ist der wirkliche Massenmensch aufs tiefste befähigt, die Zeitherde in all ihren Zuständen zu begreifen. Er versteht die Masse als seinesgleichen, verfällt ihr aber nicht. Er trennt sich nicht wissend von ihr ab, sondern bleibt wissend in ihr. Zweifellos ist dies die genaueste Definition des Menschensohnes und damit der imitatio Jesu. So entgeht er zugleich der Öffentlichkeit als versteckter Prophet und verlässt sich auf die Tatsache, dass kein Gedanke vergebens ist, ob er aufgeschrieben wird oder nicht, denn er denkt in der Zeitherde und seine Gedanken wirken darin als ein Amalgam zur Legierung des Denkbaren. Sie steigen auf wie das Wasser in Goethes Gleichnis, erfüllen das Jenseits mit Dampf, und neue Generationen kehren davon erfüllt zurück.
Wieviele solcher Massenmenschen es gibt, ist wegen ihrer fehlenden Werke schwer zu erkennen. Manche Seher meinen, es seien höchsten tausend in einer Generation, andere sprechen von fünfzehn Millionen in allen Erdteilen. Wieder andere, wie Polonius Silabus, nennen für das römische Weltreich um hundert nach Christus präzise Achthunderttausendneunhundertfünfundsechzig, einschließlich Germanien, Gallien, Britannien und die Nilprovinzen.
Die Kenntnis vom Taomenschen bei Lao- tse mag nach Jan van den Klockenbusch (Homo sensibilitatis Christi, Münster 1650) auf einer ganz ähnlichen Einsicht in das Wesen des wahren Massenmenschen beruhen. Er bereiste mit Moritz von Meersemann die Südprovinzen Chinas im Auftrag seines venezianischen Verlegers Manutius und hielt in seinem Gefolge zwei zierliche Taomenschen. Nach Münster zurückgekehrt starben sie aber angeblich an dem, was sie ›verlogenes Wasser‹ nannten. Man vermutet, sie hätten den unbekannten Branntwein für klares Wasser gehalten, anderseits war einer von ihnen nachweislich Bibliothekar des Bischofs Franz von Galen. Ihre Spuren verlieren sich eher im tiefsten Gebirge Westfalens, den Baumbergen. In Nottuln soll es nach einer alten Überlieferung »zwee gineske Dautensteene« (chinesische Totensteine) mitten in einem Waldstück gegeben haben. - PM

MATERIALIST

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Wer sagt, er sei Materialist, riskiert viel, nicht zuletzt, von seinesgleichen für einen Idioten gehalten zu werden. Ein Materialist, der sich auf der Höhe seiner Anschauungen bewegt, gibt sich nicht zu erkennen. Wer vorgibt, Materialist zu sein, wird durch zwei, drei Gesprächszüge überführt, die jeder beherrscht. Man braucht dafür nicht ›gebildet‹ zu sein, man muss nur den Anforderungen des Geredes nachzukommen wissen. Der Materialismus führt eine Großväter-Existenz, er weiß sich unter den Seinen und hat sich damit abgefunden, dass ihn alle auf eine lustige Weise ›von gestern‹ finden. Gab es in seiner Jugend schon Autos? Es ist nicht wichtig, schließlich ist er noch immer rüstig und lehnt einen tüchtigen Fußmarsch keineswegs ab. Doch sieht man ihn von vielen Besorgten umringt, die es am liebsten haben, wenn er ruhig im Sessel sitzen bleibt und die alten Geschichten noch einmal zum Besten gibt. Zugleich stört sie jedes laute Wort, das in seiner Nähe gesprochen wird. Sie finden es unerhört und bitten um Diskretion. Da er schwerhörig ist, zumindest auf einem Ohr, versteht man nicht recht, was sie damit bezwecken, bis man sieht, dass sie das noch leidlich intakte besetzt halten und kräftig gegen äußere Einflüsse abschirmen. »Lass dich nicht beirren«, flüstern sie ihm ins Ohr, »du bist auf einem guten Weg. Wer den Schotter herankarrt, muss schließlich wissen, wie es weiter geht. Wir vertrauen dir.« Nun, sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. »Schotter! Ich verlange Schotter! Sofort!« brüllt der Alte und schnellt nach vorn. Da rufen sie rasch nach dem Arzt und betten den Hinfälligen tiefer in seine Kissen.

MATRIOT

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Unter Patrioten ist der Matriot, was der Buchfink unter den Bucheckern: äußerst beliebt, auch wenn keiner weiß, was das soll. Was soll schon sollen? So ließe sich zurückfragen, aber es wäre das Porto nicht wert. Der Matriot stammt aus einer Sphäre, die der Physik noch nicht zugänglich ist: er steht zwischen Patriot und Antipatriot und will vermitteln, wo andere nur Feuer und Wasser oder Gott und Gottseibeiuns sehen. Sagte ich Physik? Ich sage nur: Märchenstunde. Dort vermitteln zu wollen, wo es nichts zu vermitteln gibt, grenzt an Unverstand, was sage ich, es überschreitet die Grenze ganz energisch, es ist Unverstand. Recht bedacht allerdings – immer schiebt etwas sich ein, was bedacht werden will –, recht bedacht ist jeder Patriot Matriot: nicht weil er Vater und Mutter ehrt, sondern weil er den Antipatrioten besänftigen muss, den er in sich trägt. Et vice versa. Warum das so ist? Patriotismus – was wäre das anderes als eine Anhänglichkeit, die, tausendmal zu Tode enttäuscht, aus Abscheu Zuversicht schlägt? Und wenn schon nicht Zuversicht, dann wenigstens den grimmigen Mut, sein Land zu behaupten? Nun, behaupten lässt sich allerlei, vor allem das Gegenteil, was immer am einfachsten geht. Antipatriot ist, wem der Patriotismus abgeht. »Das geht mir völlig ab«, sagt so einer und mein damit: Das geht mir gegen die Natur. Wenn die Natur widerstrebt, muss doch etwas da sein, das zieht? Vom Ziehvater ist in seinen Kreisen häufig die Rede, schärfer klingt schon der Stief- … wer dächte nicht gleich an den Stiefel samt allen Weiterungen? So zieht eins das andere nach sich, ein Bild löchert das andere, der Antipatriot bleibt Rebell. Gegen was? Gegen wen? Klopfet an und es wird euch aufgetan.

MAULWURF

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Der menschliche Maulwurf gräbt seine Gänge nicht unter der Erde, sondern in freier Luft. Man kann sagen, es ist die Luft der Freiheit, die ihn zu seinem Tun stimuliert, er schwängert sie gleichsam mit dem Geheimnis, das ihn umgibt. Deshalb sagt man, er untergräbt die Freiheit der Rede. Die Rede, solang sie frei fließt, kennt kein Geheimnis, ihr Geheimnis liegt im Fluss, im Fortgang, nicht von A nach B, sondern darüber hinaus. Maulwurfsrede, dort, wo sie beginnt, ist unfrei, sie verwandelt Freiheit in Unfreiheit, schon der Verdacht, sie könne vorliegen, genügt. Ideologen genügt der Verdacht, sie pfeifen auf den wirklichen Maulwurf und setzen seinesgleichen voraus, wann immer es passt, damit zwingen sie jeden ins Joch der Unfreiheit. »Dient dem Feind!« So qualmen sie, selten nimmt einer die Pfeife aus dem Maul, wenn er redet. Was dem Feind dient, ist nicht erlaubt. Wenn alles dem Feind dient, ist nichts erlaubt. Ein schöner Feind wäre das, dem etwas nicht diente: ein Wort, eine Geste, ein Zug. Diese Züge! Immer fahren sie, wohin keiner will, man steigt zu, weil die Richtung ungefähr stimmt, und man steigt aus, weil einem dämmert, man hat sich verirrt. Ein Maulwurf kommt immer an, jeder Zug ist der seine, jede Geste durchfährt ihn blind, jedes Wort schnappt er auf und sackt es ein. Kommt seine Zeit, denkt er, so hat er die seine genützt, also hat er doppelt gelebt, was will der Mensch mehr. Fragt ihn einer, unschuldig wie der Mond, wie es geht, so hört er, fast im Vorbeigehen, ein Geflüster: »Es geht voran.« Maulwurf ist, wer Ereignissen vorangeht, von denen er annimmt, sie würden sein Dasein, eine verquere Hypothese, stützen. Was niemals eintritt, füttert die meisten.

MAUSKNACKER

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Jene Handvoll Theoretiker aus den siebziger Jahren, die heute noch en vogue sind, weil aus ihren Phrasen eine Art populärer Musik gewonnen wurde, die einem überall da entgegenschallt, wo Menschen, die angenehm leben wollen, sich in professioneller Denktätigkeit üben, könnte man vielleicht Mausknacker nennen: dazu bestimmt, Mäusen Angst einzujagen. Sie zeigen ihnen ein großes Maul und drohen damit, sie bei passender Gelegenheit auszuquetschen, bis Innen und Außen eins sind und nichts weiter da, was zu schützen sich lohnte. Wo die vertrauten Konterfeis herumstehen, hocken die Verhuschten in ihren Löchern – grau, bibbernd, verschämt die einen, stolz und geschwätzig wispernd die anderen, die gern mitknacken würden, aber stellvertretend und im kleinen Kreise.

MEINUNGSFREIHEIT

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Gäbe es Meinungsfreiheit in unserem Dorf, so stellte sich rasch heraus: wir haben keine. Bekanntlich setzt die Freiheit zu meinen eine gewisse Vielfalt voraus, Meinungen müssen vorhanden sein, um sich entfalten zu können, wo alle einer Meinung sind, herrscht Gewissheit. Nun enthält der Begriff ›Meinung‹ bereits eine gewisse Zurücknahme: ich bin mir meiner Sache zwar sicher, konzediere aber, dass andere anderer Meinung sein und ihrer Sache ebenfalls sicher sein könnten. Ich bin mir also relativ sicher, das macht mich zwar sicher, auf der richtigen Seite zu stehen, aber nicht, die ›Wahrheit gepachtet‹ zu haben, wie es so sinnig heißt. Im Gegenteil: der Wahrheitspächter, dessen bin ich mir ziemlich sicher, hat die Gesellschaft der Meinenden verlassen und bewegt sich außerhalb der Grenzen, die durch den Begriff ›Meinung‹ gezogen sind, also außerhalb der guten Gesellschaft, in der konzediert wird, dass jeder seine eigene Meinung besitzt und dies sein gutes Recht ist. Gerade daran nagt jedoch der nimmer ruhende Zweifel: Wenn jeder seine Meinung besitzt und im Munde spazieren führt, warum erkenne ich sie in der Regel bereits nach zwei Sätzen? Doch nur deshalb, weil seine Meinung die kurrente ist oder, genauer gesagt, eine kurrente, da in der Regel mehrere sich im Umlauf befinden, so wie in Grenzregionen jeder Einheimische auch die Währung des Nachbarlandes in der Tasche trägt. Wie gesagt, in unserem Dorf gibt es das nicht, hier herrscht eine Meinung und sie herrscht ungebrochen. Worüber herrscht sie? Über die Köpfe, gewiss, auch in ihnen, gewiss, aber auch über die anderen, immerhin denkbaren Meinungen? Wohin sind sie verschwunden, die immerhin denkbaren Meinungen? Das muss sich der Justizminister gedacht haben, der den Hassparagraphen erfand: natürlich in den Hass! Wo eine Meinung herrscht, herrscht Hass, und zwar nicht der Hass auf andere Meinungen, behüte, sondern der Hass auf die herrschende Meinung, die kurrente Wahrheit, die keine Abweichung zulässt. Gelänge es also, diesen Hass zu bekämpfen, ihn sogar auszurotten, dann ließe sich reiner Tisch machen und die Wahrheit triumphierte wie Gott im Mittelalter. Leider haben der Minister und seinesgleichen, wie die Ketzerverbrenner des Mittelalters, versäumt, die Frage zu untersuchen, ob der Gedanke einer triumphierenden Wahrheit, wie der des triumphierenden Gottes, auch stimmig sei: Triumph ist eine zu menschliche Geste, als dass es sich schickte, ihn Gott oder der Wahrheit zu unterschieben. Es schickt sich nicht, in dieser Weise zu denken, es ist geschmacklos und widert die Menschen an, vor allem die nachdenklichen unter ihnen, die sich zwar in der Minderzahl befinden, aber in der Regel wissen, wie es mit der geschändeten Wahrheit weitergeht. Und? Wie geht es weiter? In Wahrheit kann niemand die Wahrheit schänden. Was in ihrem Namen triumphiert, ist nichts anderes als das berühmte Bündel Stroh, mit dem im Märchen der allzu Beglückte aufzuwachen pflegt: war da nicht etwas? Aber vielleicht wissen die Hassverbrenner das längst und halten den Fetisch hoch, damit die Gutmeinenden sich empören. So hat man sie sicher im Sack. Schon haben sie sich in zwei Fraktionen gespalten, die einander bitter bekämpfen, beide hassgetränkt bis zur Stehkrause und sichere Beute des herrschend gesetzten Zynismus.

MENSCH FISCHER

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Als Opa das Kreischen erfand, dachte er mehr an Oma und ihre Bedürfnisse als an Ex-Minister und ihre Ausbrüche von Nachfolgerhass. Ganz frei davon war er nicht, wenn man die Musik-Alben der letzten 60 Jahre Revue passieren lässt. Doch wer spricht vom Kreischen. Mensch Fischer! – so redet man in der Regel nicht einen Menschen an, der einst die Geschicke eines Landes mitregierte, in dem so viele Menschen täglich ihr Glück und ihr Auskommen finden. Ehrlich gesagt, man zögert bereits bei dem Wort ›Mensch‹, weil es sich doch von selbst versteht und eigentlich nichts zur Sache tut, es sei denn, die Menschenfischerei wäre die Sache, was sie doch außerhalb der allein­selig­machenden Kirche niemals sein sollte. Allein­selig­machend: das wäre so ein Konzept. Man braucht dazu grobe Knechte und einen robusten, über ein, zwei Jahrhunderte stabilen Entschluss, es müssen ja nicht gleich Jahrtausende sein. Oder doch? Wer begriffen hat, wo Bartel den Most holt, möchte auch gern dabei sein, solang es geschieht. Er möchte auch sonst gern dabei sein. Das Wissen, wohin man gehört, gehört sich für ihn ganz von selbst. In einer Welt, in der keiner gerettet werden will und die Schlaueren bereits den Rettungswagen für ihren Nachbarn bestellt haben, versteht es sich praktisch von selbst, wenn einer einsam, doch weithin sichtbar auf seinem Balkon mit dem Blaulicht hantiert. Es muss gestritten werden – aber worüber? Wer die Stärkeren sind? Unstrittig ist das nie. Stärke kann schnell zum Impediment werden. Das Stärkste an der Politik des Heils ist die prinzipienlose Prinzipienreiterei, die sich anderen Interessen als Biomasse zur Verfügung stellt, in der irgendein Menschenrecht brodelt.

MENSCHENMACHER

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Das Ungleichartige gleich gestalten: ein biologischer Schematismus und zugleich das ›Wesen‹ (besser: ›Gewese‹) von Gesellschaft, in dem das Etwas-Hermachen und das Sich-etwas-Vormachen mit einer diffusen Beweglichkeit kopulieren, deren Richtungssinn schwer zu ergründen bleibt. »In Gesellschaft anderer ist der Mensch bei sich selbst«: ein solcher Satz, an dem die meisten Philosophen höchstens in terminologischer Hinsicht etwas auszusetzen hätten, markiert den Abgrund der menschlichen Dinge und ist von unaufhebbarer Komik. Man könnte bemerken, dass im Sich-Gleichmachen das ganze Potenzial der Differenz und der Differenzierungen zutage tritt, von deren Wirklichkeit jedermann ausgeht – auch das ein Witz, aber ein trauriger. Und können zusammen nicht kommen: das Tor der Gleichartigkeit erlaubt, wie die Passagierkontrolle der Flughäfen, nur ein Nach-, kein Miteinander. Wer glaubt, gleich danach käme man wieder zusammen, könnte sich böse täuschen. Denn streng genommen kommt kein Danach, niemals und nirgends. Der Zwang zur Gleichartigkeit bringt Wesen hervor, die einander ›begegnen‹, das heißt jene grandiose Folgenlosigkeit produzieren, die ebenfalls Gesellschaft heißt. Wie das? Man beachte die Trennungen mit ihren immer gleichen Ritualen, ihrem immer gleichen Vokabular. Aus einer Perspektive erscheinen sie schief, wie flüchtig über die wahren Verhältnisse gelegte Schamtücher, aus einer anderen erscheinen sie von einer gnadenlosen Härte, die offenlegt, was besser auf ewig verborgen geblieben wäre: der Mensch schneidet tief ins Fleisch des Tieres, das menschlich sein möchte und dessen Wille immerfort abgleitet in die konfektionierende Menschenmacherei.

MENSCHENOPFER

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Der international bekannte Gelehrte Christian von Grüsen-Schmerbach eröffnete die diesjährige Tagung der Grabbegesellschaft in Lichtel mit einem Vortrag, der nicht nur bei Fachleuten Aufsehen erregte. Er wies auf zunehmende Gefahren in den modernen Gesellschaften hin, unter denen die demographische Entwicklung eine der größten bisher zu wenig erforschten sei. Er argwöhnte, dass der Gegenstand zu einem Fall für die prospektive Archäologie werde, nehme man sich des Problems nicht augenblicklich und unter Einsatz aller gesellschaftlicher Mittel an. Noch niemals in der Entwicklung der Menschheit habe ein Forschungs­gegenstand sich aufgrund schwindender Substanz vor den Augen der versammelten Wissenschaft mit so ungeheurer Geschwindigkeit verflüchtigt.
In diesem Zusammenhang sei es eine der Herausforderungen für unsere Gesellschaft, die Theorie des Menschenopfers, wie sie in Folge des großen Mordens im vergangenen Jahrhundert erweitert worden sei, nicht nur zu überdenken, sondern für hochdynamische, in permanentem Wandel begriffene Gesellschaften neu zu formulieren, sozusagen als unblutige, aber höchst effektive Variante.
Im Kontext der verschiedenen Abtreibungsdebatten sei zwar die Frage gestellt worden, ob es sich um Mord handle oder nicht, das Problem des Menschenopfers jedoch sei gar nicht erst ins Blickfeld der Diskussionsparteien gekommen. Unter welches Rubrum aber sonst sei es zu fassen, wenn ganze Gesellschaften aufgrund ideologischer Verfasstheit, ökonomischer Mobilmachung und unter ostentativer Ausrufung der Befreiung der Frau den zukünftigen Menschen opferten, indem sie ihn gar nicht erst zeugten. Es handele sich, wie bereits erwähnt, um hochdynamische Gesellschaften, die den neuen Menschen an hervorragender Stelle für ihre Zwecke propagierten. Ziel der Untersuchungen sei es, so von Grüsen-Schmerbach, herauszufinden, ob es sich um immanente, nicht benannte Ziele der ideologischen Front oder um eine gesellschaftliche Widerstandsbewegung handle, die den kollektiven Selbstmord der mentalen Versklavung vorziehe. Jan Ritterling, Korrespondent vor Ort, berichtet von tumultartigen Reaktionen. Er vermutet, die ganze Tagung werde unter dieses Thema zu stehen kommen, da die Frauen es bereits aufgenommen und ihrem Sinne gemäß erweitert hätten. Dabei rückte die Frage in den Vordergrund, inwieweit die verschiedenen für die Frauen als neuerliche Unterdrückung durch das nach wie vor aktive paternalistische Schema zu wertenden Folgen der Emanzipation nicht auch als Menschenopfer zu betrachten seien. Die Frauen, soweit anwesend, beschlossen einhellig, sich mit der Randgruppe der ungeborenen Kinder zusammenzuschließen und kündigten für den Nachmittag ein neues Grundsatzprogramm an. Im Gegenzug appellierte ein harter Kern von Feministinnen an die Frauen, sich nicht durch theoretische Konzepte von ihrem gesellschaftlichen Kampf entfremden zu lassen und rief einen Gebärstreik aus, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. - AC

MENSCHENPÜPPCHEN

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Man stellt, wenn es um die neue Intensität des Glaubens geht, die Erweckungs­religiosität und den politisch motivierten Fundamentalismus zu sehr in den Vordergrund. Man vernachlässigt darüber die Religion, die unauffällig von Frauen an die nächste Generation weiter gegeben wird. Sie haben diese Aufgabe selbst in den Jahren des progressivistischen Wahns niemals versäumt, gleichsam als Rückversicherung für andere Zeiten. Die Wurzeln der Frömmigkeit liegen in der Kindheit und es ist nie ganz müßig zu rätseln, ob sie dort eingepflanzt oder nur gegossen werden. Angenommen, sie gehörten, wie die Disposition zur Sprache, zur genetischen Ausstattung und ließen sich durch geduldige Anleitung aktivieren, so wären Individuen, an denen dies versäumt wurde, einfach nur religiöse Idioten. Die Unruhe der Mütter wäre also gerechtfertigt, weil sie die kommende Generation vor einer Verstümmelung bewahrt. Dennoch kann man sich fragen, warum sie so unbeirrbar in dieser Angelegenheit Kurs halten. Irgendein Vorteil ist dabei, über den man reden kann, über den man reden können muss, ein Vorteil, der durch die sogenannte Frauenbefreiung nicht ausgehebelt wurde. Er muss schlagend sein, wenn keine Umgestaltung der Verhältnisse ihn zum Verschwinden bringt. Die Fähigkeit, religiöse Dispositionen zu hegen und weiter zu geben, ohne selbst religiös sein zu müssen, jedenfalls im Sinn intensiver Bekenntnisse und Gemütserregungen, setzt eine Art von Intimverhältnis voraus, das nicht viele Worte braucht, um sich zu entfalten. Man denkt an die Schutz‑ und Machtfunktion, die der Religion im sozialen Alltag zukommt, an die traditionelle Erhöhung der Frau durch allerlei pseudo-religiöse Praktiken, die sakrale Ummäntelung des Geschlechter­verhältnisses und denkt sich: nein, das ist es nicht. All das wäre durch profane Mechanismen ersetzbar, die seit langem benützt werden, um diese alten Modelle zu entkräften und, wo möglich, unter dem Vorwand der Frauenfeindlichkeit zum Verschwinden zu bringen. Im Grunde bleibt, wenn alle möglichen Vorteile ausgehebelt sind, nur die Figur des Vorteils selbst, das Auslösen einer Funktion, weil man die Macht dazu besitzt – eine Macht, die sonst ungenutzt bliebe, während die gesellschaftlichen Instanzen jede Macht ausspielen, deren sie habhaft werden. Macht also, das alte Motiv, und gleichzeitig eine Art Kennerwissen, das alle verborgenen Hebel ertastet, die sich an einem Menschen­püppchen finden und darauf warten, umgelegt zu werden, damit es sich in Bewegung setzt. Die Lust, in Gang zu setzen, was zu gehen bestimmt ist, auch wenn man um seine ambivalenten Züge weiß, und dabei jede Art Abwehrzauber herunterzubeten, kommt vor der Erziehung und durchkreuzt sie, wann immer sie die Erziehenden anwandelt. Manchen zeigt sich hier die dämonische Seite der Alleinerziehenden, die niemandem Rechenschaft ablegen als sich selbst, und auch das nur lückenhaft. Zäune, um durchzuschlüpfen, finden sich überall.

MENSCHENRECHT

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Es ist ein Menschenrecht, unbehelligt von notorisch überinterpretierten Erkenntnissen, deren Lebensbelang sich darin erschöpft, es, das Leben, vielleicht zu verlängern, vielleicht auch nicht, Grundsätzen zu folgen, die einer langen Evolution der Person geschuldet sind, ohne dafür aufs Streckbett einer gedankenlosen Moral gelegt zu werden und zum Hohn den Verlust seiner vertrauten Umwelt zu tragen. Ein schwieriges, schwer durchzusetzendes Recht. Auch Menschenrechte bedürfen des Menschen. Wer hätte das gedacht?

MENSCHENRECHTE

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Die Menschenrechte sind eine heiße Sache, die leicht zerfällt, wenn sie kalt genossen wird.

MENSCHHEITSAUFGABE

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Die Menschheit hat nur eine Aufgabe und die ist sie selbst. Wie das gemeint sei? Dumme Frage. Bitte stellen Sie sich nicht einfältiger als Sie sind! Die Menschheit ist sich aufgegeben, sie muss sich vollenden, zumindest bewahren, zumindest durchbringen – was nicht so einfach ist, da sie fortwährend wächst und wächst und... Also nochmals! Die Menschheit, das sind Leute, die einander kaum kennen, die einander größtenteils nicht kennen, Wildfremde, wenn Sie so wollen – aber: diese Leute (oder einige unter ihnen) haben entschieden, einander gegenseitig eine Einheit vorzutäuschen, über die sie selbst keineswegs im Bilde sind. Das wäre also ... die Spitze des Eisbergs! Nur ein Bruchteil der heute lebenden Menschen ist an dem Spiel beteiligt, das Menschheit heißt. Der Rest hat keine Ahnung davon oder es ist ihm egal. Vernachlässigen darf man ihn deswegen nicht, denn er bestimmt das Spiel. Die Menschheit: ein Durcheinander von Aussagen über Personen, die nicht wissen, dass sie die Menschheit sind, – nicht gemeinsam, denn es gibt keine Gemeinsamkeit zwischen ihnen, nicht zusammen, denn sie kommen niemals zusammen (furchtbarer Gedanke, sie könnten eines Tages zusammenströmen ––), nicht miteinander, denn sie kennen einander nicht, nein, in ihrem eigensten Tun und Handeln, um vom Denken zu schweigen, bilden sie täglich-kläglich die eine Menschheit, über die andere – wenige – zu Gericht sitzen: Was hat sie verbrochen? Wohin bewegt sie sich? Reicht der Planet noch, an dem sie sich täglich versündigt? Wohin reicht der Planet? Wofür reicht der Planet? Sollten wir nicht andere auftun? O dieses ›Wir‹: in ihm liegt die ganze Menschheit in ihrem Wahn wie ein Säugling in seinen Windeln.
Aber es kommen doch die gewählten Vertreter der Staaten zusammen, um über das Schicksal der Menschheit zu befinden? Aber es gibt sie doch, die weltumspannenden Organisationen, in denen das Wort ›Zusammenarbeit‹ obenan steht? Werden nicht alle bewegt von Öl, Wasser, Luft und den Schätzen der Erde, um vom Klima zu schweigen? Ja, es kommen zusammen die Mächtigen und die Ohnmächtigen unter den Mächtigen, zu pflegen die Macht der Ohnmacht und sie zu leiten auf die Wasser der Mächtigen und ihrer Klienten, sie lesen dieselben im Auftrag gefertigten Statistiken und fassen Beschlüsse, in denen der Menschheit etwa die Bedeutung der Wand zukommt für einen, der verzweifelt nach einem Ausgang sucht: man kann sich schon denken, von welchen Furien er gejagt wird und wie das Personal sich im Raum verteilt. Die Menschheit, wie immer man es wendet und dreht, ist eine transzendentale Größe, eine verschiebbare und immerfort verschobene Grenzlinie, von einer Interpreten-Elite in den Sand, die Meere, die Luft und schließlich in den Weltraum gezeichnet und anschließend als Erpressungsmittel von Menschen verwendet, denen der Gedanke an Abstraktes am A... vorbeigeht. Man sollte sie den großen Einfältigmacher nennen – in des Wortes vielfältigster Bedeutung.

MENSCHHEITSZOO

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Man muss sich aus der sogenannten Moderne herausdrehen, langsam, vorsichtig, behutsam, immer darauf bedacht, die Fassung nicht zu verletzen oder zu verlieren: das ergibt einen guten, einen menschlichen Sinn, der sich schwer aussprechen lässt. Viel eher setzt er auf das Empfinden, das ein Einzelner mitbringt. Wer will das kalte Kunstlicht in sich selbst zum Erlöschen bringen, das sich dem Kontakt verdankt? Wird es nicht finster, sobald der Kontakt unterbrochen wurde? Wer sagt mir, dass jenes immerfort überstrahlte Licht wirklich leuchtet, ausreichend leuchtet, um all die Funktionen zu erlauben, aus denen das Leben besteht? Dass es mir zu sehen erlaubt? Warum aber, wenn das so ist, der Eindruck des Überstrahltseins, der Überblendung, der Bewegung in einem künstlichen Raum, während der andere immer mitgeht, schattenhaft, substanzlos vielleicht, aber als Substanzverlockung? Natürlich, sagt der Analytiker, der Traum vom einfachen Leben deckt zu, wie schwierig, seltsam und wenig verlockend es dort zugeht. Aber, unter uns, wer hat diesen Traum je geträumt? Er ist ein Trick – ein Analytikertrick, der bei der Stange hält und halten soll, darin liegt eine Aufgabe, die erfüllt er gut. Niemand hat es gesehen, jenes einfache Leben, niemand hat es  geführt, allenfalls gefühlt hat man es, mit dem Zauberspiegel des Fremden aus Verhältnissen herausgelesen, die zu ergründen vielleicht Spaß macht, vielleicht nicht, sich jedenfalls in Abbreviaturen ergeht, die man Hypothesen nennt – eine nach der anderen, darauf kommt es an. Alle Verhältnisse, in denen ein Mensch lebt, in den Menschheitszoo gestellt und zur Begaffung freigegeben, wirken auf wundersame Weise einfach und merkwürdig, merkwürdig muffig vor allem, als zerbröckelten sie unter der Hand, nicht lebbar, das ist das Wort.

MENSCHSEIN

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Das nur im Plural existierende Menschenrecht ist das verbriefte Recht des Menschen, Mensch zu sein. Da jeder bereits Mensch ist, bevor er dieses Recht einklagen kann, braucht es juristisch gebildete Mitmenschen, die ihm, wenn es soweit ist, vorsprechen, worin sein Recht, Mensch zu sein, im Detail besteht. In diesem Vorsprechen lauert eine Drohung, die nur der vernimmt, den sie angeht. Er vernimmt sie vielleicht besser als alles andere, so wie ein Festgenommener, dem man seine Rechte vorspricht, halb von Sinnen vor Angst, kaum versteht, was man ihm da sagt. Dabei sollte er gerade an dieser Stelle genau hinhören, denn das interpretierte Menschsein wird exakt nie und nimmer das seine sein, es wird sich seiner annehmen und ihn umformen, bis er selbst sich kaum wiedererkennt, auch wenn er das niemals zugeben wird. Ein Mensch, der sein Recht darauf reklamiert, ein Mensch zu sein, ist schon ein anderer. Das mag für ihn gut oder schlecht sein, aber sein Ruf ist ruiniert. Er besitzt jetzt den Ruf eines Menschen, dessen Menschsein in Frage gestellt ist. Er wirft Fragen auf, deren Brisanz er nicht kennt, er fängt sich Antworten ein, die er nie überblicken wird, von Leuten, mit denen er im Leben nichts zu tun haben wollte, um eines Lebens willen, das er sich so nicht vorstellen konnte. Dabei wäre es einfach das Recht, da zu sein wie andere auch.

MERKER

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Ehrlich gesagt, wir misstrauen der Wissenschaft vom Menschen, soll heißen seiner theoretischen und praktischen Aufbereitung unter gentheoretischen, gehirn­physiologischen, erinnerungs­psychologischen, religions­therapeutischen etc. Gesichtspunkten. All diese Forschungen sind nur in ihrer Anfangsphase ›heiß‹, danach werden sie rasch kalt und beschäftigen noch eine Zeitlang die Fachleute und Geschäftemacher, während die Neugier der Menschen über sie hinwegschweift. Die Medizin, ja, die Medizin. Auch werden sicher neue Forschungen kommen und neue Anfangsphasen, daran kann es nicht liegen. Vielleicht daran, dass keine Wissenschaft ›vom Menschen‹ handelt und sich das in Wellen herumspricht. Aber es spricht sich ja nicht herum. Ehrlich gesagt, es spricht sich niemals herum. Es kann sich auch gar nicht herumsprechen, weil die Kriterien fehlen und keine Wissenschaft weit und breit sich imstande sieht, sie zu liefern. Es lungert auch niemand in den Eingangshallen der Wissenschaft und verlangt Aufschluss. Die ungeheuren Heerscharen adrett gekleideter Studienanfänger, die stracks hineingehen, verlangen nichts dergleichen, sie wären zu Recht verwundert und schon ein wenig misstrauisch, wenn man sie fragte, ob sie nun, nach der ersten oder zweiten Vorlesung, mehr über den Menschen wüssten, nach dem Examen empfinden sie die Frage als Zumutung. ›Geht doch!‹ steht über der großen Eingangshalle des Volkes und kein Hexenmeister hat seine Freude daran. Dieses ›Geht doch!‹ ist dem delphischen ›Erkenne dich selbst!‹ funktional äquivalent, aber nur funktional und nur äquivalent. Fragt man aber nach der Valenz dessen, was da valiert, tappt man im Dunkeln. Geht doch! »Wenn ich einen Krebs operieren kann und der Mann lebt noch fünf Jahre, dann sind das womöglich entscheidende Jahre – sagen wir, die Tochter macht Abitur, der Sohn kann promovieren, die Frau darf sich ohne Gewissensbisse scheiden lassen und muss nicht anschließend als Witwe herumlaufen.« So spricht der Medizinprofessor zu seinen Studenten, denen das einleuchtet. Schließlich wollen sie operieren. Warum? Suchen sie ihr Wissen vom Menschen beim Medizinmann? Oder der Medizinfrau? Keineswegs. Sie schlendern schließlich auch nicht durch die Kirchen, um das Knie zu beugen, sondern um die Kunstwerke zu betrachten, die darin hängen, oder weil es so angenehm kühl ist oder man ihnen gesagt hat, es lohne sich. Nun, es lohnt sich. Wenn die religiöse Konkurrenz die Inbrunst ein wenig aufdreht, steigt das Interesse ›an Glaubensdingen‹ marginal, aber merklich, und die Funktionäre bekommen glänzende Gesichter. Nichts ändert sich, nur der Wahn zieht seine Bahnen. Ist das Nihilismus? Gefehlt. Der Nihilismus ist eine der Überzeugungen, die keiner teilt – schon gar nicht mit sich selbst. Geht doch! Hundert Jahre Nihilismus und allen reicht es zu überleben. Hundert Jahre Überleben und allen reicht es. Allen? Wie steht es um die Nimmersatten, die Sauger, die Nuckler, die Perversen, die keine Ruhe geben, die Scheinperversen, die keine Ruhe finden, die pervers Scheinheiligen, die innerlich weiter sind und weiter drängen, hinaus über die Säulein des Herkules, der ein kräftiger Mann gewesen sein muss? Schade um ihn, aber sowas wächst nach und ist immer zur Hand. Wer alt wird, muss sich viel merken. Diese Gesellschaft wird alt: so sagt man. Nun, an der Merkerei stirbt das Wissen vom Menschen zum zweiten, dritten und vielleicht vierten Mal. Auch deshalb wirken die Ältesten leer. Vielleicht merken sie nicht mehr so viel, aber innerlich stecken sie voll Merkerei. Voilà, die Epoche der Merker ist gekommen. Wohl dem, der’s merkt.

MESSERWITZ

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Der Mord ist der Missbrauch des Messers. Das stand in ehernen Lettern über der Tür zum Gerichtssaal, die einer durchschritt, dem es ans Leben ging. Und es ging weiter, viel weiter noch, nur die Geschichte endet hier.

METAMUSEUM

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Wie einer der raumfüllenden Kunstmoderne überdrüssig werden kann, sieht man gut und gern an den Tapezierern, deren Museumsaufträge noch aus dem letzten Jahrhundert herüberreichen. Ein solcher Überhang sollte eigentlich gepflegt werden. Doch Stillstand ist nirgends und Pfleger gehören ins Seniorenheim oder auf die Krankenstation. So drängen die Tapezierer selbst ins Museum. Am besten befänden sie sich als Mumien im Metamuseum, in dem die Museen mitsamt ihren Helfern im metamusealen Alltag verdämmern. Am Metamuseum wird allerorten gebaut, den einen oder anderen Trakt kann sich ein heller Kopf bereits vorstellen, doch das Ganze bleibt auf unabsehbare Weise vertrackt. Nun, die Tapezierer sind da den entscheidenden Schritt voraus. Ein kühler Rechner könnte, falls er Lust hätte, ihnen attestieren, dass sie bereits eingezogen sind und voller Vertrauen den Erbauern ihrer Heimstätte entgegenlächeln.

METROPOLENBEWUSSTSEIN

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Gewisse Leute entwickeln, auch wenn sie auf dem Land oder in der Kleinstadt aufgewachsen sind, ein rückwärtsgewandtes Metropolenbewusstsein, d.h. sie fügen ihrem Gedächtnis all die Ereignisse ein, die ihnen, aktiven Gliedern der Gesellschaft, die sie geworden sind, am Herzen liegen oder deren Kenntnis ihnen ihr Beruf zwingend vorschreibt. Jetzt haben sie all das auch mitbekommen, jedenfalls können sie darüber reden und gegebenenfalls schreiben, als seien sie dabeigewesen: Das haben wir erlebt. Sie könnten auch sagen: So haben wir gelebt. Der Grund dafür liegt, außer in der notorischen Unfähigkeit, die Dinge auseinanderzuhalten, mit der so viele geschlagen sind, in der Scham darüber, damals nicht wahrgenommen zu haben, was heute zählt. Das Mitzählenwollen verlangt gebieterisch nach Gedächtnisinhalten und das folgsame Ich spuckt sie, mühsam wie alles, was einmal in den falschen Hals geriet, bei Bedarf aus. Man könnte darüber zur Tagesordnung übergehen, entstünde aus dem Durcheinander nicht nach und nach ein Gemenge aus angeblichen Erfahrungen, die in keines Menschen Gehirn passen, aber als Grundlage für Urteile über vergangene Zeiten sowie über Menschen herhalten müssen, die in ihnen lebten und handelten – im Guten wie im Schlechten.

MIENENSPIEL

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Da den Tieren gewissermaßen die Bärte bis über die Augen wachsen, so dass, außer in aggressiver Weise, kaum ein anderes Mienenspiel als der Wutausbruch möglich ist, kann man die hochentwickelte Urkunst menschlichen Ausdrucksvermögens auf diesem Gebiet ebenso für den Anfang der Schauspielerei wie der entsprechenden Bühne betrachten. Gedanken und Gefühle treten hier auf, teils vom Direktorium unzähliger Absichten nach außen gesandt, teils von unendlichen Begegnungen herausgefordert. Überhaupt sind die Mischungen erzwungener Mienenspiele und berechneter Entsendungen nicht auseinander zu halten. Jedoch haben weder Casanova noch Freud sich an Deutung und Ursache des wechselnden Mienenspiels ernsthaft herangewagt, obwohl beide, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, Interesse daran gehabt haben müssen. Auch Lavater weist irrtümlich mehr auf Schädelerhebungen unter der Haardecke als auf die viel subtileren Bewegungen der Gesichtsfalten hin. Überhaupt wird nie auf das Spiegelhafte eines kaum noch benutzten Begriffs wie Antlitz verwiesen, bei welchem man rasch auf die große Bedeutung der leuchtenden Hautfarbe weißer Menschen für ihr Mienenspiel hätte kommen können. Die sogenannte ›weiße Farbe‹ hätte hier vieles im Sinne eines Spiegels zu sagen, besonders im Hinblick auf Porträtmalerei und Maskenkunst. Wann trennte man sich von den Masken und ihrem Dämonenbezug? Wann sah man sich leuchtend und schutzlos ins Gesicht? In der bekannten Operette heißt es japanisch gepudert: »Wie es drinnen aussieht, geht niemand was an.«
Zweifellos hat die römische Porträtkunst sich als erste endgültig von Götterbezügen getrennt und so viel als möglich vom gleichsam stille gelegten Ausdruck eines Gesichtes darzustellen versucht. Aber die plastische Kunst als belehrendes Beispiel und Vorbild steht heute verlassen hinter dem schonungslosen Schnappschuss mit seinen unbewacht fixierten Überraschungen und dem Lauf des immerwährenden freien Mienenspiels, das von der Geburt bis zum Tode kein Ende nimmt und als Teil des unmessbaren Menschentums hier keine Rolle spielt. Vielleicht spielen die neuen Maskeraden von Lüge und Täuschung auch keine Rolle mehr, weil kein Vorbild von alten Mauern und Bildern herab uns warnt oder ermuntert. Kein Idealbild der Kunst reizt zur Nachahmung. Wer möchte die zerteilten Gesichter Picassos, selbst als boshafter Scharlatan, nur in Andeutungen übernehmen, oder wagte es, Schlüsse daraus zu ziehen?
Je größer die Kopflosigkeit der Kunst, um so näher die unabhängige, die kollektive, die unablesbare Grimasse, bis zur schönen Grimasse in Illustrierten. Der nackte Mensch ohne Züge ist heimliches Ziel einer neuen Gesundheit ganz ohne Falten.
Einst war die zunehmende Herablassung in den Mienen des Adels eine würdige Alterserscheinung, die dem Leben wichtiger Blicke über der gepanzerten Brust mit himmelblauer Schärpe zu folgen hatte. Das verändert sich nun zur bloßen Herablassung alt gewordener Falten bei Schönheitsoperationen: sie werden abgelegt. Es kann gelogen werden, was das Zeug hält, man sieht es keinem mehr an, man ist gar nicht mehr richtig da. - PM

MINISTERSCHWINDEL

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Der Minister wacht eines Morgens auf und begreift: alles Schwindel. Die Papiere gefälscht, die Ernennungsurkunde getürkt, die Sekretärin, eine alte Spionin, im Bilde, die Journalisten schon vor der Tür. Er muss nur die Gardine verrücken, um den ganzen Umfang des Unheils zu überblicken: er ist verloren. Was tun? Die Kanzlerin anrufen? Wie kommt das an? Was löst das aus? Eine Lawine vermutlich, die ihn verschüttet. Nein, mit dieser Sache muss er allein fertig werden, Hilfe steht nicht zu erwarten. Selbstmord? Schön für die, die darüber berichten, aber keine Option für einen, den der Trieb, die Welt zu verändern, geradewegs so beherrscht wie ihn. Warum muss es ihn treffen? Trifft es ihn denn? Die Krawatte (der Spiegel sorgt für Erkenntnis) zeigt sich nicht weiter beeindruckt. Diesseits der Panik wartet das Leben auf den, der es neu beginnt. Oder es ihn – wer möchte da fehlen? »Du bist mein Leben, ich beginne dich neu«: so könnte er säuseln, die Stirn in pastorale Falten gelegt. Nein, es ist nicht sein Leben, jeder Versuch, es zurechtzurücken, lässt es in eine andere Richtung entrollen. Was ist das für ein Leben? Bald schon wird er ausziehen müssen, dieses Haus wird ihm zu eng. Derweil johlt das Volk auf den Gassen und die Twittergemeinde empfängt ihren Helden über Gebühr. So empfänglich müsste man sein.

MINUTENRUHM

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Der Minutenruhm hat, wie jeder andere, das Beruhigende, dass er vorbeigeht. Was langsamer vorbeigeht, das Ritual, trägt zu dieser Beruhigung nicht unwesentlich bei. Es ist ein Ruhestifter, der dem Unruhestifter entgegentritt, ihn aufnimmt und seitwärts geleitet, dorthin, wo schon seine Vorgänger entsorgt wurden. Der Unruhestifter blinzelt, er kann wenig sehen, er will Vertrauen fassen und darf es nicht. Sähe er genauer hin, so käme ihm die Betriebsamkeit verdächtig vor, gerade in dieser dichten Folge von Augenblicken könnte man ihn sehgeschädigt nennen. Jedenfalls nimmt er wenig wahr. Und es stimmt ja, wenig ist wahr an dem, was über ihn gesprochen wird, es sind Formeln, aus denen das Weihwasser tropft, er kann, wenn ihm der Sinn danach steht, es mit eigenen Tränen vermischen, damit es rascher abläuft und nach mehr aussieht. Aus Tränen werden schnell Hieroglyphen, aber die echten, vor ihrer Entzifferung: da steht ICH und da steht ALLE und da, ein wenig abseits, LIEBE, folgt man dem Bogen abwärts, so entdeckt man ein kleineres EUCH und ein noch kleineres DOCH. Doch, sagt er sich, so könnte es sein, aber muss man es auch so ausdrücken? Diese Schriftzeichen bedeuten vielleicht etwas ganz anderes. Ganz sicher bedeuten sie etwas anderes, jemand wird drauf kommen, aber hier und heute bedeuten sie nichts. Bedeuteten sie etwas, so wäre das ganze Verfahren nur abgefeimt, es ist aber etwas dabei, das sich dem Zugriff der Protagonisten entzieht. Bei dem Wort ›Protagonisten‹ muss er automatisch lächeln, er blinzelt schon wieder, der Anfall ist praktisch vorbei und das Leben geht weiter.

MISSBRAUCH

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Da stehen die großen Griffel und keiner rührt sie an. Keiner? Wenn einer käme, um die Probe darauf zu machen, sähe man ihn? Und wenn man ihn sähe, jagte man ihn nicht davon? Und wenn man ihn nicht davonjagte, würde man nicht über ihn lachen? Und wenn man nicht über ihn lachte, würde man ihn denn ernst nehmen? Und wenn man ihn schon ernst nähme, würde man denn ernst nehmen, was er schriebe? Und nähme man es ernst, würde man etwas anderes darin erkennen wollen als einen Missbrauch der Schrift? Allein die Schrift ist rein wie am ersten Tag, wem seine Gedanken von ihr befleckt erscheinen, der möge schweigen, als sei es sein letzter.

MISSBRAUCHSDILEMMA

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Man kann eine Religion missbrauchen wie eine Nation, ein Volk, eine Ethnie oder das Personal einer Firma, das zu denken bereitet gar keine Schwierigkeit. Die Schwierigkeiten beginnen, wenn man versucht, Brauch und Missbrauch zu sondern, weil niemand den Missbrauch zugibt, so dass die Ansichten aufeinanderprallen, als gäbe es zwischen ihnen keine vernünftige Mitte. Was richtig ist, am Ende hilft nur das Strafgesetz, und das bloß in kleineren Fällen. Die maßgeblichen Fälle treiben auf Katastrophen zu und nur Zufälle halten sie auf diesem Wege auf. Das große Verdienst der Religionen, dass sie den Menschen verkünden, was gut und böse sei, kehrt sich dann gegen sie, da sie keine Instanz über sich dulden dürfen, jedenfalls nicht in dieser Hinsicht. Gegen einen Verkünder, der die ethischen Kataloge der verschiedenen Religionen gegeneinander und gegen das Recht des Staates, Gesetze nach eigenem Gutdünken zu erlassen, abgleicht, stehen hundert andere, die sich in der Regel zurückhalten, aber eben nur zurückhalten, weil sie nicht anders denken können, als dass ihr Gotteswort den anderen vorgeht. Sie schließen Kompromisse, so wie ihr bürgerliches Heldenleben ein Kompromiss ist, sie schließen mit sich selbst Kompromisse, darin liegt ihre Schwäche, die von kühneren Charakteren bloßgestellt wird. Der Missbrauch der Religion beginnt als Kritik an den Kompromissen, die nötig sind, um sie im rechtlich-bürgerlichen Rahmen zu halten. Zwischen Kritik und Terror liegt im Zweifelsfall nur ein Entschluss. Es überfordert die Spitzen einer Konfession in der Regel, eine Gleichwertigkeit religiöser Angebote zu denken, es sei denn, es ist ihnen mit der Konfession nicht mehr sonderlich ernst, nicht heilig-ernst, wie es sich in den Augen der Gemeinde gehört, und sie zählen in Wahrheit bereits zur Ketzer-Gemeinschaft der Zivilreligiösen. Sagen wir, wie es ist: des einen Brauch ist des anderen Missbrauch et vice versa. Der religiöse Humanismus, dessen es bedürfte, dieses Dilemma aufzulösen, liegt seit zweihundert Jahren auf dem Tisch, aber er ist eine Botschaft für wenige geblieben. Die christlichen Kirchen, die ihn sich ächzend angeeignet haben, verdanken ihm leere Gotteshäuser und gehen daher lieber mit den Welt-Ideologen auf Dummenfang – kein guter Anreiz für andere Glaubensgemeinschaften, ihnen auf diesem Wege zu folgen. Wer den säkularen Staat bewahren will, muss ihn verteidigen und darf nicht auf den Sinneswandel von Kräften hoffen, die gar nicht anders können als ihn, wo immer es geht, auszuhöhlen, bis er in sich zusammenfällt.

MISSSTAND

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»Wollt ihr die totale Gesellschaft?« Diesen Lockruf hörten, die uns – nicht erst seit heute – regieren, in ihrer Jugend, und fast alle riefen Ja! Das waren eine andere Zeit und ein anderes Bewusstsein, aber das Bekenntnis hallt nach in der Gouvernantengesellschaft, der Gesellschaft, die nicht loslässt, die den letzten Trinker mit Programmen umgarnt und nicht zulässt, dass etwas anderes sei als sie selbst, die es in Worten und Begriffen ebenso ausgrenzt wie in Taten, so dass es sich endlich in die Arme von Weltverschlechterern wirft, nur damit etwas sei. Denn die totale Gesellschaft, mit Verlaub sei es gesagt, ist nicht, sie existiert nur, solange sie aus Ressourcen leben kann, die außerhalb ihrer selbst liegen, und sei es im Wüstensand. Deshalb ist es gefährlich und bitter, mit ihr zu rechten. Nach rechter Kolonialherrenart lässt sie nur eine Antwort zu: das nächste Programm. Auch wäre es falsch zu sagen, hinter jedem abgestellten Missstand lauere ein neuer. Es sind die alten Missstände, die in den Programmen fröhliche Urständ feiern, die sich ihrer inwendig längst bemächtigt haben und auf Kapertour gehen. Ausgerüstet mit Mitteln, die stets etwas Märchenhaftes behalten, sehen sie ganz neue Möglichkeiten. Wer glaubt, dies seien Probleme höherer Ordnung, mag recht haben, sofern er für sich spricht, jedenfalls sollte man ihn, solange er auf dem Dachfirst wandelt, nicht wecken.

MISSTRAUEN

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Wer den religiösen Formeln misstraut, wer sie verachtet, wer den Missbrauch fürchtet und den Wahn, der in ihnen lauert, wer nicht vergessen kann, was in ihrem Namen und unter ihrem Bann verübt wurde, der muss auch bedenken, dass ihm all dies einmal gesagt wurde, dass auch er eine Art Frömmigkeit exerziert, wenn er so denkt, wie er denkt und vielleicht denken muss, weil es ihm sonst an Selbstachtung mangelte, vielleicht auch nur, weil er einem Korpsgeist verpflichtet ist oder gewohnheitsmäßig zu einer bestimmten Stunde den Fernseher einschaltet. All dies bedacht, sollte er sich fragen, ob seine Frömmigkeit nicht jener anderen, vor der er sich fürchtet, bereits auf den Leim ging. Warum, so könnte er sich fragen, geht es mir überhaupt um jene Formeln? Warum verkleinere ich willkürlich, was dort gedacht worden ist, auf seine einfachste Form, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner für eine Masse, an der mir nichts liegt, wenn es mir nicht um Formeln ginge? Ist eine Durchstreichung nicht so gut wie die andere? Sind die Spiele der Negation nicht Gemeingut aller Religionen, die diesen Namen verdienen? Ist nicht diese Religion, die zu verachten ich vorgebe, gerade darin Meister aller Klassen? Ist meine Frömmigkeit also sehr unterschieden von der, die ich ablehne? Ist sie nicht auf gleichem Kurs wie all die differenten Auslegungen, die sie hervorgebracht hat? Woher also mein Misstrauen? Oder vielmehr: Wohin drängt es mich? Über welchen Rand stößt es mich, wenn ich ihm nachgebe? Ich blicke ihm ins Gesicht und es schiebt mich weiter, rückwärts, dorthin, wo ich nichts sehe.

MISSWAHL

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Nach den Töchtern kommen die Söhne. Vielleicht, ja vielleicht, kommen sie einmal gemeinsam, Söhne und Töchter: erhobenen Hauptes, gemeinsam ihr Leben einfordernd von den Ungeheuern. Welchen Ungeheuern? Das ist eine lange Geschichte, die einmal erzählt werden muss, nur nicht vor der Zeit. Wenn aber die Zeit gekommen ist und die Archive sich öffnen, dann zählt jedes Opfer. Jedes einzelne ist dann das Opfer zuviel, das erbracht werden musste, um jene zu Fall zu bringen. Jedes einzelne ist dann das Opfer zuviel, das nie hätte erbracht werden dürfen: hier beginnt das Verbrechen, das keines sein durfte, als es geschah.

MITSPIELER

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»Die Figuren der Mitspieler allen erkennbar hinstellen: da ist Aufgabe und Amt.« (Heinrich Mann) ›Allen erkennbar‹: da liegt das Problem. Zu dieser Aufgabe und in dieses Amt drängeln sich viele, die selbst unerkannt bleiben und nur ihre Namen in den Wind schreiben möchten, der bekanntlich noch dann weht, wenn auch die letzte Behausung pulverisiert und der Mond über wuchernden Sumpfländern seine einsame Bahn zieht. Die Banken, die Konzerne und die Politiker: zu oft wurde das Stück von sogenannten kritischen Köpfen aufgeführt, um den Beifall zu finden, den man sich davon erhofft. Am Ende der Kenntlichkeit steht die Unkenntlichkeit: Das wissen wir ja, sagen die Leute, aber wie geht es weiter? Da reiben sich die Banker, die Konzernstrategen und die Politiker die Hände, denn sie wissen, wie’s weitergeht, sie werden für dieses Wissen sogar bezahlt. Die Behauptung, dass es so nicht weitergeht, verdunkelt die Zukunft, statt sie zu erhellen, die verdunkelte Zukunft verdunkelt die Gegenwart, ganz wie der Zorn sie verdunkelt, den viele predigen, wo er doch als Grundstoff bereitliegen müsste, um geschmiedet zu werden, wenn die Zeit dafür reif ist. Was sich zusammenrottet, muss auch wieder auseinandergehen: das gilt in den Köpfen ebenso wie auf den Straßen und Plätzen. Das meiste der sogenannten Kritik der Verhältnisse besteht aus Aufzählungen der Weltübel mit Hilfe immer derselben Phrasen und Denunziationen, verbunden mit so detaillierten Handlungskonzepten wie rauf mit, runter mit, weg mit, her mit: ein Blick in die Schriften der Klassiker zeigt, dass diese Art von ›Aufklärung‹ getrost selbst unter die Weltübel gerechnet werden darf. Nebenbei ist sie gezinkt – was immer ›allen erkennbar‹ sein soll, ist für den Markt produziert und will die Art von Erfolg, die es verdammt.

MITTE

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Anders als in der Politik und im Leben besitzt die Mitte in der Kunst keinen Wert. Nichts bezeugt das besser als der Goldene Schnitt, der eine Reihe von Möglichkeiten eröffnet, sie elegant zu umgehen. Mit seinem Wegfall wird alles recht, aber sonderbarerweise wird die Mitte dadurch sichtbarer, wieder sichtbarer, könnte man sagen, sie kehrt als leere Mitte ins Bild zurück und lässt sich anstarren. Man erfährt daraus, dass auch die Kunst vom Tabu gelenkt wird. Das Anstarren, diese unzüchtige Tätigkeit, ruiniert den Bildraum und erzeugt die Textflut, in der das Gesehene untergeht, weil es sich nicht anstarren lässt. Es bedeckt sich, sozusagen mit Wörtern. Das erinnert an Frauen, die das Kopftuch ablegen, um frei zu sein, und sich vom Friseur eine künstliche Haarpracht arrangieren lassen, bevor sie sich unter die Leute trauen. Mit einem zugetexteten Bild muss man keine engere Beziehung eingehen, es lohnt nicht, denn es kommt auf dasselbe heraus, es ist rundherum dasselbe. Aber auch das ist vielleicht nur Schein.

MITTAGSFRAU

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Wer eine Frau angreift, dem verdorre die Hand. Dennoch fühlen sie sich allzu oft angegriffen und greifen an, aus einem Impuls heraus, den Männer gern eine Laune oder eine Grille nennen, falls sie nicht zu der Sorte gehören, die manche Frauen abfällig die ›verstehende‹ nennen, und den Topos vom unterdrückten Geschlecht gleich hier in Anschlag bringen, statt bessere Gelegenheiten abzuwarten. Vom Denken ist beide Male nicht die Rede, eher von Reflexhandlungen, die leicht in erotische Tätlichkeiten übergehen können, wie die Romanwelt lehrt. Vielleicht auch das wirkliche Leben, doch man kann sich täuschen. Männer, die sich für richtige halten, täuschen sich umso häufiger, je öfter sie im beruflichen Umgang auf diese Karte setzen und ihre Niederlage als weibliche Niedertracht buchstabieren. Warum? Sie sehen das Spiel, aber sie überblicken es nicht und versuchen es willkürlich zu verkleinern.  Frauen, die wissen wollen, woran sie sind, sind die Regel, Männer die Ausnahme. Ein Mann, der weiß, woran er ist, ist schnell am Ende, für die Frau ist es ein Anfang: Sprüche, zweifellos, aber in ihnen spiegelt sich die reale Dimension des Geschlechts. Übrigens verhext die Geschlechterrede auch den, der sich ihrer mit wissenschaftlichen Ansprüchen annimmt. Beispiele gibt es wie Sand am Meer, doch wehe dem, der eins aufhebt. »Die Mittagsfrau geht von Bord« – so steht es in Organum Mortis und es ist die volle Wahrheit, ein Aspekt der Balance.

MKH

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Müller kommt herum, sagte sich der Kulturschaffende M., das ist ein Vorteil dieses Berufs. Und er kam herum. Man kommt herum, sagen sich viele und tragen das Zeichen, MKH, dort, wo andere ihre Sehnsüchte aufbewahren.

MODERN

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Träume machen eine reine Haut, vor allem die tiefen, aus denen niemand ohne Zeitsprung aufwacht, leicht erschöpft, voller Unruhe, ob er auch wirklich entronnen sei. Die Tendenz des Bewusstseins, sich zu verflüssigen, seine Fähigkeit, zu zerlaufen und an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit sich im Nu zu konsolidieren, ist keine vernachlässigbare Größe. Das Bewusstsein kennt viele Raumzeiten, zwischen denen es beständig wechselt. Ein Strich, eine Wolke, ein Taschentuch, eine Fliege, eine Tasse Tee, ein Duft, eine Kinoszene, ein Wort reichen völlig aus, um die Verflüssigung zu bewirken. Viele dieser Wörter sind kaum mehr als dürftige Sehnsuchtsmaschinen für Durchschnittsverschwinder. Wider Erwarten erweisen sich andere als bewohnbar und rufen nach Kultur. ›Moderne‹ ist so ein Wort, hoch expansiv, ein Fraßwort, eigentlich ein Witz, der sich nicht abschütteln lässt, es sei denn im Tiefschlaf. Was modern ist, bestimme ich, aber nicht ganz, nicht ganz wirklich, nicht ganz souverän, ich muss mich strecken, Moderne ist einer fordernde Instanz, warum?
Was modern ist, bestimmen die anderen, aber nicht ganz, denn ich kann sie nicht verstehen, es sei denn, ich lege mich dazu: bin ich modern? Aber sicher. Jede Beschreibung passt auf mich, ja genau, aber sicher, aber nicht ganz: etwas fehlt an den Beschreibungen, etwas fehlt an mir, ich passe nicht ganz hinein und fülle sie nicht ganz aus. Ich denke an sie, also lebe ich in ihr, ich lebe in ihr und falle aus ihr heraus. Modern sind immer die anderen. Nicht ganz, ihre Gesten wirken auf mich ganz und gar archaisch, und ihre Gedanken... An ihnen erkenne ich, was ich abschütteln möchte. Ich bin der erste moderne Mensch. Wenn alle modern sind, bin ich der erste, der nach ihnen kommt. Wenn alle postmodern sind, bin ich die Differenz. Gehen Sie ruhig voran, ich komme nach. Ja, ich kenne den Weg, machen Sie sich da keine Sorgen. Ich falle tief.
Im Haus der Moderne sind viele Wohnungen: einst werde ich eine davon bewohnen. Wann wird das sein? Zu einer anderen Zeit, in einer anderen Welt, mit anderen Mitteln, mit meinen Mitteln, denn Herr der Moderne bin ich. Warum Herr? Dies ist das Haus vieler Herren: Haben Sie das nicht gewusst? Nein, das Haus ist herrenlos, es gehört niemandem außer denen, die es bewohnen wollen, und diese wissen davon nur vom Hörensagen.

MOMENT

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Die toten Diskussionen sind nicht im Keller zu besichtigen, wie immer behauptet wird, zwischen allerlei Lifestyle-Gerümpel und löchrigen Stiefeln, verfaulten Kartoffeln und verrotteten Spiegel-Nummern. Sie treiben auch nicht an der fauligen Oberfläche entlegener Buchten und Meeresableger und niemand hat sie vergraben, niemand hat sie verbrannt. Schon gar nicht ruhen sie auf dem Grunde des Ozeans, zwischen den Wracks der großen Schifffahrtsrouten, stillen Überbleibseln des menschlichen Bewegungsdrangs. Sie ruhen auch nicht in der Tiefe des Gemüts, das wäre zwar schöner, es wäre aber auch zu einfach und wir lehnen es einfach ab. Manchmal, wenn die Suche schon allzu sehr ins Leere geht, könnte man meinen, es habe sie nie gegeben. Dann allerdings, sobald dieser Punkt fast erreicht ist, brechen sie los mit einer verzweifelten Virulenz, als steckten sie allen, die es angeht, seit altersher in den Knochen und warteten nur darauf... – ja worauf denn? Auf den Moment. Der Moment verhält sich zur Diskussion wie die Pflaume zum Kuchen, er wartet darauf, geschlitzt, entkernt, verzuckert und in den großen Teig gesteckt zu werden, wo ihn niemand sieht, es sei denn, einer kommt auf den Geschmack und liebkost ihn gedankenverloren zwischen den Zähnen, den weißen Vorboten der Verdauung, die keine Farbe hat und mit einem Geschmack nichts weiter anfangen kann. Einerseits, könnte man sagen, besteht eine Diskussion aus vielen solcher Momente im Moment ihres Verschwindens, der sie nichts kostet, weil sie ohnehin dazu bereit und schon auf dem Weg sind, andererseits zückt sie sie wie eine Tüte Süßigkeiten vor jemandem, der schon halb süchtig nach ihnen ist und es kaum abwarten kann, dass sie sich öffnet. Die toten Diskussionen sind nicht tot, auch nicht scheintot, sie sind Straßenhändler, deren Existenz man verschweigt, während man sich bei ihnen eindeckt. Die Fesselung der Diskussion an den Moment, an all die Momente, in denen sie sich entfaltet, ist tragisch wie alle Lust an der Lust: Das wollen wir festhalten, sagt der Stenograph und setzt seine Schnörkel, die keiner liest, während alle auf die Reinschrift warten, damit sie das nächste Mal präpariert sind.

MON BATAILLE

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Die Ökonomie der Verschwendung liebt ihre Landsknechtssprache. Sie ist ihr nicht ganz gewachsen, aber sie wächst an ihr wie das Glied, an dem sie sich aufrichtet. Sie hat ein Glied zuviel vielleicht, diese Ökonomie jenseits der Ökonomie, der zuliebe die Vornehmen bluten, nachdem die erste Ökonomie sie lange gesäugt und auf ihre lichten Höhen gestellt hat. – Und eine Gelegenheit zuwenig, zirpt die Waise, sie muss es wissen, denn sie gehört zu dem gefährdeten Personenkreis, der vor den Bataillisten geschützt werden muss, solange die Regel ›rechts vor links‹ gilt. Was nicht überall der Fall ist! Radfahrer zum Beispiel wissen nichts von ihr, manche behaupten auch, sie ignorierten die Gefahr bewusst, um vorwärts zu kommen, und böten sich darum als Opfer an. Das ist vielleicht ein Wink. So ein Opfer kann niemand brauchen und darum unterbleibt es, solange die Regel gilt. Ja, es bleibt, solange es unterbleibt. So könnte man es sagen. Erst wenn die Regel den Dienst quittiert, explodiert die Gefahr und ihre ersten Opfer sind die, die sie brachen. Der Bataille eine Bleibe! Nichts wünschen sich ihre Liebhaber sehnlicher, solange sie innen tobt, wie das Gesetz es befiehlt. Aber sie tobt nicht. Sie wird ganz still angesichts der Gefahr, am liebsten hört sie die Grillen zirpen.

MONROE-DOKTRIN

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Von Zeit zu Zeit gefällt es den Menschen, sich nicht mit Zwischenergebnissen zufrieden zu geben, es ›überkommt sie‹, wie man so sagt, wobei gern im Unklaren gelassen wird, was sie da überkommt. Da dieser Impuls im gewöhnlichen Leben so rasch wie möglich eingefangen, eingekapselt und beiseitegeschafft werden muss, um keinen dauerhaften Schaden zu stiften, verschiebt man ihn in den Bereich der Kultur, also in Gefilde, in denen nicht etwa die Differenzierten, Ausgewogenen, Ausbalancierten und Gründlichen das Sagen haben, sondern die Einseitigen, die Extremen, die Undifferenzierten – Zeitgenossen also, die in den Augen der Mitwelt die allgegenwärtige Tendenz verkörpern. Für die Gebremsten, Kontrollierten, Beherrschten verschafft sich in diesem Personal etwas Ausdruck, was sie selbst gewöhnlich sorgfältig in den Falten ihrer Existenz verbergen, um es nur bei passender Gelegenheit, sozusagen bei Kerzenlicht und Musik, hervorzuholen. Die Ikonen der Kultur sind, geben wir’s zu, ordinär. Ähnliches gilt auch für die Klasse der Frühvollendeten, die ein Übermaß an Differenzierungs-Anstrengungen von Seiten der Überlebenden und Nachfolgenden auf sich ziehen, weil offen blieb, wohin ihr Impetus sich, auf längere Sicht gesehen, gewendet hätte. Sie sind daher, was sie nicht sind und vielleicht nie geworden wären, nur eben für andere und daher im Wortsinn selbst-los.
Am entgegengesetzten Ende der Skala tritt die beherrschende Richtung erst im Alter hervor, nachdem sie lange unter einem Wust von Geschäften begraben lag oder nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt war. Ein schlichtes Wort in einer bestimmten Sache gewinnt nun eine Kraft, die es aus sich heraus nie besessen hätte. Es wird notorisch in jenem anrührenden Sinn, der durch die Kombination von Alter und Radikalität der Anschauung ins Leben tritt. Ein Gleiches gilt, unter verständlichem Vorbehalt, für die Ikonen des Sexus: besser, sie sterben jung, aber zwingend ist das nicht. Auch Dummheit will leben, nicht nur unsterblich sein. Im Alter kommen die besten Exemplare wieder hervor und spielen die Komödie des Ergreifenden, die immer ihr Publikum findet, gleichgültig, was die Ideologiewächter der Gegenwart dazu anmerken. Klassiker schließlich sterben beizeiten und tauchen zu den Jubiläums-Terminen als virtuelle Greise auf, untergehakt in den Reihen ihrer altgedienten Verehrer, die sich im TV-Seniorenheim einen schönen Tag machen, manchmal zur besten Sendezeit, meistens jedoch, wenn der Tag sich dem Ende zuneigt, was auch als Aussage zu nehmen ist. Aber nicht nur. Die greise Monroe in alter Plastik-Schönheit, Seit’ an Seit’ mit dem verblichenen Heer ihrer Prakti- und Plasti- und Sykophanten, das macht schon was, das macht schon was her, auch wenn niemand so recht weiß, was es hermacht. Irgendeine Art von Kraftschluss muss es wohl sein, in den die Bedürftigen aller Geschlechter den Finger tauchen, nicht um Lethe zu lecken, sondern um ihren electric body zu fühlen, ganz ohne elektrischen Stuhl, der sein Geschäft, wie es gelegentlich heißt, mit einem gewissen Gleichmut verrichtet.

MORAL

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Metzger, Brauereibesitzer, Würstchenverkäufer, Elektroinstallateure, Handelsvertreter, Ballonfahrer, Bordelleigner, Boxchampions, Leisetreter, Kommunionkinder, Heckenschützen, Freidemokraten, Mengenrabatteure, Kleingärtner, Großaktionäre, Grüne, Stammtischler jeder Sorte und jeder Trinkfestigkeit: alle sind schon immer beim Thema. Intellektuelle, soweit als Spezies noch vorhanden, fürchten, dass ihnen der Stoff entglitten ist, sie raffen die kritische Toga und behandeln ihn von der Warte dessen, der diese Dinge hinter sich hat. Seit jeher tun die beredtesten unter ihnen so, als empfänden sie das Thema als Zumutung, als unterböte es bei weitem die Differenziertheit ihrer Gedankenführung. Manche nähern sich ihm nur knurrend. Wie man’s nimmt. Sich zu benehmen wissen, keine Klagen laut werden lassen, auf die Stimmen der anderen hören und seinen Weg gehen, keine Verstörungen wollen, keinen klitzekleinen Mord begehen, den Planeten retten: Moral ist einfach. Schwierig wird es, rechnet man die üblichen Unterstellungen, die perfiden Argumente ohne Prämissen, die Handgreiflichkeiten und Verantwortungseuphorien, die Entrüstungen, die Verleumdungen sowie, nicht zu vergessen, die salbungsvoll einherwandelnde und zu jeder Desinformation bereite ›Sorge um sich‹ hinzu: Ja, wir Lieben: woher die Moral? Und wohin?

MORALISCHE WELT

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Die moralische Welt – schade, dass wir einen solchen Ausdruck nicht mehr besitzen. Bekanntlich ist die moralische Welt die unmoralische, soll heißen, die Ansammlung aller moralischen Gebrechen, an denen eine Gesellschaft weniger leidet als sich erkennt. Man kann diese Gebrechen so beschreiben, dass sie als Signatur eines Zeitalters durchgehen: als ihr So wird’s gemacht. Wer sich nicht dran hält, ist selbst schuld. Warum gelten sie dann als Gebrechen? Weil die Geschichte der Moral von den Opfern geschrieben wird? Von diesem nietzscheanischen Schwachsinn sollte man sich schleunigst verabschieden. Das Ressentiment fällt in den Bereich der Moral, sie lässt sich nicht aushebeln, indem man die Vorurteile der anderen studiert. Übrigens auch nicht die eigenen. Die ständigen Begleiter haben es nicht gern, wenn man sie dauernd an eine nebelhafte Herkunft erinnert. Sie ziehen sich nicht zurück, sie werden aggressiv. Zu Recht übrigens, denn ihre eigenen Erinnerungen sind stabil und unschlagbar. Die Moral ist die Moral und man verlangt zuviel von ihr, wenn man will, dass sie dem guten Gewissen weicht, das nicht so gut sein kann, wenn die Moral dabei stört. - US

MORGENGRAUEN

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Das morgendliche Entsetzen der Soldaten vor Anbruch einer Schlacht, aber auch das Trianon-Grau auf den Möbeln des achtzehnten Jahrhunderts, soweit das Mobiliar und die Wände der Salons nach Osten ausgerichtet waren. Das Morgengrauen erlitt auch Phasen der Rötung, weniger durch himmlisches Blutvergießen als von Amts wegen, da Wetterberichte auf weiten Ebenen mit roter Wetterfarbe gleichsam gestempelt wurden. Die amerikanische Flugzeugindustrie schuf im letzten Krieg für weitfliegende Bomber die painting aeroplanes, die amtlich-militärisch bestätigte Wetterzeichen versprühen konnten. Sie wurden spöttisch ›morning devotion‹ genannt. Überhaupt hängt das Morgengrauen keineswegs immer mit dem Aufstieg der Sonne zusammen. Man kennt weit über zweihunderttausend unterschiedliche Farben und manches Abendlicht, das des Vollmondes wegen nicht gänzlich und rasch genug zergehen kann, steigt am Morgen noch einmal auf und täuscht das ungeschützte Auge, was sich zugleich als Sonnentäuschung bezeichnen ließe, und zwar im Sinne von Plotin und Goethes berühmter Bemerkung: »Wär’ nicht das Auge sonnenhaft...« Also kann niemand, der am frühen Morgen erwacht, auch sicher sein, einem optisch wahren Morgen entgegen zu sehen. Bei gerichtlichen Zeugenaussagen hat dies früher zu Fehlurteilen geführt, ehe Sir Middelton-Fog die unumstößliche Wahrheit des Morgengrauens in Greenwich erfolgreich in Zweifel zog. - PM

MOTIV

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Haben Sie denn kein Motiv, empört sich die Ratte; sie empört sich nicht richtig, eher zum Schein, im Grunde ist sie zufrieden. Kein Motiv haben ist in ihren Augen das Beste, was einer Ratte passieren kann, es passiert ihr nicht oft. Seit sie sich als ›Wesen im Umkreis des Menschen‹ definiert, findet sie Motive satt, aber es sind nicht die richtigen. Hinter den Motiven lauert der Abgrund. Seit sie diesen Satz zum ersten Mal, sich bedächtig über die Schnauze streichend, ihrem Supervisor vortrug und dieser vor Lachen fast vom Stuhl gefallen wäre, ist sie grundbeleidigt und ihre Seele trägt Schwarz. Natürlich weiß sie nicht, was hinter den Motiven lauert, gerade deshalb fühlte sie sich zu ihrer Rede berechtigt. Nun, es soll nicht sein, unter Ratten nicht und überhaupt nicht. Unter den Motiven liegt der Strand, an dem keiner liegt, das ist zwar unbestritten, aber erinnern Sie einen daran: gleich winkt er ab. Die alte Ratte giert nach Motiven, ihre Fresslust ist ein Fanal. Wäre der Planet erst von Motiven gesäubert, er hörte auf zu kreisen, legte sich auf die Seite und wäre in jedem erdenklichen Sinn ausgeschieden. Das Motiv kenne ich, meldet sich eine junge, ich habe davon gehört, als ich wirklich jung war, und jetzt sehe ich, was passiert. Es ist ein Elend.

MUSIL

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Der Tod ist das Register des Lebens, als Ratgeber scheidet er aus. Es bleibt eine seltsame Idee, den Mörder zu benützen, um die neue Ethik zu konstruieren, in der Gut und Böse nur als Kumpane aus alter Zeit mitreisen, ohne die Grundlinien zu behelligen. Die neue Ethik, wo immer sie auftaucht... läuft sie auf Anerkennung dessen hinaus, was gestern noch als verwerflich galt und morgen den Verworfenen zeichnet. Nur hier und heute, unter Lebenden, die sich und ihre monströsen Projekte salvieren wollen, greift die neue Ethik ein und rechtfertigt den Mord um der Sache willen, den gerade begangenen wie den noch zu begehenden, und alle fortschrittlichen Geister klatschen Beifall. Alle? Es gehört zu dieser Art Fortschritt, dass er die Anderen braucht, an denen er exekutiert werden kann und deren Votum daher nicht in Betracht kommt, höchstens als willkommener Anlass, den Praxistest zu beginnen. – Dass dieser Kluge mitdestruierte, ist nur zu verstehen, solange man das Schlachthaus Gegenwart nicht zum Kummerkasten der Vergangenheit degradiert.

MUSILS FEHLER

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Musils Fehler – wenn in diesen Bereichen von Fehlern die Rede sein kann – liegt wohl darin, dass er die zentrifugalen Tendenzen seines Erzählwerks mit aller Macht zurückbiegen wollte auf die Maße und Maßstäbe konventionellen Erzählens, auf die ›Begebenheit‹, die ›Folge von Begebenheiten‹ und ihre ›innere Einheit‹, die den Roman ›konstituieren‹ sollen, obwohl sie offensichtlich dazu keineswegs in der Lage sind. Man muss aber die zentrifugalen Bewegungen selbst als formgebend, als konstitutiv begreifen, um der sich türmenden Schwierigkeiten Herr zu werden, falls dies überhaupt eine zutreffende Metapher darstellt. Fragt sich also, woher sie kommen und worin sie bestehen. Dass Erzählen keineswegs der Geschichten bedarf, dass es Weisen der sich über sich selbst verständigenden und sich verortenden Reflexion geben kann, die vielleicht legitimer ›Erzählen‹ genannt werden dürfen als die pünktlich verlängerte Ausgestaltung tausendfach erzählter ›Plots‹, daran hat Musil, trotz Joyce, trotz Proust, vermutlich als erster gerührt und einen Preis dafür gezahlt, vor dem jedem auf die fällige Überweisung wartenden Schriftsteller grausen muss. Reflexion aber – das ist Basiswissen, das sich unerbittlich in das ambitionierte Projekt einschreibt –, Reflexion läuft in keinen Einheitspunkt zurück, sie lässt sich nicht zwischen zwei Buchdeckeln beschließen, sie geht fort, was immer das heißen mag. Reflexion ist immer zentrifugal, es sei denn, sie wird künstlich beruhigt, also eingeschläfert, zum Beispiel durch Dialektik oder ›Sprachanalyse‹. Raum, Zeit, Universum, Materie, Sinn, Leere, Sprache, Gesellschaft – dies alles ist lehrbar zu seiner Zeit, mit den Mitteln seiner Zeit, das heißt, prozesshaft, es ist, bei verweigerter Blindheit, nicht zurückzubannen in Geschichten, die von alledem wenig wissen und nichts begreifen lassen, weil irgend ein kämpferischer oder ›spiritueller‹ Auftrag ihnen die Flügel stutzt und weil eine schläfrige Leserschaft gewohnt ist, zu kriegen, wonach es sie juckt. Es geht dem Roman seit Musil wie der Musik seit Schönberg, entweder verzichtet er aufs Hirn oder aufs Publikum – gerade das gibt den Verlagen die Macht, ihre Interessen durchzusetzen, bis sich herumgesprochen hat, was ohnehin jeder weiß.

MUTANTEN

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Die letzte Frage wäre also die nach den 0,2 Prozent, die durch das Bildungssystem nicht bedient werden, was nicht weiter schlimm ist, weil sie gerade in diesem Punkt ihr Fortkommen allein finden. Weniger gut wissen sie sich zu helfen angesichts der aufs Genügen abgestellten Kreisläufe, da doch ihre ganze Existenz auf das Ungenügen abgestellt ist. Sie können daher nicht anders, als es ganz oben oder ganz unten anzusiedeln, abwechselnd meist, je nach Lage und Verfassung. Ahnungslose halten sie aus diesem Grund für Leute, die vergangenen Wertordnungen anhängen. Das ist so nicht richtig. Es sind unauffällige Mutanten, zu intelligent, um mitzuwabern, und deshalb immer gerade ›in anderen Ordnungen‹ anzutreffen. Was sie dort machen? Aber sie machen doch nichts.

MUTMACHER

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Wie es aussieht, erfordert es den Mut der ganzen Person, in einer von muslimischen Parolen erfüllten Welt ein Muslim zu sein, einer, der sich dem Ethos seiner Religion verschrieben hat und die Welt ohne Ressentiment verstehen will, um in ihr zu bestehen. Das wirft ein helles Licht auf die Lage jener – verhältnismäßig geringen – Schar bekennender Europäer, vor allem aus der politisch zerfledderten Mitte des Kontinents, die einst aus dem Christentum eine Religion der Humanität zu formen unternahmen: gegen die Blasiertheit der Aufklärer, gegen den Fanatismus der Eiferer. Und ihre Saat ging auf – das darf, das muss denken, wer ihnen gewogen ist, er sollte aber, der Redlichkeit halber, hinzusetzen, wieviel Hass erst die Welt verbrennen musste, bis sich die christlichen Kirchen zur besseren Einsicht bequemten, um, wie es aussieht, sie gleich wieder in Richtung auf neue Unfehlbarkeiten und Schuldmaschinen zu überschreiten. Nein, die christlichen Kirchen sind zweideutige Vorbilder, wenn es gilt, den Weg zu beleuchten, auf dem die Menschheit erzwungenermaßen Selbstfindung betreibt. Der Abfall vom Religiösen findet im inneren Zirkel der Religion statt, dort, wo Posten verteilt, Machtansprüche erhoben und Feindschaften ausgelost werden. ›Sei ein Christ‹ – das kann auch heißen: Sei kein Christ, das erlösende Wort stellt sich bloß von Zeit zu Zeit ein und nur dem Einzelnen.

MYTHOSTASE

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Irgendwann dient, was als verlängerter Arm der Gesellschaftstheorie begann, als ihr Reparaturbetrieb. Das ist das Schicksal der Kulturwissenschaft, die im Seichten stochern darf, damit das Schiff nicht leck läuft. Dabei sitzt es doch auf Grund. Hat das niemand bemerkt? Aber sicher. ›Auslaufende Gelehrsamkeit‹ heißt das Spiel, den Tatbestand zu vernebeln, durchschaut auch das. Der Nebel erinnert verdächtig an Weihrauch, kräftig geschwenkt, um das Denkvermögen des Nachbarn und, wo es angeht, das eigene ein wenig herabzusetzen. Man gibt sich dynamisch, wie es der Wissensgesellschaft ziemt. Was nach Dynamik aussieht, verdankt sich dem Wechsel der Geräte und Moden. Die Gesellschaft, die sich gern die dynamische nennt, befindet sich im Zustand der Mythostase.

NACHBEZIEHUNG

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Gäbe es eine weltgeschichtliche Probe auf das, was die Menschen heute ›Beziehung‹ nennen, man könnte geneigt sein, sie in der Verbindung zwischen dem Christentum und Europa zu sehen. Sie haben sich früh gefunden und sie hatten, was immer man sagen will, eine gute Zeit miteinander, alles Gezänk und alle Streitereien inbegriffen, die in einer Beziehung anfallen, in der jeder sein eigener Herr bleiben und den anderen nicht aus den Fingern lassen möchte. Es war ein kluger Zug seitens der Religion, sich in eine ältere und eine jüngere Linie zu spalten und so den Entfremdungsprozess um ein paar Jahrhunderte hinauszuschieben. Auch diese Beziehung hat durch Trennung an Intensität gewonnen; erst allmählich erkennen beide Seiten, wie sehr sie jeweils ein Teil des anderen waren, und versuchen mit allen Mitteln, diesen Tatbestand zu verdunkeln und die fälligen Konsequenzen aus ihm zu ziehen. Manchem kommt es in Zeiten gemeinsamer Interessenswahrnehmung so vor, als seien sie wieder vereint. Aber das wirkt bloß so: es ist die Trennungsarbeit, die den Schein wirklicher Gemeinsamkeit erzeugt und dabei doch nur einen aufgebrochenen Gegensatz fortschreitend entfaltet. Niemand weiß so viel vom Christentum wie das nachchristliche Europa, niemanden bezichtigt es so rückhaltlos, nichts zu begreifen. Endlich schließt sich für Europa diese Erscheinung; es hat das Gefühl, um sie herumgehen zu können und dabei doch niemals zu wissen, ob es aus sich herausgeht.

NACHGABE

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Eigentlich sollte der Vorgabe die Nachgabe entsprechen, doch gibt, wer nachgibt, nichts, es sei denn, er zückt die Börse, um einen Erpresser loszuwerden. Wer nachgibt, der gibt auch auf, und sei es nur Widerstand, doch meist sind es Forderungen. Deshalb wäre es falsch, den Nachgeber zu hofieren: Hätte er seine Vorgaben aufrechterhalten, hätte er nicht aufgegeben, worum es ihm ging, dann könnte man sehen, wofür er steht. So sieht man auch, aber nur, dass er für nichts steht. Wer für nichts steht, der gibt auch nichts, er mag sich all seiner Mittel entblößen, um diesen Punkt zu kaschieren, es bleibt aber der Kardinalpunkt. Deshalb gibt es zwei Sorten einer prinzipienlosen Politik: die ruchlose und die nachgiebige, besser gesagt, nachgeberische: die eine schmiegt sich den Verhältnissen an, um sie auszupressen, die andere, um sich von ihnen überrollen zu lassen, in der Hoffnung, danach wieder aufzutauchen, als sei nichts gewesen. »Das war wohl nichts«, sagen die Leute und wählen das Desaster noch einmal, als gelte es den zweiten Versuch. Was ist schon dabei, den dritten und vierten Versuch zu wagen, sie wagen ja nichts, sie wählen auch nichts, sie wissen, dass sie nichts wählen und rechtfertigen ihre Entscheidung damit, keine Wahl zu haben. Wer die Wand wählt, in der Hoffnung, da sei nur Nebel, mit dieser Augen-zu-und-durch-Gesinnung, die typisch ist für die Politik der Unpolitischen, der überlässt seine Wahl dem Geschick. Das Geschick … es wählt nicht, es greift blind, am Ende nimmt es sich alles. Eine Nachgabe gibt es nicht.

NACHKRIEG

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Ein Riss, so der Museumsfreund G., geht – bald wird man auch hier sagen müssen: ging – durch die deutsche Gesellschaft, der selten bedacht wurde: er teilt die Jahrgänge, die noch im Weltkrieg geboren wurden, von denen, die nachher kamen und von Bombennächten, Flucht, Vertreibung, Heimkehr der Väter, Besatzungs‑ und Beschaffungsalltag, von der Trümmerlandschaft der Städte und ihrem ersten Wiederaufbau ebenso wenig ›Anschauung‹ besaßen und besitzen wie ihre heute erwachsenen Kinder. Sie hatten nichts erfahren und mussten daher alles durch die erfahren, die ›erlebt‹ hatten, die sich erinnerten oder qua Säuglingsstatus Teil jenes Szenarios gewesen waren und es auch habituell blieben. Eine Realität jenseits, hinter, unter der Realität, unfassbar, unbeschreibbar außer in Worten, von anderen geprägt und dauerhaft im Munde geführt, eine Wut, deren Motive unterhalb von Scham und Schuldbekenntnis – kollektiv, wie denn sonst – sich nur weiter verrätselten, je stärker man sich über sie beugte, überhaupt die Scham über etwas, das ›Unterrichtsstoff‹ war und bei aller explosiven Wirkung auch blieb, während es doch in den Äußerungen der ein wenig Älteren so höhnisch und aufreizend erschien, als wollten sie gerade jetzt die andere Seite der kindlich erlebten Realität herausfordern – jetzt, da sie doch bis auf jene letzten Spuren beseitigt war, die geradewegs in den Gedächtniskammern der Zeugen und Protokolle und damit – jedenfalls im Westen – in die Realität der Auschwitz‑ und Eichmann-Prozesse mitsamt ihrer publizistischen Aufbereitung führten: solche Prägungen haben eine Generation aufkommen lassen, der, strikt gesprochen, nichts zu sagen blieb, da doch alles, worum es gehen konnte, bereits vor ihrer Ankunft geschehen und besprochen war und von den Anderen fortfahrend weiter besprochen wurde. Sie hatte sich einzusprechen und ›Engagement‹ zu zeigen – im Grunde eine Kohorte von Vollstreckern, von Buchhaltern des Gelernthabens und Weiterlernens, deren Eifer sich nicht wirklich mit seinen Gegenständen vertrug, wie die lederne Sprache so vieler Abhandlungen und das entrückte Hantieren mit Theorien belegen, die niemanden überzeugen, aber unhintergehbar den Stand der erreichten Differenzierung repräsentieren. Und wirklich möchte niemand dahinter zurück, in dieses ›Nachkrieg‹ genannte Purgatorium, zu dem die Seelen der Verdammten hartnäckig schwiegen, während ihre Körper satte Zukunftsgewinne einfuhren und Urlaub auf Ibiza oder am Plattensee machten.

NACHSEHEN

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Das Nachsehen haben – eine Auszeichnung, selten gewürdigt, die Leute laufen eher davon, als dass sie sich etwas nachsähen. Dabei verfügt, wer nachsieht, über den Vorteil der Nähe, wie sie im Nachkommen begründet liegt und mit Nachkommen einherzugehen pflegt. Das Nachsehen haben: hieße das nicht, notorisch aufs Nachsehen verpflichtet zu sein, sich verpflichtet zu haben? »Sieh doch mal nach, ob noch Kaffee da ist.« Wenn ja, ist es nicht so schlimm. »Lass es gut sein!« Oder noch knapper: »Lass gut sein!« Es gibt ein Zuviel an Nachsicht: Welche Vorstellung von Güte liegt hier zugrunde? Man kann die Güte auch übertreiben – das und nichts anderes meint die Phrase, jedenfalls beinahe. Etwas über den Übertreibungspunkt treiben, wie man ein träges, trottendes Vieh treibt, sagt viel über den Antreiber, seine Mittel und seine Zielvorstellungen aus. Oder gar nichts – für den Fall, dass er selbst ein Getriebener ist. In einer Gesellschaft, in der alles, was in die öffentliche Aufmerksamkeit gelangt, auf Übertreibung gestellt ist, hat die Wahrheit das Nachsehen. Es ist ihr ältestes Amt. Gleich hinter der heißen Luft kommt – die Absicht. Wer mag da schon hinsehen.

NARRENFLUSS

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Man muss die Narren Narren nennen, damit gewinnt man die Vernünftigen zwar nicht, aber es macht sie nachdenklich. Warum? Weil sie die Vernünftigen sind, Leute, die in Nachdenklichkeit verfallen, sobald sie auf ein Hindernis stoßen. Das Problem mit den Narren ist, dass ihrer so viele sind und sie alles persönlich nehmen. Man hat sie schneller auf dem Hals als unter der Fuchtel, unter der sie gern leben würden, sie können sich nur nicht entscheiden, unter welcher. Deshalb bevölkern so viele von ihnen den öffentlichen Sektor: sie treiben sich gern unter denen herum, die gemeint sind, so hält man sie am Ende für die Gemeinten. Und siehe: nach einem kurzen Zögern denken sie selber so. Im Verborgenen wissen sie wohl, dass dem nicht so ist, das gibt ihrem Reden und Handeln den Zug ins Kämpferische, den die Leute mögen, vor allem aus der Distanz. Privat möchte niemand mit ihnen zu schaffen haben, dabei sind sie stets privatissime. Gegen das familiäre Verhältnis, wie es das Medium stiftet, kommt kein Familienleben an, vor allem kein gesundes. Am Narrenfluss sterben, schweigend auf ihn starren, wenn die große Verdüsterung eintritt – ein Ideal auch das, aber ein dunkles.

NARRENSCHIFF

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Auf dem Narrenschiff geht es zu wie gleich nebenan. Wie geht es zu, dass nichts davon in meine vier Wände vordringt? Dabei hallen sie wieder von den Taten und Merksprüchen der anderen, gäben die Wände davon Kenntnis, sie wären bespritzt mit dem Lebenssaft der anderen, die nichts davon wissen. Und wenn sie es wüssten? Sie hielten das, was sie zu sehen bekämen, für Tomate, denn sie treiben es um keinen Deut anders. Deshalb ist das Narrenschiff, wie die Philosophin (Hannah Arendt) weise bemerkt, ein literarischer Grobianismus. Aber ein tüchtiger, nicht totzukriegen, in den Jungbrunnen gefallen, als handle es sich um kräftigenden Kakao. Seit die Gesinnungen im Netz randalieren, sind die Wände gefallen und alle Mann an Deck. Wer will, dem schwirren die Ohren von den Hassreden seiner Mitwelt, dabei sind es nur Bannsprüche von Leuten, die ihr Lebensschiffchen auf Kurs halten wollen, ohne sich von Bord zu bewegen.

NARRENZUG

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Der geheimste Zug ist der Narrenzug, der durch alles hindurchgeht, was laufen kann. Er ist so geheim, dass ihn jeder entziffern kann, der es darauf anlegt. Das freut alle Anleger und ärgert die Laufkundschaft, die nicht begreift, warum sie nicht von der Stelle kommt. Warum bleibt das Offenbare verborgen? Weil es unnütz wäre, sich darüber das Maul zu zerreißen? Das kann nicht sein, denn es geschieht laufend. Was einer weiß, bleibt immer ein Geheimnis, und das hier weiß jeder.

NASCHEN

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Das Wort stammt aus Taschkent. Zur Überraschung fast aller Forscher dieser Einöden war das Gastgeschenk aller Jurten der Tragöder Gebiete südlich des Lub-shuk eine Brezel. Sie war von der Größe der üblichen Satteltaschen aus Kushmar, einem Strohgeflecht. Die zögernden Besucher aus dem Westen forderte man durch den Zuruf »Naschen, Naschen« auf , davon zu kosten. Brach dann der Gast ein Stück ab, war die Freude groß. Grabbeau, der die Gegend in seinem Geiste mehrfach befahren hat, erkannte das trunkene Glück dieses zauberhaften Gebäcks und schrieb darüber in den Vorstudien zum Alphazet: »Schon im ersten Traum war der Abstand zu der geheimnisvollen Brezel zwar sehr gering, aber ich wagte es nicht, davon abzubrechen. Erst Wochen später, im zweiten Traum, griff ich mit vergoldeten Fingerspitzen danach, brach ein Stück ab und aß.
Nie zuvor, und auch später nicht, ward ich vom Urgefühl endloser Steppen und seiner Bewohner, im Sinne der fernsten Vergangenheit aller Menschen, so erfüllt und einfältig berauscht wie nach diesem Traum. ›Weite...Weite‹ rief ich, als ich erwachte, und noch lange danach sah ich vor mir Lucy mit ihrem Hund über eine sandige Anhöhe wandern, und das selbst in Norderney und einmal bei Gütersloh.« - PM

NASSRASUR

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Man kann aus jeder Form der Rasur ein Ritual machen, jedenfalls ein kleines, wie aus all diesen alltäglichen Verrichtungen, deren Aufwände man niemals addiert, weil einem beim bloßen Gedanken daran schwindlig wird. Mit der Nassrasur hat es eine eigene Bewandtnis. Sie ist ein Ritual, kein Zweifel, sie überdauert ausschließlich als dieses Ritual, das heißt, sie verwandelt den Zweck der Übung, die tägliche Herstellung der sozialen Maske, in einen Nebeneffekt. Es darf einen nicht wundern, dass Nassrasierer ihre eigenen Internetseiten betreiben, auf denen sie sich gegenseitig ebenso über die neuesten Accessoires informieren wie über die Literatur, aus der sie sich Aufschlüsse über ein Tun erhoffen, die sie in ihrer eigenen Psyche nicht finden. Die Nassrasur fordert zu Deutungen heraus und ist auf sie angewiesen, weil sie über einen Status verfügt, den es zu verteidigen gilt. Sie teilt dieses Schicksal mit der Literatur, die zwar Deutungen vorschlägt, aber sie mit derselben Vehemenz zurücknimmt, sobald sie ihrer ansichtig wird. Die Ethik der Nassrasur, einmal in die Literatur eingeführt, verlangt nichts weiter als das allmorgendliche Beiseitebringen der Gedanken und Wörter. Dass es zu letzterem nichts weiter braucht als ein gut gebautes ABC, ist das Glück der Wörter. Aber auch die Gedanken könnten sich damit anfreunden, auf diese Weise entsorgt zu werden.

NATION EUROPA

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Sie bieten schon einen seltsamen Anblick, all diese Europäer in ihren nebeneinander liegenden Waben, in ihrem unbändigen, dabei ein wenig zaghaft gewordenen Stolz auf ihre Institutionen im Werden und ihr Weiter-Sein, mit den gleichen Fragen und Phrasen befasst, unter denen die wichtigsten nicht einmal dazu taugen, auf eigene Faust traktiert zu werden, abgesehen davon, dass es gerade die Faust ist, die nach Größerem strebt. Was in Europa Nation hieß, ist mit dem Machtanspruch der Staaten dahingegangen. Was zurückblieb, ist die Sehnsucht nach einem größeren Machtgebilde, Europa, in dem man noch einmal an den Drücker gelangen könnte. Der größte Stolz auf die eigene ›Kultur‹ erhofft sich den größten Einfluss. Soviel Sprachen, soviel dahingegangene Nationen, soviel Nationanwärter. Einstweilen bedient man sich der Lingua franca so, wie man sich eines Kotzbeutels bedienen würde, sollte das Bad sich im Umbau befinden. Wenn die letzte Fliese verlegt ist, dann ist auch die Zeit gekommen... Aber welche? Welche Zeit erhoffen die europäischen Eliten sich außer der des Provisoriums? Die Arbeit an einem Staat, wie ihn die Erde noch nicht sah, dauert erfahrungsgemäß lang, sie hat etwas Unerschöpfliches. Aber: Ist sie auch wichtig? Und wenn schon: In welchem Sinn? Und zu welchem Ende? Die Nation Europa jedenfalls, sie scheint dahingegangen zu sein, bevor sie da sein konnte, ein imaginärer Geburtshelfer des Gedankens, dass da keine Nation mehr kommen wird, keine Nation aus Nationen und keine Nation nach den Nationen. Demgemäß haben die Europäer gelernt, über ihre Staatlichkeit zu raunen oder zu lachen, aber nicht als Franzosen, Belgier, Italiener oder Deutsche, sondern als Europäer, als Nutznießer des freien Verkehrs. Das ist noch nichts Besonderes, schließlich ist Europa ein Lernprozess. Er saugt die historischen Überschüsse ab, die sich in den Staaten gebildet haben und ihnen den Gedanken verbieten, sie seien genau das, was sie heute jeder für sich sind, nicht mehr, nicht weniger. Sie übertreiben die Gefahr, die noch von ihnen ausgeht, um ihr Modell zu preisen, von Ewigkeit zu Ewigkeit – und ein wenig dazwischen.

NATURLOS

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Man hat an der Negativen Dialektik einseitig den Negativismus hervorgehoben und in ihm den Ausdruck einer speziellen Idiosykrasie sehen wollen. Dabei ist er das beinahe anonyme Kennzeichen eines Modernismus, den sie nur nirgends in Frage stellt. Das besondere ›Anliegen‹ dieser Theorie winkt aus ihrem angeblich schwächsten Punkt: dem Bedenken des vielgestaltigen ›Umschlags‹ von Vernunft in Natur. Was hier Vernunft, was Natur heißt, bleibt nicht schillernd, sondern aus Gründen unterbestimmt, weil es die ganze Tradition des aufklärerischen Denkens aufnehmen soll. Aber der Absturz der ›reinen‹ Konstruktion ins Unvernünftige, ins Weg- und Bodenlose einer zerstörerischen Gegenwart war gesehen, er ist das Faktum des langen zwanzigsten Jahrhunderts, das manche ›kurz‹ nennen, weil sie es los sein wollen. Das sollten auch die ›radikalen‹, die gemäßigten und die naiven Konstruktivisten nicht vergessen – eine etwas altväterliche Ermahnung, die insofern unnötig ist, als Gedächtnislosigkeit, wie bekannt, zu ihren besonderen Tugenden zählt.

NEANDERTHALER

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Das Geheimnis der Menschheit ist der Neanderthaler. Kaum etwas hat sie nachhaltiger geprägt als jene Phase, von der die 1,5 Prozent genetischen Erbes Kunde geben, ohne zu verraten, wie genau es dabei zuging. Der Neanderthaler, sagt man, geht dem homo sapiens voraus. Aber zu jener Zeit, in jenem vorgeschichtlichen Loch, teilen sie ein und dieselbe Landschaft, die gleichen Feinde, dieselben Lebensgrundlagen sowie – siehe die 1,5 Prozent – dieselben Lüste und Begehrlichkeiten. Sie teilen sie, wie man das tägliche Brot teilt, unter den Augen des anderen, zustimmend, konkurrierend, feindselig, aber immer im Hinblick auf jenen anderen, nach Maßgabe seiner Handlungen oder Nichthandlungen, seiner geballten Präsenz oder punktuellen Ohnmacht. Ist ihr Verhältnis offen? Verbergen sie sich voreinander? Gibt es ein durchgehendes Übergewicht einer Seite? Oder ist alles Kampf und Spiel und Zufall? Diese Parallel-Existenz der Menschenähnlichen, der Menschen mit abgewandter Seite, andersartigem Gedankenfluss, verschiedenem Geschick und Bedarf, mit unterschiedlichen Göttern (wenn dergleichen in diesen Schädeln Platz hat) dauert entwicklungsgeschichtlich nur einen Moment, jedoch lang genug, um einen planetarischen Abgang zu umfassen, der womöglich einem Aufblühen gleicht, bis die Herausforderung zu groß wird, sich vielleicht einer Krankheit, einer genetischen Störung, einer fatalen Veränderung der Ernährungsgrundlage oder einer waffentechnischen Neuerung, vielleicht der erfolgreichen Implantierung der Ideologie des Bösen auf der Verfolgerseite, einem systematischen Fortschritt im Denken verdankt. Durchaus denkbar, dass ein Entwicklungssprung ihnen den Garaus macht, weil er die Gegenseite zwingt (oder, was praktisch auf dasselbe hinausläuft, in Versuchung führt) sie auszulöschen. Durchaus denkbar, dass man die letzten Neanderthaler in Käfigen hält oder in Lagern verkümmern lässt oder als Maschinen bei groben Arbeiten einsetzt oder in Gladiatorenkämpfen verheizt – das alles, ohne den Gedanken des Aussterbens überhaupt denken zu können. – Die unfassbare Primitivität des Siegers, den man besser Nutznießer nennen sollte, gibt nicht zu denken, sie regiert vielmehr das Denken, sie verschmilzt mit ihm bis zu einem Grad, auf dem jeder Zugewinn an Gewitztheit und ›Mitteln‹ als evolutionärer Sieg über den Rest der Menschheit, über die ›andere Seite‹ betrachtet und ausgemünzt wird – was nichts weiter heißt, als dass man die anderen unbekümmert als Wesen taxiert, die in der Vergangenheit leben, also Vergangene sind, ohne es zu wissen oder zu ahnen. Die Herren der Gegenwart haben sich der Zukunft bemächtigt und rücken sie nicht mehr heraus. Verläuft sich die Herrschaft, so zersplittert die Zukunft in ungleiche Teile, in Zukünfte, teils gewollte, teils ungewollte, und es herrscht Krieg.

NEBENBARSCH

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Barsch werden die meisten, weil die Stellung es ihnen erlaubt. ›Barschsein mit Abhängigen‹ fällt unter die Todsünden mit oder ohne Gott. Sie findet sich nur deshalb nicht im offiziellen Katalog, weil seine Fortschreiber unter dem gleichen Syndrom leiden. Nicht so der Nebenbarsch. Er ist barsch von Natur, also zu seinesgleichen, daran erkennt man ihn leicht. »Sei nicht so barsch«, begütigt ihn seine Frau, daraus ersieht man bereits, dass seine Natur männlich geprägt ist. (Frauen hingegen können barsch sein, sie sparen sich, was bei Männern unwillkürlich zum Vorschein kommt, für eine passende Gelegenheit auf.) Dem Nebenbarsch ist die Einrede schnuppe, keiner hält ihn zurück, sobald die Natur ihren Tribut fordert. Vielleicht gefällt ihm die Anerkennung, die ihm so widerfährt, und seine Miene heitert sich kurzfristig auf. Insgesamt bedeutet Barschsein, in puncto Anerkennung wählerisch zu sein – ein bisschen zu sehr, ein bisschen ins Ungebührliche hinein, so dass die Sache nach Verweigerung riecht und die Umgebung nach Luft schnappt. Wer barsch ist, findet im Grunde seiner Seele, sein Gegenüber müsse sich erst beweisen. Die meisten Menschen verstehen nichts von Beweisen, daher bleibt er in der Regel unverstanden zurück: »Was habt ihr denn?« Der Barscheste hält, wenn die Schau vorbei ist, noch eine Ansprache, die in dem Satz gipfelt: »Ich liebe euch doch alle!« Es ist nicht der Satz, es ist der Ernst darin, der verstört. Da fliehen die Bilderbuch-Indianer, nur Winnetou, wäre er zur Stelle, hätte verstanden. Nein, geliebt werden hätte er nicht wollen.

NEBENEINANDER

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Deshalb lieben wir das alles sichtbar machende Netz: es erinnert an die Beipackzettel gewisser Medikamente, die einen Krankheit samt Therapie vergessen machen, weil... nun, weil man vergisst, sobald man ins Lesen gerät. Man vergisst den Anlass, den Grund, den verfolgten Zweck, man hört auf, ein Verfolger zu sein, man hört sogar auf, sich verfolgt zu fühlen... Das Nebeneinander unterschiedlichster Adressen und Mitteilungen erzeugt im Lesenden eine Ordnung, die nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint, obwohl sie so selbstverständlich aus ihr hervorwächst. Diese Ordnung ist nicht gestellt, aber sie stellt sich ein. Warum? Weil der Mensch ein intelligentes Wesen...? Das ist etwas allgemein gesprochen, aber es trifft den Sachverhalt. Man gebe den Menschen alles zu lesen und sie finden sich schon zurecht. Es gibt kein Nebeneinander. Das kommt ihnen paradox vor und sie tun alles, um diese einfache Weisheit vor sich und den anderen abzudunkeln, aber es ist die Wahrheit und sie setzt sich durch, so wie sie sich immer durchsetzt: hinterrücks, ruckelnd, seitenverkehrt, überhaupt verkehrt, damit den Zurechtrückern die Arbeit nicht ausgeht und die Didaxe blüht. – Du hast gut reden, sagt die Kröte zum Walfisch, und wenn sich nichts einstellt? Dann war es ein Test und alle guten Leute gehen nach Hause.

NEINSAGER

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Die Karriere des Neinsagers entscheidet sich an drei Buchstaben. Warum an dreien? Nun, das entscheidet jede Sprache anders. Nach einem bekannten Wort muss, wer hinausgeht, auch wieder hereinkommen, besonders in zivilisierteren Gegenden, in denen es zwecklos wäre, draußen zu bleiben, jedenfalls für längere Zeit, da sich alles Wichtige innen abspielt. Das Zurückkommen als dritter Akt ist der eigentlich Spannende, auf ihn ist alles gerüstet. »Nein« sagt es sich leicht, leichter als »Ja«, weil die Verpflichtung entfällt, auf die alle scharf sind. So ein Nein ist, recht betrachtet, nichts weiter als die aufgeschobene Verpflichtung, mit der einer Zeit schindet, die er sonst nicht bekommt. Geschundene Zeit zählt in der Regel doppelt, zum Beispiel vergeht sie doppelt so schnell oder doppelt so langsam, soll heißen, sie besitzt kein inneres Maß außer dem der Anspannung. ›Ja sicher‹ oder ›ja natürlich‹ lauten die Floskeln, mit denen der geborene Neinsager sich seinen Weg durch den Dschungel der Entscheidungen bahnt. Ja, sicher und natürlich, so sieht er sich selbst und so möchte er sein, dafür nimmt er Unsicherheiten in Kauf, vor denen andere zurückschrecken würden, deren geflüstertes ›Ja‹ im Gedränge immerfort unterzugehen droht, weil es sich scheinbar von selbst versteht. Ein Neinsager hat keine Zeit – außer der, die er sich nimmt. Deshalb nimmt er sich gerne Zeit, da der Bedarf niemals abreißt. Schließlich muss so einer nehmen, was kommt, wenig genug, wie ihm dünkt, nichts, was ein Ja rechtfertigen würde. Möglich, dass er zustimmt, aber bröckchenweise und ohne innere Überzeugung, er lässt es sich gerne abkaufen, denn er weiß, am Ende ist es nichts wert: nichts belangloser als ein aus der Zeit gefallenes Ja, mit dem ein großes Nein kurzen Prozess macht.

NEKROPHILISTER

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Der Nekrophilister ist der Feind des klassischen Nekrophilen, der sich in die Vergangenheit eingräbt, um der Gegenwart habhaft zu werden. Der Nekrophilister verlässt die Gegenwart nie, er will sie ›gestalten‹. Wer immer ihn dabei stört, den stürzt er ins Gestern. Die Vergangenheit gilt ihm nicht mehr als eine Jauchegrube. Wer hineinfällt, hat traditionsgemäß wenig Chancen, mit dem Leben davonzukommen.

NEOLIBS

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Gut möglich, dass der Sieg des Neoliberalismus das Ende des Liberalismus bedeutet: nicht, wie fleißige Kritiker vermuten, aus Gründen der Markttyrannei, sondern auf Grund der Notwendigkeit, ihm Halt und Struktur zu geben, ihm Grenzen einzuziehen, die keine Grenzen im herkömmlichen Sinn sind, hinter denen andere Kräfte herrschen, sondern Stellwände, auf denen die augenblicklich geltenden Regeln des Spiels in Reklameschrift angeschrieben stehen. Da das Spiel nicht unterbrochen werden darf, müssen kurze Aufblicke genügen, um sich zu orientieren. Wenn Neoliberalismus bedeutet, die eigene Haut zu Markte zu tragen, jederzeit und in vollem Umfang, das heißt von vornherein sowie nach und nach, dann bedarf es eines gut geschmierten Erziehungsstaates, der die Spieler daran hindert, sich gleich auf den ersten Metern durch Übereifer aus dem Spiel zu nehmen. Die liberale Trennung öffentlicher und privater Zuständigkeiten wird durch die Verstaatlichung privater Belange ebenso ausgehebelt wie durch die Privatisierung der öffentlichen Aufgaben. Seltsamerweise geschieht das unter voller Zustimmung der ›Betroffenen‹. Die staatliche Bewirtschaftung der Gesundheit, was immer mit ihr erreicht werden soll, ist dort, wo sie die Bereitstellung passiver Instrumente überschreitet, Entmündigung: das in aller Schärfe festzustellen wäre Aufgabe einer liberalen Öffentlichkeit, die es nicht gibt. Wer, aus Gründen der persönlichen Freiheit, die Institution der Ehe verweigert, läuft rascher Gefahr, sich mit dem Staat zu verheiraten, als zu einer befriedigenden Beziehung zu finden. Auch Homosexualität, lange ein Ausweg, hilft da nicht weiter, allenfalls die gute alte Entsagung, die keiner durchhält. An den auf Diät gesetzten Universitäten besitzt ein Gedanke, der sich nicht verkaufen lässt, kein Existenzrecht: so etwas durchzusetzen bedarf brachialer Mittel, also des Staates. Die mediale Meute erzwingt die Regeln, der Staat setzt sie durch und der Markt floriert, sofern die Hoffnung nicht trügt – auf Kosten der Gesellschaft, des schütteren Absolutums, das keine Mächte außer sich duldet und daher, Zuschauerin immer und überall, zulassen muss, was in ihr geschieht.

NETZFORSCHER

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Wir haben das Netz erfunden und es erfindet uns. Da gehen die Besorger der Gegenwart hin und rütteln an den Stühlen der Zukunft, um sich ihrer Stabilität zu versichern. Sie geben viel Geld aus, um zu erfahren, wie es sich darauf sitzt und worauf man wird achten müssen. Sie haben ein Auge geworfen und wünschen pünktlich Erstattung. Das alles geschieht und es hat wenig Wert. Sie werden Praxen erforscht haben, die obsolet sein werden.

NETZGEFLÜSTER

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Apropos Webforen und ‑blogs und ein gewisser darin herrschender unsauberer Ton: Warum kann man den Eindruck nicht abschütteln, dass man sich in einem anderen Milieu befindet, sobald man von, sagen wir, englischsprachigen auf deutsch(sprachig)e Seiten wechselt? Kein Scherz, keine generöse Geste lichtet diese Nebel, weit und breit kein Geltenlassen, das nicht bemüht daherkäme und gleich gelobt werden wollte, kaum einmal ein freundliches, ein anerkennendes Wort, stattdessen dieses verbiesterte, ahnungs- und syntaxlose Idiom, dieser Mix aus Denk- und Rechtschreibfehlern, nicht zuletzt die unterschwellig allzu oft anwesende, sämtliche Weltverhältnisse einbeziehende Nazi-Verdächtigerei und ihr national-narzisstischer Widerpart, das  meiste davon ohne Sinn, ohne Verstand oder auch nur Anstand, dieser – sagen wir’s ruhig – Geifer: das scheint alles ziemlich verbreitet zu sein und erweckt einen Eindruck von Zeitgenossenschaft, den man sich als Leser gerne erspart hätte. Aber warum? Man gäbe etwas darum, wenn man sich täuschte.

NETZSPANNUNG

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Hier, im Netzraum, ist die Spannung beträchtlich. Woran das liegt? Schwer zu sagen, selbst das Fragen ist schwierig, denn man bekommt keine Antwort oder viel zu viele. Man weiß nicht, wer zusieht und hinter welcher Brille, aus welcher Richtung und mit welchem Ziel. Auch gibt es Grade der Intensität, die sich auf die Entfernung nicht taxieren lassen. Man kennt die Mittel der Beeinflussung nicht, aber man lässt sie sich gefallen. Man kann Umfragen veranstalten, man kann den Leuten ins Haus kommen, gleichsam um den schwarzen Kasten herum, und ihnen auf den Hintern starren, als sei dies der Ort der Offenbarung, aber wenn sie sich endlich umdrehen und geduldig den Katalog der einfältigen Fragen beantworten, den ihnen die Wissensindustrie vorlegt, dann sind sie andere, mit anderen Nerven, mit anderen Leidenschaften, mit anderen Gedanken, mit anderen Einflusskanälen, und man erfährt nichts von dem, was man wissen wollte. Das Netz ist autonom, solange es unter Strom steht, vorher und nachher sieht man nur Sandkastenspiele. Das Gesicht des Netzbenutzers ist verdeckt, selbst Sehschlitze sucht man vergebens, gerade sie, denn dort fände man das Geheimnis, das sich nicht preisgibt. Diese in Sauggeräte verwandelten Augen, die nicht das Offene suchen oder ein Gegenüber, besitzen entfernte Pendants auf den Autobahnen, Augen, die am Horizont kleben, doch sie sind anders gerichtet, direkter, beweglicher, informationsoffener, intelligenter, falls sich so etwas sagen lässt. Der Blick ins Netz schaltet, anders als der Verkehr, die Intelligenz nicht aus, sondern lässt sie pulsieren. Was da auf Zeit entsteht, ist nicht die konvulsivische Schönheit, von der die Surrealisten träumten, aber eine Art Schönheit ist es schon, eine, die von den autoritativen Gewalten des Fernsehens oder des Kinos niemals erzeugt wurde. Die Schönheit des Netzes liegt in der Aktion, im Spiel zwischen Hand, Bildschirm und jener Lust auf Neues, die unablässig treibt, sucht, fordert, und den flüchtigen Elementen der puren Intelligenz auf andere Weise, aber ähnlich nahe zu kommen vermag wie die – fast – vollständige Versenkung in einen der Schlüsseltexte der Menschheit, von deren Existenz viele nichts wissen und niemals wissen werden. Was ist das für eine Autonomie, fragen sich viele, sie könnten auch fragen, welcher Teufel diese Leute reitet, sie werden auf ihre Frage keine Antwort erhalten, weil, wer so fragt, außerhalb steht – ähnlich einem Ästhetiker, der sich vergeblich fragt, was denn das Schöne sei, das er nicht empfindet. Als Werkzeug versieht das Netz seinen Dienst ohne weiteres, wer nicht mehr darin sieht, wird auch nicht mehr erfahren. Es ist nötig, dass Schönheit sei, aber es ist nicht nötig, dass alle sie sehen. Wem ein Löschblatt genügt, was soll der mit dem Original? Er würde nur versuchen, die anderen zu löschen.

NEUGIER

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Dem Leben ein Ende setzen: wie absurd! Wie unnötig! Wie fatal! Keiner kann hoffen, unversehrt aus dieser Operation herauszukommen und dennoch wird sie im Zeitalter der lebenserhaltenden Eingriffe von jedem verlangt... fast jedem, manchen bleibt es, aus kontigenten Gründen, erspart. Einige beginnen früh, sie üben noch, gerade sie nehmen alles genau und sind die ersten am Ziel. Wer hier stümpert, hat keine guten Karten, im Leben nicht und nicht danach. Was, du lebst noch? Reden wir von etwas anderem. Aber wovon? Was bleibt nach dem Scheitern in dieser Sache zu sagen? Was bleibt überhaupt zu sagen nach dieser Sache? Jeder glaubt zu wissen, was das ist: der Tod, und keiner kann sicher sein, dass sein Nachbar dasselbe darüber denkt wie er. Die vollmundigen Töner des Nichts bleibt sind die Verdächtigsten: irgendein Hintertürchen hält sich jeder von ihnen offen. Dieses Nichts ist nicht denkbar. Viele denken dorthin, aber sie kommen nicht an, der Gegendruck ist zu stark. Mancher hofft einzuschlafen, um endlich aufzuwachen, richtig aufzuwachen nach all den schlaffen Versuchen. Andere erwarten sich einen langen Schlaf und unterhaltsame Träume. Wer hofft, ist noch nicht am Ende, selbst wenn er es eilig herbeiführt. Wenige glauben ans Totengericht, die Leute fürchten es nur. Am nächsten kommt dem Nichts bleibt die offene, unverstellte Neugier, die sich selbst als Hindernis für das Neue sieht und den Störfaktor auszuschalten trachtet. Gerade sie... gerade sie... hat sich präpariert und ist bereit für die Reise. Was sagt uns das? Vorderhand nichts. Doch darunter brodelt es.

NEULING

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Das Prinzip heißt: maximaler Widerstand bei maximaler Anpassung. Man will dabeisein, man besteht auf kleinen Änderungen, die sich zu nichts summieren, aber in der Praxis alles verderben. Nur so kann der unsichtbaren Instanz Genüge getan wird, in deren Namen man sich auf das Spiel der anderen einlässt. Welcher Instanz? Wer sagt mir, dass nicht die anderen das Spiel spielen, so wie es gespielt werden muss? Dass ich also das Spiel unterbreche, wenn ich sie unterbreche? Genau besehen niemand, doch das ficht die Instanz nicht an. Wenn ich die anderen unterbreche, indem ich mich weigere, ihr Spiel zu spielen, dann beginnt ein neues Spiel. Gleichgültig, ob die anderen es bereits kennen oder nicht: jetzt bin ich Spielführer und die anderen haben sich nach mir zu richten. Wollte ich das? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Im Grunde ist es mir gleichgültig. Diesmal bin ich im Spiel. Wenn aber auch dieses Spiel unterbrochen wird, wenn es unterbrochen werden muss, weil ein neuer Teilnehmer aufkreuzt, dann stört das meine Bahnen beträchtlich. Vielleicht gewinne ich einen Verbündeten. Ausgeschlossen wäre es nicht, aber das Risiko ist hoch, vermutlich gewinne ich keinen Verbündeten, vielleicht sogar einen Gegner, in der Regel gewinne ich nichts. Was ich verliere, haben die anderen, wie ich annehme, bereits vergessen: dass, was gerade gespielt wird, mein Spiel ist und es soeben gestört und durch ein anderes ersetzt wird. Ich besitze also Verbündete, zumindest dem Grundsatz nach, weil mein Spiel gerade ihr Spiel ist und sie genauso verlieren wie ich. Einige unter ihnen mögen ein langes Gedächtnis haben und zufrieden sein, dass jetzt mein Spiel zerstört wird wie früher ihres. Aber das ist gleichgültig, weil es den einen wie den anderen und mir selbst ergeht: unfähig, die neue Situation zu verhindern – sie besteht ja bereits und ist durch kein Aufbäumen mehr zu beseitigen –, müssen sie über sich ergehen lassen, was jetzt geschieht. So werden sie tückischer und kraftloser, je häufiger ein Spieler eingewechselt wird oder den Kreis der Spieler vergrößert. Bleibt die unsichtbare Instanz. Der Neue ist nicht er selbst. Er ist es nicht mehr und noch nicht. Die unsichtbare Instanz tritt für ihn ein, sie lässt ihn Dinge tun, die ihm vorher und nachher völlig fremd sind. Auf der Schwelle und nur auf ihr erscheint er sich und den anderen als Fremdling. Seltsamerweise prägt sich diese Erscheinung ein. Sie bleibt erhalten, man kann bei Gelegenheit auf sie zurückgreifen, auch wenn längst nach anderen Regeln gespielt wird und der Betreffende höchstens merkwürdig findet, dass seine Erinnerung streikt, sobald sie sich der Person nähert, die er zum Zeitpunkt seines Eintritts war oder doch gewesen sein muss, denn: einer muss schließlich auch er gewesen sein. Etwas hat ihn so und nicht anders gestellt. Es ist verschwunden, nicht spurlos, aber auch nicht auffindbar.

NEWCOMER

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Wenn zwei um die Vorherrschaft rangeln, führt das ins K.o. oder sie legen ihre Interessen zusammen und finden zu einem Ausgleich. Gemeinsam besitzen sie ein natürliches Übergewicht gegen jeden, der zu ihnen aufzuschließen versucht. So reicht es stets zur Vernichtung des Dritten. Das ist, unter Machtgesichtspunkten, die Geschichte. Von einem bestimmten Zeitpunkt an wächst die Vernichtungskapazität unaufhörlich. Sie wechselt, besser: verschiebt die Länderbasis, sie wird autark gegenüber Machtfaktoren älteren Stils. Zur gegebenen Zeit ersteht ihr ein neuer Feind. Die Auguren sind unschlüssig, ob er eine Projektion ist oder eine Realität. Vermutlich ist er beides und mehr. Er ist innen und außen, er ist ›auf dem Schirm‹ und gut verborgen. Es ist der Gedanke der Herausforderung selbst. Er ist unangreifbar in dem Maße, in dem er bloßer Gedanke ist. Dabei ist er mit Händen zu greifen. Wo man ihn aus den Gedanken verbannt, wird er zum Hintergedanken. Wo man den Hintergedanken verbannt, provoziert man Gewalt. Man nennt sie schmutzig an Stelle der reinen Gewalt und zeigt damit, wie ratlos man ist. Sie ist die Gestalt der Ratlosigkeit, aufgerichtet gegen den Zustand der Welt.

NICHTSNUTZ

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Für die alten Europäer, sagt Anke, die schlanke, war die Seelenwanderung der Buddhisten eine willkommene Brücke, um sich aus dem christlichen Jenseits davonzustehlen. Nach allerlei aufgeklärter Aufklärerei standen sie vor dem Nichts und konnten sich nicht entscheiden: Zulassen oder bekämpfen? Hände in den Schoß oder Hals über Kopf? Die Seelenwanderung bot den dringend benötigten Aufschub. Wir müssen erst besser werden, dann kommen wir überall hin, selbst ins Nirwana. Dorthin zu gelangen ist schwer, fast so schwer wie ins verlorene Paradies, und wir, wir müssen noch über alle Berge. So wurde, was bereits auf der Schwelle stand, rasch auf den St. Nimmerleinstag verschoben, vermutlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, doch ist von dieser Seite naturgemäß so gut wie nichts in Erfahrung zu bringen. Die moderne Wissenschaft, wer wüsste das nicht, entspringt der Angst vor dem Nichts, einer unbegründeten, in tiefen Individualnöten wurzelnden Angst übrigens, aber, mein Gott ja, warum nicht. Vor dem Nichts stehen heißt einen neuen Anfang suchen, viele machen auf diese Weise ihr Glück, meistens bleibt es bei Nachbars Häme. Homo homini's nobody, der Mensch schenkt dem Nachbarn nichts, warum sollte er auch? Auf diese Weise kommt das Nichts praktisch unter die Leute. Aus dem Negator, sagen die Leute, wird ein... ja was denn? ... ein Negator, so wie aus der Menschmaschine am Ende ein Maschinenmensch wird. Die Wissenschaft, also der Aufschub, nein, die Form des Aufschubs, die fortwährend neue Inhalte hervorzaubert, steht, wie man liest, im Dienst der Menschheit, die sich ihrer bedient, vor allem, wenn sie das Geld dazu hat und die Renditevorstellungen stimmen. Vor dem Nichts stehen heißt die Wahrheit zur Arbeit zwingen. Und siehe: sie macht es gern. Übrigens müssen wir alle arbeiten. Das sollte es ihr erleichtern. Man steht nur kurzzeitig vor dem Nichts, anschließend folgt es einem überallhin nach. Fast wie ein Hund.
Anke, die schlanke, weiß, wovon sie redet. Eben noch stand sie vor dem Nichts, jetzt, mit einem neuen Lover im Hintergrund, sieht alle Welt: es geht ihr blendend.

NIEMANDSOASE

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Wissen Sie, wir sind niemand, denn wir haben Geist. Sie werden fragen: Wo zum Teufel haben Sie den her? Dürfen Sie, dürfen Sie. Komische Sache: Er ist uns zugelaufen. Drolliges Kerlchen, war plötzlich da. Wir haben natürlich gedacht: Lasst uns den zurückbringen! Aber wohin? Das ist nicht so einfach. Nichts zu machen! Das Kerlchen blieb. Und gedeiht. Sehen Sie selbst. Nein, lassen Sie’s, lassen Sie’s. Im Grunde geht es Sie auch nichts an. Es geht niemanden etwas an, wissen Sie. Geist weht im Verborgenen, sagt man, und es ist was dran. Niemand weiß Bescheid, sagen Sie’s niemand. Schon die Sache mit dem Wehen: Kommen Sie, ein Jux, aber nicht auf unsere Kosten. Nicht auf unsere Kosten! Fragen Sie Geist – das Kerlchen bellt Ihnen was. Ja, es verbellt, was ihm nicht passt. Und was passt ihm schon.
Ein Vorleben, sehen Sie, ein Vorleben hat das Kerlchen, das muss man ihm lassen. Wo immer es herkommt! Wo wird es schon herkommen, sagen Sie, und da ist was dran. Wo wird es schon herkommen, sagen wir, aber aufgepasst: Die Frage, sooft wir sie stellen, bleibt nie dieselbe. Manchmal ändert sich nur der Klang. Rostiger Türflügel heute, sagen wir, wie macht sie das? Und schwups... Aber ich langweile Sie. Warum? Fragen über Fragen. Dabei frage ich mich: Warum wir? Was bezweckt das Kerlchen? Was hat es vor? Plant es den Untergang?
Als ob das lohnte. Ich sage immer: Wir haben den Untergang hinter uns. Aber das stimmt nicht. Wir sind Untergeher. Wir haben das im Blut, wir müssen untergehen, immerzu untergehen, anders geht es nicht. Wir haben die Welt so eingerichtet, dass alle uns sagen: Seht ihr nicht, dass ihr untergeht? Wollt ihr nichts dagegen tun? Und wir? Haben wir etwas dagegen? Teils – teils: im Großen und Ganzen bringt ein Untergang große Vorteile. Ansonsten bedeutet er nichts, denn er trifft niemanden. Niemand geht unter, wenn wir untergehen. Kein Wir, kein Untergang. Kerlchen kommt da wie gerufen. Wann geht er wieder?

NIETZSCHE

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Diesen Philosophen haben wir geliebt wie keinen anderen und jetzt gehen wir und schließen die Bücher. Warum? Woher dieser plötzliche Überdruss? Hat er auf einmal nicht mehr recht, nach so vielen Exerzitien und Exuberanzen der nachfreudianischen Seele? Denn dass dieser hier nach Freud kam, nachdem er lange da war, das ist mit Händen zu greifen und nicht bezweifelbar. Sind wir also weiter? Wir? Welch komische Instanz drängt sich da zwischen den Einzelnen und seine Lektüre? Aber nein, so ist es nicht. Eher ließe sich sagen, diese Instanz entstand zwischen den Zeilen dieser Lektüren, sie drängt auch nicht, sie hat keine Eile, sie lässt dem, der noch nicht so weit ist, der noch lesen muss, Zeit. Vielleicht ist es das, was sie ausmacht: sie nimmt keine Zeit, sie lässt sie. Das konnte dieser da nicht, er war ein Gedrängter und Dränger, was aus ihm hervorkam, hervorquoll, hervortrieb, war der Geist eines Jahrhunderts, das jetzt vorbei ist, aus und vorbei. In den Sechzigern schrieb einer: »Nietzsche steht uns noch bevor« – der eine oder andere hatte es befürchtet. Er war der Geist aus der Flasche, mächtig und ungreifbar, dabei folgsam aufs Wort. Und wortgläubig musste einer sein, wollte er ihm folgen, auch wortklauberisch, wenngleich in immer neu sich entrollenden Grenzen: ein Natterngezücht, diese Nietzscheaner, seine Lehre ein Hütchenspiel, seine Heiligsprechung ein lustvoll erneuertes Sakrileg. Wer heute ›Spaß hat‹, ist schon Nietzscheaner. Das muss nicht sein. Man schlägt ihn auf und sagt sich: Alles falsch! Nietzscheanismus ist jetzt die Kunst, selbst das Richtige falsch zu sagen.

NOT, NOTGERTEN

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(Der Ursprung des germanischen Namens Notger ist hier zu suchen.) Notgerten verteilten die Vorfahren der Sozialbesitzer, graublütige Zwerge aus dem Rautengau, etwa zur gleichen Zeit, als im römischen Castrop-Rauxel Papiergeld ausgepeitscht wurde. Die Szene ist bei Homomaris auf einer silbernen Münze festgehalten. Sie war der keltischen Göttin Sirona geweiht. Man kennt heute indessen nur noch die gleiche Münze ohne die Gerte. Auf Befragen im Auftrage der ›Alphazet-Vereinigung gläubiger Kenner denkender Buchstaben‹ sagte der Künstler: »Die Gerte war mir damals nur einmal ganz kurz bekannt geworden, später vergaß ich sie mitsamt dem Heer graublütiger Zwerge als Sozialbesitzer. Hätte ich sie noch weiter gekannt, so wäre ich wohl auch auf die Idee gekommen, mich in Zeiten der Not der Gerte zu bedienen und schließlich sogar aus einer zweiten Münze Nutzen zu ziehen. So aber habe ich nie wieder eine Münze gemacht, bin aber auch nie wieder in Träumen von Geldbesitz und Wohlstand von ihr heimgesucht worden (siehe Homomaris: Geständnisse eines verarmten Adlers). - PM

NOTBEHELF

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Dass die Schmierigen, Gierigen den Planeten beherrschen, ist weniger bemerkenswert als der Umstand, dass niemand es ihnen verwehrt: wo immer ein Einspruch sich bildet, schimmert alsbald die traurige Wahrheit durch, dass man sie überall braucht. Aber warum traurig? Die Wahrheit ist lustig wie die Tiroler, sie steigt morgens ins Unwegsame auf und bettet sich abends unter Schalmeienklang, doch das ist vielleicht nur ein Vorurteil. Die Wahrheit über die Wahrheit will keiner wissen, bloß die Schlaumeier behaupten keck, es gebe sie nicht und das sei die Wahrheit. Die Wahrheit ist, wie der Lappen, auf dem sie gedruckt steht, ein Notbehelf, der verdeckt, dass den Menschen nicht zu trauen ist. Deshalb gewinnt, wer sich traut, als trauten ihm alle, jedenfalls meistens.

NOTENSPIEGEL

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Wir wollen die Welt nicht benoten. Wir wollen auch nicht benotet werden und da entsteht das Dilemma. Denn die da benoten und nicht benotet werden wollen, weil sie in allem die Bestnoten verdienen, wissen genau, was sie von denen zu halten haben, die sich der Benotung verweigern. Also erfinden sie immer neue Benotungssysteme, nicht zu reden von neuen Benotungs-Anlässen, um denen, die da nicht benotet werden wollen, weil sie schon wissen, was sie von denen, die da benoten, zu halten haben, das Leben schwer zu machen. Denn das wollen sie ja: leben. Die anderen wollen das auch und so erklärt sich das Durcheinander. So ist es gut, wenn alle, die da benoten, keine Vergangenheit haben, und alle, die da nicht benotet werden wollen, eine haben. Die da benoten, können sagen, sie hätten nichts zu verbergen, die anderen müssen es. Wer nichts zu verbergen hat, kann nichts dagegen haben, benotet zu werden, er sehnt es förmlich herbei, denn er ist neu auf der Welt und wüscht sein Lebensgefühl befestigt zu wissen. Also sind alle glühende Anhänger eines Notensystems, das sie insgeheim ablehnen. Was heißt schon ablehnen: sie scheuen sich nicht, es für gezinkt, unwürdig, ungerecht und überdies veraltet zu erklären, sofern es nicht das gewünschte Resultat zeigt. Da ist es am besten, wenn alle sich auf eine Vergangenheit einigen. Man weiß, was man an ihr hat und pfeift auf die Noten.

NOTRAUSCH

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Ein Land, in Freiheit gesetzt, findet zu sich selbst, indem es sich in zwei Populationen teilt: das ist der einfache, der Glücksfall, unter dem nichts geht. Zwei Identitäten, damit lässt sich leben, das entspricht den zwei Seelen in einer Brust: »Ich bin ein Xler und ich bin es auch. Bitte das nicht zu vergessen.« Und wenn der andere es vergäße? Gut, der andere bin auch ich, wir werden uns einigen. Schon aus gemeinsamer Not werden wir uns einigen. Alles, was in Gemeinschaft geschieht, geschieht um einer Not willen. Aber wenn einer der beiden glaubt, das große Los gezogen zu haben, wenn er dem Goldrausch verfällt, weil ihm ein Angebot unterbreitet wurde, dem er ›beim besten Willen‹ nicht widerstehen kann, dann, ja dann verwandelt sich das Glück der Zweiheit in den härtesten aller Fälle, gK++, die große Konfrontation. Warum den Reibach nicht teilen? Gute Frage. So gestellt, übergeht sie die Kleinigkeit, dass die verschiedenen Identitäten sich gerade über dem Punkt finden und einander verlieren. Warum teilen, was nur einem gehört? Warum teilen, was der andere, aus den oder jenen Gründen, nicht will? Solche Gründe sind immer dem Zufall geschuldet und der historischen Notwendigkeit, die doch nichts anderes meint als den tiefen Zufall, der gerade jetzt, an Ort und Stelle, dafür sorgt, dass sich nichts bewegt. Wer nicht teilen will, der muss trennen, wer nicht trennen und nicht teilen will, der muss bluten, wer nicht trennen und nicht teilen und nicht bluten will, jedenfalls nicht allein, dem ist nicht zu helfen, weder von innen noch von außen, dennoch trommelt gerade er alle Mächte zusammen. Warum? Um bluten zu lassen.

NOVUM MEDIAEVUM

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Wir sind in ein neues mediaevum eingetreten, ein mittleres Zeitalter zwischen zwei Modernen. Die alte ist noch zu lebendig in uns, als dass wir anders als mit den vertrauten Aufschneidereien darauf reagieren könnten. Noch sind wir zu sehr mit ihrer Abschaffung beschäftigt, um anzuerkennen, dass dort, wohin es uns zieht, uns nur Heteronomie erwartet. Es wäre auch ungerecht, da sie exakt nach den Vorgaben dessen hervortritt, was verschwindet und schon verschwunden ist. Der Westen verliert rapide an Kraft, die Verhältnisse auf dem Globus zu gestalten, und nicht nur sie. Seine asymmetrischen Kriege nach dem Ende des großen Schismas kosten mehr, als sie einbringen, und er kann sie nicht beenden, auf Knopfdruck nicht und nicht auf dem Weg von Verhandlungen, wenn man weiß, dass er immer mit der falschen Partei am Tisch sitzt, weil die richtige sich nicht blicken lässt. Da wächst der Wunsch, hier und da reinen Tisch zu machen, fatal wie eh und je, mit Folgen, die man aus den Geschichtsbüchern kennt. Kümmern sie uns, diese Folgen? »Respice finem«: aber darum geht es doch! Man kann Enden gestalten, man kann sie aufhalten, aber nicht verhindern. Diese Enden haben etwas unbestreitbar Komisches, sie treten ein, wenn die Vorhersagen hundertmal widerlegt sind und die Diagnosen ihre Seriosität endgültig eingebüßt haben. Und wirklich gibt es nichts, kein Ereignis, kein Desaster, das man beim Wort nehmen könnte, um zu sagen: Das ist das Ende. Nein, es ist einfach eingetreten und dauert an, es läuft über alle Zeitgrenzen und nützt diesen Umstand gründlich aus. Keine Angst, es tut nicht weh, nicht mehr jedenfalls als andere Zustände, und mancher seufzt vor Erleichterung und sagt sein »Na endlich.« »Diese Moderne samt ihren Postmodernen, sie war wirklich nicht mehr zum Aushalten. War sie es je? Lastete sie nicht auf der Erde wie ein letzter Traum vor dem Erwachen?« Wer das sagt? Leider kennen wir nicht sein Gesicht, man wird ihn ausgraben müssen, ihn oder seine Reden, in ein paar Jahrhunderten, die sich vielleicht verkürzen, sollte der Planet sich entschließen, schneller zu kreisen, was er im Bereich der Mikrosekunden auch tut.

NTS

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NICHT TOT SEIN – ein Imperativ, wie es wenige gibt. Überall Großbuchstaben, wohin man sieht, und die Anmerkungen spotten jeder Erfahrung. Besser, du wärest tot: ist es das, was man damit sagen will? Berührt man den anderen deswegen leicht, wie im Schlummer, und rüttelt ihn, weil es doch nichts nützt, um zu sagen: du bist so gut wie tot, aber ich lasse dich nicht? In diesem ›so gut wie‹ lauert eine Pointe, doch sie kommt nicht heraus. Sie hat eine Höhle gefunden, in der es ihr gut geht, warum sollte sie, da sie das Tageslicht scheut, sich ihm aussetzen?

NULLDIÄT

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Die klassischen Texte der Moderne wollen gelesen werden, als seien sie neu, doch nicht so, wie sie in jedem Semester neu gelesen werden, im heißen Bemühen, sie diesmal richtiger, vollständiger, strategischer, zukunftsweisender zu verstehen als je zuvor, als Ankündigungstexte von Modernen, die noch immer bevorstehen, kurz als ebenso uneingelöst wie die Worte der Bergpredigt oder das Dogma der Auferstehung des Fleisches. Solange man diese sehr irdischen Texte als Heilstexte missversteht, ist nichts gewonnen, aber eines verloren: die freie Bewegung des Denkens. Ein solches Denken erträgt kein Lastenheft, das ihm vorschreibt, was ›am Ende herauskommen‹ muss. Ebensowenig erträgt es die zwanghafte Deutungsattitüde. Nur durch substanzielle Abwehr, durch eine alle wider den Augenschein noch immer erhobenen Ansprüche auf Geduld, auf Nachsicht, auf Rücksicht abweisende und, wo es sein muss, höhnische Lektüre werden diese Texte ein letztes Mal lebendig, bevor sie zusammen mit anderen, älteren durch ihre noch immer nicht wegzuleugnende Glut den Horizont aufhellen, vor dem die Auseinandersetzungen der Heutigen ihren Gang gehen. Und wären es Heilstexte, so müssten auch diese zerstört werden, damit sich andere, noch nicht in Erscheinung getretene Generationen aus ihnen das Richtige zusammensuchen können. Die Hoffnung, weiter zu kommen, indem man sich unter die Diktate Verstorbener duckt, ist nicht besonders gegenwartsfreudig, darin liegt der unauflösbare Selbstwiderspruch all derer, die ›nach wie vor meinen, modern zu sein‹ – ein schönes Bild, das man so stehen lassen sollte, am besten im freien Fall.

NURTRÄUMLER

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Darunter stelle ich mir den Träumer vor, der ich erwachend nicht bin. Ich stelle ihn mir, im Traum, als den vor, als den ich mich träume. Traum, der ich bin, erwache ich in einen Träumer hinein, den ich hintergangen habe, als ich ihn träumen ließ, er träumte. Pech für ihn: er hat mich geträumt, als er sich träumte. Mag sein, im Traum existiert kein Ich, nur ein großes, unbeschattetes Auge, das sieht und sieht, ein offenes Ohr, das hört und hört, ein Empfinden, das ins Blaue hinein empfindet, weil es sonst nichts zu tun gibt, das klingt angenehm nach nichts, aber ehrlich gesagt, es macht die Dinge nicht leichter. Ich, der geträumte Träumer, der keiner ist, weil er alles nur träumt, verzichte gern, wenn nur der unbeteiligte Träumer den Traum bewahrt. Ein bewahrter Traum ist schon so gut wie ein erinnerter. Das ist die Chance, auf die ich lauere. Ein Philosoph hat mir einmal versichert, es sei nicht möglich, zu träumen, man träume. Hat er recht, so bin ich alles, nur kein Traum. Was träume ich, wenn ich träume, mir träumte? Wart’, Träumer, dass ich dich packe.

O’BAMA

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Das Bedürfnis der Menschen nach Erlösung ist ungeheuer. Im Deutschen klingt Obama nach ›Erbarmer‹, als solcher wurde bereits der Kandidat vom Nichtwahlvolk empfangen, erbarmen sollte er sich des ganzen verfahrenen Weltwesens und eine hemmungslose Propaganda goss immer nach, bis die papierenen Tüten durchweicht waren und eine nach der anderen aufplatzte. Dass auch ein Nobelpreiskommittee sein Tütchen mitgebracht hatte, wurde bereits hier und da mit Gelächter quittiert, wenngleich das Wohlwollen nicht so schnell wich. Warum die Hoffnung? Warum die Enttäuschung? Die Erwartung vernünftiger Beschlüsse ist ja nicht unvernünftig, jedenfalls nicht von Haus aus, allenfalls durch ihr Übermaß. Wenn sie enttäuscht wird, regieren wieder die Zwänge. Aber was vernünftig sein soll, fügt sich den Erwartungen ebenso wenig wie sein Gegenteil. Die Interessen der Menschheit divergieren, und nicht nur im Detail. Wer sie kapert, um mit ihnen davonzusegeln, wird schneller zur Geisel als er sich vorstellen kann. Überhaupt spielt die Vorstellung in diesen Dingen eine bedeutende Rolle. Wer ein wenig mehr Phantasie als seine Mitmenschen aufbringt, gerade so viel, um die brennenden Probleme des Planeten zu bedenken, leidet sub specie dieser Themen unter einem eklatanten Mangel an Einbildungskraft: er kann sich nicht vorstellen, dass andere darüber ganz anders denken und selbst dann, wenn sie zufällig gleich denken, von Motiven bestimmt werden, die er weder teilen noch ausloten kann. Warum das so ist? Weil es die eine Menschheit ebensowenig gibt wie den Menschen. Im Interesse der Menschheit spielen die Fiktionen miteinander Katz und Maus. Den Satz gilt es zu bedenken.

OBERGRENZE

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»Ober, Grenze!« So sähe der Bürger es gern, doch die Oberen ticken anders. Die wirkliche Obergrenze ist dort erreicht, wo der Kredit streikt. Im Kreditstreik sind über kurz oder lang alle vereint, die gern überziehen. Das ist ein Piloten-Ausdruck, gedacht als Warnung für Zeitgenossen, die allzu steil nach oben streben und dabei vergessen: der (Strömungs-)Abriss kommt vor dem Fall. Ein überzogener Kredit deckt nicht länger die Auslagen, die einer hat, nur weil er schon da ist. Warum einer da ist und nicht einfach dort, wo er nicht hingehört, das ist eine lange Geschichte, die jedesmal aufs Neue verwischt wird, wenn er den Flieger besteigt. Den Flieger besteigen – so ein Wort sitzt, es besitzt einen Klang, den nur Arschaufreißer verstehen, Leute, die von morgens bis abends unterwegs sind, um anderer Leute Trostlosigkeit zu torpedieren. Alles hat eine Obergrenze. Fragt sich nur: Oben oder unten? Manche, die sie tief unter sich orten, wundern sich, wie sie so hoch hinauf kommen konnten. Das Lustige dabei: sie wundern sich noch.

OBOLUS

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Nichts kommt im Leben wie in der ›Kultur‹ besser an als Sottisen über die Deutschen. Es ist ein Genre, das so alt scheint wie die Literatur Europas, jedenfalls seit sie sich in nationalsprachlichen Bahnen bewegt. Diese Mischung aus Herablassung und bitterem Spott, aus Hohn und Verärgerung, aus Über- und Unterlegenheitsadressen, zu gleichen Teilen gespeist aus Geschichtswissen wie aus Geschichtsunwissenheit, aus Politik, Religion und Literatur, ist so ungerecht wie töricht und überdies eine Quelle erhellender Einsichten. Durch Nietzsche wird das Syndrom in die Deutschen selbst verpflanzt, der gebildete Habitus nimmt es in sein Gefältel auf und erfindet kompensatorisch für sich die Mär vom ›anderen Deutschland‹, der dann der nationalsozialistische Irrwitz einen Zug ins Wirkliche verleiht. Seitdem hat das Bescheidwissen über die Deutschen apokalyptische Züge angenommen: Sie sind das bis ans Ende der Zeiten gebrandmarkte Volk. Jedenfalls sehen sie es selbst so, vielleicht wollen sie es auch so sehen, vielleicht müssen sie es so sehen, aber es hält sie nicht davon ab, es zwingt sie sogar, erfolgreich zu sein und mit ihren Erfolgen vor sich selbst zu paradieren. Erfolg jedoch, über jene unsichtbare Grenze hinaus, die hierzulande noch den Makel des Zugefallenen trägt, gilt nach zivilen Maßstäben als brutal, als eine widerwillig zugestandene Konstante, für die ein Obolus entrichtet werden muss. Das stiftet Freundschaften, die leicht in Verdruss münden. Wer den Mechanismus kennt, kommt blendend mit ihm zurecht, wer nicht, dem nützt es wenig, dass sein Gewissen ihm nächtens zuflüstert, er habe sich doch nichts vorzuwerfen – darin lag ja der Vorwurf.

OCHSENSTÄRKE

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All diese Leutchen, denen man eingeredet hat, ihre Weise zu leben sei gut und prächtig und frei und überdies die erfolgreichste des Universums, was werden sie tun, nachdem sie überraschend mit den Ergebnissen konfrontiert sind? Nun, zunächst nichts Bestimmtes, wenn man von der Aufgeregtheit und ihren Äußerungsformen einmal absieht. Was können sie tun? Nichts Bestimmtes, da sie sich nicht entschließen können, den Fehler da zu suchen, wo er zu finden wäre. Und wenn sie es täten, so fänden sich viele unter ihnen, zu viele vielleicht, aber vor allem zu Mächtige, zu gut Platzierte, die es wieder wegschwatzten, so dass der Überdruss an dem ganzen Gerede am Ende das Feld behauptet. So geschieht, was geschieht, wie es immer geschieht, es sei denn, etwas passiert, mit dem niemand gerechnet hat, das alle herumreißt und in neue Konflikte entlässt. Entlassen – das ist der Punkt. Die Angst vor dem Entlassenwerden ist der größte Stillhalter, selbst die Stille hält still, wenn es soweit ist. Nur die Dauererregten laufen herum und versuchen Öl in ein Feuer zu gießen, das längst gelöscht wurde, quasi vom Anfang her. Das finden die Braven obszön und sie rufen empört nach der Polizei. Es ist diese sekundäre Empörung, die den Bürger ausmacht, an ihr entzünden sich die Sekundärtugenden, mit deren Hilfe er seine Ochsenstärke unter Beweis stellt. Trage dein Los! Die Verantwortlichen werden sich finden.

ÖFFENTLICHKEITSARBEIT

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Eine Ministerin schreibt ein Buch, das heißt, sie übergibt eine Reihe gesammelter Notizen der Referentin, die daraus ein Ganzes, wie es dann heißt, fabriziert, ein Ganzes mit einer Botschaft – das wird immer Fabrikware bleiben, aber es hat seinen Sitz im Leben und es wird rezipiert, unmittelbar, ›instantan‹. So etwas heißt in der Öffentlichkeit schreiben. Natürlich auch für sie, in verzweifelten Lagen sogar gegen sie, aber nie von ihr getrennt, es sei denn, der Funktionsinhaber wurde rechtzeitig vor Erscheinen abgehalftert und ihm steht keine Öffentlichkeit mehr zur Verfügung.
Einem Berufsschriftsteller steht Öffentlichkeit nicht in gleicher Weise zur Verfügung, es sei denn, man hat ihn hinreichend mit Preisen behängt, so dass er wenigstens dann Aufsehen erregt, wenn er randaliert. Er muss sich Öffentlichkeit erschreiben. Nur ist gerade das ausgeschlossen, aus Gründen, die er nicht wirklich durchschaut. Denn wie schon Musil bemerkte: die Organe der Öffentlichkeit haben ihre Lieblinge für alle Sparten, ihr Bedarf an freien Radikalen tendiert gegen Null. Daher die übermäßige Aufmerksamkeit aller, die schreiben, auf die Organe – eine Achtsamkeit, die durch kein Informationsbedürfnis gedeckt wird. Die Literaten umklammern, was ihnen nicht gehört, was im Ernstfall nicht auf sie hört, als ginge dadurch etwas von ihnen auf jene über. Sie nehmen persönlich, wo immer sie nicht gemeint sind. Erzwingungsverhalten, so könnte man es nennen, aber erzwungen ist nur die eigene Existenz. So etwas heißt: Schreiben für die Öffentlichkeit.
Öffentlich schreiben – auf dem Marktplatz sitzend, das Kinn aufgestützt, das Notizbuch auf den Beinen, eine Kinderschar um sich herum, so dass jeder, der vorbeikommt, nicht umhin kann... ja was denn? Im Café schreibt es sich gut, ein Café ist ein öffentlicher Ort. Wer hineinkommt, weiß schon Bescheid oder der Anblick sagt ihm nichts oder er hält ihn für eitle Pose – zu Recht, denn alles ist Zitat. Öffentlichkeit, selbst fabriziert, ist ein Zitat. Das Internet hat die Öffentlichkeit neu erschaffen, im Web 2 wird sie wieder Zitat – publik gemachte Privatheit. Man muss die Wirklichkeit nicht herbeizitieren, warum auch? Man kann es ebensowenig, wie man ihr ausweichen kann. Wer öffentlich schreibt, sollte es auf einer Insel tun, seine Existenz sollte insular sein.

ÖKODIKTATUR

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Die Deutschen haben im Lauf der Zeit alle Staatsformen ausprobiert, nur die Ökodiktatur fehlt noch. Der Gedanke reizt sie, kein Zweifel, aber sie haben gelernt, unauffällig mit solchen Fragen umzugehen, und wollen die Sache nicht ausreizen. Manchmal, wenn am anderen Ende der Welt ein Unglück geschieht, macht ihr Gemüt einen Sprung und sie sind bereit, ein klein wenig weiter zu gehen als andere. Natürlich wäre es ihnen am liebsten, die ganze Sache würde in Brüssel geregelt und sie müssten den Anordnungen der dortigen Behörden nur Folge leisten. Mittelfristig, so hoffen sie, bewegen sich die Dinge in diese Richtung. Bis dahin spielen sie Vorreiter. So dient auch die leise gewordene Klage über das Demokratiedefizit der Union nur als Klingelbeutel für Stimmen, die sonst verloren gingen. Weiß Gott, wohin sie gerieten! Unter die Bänke? Kaum. Eher auf die Stimmzettel Andersgläubiger, die keine Diktatur fürchten, weil sie den Etikettenschwindel von Haus aus beherrschen. Also doch auf Abwege? Wer so fragt, hat nichts verstanden und bekommt bei Gelegenheit einen Geschichtsunterricht extra.

ÖL-SPUR

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Seit der Umwandlung des Golfs von Mexiko in eine Ölkloake im Frühsommer 2010 geht die Behauptung in Ordnung, die Welt habe sich Be-Pisst.

OHNMACHTSFÄHIGKEIT

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ist nicht die Fähigkeit, Ohnmacht zu empfinden – oder ohnmächtig zu werden, wie manche glauben –, sondern die Fähigkeit sie zu leben und weiterzugeben – ja weiterzugeben, man glaubt es kaum, aber darin eben besteht die hohe Kunst (nicht des Glaubens, sondern des Ohnmächtigseins). Anders als häufig angenommen ist Ohnmacht nicht ansteckend. Was als Ansteckung durchgeht, ist in der Regel bloße Sichtbarmachung. Was nützt der beste Ohnmachtsanfall, wenn keine Ohnmacht dahintersteckt? Er wäre rascher entlarvt, als so ein Anfall in der Regel dauert. Staaten zum Beispiel, die Ohnmacht mimen, um sich ihren internen Verpflichtungen zu entziehen, werden so rasch auf Herz und Nieren geprüft, dass dem Publikum über der Hast, mit der links und rechts die Polizei aus den Büschen springt, Hören und Sehen vergeht. Überhaupt sind Staaten weniger ohnmachtsfähig, als sie die Welt glauben machen, zum Beispiel, wenn sie Bündnisse eingehen, in denen sie als Beschützte firmieren, während sie doch nur andere für sich arbeiten lassen und als Friedensdividende einstreichen, wofür in anderen Weltgegenden blutig gezahlt wird. Europa zum Beispiel, der Kontinent, der seine Schwäche streichelt wie andere ihr Geschlechtsorgan, lässt sich am besten als Ohnmachtsvirtuose verstehen, dem es nur dann gut geht, wenn er von allen Seiten den Hohn erntet, den er mit Fleiß und Vorsatz vorher gesät hat. Wo, wenn nicht am Rande des Abgrunds, zeigt sich wahre Balance? Europa kommt von den Abgründen nicht los, die es unentwegt aufreißt; wer die alten Griechen kennt, weiß, es gründet auf Abgründen, von denen das Flachland wie eh und je nichts begreift.

OPFER, versöhnendes

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Warum hat sich Girards Opfertheorie der Kultur nicht durchsetzen können? War sie zu wenig durchdacht, zu unreflektiert, zu sehr auf die Durchsetzung einer Figur erpicht, um auf die Dauer das Heer der Auguren befriedigen zu können? Wer das Spektrum der Theorien durchmustert, die zur selben Zeit und seither in den Zirkeln der Fachleute und der Öffentlichkeit ihren Weg machten und zu patterns des modernen Weltverständnisses wurden, mag das kaum glauben. Wenig mehr als eine dumpfe Verstärkung des Unbehagens an der Kultur hat sie nicht geleistet, auch hat sich niemand der Mühe unterzogen, sie sorgfältig und mit Argumenten, die nicht bereits bei der Niederschrift hinkten, zu widerlegen. Dass die Herstellung von Gemeinschaft zwischen rivalisierenden Gruppen und Personen die zentrale Leistung aller Kultur, dass im Sündenbockmechanismus das Herzstück dieser Veranstaltung namhaft gemacht werden kann, lässt sich nur gegen den täglichen Augenschein bestreiten. Näher wäre es also gelegen, hier differenzierend in der Analyse fortzufahren, als achselzuckend zum nächsten Thema überzugehen. Doch Girard hatte die Aufdeckung der Verfolgungsmuster zu weit oder nicht weit genug getrieben, er hatte rücksichtslose Aufklärung verlangt und den Schematismus weiter bedient, da er, im Gegensatz zu den anderen, Bescheid wusste, er hatte nicht begriffen, dass die literarischen Texte, die sein Begreifen genährt hatten, zwar Grundtexte der Kultur darstellen, aber ihre Praxis in eine Ferne rücken, aus der sie gefahrlos genossen werden können – er hatte die ästhetische Katharsis mit dem Opfermechanismus selbst verwechselt und damit ein Allerweltswissen in ein Geheimwissen verwandelt. Aus seinen Schriften spricht der typische Interpret des vergangenen Jahrhunderts, der alles neu zu stellen verspricht – durch einen begrifflichen Hokuspokus, ein Hexen-Einmaleins, das jede Situation anschärft und von Grund auf wendet. Vor Theorien wie der Girards verstummen die Menschen, sie können nicht widersprechen und können die Praxis nicht fahren lassen, von der in ihnen die Rede ist. Überdies konnte sie, wenngleich gegen den Willen ihres Urhebers, den Anschein verstärken, als habe die mythisch verhaftete Kultur in der liberalen Gesellschaft bereits ihr Heilmittel gefunden – im Feldzug gegen ›fundamentalistische Kulturen‹ zählt sie daher vermutlich zu den wirkungsvolleren, weil versteckten, mehr ›gewussten‹ als zum Einsatz gebrachten Waffen. Schließlich hat es der Interpret der Kultur versäumt, den Heilssuchern, die ihm zu folgen bereit waren, ein Corpus an heiligen Texten anzubieten, das der Schule selbst den nötigen Zusammenhalt beschert hätte. Sein größter Fehlgriff war es, allein die Evangelientexte mit der welthistorischen Autorität auszustatten, den Mythos zu entkräften – außer den eigenen natürlich, die in sicherer interpretierender Distanz verweilen. Das Beharren auf dem protestantischen Schriftprinzip, als habe man seine Bedeutung erst heute begriffen, besitzt ohne Zweifel eine originelle Seite, die andere ist – dumm.

OPPORTUNITÄT

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Was, bitte, ist ein Exzess? Ein durchgeführter Glaube geht über das hinaus, was man vom bloßen Glauben erwartet. Vom Glauben Taten erwarten heißt ihn auf die Probe stellen. Warum? Ist das noch Glaube? Ist es wirklich noch Glaube? »Ich glaube schon«, beteuert der Gläubige. »Ich glaube nicht«, nickt der Ungläubige, er fühlt sich durch den Tenor der Frage angesprochen und besetzt die Lücke. die sich hier auftut. Eine Glaubensprobe muss hart und entschieden sein, sonst gilt sie nicht und macht den Verdächtigen nur verdächtiger. Wer entscheidet darüber, wie hart und entschieden sie ausfallen muss? Der Gläubige? Der Ungläubige? Beide sind verdächtig, beide sind befangen, beide wollen im Grunde dasselbe – Bestätigung für das, was sich nicht bestätigen lässt. Mit seinem Glaubensproblem ist jeder allein. Er kann seinen Glauben teilen, er kann sich über ›Probleme des Glaubens‹ verständigen, aber mit seinem Glaubensproblem ist er allein. »Ich teile deinen Glauben«: ein Angebot, kaum auszuschlagen, und dennoch vollkommen unnütz. »Was glaubst du denn, was ich glaube? Glaube du nur, ich glaubte, was du dir unter meinem Glauben vorstellst. Ich weiß genau, was du glaubst, doch glaube nicht, du wüsstest deswegen, wie es in mir aussieht.« Glauben, das wäre also: wie es in mir aussieht. Wie es aussieht, darüber kann ich reden, ich kann es auch lassen, es läuft auf dasselbe hinaus. Die Lösung des Problems liegt im Exzess. Der Glaube muss aus sich herausgehen, um vor sich zu bestehen, er muss ausschweifend werden, um bestimmt zu werden, er muss Theorie werden oder Liebe oder Bekehrungswut oder Mord und Totschlag, dies alles, um Ursache von etwas zu werden und als Ursache: reell. Ein erprobter Glaube ist einer, auf den der Gläubige zurückweisen kann als Ursache dessen, was hier geschieht oder geschah. Er ist schuld, also ist er reell. Er existiert und verfügt über einen Wirklichkeitskern, einen wirklichen Inhalt, einen Inhalt, dem eine Wirklichkeit entspricht, geglaubte Wirklichkeit, an der zu zweifeln, die zu leugnen zwecklos ist. Wer zweifelt, wer leugnet, nimmt die Außenperspektive ein und kommt anders in Betracht als ich, der Gläubige: er ist Teil meiner Aufgabe. Natürlich kann das Modell unter Druck kollabieren, aber fürs erste ist es stabil und druckresistent. Es eröffnet Handlungsoptionen, wo vorher nur Wüste war – Opportunität.

OPS

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»Ops«, sagte die Maus, die den Faden nicht abbiss, sondern weiterspann, »O-P-S.« Sie wollte sich nicht weiter auslassen, vielleicht, weil sie fürchtete, darüber zahnlos zu werden, doch auch so war sie deutlich genug. Und sie fügte, scheinbar unvermittelt, hinzu: »Opera sunt servanda.« Kein Lachen formte sich im Gesicht der Hydra, in diesem nicht und in dem dort auch nicht.

ORCHIDEENBLÜTE

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Ginge es nach den Vorstellungen einer im Yagir bekannten und von interessierter Seite gerühmten Frauenzeitschrift, so wäre die Hälfte der männlichen Bevölkerung dauerhaft damit beschäftigt, die andere Hälfte wegen vergangener oder künftiger Sexualdelikte hinter Gitter zu bringen, während die Frauen, soweit sie nicht ihren verantwortungsvollen Berufen nachgehen, energisch darauf bestünden, dass endlich mehr zu ihrer Sicherheit geschehe.
Eine solche Außendarstellung ist natürlich verheerend, es ist, um es in der Sprache des Pöbels zu sagen, eine ›miserable Performance‹, verständlich nur, wenn man weiß, wen man vor sich hat und woher sie kommen, an welcher Mutterbrust sie genährt wurden und mit wem ihre Väter schliefen, wenn sie gerade aushäusig waren. Vielleicht auch nicht, vielleicht genügt ja eine Andeutung, wohin es führt, wenn man für sich und seinesgleichen Narrenfreiheit nicht nur fordert, sondern auch erhält. Aber gleichgültig, was einer andeuten oder recherchieren oder mutmaßen mag, es ändert nichts daran, dass sie sind, wer sie sind, und just die Denktätigkeit vorschützen, der sie nachgehen. In früheren Jahren kämpften sie gegen die sexistische Werbung, die jetzt ihre Frau ernährt, so wie sie heute fröhlich die Schecks einstreichen, die ihnen der ewiggestrige Männlichkeitswahn für ein paar Infamien über einen weibstollen Halbprominenten ausstellt, der gerade vor Gericht sein Fett abbekommt.
Das Schönste dabei ist, dass sie angekommen sind, wo sich mit den Jahren ganz von allein die dicksten Polster bilden, in der Mitte. Dort ruhen sie in sanften Fauteuils, lassen ihre ergraute Mähne spielen und erteilen dem Volk, das seine Beziehungsprobleme im Suff ertränkt, Nachhilfeunterricht in den Disziplinen, in denen es seit jeher den übelsten Neigungen frönt, als da sind Denunzieren, Verdächtigen, Verunglimpfen, Vorverurteilen, Nachtreten, Heucheln und Dummschwätzen.
— Warum hörst du auf diese Vettel, erkundigt Irene sich spitz, gefällt sie dir etwa? Sie liebt die drastischen Ausdrücke und hält sie für Seelennahrung, ohne die das Leben verkümmert. Aber Ariel ist ganz Ohr, er hört den Sound alter, längst vergessener Familienabende und überlegt, wie lange Tante Gertrud jetzt tot ist. Sie hatte ja recht, denkt er, Männer sind Schweine, warum habe ich mich so lange gegen diese Einsicht gesträubt. Frauen sind Orchideen, sie leben in Gewächshäusern und nur Gärtnerinnen dürfen sie berühren. Jedenfalls behauptet das die Kamera, deren Schwenks sie bedingungslos Folge leisten. Natürlich steckt noch etwas anderes dahinter, aber das ist mir zu hoch und ich gehe jetzt schlafen.

ORDINÄR

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Ordinär: die Klage, einer Generation anzugehören, die nichts erlebt hat, soll heißen, nicht in Kesselschlachten und KZ-Krematorien verheizt, nicht von Bomben zerrissen und von Geheimdienst-Schergen gefoltert wurde. Das müssen zarte Erlebnisseelen sein, die nach derlei dürsten, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie jederzeit die Wahl hatten, eine der zu ihren Lebzeiten angeheizten Höllen freiwillig zu entern. Da es eine literarische Klage ist, kommt die Frage nach dem brutalen Sinnstifter hinzu, den so jemand braucht, um etwas zu sagen zu haben. Bleibt er aus, sagt man eben nichts, man sagt es ununterbrochen, der Ausstoß per annum stimmt und man hat sogar eine Aufgabe. Das Evangelium des Nihilismus kann nur von Leuten gepredigt werden, die nicht wissen, was es bedeutet. Denn es bedeutet ihnen nichts.

ORNAMENTUM

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Mit jeder Fläche, ob als Bild, Tisch oder Hintergrund eines gedachten Objektes, verbindet sich immer das ausgewalzte Gehirn. Neben den Augen flüchtet es in die Breite und bildet die Tafel der im Innern geschauten Objekte. Wenn aber, je nach den Zeiten der allgemeinen Denkart in Weltanschauungen oder Religionen diese Flächen, auch hier ganz gleich welcher Art, aus Papier oder Geist, es gibt zehntausende, mit jenem vermeintlich Bösen sich angefüllt haben, so muss der Betrachter oder Besitzer es ebenso fürchten wie das zum Schutz bestellte Polizeiwesen und würde er einmal aus Unbedachtheit, oder wohl auch aus geheimer Absicht, von diesem Bösen in seinem Innern reden, so müsste er sich am Ende vielleicht vor einem Gericht offenbaren.
Sähe ein Richter auf einer dieser Flächen religiöse oder halbreligiöse oder politisch unkorrekte Ansichten, die er nach gängigen Paragraphen verurteilen müsste, so hinge alles davon ab, wie weit der Begriff der Kunst das Böse entschuldigen könnte. Hier tritt nach Paolo Veronese das Ornamentum in Erscheinung. Es gehört, jenseits der Psychologie, zur Produktion der unabhängig vom Thema ordnenden, höchst eigenwilligen Zwangsästhetik, die keine Rücksicht auf das Passende nimmt. Es sind ungereimte Erscheinungen, die dringend eingesetzt werden müssen, um jene Art der Vollständigkeit zu erreichen, die weder aus der Vernunft noch der Phantasie zu erschließen ist.
Das Ornamentum ist sogar kostbarer als die reine Phantasie, weil es deren Mängel und Lücken unvorhersehbar, ja zwanghaft vervollständigen kann. Sich ihm zu entziehen wäre ein größeres Verbrechen, als einem Tabu zu gehorchen.
In Veroneses Gastmahl im Hause Levi sind es die deutschen lanzichenecchi und ein offenbar als unrein gedachtes Hündchen, die dem Künstler zum Vorwurf gemacht worden sind. Hier wurde gegenüber der Inquisition das erste Mal ein Ornamentum beschworen, das den Richtern nur dann begreiflich sein konnte, wenn zuvor eine große Kultur die Selbständigkeit der Ästhetik und die Pflicht, ihren Launen als Mittel der Form Genüge zu tun, lange genug verbreitet hatte. - PM

OSTRAKISMUS

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Hitler, der Deutscheste: ein Austriakismus, der, wie mancher andere, auf intensiver Selbstbeobachtung fußt und so manche literarische Höhenlage bis hin zum Nobelpreis erklärt. In Deutschland, wo man weiß, dass Deutschsein nicht gesteigert, sondern allenfalls gemindert werden kann, wozu man aus Gründen allgemeiner Verträglichkeit in der Regel bereit ist, sieht man mit einer Mischung aus Unbehagen und Faszination auf diesen Vulkan; hätte man nicht seine eigene ›Szene‹, so würde man sich wahrscheinlich stärker daran bedienen, als beiden Seiten bekömmlich wäre. Im Österreichischen ist Deutschsein eine abgetrennte Option, in den alten Nervenbahnen zuckt’s und ruckt’s, und hätten sie einmal mehr einen solchen zur Hand, sie gäben ihn nimmermehr her, sondern vergrüben ihn, wo der Berg am finstersten starrt. So tanzen die feschen Madeln und Buam den Jetset-Tango und schlucken die Kröten, die eine entgeisterte Kultur ihnen hinwirft, während die Deutschen mit bleichen Gesichtern daneben stehen und unaufhörlich die schwärzeste Stunde verfluchen, in der sie ihre Selbstachtung mit dem da verbanden, warum auch immer, denn – EU hin, Euro her – innen tobt er.

PANIKENDE

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Nach dem Ende der Panik stehen die Leute Schlange. Warum das so ist, weiß man nicht, es steckt in ihnen drin. Es ist nicht so, dass sie es dringend wollten, sie könnten es auch aus dem Katalog bestellen und zu Hause bequem abwarten, dass es geliefert wird. Eher gewinnt man den Eindruck, dass sie es keineswegs brauchen, dass sie den Erhalt auf jede erdenkliche Weise hinauszögern und dass sie sich in die Schlange stellen, um zu warten, nicht, um einmal dran zu kommen. Wer näher hinsieht, bemerkt wohl, dass sie es nicht bis zum Ende aushalten und sich vorher so unauffällig aus der Schlange entfernen, wie sie sich in sie eingereiht haben. Man könnte sogar sagen: weit unauffälliger, denn die Selbstgefälligkeit gibt ihnen doch ein, sich anzustellen, jedenfalls wäre dies die einleuchtendste Hypothese. Doch warum sich grämen? Am Ende der Panik erwartet sie gar nichts, so können sie vorher beruhigt nach Hause gehen, als sei nichts gewesen. Haben sie nicht recht?

PANTOMIME

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Pantomime, die Stückeverlängerin, tritt zwischen die handelnden Personen des Stücks, aber diese sehen sie nicht, denn sie sind beschäftigt. Pantomime hingegen ist müßig, sie hat nichts zu tun, also hat sie sich darauf verlegt, den freien Raum zwischen den Handelnden zu begrenzen. Geübt hat sie diese Rolle schon früher, sie ist ihr nicht neu und sie kann sofort anfangen. Den Leuten gefällt das, sie hat einen Kirschenmund und ein Hemdchen an, mit dem sie Sterntaler fängt. Man kann nicht sagen, dass sie die Aufmerksamkeit ablenkt, denn die Zuschauer haben das Stück oft gesehen und können nur mühsam ein Gähnen unterdrücken. Ach diese Sprüche! Pantomime sammelt sie in ihr Hemdchen, sie kommt von Hölzchen auf Stöckchen, manchmal legt sie sich hin, aber die eingeübte Bewegung läuft weiter, sie ist ein Werkzeug der Regie, das sich nicht abstellen lässt. Pantomime ist schlau und spielt ihr eigenes Spiel. »Wenn wir nur wüssten, worauf sie hinauswill«, denken die Zuschauer und haben das Stück schon vergessen.

PAPAS

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»Zwei Papas«, ruft die Frau über den kleinen Weiher, auf dem zwei Erpel, eine Ente und ein entzückendes Entlein ihre Kreise drehen. – »Ach«, kommt es von der Freundin, die ruhig ihren Kinderwagen bewegt. – »Da waren sicher mehr in der Mache und eins ist nur dabei rausgekommen. Ilona hat auch wieder eins von zwei Kerlen.« – »Nein – !« Wer ist Ilona? Ein Hündchen? Die Tochter? Eine gemeinsame Freundin? Das ist nicht zu ermitteln. Erinnerungen werden wach, gelebte und ungelebte.

PAPIERRÄTSEL

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»Links hatte noch alles sich zu enträtseln.« Als das geschrieben wurde, lagen die Optionen auf dem Tisch und keiner wollte sie lesen. Seit der Satz ruchbar wurde, wurde die Linke sich selbst zum Rätsel. So steigert Buchkunst den Preis der irdischen Dinge.

PARADIESSTOFF

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Auf dem Planeten herrscht Krieg und du kannst sagen, du seist nicht dabei gewesen. Dieses Nebeneinander von maßloser Sicherheit und Tod, Leid und grimmiger Aggression ist etwas Ungeheures, es ist nicht wirklich, es trennt die Wirklichkeiten, aber es stellt sich in ihnen nicht dar. Im Yagir sagt man dazu: »Es kann doch nicht angehen, dass...« Natürlich kann es angehen, es geht doch, es geht gerade auf und davon. Auch im Yagir wissen das alle, deshalb sagen sie es ohne Erstaunen, mit diesem harten Blick und einem Stück Kreide zwischen den Zähnen. Zugleich wollen sie etwas tun und Tuwasser-Fahrten, kleinere Strudel inbegriffen, stehen als Freizeitvergnügen hoch im Kurs. Dass sie, unten angekommen, in Bussen wieder an den Anfang des wilden Unternehmens zurückgebracht werden, verwundert sie nicht und weckt wenig Ärger. »Was soll’s, wir werden ja doch verarscht«, heißt es dann und manch einer sammelt Anstecknadeln, um die Gefahren zu bekunden, denen er sich ausgesetzt hat. Im Ganzen der gefährdeten Welt verlieren sie sich, als habe der sprichwörtliche Heuhaufen sie verschluckt, aber im Yagir nimmt man sie ernst. Und nicht nur dort, solche Nadeln sind beliebt, die kleine Gefahr, gefahrlos bestanden, gilt viel an Orten, wo die Gefahr groß ist.

PARADIESZEICHNUNG

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Solange das Paradies existiert, existiert keine Hölle. Hört das Paradies auf zu existieren, so entsteht aus seinen Elementen die Hölle. Das behaupten im Yagir die Theologen. Was sagen die Staatsrechtler dazu? Bei ihnen, hört man, geht die Hölle dem Paradies voraus. Ihr Paradies ist kein Garten der Seligen, sondern ein Refugium der Gezeichneten. »Kein Zeichner möchte ins Paradies, er möchte nur andere dazu bringen, ihn für seinen Schöpfer zu halten. Folge der Zeichnung, lautet der Befehl, und die Gezeichneten fühlen, wie eine Last von ihren Schultern gleitet. Diese Last... woher sie nur stammt?« »Solange sie anderen die tägliche Hölle bereiten konnten, waren sie freie Menschen, jetzt, da sie aus der Hölle ins Paradies blicken, dämmert es ihnen, dass diese Freiheit nur Täuschung war. Wie war es möglich, sie so zu betrügen?« »Damit ist es vorbei. Warum sollte man sie diesmal belügen, nach soviel Leid, angesichts goldener Berge, auf denen schon das Abendrot liegt?«

PARALLELGESELLSCHAFT

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Das ist ein Ausdruck, dessen Erfinder ein Preis gebührte, ach was, zwei Preise, drei, fünf, ein ganzes Dutzend, alle tiefrot wie die Rosen, die Tante Emmy immer zum Geburtstag bekommt, weil sonst das Jahr für sie schon gelaufen ist. Eine Gesellschaft, das ist wie eine Linie, die sich durch Zeit und Raum schlängelt, und nun gesellt sich ihr eine zweite hinzu, zu faul, sich eine eigene Kurve auszudenken, also parallel, der gewiefte Zeitgenosse denkt sofort an Para, Para wie Paradies, Para wie Parasit, Para wie Paranoia – er kann es einfach nicht lassen, er assoziiert frei, er denkt, wie er denkt, weil er gar nicht daran denkt, sich das Denken verbieten zu lassen, er ist schon zu sehr ins parahermeneutische Feld abgedriftet, um den einfachen Sachverhalt festzuhalten, um den es hier geht: ein Land, zwei Systeme. Besser gesagt: ein System, zwei unterschiedliche Weisen, es zu interpretieren: als fairen Vertrag und als laisser-faire. Was nun? Soll man es laufen lassen? Sollte man’s verbieten? Was könnte man verbieten? Die Abweichung in den Köpfen? Die Köpfe selbst? Etwas unterhalb der Köpfe Gelegenes, sagen wir, die schnelle Hand oder den schnellen Fuß, vom schnellen Geld ganz zu schweigen? Wie lässt sich unten verbieten, was obenhin schon verboten ist? Mit Verboten ist einer Gesellschaft, die sich ausgeklinkt hat, nicht wirklich beizukommen, vor allem, da sie bloß parallel existiert, bloß in den Köpfen, die etwas sehen, was gar nicht da sein sollte, eine Abweichung, die mitkommt, eine Abweichung, die nicht weicht. Was mag das sein? Kriminalität? Ehrenwerte Gesellschaft? Die Ehre, kein Zweifel, spielt eine Rolle, vielleicht die Haupt-Rolle in diesem Drama, mancher Kopf geht darüber verloren, mancher rettet sich in Resignation.

PARALLELUNIVERSUM

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Im Paralleluniversum des Witzes stehen die Uhren kopf, und das ist wenig gesagt. Eine schöne Lügenwelt, die da aufgebaut wurde. Das heißt, auf einen Deckengeher wirkt alles normal, aber suspekt. Das allein, normal und suspekt, ist eine Mischung, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte – langsam, sehr langsam und – überlegt. Wozu nie Zeit bleibt, jedenfalls nicht in diesem Leben. Ob anderwärts? Das wäre zu überlegen. So wie die Frage, ob jenes Paralleluniversum bewohnbar, was sage ich, ob es betretbar sei oder nur durch Glasscheiben betrachtbar wie das Tiefseebassin im Meeresmuseum. Die meisten kennen es jedenfalls nur durchs Bullauge und halten es, alles in allem, für eine ebenso runde wie gefährliche Sache. Dabei wimmelt es in ihm nicht nur von Fischen, bewahre, man sieht auch Menschen, ins Gespräch vertieft oder einsam wandelnd, man sieht Lesehirsche und anderes Getier, auf das man auf der Straße nicht stößt, Seziertische voller Gerümpel, das Posthorn von Säckingen und die Lanze des Bonaventura, ein heimliches Schlangenwesen, das sich das Schlängeln abgewöhnt hat und für etwas geradesteht, das nie gemeint war. Aber das sind nur Effekte eines noch ungeübten Wiedererkennens, dem die wirklichen Schocks erst bevorstehen. Denn die Zeit, die Verlaufszeit, die jeder kennt, verläuft sich dort anders, gerade sie. Man hat ihr die Spitze abgebrochen und den Preis heruntergesetzt, doch geht sie nicht weg. Wie das? Gleich Dürers Melancholie träumt sie sich aus der Welt hinaus und weiß nicht wohin. Schon das Wort  ist für sie ein Pappkarton, bei dem das Knistern für einen Inhalt durchgeht, den keiner sieht. Weltzeit, ein Wesen für Einäugige. Die Uhren, von denen sie sich ablesen lässt, haben eines gemeinsam: sie drehen das Rad weiter. Mancher erwacht gerädert, der sich auf ein Frühstück bei Theo’s freute. Das ist nicht anders als im Leben einer Kulturnation, die den Haken ins Alphabet nahm und das Henken als Dreingabe abstaubte. Wo der Staub meterdick liegt, findet sich auch ein Schild. ›Mach keine Witze!‹ steht darauf und: ›Nicht abstauben‹. Auch der Staub liegt verkehrt, eigentlich liegt er unter den Gegenständen und bettet sie weich. Er füllt das, was ›Luftraum‹ zu nennen einer nicht übel Lust hätte, wenn nicht selbst die Lust... egal, sie weiß den Spaß nicht zu finden und vergnügt sich, ungewollt heiter, mit Schwester Allotria, der saum- und kramseligen.

PARTNERANGST

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Unter Deutschen grassiert eine merkwürdige Art, sich für anderer Staaten Interessen zu erwärmen, ohne erkennen zu lassen, ob sie ihnen überhaupt ›bewusst‹ sind. Das gilt für die Presse im allgemeinen und ganz besonders für ihre Zulieferer, die intellektuellen Publikumslieblinge. Vor Sarajewo nannten sie es ›kosmopolitische Sendung‹, danach Nibelungentreue und heute ›transatlantische‹ oder kürzer noch ›Westbindung‹. Dahinter verbirgt sich die berühmte Mittellage, die durch jeden neuen Riss, der die Nato durchzieht, wieder ein Stück aktueller wird. Sie neurotisiert jede außenpolitische Bindung und macht das Land für seine Verbündeten teils unkalkulierbar, teils undurchschaubar. Man will sich binden auf immerdar und findet immer nur Partner auf Zeit in wechselnden Konstellationen. Da bleibt es nicht aus, dass die Politik sich von Zeit zu Zeit mit den falschen Partnern im Bett wälzt – vor allem wenn man ihren Medien glauben will –, weil selbst der Staat der Lüfte Interessen besitzt, die er nicht per Leitartikel in Luft auflösen kann.
Man hat gesehen, wie die Angst aufstand im deutschen Parlament, als die Einheit beschlossene Sache war, und mit bebender Stimme das Vermächtnis des Nachkriegs beschwor: »Nie wieder allein.« Und es ist was dran. Nirgendwo sonst in Europa herrscht diese tiefe Sehnsucht nach einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik. Die reißerischen Alleingänge der anderen demolieren sie ein ums andere Mal und die Deutschen fragen sich bebend, ob sie nun ›schuld‹ seien. Das Beste an Europa sind seine Familienfotos, aufgenommen unter den Gipfeln der Alpen, an den Stränden von Biarritz oder in Sichtweite norddeutscher Offshore-Windparks: man kennt sich, man vergisst sich, man ist miteinander durch und kontrolliert seine Gefühle. Dafür genießt man die logistischen Vorteile eines gemeinsamen Urlaubs und überschlägt in Gedanken, wofür man spart: für Europa natürlich und seine nächste Auszeit.
Never alone again.

PAS

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Parental Alienation Syndrom – ein kleiner Schritt für die Töchter und Söhne der Emanzipierten, ein großer Schritt für die Menschheit. Welcher der vielen Schritte auf dem Weg zur Entfremdung mag der entscheidende sein? Niemand weiß es, niemand wird es je wissen. Unübersehbar sind nur die Folgen: der Mensch ist ein anderer, er ist ›ganz verwandelt‹, er isst ab jetzt das Brot der Armen und wäre er auf Rosen gebettet. Vieles bleibt Mutmaßung, gestützt auf Wahrnehmung. Das verarmte Leben gibt sich ja nicht zu erkennen, im Gegenteil, es verhüllt sich, wo es nur kann. Hochmut ist das Erste, das Zweite, das Dritte. Nicht der Hochmut, der vor dem Fall kommt, bewahre, nein, der langsame, schleichende Hochmut, der Hochmut der Schleicher, der so leicht in Kläglichkeit übergeht, in wirkliche, kommentarlose Ausdruckslosigkeit, auf der die Klage schwimmt wie das Brotstück in der Wassersuppe. Ein Schleier des Geheimnisses liegt über dieser Krankheit, ausgeworfen von Müttern, gelegentlich Vätern, die sie ausgelöst haben und sorgsam darauf achten, nicht ins Kreuzverhör zu geraten. Und wenn schon. Dieselbe Attitüde, die das Entfremdungssyndrom schürt, lässt sie aus allen Befragungen ungeschoren davonkommen, ach was, als Ankläger, Richter und Gefangenenwärter zugleich, als wahre Ungeheuer der Repräsentation, als ganz ganz wichtiges Personal.

PATERNOSTER

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Die kleinen Nationen wünschen sich zu erhalten, die großen wollen die Macht. Daraus könnte geschlossen werden, dass eine nur groß genug sein muss, um die Macht zu wollen, selbst um den Preis des Verschwindens. Was für Nationen gilt, das gilt, wenngleich nur begrenzt, auch für Personen: nicht, weil Nationen welche wären, sondern weil sie sich in ihrem Personal erkennen. Wen die Nation nichts angeht, existiert der überhaupt? Die Nation jedenfalls betrachtet ihn als Verfügungsmasse, als ›Ressource‹, angelegt, um sie größer erscheinen zu lassen und ihr Erfolge zuzuführen – Erfolge, die diejenigen, die sie erringen, nichts angehen und im Sand respektive auf den Konten der Reichen versickern. Die bleichste unter den Nationen möchte sich selbst vergessen machen, dass sie überhaupt eine ist – im Glauben, wäre sie eine, so müssten die anderen sie hassen. Dagegen besteht die mächtigste darauf, Ausnahme-Nation zu sein, und stellt es den anderen frei, sich ihr anzuschließen und dafür die erbärmliche Illusion dranzugeben, in gleicher Freiheit geboren zu sein. Gleich frei zu sein widerstrebt den zur Macht Entschlossenen, am liebsten schmeckt ihnen der Titel Erster unter Gleichen, von der Freiheit ist da schon nicht mehr die Rede. Pater patriae hieß der vornehmste Herrschertitel im alten Rom, als die Freiheit perdü und die Macht noch im Wachsen begriffen war. Im Paternoster der Macht bleiben die Türen nach oben offen. Doch in Wahrheit handelt es sich um Zeitfenster und die Reise ist limitiert. Wer an die Grenzen stößt und nicht aussteigen will, der empfängt seine Lektion.

PATHÉTIQUE

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Zur Entspannung der Netze zwischen gesprochenen und gesendeten Worten überwindet das Alphazet, von unbewussten Ideen gestiftet, die Linien der bisher nur wenig betretenen Zukunft sowohl des Wassers wie der Erde, wie wir am Regen bemerken, der ja gelegentlich auch unser Werk ist, oder der Feuersbrünste unter den Bratpfannen großer Köche der Alchimie und anderer Gesinnunungsmeister der bonne nourriture.
Uns bleiben die Speisen, bis tief in Gedanken der Jagd und des Krieges unter den Worten, eine gute Nahrung für ferne umwölkte Völker, die uns einmal durch hohe Verwirrung gleichen. Unübersehbar liegen die Ursachen aller Dinge in Wut oder Gnade ihres eigenen Willens. Man vergesse das nie. Kein Ding ohne seinen Dämon.
Wir, vom kaleidoskopischen Wortregiment Grabbeau, als übernatürliche Leser wie außernatürliche Schreiber, sämtlich auf allen Feldern der Ehre im Handwerk der Verwandlungen wohl geübt, zaubern den neuen Weitblick durch Tinte, Farbe und Pfeile bis in die Herzkammern der Gegenstände, die wir im Dunst der Künste erfassen, um sie alsdann erleuchtet und blind, ohne der Wirklichkeit je eine Chance zu geben, in uns selber zurückgeleiten, um sie dort zerplatzen zu lassen. Daraus besteht das Wesen der alchimistischen Kaleidoskopie.
So fliegen wir ebenso durch das künstliche Lufteis niederer Flüsse im Zustand der ersten Vergoldung, manche nennen das Nebel, wie auch höher hinauf in die Berge der fetten Farben, die uns die griechische Malbutter Chiricos, aber auch die Grottenbutter durch zaubernde Zwerge im Tiegel der ewigen Kunstzeiten aufbewahrt haben.
Wir gestehen, dass wir damit die immer zu jungen Papiere und die ebenso immer zu jungen und weißen Gedanken besudeln, auf dass eine fette Tiefe die Unterlagen der Kunst zu Offenbarungen zwingt, die sie kaum selber ästhetisch begreifen kann. Auch erspart dies später die Vernissage, denn Fett schwimmt oben.
Was die Zwerge betrifft, so wissen wir auch, welche Rolle das zerrissene Rumpelstilzchen, ihr deutscher König, für uns gespielt hat, nachdem wir es wieder zusammengeleimt haben. Ohne erneut ein erstes Kind versprechen zu müssen – die Natur ist uns, was dieses Übel betrifft, verhasst – schenkte uns dieses wärmste aller Herzen der deutschen Gnome sein Gold, dass wir es im Zeichen des großen Grabbeau erneut zu Stroh spinnen möchten. Das nennen wir unser Zurück zur Natur. - PM

PATRIA SANA

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Ein gesunder Patriotismus regelt sich über den Sport. Das hat den Vorteil, dass man sich anderswo nicht über ihn wundern muss; er ist auf ein Feld abgelenkt, auf dem außer ein paar Rippen und hier und da einem Schädel wenig zu Bruch gehen kann. Das Modell könnte bestechen, doch hat es, wie alles Bestechende, seine bedenklichen Seiten. Zum Beispiel scheint es nicht ratsam, die Nation über den Fußball zu fördern oder gar abzufackeln, wie manche zu denken scheinen, denen das Nationalgefühl unheimlich bleibt. Man sperrt dabei diejenigen aus, die bei dem Gegröle nicht auf ihre Kosten kommen, also die Intelligenz, man erklärt die Nation zum Vaterland aller Hirnlosen. Die Jungen ficht es nicht an, deshalb hat man sie eine Weile auf seiner Seite. Aber niemand bleibt ewig jung, irgendwann fliegt die Sache auf. Was dann? Die einen wollen sich mit der Nation nicht erwischen lassen und die anderen hätten gern eine. Niemand begibt sich ohne Selbstzweifel unter die Deutungshoheit von Rüpeln, es sei denn, er wäre einer. Etwas besitzen wollen, von dem man ein Teil ist, ohne gefragt zu sein, etwas vermissen, was einem peinlich ist, wenn es in der Realität begegnet, ist ein seltsamer Zug, der nirgendwohin führt außer aufs Abstellgleis. So wandeln Aufklärung und Schmähsucht Arm in Arm den Weg der Gewalt, voller Abscheu, doch guten Mutes.

PATT

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»Patt«, ruft die Maus, es klingt, als haue sie auf den Putz, dabei kommt sie nicht weiter. Wo sie nur hin will? Sie will etwas erreichen, soviel ist sicher. Sie will die Verhältnisse klären, solange sie hier das Sagen hat, also vor langer Zeit. Wo steht die Welt heute? Sie will das wissen, sie ist eine Maus und zählt sich naturgemäß zu den Großen.

PDA (Partei der Abneigung)

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Die Partei der Abneigung ist die beste. Keine andere kommt ihr nahe, sie ist die beste, sie weiß das Ziel und den Weg. Niemals kommt sie in Versuchung, das Falsche um des Richtigen willen für richtig zu halten. Lächelnd tut sie das Falsche, wenn es darum geht, sich am Richtigen schadlos zu halten. Und immer ist sie am Drücker: wer die Macht der Abneigung nicht erfahren hat, der weiß gar nicht, was Macht ist. Eine richtige Abneigung ist wie ein Sechser im Lotto. Entweder du machst weiter wie bisher oder du hast alles verloren.

PECHMARIE

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Dass einer, der auf dem Rücken liegt, zugleich ungeheuer oben sein kann, ist allgemein bekannt und wird gemeinhin geschlechtlich interpretiert. Nicht so im vorliegenden Fall einer exhumierten Leiche, an der das Gedächtnis zuschanden wird, weil es nichts hergibt. In der Regel ein reicher und sorgloser Spender, zeigt es sich hier erstaunlich zugeknöpft, als sei es insgeheim verschnupft und sogar verstimmt, und lässt nur ›gewisse‹ Inhalte durchgehen. Das Bedauern darüber ist ebenso groß wie unbedarft und mit Sicherheit heuchlerisch. »Sie war eine dusselige Kuh«, soll das Gedächtnis, in Bedrängnis gebracht, gemurmelt haben, ohne sich aufzurichten. Andere wussten es besser und alle Wege standen offen. ›Zurück zu Marie!‹ hörte der Bauer einst und ging von der Scholle. Wie kann ein Bauer das wagen? Nur auf ein wenig Pechblende hin? So ein Fund gelingt doch fast jedem im Leben. Im Leben bleiben, im Leben leben, das, meint Marie, ist die Kunst. Oder wäre es, wenn... Nun, wenn der Himmel halkyonisch und die Wäsche getrocknet ist, scheint vielen vieles möglich. Was ein paar Unentwegte ›Zukunftsmusik‹ nennen, ist ein Nachklang alter Geschichten. Die Armenbibel, mit viel Geld restauriert, aufgehängt im Vorzimmer der Macht. O Marie! Sei ehrlich, zeig dein Gesicht.

PEER REVIEW

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Wenn in der hunderttausendsten Aufführung eines konventionellen Stücks der A-Klasse, sagen wir zum Beispiel des Peer Gynt, der Hauptdarsteller am Ende aufsteht und versucht, mittels einer Folge grotesker Verrenkungen den Einlass in den Mutterschoß seiner Geliebten zu erzwingen, offenkundig nicht, um darin zu vergehen, sondern um sich schlussendlich als Embryo zu verwirklichen, nachdem die Seifenträume geplatzt sind, dann wird das Publikum plötzlich still und neugierig, um zu sehen, was passiert, obwohl sonnenklar ist, dass weder etwas geschehen wird noch geschehen kann. Diese ins Nichts gespannte Erwartung entlädt sich aber nicht im Gelächter, wie man erwarten könnte, sondern in höflichem Applaus. Warum? Welches Voyeurs-Bedürfnis erfüllt der Bohrer? Das Stück ist bereits zu Ende gegangen, es ist aus, wie es so schön heißt, es handelt sich also um eine Zugabe, um ein schauspielerisches Husarenstück, als könnten sie auf der Bühne nicht genug kriegen und wollten den Abgang, koste es, was es wolle, noch etwas hinausschieben. Das entspricht gewiss der Mentalität der Zuschauer, aber vermutlich auch der politischen Geldgeber, die nicht zugeben wollen, dass zwar der Wahlkampf gewonnen, aber der Kampf zu Ende ist und nur der Krampf fortdauert. Die Theatersprüche donnern über die Bühne, als verbrenne in ihnen noch immer der alte Sinn-Saft, und das im Rundum-Einsatz verschlissene Präservativ simuliert die Verhinderung, dass etwas dabei herauskommt und das macht sicher auch einen Sinn. Wer Sinn macht, weiß: der Nächste, der kommt, setzt seinen daneben.

PENDLERBLOCK

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Pendeln zerstört die Person. – Welche Person? – Gute Frage. Nehmen wir eine Gesellschaft X, die von Pendlern regiert wird, lebenslangen Wohnortpendlern, mit einem Häuschen bei Pforzheim und einer Stadtwohnung in Mönchengladbach oder in Stuttgart oder in, nun ja, Berlin oder Frankfurt/Oder, manche verschlägt es weiter hinauf oder hinunter, kartenmäßig gesehen. Das ist keine kleine Sache, obwohl wenig darüber geredet wird. Das Pendeln... – Darf ich unterbrechen? – Ja. Nein, zum Teufel, nein. Ein unterbrochenes Pendeln kommt hier nicht in Betracht, mit dem Körper regeneriert die Seele, bleibt die Anstrengung, der Verschleiß, subkutan, aber, nun ja, nun ja... – Ja? – die Margen werden breiter, die Gefahr scheinbar geringer, aber lebenslang... – sagen wir zwanzig Jahre... – Sagen wir: nach zwanzig Jahren ist der Mann tot. – Wie Mann? – Weil der Mann pendelt. Das ist die Regel. Die Frau ist berufstätig, der Mann ist Berufspendler. Anfangs, bevor ›Kinder da sind‹, ist das noch anders, man besucht einander wechselseitig, schließlich lebt man zusammen. Mit dem Kind ändert sich das. Aber es geht auch ohne Kinder. – Was geht? – Die Nullifizierung des Partners. – Klingt wie ein Programm. – Fragt sich wessen. – Das habe ich mich lange gefragt und keine Antwort bekommen. – Andererseits liegt sie nahe. – Aber sie empört unsere sittliche Natur. – Haben wir das? – Dann nicht mehr. – Und die Kinder? – Gibt es sie, gibt es sie nicht. Das ist die Antwort auf eine Frage, die selten gestellt wird, aber in Frageform. – Wer fragt? – Die Antwort. – Wer kennt sie? – Nur wer Grund hat zu fragen. – Also alle. – Als Frage schon, selten als Antwort. – Wer bist du. – Hu-a-wi. – Huawi? – Das ist die Frage.

PERP WALK

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Die Spießrute, ein Instrument zum Streicheln von Göttern und Menschen, hat die­ Aufgabe, sie zu trennen: ein Gott, wer sich dort zu helfen weiß, wo dem Menschen auf die Sprünge geholfen wird. Vielleicht auch nicht, kein Gott ist sterblicher als ein Mensch und dennoch harrt der Mensch aus, wo der Gott stirbt. Er harrt aus, sage ich, wohl wissend, was ihn empfängt. Die Meute verurteilt nicht, vor allem nicht vor, sie weiß einfach, wovon sie redet, Tatbestände sind gerade das, was sie kennt. Die Tatbestände suchen ihre Verkörperungen und schätzen sich glücklich, sie gefunden zu haben, ein schöner Körper ist gerade das, was sie glücklich macht. Ja, auch sie wollen glücklich sein, es geht ihnen da nicht anders als dem letzten aller Propheten, dem Glücksleser, der aus dem Kaffeesatz denkt. Was sonst sollte man auch von gestandenen Interpreten des öffentlichen Geschehens halten, die nicht anstehen, aus einem Fall das Letzte an Dreck herauszuholen, ohne dass dazu mehr vorhanden sein müsste als ein Verdächtiger? Der Dreck, normalerweise unter den Nägeln der Finger verborgen, die sich jetzt heben, ist das eigentliche Opfer dabei, denn so, abrupt ans Licht der Studio-Scheinwerfer geholt, weiß er sich bloß damit zu helfen, dass er zerfällt. Wo war ich, als das hier begann, könnte er sich verzweifelnd fragen, warum entgehen mir nur die Anfänge? Sie haben immer gewusst, wo sie mich finden konnten, sie haben mich in all ihren Lebenslagen mit sich herumgetragen und angestarrt, und jetzt holen sie mich heraus. Gibt es Schlimmeres? Ich müsste mich für sie schämen und kann es nicht, ich bin ihr peinlicher Teil und wer sie erlebt, starrt mich an und versteht gar nichts. Er könnte sie für Idioten halten, aber selbst dazu müsste er sie kennen, und das zu verhindern benützen sie mich. Schöne Gesichter übrigens, schön verschlagen und mit Dreistigkeit gekrönt, das ist das Schönste.

PERSÖNLICHKEITSSTAU

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Ehrlich gesagt, wir loben, was wir haben. Wer keine Persönlichkeit hat, der wird sie schmähen, bis ihm der Griffel abbricht oder die Tastatur in Flammen aufgeht, es sei denn – es sei denn, er bekommt Gelegenheit, in eine hineinzukriechen und ihre eingebildeten Eingeweide auszulutschen, bis das Gefühl sich in ihm verfestigt: Das ist es. So entsteht der ›kongeniale‹ Biograph, von dem Verlage schwärmen, obwohl die Wortbildung sofort den Unfug verrät. Überhaupt ist eine Persönlichkeit, die es zu keiner Biographie bringt, schwer vorstellbar: Anspruch ohne Deckung. Zweifellos sind wir auf dem Mars alle Persönlichkeiten, solange noch keiner dort war und die Hierarchien klärte. Marsmenschen, das sind wir, die wir Persönlichkeit für uns reklamieren – es sei denn, wie gesagt, wir lehnen das ›Konzept‹ aus ideologischen Gründen ab. Persönlichkeit ist faschistisch: Nieder mit dem Persönlichkeitskult! Wer diesen Schwachsinn nie deklamierte, der hat nie gelebt. Er hatte vermutlich auch nie ein Che Guevara-Plakat im Kinderzimmer hängen und träumte Strawinski, statt sich aufzuführen wie … wie Michael Joseph Jackson oder Madonna Louise Ciccone nach ihrer Verwandlung in Abziehbilder des Pop-Gewerbes ... in der Einbildung, wie billig. ›Seinen Traum leben‹: was ist das anderes als die Aufforderung, die Persönlichkeit auszustreichen, um sich ihrer Früchte zu erfreuen? Denn dass eine solide Persönlichkeit zu den fruchttragenden Gewächsen gehört, diese Überzeugung versteht sich von selbst, da gilt das Bibelwort: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Und wie! Also her über die Früchte und hinein mit ihnen. Wo hinein? Jeder Sack dünkt sich gut genug, zu verspeisen, wo andere ernteten. Mit welchem Recht? Mit dem Recht des Sacks, der gefüllt werden will, weil sonst nichts mit ihm anzufangen wäre. In einem rechten Sack verschwindet jede Persönlichkeit, als habe sie nie existiert. Nur ein Wölkchen aus Wohlgefallen, das über der Szene schwebt, als gehe sie alles nichts an, verrät den Verrat.

PERSON

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Im Zentrum des Erweckungserlebnisses steht die Person. Man hat sich, verführt durch eine altrömische Bedeutung und ein modernes Bedürfnis, ein wenig zu sehr angewöhnt, sie als Maske zu deuten, man ist an dieser Stelle nachlässig gegen die Erfahrung geworden und hat sie dem Geschwätz preisgegeben. Wer auf dem Persönlichkeitskern als einer erfahrbaren Größe beharrt, wird schnell zu den Frommen gezählt und neutralisiert. Erfahrbar und unhintergehbar darf nur die Wissenschaft sein – und mit ihr, selbstredend, die Macht und ihre Gesellschaft. Jedesmal handelt es sich um hergestellte Größen. Man nehme den denkenden, redenden, planenden, agierenden Menschen aus dem Spiel und es verschwindet spurlos. Also ist dieser denkende, redende, planende, agierende Mensch das Faktum. So kann man es sehen. Der denkende, redende, planende, agierende Mensch stellt sich her – er schafft seine Institutionen, die ebensosehr Figuren der Selbstauslegung sind wie reales Leben, Sein, Selbstbewusstsein. Es gibt kein Selbstbewusstsein diesseits der Institutionen, es sei denn als Schein, als Selbsttäuschung, als Maskerade und damit als Teil der Formen, in denen der unvermeidliche anarchische Rest jeder Ordnung sich organisiert – als Teile des großen Karnevals, in dem das biologische Sein sich verspritzt oder verschwitzt (oder verblutet). So denkt die Wissenschaft – oder wenigstens der Teil von ihr, der diesen Dingen überhaupt Aufmerksamkeit schenkt und dem dergleichen Überlegungen nicht sofort ›metaphysisch‹ und damit suspekt vorkommen. Unnötig zu sagen, dass diese starken Überzeugungen Herrschaft begründen, dass sie auf eine Art Fächerherrschaft hinauslaufen, die sich über Ausbildung, Öffentlichkeit und Beratertätigkeit vermittelt. Ihr Überzeugungsfundament ist die Religion der Gesellschaft, die Spießerideologie ohne Konkurrenz, in die am Ende auch die christliche Gläubigkeit einmündet – nicht überall, aber in den Ländern des historisch vermittelten Unglaubens an sich selbst. Für die Trauernden, die Resignierten, die Hinterbliebenen des alten Persönlichkeitsglaubens, die schaudernd vor den ›starken Persönlichkeiten‹ der Psychologie und der Wirtschaftsmagazine das Haupt verbergen, ist jener Rest zum Gegenstand einer fortwährenden pfingstlichen Erwartung geworden – als werde das eherne Haupt sich eines Tages spalten und das freie Selbst aus ihm heraushüpfen, gereinigt von den Schlacken des alten Aberglaubens und strahlend in der Glorie seiner unhintergehbaren Transsubstanzialität. Dieses Selbst... es ist doch nur die Schwundform der Person, des Menschen, der hervortritt, um seine Dinge in die Hand zu nehmen – nicht des metaphorischen Urhebers aller jener ›selbstgeschaffenen‹ Institutionen, hinter denen er flüchtig auftaucht, um gleich wieder zu verschwinden, weil er sich keinem konkreten Gedanken gewachsen zeigt, sondern des Menschen, wie er zwar in großer Zahl, aber nur als Einzelner auftaucht und sein Leben lebt. Er lebt es übrigens auch als Wissenschaftler, gelegentlich in schroffem Gegensatz zu dem, was er lehrt. Das verbiegt vielleicht den Menschen, aber es verbiegt mit Sicherheit auch die Wissenschaft. O Wunder: darin sind alle sich wieder einig. Aber wie kann sich ein Wesen verbiegen lassen, das doch unendlich biegsam gedacht wird und dazu bestimmt, sich in Institutionen jeder Art und Güte auszudrücken und und unter den übelsten Bewandtnissen ›voranzukommen‹, selbst wenn gelegentlich Blut aus der Tube quillt?

PERSONENFARBE

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Zur Politik gehört die Unterscheidung farbiger Personen von farblosen. Das meint nicht Hautfarbe, sondern Ausdrucksstärke. Die Unterscheidung dient, respektlos gesagt, zur Identifikation der Haufen. Von ihnen, die größtenteils aus farblosen Parteisoldaten bestehen, heißt es, dass sie ›Politik machen‹. Um sie auseinanderzuhalten, ist Farbe vonnöten. Die Grundeinfärbung ist praktisch immer gegeben. Notfalls lässt sich mit diskreten Kleidungsstücken wie Krawatten, Halstüchern, Westen etc. nachhelfen. Frauen, da farbenfroh, haben es in der Regel leichter. Doch kommen auch bei ihnen üble Fehlgriffe vor. Farbe ist, wie es in der Entscheidersprache heißt, nicht das Problem. Falls doch, gilt die klassische Loyalitätsregel: Wer zu farblos ist, um seine Parteizugehörigkeit zu verraten, darf ausscheiden und von vorn anfangen, z. B. als Wirtschaftsberater.
Haufen- resp. Parteiführer müssen Farbe bekennen. Das gehört zur Natur der Sache und ist anders nicht vorstellbar. Als einfache Variante bietet sich das Erröten bzw. Erblassen bei passender Gelegenheit an, etwa nach einem Radsturz oder einem Skiunfall mit Todesfolge, der weggedrückt werden muss. Erreichbares Maximum ist der Parteiführer, der bei Ansprachen puterrot anläuft: ein Knopfdruck-Effekt, der auf Leidenschaft und Tatendurst deutet, auch wenn die Medizin da anderer Ansicht wäre.
Ungefährlich ist eine solche Gabe nicht. Die Dosierung obliegt den von der Natur Beschenkten. Was nicht immer gut geht: dann wird aus einem Parteiführer gleichsam im Handumdrehen ein Spalter. Aber welche Brunst! Einem bleichen Kantianer gehen da leicht die Augen über. Andere steigen mit einer Farbe ins Bett und stehen mit einer anderen wieder auf. Das sind die Wendehälse, die bei jedem Wechsel gefragt sind und in der Zwischenzeit den Makel der Unzuverlässigkeit mit sich herumtragen. Überhaupt gilt eine bunte Persönlichkeit in der Politik als Übel. Man hält sie für wenig berechenbar und das für einen Fehler, denn Politik ist berechenbar. Auch die Politik der Unberechenbaren lässt sich berechnen. Das ist der Grund, weshalb Menschen, die ›zwei und zwei‹ nicht für ein Gesellschaftsspiel halten, oft genug die Haare zu Berge stehen. Das Publikum hingegen ist farbenfroh und liebt alles Bunte, andernfalls wird ihm langweilig. Außerdem ist das Durcheinander ein klassischer Bestandteil der Politik. Es verhindert, dass sie zu rasch voranschreitet und das Volk aus den Augen verliert. Es sorgt auch dafür, dass die gerühmten Konzepte alle Naslang auf den Prüfstand kommen, weil sonst vergessen würde, wofür sie gut sein sollen und was sie in Wirklichkeit anrichten.
Ansonsten ist das Metaphernfeld für Politiker, die mit gebrauchten Masken hantieren, wenig empfehlenswert. ›Personen unterschiedlicher Färbung‹: das reicht für Ansprüche auf gute Führung oder einen Rassismus-Verweis, im Alltag gelten Maßstäbe, die hier nicht verraten werden.

PERSPEKTIVE

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Menschen, die ihren Aufstieg der eigenen Intelligenz verdanken, neigen dazu, die im oberen Drittel der Gesellschaft vorhandene Intelligenz zu über- oder zu unterschätzen: ersteres, wenn sie den Weg der Abschlüsse und Auswahlverfahren gegangen sind, auf dem die Papierform obsiegt, letzteres, wenn sie den Weg der List, der Schläue und gelegentlich der brutalen Gewalt beschritten haben. Das gehört unter die unvermeidbaren Verzerrungen. Keine objektive Instanz rechnet Menschen aus diesem Personenkreis vor, wie sie ihre Mitbürger realistischerweise einschätzen müssten, um die elementaren Fehlgriffe zu vermeiden, an deren Folgen sie schließlich scheitern. Da das Scheitern ebenfalls keine einfache Größe ist, setzt die Rückwärtssuche selten wirkliche Einsicht frei. Vielmehr verdankt sich auch das korrigierte Urteil dem Fehler, das heißt einer verfälschten Optik: es verkündet kein besseres Wissen, sondern das entgangene Bessere.
– Aber wenn dem so ist, räsoniert Engel, dann sind die ersten Opfer der Aufgestiegenen ihre Kinder. Im Normalfall können sie weder die Leistungen bringen noch sind sie clever genug, um den Weg der Eltern zu gehen. Da der einzig gangbare Weg nicht ihr Weg ist und es gar nicht sein kann, ernten sie eine mit Verachtung vermischte Liebe, an der sie ein Leben lang schlucken.
– Sehr richtig. Kinder des Durstes sind sie und schlucken – nichts.

PFANDLOS

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Das Pfand, jeder weiß es, ist eine Geisel der Schuld. Was ist, was jeder weiß, wert? Nichts, gar nichts. Warum? Schwer zu sagen. Die Menschen sind, wie sie sind, systemabhängig bis zum Mysterium. Ja das Geheimnis, es macht sie zu Geiseln, es ist nicht ihr Geheimnis, das nicht, aber sie sind seine Bewahrer. Der Mensch ist ein Pfand. Wer ist der Mensch? Ein Abstractum? Ein Konstrukt? Das sagen viele, ein Hirngespinst: das sagen andere, aber nicht so sehr andere. Ich hingegen sage euch: Der Mensch ist ein Pfand. Die Schuld hingegen... Wie kann es sein, dass so ein Pfand stehenbleibt, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt? Ist die Schuld so groß? Woher kommt sie, die Schuld? Woher kommt es, dass einer sein Leben schuldet? Denn darum, ums Leben, geht’s doch, gleichgültig, was man euch sagt. Darum ist, wer frei über sein Leben verfügt, auch frei von Schuld. Ein Krimineller? Vielleicht. Aber die Schuld kommt nicht an ihn heran. Menschen fürchten sich vor ihm, weil sie ihr Leben zu schätzen wissen. Und unter uns, sie taxieren es ziemlich hoch. Nicht hoch genug, nicht so hoch wie seins, da entstehen schon Bande. Wer frei über seins verfügt, verfügt auch über andere. Daher die Furcht, daher die Schuld. Sprecht den Furchtlosen schuldig und das Schuldsystem bricht zusammen. Es bricht zusammen, sage ich, aber es verschwindet nicht, so groß die Hoffnung auch sein mag. Jede, auch die verschwindende Hoffnung bedarf eines Trägers. Steck’ sie ihm an und er stellt seine Forderungen – er darf es. Revolutionen, Institutionen, Bewegungen, Bruder- und Schwesterschaften, Aufbrüche, Un-Menschliches jeder Couleur – sie stellen, einmal ins Leben gerufen, Forderungen ans Leben, Forderungen, die, eingehend betrachtet, unerfüllbar bleiben. Schon geht es dahin, das Pfand, der Garant für Wohlverhalten, genannt: Mensch. Er geht dahin – nur wohin, das lässt er wohlweislich offen. Der Mensch ist ein Offenhalter.

PHILOSCHRECK

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Wo ich herkomme, spukt die ›Philosophie‹ mächtig in den Köpfen. Warum die Anführungszeichen? Vielleicht deshalb, weil Philosophie aushäusig geworden ist, weil sie nirgends erkannt wird außer von denen, die mit ihrer akademischen Gestalt nichts im Sinn haben oder ›am Hut‹, wie sie sagen – es sind zweierlei Hüte und es ist zweierlei Hut, die hier ins Spiel kommt. Die eine lässt denken und hält das für Geistestätigkeit, die andere denkt selbst, sie denkt sich ihren Teil und ist bemüht, den anderen davon abzutrennen, nicht aus Geringschätzung, sondern aus Achtung vor dem, was einmal Geltung erzeugte, sodann aus Selbstachtung, die nicht zugeben kann, dass das Spiel darin besteht, Schiffchen zu versenken und Webfehler im Denken anderer aufzudecken, als liege dort die eigentliche Arbeit, und sie anschließend wieder zuzudecken, indem man sich einer ›Denktradition‹ zuordnet und die Reflexion abbricht, um zu irgendeiner Überzeugung überzugehen. Traduttore, traditore: der Übergang liegt im Denken selbst, er geht so einfach vonstatten, dass er kaum bemerkt wird, es sei denn unter Gelächter. Doch soll, wer gern lacht, nicht vergessen, dass auch das Belachte Macht über den Lacher besitzt, eher zuviel als zu wenig, eher dunkle als helle.

PIETÀ

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Ein Aquarell von Paul Mersmann: Der zwölfjährige Chirico zeichnet das Detail eines römischen Rahmens anlässlich eines Papstbesuches seiner Mutter zur Gewinnung eines vollkommenen Ablasses. – Il Gesù, zwei Treppen hoch, da: eine Pietà, so süß, so über die Maßen süß dieser Schmerz in den Augen der Mutter, leicht verdreht und das Unglück betrachtend, aber von innen, in den Schultern, die ein heimliches Schluchzen verdreht, in der Haltung der Hände, dieser ergreifenden Haltung, vielleicht auch Halterung, derer der aber auch wirklich übel zugerichtete Leichnam bedarf, um nicht herunterzugleiten. Und doch lächelt dieser Leichnam, nicht mit den Augen, die geschlossen sind oder vielmehr wurden, nicht mit dem Gesicht, das ernst und männlich abwesend ist, es lächelt der Körper, dieser so ernsthaft aufgebahrte Körper eines vor kurzem noch Gefolterten, vom Schmerz der Mutter liebkost. Giorgio holt den Malstift heraus, Mutter wird entzückt sein und mit einem heimlichen Beben seine innerste Absicht erraten. »Das ist schön«, wird sie sagen, »das ist wirklich schön.«

PIRANDELLO

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Die Frau, stille Schreiberin, Schriftstellerin sogar, das Entzücken der gebildeten Welt, dabei, wie immer, so still, so hingegeben, so sehr bei den eingeborenen Gedanken, Empfindungen, Episoden, die ihr stark wie am ersten Tag der Schöpfung in die Feder fließen, daneben der Mann, ein geborener Agent, der den eigenen Beruf an den Nagel hängt, um nur für ihren Erfolg zu leben, der dann natürlich sein Erfolg ist, da er ihn betreibt, mit tausend Anstrengungen, mit Tricks, mit Werbeaktionen ohne Maß, mit einem sich überschlagenden Verhandlungsgeschick, mit vollem Einsatz eben, ein Nichts, eine Niete, eine Lächerlichkeit, ein Fußabstreifer, ein Mörder seiner Frau, vor dem dieses reichhaltige, so überaus menschliche Innenleben bebend flieht, gleichsam in die Arme des jungen Schreibers hinein, der diese Geschichte, ihr entgegeneilend, niederschreibt um des eigenen Erfolges willen, vibrierend angesichts der Nichtswürdigkeit des geschäftstüchtigen Gatten, bis zum Kragen angefüllt mit kalter Verachtung für einen wie diesen da – wer mit einer solchen niederträchtigen Geschichte beginnt, wie kann der enden? Nein, nicht unterm Schafott der Kritik, eher schon unter der Bewunderung eines zum Kenner hochfrisierten Philosophiedozenten, der hier allenthalben das grandios überlegene Spiel von tiefer Abstraktion und gesättigt konkreter Individualisierung in unvergleichlicher Lebendigkeit und Gültigkeit ›erbracht‹ sieht. Dieses Erbringen – wie verrät es sich selbst. »Es ist erbracht«: eine schöne Demaskerade für jemanden, der das Geltenlassen nicht erlernen wollte, um keinen Preis.

PLATZVERWEIS

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Wer nach dem Ausnahmezustand Schlange steht, weil er sonst nichts zu erzählen hätte, darf sich mit einiger Berechtigung zu den Normalen zählen. Das sind Leute, denen ihr Leben zustößt, es lauert sozusagen an der nächsten Straßenecke und sie benehmen sich auffällig, damit es sie nicht übersieht. Und so geschieht es dann auch. Das Leben kommt und geht als eine Aneinanderreihung von Unfällen, einer krasser und banaler als der andere. Im Grunde kann es nur durch Mord enden, aber das wäre, nach allgemeiner Übereinkunft, zu krass und wird, wenn es einmal passiert, entschieden geahndet. Dass jemand im besten Lebenssalter verschwindet, ist eher die Ausnahme von der Regel. Sie besagt, dass es mit dem Verschwinden seine Weile hat und die Leute noch in voller Auflösung nicht bereit sind, den Platz zu räumen, auf den es sie einmal verschlagen hat. Das Verschwinden ist eine Disruption, die einerseits auf Mord oder Selbstmord deutet, andererseits auf ein Ritual, über das zu berichten sich nicht wirklich lohnt. Ein neues Leben beginnt, wem das alte zum Hals heraus hängt – schönes Bild, man sieht das Leben züngeln und weiß, es freut sich tierisch, eine frisch herausgeputzte Heimstatt zu beziehen.

POÉSIE PURE

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Um reine Poesie zu backen, braucht man eine genaue Kenntnis der Ingredienzien. Dann muss man wissen, wie sie zusammengerührt und abgeschmeckt werden. Schließlich liegt alles daran, ob und wie sich die unio mystica aus Dauer und Hitze vollzieht, ohne die nichts geht. Ein schlechter Kopf kann in geschickten Händen einen guten Ofen abgeben, man hat manches ambitionierte Gerät gesehen, das bei dem Versuch, es recht zu machen, den Geist aufgab – eine unziemliche Metapher, die das Unziemliche des Vorgangs in ein grelles Licht rückt. Doch sollte man solche Vorgänge besser im Dunkel lassen, das von Kirchenmusikern gnädig genannt wird. Auch das Rühren und Abschmecken bedarf eines unalltäglichen Rapports. Am besten bewährt hat sich die Hand, die aus einem gerührten Gemüt hervorkommt wie der Wasserstrahl aus der Wand. Dann wäre der Geschmackssinn der Hahn, der jede Bewegung kontrolliert und am Ende die Zufuhr stoppt – ein bestechender Gedanke, wohl wahr, doch was wird aus ihm, wenn die Dichtung alt und brüchig ist, vielleicht vom Vorgänger installiert wurde, von seinem Händedruck drangsaliert, dem sie sich jetzt langsam und unkontrolliert entzieht? Auf die Dichtung kommt alles an. Schließlich weiß keiner, woher die Ingredienzien stammen und welche Hand schon auf ihnen lag. Am Ende sind es die Hände, die über die Reinheit entscheiden, die Frage, ob man sie vorher oder nachher wäscht, hat schon manchen Kleinganoven den großen Reibach gekostet.

POMP

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Der Pomp des Waschbeckenverkäufers besteht darin, dass er links neben der nimmermüden Hand eine Broschüre deponiert hat, die Aufschluss über seine Erfolge vermittelt – natürlich nur Menschen, denen er vertraut, handverlesenem Material sozusagen, also dem, was gerade heute schwer aufzutreiben ist, wenn man es überhaupt in die Finger bekommt. Das liegt nur teilweise an der Konkurrenz, die bekanntlich niemals schläft, aber nicht früh genug aufsteht, um einem ernsthaft Kopfzerbrechen zu bereiten, sondern am generellen Bonitätsverlust, der selbst vor Waschbecken nicht Halt macht, im Gegenteil: hier zeigt er sein wahres Gesicht. Fast könnte man sicher sein, ihn beim Rasieren zu treffen, doch genderpolitisch ist so eine Aussage natürlich ein No-go. Nicht jeder Mindernickel trägt den Bart im Gesicht. Die Raffinierteren tragen ihn unter dem Arm und lassen sich daher nur mühsam einwickeln. Sei’s drum. Was in Würde passiert, kann niemals falsch sein. Nur das Signal geht unter Umständen in die falsche Richtung oder gleich in die Irre. Wie in aller Welt lässt sich das ändern? Sehr einfach, du preschst hinterher, bis der Elan aufgebraucht ist und keiner mehr so recht weiter weiß. Dann, bei Torschluss, schließt du den großen Ehrenpakt mit allen, die guten Willens sind. Worin so ein Ehren...dings besteht? Passen Sie auf! Das ist kein Thema für Leute, denen das Wasser noch nicht bis zum Halse steht und die deshalb vor dem Schwimmen sich eine Art Horror bewahren. Schwimmkünste also... darauf läuft das Ganze hinaus. Welche Arten zum Einsatz gelangen? Kommt ganz aufs Waschbecken an, in dem sie erworben wurden, und darauf, ob der Stöpsel auch wirklich schließt. Merke: Wer sich vom Stöpsel abhängig macht, kennt den Grund gut, er stößt ihm nur auf. Es ist zwar nicht der reine Wein, in dem der Unglückliche sich abstrampelt, aber fürs Ersaufen reicht’s allemal. Schließlich reicht es auch so. Greifen Sie zu! Demonstrationsware geht zum halben Preis. Die Fliege am Beckenrand fische ich Ihnen heraus. Schon geschehen! Und nun: Gut Glück.

POTZBLITZ

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Die Literatur ist so erpicht auf Momente, dass sie eines regelmäßig übersieht: das Moment der Scham ob all der bedeutsamen Augenblicke, in denen sich ›etwas vollzieht‹. Die Vollzugsmeldung fällt dem Homo sapiens schwer, er muss sein Herz über die Hürde werfen, um sie herauszutrompeten, und wer die Reaktionen der anderen sieht, die von Begütigung bis zu offenem Hohn reichen, der begreift mit Leichtigkeit, wie es um diese inneren Momente steht. Erschiene der Gott außer Zweifel, so erschiene er allen, doch dass er dem einen, diesem da, erschienen sein soll, einem Wesen, das entweder keines Zweifels fähig oder seiner ewigen Zweifel müde ist, das glauben nur Leute, die sich an Leute hängen, um ihnen zu glauben, was sie an sich zu glauben nicht fähig sind. So geht es einem mit den Momenten der Kunst, wie es mit vielem geht. Zu schön, um wahr zu sein sind sie nicht deswegen, weil sie zu viel, sondern weil sie zu wenig Kunst enthalten. Aber auch das ist mehr oder weniger gleichgültig angesichts des Umstandes, dass sie gewollt sind. Wären sie es nicht, so blieben sie in den Gittern des Gedächtnisses hängen, das sagt: Ich habe sie gerettet. Aus einer übergänglichen Folge von Empfindungen habe ich diesen Goldfaden herausgezogen, an dem das Jähe ebenso gewirkt hat wie die Erschlaffung. Die Empfindung, durch Fülle überwältigt zu sein, verdankt sich dem Nachlassen der Spannung in einer sich aufgipfelnden, durch welche Jagd auch immer ausgelösten Erregung. Es ist genug wird da leicht zu: Es ist geschehen. Und das ist es dann auch.

PLAUDERTASCHE

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Werkzeug der Gottesempfängnis nach Mitternacht. Der Gott erscheint seit alters in Tiergestalt, als Ameise vielleicht oder als Kreuzspinnritter, auch Hasen gelten als Zahlungsmittel und sind akzeptiert. Die Plaudertasche umfasst sie alle mit einem runden »O«, mehr gehaucht als gepfeffert, und legt sie lahm. In ihr ist gut reden, sie hält die Gabeln warm und auf Abruf, da können die Zahnärzte kommen. Wurzelbehandlung fördert das einsame Denken, das hier wie in allen Kulturen zum Tragen kommt, wenn die Plaudertasche die Röcke hebt und das Licht löscht. »Der letzte«, wispert die Ameise, »der letzte, ein Fauxpas ohnegleichen.« Was immer sie damit meint, es geht im Geschehenen unter.

PÖBEL

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»Einen feinen Pöbel habt ihr da beieinander.« Im Bild des Pöbels beweist sich das Volk vor sich selbst und behauptet das Gegenteil: die reine Differenz. Pöbel unten, Pöbel oben, Geldpöbel und Gesinnungspöbel, Pöbel durch Herkunft und Pöbel durch Verlangen, sie stehen einander in nichts nach außer in der Frage der Definitionsmacht. Pöbel wird von oben nach unten dekliniert, er setzt, neben der schieren Einbildung, einen klaren Blick für die Verhältnisse voraus, wie er nur dem souveränen Teil der Bevölkerung zukommt. Jedes andere Urteil in Sachen Pöbel erscheint geborgt, reine Kolportage und daher lächerlich, unziemlich und umkehrbar. In der Konsummoderne erzeugt die Weise des Konsumierens die Hierarchien und wird durch Hierarchien gelenkt. Auf- und absteigende Konsumeliten begegnen sich gern ›auf gleicher Augenhöhe‹. Sie lieben diese Phrase bis zum Abwinken, derweil die Fahrstühle weiterlaufen und dem Spuk ein Ende bereiten. Am Ende heißt es Aussteigen, man ist da und genießt die Aussicht mit poliertem Gebiss.
Doch was heißt schon Konsum. Das ist eine Phrase wie andere auch und das Bild behauptet, was es verschließt, die reine Wahrheit. Die Wahrheit über den Pöbel ist, dass es ihn gibt. Das unkontrollierte Unterschied-Machen geht wie von selbst in den Zwang über, ihn hervorzuwühlen, zu ›pöbeln‹, wie die Sprache das unnachahmlich bezeichnet. Auch sie pöbelt herum, ist keineswegs unschuldig an der Sache, bei Licht besehen trägt sie die Hauptschuld an der Misere.
Alles, was unten durchrutscht, passiert die Etagen des schlechten Geschmacks, der lauten Rede, der sich ereifernden Differenz. »Aber das wissen wir doch.« »Ach, was wisst ihr schon. Dass jemand vom Regen in die Traufe kommt, will nichts bedeuten. Seht die Politiker an: einer pöbelt und bekommt einen Denkzettel an den Urnen. Der Pöbel fühlt sich ertappt und keilt zurück, lautlos, wie es sich ziemt. Kein Pöbel ist ›von gestern‹, das lehnt er ab.« »Gestern war Eiszeit, heute schwimmen die Eisbären auf Schollen vorbei und wärmen ihr Gebiss in der Sonne.« »Zu welchem Ende?« »Das ist eine Kaninchenfrage, sie sollte nicht gestellt werden. Was geht sie an, was unter Wasser geschieht?« »Nun, wer sich vermehrt, macht sich so seine Gedanken.« »Ach –«

POLITES

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Polites der Ärgermacher – so hieß es früh in Trojas vornehmen Kreisen, wenn er von seiner hohen Warte herabstieg, um schlechte Nachrichten zu verbreiten. »Wer hoch steigt, der übersieht viel«: wer sein Leben nach dieser Devise ausrichtet, fällt eher selten auf, dafür unangenehm. Die heutige Politik bietet dafür gute Beispiele, sie greift tief in alle Lebensbereiche ein, daher orientiert sie sich gern an Werten, vor allem an Grenzwerten, die andere für sie schufen. Dass ein Wert, um zu existieren, erzeugt werden muss, fällt Politiker seltener auf. Meist denken sie, es genüge, ihn zu verteidigen, und husch! ist er weg. Ganze Industriebranchen brechen weg, wenn hinter Grenzwerten keine Technik steht. Jedenfalls behaupten die ›betroffenen‹ Branchen das gern – in der Regel gelingt es ihnen, das Gewünschte herbeizuschaffen, wie das Gesetz es befahl, und sei es auf den letzten Atemzug. Anders geht es zu bei Werten, an deren Entstehung ganze Kulturen beteiligt waren, ausgestorbene und ausgestopfte, ausgelachte und ausgebrannte: Man kann sie verteidigen wollen, aber nicht herstellen, man kann nie wissen, ob sie noch existieren, nicht einmal, ob sie, auf diese Art und Weise verteidigt, noch immer dieselben wären. Toleranz zum Beispiel, ein Wert ohne Haltung, eine Haltung ohne Wert, die alle anderen Werte auf die Perlenschnur zaubert: eine wertfreie Zone – will man das, wenn man sie verteidigt? Toleranz, solange das Wort seinen Sinn bewahrt, wird gewährt – wer soll dort gewähren, wo es allein ums Hinnehmen geht? Toleranz, als zugelassener Spielraum, ist der Raum, in dem alles geht – wo geht sie hin, sobald nichts mehr geht? – Nie geht es um Toleranz, immer um ihre Grenzen. Eine Politik, die sie einfordert, will Grenzen erweitern, indem sie neue setzt. Das Ergebnis mag, wer will, Toleranz nennen, aber es ist etwas anderes. Oh Polites! Hätte dein Schweigen den Krieg um Troja verhindert, so wären wir heute um eine Geschichte ärmer. Schlimmer noch: Hätte dein Reden den Verteidigungskrieg der Troer ärger gemacht, du stündest heute als Brandstifter da. Dabei wolltest du nur – Werte verteidigen.

POLITGURKEN

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Eingelegte Politikerreserve, nach EU-Norm gekrümmt, leicht säuerlich im Geschmack, immer auf der Suche nach dem richtigen Zeitpunkt fürs nationale Comeback. Konsequente Gegner des Nationalstaats. Rüstungsbefürworter.

POLLS

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Man muss es der Harmlosigkeit der Künstler zugute halten, dass sie sich so bereitwillig politisiert haben und politisieren haben lassen. Es verstand sich – beinahe – von selbst. Was hätten sie verlieren sollen? Alles, doch das war, wie sie es verstanden, wenig, da sie eine Welt zu gewinnen glaubten. Die Welt zu gewinnen... zumindest eine, die zweite, um genau zu sein, die nach Nietzsche keine Hinterwelt mehr sein konnte, sondern eine, die bevorstand, die sich herausreißen ließ aus den Verhältnissen, wie sie waren, gab man erst die Bildung dran, die Vorbehalte, den Weltschmerz, die Autonomie, die Leinwand, die Billigkeit, den Verstand: alles, was einen im Grunde harmlosen Menschen davon abhalten kann, sich für eine Lotterie zu ruinieren. Der homo novus hat die Kunst ruiniert und er ruiniert sie weiter. Er hat sich eingerichtet zwischen seinen Einkaufskartons, die er Gesellschaft und neuerdings Umwelt nennt, und verlangt, unterhalten zu werden. Die Leichengebirge, auf denen er sich flezt, kümmern ihn wenig. Wenn die Kunst in die Kissen schluchzt, fragt er, ob sie nicht alle hat und kauft ihr einen Lolli. Sie schluchzt auch schon weniger, nur hin und wieder, vermutlich, wenn der letzte Lolli aufgebraucht ist. Sie produziert sie selber derweil, doch Verwöhntwerden ist schöner.

POSITIONSANGST

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Man zieht es vor, die Dinge so zu sehen, als sei die Moderne irgendwie in Europa entstanden und habe sich von dort über die Welt verbreitet, aus deren Zentren sie heute auf Europa zurückwirkt. Das mag in einem sehr allgemeinen Sinn zutreffen, aber es bezeichnet nur einen Faktor in dem, was man gemeinhin ›Wirklichkeit‹ nennt, die technologisch-ökonomische Entwicklung. Schon der Gebrauch, den es von ihr gemacht hat, erinnert daran, dass eine abgewickelte Spule leer ist. Auf dem intellektuellen Sektor bezeichnet ›Moderne‹ sehr genau den Prozess der Selbstzerstörung Europas – ein Vorgang mit Folgen, aber in historischen Grenzen. Eine Gesellschaft, die ökonomisch gut im Rennen liegt und keinen Grund sieht, Kriege zu führen, weil es vereinbarten Prinzipien widerspricht, aus denen sie neuerdings Vorteile zieht, mag, äußerlich betrachtet, Zeit und Ressourcen besitzen, über das Wunder der Wiedergeburt nachzudenken und ›konkrete Schritte einzuleiten‹, damit es in naher oder fernerer Zukunft eintreten kann. Aber das scheint nur so, weil das Rennen nicht aufhört und die Ressourcen verschlingt, die ein anderes Miteinander versprechen. Am Ende siegt die Positionsangst und mit ihr die Überzeugung, alles geben zu müssen, um seinen Platz zu halten. So zerstieben hochintegrative Modelle zu nichts, sobald sich Währungsfragen nach vorne schieben oder die Tankanzeige flackert. Aber vielleicht waren sie bereits nichts im Augenblick der Entstehung. Die Überzeugung des Klempners, eine Familie glücklich zu machen, wenn er ihre Leitungen repariert, ist, unter uns, schon ein bisschen komisch. Auch sie folgt der Logik des Boxenstopps, ungeachtet der Tatsache, dass der biedere Handwerker Rennen nur aus dem Fernsehen kennt.

POSTHISTOIRE

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Die Geschichte ist die Abtreibung der Geschichte. Das kann kaum anders sein, da die unzähligen Schlachten, die im Namen der Geschichte geschlagen werden, sich im historischen Gewebe ineinander verschlingen und in der Ungewissheit des Künftigen zerlaufen. Mit jedem vergeblichen Sieg, mit jeder vergeblichen Niederlage rückt das Ziel näher: Die Befreiung von der Geschichte ist immer im Gang. Dort gehört sie auch hin, solange ein Augenpaar da ist, das die Dokumente entziffert und ein Mund, der sich rundet – vor Entzücken oder Entsetzen, wo bleibt da der Unterschied? Ja wo bleibt er denn? Geschichte fördert man nicht durch Schürfrechte, sondern durch Abschreiben. Das wird von Leuten gern übersehen, die mit ihr auf vertrautem Fuß stehen und wissen, wo’s langgeht. Der erste in dieser Reihe kennt die Geschichte noch nicht: er schreibt auf. Er hat etwas erlebt, er hat den Wunsch zu berichten. Die Muster, denen seine Niederschrift folgt, sieht er nicht oder sie sind ihm gleichgültig. Das hat, da jede Geschichte eine ist, eine bestimmte Konsequenz: die Geschichte aus Geschichten, die man die Geschichte nennt, ruft nicht nur unterschiedliche Erzählmuster auf, sondern fügt ihnen eines hinzu, das dem Hersteller der Geschichte entgeht. Die Theoretiker, die das Ende der Geschichte verkünden, erzählen nichts weiter (es sei denn das Blaue vom Himmel herunter). Aber sie erweitern das Spektrum der zu erzählenden Geschichten, insofern sie erzählen, wie es ihnen mit der Geschichte ergangen ist und wie es geschehen konnte, dass sie den Glauben an ihren Fortgang verloren. Im Kern der Posthistoire steckt, wie das Körnchen Wahrheit, die Unvernunft des Erzählers, den das Erleben seiner Zeit überwältigt: Eine Geschichte, wie ich sie erlebt habe, hat mir noch keiner erzählt. Eine schöne Geschichte ist das.

POSTILLON

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Glückswort der Kindheit, mit Goldtalern zu belohnen: Wer auf dem Bock sitzt und das Horn bläst, dem ist immer Sonntag. Einmal Postillon sein: nein, es wäre zu viel, zu viel des Glanzes, zu viel des Überschwangs, zu viel des Glücks. Schon höre ich eine vertraute Stimme: Das muss ein Männertraum sein. Doch wenn schon, dann bitte genau: ein Knabentraum. Auch so stimmt es nicht, es ist kein Glückstraum, sondern das Glück selbst in träumerischer Umhüllung. Viele sehen das Glück so, bis die Schatten sie überwältigen, andere ersetzen es schnell durch andere Formen von … nennen wir es Glück, es gibt auch andere Wörter dafür, es gibt jedesmal andere Wörter, wenn der Sachverhalt wechselt. Das reine Glück, falls es so etwas gibt, bleibt träumerisch, es bleibt jenen Tagen verhaftet, die der Unruhe des Sexus vorausgehen, wahrscheinlich wären die letzten die kostbarsten, aber die Erinnerung gibt sie nicht her, der Übergang macht sie unsicher.

POSTMODERNE

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Man hat die Postmoderne noch nicht wirklich verstanden, solange man sie als etwas betrachtet, das nach der Moderne kommt oder sie so verwandelt, dass sich in ihr etwas Neues, ein neues Verhältnis zur Wirklichkeit, am Ende eine neue Wirklichkeit darstellt. Alle Kritik am Konzept der Postmoderne ging dahin, in ihm die willentliche Fehldeutung eines Weltzustandes zu sehen, der so schnell nicht vergeht. Wer darauf beharrt, nach wie vor im Zeitalter der Moderne zu leben, ist gegenüber dem, der anderes andeutet, immer im Recht. Keine Erfindung der Neuzeit wurde seither vergessen, kein Rad hat sich zurückgedreht, keine Unterscheidung scheidet heute weniger als vor hundert oder dreihundert Jahren. Man hat nicht verstanden, dass die Postmoderne in der Moderne aufkommt, dass sie nichts anderes ist als die Langeweile in der Moderne, als dieses diffuse Bewusstsein, dass das, was einmal von wenigen Gehirnen erdacht wurde und sich seither unwiderstehlich vollzieht, keine grundsätzlichen Fragen offen lässt. Die Postmoderne ist eine Art Augsburger Religionsfriede zwischen den Fraktionen der Moderne, eine Konsequenz daraus, dass es sich nicht lohnt, die alten Streitereien weiter zu führen. Insofern waren die Gegner der Postmoderne die entschiedeneren Postmodernen: Bitte keine neue Scheinfront, keine neuen Schein-Positionen, wo doch bereits alles gesagt ist. Postmoderne ist bloß die Moderne in den Händen – und Köpfen – der wirklichen Menschen, das heißt all derer, die nur das angewandte Denken kennen und praktizieren und keinen Überdruss dabei empfinden, als Ganze apart zu sein. Das anstrengungsfreie Anderssein gibt das Lebensgefühl hemmungsloser Überlegenheit, das sich seit hundert Jahren in jeder Generation erfolgreich einredet, neu zu sein – im Grunde eine lächerliche Angelegenheit, wie alles, was zur Jahrgangsfrage deeskaliert.

POSTNATION

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Als Postnation bietet Europa nicht viel mehr als eine Notration auf dem Weg zum gefühlten Nordpol, nach dem alle Nadeln ausschlagen, in denen sich Einigungswünsche verbergen. Europas Nordpol, von Eiswüsten bedeckt, die langsam abschmelzen und damit für viel Unruhe sorgen, ist der gemeinsame Staat, die Republik aller Europäer, in der keiner seinem Nationalstaat eine Träne nachweint, weil dessen Bestände ins große Archiv verschoben wurden, aus dem sich jeder, der weiterhin danach Lust verspürt, bedienen kann, als liege darin ein Verdienst. Und es bleibt ein Verdienst – allein deshalb, weil der Nationalstaat, der Staat, der nicht von Untertanen bevölkert, sondern von selbstverantwortlich handelnden Bürgern getragen und regiert wird, Europas bedeutendstes Erbe darstellt: nicht anders kann und darf ›Europa‹ geplant, ins Werk gesetzt und regiert werden, nicht anders kann und darf werden, was als Europa Bestand haben soll. Doch sollte, wer ›eine Nation Europa‹ sagt und fordert, nicht vergessen oder vergessen machen, dass jene vereinzelten Bürger Europas, die man in allen Ländern des Kontinents antreffen kann, sich zwar gern als Vorhut begreifen, aber von vielen als Nachhut begriffen werden, als liebenswürdige Spinner, die nicht begriffen haben, dass der Aufbruch im Ansatz gescheitert ist und alles, was auf diesem Gebiete noch kommen mag, in fernerer Zukunft liegt als zu Zeiten, in denen ein Glanz in die Augen der Leute trat, wenn von Europa die Rede war. Als Postnation jedenfalls ist Europa ein großes Täuschungsmanöver, Sand in den Augen der Leute, die mit ihren Steuern die Illusion finanzieren, hier bewege sich etwas in die richtige Richtung, während sie als Bürger zurücktreten hinter die Erfordernisse des Übergangs, also das Recht auf den eigenen Staat gegen das Recht eintauschen, ihn vor europäischen Gerichten verklagen zu dürfen – ein Privileg, zweifelsohne, doch in der funktionierenden Demokratie braucht’s keine Privilegien. Dieser Übergang, er nährt seine Diener, er nährt sie prächtig – und er schafft sich seine Schwierigkeiten selbst, ein Labyrinth von Übergänglichkeiten, fein austariert und für eine Ewigkeit bestimmt, die bloß auf das Signal wartet, dass es zu Ende geht. Solange Europäer Europäer sind, weil sie (noch) keine sind, solange kann es den einen Staat nicht geben, der Europäer aus ihnen machte.

POSTNATIONALISMUS

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Der Postnationalismus, als Ideologie des Laufenlassens, ist in seinen Anfängen bequem, weil er sich mit niemandem anlegt, es sei denn mit dem Nationalismus, der – alarmistisch, wie er nun einmal tickt – in ihm eine unerhörte Fahrlässigkeit der Eliten am Werk sieht, denn der Postnationalismus, nicht anders als der Nationalismus selbst, ist eine Angelegenheit von Eliten. Treffend beschreibt die Vokabel des ›Einsickerns‹, wie beide ins Volk gelangen. Eingangs und gegen Ende zwar klingen ihre Parolen hohl, aber solange sie über das Momentum verfügen, nützen sie die Hohlräume, in denen sie widerhallen, effektiv. Irgendwann ist die Gesellschaft gesättigt und irgendwann geht ihr der Ton auf den Geist, wohin er definitiv nicht gehört. Wohin er gehört, ist die Haltung, jene gewisse starre Grundposition, die einer einnimmt, der visitiert wird, und sei’s von sich selbst. Der Nationalismus, wie gesagt, tendiert zum Sich-Gehenlassen, der Postnationalismus zum Laufenlassen – das klingt ähnlicher, als es sich in der Praxis darstellt, obgleich es gerade dort zu den wildesten Überschneidungen kommt. Beide treiben sich wechselseitig ihre Kundschaft zu, das liegt in der Natur des Polarisierens, im übrigen dient es den beiderseitigen Interessen. Dennoch – oder deshalb – sollte man die Parallele nicht übertreiben: der Postnationalismus, das sagt schon der Name, negiert den Nationalismus, er negiert ihn und behauptet, nach ihm zu kommen, als liege darin ein besonderes Verdienst. Man kann den Nationalismus mit Fug, gleich jedem anderen Ismus, für sämtliche kollektiven Übel dieser Welt verantwortlich machen, wie dies bereits der Internationalismus tat, dazu genügt der einfache Appell an die Weltoffenheit, die jeder mitbringen sollte, der sich ins Leben hinauswagt. Der Postnationalismus wagt nichts, darin liegt die Pointe seiner speziellen Offenheit: er ist offen für das, was kommt, wenn ein Staat der Homogenisierungsarbeit am Volk, seinem per Recht und Gesetz ins Werk gesetzten Lieblingsprojekt, die Krone aufsetzt, indem er die Ideologie der Homogenität, den Nationalismus, unter Quarantäne oder gleich unter Strafe stellt. Das ähnelt der Quadratur des Kreises, aber es zeigt auch den Reifegrad einer Gesellschaft, die, ihrer ewigen Einerleiheit überdrüssig, das Abenteuer der Vielheit zu schätzen weiß. Doch ist die Wahrnehmung von allzuviel Einheit, wie jeder weiß oder wissen könnte, milieubedingt, sie fußt, altdeutsch gesprochen, auf falschem Bewusstsein und zeigt, dass einer nicht weit herumgekommen ist oder den Umgang mit anderen Kreisen geflissentlich meidet. Der Postnationalismus ist und bleibt schon deshalb ein Elitenprojekt, weil die Bevölkerung, als Bevölkerung, stets postnational ist und bleibt, daher den Sinn eines solchen Projekts gar nicht einsehen kann – deswegen redet er gern vom Geltenlassen und predigt Toleranz, wo Indifferenz und Gleichgültigkeit weit gründlichere Dienste verrichten. Ein Staat, der darauf verzichtet, das Volk – sein Volk – an die Urnen zu rufen und mit der Bevölkerung, wie sie geht und steht, vorliebnimmt, imponiert niemandem, am wenigsten den Leuten, die, zumindest als Wahlvolk, ernst genommen sein wollen. Der Postnationalismus, so scheint es vielen, öffnet die Grenzen für jedermann, nach außen für Leute, die man nicht kennt, nach innen für Leute, die ›mit diesem Land nichts am Hut haben‹ – hier kommt plötzlich das Land ins Spiel, der Raum, in dem sich jeder bewegt, zumindest jeder, der mein Land, meine Regierung denkt und sagt, also der Staatsbürger, dem man geflissentlich das Mäntelchen ›klassisch‹ umhängt, als sei man auch in diesem Punkt weiter. Vielleicht ist man es ja – man ist immer bereits weiter, als man denkt, das ist ganz normal.

PRÄMIENLESER

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Wer viel liest, findet alles. Warum nicht im Alphazet? Zugegeben, Vielgeberei ist nicht seine Stärke, sie nistet gleich neben der Angeberei, wer will in solcher Nachbarschaft niederkommen? Die Stärke des Alphazet – falls es einer Stärke bedarf – liegt im Wiederkommen: alles, was sich einmal dort findet, findet sich andernorts wieder – anders zwar, aber erkennbar. Wie erkennbar? Das ist … wäre die Frage. Wer ein Motiv verfolgt, erliegt leicht dem Wahn, der in jedem Motiv bereitliegt: es will verfolgt werden, denn es selbst ist der Verfolger. Nichts liegt ihm näher als die Figur der Umkehr. Was wäre ein Motiv, wenn es nicht meins wäre? Da liegt es, blinzelnd, unscheinbar in der Sonne. Ich trete näher, näher, zu nahe bereits, um mich lösen zu können. Warum? Es ist ein Motiv, es hat mich erwählt und es will verfolgt werden. Ich lasse ihm seinen Willen und es bemächtigt sich meiner. So laufen die Dinge, so vollzieht sich Erkenntnis – sofern es etwas zu erkennen gibt –, so verdunkeln sich Perspektiven, während andere sich erhellen. Manche meinen, sie müssten etwas herausbekommen: Wechselgeld etwa, in kleiner Münze, oder eine Prämie, ja gewiss, eine Prämie. Im Alphazet findet ein Prämienleser alles, was er zu seinem Glück benötigt.

PRÄSENZ

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»Die Museen werden durchforscht werden.« – »Von ihnen wird bleiben, der durch sie hindurchging, der Wind.« – Solche Sätze bilden nicht länger das Säuseln einer fernen oder nahen Gefahr, als Sturmboten des Klassenkampfes haben sie ausgedient. Sie sind poetische Umschreibungen eines Ist-Zustandes, der von vielen gewollt wird. Die Kontrolleure mit dem fordernden Blick, die bereits die Inneneinrichtung künftiger Ramschtempel planen, die stillen Enttäuschten, die sich fragen, wann und wie diese lautlose Katastrophe eintreten konnte, die Schulklassen, die längst gemerkt haben, dass im Lärm, den sie machen, der letzte Sinn der Veranstaltung liegt, die munteren Greise, denen die Verdauungsdisziplin vorschreibt, vor Kaffee und Kuchen noch eine Runde zu drehen, die umherwandelnden, von Hölzchen auf Stöckchen kommenden Plaudertaschen, die Volkshochschulpulks mit ihren Klapphockerchen und der durchdringenden Stimme der Führerin, sie alle wissen ... ja was denn? Sie wissen es nicht, aber sie stellen es dar. Sie sind Figuren in einem Stück, das es an machtvoller Präsenz mühelos mit der attischen Tragödie aufnimmt. Nein, es heißt nicht, wie man leicht annehmen könnte, ›Die Tragödie der Kultur‹. Es heißt überhaupt nicht und es ist keine Tragödie. Es ist auch kein Ritual in einer stehenden, bis an den Horizont der Wünsche vernagelten Zeit. Es ist ... Warum fällt es so schwer, es auszusprechen? Warum fällt es so schwer, den Gedanken zu Ende zu denken? Welche seltsame Macht hindert einen daran, ihn überhaupt zu denken? Vielleicht die Parole, die unsichtbar, aber wirksam über den Ausstellungsstätten klebt: »Es darf gequatscht werden.«

PRÄZISIONSFRUST

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Be precise – sei präzise: Wer so denkt, hat selten die Lacher auf seiner Seite. Das ist schade, weil es bei ihm viel zu lachen gibt. Woran das liegt? Seien wir ehrlich: es liegt an der Beständigkeit. Sie verstehen nicht…? Sagen wir so: Alles präzise Gearbeitete hat einen Hang zur Beständigkeit, alles nur so Dahingemachte verfliegt. So liegt eine präzise Sprache den ans Geschwätz gewöhnten Zeitgenossen beständig im Ohr, nichts wünschen sie sehnlicher als sie daraus zu entfernen, sie möchten freies Gehör und erhalten stattdessen freies Geleit. Dort will ich nicht hin – so denken sie und sind bereits wieder woanders. Sie sind immer woanders, das ist ihr Markenzeichen und der Grund ihres Wohlbefindens, das sich mit allen Verhältnissen abfindet, Hauptsache, sie sind dann schon weg.

PRÄZISIONSMASCHINE

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»Ich erinnere mich noch genau.« Mit diesem Satz beginnt die Lügenmaschinerie zu arbeiten und nichts Menschliches bleibt ihr fremd.

PRESSFREIHEIT

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Freiheit, eine Nachricht so lange zu pressen, zu stauchen, zu quetschen, in die Länge zu ziehen, zu zertrennen, zu teilen, zu verstümmeln, zu verdrehen, zu unterschlagen, zu überschlagen, in falsche Zusammenhänge zu stellen, als ›falsch‹ zu markieren, zu verhöhnen, zu entplausibilisieren, bis nur ein bleiches Skelett in einer Sandwüste davon übrigbleibt: diese Freiheit wurde und wird teuer erkauft und rettet der Wahrheit das Leben, sooft sie auf der Kippe steht und Gefahr läuft, vom Blitz erschlagen zu werden. »Liebet eure Feinde« – die Wahrheit, sie vor allem, weiß ein Lied davon zu singen, doch meistens ist ihr nicht nach Gesang zumute. Sie hat sich damit abfinden müssen, dass keine Wahrheit auch eine Wahrheit ist und dass Menschen aus allem das Ihre herauszufiltern wissen, nur erwarten darf man sich davon nicht viel. Die Pressfreiheit ist eines der beiden pp’s des Gesellschaftsvertrags, das andere ist die politische Freiheit, ohne einander sind beide nichts. Die größte Hatz entfacht das Verbot der Hatz, mit ihm hat man beide im Sack. Wahrheit und Nachricht hetzen einander wie Hase und Igel: die Wahrheit schreit »Immer schon da«, aber sie verschweigt, wie es dazu kam. Überhaupt schreit, wer im Namen der Wahrheit schreit, selten die Wahrheit heraus – es ist nur so eine Art Gestammel, in Wirklichkeit sitzt die Wahrheit als Kloß im Hals und behindert den Redefluss. Folge einer Wahrheit und du findest ein Interesse, folge einem Interesse und du findest einen Haufen Lügen, über die nachzudenken sich lohnt. Die Wahrheit schimmert durch jede Lüge hindurch.

PROBLEMSTAU

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Man schlägt seine Feinde, weil man seiner Freunde nicht habhaft werden kann.

PROGRAMM

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Kunst heute um ein Programm herum zu entwerfen, das wäre ja, als wollte man Zäune errichten, um die globale Erwärmung in Kontrollzonen abzulenken, in denen sie zwanglos verbrannt werden kann. Das Wissen, dass es so nicht geht, ist weit verbreitet. Doch bleibt es, leider, kein Wissen und drängt zum Programm. Arglos mischt sich das ewig Neue in die Gespräche, ihr Dies und Das, und fordert Tribut. Mit fettigen Haaren und in schmutzigen Stiefeln schlurft es daher und hält jedem den Plastikbecher unter die Nase: »Haste mal nen Euro?« Aber ja, könnte man ihm entgegnen, wir wissen, wie billig du bist und lassen dich nicht verhungern. Doch das Gespräch, in dem man steckt, ist aufregend genug und will nicht unterbrochen werden, da gleitet der Blick vorbei. Nur einen Moment lang zieht er sich zusammen und wird eisig. Diese Blickverengung, durch die eine heruntergekommene Szene jeden hindurchtreibt, der es vorzieht, ›bei den Sachen‹ zu bleiben, ist der Tribut der Verständigen. Es ist ihr schamhafter Anteil an der Gesellschaft, in der Kunst zur Lebensart gehört und rückwärtige Loyalitäten über Positionen bestimmen, aus denen heraus manches möglich erscheint, das dann nicht geschieht. Das alte Neue ist das neue Alte. Man zahlt den Preis und alle kennen sich aus. Die vielgepriesene ›Beobachtung der Kunst‹, die so tut, als laufe in ihr ein autonomer Prozess ab, in dem nacheinander alles ans Licht kommt, was seine Brauchbarkeit in einer Theorie der Moderne unter Beweis stellt, parodiert das Modell der Anerkennung, das zweifellos in ihr angelegt ist, durch Nichtanerkennung all dessen, was auch zu sagen wäre, aber als Urteil verantwortet werden müsste: ein trübes Thema, das ausgespart bleibt, bis der Alkohol abends die Zungen lockert. Schließlich weiß man, worüber man schweigt, und ist in eigener Sache schon weiter.

PROTOTYPIE

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Die Leute lieben das, was sie ›klassische Moderne‹ nennen, so sehr, dass sie nicht genug davon bekommen und sich heimlich Stücke abbrechen: Souvenirs für den Wintergarten, neben anderem Schnickschnack. Klassisch ist daran, dass sich niemand mehr an ihr versucht. Was bedeutet, dass ihre Gesten und Taten unter dem Verdacht der Lächerlichkeit stehen. Einmal lässt man sie durchgehen, das nächste Mal wird geahndet. Zwar hängen alle von dem ab, was ›damals erreicht wurde‹, aber die Ansichten darüber, was damit erreicht wurde, gehen naturgemäß weit auseinander. Gemäß der Natur oder: soweit das Geschwätz trägt. Wie weit es trägt, darüber gibt es täglich Kunde. Klassisch ist die Moderne, soweit sie das Geschwätz in der Nussschale präsentiert – handlich und zu und zu jedem Schabernack zu gebrauchen, wie die Designer seit langem wissen. Die designten Gemüter ziehen ins Museum wie in den Zoo, um ihre Prototypen zu besichtigen: »Hier, ein Delvaux! Ganz dein Makeup.« Im Designmuseum lassen sich die Imitate als Originale bestaunen. Nur die Besucher schleichen herum, als stünden sie vor dem Examen und müssten sich Wachsmodelle aus Gehirnmasse kneten. Erst im Besuchermuseum leben sie auf: Wie echt, wie lebenswahr! Ganz neunzehntes Jahrhundert, man müsste sich ausziehen und ganz neu darin anfangen, nur das industrielle Elend lassen wir außen vor. Und doch... Das Abgehärmte hat eine Kraft, die es mit dem Design verbindet. Was wäre die Welt ohne ihr abgelichtetes Elend! Ein Nichts, ganz recht, diese Pointe will keiner dem anderen überlassen, sie ist zu eigen, ein Schatz.

PSYCHOMACHIE

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Die Psychomachie ist dem Genie zum Opfer gefallen, das Genie der Psychoanalyse, die Psychoanalyse der Informationstheorie. Die Frage, wer schlägt wen, bleibt immer spannend.

PUDEL

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Die Klaviatur der Leiden ist so ungeheuerlich, dass man es nicht wagt, nur ein paar Takte darauf zu klimpern. Man hält sich vorsichtig von den kleineren Leiden fern und stürzt sich in die größeren, als gelte es das Leben – was es auch tut, selbstredend, was denn sonst? Was denn sonst! Man weiß ja, dass es am Ende darauf ankommt, sich von ihm zu trennen, in Würde oder mit Heulen und Zähneknirschen oder einfach nur stumm. Das Trennen will also geübt sein. In den kleineren Dingen geschieht das täglich, fast ohne hinzusehen. Im Wegwerfen liegt die Kraft der Routine. In den größeren Dingen bedarf es einer gewissen Elastizität der Seele, es wird ihr abverlangt, zugleich vor und hinter der Trennung, zu beiden Seiten des Schnitts tätig zu sein und das, wovon sie sich trennt, gleichsam zur Tür hinaus zu begleiten. Wie soll das gehen? Natürlich geht es nicht, es geschieht aber und sähe man in die Köpfe und Herzen der Mitmenschen hinein, so sähe man sie allenthalben und ununterbrochen damit beschäftigt. Da kommt ein Pudel, der einen lachen macht, gerade recht. Keine Sorge! Auch aus ihm wird zur gegebenen Zeit ein Ungeheuer, das seine Rechte verlangt, was nichts weiter bedeutet, als dass er Dinge tut, die eine gütliche Trennung nahelegen. Die gütlichen Trennungen – wer über sie berichten wollte, der käme ins Uferlose. Sprach die Ratte und suchte sich einen Anwalt, einen guten, wie sie beteuert.

PUNKT, springender

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Im allgemeinen genügt die gewohnte mediale Durchseuchung, um sicherzustellen, dass ankommt, was ankommen will. Was will nicht alles ankommen in einer Welt, in der jedermann unterwegs ist, um etwas zu erreichen? Wer etwas erreichen will, muss die Menschen erreichen, das heißt, er muss ihnen unbemerkt die Verletzungen zufügen, die sie gefügig machen, äußerlich unsichtbar, doch leise die Punkte markierend, an die man nur zu rühren braucht, um sie springen zu lassen, wenn es soweit ist. Wann es soweit sein wird, hängt natürlich davon ab, wofür sie gebraucht werden, was nicht leicht zu entscheiden ist, weil zu viele Spieler im Spiel sind und die Resultate ebenso streuen wie die Markierungen. Auf diese Weise verrätselt sich die Gesellschaft, ohne ein Rätsel zu werden, durch Überdeterminiertheit. Und sie bewegt sich doch – ein großer Satz, von einem Trotzkopf gemurmelt, öffnet den Blick auf Hinterzimmer, aus denen einhellig herausschallt: Keine Verschwörungstheorie! Und wirklich, da diese Art von Verschwörung niemals aufgedeckt wird, bedürfte es schon einer gediegenen Theorie der Verschwörung, um aufzudecken, was aufgedeckt werden müsste: die durchlaufende Manipulation der Manipulateure mitsamt ihren Übertragungswegen und ‑mustern, die dafür sorgen, dass ein Wille geschieht, wo das Chaos herrscht – nicht ein Wille, aber immerhin, ein Wille, auf Zeit, auf lange, kurze, was weiß man schon. Das Verlangen nach Aufdeckung verhindert die Aufdeckung, weil es sie natural fokussiert: auf Schweinereien natürlich, auf was denn sonst. In der Regel sind es arme Schweine, die da ans Licht gezerrt werden, wenn es denn einmal gelingt, man kann sie schlachten und hat doch nicht viel verstanden.

PYRAMIDE

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Die Alten stellen die Fallen auf und die Jungen rennen hinein. Die Arbeit an den Netzen geschieht mit Gleichmut. Viel Gleichmut ist hier gefragt. Wen die Gleichmut verlässt, der erntet Befremden, er nervt. Niemand will jung sein außer den Jungen und die unbedingt. Ein paar Alte finden den Schein des Jungseins nützlich und ziehen dem Gleichmut die Suche vor. Welche Suche? Wohin? Man sollte sie umdrehen, diese Suchenden. ›Seht doch‹, sollte man ihnen sagen, ›seht doch‹. Aber wer hier die Lippen spitzt, hat schon verloren. Sie sehen ja, so ist es nicht. Es passt ihnen nur nicht, was sie sehen. Sie sehen die Spitze der Pyramide und darüber Luft.