EGOKRANK

E
Gestern Gespräch mit dem Fingernagel. Er ist krank, der Gute, er geht kaum noch aus. Ein wenig gelblich das Gesicht, mit einer Wulst dort, wo sonst die Stirn thronte, man sieht ihm an, dass es ihm schlecht geht. Warum nicht zum Arzt, fragt das Mitgefühl. Törichte Frage an jemand, der gerade von einem kommt. Wie geht’s dem Arzt, sollte die Frage lauten. Gut, wie sonst? Wer weiß schon, wie es den Ärzten geht? Die kassenärztliche Vereinigung, sicher, aber das steht hier nicht in Frage. Hier geht es ums Ego und da ist Fingernagel der Spezialist. Gehen Sie nicht zum Arzt, so lautet sein Fazit, er meint es ernst und macht dazu eine bittere Miene. Seit der letzten Laserbehandlung sind Teile seines Gedächtnisses weggebrochen. An die Krankheit davor zum Beispiel kann er sich kaum erinnern. Es gilt der Augenschein. »Laser, was ist das?«, sagt er. »Ich kenne keinen Laser. Es war ein chirurgischer Eingriff. Nun, ich bin der, der ich bin. Sehen Sie mich an, junger Mann: einen Nagel in der Fülle seiner Möglichkeiten. Einige davon werde ich ergreifen, das ist sicher, andere werde ich auslassen, denn auch im Auslassen realisiert sich manches. Überhaupt kommt es im Leben aufs Auslassen an. Das Ausgelassene, wie sein Name schon sagt, ist das, was irgendwann doch herauskommt. Es hat eine Kraft, wissen Sie, eine Kraft... Ob es bleibt? Wie sollte es bleiben? Wo sollte es bleiben? Wenn doch sonst nichts bleibt!«

EHRE

E
»Ich erinnere einzig daran, dass die kostbaren Gaben des Geistes den Verlust auch des kleinsten Quentchens Ehre nicht vertragen.« André Breton. – Leicht zu missbrauchende, aber untilgbare Elementarbegriffe wie Ehre oder Stolz überantwortet man nicht dem toten Feind oder dem ›fremdkulturell Geprägten‹, man paradiert mit ihnen nicht in Gänsefüßchen und benützt sie nicht, um Nachbarn anzuschwärzen, sondern bewahrt sie vor falschem Zungenschlag und fatalen Lockungen. Man stellt solche Begriffe klar, nicht bloß. Dergleichen gehört zu den Regeln ihres Gebrauchs, ohne die sie ganz sinnlos erscheinen – totes Gewäsch von Leuten, die, aus welchen Gründen auch immer, beschlossen haben, nicht in Betracht zu kommen. Diese hier sind archaischer Herkunft, sie halten ein Stück Menschheitsvergangenheit fest, das macht sie der liberalen Gesellschaft verdächtig und signalisiert Gefahr. Zugleich stehen sie für die innersten Überzeugungen und Regularien eines Menschen. Das lässt sie unverzichtbar erscheinen. Wer diese aristokratische Begriffsschicht in sich abtötet, wirkt in der Regel geistlos, ein Unhold unter den Menschen, einer, der Anstoß erregt und den man stehenlässt, wann immer man die Möglichkeit dazu besitzt. Überdies erscheint er potentiell gefährlich, denn er achtet die Menschen nicht, er schmeichelt ihnen nur.

EHRENHAFT

E
An einer ordentlichen Ehrenhaft ist nichts ehrenhaft außer der Phrase und die ist abgeschmackt. Es gibt aber auch, woran viel zu wenig gedacht wird, die außerordentliche Ehrenhaft, die selten verhängt wird, allerdings mit großem Erfolg. Wer mit außerordentlichen Ehren haftet, ist praktisch nicht wegzukriegen. Auch wird es von niemandem ernsthaft versucht. Die Versuchung liegt in der Ehrenhaft selbst, sie kriecht in ihr hoch wie in einem Mantel aus Blei und es ist nur eine Frage der Zeit und der Witterung, ob sie ihren Weg in die Freiheit findet, die als Knopfloch am oberen Ende prangt: die Freiheit der Selbstanzeige, die von den Steuerbehörden so außerordentlich geschätzt wird, aber erst bei Schriftstellern und Großintellektuellen die ihr ganz und gar gemäße Ausprägung findet. »Seht her, dieses klägliche Häufchen, das war ich, ihr solltet euch die Nase zuhalten und mich verachten, aber es gelingt euch nicht. Ihr könnt euch ruhig ein wenig mehr anstrengen, man möchte ja meinen, ich hätte es nicht um euch verdient. Beugt euch ruhig darüber, in dieser Pose habe ich euch gern, ich könnte mich daran gewöhnen. Übrigens, wenn ihr mich sucht: Hier bin ich, hoch über euren Köpfen.«

EICHENDORFF

E
Der Seelenlaut hat eine Literaturgeschichte im Gepäck und die tickt katholisch. Sie könnte auch anders ticken, aber so, wie sie nun einmal tickt, tickt sie fort, in einem fort, könnte man, mit einer Spur Häme im Gesicht, anmerken. Es ist die alte Geschichte, das Erste und Einzige braucht die längste Rechtfertigung. Pädagogisch muss sie sein, das unbedingt, die ganze lange Rolle des Geschriebenen darf nicht mehr enthalten als eine Anleitung zu dem, was man gerade so treibt, das unbedingt und weiter ohne Besinnung. So muss es sein. Waldesrauschen und Weihrauchduft und Wortkaskaden über alles, was anders spurt. Die eiserne Romantik rumpelt auf Holzkarren durch den Zauberwald und reklamiert die Sterne als geistiges Eigentum. Warum? Weil sie so funkeln. Hübsches Wort für eine verteufelte Sache. Dass die Minnesänger noch »hoch zu Ross« dichten, wer möchte einen Pferdeapfel dagegen setzen? So atmen sie freier und sind, aus der Perspektive von Steigbügelhaltern, den Stars näher, auf die man, tick tack tick tack, zählt.

EIFERGLAUBE

E

Wir lernen heute viel über die Religiosität vergangener Epochen, doziert Engel, jedenfalls, sofern wir uns lehren lassen. Vor allem das Gemachte daran, die Zurichtungen des Glaubens, des scheinbar Einfachsten und, wie es lange schien, Naivsten daran, erscheinen uns mittlerweile in einem neuen Licht – und damit der Kern aller Religiosität, falls man sie nicht auf soziales Brimborium und zauberischen Hokuspokus eindampft und so neuen Zauber betreibt. Glaube ist gewendeter Unglaube, ein tiefes Umströmtsein von dem Gedanken, es könne auch anders sein, es könne immer auch anders sein, zugleich ein entschlossenes Festhalten dessen, was wechselweise als Planke und Festung erscheint: als Ideenverheißung und -gebäude. Das Ergreifen einer Planke erfordert andere Vorkehrungen als die Verteidigung eines strategischen Areals...
– Vorkehrungen, sagten Sie?
– Aber sicher. Das nach vorne Gekehrte, das ist der gläubige Mensch in Erwartung von Sieg oder Niederlage. Er ist es selbst, während er darüber verfügt, darin besteht der Trick. Doch zu meinen, das Wissen entkräfte den Trick, ist nichts weiter als die gewendete Furcht, ein frevelhaftes Wort sei geeignet, den Weltuntergang heraufzubeschwören. So naiv war die Gott-ist-tot-Front nie: sie deutete das peinliche Gefühl des homo pagans, der eigenen Enttarnung als staats- oder kirchen- oder gedanken- oder gemütsfromm beizuwohnen, als ultimativen Sieg des Unglaubens über den Glauben, ein Faktum, das es nur noch heraus­zu­posaunen galt, um ihm – was wohl? – Geltung zu verschaffen, Geltung auf allen Gebieten, in allen Wissens-, Denk- und Hand­lungs­formen, mit allem, was daraus folgen möge. Dumm nur: wer auf Sieg setzt, muss akzeptieren, dass jeder Sieg nur auf Zeit gilt, dass er, wie es so schön heißt, den ›Keim kommender Niederlagen‹ in sich trägt. Alsdann: die Zeit der Niederlagen, sie scheint gekommen zu sein.
– Glauben Sie?

EINAUGE

E
Wenn ein Einäugiger ein Museum einrichtet, wie sollte das anders sein als...? So denken die Leute, mit einem gewissen Recht, wenn man ihren Standpunkt einnimmt, der sicher einer unter mehreren ist, aber eben... Eben, das ist das Wort. Über der Ebene der Sonnenhaften glühen die Sonnen mit verstärkter Wucht, sie suchen näher heranzukommen, um jeden Preis, sie versuchen die große Verschmelzung. Da tut es gut, durch ein totes Auge zu sehen, durch das Auge der Toten. Es fehlt den Lebenden, den nur Lebenden, es ist ein Privileg, ein wenig tot zu sein, es ist ein menschliches Privileg oder das Privileg der Menschen. Wessen auch sonst? Sollen unsere tierischen Freunde ihre Toten hervorkramen, um uns einen Gefallen zu tun? Wir halten sie doch ohnehin für unsere Vorfahren, also für tot. Melancholisch, wie sonst, treten sie uns gegenüber, als unsere anderen Toten, die nichts hinterließen als uns. Eine schreckliche Erbschaft. Eigentlich sollten sie uns hassen. Oder wir sie.

EINHEIT

E
Das Glück, wenn es denn eines ist, kommt, als sei es aufgehalten worden, ein wenig später. Die Menschen nennen es ›innere Einheit‹ und verlangen zu viel und zu wenig von ihr, so dass sie nicht umhinkommen, sie zu verfehlen. Als Getrennte waren sie vollständig, nichts fehlte ihnen außer der Erfahrung der Einheit, die, da sie fehlte, keinen zerbrach. Nun, als vereinten, fehlt ihnen alles. Der Grund zum Beisammensein hat sich verflüchtigt und wohnt bei der Schwiegermutter. Dabei ist das der Weg, auf dem man sich findet: der Grund trägt den Gang, nicht den Kopf, den jeder selbst tragen muss, was immer schwer fällt. Manche wissen das und bestehen auf ihrem eigenen Kopf. Solange sie nicht stehen bleiben, geht das in Ordnung, es geht ganz gut, nur der verlorene Grund zeigt an, dass sie kopflos gehen.

EINPROZENTER

E
Was haben sie damals gelacht, die Einprozenter der exceptional nation, als die Zahlen durch die Medien rauschten und die 99% mit nachdenklichen Gesichtern die Kerzen ausbliesen, bevor sie sich in ihre bescheidenen Bettchen legten und die Nachtmütz’ über den Kopf zogen. Ein Viertel des Volkseinkommens! Vierzig Prozent des Gesamt-Nationalvermögens! Was immer das Herz begehrt! Es war eine Freude, ein Tuscheln, ein Angenehm-Überraschtsein, das sich in den Gesichtern spiegelte, denn eine glatte Zahl ist stets wie ein Sechser im Lotto: Nicht die Summe macht das Vergnügen, sondern das Glück des Gelingens! – Perfekt. Wie immer sich die Zahlen seither verschoben haben mögen, das Glück ist geblieben. Ein paar Handvoll Leute besitzen die Hälfte des Weltvermögens und es werden von Jahr zu Jahr weniger. Ist das nicht traurig? Wer möchte so einsam zurückbleiben? Doch was immer sich einwenden lässt, es hebt den Ehrgeiz an der richtigen Stelle. Wie das Wort bereits sagt: er geizt, der Ehrgeiz, er geizt mit allem, aber mit ihr besonders. Ehre wem Ehre bekommt, der Ehrgeizige holt alles Entbehrte nach, sobald er die Spitze erklommen hat, alles und alle. Mir nach, Milliarden! So hallt sein Ruf über den Erdboden und die Milliarden – geben ihm nach.

EK1

E
Wer das Wort ›Elite‹ betont, der führt etwas im Schilde. Er spricht einer gewissen Konzentration von Kräften das Wort, einem gezielten Um- und Ausbau von Institutionen, einer strafferen Indienstnahme gesellschaftlicher Ressourcen, einer Mobilisierung der Gesellschaft über das im Laissez-faire der sozialen Kräfte erreichte Maß hinaus. Die Zukunft, dieser diffuse Horizont über einer Landschaft, in der die Dinge ihren gewohnten Gang gehen, wird unversehens zur Aufgabe, die es zu meistern gilt. Die Situation ist ernst, es gilt, ihr angemessen zu begegnen. Elite, die eingebildete wie die vorgebildete, ist das Schoßkind einer Gesellschaft, die ihren Überlebenswillen in einer gefahrvoll sich wandelnden Umwelt entdeckt. Ihre Stärke, so ließe sich folgern, ist mithin die Schwäche derer, die ihr Vertrauen auf Vorschuss bekunden. Es ist eine Stärke, die von Erwartung genährt wird. Aus dem Versagen der stets existierenden, sattsam bekannten Eliten bezieht das Konzept einer künftigen Elite seinen magischen Reiz. Offenkundig trägt sie die bekannten Züge derer, die heute (wie der populäre Ausdruck lautet) ›das Sagen haben‹, nur eben ins Ideale überzeichnet. In den einschlägigen Entwürfen figuriert sie als eine nie ganz reale, nie ganz futurische Größe. Eins vor allem zeichnet sie aus: sie wirkt ganz und gar unberührt von den mühsamen Selbstbehauptungszwängen des gegenwärtig vorhandenen Führungspersonals. Die neue Elite hat den Nachweis ihrer Fähigkeiten immer schon hinter sich. In ihrem Handeln – so will es die planende Regie – manifestiert sich der Behauptungswille der Gesellschaft. Entsprechend gilt ihr das Vertrauen aller, denen der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten zur zweiten Natur geworden ist.
Es fragt sich allerdings, wie weit hier Wunschdenken im Spiel ist, wie weit das Schillernd-Zukünftige dieser neuen Elite nicht in den Bereich irrealer Wunscherfüllung gehört, wie man sie aus Märchen kennt. Es fragt sich darüber hinaus (obgleich die Frage selten gestellt wird), ob und wie lange eine neue Elite bei der Lösung der ihr vorab gestellten Aufgaben verharren darf, insbesondere dann, wenn sich diese Aufgaben im wesentlichen als unlösbar erweisen. Besteht nicht die Gefahr, sie könnte sich aus eigener Machtbefugnis und getrieben von unabsehbaren Systemzwängen an neuen, eigenen Aufgabenstellungen versuchen, die den Zielen ihrer heutigen Propagandisten geradewegs zuwiderlaufen? Und wäre dann dies noch die heute projektierte Elite? Kurz: Ist Exzellenz planbar? Die Frage klingt, zumindest auf den ersten Blick, paradox. Nichtsdestoweniger verdient sie, dass ihr nachgegangen wird. Nicht vergessen sei, dass ›Elite‹ einst eine Güteklasse bezeichnete. Es wäre daher angebracht, zur leichteren Bezeichnung für die Bewältiger der unterschiedlichen Aufgaben, die im Schoß der Zukunft lagern, Eliteklassen einzuführen, EK1, EK2 usw., deren wesentliche Bedeutung sich nur einer kleinen Schicht von Gesellschaftsplanern erschließt, die selbstverständlich über jeder Elite rangiert.

ELSÄSSER

E
Man erkennt den Elsässer in allem, was er treibt, er hat eine ganz eigene Art, die Dinge auf den Punkt … zu treiben, so dass sie immer ein wenig auf der Kippe zu stehen scheinen: Geht’s noch? Oder fällt es schon? Er hat daraus ein Gewerbe gemacht, das vermutlich seinen Mann ernährt, aber darauf soll es nicht ankommen. Dass einer täglich seine Glaubwürdigkeit riskiert, um sie sich zurückzuholen wie aus Feindesland, das offenbart eine Einstellung zu den Gegebenheiten dieser Welt, die man als ›postjournalistisch‹ bezeichnen könnte, wenn man davon absieht, dass damit in der Regel bloß der auf Halde produzierte Informationsmüll bezeichnet wird. Der Postjournalist ist Nachrichtenjäger, nicht -sammler, wie seine Vorfahren, er genießt die Freiheit der Jagd, weil er im voraus weiß, in welches Gebüsch das erkorene Wild sich flüchten wird, ein wenig kontrollierte Hetze in freier Luft kräftigt die Lungen und gibt den Kontakt. Wie der organische Intellektuelle (für den er sich hält) weiß der organische Journalist sich getragen vom Wohlwollen derer, denen er seine Jagdbeute offeriert. Gern hält er sich an ihren Lagerfeuern auf und singt ihre Lieder, dann verschwindet er wieder im Gebüsch. Weiß der Teufel, was daran ›organisch‹ ist – außer ihm noch Herr Gramsci, der zu tot ist, um ihn darüber befragen zu können, es käme auch wenig dabei heraus.

ELSTERNPARADIES

E
»Ekelhaft, das ist ekelhaft!«, ruft der alte Mann im Park mit der strengen Stirnfalte und zeigt auf die rund um den Papierkorb verstreuten Abfälle. ›Jetzt weiß ich also, was dieses Wort bedeutet‹, denkt das Kind, vielleicht sein Enkel, und mustert ihn gleichmütig. Die Elstern rings auf den Bäumen, Urheber des Spektakels, schweigen. Dumpf empfinden sie, dass es gegen sie geht, dabei sind sie längst weiter und haben anderes vor.

EMANZIPATION

E
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Anders ausgedrückt, an ihren Früchten kann man sie erkennen. Eine ganz eigene Art der Erkenntnis, die reklamiert wird für dieses Paradies, in dem man keine Äpfel essen durfte. Die Schlange als Ohrwurm, der Eva zu der Art Selbsterkenntnis trieb, die sie ihre Überlegenheit über Adam erkennen ließ, eine sexuelle (oder doch biologische?) Abhängigkeit und notwendig, da es sonst schlecht bestellt gewesen wäre um die zukünftige Menschheit. Ein standhafter oder frauenfeindlicher Adam hätte die Sache vor jedem Gedanken an sie abgetrieben. Eva dämmerte sie mit den Worten der Schlange im Ohr ganz allmählich und sie opferte sich für die kommende Menschheit. Wie gut, dass Adam bis heute nichts begriffen hat. Der heutige Adam hält Eva für eine gefährliche Frau. Ach wie gut, dass er nicht weiß, dass ihr einfach langweilig war mit ihm allein im Paradies. Nicht, weil er ihr nicht genügte oder nicht schön, klug oder reich genug war. Nein, das nun wirklich nicht. Er sah sie doch gar nicht. Jedenfalls hatte er sie nicht ›erkannt‹, wie es so rätselhaft in der Bibel heißt. Selbstgenügsam wie Männer in diesen Dingen nun einmal sind, beschäftigte er sich in diesem verdammten Paradies mit allem Möglichen, bis hin zum Gärtnern, nur nicht mit ihr. Die Worte »Wachset und mehret euch« waren noch nicht gesprochen. Das waren Post-Paradiesworte. Eva kam die Erkenntnis, die ihr die Schlange ins Ohr gesetzt hatte, gerade recht. Ergreifen was einen ergreift. Und so ließ sie Adam kräftig zubeißen. ›Nimm mich!‹ sollte der Apfel ihm sagen und es begann der erste Akt, an dessen Ende auch für Adam eine Erkenntnis stand. Die Fron begann. Die Geburt der Klamotten aus der Erkenntnis der Nacktheit oder, anders ausgedrückt, als Rat an den Mann (genauer nachzulesen bei Kant): ›Pass auf, dass deiner Frau nie langweilig wird, sonst bist du schneller emanzipiert als dir lieb ist.‹ ›Keine Gefahr‹ kann man da heute nur rufen, ›die machen doch alle Karriere. Das ist ganz groß in Mode‹. - AC

EMERGENZ

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Unter den Begriffen, mit denen man den Wandel zu fassen versucht, erfreut sich die Emergenz, das blinde Hervorbrechen einer größeren Einheit, gesteigerter Beliebtheit. So erscheint es der Risikogesellschaft angemessen. Wo sich nichts kalkulieren lässt, kalkuliert man das Risiko, am Ende steht das Risiko für das Ganze. Dass das ganze Begriffsfeld verfehlt sein könnte, dämmert vielleicht in einigen Köpfen, aber dieses Konzept ist viel zu schön, als dass man es aus der Hand geben möchte. Das Ersinnen von Metagrößen, von Meta-Ereignissen und Metastrukturen stößt auf keine wirklichen Widerstände, auf theoretische ebenso wenig wie auf praktische, es ist, um es einfach zu sagen, ein müßiges Spiel. Seit dieses Spiel politisches Handeln begründet, Geldflüsse steuert, Gesetzgebungen umformt, die Stätten des Wissens zum Umbau freigibt und globale Freiflächen für militärische Einsätze präpariert, sollte man wissen – und wenigstens ein Stückweit zugeben –, dass man spielt.

ENERGIEVERLUST

E
Was ist passiert? Wie konnte ein solcher Absturz geschehen? Hat man den jungen Leuten das Welt-Sensorium herausgeschraubt, als handle es sich um eine kaputte Glühbirne? Was sage ich! Das Malheur ist nicht auf die jungen Leute beschränkt. Alle leiden simultan. Leiden sie denn? Man könnte immer noch meinen, sie hätten das Glück erfunden. Es geht, wenn ich so sage, rückwärts voran, das ist ein großes Wort für eine unmerkliche Sache, die doch in allen Köpfen spukt. Das geparkte Leben summt, als sei es entschlossen, aus der Garage herauszufinden, in die es durch Unvernunft hineingebracht wurde, aber durch wessen? Und wessen Vernunft sitzt jetzt am Steuer? Das sind Fragen eines pensionierten Chauffeurs, der, unter uns, in seinem Leben nie eine Anstellung gefunden hat. Ich denke aber, dass er Recht hat. Man muss den Dingen auf den Grund gehen und wo gefahren wird, dort entstehen Lenkungsprobleme. Was ich eingangs den Absturz nannte, ist ein solches Lenkungsproblem. Man hat den Leuten nicht gesagt, was ihnen bevorsteht und jetzt tut es sich hinter ihnen auf. Schlimmer: nichts tut sich auf als dieses Dunkel, in das der Dieselqualm mächtig hineinbläst, als wolle er das Problem vergrößern. Auf Energie gesetzt: das ist es. Man hat die Leute auf Energie gesetzt und jetzt zieht man sie ruckweise aus ihnen heraus. Aber das stimmt nur halb. Man zieht sie aus ihnen heraus und steckt sie ihnen an anderer Stelle wieder zu. Eine Energieart entbirgt der Gesang: »Wir köhönnen uns euch nicht leisten, das Leheben ist viel zu kurz.« So etwas singt man nicht wirklich, nur übersetzt könnte es so lauten. Natürlich erhebt sich die Frage, wer hier wir ist und wer ihr, aber kaum gestellt, erhebt sich das Wir auf seine eigensten Zehenspitzen und ergeht sich im hohen Ton, so dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Woran erkennt man dann, dass es das eigene ist? Vielleicht an der Art, wie es untergeht, man könnte meinen, es winke.

ENSEMBLE

E
Es war schön hier und jetzt ist es aus, denn der Auftrag fehlt. Er wurde entzogen, dir, mir, der ganzen bunten Theaterwelt, die wir sind, weil wir darstellen, was wir sind und nicht sind, immer schön eines mit dem anderen. Was sind wir denn? Das habe ich mich gefragt, jeden Abend, wenn ich den Kopf zur Tür hereinstreckte und alle waren schon da. Was sind wir denn? Ein Leckerbissen? Ein Augenschmaus? Ein Ohrengewitter? Eine Grille vom Stadtrand, aus Versehen ins Zentrum verschleppt, dorthin, wo die Kulturtempel stehen? Ach dieser Tempel! Wir nennen ihn nur das Haus. Nun, da wir schaudernd erkennen, dass es nie unser Haus war, bloß eine Lagerstätte für Brennbares, die jetzt geräumt wird, weil neue Gefahren gebannt werden müssen, ist es zu spät. Sind wir denn ausgeglüht? Sind wir nicht mehr … Bares? Zahlt unbar, Leute, dann sehen wir uns bald wieder.

ENTEIGNUNG

E
Man mobilisiert Menschen durch Enteignung, das freut die Enteigner, die weniger mobil sind als sie die Welt glauben lassen, schließlich sind sie es, auf die all das Eigentum übertragen werden muss. »Der beweglichste Mensch ist der beste« – das zu dekretieren fällt nicht schwer, es zu leben schon eher, vor allem dem, der dadurch gezwungen wird, unter lauter besten Menschen zu leben. Wer auf Besitz verzichtet, kann nicht zu den Besten zählen, er ist geistig immobil, das wirkt sich gegen ihn aus. Besser verzichtet, wer nach Besitz strebt, Streben kann nicht schaden, es steigert die Mobilität gelegentlich bis in Bereiche, in die selbst die Gesundheit nicht nachkommt … Streben ist Selbstgenuss pur, insofern ist mehr Genuss nicht vonnöten, doch auch er besitzt eine mobile Seite und begleitet den mobilen Menschen auf seinen Exkursionen wie das Eichhörchen den Waldgänger: geortet – verschwunden. Währenddessen schreitet, dem technologischen Wandel sei Dank, die Enteignung stetig voran, sie macht auch vor der Eignung nicht halt und dekretiert, dass sich, relativ und aufs Ganze gesehen, in den Ländern des Reichtums immer weniger Menschen für immer mehr eignen, während immer mehr Menschen sich mit immer geringeren Eignungschancen zufrieden geben. Wozu sollte ich mich eignen? – Das ist keine Klage Bedauernswerter, die ihr mangelndes Selbstbewusstsein vom Staat alimentieren lassen, sondern die stolze Selbsteinschätzung von Menschen, die sämtliche Ausbildungen durchlaufen haben und sich nun fragen, wie sie den Rest ihres Lebens hinter sich bringen sollen. Wo nur Eigentum zählt, wiegt die Enteignung doppelt schwer, weil mit jedem Stück entgangenen Eigentums zugleich ein Stück Eignung schwindet, bis alles dahin ist, ohne dass einer sagen könnte wohin. »Wieviel Mensch braucht der Mensch?« Dahinter steht die Auffassung, dass jeder Mensch eigen ist und daher nur begrenzt einsatzfähig. Ein Satz zuviel und er landet im Gebüsch. Wird er dort Eigner? Oder nur eigener?

ENTFÜRCHTEN

E
Im Inneren des entfürchteten Universum braut sich etwas zusammen. Weit entfernt davon, sich zentrifugal zu entfernen, lockert es die Distanzen, schraubt die Birnen aus, deren kaltes, hartes Licht seinen Platz als Platzanweiser beansprucht, fegt als Sturm über die Gefilde des Tausches und stellt den Ramschtisch in die Mitte des entkorkten Gemüts. Da steht er, ein wenig schwankend, weil überladen, zum unmittelbaren Genuss des Heterogenen auffordernd, zum verzehrenden Blick. Oder zum verheerenden? Wer will das wissen. Wer sich fürchtet, geht über derlei Unterscheidungen im Schweinsgalopp weg. Und auch das ist nur eine Metapher. Die Zukunftssorge, so hört man, nimmt die Zukunft hinweg, in die hinein sie sich sorgt. Diese Zukunft wird niemals stattfinden, während sie unaufhaltsam auf den sich Fürchtenden zurast. So bleibt nichts als sich zu entfürchten. Wo lernt man das? An welcher Quelle? Am Quell der Weisheit, das ist doch selbstverständlich. Das Wort allein weist es aus. Im Weisen herrscht Ruhe. Nicht jene Friedhofsruhe nach dem Sturm, den der Fürchtende fürchtet. Die Ruhe des Entfürchteten versteht sich nicht von selbst, sie versteht sich nicht von gestern oder morgen, sie versteht sich von... Heraus! Heraus mit dem Wort! Es muss heraus, will einer nicht daran ersticken. Das Wort ist einfach, es knirscht zwischen den Zähnen, es ist nicht zu knacken, es ist einsilbig, soviel wird verraten. Ist das viel? Wer sollte das wissen? Unsinn, hört man da sagen, das ist doch Unsinn. Nun, welcher Unsinn kommt einsilbig aus – keiner! Im Unsinn steckt ein Winkel, ein gewinkelter Sinn, der den Anschluss sucht und das Fürchten lehrt, um der Sorge willen. Sorge dich nicht! Das ist leicht gesagt und überdies töricht. Tor, auch so ein Wort, das den Einsilbigen plagt und nicht zur Ruhe gelangen lässt. Er spuckt es aus und verlässt die Walstatt, wer weiß, zu früh.

ENTSCHWISTERUNG

E
Geschwisterliche Nähe gilt als Glück, dabei wird sie leicht zur Falle. Man kann die missglückte Geschwisterbeziehung als mimetische Erstarrung bezeichnen, bei der die Nachahmung und -äffung des jeweils anderen nicht aus dem Willen zum Ähnlichsein, sondern aus dem verzweifelten Verlangen hervorgeht, anders zu sein und dadurch den anderen auf Distanz zu halten – ein Stellungskampf der Posen und Possen, die allesamt auf Krampf hinauslaufen, wobei letzterer nicht die physische, sondern die soziale Muskulatur befällt: ein feiner, in der Realität nicht immer trennscharf durchgehaltener Unterschied. Dass vieles, was zwischen Brüdern (und Schwestern) geschieht, ›Krampf‹ ist, merkt auch das dümmste Opfer familiärer Verhältnisse. Doch glauben die meisten, er lasse sich dadurch lösen, dass man das alte Intimverhältnis erneuert. ›Es muss doch möglich sein‹: so lautet die Standardformel der untereinander Zerfallenen. Die Möglichkeits-Obsession schleudert sie in endlosen Trommeldrehungen gegeneinander. Just das eine Wort, das alles lösen soll, gibt das andere und erweist sich als pures Beziehungsgift. – »Das soll ich gesagt haben? Und wenn schon: so ganz gewiss nicht. Welch ein Irrsinn.« Wieso Irrsinn? Dass ein Sinn sich auf Abwege begibt, ist sein gutes Recht, es sollte ihm kein Vorwurf daraus erwachsen. Verhältnisse, in denen der Irrsinn herrscht, lassen sich schwer reparieren, denn sie sind der Irrtum. Gelitten wird an der Nähe, die sich als verlorene maskiert. Da hilft nur Entschwisterung, was immer daraus entsteht. »Du meine Schwester? Das müsste ich wissen. Und wenn schon – wer bist du wirklich? Brauche ich diesen Umgang? Bereichert er mich? Schwächt er mich? Treibt er mich in den Wahnsinn? Will ich ihn – den Wahnsinn? Warum? Was führt er mir zu? Wovon hält er mich ab? Was verliere ich, wenn ich dich verliere? Meine Erinnerungen? Aber nicht doch. Du bist es ja, die sie bestreitet. Dich, die ich meine? Aber dich habe ich verloren, jedes deiner Worte bestätigt es. Also was? Nichts? Weniger als nichts? Was ist weniger als nichts? O – ich weiß es. Aber ich sage es nicht. Das bleibt mein Geheimnis. Daran sollst du nicht rühren.«

ENTWAHRLOSUNG

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Ein Neologismus, der es in sich hat. Wenn es Verwahrlosung gibt, dann muss es auch Entwahrlosung geben. Viele den Menschen gemeinsame Güter erweisen sich, näher betrachtet, als nicht gut verwahrt oder, auch das gibt Sinn, als zu gut, als habe sie jemand mit Vorsatz eingewickelt und weggeschlossen – das betrifft vor allem solche, die prinzipiell allgemein zugänglich sein sollten, z.B. Werte, aber auch elementare Einsichten, darunter einige, welche die Funktionsweise von Staaten betreffen, deren Führungspersonal alle paar Jahre zur Wahl steht: letztere sollten unbedingt vor jeder Wahl bekanntgemacht und in den Köpfen der Wähler nach Kräften gehegt und gepflegt werden. Was die Werte angeht, sollte man sie nicht zu abstrakt sehen, sondern auf den Mix aus Überzeugungen, Hochmut, Abneigung, Hass, Verachtung, Ängstlichkeit, blindem Vertrauen und Skrupulosität achten, der sie zu begleiten und betten pflegt. Auch Werte können verwahrlosen, wenn man sie nicht an sich, sondern in ihrem Gruppendasein unter die Lupe nimmt. Ein gewisser Grad an Verwahrlosung ist unausweichlich und sogar wünschenswert, sobald es um Einsichten und Werthaltungen geht, deren Verbreitung jedem Demokraten angelegen sein muss, denn nichts ist flüchtiger als die Reinheit einer Idee, die ihre Runde durch die Köpfe beginnt. Jede Öffentlichkeit unterhält, was meist geflissentlich übersehen wird, neben ihren offiziellen Kommunikationsmitteln auch eine stille Post, die Informationen nach Kriterien wie Schwerhörigkeit, Dickfelligkeit, Schwerfälligkeit, Unaufmerksamkeit, freie/unfreie Assoziation, Denunziationsbereitschaft, Autoritätshörigkeit, Feigheit, mangelnde Merk- und Sprachfähigkeit, vorsätzliches und mechanisches Missverstehen, Kosten-Nutzen aufbereitet und dafür sorgt, dass fast alles, was ›am Ende‹ draußen bei den Menschen ankommt, sich in einem mehr oder weniger heillosen Zustand befindet, angesichts dessen kluge Leute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen mögen, was aber auch nicht weiter hilft. ›Entwahrlosung‹ ist die Kunst oder geduldig geübte Fähigkeit, in öffentlicher und privater Rede die Fäden zu entwirren, das panisch Zusammen- oder Auseinandergedachte in eine rational und human vertretbare Ordnung und Relation zu bringen, der Bosheit, Bösartigkeit und dem interessegesteuerten Willen zur Unwahrheit entgegenzutreten, wo immer sie sich der Gedanken anderer zu bemächtigen anschicken, die vergessenen oder versteckten oder verschwiegenen oder tabuisierten Seiten einer Angelegenheit von allgemeinem Belang ins kollektive Bewusstsein zurückzuführen und generell der Verwechslung von Wahr- und Wahn-Nehmung die gesellschaftliche Spitze zu nehmen. Das klingt, als werde sie allzeit geübt, ja, als liege hier eine von jedermanns Haupttätigkeiten, doch das Gegenteil ist der Fall. Nichts ist schwerer an seinen Platz zurückzustellen als eine entglittene Wahrheit, deren Posten von Stellvertretern blockiert wird, die äußerlich aus Pappe gefertigt scheinen, aber inwendig die Härte von Stahl mit der Unnachgiebigkeit von Industriekeramik vereinen.

EPIKRISIE

E
Man kann es mit dem Gedächtnis leicht übertreiben. In dieser Hinsicht ist die Alzheimer-Erkrankung eine Erkrankung der ganzen Gesellschaft, so wie einst das ganze Haus am Kapitalismus erkrankte und verschied. Die künstliche Bevorratung der Erinnerungen erzeugt Visionäre des leeren Gedächtnisses, die sich laut rufend in den Spalten der Jahrtausende verirren und nur durch engen Umgang mit dem geschulten Pflegepersonal der Informationsmedien so etwas wie eine späte Normalität erfahren. Wer immer in früheren Jahren oder Jahrzehnten ihren Weg oder auch nur ihre Gedankenbahn kreuzte, sollte sich von ihnen fernhalten oder äußerst warm anziehen. Der Eishauch, der von ihnen ausgeht, wirkt absolut tödlich. Da sie nichts zu sagen haben, kommen ihnen die Tränen, sobald sie den Mund aufmachen, und niemand macht ihn ihnen zu. Diese aufgeklappten, mahlenden Münder sind ein Symptom, aber für was? Wie immer haben die klinisch Kranken das Nachsehen: das Aufregende an ihnen ist, dass sie für etwas stehen, von dem sie nichts wissen können und, könnten sie es, nichts wissen wollten. Und selbst damit sind sie ein Zeichen.

EPOCHÉ

E
Das Ende einer Vorherrschaft ist gekommen, wenn es zwar Kandidaten für eine Nachfolge, aber keine Nachfolge gibt. Mancher Anwärter lauert ewig darauf, das Amt anzutreten, das sich ihm akribisch verweigert. Die Auguren des Heute würden ihn gern installieren, aber etwas passt nicht: dieses nicht, jenes nicht, einmal, zweimal, immer wieder, sooft der Versuch auch gewagt wird. Woran es liegt? An wechselnden Gründen, also an nichts Bestimmtem, also an dem, was sich nicht ändern lässt. So verändern sie einmal dies, einmal das, und vertun damit ihre Zeit. Es kommt auch vor, dass der Kandidat klüger ist als seine Parteigänger, es passt ihm nicht, so beim Wort genommen zu werden, und er entzieht sich. Wohin? Das bleibt sein Geheimnis.

ERBÄRMLICH

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Lange Zeit haben wir geglaubt, ›erbärmlich‹ komme von Erbarmen. Doch das Deutsche kennt keinen Spaß und so müssen wir am Ende zur Kenntnis nehmen: nein, es kommt von ›erb-ärmlich‹ und gibt einen unmissverständlichen Hinweis auf die ererbte Ärmlichkeit, mir der man, politisch wie privat, Abweichlern begegnet, die ›einen eigenen Kopf haben‹ und wie dergleichen Phrasen lauten mögen. Armut im Geiste kann auf eine lange, ihr nur selten geläufige Tradition bauen. Wäre es anders, sie müsste vor sich selbst davonlaufen. Nichts zum Beispiel fällt der hiesigen Erbärmlichkeit leichter, als einen Gast aus Israel, der vom Katheder herab einer bequemen Ideologie die Gefolgschaft verweigert, als ›Antisemiten‹ zu denunzieren und ihn dorthin zurückzuschicken, wo er hergekommen ist – ohne Gründe zu geben, einfach so, aus dem Übermut des Gerechten, der weiß, dass für die gute Sache am Ende sich jede Gemeinheit rechnet: ein Beispiel von vielen, deren Aufzählung rasch an den Nerven der Wohlmeinenden zerrt. Das alles bereitet keinerlei Schwierigkeit, es gilt als erlaubt, sogar als geboten. Der Erbarmungslosigkeit ist schon damit gedient, dass sie sich ihre Vorgeschichte ›nicht anziehen‹ will. Nein, sie entstammt nicht dem Heute, sie ist nicht ›rein entsprungen‹, sie ist überhaupt nicht entsprungen, es sei denn dem Irrenhaus, sie ist überall Erbe, sie gedeiht auf eigenem Grund, sie streckt ihre Wurzeln tief in die Vergangenheit und saugt dort Nahrung, wo andere Pest und Verwesung wittern: sie ist antiliberal.

ERBSCHAFT

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Wenn es wahr ist, dass keine Ware ganz Ding ist, sondern immer auch etwas anderes, ein Produkt, eine Verrechnungseinheit oder ein Fetisch zum Beispiel, dann ist es auch wahr, dass kein Ding ganz Ware sein kann, nichts als Ware und nur die Ware: was unter anderem besagt, dass Sediment gewordener Besitz nur oberflächlich in die Warenwelt überführt werden kann und seine Eigentümlichkeit sich beim Besitzerwechsel vermindert, er sie schlimmstenfalls verliert. Das war seit jeher das Argument aller Konservativen, doch ausgehebelt ist es deswegen nicht, es sei denn, man wäre gewillt, alles Konservierende und Konservierte der Vernichtung preiszugeben. Was für Dinge gilt, gilt auch für Strukturen: der Funktionalismus ist ohne Funktionsminderung nicht zu haben, zumindest in seiner dynamischen Gestalt, die an die Stelle des dysfunktional Gewordenen das jeweils ›Funktionalere‹ setzen will. In der Welt der wirklichen und nicht nur formal gefassten Funktionen ist z. B. Geld Geld und nicht nur ein Zahlungsmittel oder ein intermittierendes Element: etwas mit einer Geschichte, einer Ausdehnung, mit Form- und Gestaltmerkmalen unterschiedlichster Art, mit physischen und psychischen Tiefenwirkungen, mit Glaubensartikeln, ein wirklicher Überzug der wirklichen Erde. So etwas wirft man nicht weg, weil die digitalen Netze es, ökonomisch-theoretisch betrachtet, überflüssig machen oder machen könnten, falls ein entschiedener Wille so etwas ins Werk setzen sollte. Man wirft es ebensowenig weg wie einen Besitz, den man zwar erworben hat, aber, unter individuellen Glücks-Gesichtspunkten, nur zu geringen Teilen nutzen kann, während er sich in seinen Hauptmomenten als harter Stoff erweist. Besitz bindet, er schafft Licht, Wärme, Sinn, – eine Erbschaft auf der Suche nach ihren Erben nicht minder. Selbst im Untergang und Verfall setzt sie Kräfte frei, die sich an ihrem Ort realisieren, und sollte sich partout kein Ort finden, so gilt die in die Luft gezeichnete Signatur.

ERDBEWOHNER

E
Sie sind Getriebene des Planeten und wissen es nicht, sie halten ihn für ein zu klein geratenes Geschenk und wünschen sich zum nächsten Festtag ein größeres. »Behandelt es gut, man weiß nie, was danach kommt.« Solch mütterlicher Rede sind sie hilflos ausgeliefert, zur rechten Stunde kommen ihnen die Tränen. ›Erdbewohner‹ ist ein Wort wie ›Rittmeister‹; verständlich durch langen Gebrauch, verrätselt es sich, sobald einer hinhört, als höre er es zum ersten Mal.

ERFÜLLUNG

E
Humanisten haben sie einst verhöhnt und von leeren Tüten geredet, die als Stiftung des Teufels den Mützen gleichen, die Seher im Gefolge des Satans bemerkt haben wollen. In diesen Tüten stecken, nach der Organisatione della Armada Diaboli, tatsächlich die Häupter seiner ersten Familie (er besitzt deren drei, nach der Verstümmelung der Dreifaltigkeit): der Ankläger und Sykophanten, das sind die Lieblinge der Könige und Demokraten, der Pragmatiker und Rationalisten. Sie bilden die Fundamente der Wissenschaften und des Bankwesens.
Immer wieder seit unendlicher Zeit, ruckweise, aber gelegentlich auch in einem Zuge aufs Haupt gesetzt, ›erfüllen‹ sie gemäß einem rätselhaften Kommando das exercitium antispirituale, denn ihre Waffen sind (gleich denen aller ›Spitzbuben‹ – sic! – dieser Welt) ihre flinken Köpfe, die sie stets aufs Neue bedecken, um wie Büßer zu wirken.
So war es auch ein französischer Jesuit und Cornet seines Ordens, der das Tütenkleben als Strafe in den Gefängnissen Frankreichs eingeführt hat (das Cornetieren). Um die Gefangenen wie einst Diogenes vor den Statuen der Götter im ›Nichtsbekommen‹ zu üben, mussten sie sich jede hundertste Tüte ans Kinn kleben, um so erniedrigt und beleidigt ihre Suppe zu löffeln. Napoleon schaffte zwar diese Strafe ab, ersetzte sie aber durch das Kleben von Edikten in Form von Pulverkartuschen, von denen sie jede zehnte als Papilotte an bestimmte Haarsalons in Paris abliefern mussten. Die Rue Papillote an der Place de la Pulvre legt von dieser Auflage immer noch Zeugnis ab. - PM

ERHALT

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Wer das Messer im Sack trägt, braucht für den Erhalt nicht zu kämpfen. Welchen Erhalt? Heilige Einfalt! Ein Erhalt lässt sich nun einmal nicht zerlegen, nur quittieren. Die Quittung fügt dem Erhalt nichts hinzu außer seiner Ordnungsgemäßheit. Der Geber sichert sich ab und der Abnehmer ist der Dumme, denn ihm obliegt hinfort die Sorge um den Erhalt. Wir wissen nicht, ob er nächtens wachliegt, weil der Erhalt ihn drückt. Was wir wissen ist, dass die Sorge ihn zu befremdlichen Handlungen treibt. Seine Versuche, das Erhaltene einzuhegen, sind rasch Legion. Gut dokumentiert ist die Geschichte der Zäune, deren er sich bedient und von denen jedes Modell durch das nachfolgende entwertet wird. Ein entwerteter Zaun ist zu gar nichts nütze, etwa wie ein beiseite geworfenes Verkehrsschild oder ein Wachhund, der sich vergnügt. Er muss aber entsorgt werden, dafür ist das eingezäunte Gelände gut. So stapeln sich die Leichen entsorgter Zäune, Zeichen einer immerfort verdoppelten Sorge, auf dem ach so erhaltenswerten Grundstück. Wie bald verstellen sie den Anblick des Himmels, der uns sonst so rührte, weil er der Sorglosigkeit eine zugegebenermaßen flüchtige Bleibe verschaffte. Schon zieht sie klagend über die Erde, nächtens hören wir ihr Geheul.

ERINNERN

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Da ist eine denkerische Aufgabe, die hält dich fest. Und da ist das Erinnern, aufgegeben auch das, eine Aufgabe, meinetwegen, aber sie hält nicht fest, sie lässt los, sie zwingt dich, loszulassen, nein, das ist falsch, sie zwingt nicht, sie wartet. Sie wartet darauf, dass du loslässt, Stückchen für Stückchen, Bröckchen für Bröckchen, in die Netze hinein, ans Davonschwimmen ist nicht zu denken. Aber in den Netzen herrscht keine Geborgenheit, ihre drangvolle Verdichtung schafft keinen Raum. In ihnen herrscht Enge, sonst nichts. Auch das ist zu viel gesagt, es herrscht der Nicht-Raum. Der Nicht-Raum kennt keine Fläche, er kennt kein Außen, das in ihm läge, er kennt nur das Außen, das unerreichbar bleibt. Dennoch treiben die Netze, das Außen umspült sie, fast hätte ich gesagt, von Ewigkeit zu Ewigkeit, aber das wäre nur eine Floskel. Sie treiben dahin, da ist keiner, der sie birgt. Aber auch das ist ein Wort, das den Widerspruch aufruft. Da steht er, eine Ampel auf einsamer Strecke, sie könnte sich den Wechsel sparen und alle Farben auf einmal anzeigen: Grün, Rot, Gelb, das wäre ein schöner Zusammenprall, wenn mal jemand käme.

ERLÖSUNG

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Sie wirkt auf verschiedenen Ebenen. Man kann befreit werden, was der Erlösung nicht gleich kommt. Man kann von Fesseln, vom Schmerz, von der Bosheit seiner Feinde und Feindinnen befreit werden, aber erlöst werden ist etwas anderes. Erlösung ist nicht zu erleben, denn sie ist eine Vorstufe des Ersterbens. Insofern ist der Sinn dieses Wortes unter uns peinlich Unsterblichen aus der Mode gekommen. Man hat die Stufen vergessen, die in die Leere führen, in der die Erlösung, von einem jungen Drachen bewacht, dem Leben die Stirne bietet. Denn mitten in diesem Licht gedeiht die blühende Erlösung, die mit den Äpfeln der Hesperiden an ihren sechs Luminarien jede gewerbsmäßige Schönheit der Kunst in den Schatten stellt. Wehe dem Haupt, das die Zahlung des Lebens an dieser Stelle verweigert. Das Licht erlischt und der Besucher, der es vielleicht bis zum jungen Drachen gebracht haben könnte, steht nun hinter dem Zelt eines Marktplatzes auf verlorenem Posten. Vergebens sucht er ein Taxi, denn er haust jetzt für lange Zeit in der dritten Natur und sein Körper schwebt mühelos durch eine Gegend, die ihm das Zeitgefühl nicht zum Erlöschen gebracht hat, ihn aber jahrhundertelang festhalten könnte, obwohl er sie immer aufs Neue zu kennen glaubt. - PM

ERLÖSUNG (2)

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Die Erlösung ist zweigeteilt, sie wird gewährt, aber ebenso auch erworben. »Oh, göttliche Teilung von Gnade und Wunsch« heißt es in einem früher sogar von Freibündlern und in Studentenverbindungen sehr gerne gesungenen Kanon der Serapionsbrüder, der leider den stark verkürzten Messen zum Opfer gefallen ist, denn er war, der Erlösung entsprechend, von fast unendlicher Länge. Männer und Frauen, die sich erlösungsbedürftig wähnten, schlossen sich in noch früheren Zeiten zu riesigen Chören zusammen und brausend stieg der Wunsch in den Himmel, jedenfalls wenn die Zeit es erlaubte. In Reims sang man einmal drei Monate lang während der Erntezeit ohne Unterlass, und wenn nicht die Pest ausgebrochen wäre, sänge man hier vielleicht noch immer. Aber kurz darauf drangen die Engländer ins Land und von Johanna von Orleans hörte man damals noch nichts. Man hätte Gründe gehabt, um Erlösung zu singen, doch die Zeit ließ es nicht zu. Die Kollektive der Christenheit verbargen sich überall und von gemeinsamen Chören im Schrei nach Erlösung war nichts zu hören. Später kamen andere Völkerschaften und nach und nach auch wieder die Pest, bis hin zu den Hugenottenkriegen und der Bluttat der Bartholomäusnacht.
Ohne Gewährung durch höhere Mächte ist allerdings auch der höchste Eifer sinnlos, und auf gut Glück trauen sich selbst unter Inbrünstigen nur die wenigsten, in Reihenhäusern oder Plattenbausiedlungen laut zu singen. Überhaupt ist der private Gesang in Haus und Küche mit dem Erlöschen der Erlösungschöre ebenfalls untergegangen.
Es gibt nun aber ohne den Willen, erlöst zu werden, keine Erlösung, denn die Sache hat hier unfassliche Wurzeln. Unendlich vielen, allzu vielen, bleibt der Erlösungswunsch stets nur ein Wahn, eigentlich ohne den erhofften Ausgang. Zu viel muss geschehen, bis Gewährung und Wille eins miteinander werden, und Erlösungswille ins Blaue hinein ist oft nur ein kurzer Wunsch, immer erneut von Sünden und Zweifeln unterbrochen. Mit ihnen im Gepäck kann niemand Erlösung erwarten. Aber dieser Zustand mag ja noch angehen, er ist wenigstens einleuchtend. Es gibt aber leider auch Fälle, in welchen, dem Anschein nach, jedenfalls nach menschlichem Ermessen, alles zusammenpasst und der berechtigte Schrei nach Erlösung grausam, in unerforschlichen Ratschlüssen, niemals gewährt wird. Das allerdings bezeugt dann, nicht ungeschickt für die unseligen Materialisten, das Fortbestehen einer alten himmlischen Zerrüttung im Vermögen über das menschliche Schicksal.
Kaiser, Könige, Päpste und Heilige haben vergebens Erlösung herbeigefleht, hingegen empfing nach Pascal ein am Parktor bettelnder Blinder, nichts weiter als ein namenloser Mann in Lumpen, durch die Kutschenräder des nächstbesten Höflings den schmerzvollsten Stoß gegen die Brust und zugleich eine grausame Erlösung. Das wäre natürlich im Sinne des Christentums noch gerecht und verständlich, aber der rohe Kutscher erlangte seine Erlösung, ohne sie überhaupt je wie der Bettler erfleht zu haben, noch am Abend durch den blitzschnellen und völlig schmerzfreien Huftritt eines verhexten Rosses, wie Hans Baldung Grien es in Kupfer so klar und deutlich gestochen hat.*
Man bleibt eben unbehext viel ahnungsloser als jenes Pferd, das zwar voll glühender Bosheit, aber doch im Dienst der Erlösung rückwärts blickt. - PM

* Der behexte Stallknecht, 1544.

ERNEUERUNG

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Erneuerung geht nicht ohne Abbruch vonstatten; große Freundschaften verwandeln sich unter der Hand in Zahnbelag, dessen Entfernung beim nächsten Arztbesuch ansteht. Ein Fall für die Gehirnforschung! Aber auch andere Disziplinen zeigen Ansätze des Helfersyndroms, sobald man sie darauf anspricht. – Tu’s nicht! Das Problem ist die Psyche. Immer wieder: die Psyche. Viele sehen in ihr (oder dem Postulat, das ihr ins wissenschaftliche Dasein verhilft) die Lösung, sie leben gut von ihr und können nicht von ihr lassen. ›Wie funktioniert das?‹ Gute Frage, gut, dass einer sie stellt. Was wäre die Psyche ohne ihre Analyse? Ein Problem. Und siehe da: sie ist ein Problem. Die Psyche ist das Problem der Psyche. Daran ist nichts geheimnisvoll. Der Mensch ist das Wesen, das seine Psyche vorschiebt, wenn es ihm schlecht geht. Ein glücklicher Mensch braucht keine Psyche. Erst die Zumutung, die er für seine Mitmenschen darstellt, erzeugt sie reihenweise. Psyche ist, was immer die Leute sich von ihr erzählen, unglückliches Bewusstsein, Leiden an einer unauflöslichen Spannung, sprich: Diskrepanz. Man kann auch sagen (und damit kommen wir der Sache allmählich näher), sie ist verhülltes Gottesbewusstsein: ein Bündel Probleme, das mit dem Streben der Seele zu Gott ins Leben tritt, sobald man die Tatsache dieses Strebens leugnet. Warum...? Manches geht, weil es geht, weil es den theoretischen Kropf füllt, einfacher gesagt, weil es das Bedürfnis nach Anschauung bei Leuten stillt, denen Theorie ein Buch mit sieben Siegeln darstellt. Deshalb kursieren auch unter den Liebhabern der Psyche die Anleitungen zum Selberbauen. Doch sieht man nur selten, dass wirklich so ein Drachen sich in die Lüfte erhebt. Was die Lust am Weiterbasteln nicht mindert: der unbeirrte Glaube an die eigenen Fertigkeiten (ein Irrglaube wie irgendeiner) erzeugt den Aushilfsglauben an Reparatur-Instanzen, die pünktlich bereitstehen, falls etwas nicht klappt. Erst wenn der approbierte Mechaniker den Daumen senkt, weiß gewöhnlich der Letzte: hier ist nichts mehr zu machen... ein Fall für den Schrottplatz. Warum? Es liegt am Glauben. Ein rechter Glaube kann, wenn er zusammenfällt, Freundschaft in Hass verwandeln, Nähe in Gegnerschaft, gemeinsame Überzeugung in erbitterte Frontstellung. Eine Freundschaft, der kein gemeinsamer Glaube zu Grunde liegt, verwandelt sich früher oder später in einen Straßenköter, den man, sobald keiner hinschaut, mit Steinwürfen verjagt: ein lästiges Wesen, das nicht zu einem passt, und zwar gerade dort, wo es einmal gepasst hat. Eine solche Freundschaft wird nicht gekündigt, sie wird gekappt. Soll sie doch schwimmen, wohin sie will, wie sie will, sofern sie will. Geht sie unter: auch gut, schade drum, Schwamm drüber.

ERNST

E
Es gibt Regionen der Ernsthaftigkeit, in die man nur im Scherz vorstößt – nicht zum Scherz, wie die Sprache abschließend anmerkt, sofern niemand ihr widerspricht. Der stumme Ernst ist eine Figur, die wenig zu denken gibt, da bereits alles gesagt ist. Man reicht sich die Hand, eine angemessene Geste, die, wie alles, was dem Entgleiten entgegen geht, es im Hinauszögern auslöst. Alle stürzen sich in die Zukunft hinein, als sei sie aus einem schmiegsamen Element, das überdies trägt; angesichts dieses Wahnsinns gibt der Ernst den, der nicht mitkommt, eine Figur aus dem ewigen Gestern, das sich ebenso erneuert wie alles, was ansteht. Man hält ihn für bekloppt und alle lieben ihn, er sich vermutlich auch. Man macht Scherze über ihn, das ist wahr, und mancher amüsiert sich auf seine Kosten, aber das gilt als ungehörig und verrät einen Charakter, mit dem alle können, unter Vorbehalt, versteht sich. E la nave va.

ERREGBARKEIT

E
Die Erregbarkeit der Deutschen, dieses im Grunde phlegmatischen und, wie vielfach behauptet wurde, gutmütigen Volkes ist jüngeren Datums, soweit es um weltliche Dinge geht; in Fragen der Religion waren sie früh ein Verein von verzückten Dreinschlägern. Bei der erwähnten Erregbarkeit handelt sich um eine Art Rheumatismus, den sie sich zuerst in den Napoleonischen Kriegszügen zugezogen zu haben scheinen, einen Schmerz, der nicht weggeht und nach Überbehütung und Ausbruch zugleich verlangt. Die Quadratur des Kreises heißt Effizienz, nicht um eines Zieles oder einer Sache willen, sondern als Lebensfigur, die zwischen alle anderen tritt und sie scheucht. Im Grunde geht es darum, sich an die Spitze des Zuges vorzuarbeiten, aus dem Gefühl heraus, sonst rettungslos unter die Räder zu kommen. Was sie ›historische Erfahrung‹ nennen, ist der diffuse Schmerz, der sie zwingt, nicht stillezuhalten, sondern ›die Verhältnisse‹ zu ihren Gunsten zu wenden, als ob es genügte, die Kehrseite aufzuschlagen, um Entlastung zu erfahren. ›Entlastung‹: dieses Wort sollte man rot anstreichen, wo immer es in programmatischer Absicht begegnet – es sagt viel, wenn nicht alles über ein Lebensgefühl aus, das unter seiner eigenen Bürde keucht.

ERWARTUNG

E
Du befindest dich in einer sonderbaren Lage: fast wie der gläserne Mensch, aber doch anders, verstellter. Angeschossen von einer Seite, jedenfalls blutend, unfähig, dich zu halten, von der anderen Seite fixiert durch ein System aus Stützen, deren Möglichkeiten sich weitgehend darin erschöpfen, dass sie sich gegenseitig in der Lage halten, die dir zu nützen scheint, aber nur für den Augenblick. Du weißt (wie man diese Dinge weiß): sobald du dich anlehnst, fällt alles zusammen. Und doch wirst du gehalten, darüber besteht kein Zweifel. Nicht, dass du Halt fändest, du suchst ihn nicht einmal, schon diese Bewegung wäre gefährlich und führte vielleicht zum Kollaps. Aber die Erwartung: sie lässt sich nicht abstellen, du findest den Schalter nicht und, ehrlich gesagt, du bist keineswegs wild darauf, ihn zu finden. Eher erwartest du, dass die Dinge sich ändern. Diese Änderung, davon bist du überzeugt, kann nur von innen kommen, aus einer Ecke jener unbestimmten Region, in der du dich vermutest oder deinen Gott oder ein dir treu ergebenes Wesen, das vielleicht nicht dich meint, sondern etwas, das durch dich hindurch in die Wirklichkeit eintritt oder einsickert oder eingreift. Nein, Medizin wolltest du es nicht nennen. Die Vorstellung, einen Eingriff vorzunehmen, hat etwas hoffnungslos Übertriebenes, weder passt sie zu deiner Lage noch zur Wirklichkeit draußen. Ehrlich gesagt, diese Wirklichkeit besteht fast nur aus Eingriffen, auf jeder Narbe sitzt eine frische Wunde, Schläuche, wohin man blickt. Ein paar davon, soviel weißt du schon, warten auf dich. Lass sie warten, denkst du, solange meine Mission nicht erfüllt ist, werden sie mich schon meiden. Darin steckt natürlich der Fehler, denn was eine Mission ist, das bestimmt sich dort draußen. Du bist nur ausführendes Organ. Als solches wird man dich warten. Aber so ist es nicht, nein, so ist es nicht.

ETHIKSCHWUND

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Die den Ethikschwund öffentlich beklagen, haben es leicht, denn sie haben die Eisbären auf ihrer Seite. Die Eisbären sind für die Ethik, die ihnen nur Vorteile bietet. Sie selbst besitzen keine, also kann ihnen niemand vorwerfen, sie suchten nur den eigenen Vorteil. Im Gegenteil: erst der Vorteil aller verschafft ihnen das kalte Plätzchen, das sie fürs Überleben brauchen. Eisbären leben von anderer Leute Ethik wie diese vom Tran der Wale. Kein Eisbär hat je die Kälte vergessen, aus der seinesgleichen kommt. Man könnte sagen, er schmilzt unter der glühenden Sonne der Arktis wie ein Stück Erz im Hochofen der Stahlköche. Nur den stählernen Eisbär wird es aller Voraussicht nach nicht geben. Die Evolution verweigert ihm diesen letzten, alles entscheidenden Dienst und schleudert ihn ins Dunkel der zoologischen Anstalten, wo er sich wohl fühlt, aber manchmal ein Reißen verspürt, wenn er zwischen den Besuchern die kleine Meerjungfrau sieht, die es ins Wasser zieht, die aber tapfer dagegen angeht. Solche Tapferen kennt er, sie würde er gern zerfleischen.

ETHNION

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Nur unbedeutende Menschen verwechseln Nation und Ethnie, bedeutende machen die Gleichung auf, wenn sie ihnen in den Kram passt, und räumen sie aus dem Weg, sobald sie lästig wird. Warum gibt es sie überhaupt? Weil sie gebraucht wird, kein Zweifel, und zwar auf beiden Seiten. Für die unbedeutenden ist sie eine Sache der Ehre (also des Familiensinns), für die bedeutenden ein billiger Motivator, der Heißsporne generiert, und zwar am laufenden Band – man muss, so denken sie, nur die kruden Figuren aussortieren und laufen lassen, dann läuft alles Weitere wie geschmiert. Da die Gleichung stets positiv und negativ besetzt ist, fällt es leicht, über sie auch größere Massen zu steuern. Wer daraus partout schließen will, dass die Nation, um handlungsfähig zu sein, ihrer bedarf, der steht mit seinen Gedanken bald allein. Er hat etwas gesehen, was keiner sehen sollte, der nicht in den Zirkeln der Macht zu Hause ist, er steht im Verdacht, etwas auszuplaudern, was man besser verschweigt. Dabei hat es keine Gefahr: das wirkliche Geheimnis besteht darin, dass es niemanden außerhalb jener Zirkel interessiert. Warum das so ist?

EUROKRATES

E
Wäre ich Eurokrates, ich ließe es krachen, dass der Kontinent bis in die Grundfesten erbebte. Ach was Grundfesten! Bis in die Haarspitzen sollte erbeben, wer noch nicht weiß, was die Stunde geschlagen hat. Erbleichen sollte die Gilde der Euro-Leugner, ihre Schreibfinger verfaulen, ihre Stützstrümpfe abfallen, ihre Bandagen sich verhärten bis zum Verhängnis. Eurokrates sein, das wär’s. Wer über Europa herrscht, was kümmert es ihn, wer in Europa herrscht? Ich aber, ich wollte nicht über Europa herrschen, ich wollte nicht in Europa herrschen, ich wollte Europa anherrschen, ich wollte ihm beibringen, Europäer zu machen, wie noch niemals Menschen gemacht wurden. Sie schmunzeln? Oh, Sie verkennen mich. Ich will keine Europäer aus der Retorte, ich will keinen Extra-Sex für Zeugungsbeflissene, was ich will, ist Klarheit: Klarheit in den Köpfen und untenherum. Der Europäer der Zukunft wird rechtdenkend oder er wird gar nicht sein. Dieser Satz ist von mir und ich gebe ihn nicht aus der Hand. Auch die Taube auf dem Dach kann ihn mir nicht entwinden. Was treibt sie überhaupt dort? Herunter mit ihr! Oder fort! Da fliegt sie schon. Scheiße. Eine Scheiße ist das. Nicht reiben, das ätzt sich ein. Unter Rechtdenkenden will ich der erste sein, Number One. Ich säße zwischen den Meinen, das heißt zwischen allen, die meinen, was ich meine, und meinte dasselbe. Wir alle meinten dasselbe, alle Tage unseres Lebens, immer dasselbe. Zum Beispiel hätten wir alle dieselbe Vereinsbank und dasselbe Geschlecht, jeder seins und jeder dasselbe, ganz so wie diese Eurostecker, die in jede Steckdose passen. Da gäbe es viele Beispiele. Unendlich schön müsste das sein. Nur bei der Sprache müssten wir nachlegen, diese dauernde Übersetzerei macht einen ganz konfus. Ich, Eurokrates, spräche gern gleichzeitig in allen Zungen des Kontinents, das gäbe zwar ein Geplärr, aber digital ließe sich bestimmt was draus machen. Also doch der Euro-Chip, ich wusste es gleich, nur die Begründung fiel mir nicht ein.

EUROPÄER, GUTE

E
All diese guten Europäer, die Worte von Toten im Mund führen und einen gemeinsamen ›Erinnerungsraum‹ herbeten, an den sich so keiner erinnert, denn er ist, was immer man sagen mag, konstruiert, sie mogeln ein wenig, wenn man so will, diese guten Europäer. In Wirklichkeit fühlen diese guten Europäer sich abgestoßen von der Enge, der Muffigkeit, der Politik und den Schikanen des Erdteils, das sie umgibt, und warten sehnsüchtig auf die nächste Einladung nach Princeton oder Dubai. Wären sie die Europäer, als die sie sich ausgeben, so arbeiteten sie still, energisch und umsichtig an der europäischen Nation, an der Gründung der Republik Europa – um genau zu sein, sie selbst begriffen sich als europäische Öffentlichkeit und setzten alles daran, diese halb private, von müßigen Institutionen gesponsorte Fiktion ernsthaft umzusetzen, auf die Gefahr hin, von notorischen Schulterklopfern halbtot geschlagen und auf offener Straße liegen gelassen zu werden. Aber gerade das ist ihnen verwehrt, es wäre ›zu leicht‹, es würde den Traditionen Europas nicht gerecht. Sie sollten bedenken, dass jene früheren, allzu wenigen ›guten Europäer‹, die vor den großen Katastrophen des Kontinents in Erscheinung traten, einer kulturellen Gemengelage angehörten, die geradewegs auf die Katarakte zuhielt, dass fast alle, darunter die ›Besten‹, von denen man hin und wieder  schwadronieren hört, mitdestruierten und dass das heutige Europa der Normierer und Augenwischer, das sie im Unernst ablehnen und wortreich ›weiterbringen‹ wollen, sich jenen Katastrophen ›verdankt‹ – ihren Fakten und ihren Lehren. Europa wird Nation oder Wirtschaftsstandort, also nichts Besonderes sein.

EUROSKEPSIS

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Leicht lässt sich über jene angeblich rückwärtsgewandten Europäer höhnen, die das europäische Staatsvolk vermissen und deshalb vom Projekt des Super-, Post- und Trans-Staates Europa in Gedanken vorerst ein wenig Abstand nehmen. Dabei sind sie mehr Europäer als ihre Denunzianten, denen es bloß um Lenkungskompetenz und globale Stärke geht. Sie stellen nicht den ›Prozess Europa‹ in Frage (wie man ihnen nachsagt) oder gar den Gang der europäischen Dinge im globalen Machtpoker. Zwischen – erlaubtem – Befragen und dem berüchtigten In-Frage-Stellen liegt ein Abgrund an Ignoranz, der täglich mit gedroschenem Stroh gefüllt werden muss. Zwielichtig wirkt schon der Ausdruck ›In Frage stellen‹. In ihm paaren sich zwei Forschheiten, die publikumssüchtig nach Klicks und Auflagen schielen. Einer Sache auf den Grund gehen und sie von Grund auf zerstören wollen sind sehr unterschiedliche Handlungen. Zusammen fallen sie nur, wenn der Grund um der Sache willen nicht aufgedeckt werden darf – um keinen Preis sozusagen, weil jeder Preis hier zu hoch wäre. Europa, hieße das, dieses Lieblingskind der Eliten, vertrüge es nicht, würde man ihm öffentlich auf den Grund gehen? Auf dem Grunde des Allerweltsprojekts Europa schlummerte möglicherweise ein Arkanum? Die Pazifizierung, Zivilisierung, Demokratisierung, Emanzipierung, Nachhaltig-Machung und Selbstbehauptung Europas berge ein Geheimnis, das nur einer ausplaudern müsste, um sie zu Fall zu bringen? Seltsam, seltsam.
Aber welches Geheimnis könnte das sein? Eines, in dessen Besitz ein Frager eher die Träger von Springerstiefeln vermuten dürfte als jene vielberufenen Bürger Europas, die inmitten aller Projekte gelassen ihren Geschäften nachgehen? Welch ein Unsinn, möchte er ausrufen. Doch dann erinnert er sich –: am Ende bergen auch Springerstiefel ein Geheimnis. In ihm, das verdächtig einem Geschäft zum beiderseitigen Nutzen ähnelt, versichern sich Europas Funktionseliten und seine Unbelehrbaren gegenseitig ihrer Unabdingbarkeit. Die Zwangszuweisung der Skepsis ans Lager von Leuten, die nicht einmal wissen wollen, wie man sie buchstabiert, gleicht ihrer Expatriierung. Warum das Ganze? Weil niemand erfahren darf, dass der feine Nationalismus die geheime Triebfeder jener Funktionseliten ist und auf absehbare Zeit bleiben soll?
So zu reden gilt als unfein, als unerhört und, selbstverständlich, realitätsblind. Schließlich lernen alle voneinander und übereinander. Jeder liebt seine Gremien und Symposien und kehrt angeregt wieder nach Hause zurück, zu gleichen Teilen beeindruckt von der Offenheit wie der Blindheit des Nachbarn. Aus beidem ergeben sich Chancen, die man nicht auslassen sollte. Was für eine Situation! Was ließe sich daraus machen! Nun, ganz einfach: genau das, was daraus gemacht wird. It’s the education, stupid.

EUROTON

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Europa kann sich nicht auf sich beschränken, es geht überall über sich hinaus. Das macht es zu einem bizarren Erdteil für andere und endlich, auf seine Binnenräume zurückgeworfen, auch für sich selbst. Es kennt nur eine Lage und die ist, wie die Nietzscheaner sagen, exzentrisch. Daneben kennt es tausend Lagen dank einer Auslegungssucht, die noch jeden Dialog der Kulturen in eine Simulation zu verwandeln gewusst hat. Europa redet mit sich selbst, es redet ununterbrochen mit sich selbst, aber dazu bedarf es der Illusion einer in Rede stehenden Welt. Die Aufforderung, über Europa zu reden, bedeutet, den Sprechfluss zu unterbrechen und den Simulationen schlitzohriger Politiker das Feld zu überlassen.  Warum das so ist? Es ist so geworden und es wird auch wieder weggehen, aber abzusehen ist davon nichts. Was nützt es, den Universalismus als Ethnozentrismus zu denunzieren, wenn dieser Ethnozentrismus nur ein Universalismus ist (eine Anleitung zur Selbstaufhebung oder ‑vernichtung)? Nicht viel, wie die Erfahrung lehrt. Seit Europa sich in den Schutz einer Weltmacht begeben hat, lebt es bequem vom natürlichen Reichtum der anderen an Waffen, Öl, Geld, Arbeitskraft etc. Die Geschichte hat ihm gezeigt, was auf diesem Feld möglich ist, Europa liebt die Geschichte. Dass es zur Einwanderungszone wurde, hat seine Sucht nicht gemindert. Natürlich nicht, in Einverleibungen kennt es sich aus. Schließlich heißt seine Gefahr, wie fast alle wissen, fast food.

EXPERIMENTUM MUNDI

E
Wer die Wege des Eros als eine ›Kette von Demütigungen‹ erfährt und darüber im Tonfall dessen berichtet, der das Weiterlesen so satt ist, dass er sich mit einem Schnitt davon trennen möchte, ist entweder auf dem Weg zum Heil oder auf dem Holzweg. Das Experimentum carnis ist Teil jenes größeren Experimentum mundi, in dessen Zentrum die Immanentisierung oder ›Verweltung‹ steht, wie ein aus Funk und Fernsehen bekannter Vordenker das nennt: das Aufgehen aller Gedanken, aller Begriffe in einem Weltbegriff, der sie nicht nur enthält, sondern rechtfertigt und Instrumente für eine neue Menschheit aus ihnen – ja was denn? Werden, entstehen, entspringen lässt? Ein großes ›Fiat‹ prangt über dieser Art des Philosophierens, die sich antimetaphysisch nennt und das Wiederkäuen ins Zentrum des Nachdenkens verschoben hat. Nachdem die Begriffe der Metaphysik den Dienst quittiert haben, steht das Wort ›metaphysisch‹ wie eine Vogelscheuche im Raum, ein nebulöser Stellvertreter und zugleich ein kerniger Bursche, der Wind und Wetter trotzt und für jede Flegelei zu haben ist. Vielleicht kommen Nächte, in denen er vor Erschöpfung umfällt oder weil der Boden um ihn zu weich geworden ist, aber sobald der Morgen graut, haben ihn unbekannte Helfer aufgerichtet und er reckt seinen Stecken zum Himmel – priapisch vielleicht, wer kennt schon die Wege des Heils.

EXPLOSION

E
Der Ottomotor ist ein vortreffliches Beispiel für die technisch gereizte Wut der Materie zur Gewinnung von Energie. Ströme der Raserei durchfahren die elektrischen Leitungen und entzünden ebenso Lichter wie Bomben. In diesem Sinne ist Rache oder der Schmerz der Materie das wesentliche Prinzip der gewonnenen Energien. Vertieft man diesen Gedanken, so geraten auch Speisen zur Todesmaterie des Menschen. Der beißende und kauende Mensch vervielfacht motorisch die Kräfte verspeister Pflanzen, so harmlos sie auch zuvor an der Sonne gewachsen sind, wobei natürlich auch sie die Sonne um ihre Kräfte gebracht haben, und jeder Apfel verdient eine hübsche kleine Bombe genannt zu werden. Insofern ist selbst der Stoffwechsel des Menschen nichts als eine fortwährende Kette von Explosionen.
Hier übrigens begegnet die Folgenforschung unmittelbar der Todesmechanik, die durch Leben und Streben Schicksal stiftend zur Explosion gelangt. Homomaris hat diese Durchkreuzung von Karma und Energie einmal »die große Explosion des Leibes und der Seele« genannt und damit den Thanatoskomplex Sigmund Freuds bedeutend weiterentwickelt. - PM

FALSCHE FUFFZIGER

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In den Fünfzigern blühten die Blumen anders, sie trugen Handschellen und seufzten, ob jemand sie aufschließen wolle, doch es war niemand da. Es war niemand da. Die Blumen hätten sich vielleicht selbst befreien wollen, wären sie zahlreich genug gewesen, aber sie waren sich ihrer kollektiven Stärke noch nicht bewusst und so blieb es beim individuellen Protestlook. Traurige Zeiten. Der Briefträger kam in Schwarzweiß, nur die Socken lugten ein wenig heraus, und wenn sie auch noch nicht rot waren, so guckten sie doch unsäglich genug unter den amtlichen Stulpen hervor, um in Träumen wiederzukehren, die sehr verbreitet waren: Sonne, Strand und Meer, eine Kinderschippe in der Hand und viel Sex. In den Fünfzigern war unter der Decke des Schweigens der Sex so verbreitet, dass viele sich Taschentücher unter die Nase banden, um dem Geruch von verbranntem Obst auf der Straße zu entgehen. Heute kann man lesen, die Sache sei damals zu neu gewesen, um ihre Folgen richtig abschätzen zu können. Überhaupt sei man sehr unaufgeklärt an sie herangegangen. Vermutlich stimmt das sogar. Den Alten war die Lust vergangen und den Jungen wuchs sie zu den Ohren heraus. Wohin sie wohl wuchs? Zu den Sternen, den Sternen.

FALSCHHEIT

F
Die gewöhnlichen und ältesten Fälschungen finden sich schon bei den unbekannten Kopisten in den Höhlen von Lascaux. Ein bedeutender Bison, von stattlicher Höhe und ausschweifenden Hörnern, wird dort bereits, wenige Schritte weiter, von schamlosen Kopisten schlecht und recht wiederholt. Nun hat er eng stehende Hörne, Knickbeine und einen Stummelschwanz. War diese Fälschung eine Bosheit oder der bis heute bekannte gescheiterte Ausdruck eines gerissenen Ehrgeizes? Gab es schon damals die ersten, vielleicht noch seltenen falschen Künstler, die schlau genug waren, den gefährlichen Jagdkollektiven zu entgehen, um Malerfürsten zu werden? Was kann van Gogh gemeint haben, als er auf dem Sterbebett sagte: »Das Elend wird nie ein Ende haben.« Hier kommt das ›Fürchterliche‹ hinzu, denn fürchterlich ist im Sinne seiner Erscheinung das Zentrum jedes Schreckens auf Erden, genau wie die Sonne, die der Maler gemalt hat. Seine Seligsprechung, seit einiger Zeit von Grabbeau und mutigen Belgiern bei vier Päpsten vergeblich versucht, gibt der Sonne das böse Leben zurück. Denn bildet die Sonne das Leben, so ist sie schon furchtbar genug. Aber sollte sie mit dem drehbaren Rücken zum All erst lebendige Tote spenden wie in den frühesten Zeiten Gottes, so bedürfte sie weder Wiesen noch Äcker zu deren Wachstum, sie könnte hinabsteigen gleich einem toten Gott und sich niederlegen in einem Feuerschweif so groß wie der Rhein. - PM

FÄLSCHUNGEN

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Auf schweren Teppichen, womöglich sogar hinter täuschenden Butzenscheiben der ächzenden Welt der ohnehin noch ganz anders Betrogenen ein paar bunte Streiche zu spielen und neben einem im Orient eingelegten Tisch voll kostbarer Farben und Meißentassen im Sessel sitzend mit dem Pinsel zu lügen, das ist wahrhaftig ein genußvolles Treiben. Wenn ein freundlicher Gott wie der Gauner Merkur dazu einen Dauerregen aufs Dach prasseln lässt, so ist kein Besuch zu erwarten und die Leute bleiben in ihren hässlichen Häusern buchstäblich stecken, denn der Klingelton entsetzt doch wirklich jeden frei gewordenen Menschen. Kein Kind auf der Straße schreit und man wiegt sich im Rausch eines rumänisch-ungarischen Adelstitels von glühender Farbkraft zu den Klängen eines berauschenden Preußischen Marsches. Der Titel, ob falsch oder nicht, wird nach Goethe so manchen Puff abhalten können.
Wen alles das und Verwandtes und anderes mehr als tiefe Erkenntnis vom Wert der Lüge im Wesen der Kunst ganz rein und ohne Ehrgeiz berauscht, der ist, nach meiner Meinung, zum wahren Fälschen geboren, ob er nun bloß kopiert oder als großer Erfinder in eigener Sache Maler genannt werden darf. Denn man sage mir was man will, jeder Künstler ist stets auch ein Fälscher, voll glühender Lust nach der Manifestation eines fremden oder selber erfundenen Irrtums.
Die Hilfsgeister von oben oder unten kennen hier keinen Unterschied, »die von unten, die köstlich Dunklen« noch am wenigsten. Hingegen haben die von oben den Nazarenern zu lange nahe gestanden. Das gesteht im Alter sogar unter Tränen an der Piazza des Weinens Herr Overbeck in der Kirche Santa Maria del Pianto vor zwölf seiner Schüler am Tage des heiligen Lucas.
Die Düfte des Leinöls, der Harze, die wachsvermischten Tinkturen widersprechen der Bildung einer Familie und die köstlichste Einsamkeit, die mit Spuren von Schadenfreude vermischt ist, übergeht die trostlosen Wochenenden und Feiertage im Zauberreich der Kultur.
Man kann als Genießer oder als Schöpfer die Kultur hereinlegen oder man wird als eifernder Narr ihr gequältes Opfer. Allerdings, ein monastischer Zug von Verzicht gehört als Ausdruck von Weisheit dazu. Verzicht auf Streben nach öffentlichen Ruhm, die Vermeidung aller intelligenten Gesellschaften und als wirkliche Hilfe nur ein älterer Herr mit einem zierlichen Bauch unter englischem Stoff, der Besitzer einer ebenso geheimnisvoll zeitlosen Galerie, weit, weit entfernt von Berlin und Paris, etwa im fernen Ostende, das ein ebenso köstlicher Schwärmer und Anti-van Gogh auf verwirrende Weise in vollendeter Naivität schon vorgewärmt hat.
Zerfallende Bauernhöfe liefern die alten Bretter oder die an den Rändern vergilbten Hochzeitsleinwände, die alten Nägel, den echten Staub, der, mit Regenwasser vermischt, den wertvollen Dreck der alten Zeiten so anspruchslos liefert. Etwas Rost für den allzu neuen Zinnober, es gibt den alten nur noch in China, statt dessen abgeriebene Steine von den roten Ufern des Mains, Phiolen voll aufgewärmter Insekten mit Eierhonig, zur fleckigen Stärkung der Leinwand mit Roggenkleister vermischt, gelegentlich auch einen prachtvollen Schinken mit Frühstückseiern beim Aushandeln dieser bescheidenen Waren. Was für ein Traum.
Die Inbrunst der Suche nach solchen Stoffen, dieser alchimistischen Bildungsreisen einer kunstreichen Pilgerschaft, mischt sich mit dem Glauben an geistige Schätze, die als Reliquien Macht besitzen, an berühmten oder berüchtigten Hauswänden kleben oder an einfachen Kieselsteinen am nächsten Waldrand, die nach zehntausend Jahren das erste Mal stupore erwecken. Sie bilden die Hausmacht gegen alle Moral, Fälschungen hin oder her. - PM

FAMILIÄR

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Das Familiäre bedenken, bis es so mit Pusteln überdeckt ist, dass es sich Zeit lässt: wunderbar. Aber so ist es nicht. Es bringt seine Zeit mit, es läuft wie auf Schienen, wie geschmiert, wie man so sagt, es unterläuft alle Bindungen, denn es bringt sie mit. Es hat, wie man so sagt, alles dabei: dabei bleibt es. Das Familiäre ist das Familiäre, nackte Identität, wenn du willst, aber im Grunde wird keiner gefragt. Es hat seine Falten, das ist wahr, es besteht nur aus Falten, praktisch, auch das ist wahr. Ach, diese Wahrheiten, alle zusammengenommen, sie passen auf einen Seziertisch und doch... Man muss sehen, dass sie nicht herunterfallen, das kann wichtiger sein als eine gelungene Operation. Was bedeutet schon eine gelungene Operation gegen die Unzahl derer, die anstehen? Das Einzelne verzwickt, das Ganze unbezahlbar, die Verantwortlichen schleichen sich vom Tisch, sie können nicht ertragen, was sie da anrichten, und laufen in ihr Unheil hinein, privat, wie denn sonst, ein richtiges Unheil kommt immer privat. All diese Privatheiten summieren sich, sie ergeben eine erkleckliche Summe, für die man sich eine Welt kaufen könnte, aber gegenwärtig haben wir keine im Angebot. Das Familiäre ist ein Diebstahl am Allgemeinen, der älter ist als das Allgemeine, das durch ihn Schaden leidet, es ist König Diebstahl, der in allen Türen steht und die eingelagerten Vorräte mustert, bevor man ihn rituell verbrennt. Geständig wiederholt er noch auf dem Scheiterhaufen die Worte: »Das ist alles meins!«, bevor ihn das Entzücken Batailles bis zum nächsten Mal in seine Schranken verweist.

FARBKANNIBALISMUS

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Der Kampf der Farbe mit dem Hunger der Leinwand ist viel bedeutender und ernster zu nehmen, als der oberflächliche Betrachter der Bilder ahnt. Der Maler erweckt nicht nur Illusionen, sondern er ist auch ein Speisemeister und sättigt die Leinwand ebenso mit gesunden Erdfarben und Leinöl wie mit den Giften des Bleiweiß oder des Schweinfurter Grüns. Die Seher – es sind nicht die gaffenden Ästheten gemeint, sondern die alle Materie durchdringenden Späher des Untergangs, der in allen Dingen waltet – bezeugen den Kampf aus Hunger und Gift auch auf der Leinwand. Warum gäbe es sonst auch die gute Malbutter des Johannes, die bon beurre de peinture, die der Lichtverkünder heiliger Worte im hohen Alter den malenden Mönchen vom Berge Athos gestiftet hat? Sie vollzieht die innere Taufe der Bilder mit Hilfe des ›Grisams von Patmos‹, wie diese Butter mit Recht bei ihnen genannt wird. Restauratoren unserer Zeit ahnen wohl kaum noch, warum manche Gemälde zerfallen und andere duften und unvergänglich erscheinen. Der Geruch der Heiligkeit waltet auch hier, aber sie wissen es nicht.
Ein furchtbares Beispiel für die doppelte Barbarei des Zusammenhangs zwischen den prophetischen Illusionen der Kunst und dem Hunger der reinen Materie vollzieht sich am deutlichsten wohl auf der großen Leinwand von Géricault, die man im Louvre unter dem Titel Le naufrage de La Méduse oder als Floß der Medusa besichtigen kann. Hier sieht der genaue Beobachter, der die Verwandlung der Materie im Objekt einer Illusion nicht aus den Augen verloren hat, die verhängnisvolle Verwicklung von materieller Gier und Vergiftung ebenso im grausamen Hunger der zu Kannibalen gewordenen Matrosen wie in der stummen Gefräßigkeit jener Asphaltfarben, die im neunzehnten Jahrhundert die Maler so sehr begeisterten. Aber die Brillanz dieser Farben ermattete rasch, indem sie sich anfänglich voller Pracht auftragen ließen, um alsdann in die Tiefen der Leinwand zu fahren und wie gefräßige Schlangen bloß ihre runzlige Haut zurückzulassen. Die großen, gewiss einst schwermütigen Schatten des Bildes sind inzwischen dunkel und blind wie Leder. »Cannibalisme de la couleur« befand ein würdiger alter Herr, gleichsam ein Nachfahre jener verruchten Matrosen, der im Museum neben mir stand, und er nannte auch gleich die ebenso verruchte Farbe, die den zahlreichen Liebhabern alter Meister übel genug bekannt ist: »Brun de Cassel.« - PM

FASSADENKUNST

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Ist das Spiel erst aus, gelingen die entschiedensten Würfe. – Weiter. – So sieht man einen Menschen, der eben noch in vollem Spagat seinen Geschäften nachgeht und sich privat vergrübelt, verborgen bis zur Unkenntlichkeit in Formeln, die, von ihm abgesehen, keiner entziffern kann. Von sich absehen kann er nicht, die anderen können es wohl, ihr Blick gleitet an ihm entlang wie am Inneren einer Regenrinne, er tropft ab. Heute laufen seine Geschäfte leer, der Raum, in denen er Kundschaft erwartete, ist zu und er schenkt jedem ein zerstreutes und unverständliches Lächeln, der ihn darauf anspricht. Das verstehen die Leute, es sagt ihnen, dass er einer von ihnen geworden ist und Fassadenkunst betreibt. Fassadenkunst! Er könnte darüber lachen, doch er bemerkt es nicht einmal. Oder er bemerkt es und versteht es nicht. Oder er versteht es und glaubt es nicht. Oder er glaubt es und ist froh. Die Formeln bedecken die Mitte des Raumes, er vertreibt sich die Zeit damit, zwischen ihnen hindurchzugehen, man könnte es einen Tanz nennen, einen sehr privaten Tanz, den keiner zu sehen bekommt. Dabei schichtet er Hölzchen auf, eins neben das andere, eins über das andere, in unregelmäßigen Schichten. Zusammen könnten sie eine Pyramide ergeben, er weiß es noch nicht. »Nicht verzetteln« brummt er und schiebt einen bekritzelten Zettel zwischen zwei Hölzer.

FAUSTNARR

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Gewiss, gewiss, wer das Alphazet nachmacht oder verfälscht, wer nachgemachte oder verfälschte Artikel des Alphazets sich verschafft und in Verkehr bringt, wird mit Gelächter nicht unter zwei Jahren bestraft – das klingt gut und schön und vertraut oder vielmehr ungut und unschön und umso vertrauter, aber es verdeckt doch das Wesentliche, den Impuls, der, es kann nicht anders sein, hinter solch schändlichem Treiben steckt: die bedingungslose Verehrung, die bis zum Wahnsinn gehende Vernarrtheit ins Original, das rücksichtslose, über Buchstabenleichen hinwegwieselnde Begehren, sich mehr davon zu verschaffen, bei vollkommener Unfähigkeit zu begreifen, dass auf eigene Faust hier nichts zu holen ist, teils, weil die Faust, die sich da in der Tasche ballt, bei Licht besehen nur als Fäustchen durchgeht, gerade gut genug, um bei Gelegenheit hineinzukichern, teils, weil das Verlangen selbst nichts als eine Narretei ist, als solche bereits im Alphazet aufgehoben und mit Hilfe von Omas Silberbesteck verspeist. So gesehen ist jede Nachahmung bereits gegessen, bevor sie das Licht der Welt erblickt – gegessen, nicht verdaut, wie alles Unverdauliche, am Ende kommt jedes Stück so heraus, wie es eingespeist wurde, nur kenntlich geworden … kenntlich, das ist das Wort, man müsste es, anstelle des aus der Mode gekommenen Prangers, an öffentlichen Leseplätzen anbringen, ohne Zusätze, ohne Erklärung, ohne weiteres.

FAUSTRECHT

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Dass die Faust recht hat, dass sie gern recht hat, ist allgemein bekannt und bedarf keiner Nachfrage. Weniger bekannt scheint zu sein, dass sie nur gezwungen auf dem besteht, was ihr gutes Recht ist: das Recht nötigt sie dazu. Ungezwungen wäre die Faust ein Zeitgenosse wie jeder andere, ein wenig kauzig vielleicht, aber man ließe ihm das durchgehen. Gezwungen entsteht aus ihr ein Wesen anderer Ordnung, das sich holt, was ihm zusteht. Da ist ein Magnetismus im Raum, der alles, was herumsteht, ein wenig zu ihr hinüberbiegt, ein Stehen-zu, wenn Sie verstehen, was ich meine, unübersehbar für den, der sich in solchen Dingen auskennt, und das sind viele. So wird die Faust – wie gesagt, das Recht scheint sie dazu zu zwingen – für mancherlei zuständig, darunter ganze Bereiche, die sich ihr auf den ersten Blick zu entziehen scheinen. Es gilt aber der zweite. Im Grunde weiß niemand, welcher gilt, es ist auch egal, am besten sieht man nicht hin. So eine Faust ist schließlich ein Objekt der Furcht. Sie vor allem steht ihr zu, sie steht und stiert ihr nach, dass es einen juckt. »Ich hole mir mein Recht« – an einem solchen Satz erkennt man die Faust, bevor sie niederfällt und dem Recht die erste Quetschung beibringt, das noch nicht weiß, dass es ihr Recht ist und mit der Folgsamkeit zögert. So mag es der Teufel holen. Er ist ein Rechthaber, da kommt es auf zwei oder drei neue Rechte nicht an. Wir haben ja! Man kann sie nachschneidern, das hat keine Schwierigkeit.

FEHLERFREI

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Die, denen nichts fehlt außer dem Fehlen selbst, sind der Fehler. Das ist übrigens kein Kalauer, sondern die reine Wahrheit, Betonung auf ›rein‹, so dass kein Rest bleibt, über den sich diskutieren ließe. Viele Menschen sehen das anders, sie diskutieren gern, aber in so einem Fall müssen sie passen. Müssen sie? Sie müssen nichts, darin besteht ihr Vorteil und ihr Beschränktheit. Sie müssen nicht, sie können und wollen, vor allem letzteres, mit einem Schuss ›dürfen‹ dabei, das sie ablehnen, weil es sie verrät. Warum verrät es sie? Weil sie im Grunde Erlaubte sind, Leute, denen man einen Spielraum gegeben hat und in diesem Raum einen Spielgrund. Sie haben Grund zu spielen, weil sie von allem anderen ausgeschlossen sind, was nicht bedeutet, dass sie z.B. keine Kriege führen dürfen, selbst dieses Privileg besitzen sie, aber nicht in vollem Umfang. Sie dürfen, weil sie müssen und weil es ihnen vorgeschrieben wird, übrigens auch der Rahmen und die Ziele, für die sie es tun. Sie sind also, wenn es hart kommt, reine Tötungsmaschinen und dürfen als solche getötet werden. Eine schreckliche Konsequenz, über die nicht diskutiert werden darf, auf keinen Fall und unter keinen Umständen. Eine solche Diskussion wäre ›nicht produktiv‹. Und produktiv sein, das wollen sie, am besten an allen Fronten. Warum das so ist, wird man erst später erfahren, eine Ahnung davon geht um, aber etwas Genaues weiß man nicht.

FEHLLESER

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Man liest fehl, wie man fehlgeht, nichts ist natürlicher und regt die Menschen weniger auf. In Büchern kann man sich leicht verlesen, anders als in Menschen, an denen man sich bequemer vergeht. Das liegt daran, dass ihr Inneres unzugänglich bleibt und nur auf dem Weg der Selbstpreisgabe ein wenig Hokuspokus erlaubt. Der Wunsch, in Menschen zu lesen wie in Büchern – und in ihnen statt in Büchern –, ist uralt. Da die Buchstabenschrift an den Grenzen der Psyche endet, verzeichnen die Analphabeten hier einen leichten Vorteil, der allerdings dadurch entwertet wird, dass sie keine eigentliche Leseerfahrung besitzen. So bleibt die Psyche das bevorzugte Gebiet derer, die zwar lesen können, aber nicht ›zu lesen begehren‹. Vielleicht wollen sie ja, aber ein sonderbarer Zwang treibt sie in eine andere Richtung – der entschiedene Wunsch, ›etwas mit Menschen‹ machen zu wollen. Bekanntlich ›macht‹ man mit Büchern nichts. Nur Kindsköpfe türmen sie wie Bauklötze übereinander und konstruieren daraus Eigenheime, in denen sie sich bei Regen verkriechen. Wieder andere machen Geld mit ihnen oder werfen sie ins Feuer. Doch der Heizwert pro gesellschaftlicher Meile bleibt gering. In Zeiten, da die Bücher sich an den Rändern aufzulösen beginnen, da sie zur Netzform übergehen oder zur Unform, werden die, die schon weiter sind, gnädig. »Es geht um das Buch!« rufen sie mit erregter Stimme, man merkt ihnen an, dass sie den Fehlgang fürchten. Vom Umgang mit Büchern weiß zu berichten, wer einmal versucht hat, sie zu verkaufen. Den Büchern geht es um nichts, als Stapelware des Geistes genießen sie den heillosen Schreck, an der Sonne zu bleichen.

FERNE

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Alles Schreiben geht in die Ferne, aber die Menschen machen sich nicht klar, was das bedeutet. Sie wollen Rapport: sofort. Man kann das verstehen, aber nicht wirklich. Als Prestigemaschine ist das heutige Schreiben allen anderen Formen der Mitteilung unterlegen; wer ins Fernsehen drängt, sollte  Umwege scheuen, auf denen man bequem sein Leben vertrödeln kann. Die Zeit der Bücher ist nicht die Zeit der Menschen, die sie geschrieben haben. Auch verdient sie nicht wirklich Zeit genannt zu werden. Es ist etwas an ihr, das sich schwer benennen lässt. Sie ist durchlässig, eine Zeit mit Löchern, eine Art Sieb oder Fangnetz, durch ein Gewässer gezogen. Was sie fängt, ist die Aufmerksamkeit von Leuten, die einander nichts oder wenig zu sagen haben und sehr überrascht wären, wenn sich der Autor in persona in ihre Gedanken drängen würde. Goethe, Tolstoi, Proust: hätten Sie sie kennen mögen? Mit ihnen reden? Tagaus, tagein? Ohne Unterlass? Über alles mögliche? Das ist nicht Ihr Ernst. Oder Sie sind buchuntauglich und sollten an dieser Stelle das Lesen einstellen. So wie ein Autor nur für das wahre, das anomyme Publikum schreibt und sich vor Reaktionen bekreuzigt, so will ein Leser das wahre, das anonyme Werk, eine Folge von Buchstaben, die ihn überallhin begleitet, aber auf ihre, nicht auf Menschenart. Es gibt Leute, die Bücher verabscheuen, in denen es menschelt, in denen ein Autor fleischlich wird, sich am Ende in des Wortes Vollsinn erklärt. Von derlei Ergüssen mag etwas halten, wer will, sie sind erschrieben, so wie man etwas ertrickst oder sich ereifert, statt Eifer zu zeigen – oder ihn gar zu verbergen, was wesentlich effizienter wäre. Wer sich aber, wiederum in des Wortes Vollsinn, verschreibt, der kommt der Sache schon näher. Man verschreibt sich, wie man sich verläuft: auf einmal kreuzen sich alle Wege und man steht inmitten – von was auch immer. Verschrieben hat man sich mit dem ersten Wort, sofern es steht – wem auch immer, der Sache, dem Widersacher, dem Sachwalter, der vielleicht nicht ausbleibt. Da gehen die Leute hin und schreiben für die Lebenden, um etwas zu bewirken, etwas anzuschieben, um zu kämpfen, um zu zeigen, wie sehr sie dabei sind und auch gehört werden wollen. Aber man schreibt immer für Lebende, man kennt sie nur nicht. Die Autoritäten von heute, sie sind schon tot, sie hören kaum noch hin und lesen –... Lesen? Können sie das? Ist so ihr Leben? Ist das ihr Kampf? Wirklich lesen Menschen, bevor sie über den Köpfen der anderen auftauchen, danach brauchen sie Stoff. Wer ein richtiger Lieferant ist, wird immer den Unterschied leugnen. Daran erkennt man ihn und seinesgleichen.

FERNSEHEN

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Wer im Heiligen Officium nur den Hort finsterer Machenschaften und grausamer Beschlüsse sieht und darüber die wahrhafte Sorge um die richtige Auffassung vom Menschen vergisst, den bestürzend schütteren Stand der Rechtgläubigkeit in den sich christlich nennenden Gesellschaften der damaligen Welt und die sich daraus ergebenden Missstände, um das, was zu tun bleibt und was not tut, der hat vom Fernsehen nicht viel verstanden oder weigert sich, den Dingen ins Gesicht zu sehen. Man sollte auch den Anteil des Geheimen am Walten der Inquisition nicht willkürlich übertreiben. Sie hat es über Jahrhunderte geschafft, die Phantasie der Menschen zu beschäftigen, ihre bekannten Protagonisten waren in aller Munde und ihre Performances, vom freiwilligen Widerruf bis zum Autodafé, waren, neben allem anderen, wirklich gute Unterhaltung, professionell gemacht und beim Konsumenten äußerst beliebt.

FETISCHCHARAKTER

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Dass Kunst Ware ist, dass sie Ware sein kann, dass sie nichts als Ware sei, hat mehr Gehirne in Bewegung gesetzt als jede andere Bestimmung, die ihr angehängt wurde. Das ist verständlich, denn dadurch wurde sie Leuten zugänglich, die sich ansonsten leichter erhängten als ein Wort von dem zu verstehen, was da steht, oder denen diese Bildsprache jetzt nichts sagt. Seit das Wort ›Fetisch‹ im Raum steht, plappern sie unentwegt und sie finden, dass Kunst ein guter Begleiter ist, eine wirklich wichtige Sache, ein Stück Lebensart: »So wollen wir leben.« Unter dem Aspekt des größeren Glücks für die größere Zahl wäre es allemal besser, wenn sich die Künstler erhängten anstelle der Kunstliebhaber, leider war von letzterem nie die Rede. Der Fetischcharakter ist in der Kunst das, was die Gräten im Fisch sind: unerlässlich fürs Fortkommen, doch unendlich lästig und endlich gefährlich für den Genießer.

FEUERWERK

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Am Ende ist alles Feuerwerk. Das betont die Ratte mit feinem Akzent, als sie die Zündschnur durchbeißt und sich des ungewohnten Geschmacks wie einer fernen Morgenröte erfreut. Die sichere Distanz wird nicht ersessen oder erarbeitet, sie wird erjuxt. »Das ist nicht wahr«, schmollt das Tierreich, »einen Seufzer für jede Wohltat.« Die aufregendsten Langweiler sind aber die Hasen, ihre spröde und behende Art kommt aus dem hypertrophierten Gehör hervor wie der Schnaps aus der Flasche.

FILMSPRACHE

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Sprache, in der das Töten leicht fällt.

FILMTABLETTE

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Es gibt Kalauer, die man nicht ausführen muss. Nur soviel: keine Bambi-Verleihung und keine Bachmann-Festspiele werden den Antagonismus von Tabletten-Kunst und Literatur jemals besiegen können. Begründet liegt er in jenem ‑iteratur, im Wieder- und Wiederlesen, rein zeitlich im Verfügenkönnen über einen Gedanken, der einmal schriftlich fixiert wurde, und zwar an jeder Stelle, in jeder beliebigen Konfiguration. Das macht, abseits des Lesens, die ›Lektüre‹ zu einem so komischen Unterfangen: wer ein Buch einwirft, wie man Tabletten einwirft, der ärgert sich am Ende, den Film verpasst zu haben, oder er fühlt sich erhaben und ein wenig von der Welt im Stich gelassen, weil er sich soviel Zeit gelassen hat wie sonst kaum jemand. Er lobt sich also dafür, dass er so langsam ist. Vielleicht ist er das ja wirklich: dann ist das Buch sein Kino. Vielleicht hat er einfach zuviel Phantasie, die bei der Lektüre in alle Richtungen davongehen kann, während der Film sie mit Messerhieben traktiert. Oder das Gegenteil ist der Fall und der Film rauscht unverstanden vorbei. Nach aller Erfahrung ist das sogar die Regel. »Ach Gott, ja«: darin besteht die kathartische Anwandlung seitens aller Medien, die über die Zeit gebieten, verbunden mit einem dumpfen Wunsch nach Veränderung. Man könnte z. B. einen neuen Fernseher kaufen und sicher wird man jetzt das eine oder andere kritischer sehen als früher.

FLASCHENHALS

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Auf einer kleinen Anhöhe liegt das Kloster der bekennenden Immanentisten. Sie reicht aus, um es gut sichtbar werden zu lassen, doch fehlt jeder Anflug von Erhabenheit, die seine Bewohner mit an Inbrunst grenzender Überzeugung ablehnen. Mit ein wenig Ironie könnte man von einer Warft sprechen, aber das wäre gegen den Comment. Gern nennen sich die Bekennenden hart, obwohl sie die weichen Themen instinktiv vorziehen. ›Erkennen, was ist‹ lautet ihr Motto, es steht auf einem kleinen Schild über der Klingel. Übrigens mag man sie drücken oder auch nicht. Jede Annäherung haben sie bereits von weitem erspäht und wissen, wie sie den Gast zu empfangen haben. Nicht umsonst kaufen sie, so wie sich Gelegenheit bietet, alles angrenzende Land zu. Viele dieser Käufe bleiben unerkannt. Unmerklich verändern sie das Land, indem sie es mit Markierungen überziehen. Manch einer orientiert sich daran. Das merken sie und keiner ist ihnen in der Kunst der Wahrnehmung über. Wer diese Abzweigung genommen hat oder jene, wann und wo und wie, mit welchem Ausdruck im Gesicht – solche Fragen sind ihr tägliches Brot und, seltsam anzuschauen, ihre Gymnastik. Es gibt Grade weltfrommer Unbefangenheit, die sie aufs schärfste missbilligen. Aus den Zeiten, als ihre Vorgänger nur Protokollsätze zuließen, ist der Sinn für das Protokoll geblieben, das anderswo ›Etikette‹ heißt. Alles ist eine Zulassungsfrage, das haben sie klug erkannt und beuten es aus. So ähnelt der Eingang in ihren Bezirk einem Flaschenhals: Man sieht die Welt wie bisher, nur ein wenig verzerrt und grün oder rot oder braun angelaufen, je nach Tageszeit, und man fühlt sich an gewissen Stellen seltsam gehemmt. Wer nachgibt, darf gleichwohl erwarten, dass er, alles in allem, zügig vorankommt. Bleibt die Frage, ob man so aus der Flasche heraus- oder in sie hineingelangt. Zugelassen ist die Frage selbstredend nicht, wer sie trotzdem stellt, bekommt einen Cent.

FLUCHTTIER

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Die Flucht aus der deutschen Frau in die erotischen Sachwerte: ein maskuliner Renner, wenn man es recht bedenkt, über Jahrzehnte. Jeder Kulturkreis ist recht, wenn’s nur dem Spaß dient. Werde geliebt! Das ist ein Imperativ, kurios wie fast jeder. Werde geliebt – und möge die Welt darüber zu Grunde gehen. Welche Welt? Die Welt der gesellschaftlichen Imperative? Die Welt des mageren Selbstseins? Die Welt der einsamen Konsequenzen? Kein Zweifel, die Freiheit in der Bewegung hat demgegenüber etwas Befreiendes. Man hat sich frei gemacht und man ist so frei: ein ganz natürlicher Vorgang wie z.B. das Wäschetrocknen, das bekanntlich von selbst geschieht, sobald ein wenig Sonne sich einmischt. Die Sonneneinmischung in die intimsten Dinge, sie ist bekannt und, sagen wir, keine Geheimnummer. Es mischt sich auch manches andere hinein, manches andere, ja, auch der Sachwert, sagen wir, personalisiert sich nach einer Weile, eher früher als gedacht, das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Liebe, wem Liebe gebührt. Die Journaille nennt das Sex-Tourismus mit Spätfolgen, aber im Tourismus läuft die Tour anders, man hat es vermasselt und dient, nach allem, dem großen Transfer. Auf dem Missbrauchskonto steht groß und unbedarft und artikelfrei: Fremde.

FLÜCHTLINGSFRAGE

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Alle Welt kennt die Flüchtlingsfrage, alle Welt stellt sie oder zuckt mit den Achseln: Wohin mit den Flüchtlingen? Wovor sie flüchteten? Keiner weiß es, keiner fragt danach. Warum? Man weiß die Antwort im voraus: Krieg, Hunger, Ausbeutung, Verfolgung, Misshandlung, der sichere Tod. Warum fragen? Bedauern fällt leichter und hält weniger auf. Helfende Hände, dem Elend zugewandt: So sehen wir uns gern. So hätten wir uns gern. Nur tief drinnen regt sich leise der Unwille. Warum so viele? Warum jetzt? Könnte nicht das eine oder andere Elend warten? Könnte es sich nicht eine andere Bleibe suchen statt hierher auszuwandern? Hatten wir selbst gestern nicht schon genügend Sorgen? Wie wird es morgen sein? Was sich drinnen regt, dem schallt es draußen entgegen: »Wer hier? Freund oder Feind?« Wer seine Parole da nicht am Schnürchen hat, der sieht rasch alt aus oder wird es nimmermehr. Die Flüchtlingsfrage spaltet die Länder und Kontinente, warum? Weil jeder weiß, dass, was Menschen anrichten, vor Ort geheilt werden muss. Die Produktion von Flüchtlingen, die ihr Heil außer Landes suchen, muss gestoppt werden, wo immer sie anläuft, die Schuldigen, wo immer sie residieren und welche Immunitäten sie auch beanspruchen, müssen bestraft werden. Jeder weiß es. Wo Flucht ist, da ist Vertreibung, wo Vertreibung ist, da ist Unrecht, wo Unrecht ist, muss es bekämpft werden. Jeder weiß es, denn es ist unendlich einfach. Da lächeln die Verstrickten. So einfach, sagen sie, ist das nicht, sie haben, wie alle, Interessen und die Sorge um das Wohl der Menschheit geht vor. »Auch Flucht ist ein Geschäft, man muss die Renditen berechnen und langfristig denken. Flucht ist ein Lernprozess, in dem alle klüger werden. Ist es nicht das, was wir alle wollen: klüger werden? Darum übt euch in Barmherzigkeit, welche eine Tugend ist, denn sie macht euch klüger und uns wertvoller. Wenn ihr durch Schaden klug werden wollt: Ergreift die Chance! Da ist sie.«

FLUCHVERBOT

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Dass Fluchen, kommt es nicht von ganz oben, eine Form der Heterodoxie darstellt, ist allgemein bekannt. Du sollst nicht fluchen denen, die da oben für Ordnung sorgen, ist mithin die Regel, nach welcher der Fluchende, ob er will oder nicht, verfährt. Wie das? Dass er selbst die oberste Instanz sein könnte, erscheint ihm kaum glaubhaft. Eben deshalb will er es glauben machen. Die Leute können sich das Glaubenmachen nur als Nasführen, also als heuchlerische Verführung verständlich machen. So ist es nicht. Entscheidend für den Akt des Fluchens ist der Sprung, der sich in ihm vollzieht. Der Rausch des Glaubenmachens lässt den Fluchenden nicht unberührt, er erfasst ihn ganz und gar, er formt aus ihm keinen Gläubigen, aber er verhilft spontan zu dieser Empfindung des So muss es sein, ohne die unter Menschen nichts geht. Darin liegt das Geheimnis der Heterodoxie. Das Geheimnis der obersten Instanz hingegen liegt darin, dass sie niemals flucht. Jeder Fluch, jede Verfluchung ist ein Akt der Heterodoxie, die Einrichtung einer Fluchverbotszone für Anderstickende, die hier nichts zu sagen haben sollen, denn –. Man kennt sie gut, diese Denns, an denen ebenso viele Wenns hängen, auf dass die Verkettung der Schicksale kein Ende nehme.

FLUTWELLE

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Die Leute sondern ihre vorgeschriebenen Ängste ab, dass es einen schon nachdenklich macht. Aber wer schreibt sie ihnen vor? Menschen haben Angst, das ist bekannt, nur das Phänomen erklärt sich so nicht. Interessen, sagt der Kritiker: Interessen. Interessen sind das A und O der Marktgesellschaft. Also: die mächtigsten Interessen machen am meisten Angst. Man muss sich die Angstmacherei einmal praktisch vorstellen. Wer Angst macht oder verbreitet oder gemachte oder verbreitete Angst zu eigenen Zwecken missbraucht, der fürchtet sich nicht, jedenfalls nicht vor der Angst. Er betrachtet sie als gegeben. Auf dem Schachbrett der Mittel schiebt er sie dahin und dorthin, wo er sie gerade braucht. Wie er das macht? Ach du liebes bisschen. Schauen Sie sich um. Aber schauen Sie nicht zuviel. Es könnte Ihnen angst und bange werden. Warum ich das sage? Gegen einen Orkan, der im Gehirn wütet, sind die wenigsten gewappnet. Und selbst wenn sie es wären: Was sollen sie machen? Beidrehen heißt die Devise. Da tut es gut, ein Boot zu sehen, das, den sicheren Untergang im Hafen vor Augen, gegen die Flutwelle steuert.

FÖRDERWILLE

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Der Förderwille ist mit Sicherheit wilhelminischer Herkunft. Die ältere Förderabsicht verging mit dem barocken Regierungsstil, nur der Tourismus profitiert noch immer von ihr. Der Förderwille hingegen erweist sich bis heute als ungebrochen. Ihm verdanken sich bereits der Tirpitzsche Flottenbau, der märchenhafte Aufstieg Krupps und des Simplizissimus aus den Niederungen altdeutscher Borniertheit, späterhin die Filmwirtschaft und der Rennsport, schließlich die Atombombe und das Fernsehen und die Windräder und das deutsche Reedereigewerbe, aber auch die Rednergabe von Sozialpolitikern und die Kultur. Vor allem letzteres erscheint schlüssig, wenn man bedenkt, wie gering das Bedürfnis der Menschen ist, ohne staatliche Anleitung Messer und Gabel zu benutzen, die Schamteile zu bedecken, kulturell wertvolle Musik zu erzeugen und Theater zu spielen. Nur geballter Förderwille hält diese Funktionen in Gang und macht sie ausbaufähig. Hingegen muss das Schreiben nicht gefördert werden, es sei denn bei Legasthenikern. Das liegt daran, dass gute Texte sich von selbst schreiben. Bloß die weniger guten machen Schwierigkeiten, für die der Staat wohl nicht zuständig ist. Jedoch auch hier hat er seine Hände verdeckt im Spiel und es spricht für ihn, wenn seinen Vertretern die Schamröte ins Gesicht steigt, sobald einmal die Rede darauf kommt. Wer z. B. ist sich beim Schreiben bewusst, dass nicht allein die Kommata sich der staatlichen Vorratshaltung verdanken, sondern eine so wunderbare Sinnlosigkeit wie das ›scharfe S‹ ohne Hintergedanken der Macht praktisch bereits ausgestorben wäre? Aber wie wenig besagt das gegenüber der im Zweijahresrhythmus erfolgenden Ausgabe von Hochglanzwörtern. Nachdem sie in einer ersten Erprobungsphase dem Verkehr zwischen den Erwählten der Macht und ihren Planungsgehilfen Würde und Effektivität verleihen, beglücken sie in schönem hierarchischem Abstieg das nach unverbrauchtem Ausdruck dürstende Publikum. Tadelnswert ist der Staat dort, wo er sich mittels Verordnungen direkt in die Benennung der Weltdinge einmischt und in seiner grenzenlosen Naivität Menschen, Formen und Dinge durcheinanderwürfelt, bis jedes ein künstliches Geschlechtsteil im Gesicht trägt wie auf manchen Bildern Savinios oder auf dem Gemälde eines verrückten Wiedertäufers, der von den Gesinnungsgenossen in der Münsterschen Aa ertränkt wurde, zum Leidwesen seiner bis heute hier und da auffindbaren Bewunderer. Doch muss man zugeben, dass sich der moderne Staat auf diese Weise eine neue Schicht von Ministerialen erschafft, eine Art Dienstadel wie im frühen Mittelalter, Lehnsfrauen und -männer, die für ihn durch dick und dünn gehen, je nach Kleiderordnung.

FOKUSSIERAUSWEIS

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Einen Generationswechsel erkennt man unter anderem daran, dass die Leitwörter wechseln. Ich zum Beispiel – erzählt Rabe – hatte den lebhaften Eindruck, weggeräumt zu werden, als in den einschlägigen Kreisen das Fokussieren angesagt war, dieweil sein Vorgänger, die Konzentration, müde geworden der ewigen Anstrengung, vielleicht genervt von perfider Lagerhaft, durchs Hintertürchen verschwand. Psychologen empfehlen das Fokussieren fürs Leben gern. Es gibt ihnen das Bedürfnis, gebraucht zu werden und die Leistung zu erbringen, die dem schlaffen Gegenüber abgeht. Wer sich aufs Fokussieren fokussiert, dem soll es an nichts fehlen. Alles, was die Gesellschaft zu bieten hat, steht irgendwann im Fokus: dort steht es sich gut. Lästig sind nur die Preisschilder. Wenn sie bloß abgingen! Man sähe gleich, was dahinter steckt. So kauft man die Schilder und wird sie nicht los. – Wen scherts? Im Land hat sich viel getan. Auch die Alten fokussieren wie wild, der Bäcker nebenan zum Beispiel, ein Methusalem, der einfach nicht aufhören kann, ist ganz auf Vollkorn fokussiert. Warum nicht? Viele machen mit, um nicht erkannt zu werden, manche empfinden es als Verjüngungsbad. Was wissen wir schon! Genug immerhin, dass es zur Warnung reicht: alles Sinnen und Trachten ist für die Katz, sofern es an dieser Stelle über die Klinge springt. Nein, sie stehen nicht im Fokus, die Alten, ganz und gar nicht, und wenn, dann nur zur Demonstration, dass es noch Leute gibt, die das Fokussieren nicht von der Pike auf gelernt haben. Ja, sie lächeln, die Jungen, angesichts dieser scharf fokussierenden Alten, dann streichen sie das Lächeln aus dem Gesicht und werden ernst. Ein alter Fokussierer, mein Bruder, aber das tut nichts zur Sache, lebt vom Gnadenbrot der Gerichte – sie wissen schon, was er will, sobald er wieder antritt, und gewähren ihm kalt, was er heiß ersehnt: die Gnade der Demütigung.

FOLGEGEISTER

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Da nichts ohne Folgen ist, gelten die schwebenden Geister dieser rätselhaften Strömungen, personifiziert nach ihrem jeweiligen Anstoß, nicht nur als Verfolger einer bereits rückwärts eilenden Vergangenheit, sondern selbst als Bedränger der Zukunft, die ja auch von ihnen verfolgt wird. Durch das öffentliche oder auch einzelne Schicksal bis weit in die Zeiten vor der Geburt eines Menschen hat man die Folgeister entweder als drängende oder fliehende Macht, schädlich entschwebend oder boshaft kommend, im Rücken oder selbst im Kopf und im Schlaf und zumeist als Flecken der schmerzenden Zukunft mitten im Auge. Verfolgt wird von allen Seiten, daran hat sich seit Ewigkeiten nicht das geringste geändert.
Der seit Urzeiten uns bedrückende Seelenrucksack war anfänglich nichts als das Netz und der Schnappsack eines beginnenden Daseins, das sich früh der Natur zu entziehen begann. Am Feuer magisch entleert lasen schon in frühesten Zeiten Frymerker, die Vorläufer der Poeten, den Inhalt, als wären es Kräuter der Luft. Wandernde Kinder fingen sie ein. Im Cruciatus Animae des Feuervaters vom Lichteler Wölobrunn sind Schuld und Schicksal von Kindern gesammelt – entweder quälende Lasten im Rucksack oder schmerzende Flecken im Auge. Indogermanischen Ursprungs, lange vor dem Buddhismus, galt das verwirrende Schwebegesetz der Folgegeister, in zweierlei Form vereinfacht, als Schuld und Schicksal oder Schicksal und Schuld, und ward so zur Ursache jeder Philosophie als Netzwerk ohne Erlösung.
Im Prinzip ist der Folgegeist dem immerwährenden Unheil eingebunden und zwar »gleichen Ursprungs, aber geteilten Wesens«, eine Wesensbestimmung, die auf dem Konzil zu Ephesus von den Magiern unter den Christen Athens im Namen des gekreuzigten Jesus »wider die Wohltaten Gottes« durchgesetzt wurde. (Siehe auch die Gottblätter des Homomaris in Köln.) Erst mit dem Aufkommen der Gnade verendete diese neue Geburt einer ausschließlich menschenbezogenen Jesusphilosophie unter den Segensfäusten der Theologen mit »fauler Psyche«. Noch wenig bekannt ist, dass die Folgegeister, von welcher Seite auch immer sie wirken und woher sie auch kommen mögen, ob aus der Natur vor oder nach der Schöpfung, von höher geordneten Supergeistern verfolgt werden und im mal governo schlimme Bedrückung erleiden. Sie wüten und strafen im Niederen und erleiden die Folgen – von vorne bedroht und von hinten bedrückt durch die Sonderform der infinitas animalis – bis in unendliche Zeiten.
So zeigt sich im ältesten Werk der bildhaft strafenden Metaphysik, bei Dante, »des Geometers Bogen« am Ende tatsächlich ja nur als erster Kreis der Ewigkeit, den der Zirkel als farbige Luft fahrlässig durchstochen hat. Dieser erste Kreis empfand durchaus noch den Schmerz seiner Deutung und entwickelte Folgen, die einem höchsten Zeichen Dantes nicht eigen sein dürften. Dieser höchst künstliche Sonnenschein in all seinem Leuchten war eben noch immer ein menschenverwandter Anfang.
In der Nachfolge jener verdrängten Urchristen Griechenlands wird die Vermessung des Geistes durch falsch durchstochene Luftbilder als schmerzende Seelenfolge betrachtet und seine Weiterentwicklung im Kreise der Kaleidoskopen den Schattenforschungen (Folgenforschungen) zugerechnet. Diese wiederum spielen in der poetischen Heilkunst die Rolle, den geistigen Schmerz kollektiver Strömungen zu erforschen. Es heißt beispielsweise bei ihnen: »Gemessener Geist, (es ist hier die materielle Intelligenz gemeint) treibt den Kopf an falsche Altäre.« Oder auch : »Wo der Zirkel der objektiven Wahrheit den Geist durchsticht, entsteht der schmerzhafte Irrtum«, oder: »Man durchbohre den Geist nicht außerhalb seiner selbst.« - PM

FOLTERKUR

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Jedermann sieht die Spur der Verwüstung, die die Wissenschaften vom Menschen hinter sich herziehen, ihr ewiges Zu-kurz-Springen, das die neuesten Forschungsergebnisse mühsam verdecken. Morgen schon werden sie Schnee von gestern sein, ein müdes Lächeln im Gesicht der Auguren. Doch heute tun sie ihre Schuldigkeit, daran besteht kein Zweifel. Jedermann schweigt, er ist niemand, eine Theaterfigur, und wer geht schon ins Theater. In kaum jemandem hat das sang- und klanglose Ende der Freudschen Dampfturbine, ›Psyche‹ genannt, den Verdacht aufgerührt, das Spiel der Enttäuschungen könnte weiter gehen, viel weiter als die methodisch gesäuberten Phantasien derer erlauben, die heute dran sind. Auch das Computermodell des Bewusstseins ist vielleicht nicht aller Tage Abend. Dahinter steckt System. An dieser Stelle nicken viele heftig, die in ihrem Leben keinen einzigen wissenschaftlichen Gedanken zu fassen imstande sein werden. Aber wer ist das schon. Kaum jemand schweigt, das ist sein Markenzeichen, er kann nicht anders. Dieses vertrackte Schweigen... niemand beherrscht es so gut wie er, zwischen beiden herrscht eine Konkurrenz, die keiner sieht, denn dieser sieht immer. Keiner, pflegte Großmutter zu sagen, weiß, was er sieht. Vertraue niemand! Ein verwegener Rat, wie man sieht, der letzterem eine Verantwortung aufbürdet, unter der er zusammenbricht. Hinter dem stürzenden Niemand steigt Jedermanns Standbild steil in die Höhe: Wer bräche da ins Knie? Umspült von Wissenschaft, ein Opfer subtiler Folterkuren, ist keiner so wenig beschlagen, dass er durchschaut werden könnte. Warum auch.

FORESTIER

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Können Verse narren? Spiegeln sie ein Leben vor? Sind sie deshalb verwerflich? Diese hier wurden verworfen, weil die Einsicht in ihr Mittelmaß unmittelbar der Erkenntnis entstieg, dass man gefoppt worden war. Warum gefoppt? Ist Literatur nicht fiction? Wurde der Comte de Lautréamont etwa von einer übellaunigen Kritik geschasst, als Monsieur Ducasse zum Vorschein kam? Der ganze Vorgang ist äußerst lächerlich – ein Stück Nachkrieg, dem das Wasser am Halse steht. In Wirklichkeit tickte das Wort ›Waffen-SS‹ in der leeren Brust eines ›Frühvollendeten‹, den es so nie gegeben hatte, und niemand wollte in der Nähe sein, wenn es hochging. Stattdessen erwischte es einen Nobelpreisträger, doch da war ein halbes Jahrhundert verstrichen. Seltsam die Rolle des aus dem nationalen Bewusstsein verdrängten Georg Forster im Hintergrund, als Namenspender für einen Angeber, den die Vorsicht zur Tollkühnheit trieb.

FORTSCHRITT

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Bei der unbekannten Größe und Form aller Dinge die unbekannte Richtung als euphorischer Weg in die scheinheilige Nullität der Geschichte, denn diese allein wird von nun an von uns für gewiss gehalten. So bekommen wir diesen Wegweiser des Narrentums, von den wilden Windrichtungen der Windrose weit entfernt, durch die Einseitigkeit eines Weges nach rückwärts. Wir haben die blitzhaft zuckende Poesie von Himmel und Hölle verdrängt für die stille Null eines Nebels von gestern. Sie macht selbst die Erde bodenlos, mit all ihren technischen Löchern, das sind gerade die Nullen, ebenso die der Granaten wie der Bohrlöcher.
Dieser Schwebezustand aus Glaube und Technik verläßt die Ställe Darwins mit Geruch und Geräuschen aus den maskierten Ärschen der Teufel, wie sie auf gotischen Tafeln gemalt worden sind. Denn tatsächlich blickt hier die Steißgeburt des Verstandes nach rückwärts. Zuerst in die Gewissheiten der Materie, dann in die künstliche Unnatur der Selbstbarbarei und schließlich auf die Schlachtfelder der Gemeinheit als großes Regietheater der Geschichte. Die Blicke werden gemessen, sie werden berechnet und bilden so die schrittweise explodierenden Gewissheiten, gleichsam die Artillerie der Verblödung. Indessen steht die verkommene Aufklärung mit dem gesenkten Phallus als Fackel aus Gummi kreischend daneben, als sei sie soeben vom Lautsprecherwagen einer Love Parade geklettert, um dem Menschenzoo näher zu sein. - PM

FRAUENBEIN

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Das wohlgeformte Frauenbein gibt es nur aus besonderem Anlass. Allein die wahren Inhaberinnen des Fleisches haben nichts zu verbergen und zeigen, was sie haben, bis an die Grenze, an der es verschwimmt. In diesem Frühjahr schaffen es selbst die an Jahren fortgeschrittenen Frauen, dass ihre Beine sich wie schwarze Würmer aus den angesagten hemdartigen Bekleidungen zu Boden ringeln. Was das alles bedeuten mag? Man sollte sich notieren, in welchem Jahr man sich bewegt, wenigstens das, bevor alles in einem anderen Einerlei aufgeht, das, wie jedes Einerlei, nur die Notdurft über dem Vielerlei zeigt.

FRAUENFEINDLICH

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Die Frauen in den liberalen Gesellschaften werden dieses Etikett noch gründlich verfluchen, wie es einige ja bereits tun. Es räumt Widerstände dort weg, wo sie vielleicht dringend gebraucht würden, um schreckliche Rückschläge zu vermeiden oder auch nur, um dem klassischen Eignungsdilemma auszuweichen. Aber es geht ihnen bloß wie der mobilen Gesellschaft mit dem wachsenden Wald der Verbotsschilder: sie blockieren das Denken an Stellen, an denen es sehr zu empfehlen wäre. Die beamteten Macher fürchten das ewige Problematisieren, sie wünschen freie Fahrt. Das Wort ›wirtschaftsfeindlich‹, weniger gefragt zu einer Zeit, in der sich die staatlichen Instanzen vor Willfährigkeit überschlagen, wirkt da wie ein Menetekel: einer Macht, die alle Türen eindrückt, wird man niemals Genüge leisten. Auch diese Macht ist nicht die Wirtschaft, sie versteckt sich in, gelegentlich hinter ihr und möchte nicht genannt werden. Die Macht des Wähnens ist herrenlos: eine Karte, die jeder zückt, der sie zufällig in die Hand bekommt. Manche Hände halten sie auffällig oft.

FRAUEN-GHETTO

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Eine interessierte Gesellschaft behandelt die Frauen in summa und sperrt sie damit nachhaltig ins Frauen-Ghetto, das gerade zu öffnen sie ihnen versichert. Das gibt eine schöne Empörung, die sich in Feuilletons und dem kritischen Buch der Saison zu entladen weiß. Und sie bleibt wahr, solange es keiner Stützungskäufe bedarf, um die Währung ›Frau‹ vor dem Absturz in die gefährlichen Regionen des Weiblichkeitswahn zu bewahren. Nicht ob die Frauen mit den Verhältnissen, wie sie sind, zurechtkommen, ist die Frage, sondern ob man sie zurechtkommen lässt. Alles Zurechtrücken von Frauenbildern erzeugt nur Mode und Maskenbildnerei, alles Unterschieben von Fördermitteln und Extragewinnen aus Geschlechteranteilen steht im Verdacht, einem Weltbild zu huldigen, das der Apollonius von Tyrland, ein Ritterroman des späten Mittelalters, bündig zusammenfasst: »Ain weyb ist ain halber man«. Auch damals ging es um Frauenförderung, gelegentlich wäre es an der Zeit, sich auf die Wurzeln zu besinnen.

FRAUENSACHEN

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Immer, wenn die Frauenfrage gerade entbrennt, trägt sie den neuesten Schick, und immer verabschiedet sie sich in den Gewändern der Suffragetten von anno dunnemal unter der Versicherung, darum gehe es nun wirklich nicht mehr und frau hätte andere Sorgen. Übrigens ist das nicht nur eine Angelegenheit wechselnder Zeiten, sondern auch wechselnder Gemüts‑ und Lebenslagen, was ohne weiteres einleuchtet, weil die sogenannte Frage, genau betrachtet, ebenso wenig existiert wie sie nicht existiert. So wenig sie einst durch die überfällige, ein Jahrhundert lang aufgeschobene rechtliche Gleichstellung abgetan werden konnte, so wenig bringt die administrative Frauenförderung sie einer abschließenden Lösung näher. Stattdessen bringt sie, neben Vorteilen für Schnellentschlossene, neue Stressmodelle zum Tragen und wirft Fragen auf, die unbedingt beantwortet werden müssen, falls man sie nicht gerade vergessen möchte, weil eine bestimmte Art zu fragen mehr an den Abgründen kratzt als konstruktive Potentiale entbindet. Eine ethische Dimension allerdings hat die Frauenfrage und vielleicht liegt in ihr die Frage der Frage selbst beschlossen. Man kann die Frauen nicht fragen, was ihnen frommt, um diesen etwas altväterlichen Ausdruck hier zu benützen. Natürlich kann man sie fragen, kreuz und quer, mit Häkchen und Kreuzchen und ja und nein und Präferenzen und ›weiß nicht‹, aber diese Antworten bleiben stumm, weil sie immer nur Auskunft darüber geben, wie es die anderen halten. Die Lage der Frauen ist so, dass ihr bloßes Frausein nirgendwo ihre Interessen begrenzt oder ›definiert‹: so weit, immerhin, sind die Dinge nun wirklich gediehen und niemand sollte Uhren willkürlich anhalten, am wenigsten Uhrmacher.

FRAUSEIN

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Wer die sogenannte Frauenliteratur ein dürftiges Zeug zu nennen wagte, hätte sie alle gegen sich. Dennoch empfinden die meisten Frauen so und geben es unumwunden im privaten Gespräch zu Protokoll. Sie schütteln den Kopf über die Männer, die nichts zu bemerken vorgeben, die, wie immer, positiv entflammt sind, und wissen Bescheid. Kalt taxieren sie die Motive derer, die den großen Wandel der weiblichen Lebensformen, das neue Selbstbewusstsein und die ererbten Einstellungen, die darin fortwirken, zu erwünschten Geschichten und angesagten Begriffsmustern verarbeiten. Warum das so ist? Sie kennen das Schweigen, das im weiblichen Schreiben fortdauert, zu gut, um sich über seine Ziele zu täuschen, während die Männer diesem wie allem Schreiben eine Art von Hilflosigkeit entgegensetzen, als müssten sie den Sinn darin gegen den Widersinn der Subjekte ertrotzen. Zu den Asymmetrien der Kultur gehört, dass Frauen die besseren Biographien schreiben, weil sie, anders als die Männer, nicht immerfort werten und sich dadurch das Beste entgehen lassen. Über das Schweigen ist viel geschrieben worden, darin liegt ein kaum zu vermeidender Fehler. Es schweigt sich schwer über etwas, dessen Auswirkungen man alle Tage erlebt. Wäre es aufzulösen, so wäre es längst verflogen wie so mancher Hautgoût, den man nicht wegzubekommen meinte. »Wer viel redet, verschweigt viel« – das mag gelegentlich richtig sein, sollte aber um die Anmerkung ergänzt werden, dass nicht alles, was jemand verschweigt, privater Natur sein muss. Man verschweigt gern, aus Diskretion und anderen Gründen, was das Geheimnis aller ist. Von ihm handeln die guten Biographen unter dem Schleier des Persönlichen. Die ›Bewegten‹ erklären die Person gern zum Konstrukt, das heißt, sie sind drauf und dran, das Geheimnis auszuplaudern, aber es gelingt ihnen nicht, denn es ist unaussprechbar, die Sprache scheut vor diesem Punkt zurück. Person oder gar nicht sein – die Alternative gilt vielleicht eingeschränkt für die vielen gesichtslosen Funktionsträger, die vergeblich nach Büroschluss ›nach Hause‹ streben, wohl wissend, dass sie dort nichts erwartet. ›Frau‹ wird man so nicht.

FREIGEIST

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Es handelt sich bei ihm um ein vollkommen anderes Wesen, als es sein vermeintlicher Ursprung aus der neueren Vernunft vermuten lässt. Der wahre Freigeist ist vom Schnee der Blindheit umhüllt, ein empfindsamer Schneemann, der die treibenden Flocken des Neuschnees als durchsichtige Gedanken empfängt und mit dem Kern seiner erfrorenen Tiernatur zu verbinden weiß. Die rote Möhre, die ihm die Kindsnatur seiner Verehrer in den riesigen weißen Kopf stößt, macht ihn in der einfachsten Weise blumenhaft. Mehr Schönheit duldet er nicht. Der Rauch der Feuer in den Kaminen ist ihm zu seiner Zeit, wenn er sich draußen sehen lässt, lieber als das Feuer selbst, denn auch sein ganzes Gemüt ist weiß wie Schnee und entsprechend empfindlich gegen die Hitze. Die Freigeisterei bestimmt ihn, kälter zu leben als andere Menschen, feuerfrei ist für ihn keinen Flintenschuß wert, vielmehr horcht er an den öffentlichen Türen, ob die törichten Freuden um den Kamin, politisch gefärbt, die Geschichte entstellen. Die Übereinkunft der Lügner macht ihn noch kälter. Seine kleinen Verehrer liefern ihm die aufgeschnappten Tabus und lassen auch sie, mit dem Freigeist gemeinsam, von Neuschnee bedecken. - PM

FREIHEIT

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Umsetzungsauftrag der Geistesmusik, sowohl von Beethoven wie Bruckner. Ein Kriegsbegriff der Erlösung wohnt ihm inne und selbst Napoleon konnte nur auf diese Weise von Hegel als Weltgeist erkannt werden.
Die schwarzen Sklaven sangen bei ihren Aufständen auf Haiti: »Grenadiers à l’assaut! / Ça qui mouri zaffaire à yo!« »Wer stirbt, ist selber schuld.« Eine gewaltige Erkenntnis zum wahren Freiheitsbegriff, der vom Christentum weit entfernt ist. Vielleicht heute noch in Indien begreifbar.
Der Grundzug dieses Erlösungsgedankes besteht wohl darin, das Magma der Erde durch die Schächte der Finsternis empor zu drängen, um, oben angelangt, die Äcker so fruchtbar zu machen, dass sie, mit Weinbergen bedeckt, dem Brot noch den Wein hinzufügen können. Vulkanismus hieß dieser dem Geist der Urmutter Gaia und dem Bacchus entsprechende Fruchtbarkeitskult, der, trotz der strengen Sitten der Römer, seit Scipio-Asiagenes als berechtigte Trunksucht im Geiste vulkanischer Erdunterstützung geduldet wurde. Durch die Nutzung der geweihten vesuvischen Erde wurde der heilige Wein an den nachmaligen Hängen des Lacrima Christi von beiden Gottheiten geschützt. Heilige Trunksucht und lateinischer Erdmagnetismus sind hier eng und wohl auch dionysisch miteinander verknüpft. Selbst die Gänse des Kapitol wurden seit jener Zeit mit Brotbrocken ernährt, die zuvor in den köstlich braunen vesuvischen Rotwein getunkt wurden.
Die bedeutenden Suffragetten Italiens waren bei ihrer Gründung 1878 noch so klug, die Kapitolinischen Gänse zu ihrem Wahrzeichen zu wählen, und das altehrwürdige Ristorante Oca di Roma an der Milvischen Pforte war bis 1923 ihr Vereinslokal.
Die Freiheit, für sich genommen, ist ohne Verfügung durch Götter saturnisch-chaotisch und reine Kunst, die indessen bezeichnenderweise und lange genug, bis zur Erfindung der Stahlfeder, von Gänsekielen begleitet wurde. - PM

FREITREPPE

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Sie trieben das Buch über die Freitreppe hinauf und verfolgten es in die hintersten Räume, wo sie es endlich stellten: so entsprang hinter der Bibliotheca Laurentiana der St. Lorenzstrom der Literatur, in dem es von Monstern wimmelt, vor denen sich jede Haifischflosse verzieht. Das Ungeheure, zum Ereignis geworden, diminuiert sich selbst und seine Umgebung, das bewirkt der Schatten, den es wirft und in den es sich stellt, als sei er der große Bruder und verfüge über alle Mittel, den Kampf zu beenden, bevor er begann. Welchen Kampf? Das ist das Geheimnis aller Piraten. Freischärler, Aufständische aller Art haben davon gekostet und Blut geleckt, am Ende hat man sie totgeschlagen. Im Kampf der Deutungen leben sie weiter, Blutsäufer auch als Schattenwesen, mit Brille und Haarnadel, als kämen sie frisch vom Trödel. Nichts liegt ihnen ferner, nur das Herabschreiten beherrschen sie, als ginge es immer noch himmelwärts. Wo sie irgend Grund berühren, ergreift sie die Wallung. Deshalb hält man sie hoch, so gut man kann. Über alle Köpfe hinaus, über die Herzen: sie leben doch, die Guten.

FREIVOGEL

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»Meinen Großvater hat man erschossen, die Waffe über der Schulter, das rauchende Wild in der Hand – auf frischer Tat ertappt, wie es heißt. Gern würde ich mich an sein Gesicht erinnern, doch das ist ausgeschlossen, ich war nicht dabei. Vielleicht hat man ihn gar nicht erschossen? Vielleicht wurde er weggesperrt und die Familie will nichts davon wissen? Sie wäre die erste nicht. Ich gehöre zur Familie, ich bin ein Teil von ihr – warum sollte gerade ich wissen wollen? Nein, ich will es nicht. Erinnern will ich mich – wenn es sein muss, auf eigene Faust. Diese Faust … sie ist das einzige, was ich habe, sie will geschwungen sein, egal, wieviel Kraft in ihr wohnt. Der unbändige Wille zur Erinnerung treibt mich in die Wälder, ich habe mir eine Waffe besorgt, ganz legal. Woher kommt es, dass ich mich vogelfrei fühle? ›Vogelfrei‹ ist vielleicht nicht das richtige Wort, ich will mich keinem Vogel vergleichen, höchstens einem schrägen, manchmal trifft man einen im Walde. Aber meinesgleichen war nie dabei. Ich bin, der ich bin. Wem soll ich es sagen? Bin ich ein trotziges Kind? Wem will ich trotzen? Der Witterung? Das lässt sie kalt.«

FREMDGEDANKEN

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Fremdgedanken sind heimliche Gedanken, also solche, von denen der Organismus unwillkürlich annimmt, dass sie sich einem Fremdgehen verdanken, und die er deshalb zu verheimlichen strebt. »Welcher Organismus«, fragt G., er scheint zerstreut zu wirken. Keine Ahnung, was ihn gerade beschäftigt. »Lieber G., du hörst mir nicht zu, sonst wüsstest du gleich, wovon ich rede. Wäre es anders, so wärest du nicht gerade jetzt mit anderem beschäftigt. So aber weißt du recht gut, dass deine eigensten Gedanken dir am fremdartigsten erscheinen. Was soll das schon heißen: dir? Wenn du das Tier darin nicht erkennen willst, ist dir nicht zu helfen. Warum auch? Wenn Gedanken sich in Tiere verwandeln, wenn sie eine fremde Witterung annehmen, wenn sie beschnuppert werden wollen, wenn ihre Anziehung mächtig ist, obgleich ihre gedankliche Potenz gering erscheint, dann deshalb, weil der Organismus mit ihnen etwas anfangen kann und folglich bereits angefangen hat. Welcher Organismus?« »Lieber A., du hörst mir nicht zu: gerade das war meine Frage. Aber da du sie nicht beantworten kannst, will ich es versuchen. Was du gedankliche Potenz nennst, ist nur das wundersame System aus sich gegenseitig stützenden Annahmen, in denen ein einzelner Gedanke steht wie im Garten Eden. Diese Annahmen sind viel zu komplex, um präsent zu sein, sie werden vertreten von etwas flächiger geratenen Vorstellungen, die man die liebgewonnenen nennt, doch das ist ein Thema für sich. Aber das einfache, starke Gefühl, das damit gemeint ist, wird durch deine Fremdgedanken Lügen gestraft. Sonst noch Fragen?« »Du meinst...?« »Jeder Fremdgedanke ist ein Abschied vom Paradies, er spricht dem Einverständnis Hohn, das zwischen den Beteiligten herrscht. Sei unbeteiligt! Nur so viel, dass der Abschied in dir eine leere Hülle findet.«

FREMDHEIT

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Zu Beginn und am Ende des Rennens überwiegen die Fremdheitsgefühle. Wenn die verzerrten Gesichter zurücktreten, wenn die Schwelle höher liegt als erwartet und die Distanz kurz erscheint, wenn die Leute, an denen man vorbeizieht oder deren wortloses Gekeuche einen eine Zeitlang begleitet, so belanglos und selbstversunken erscheinen, dass es dich graust, wenn das Rennen ebenso entschieden wie nutzlos zu wirken beginnt und die Strecke sich in lauter Nebenwege verzweigt, während die aufgewirbelte Aschewolke einen zweiten, künstlichen Horizont zeichnet, der jeden, der sich umblickt, erschreckt, wenn plötzlich die Toten, ausgeruht, wie es scheint, neben einem auftauchen und sich nicht um das angeschlagene Tempo zu kümmern scheinen, wenn Leute, mit denen man früher das Ziel zu teilen glaubte, aus ganz anderen Vergangenheiten hervorzuströmen beginnen, dann verwandelt sich der Läufer in einen von jenen Schachspielern, die fast menschengroße Figuren auf schwarzen und weißen Flächen herumschleppen, immer in Angst, die Anordnung der Felder aus dem Auge zu verlieren und sich an falschen Rändern in Illusionen über das Spiel zu ergehen. Er verwandelt sich und läuft dabei weiter. Wohin? Wenn er das wüsste, dann wäre ihm vielleicht wohler. Er weiß es aber nicht, deshalb bleibt auch das bloß Vermutung.

FRENETISCHE PRIVATHEIT

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Dischko, mit diesem unfassbar feinen Gehör begabt, regt an, als PolitikerInnen nur zuzulassen, wer sein privates Dasein unmittelbar in Politik zu überführen vermag. »Kosmos, Oikos, Phrenos« sagt er mit einem leicht drohenden Unterton, man kann nicht unterscheiden, ob er damit meint: ›Wie der Herr, so’s Gscherr‹, aber aufgrund seiner nicht geschlechtergerechten Sprache scheidet der Spruch ohnehin aus. Es gibt auch andere, die man zitieren könnte, doch worum es dem Autor geht, ist die Vereinbarkeit. »Geht doch!« ist seine Standardformel, wenn die Durchstechereien von Leuten ruchbar werden, die behaupten, sie könnten ihre eigene Steuererklärung nicht lesen. »Geht doch!«, wenn sich Leute nach einer Nacktstrecke warm anziehen dürfen. »Geht doch!«, wenn die Ministerin eine Pferdezucht und Kinder wie Orgelpfeifen vorweisen kann. »Geht doch!«, wenn der Gesamtschullobbyist seine Kinder aufs Gymnasium schickt, »Geht doch!«, wenn die Haushaltsexpertin nach einem häuslichen Anruf unwillkürlich in die alte Rechtschreibung verfällt, »Geht doch«, wenn die verunsicherte Hinterbänklerin ihre illegale Putzfrau gegen eine Fortbildung tauscht, »Geht doch!«, wenn der Herr Amtsanwärter mediengerecht die Klinken seiner Frauen putzt, um zu zeigen, dass ein Mann nicht nur Nerven, sondern auch Psyche besitzt, »Geht doch!«, wenn dem Eurokommissar die Tabakkrümel vom Anzug rollen und das Geschwader der CO2-Reduzierer seine Urlaubsmaschinen besteigt. Was geht und was nicht geht, geht selten zusammen, allenfalls die Treppe herunter, dann wird es sichtbar. Wie sie hinaufgekommen sind, wer soll das wissen? Man wird PolitikerInnenkarrieren als ordentliche Staatsgeheimnisse zu behandeln sich entschließen müssen, damit die Ausgießung des Privaten in Form von Gesetzen und Verordnungen ungehinderter vonstatten geht, als dies heute bereits der Fall ist. Der Schein der Sichtbarkeit sollte die Ersten unter Ihresgleichen umglänzen, nicht umwabern, wozu gäbe es sonst Reformen.

FRESSE

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Sobald die performance beginnt und die angehübschten Interessenvertreter sich vor den Studio-Kameras das Wort aus dem Munde nehmen wie ein falsches Gebiss, versinken das Leid und das Elend der Welt und die Sorge um die gemeinsame Zukunft zeigt, was manch einer eine Fresse nennt.

FREVEL

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»Der Frevel ist stets eines Steinmetzen Kappe gewesen.« So heißt es in Christian Lodendorffs Schrift Über die Spitznamen des Teufels. Die Kappe war ursprünglich die gebräuchliche Mütze der Steinmetze, der ›Mäzenes‹, bei der Arbeit auf hohen Türmen. Als Windmütze bestand sie aus Leder und aufgenähen Plättchen aus Alabaster, gelegentlich wohl auch aus Schiefer. Im Umkreis des Kölner Doms oder an ähnlichen Plätzen in Straßburg, Ulm oder Speyer fand man sie haufenweise sowohl aus Pergament wie aus Ziegenleder.
Neuerdings fand man sie auch bei Lützen und Magdeburg als billige Sturmhauben ärmerer Landsknechte, wodurch ihr Name wohl erst in Verruf geriet, denn diese wüteten (›frevelten‹) am ärgsten. - PM

FRIEDENSPACHT

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Kleine Schwester der Friedensdividende, die einstreicht, wer friedfertig und reinen Herzens ist. Die kleine Schwester trägt, wie so oft im Leben, Bosheit im Herzen und lächelt süßlich, sie hat den Frieden gepachtet, aber die Pacht läuft aus und keine Verlängerung ist zu erreichen. »Friede!«, säuselt sie unentwegt, »Friede, Friede, Friede!« Sie lässt sogar Plakate drucken, auf denen weiter nichts steht, nur das kleine Logo am unteren Rand weist darauf hin, dass es ihre Plakate sind und die Botschaft ihr gehört, ihr ganz allein. Das ist zwar gelogen, aber sie kann so bitterlich weinen, dass man nicht weiter darauf beharrt und ihr zur Aussöhnung einen Fuffziger schenkt. Das macht sie wieder froh und lässt ihre Äuglein glänzen.

FRIEDHOFSKULTUR

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»Friedhöfe – das Gedächtnis unserer Stadt.« Man muss den Satz zweimal lesen, um seine Ungeheuerlichkeit zu begreifen. Beim dritten Mal fällt einem ein, wieviel schlichtes Wissen um die menschlichen Dinge beerdigt wird, sobald es einer Theorie beifällt, Gedenk- und Gedächtnisorte so miteinander zu vermengen. Dabei sind selbst die Gedächtnisorte ›im engeren Sinn‹ wie Bibliotheken, Archive, Museen nicht ohne Tücke. Allzu oft vernebelt die Rede vom kulturellen Gedächtnis den einfachen Tatbestand, dass Gedächtnis ohne Bewusstsein nichts weiter ist als eine Schimäre. ›Da drinnen‹ findet es statt, nicht in reizvoller Innenstadtlage mit anhängigem Cafébetrieb. Aber was heißt schon Bewusstsein angesichts von Leuten, die einem mit starrem Blick versichern, das sei ihnen durchaus bewusst. Sie haben es nicht besser gelernt; nichts anderes besagt ja die Theorie, die sie instinktiv für richtig halten, weil ihnen der theoretische Sinn abgeht, den sie ›im Betrieb‹ täglich unter Beweis stellen müssen. Dass sich Unsinn tradiert, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Man muss nur die Inschriften auf den Friedhöfen lesen, um zu wissen, wie im Erbfall gelogen wird. Insofern sind die Gedächtnisse, immer hübsch im Plural, der Friedhof der Vergangenheit. Kein Gedanke ist Vergangenheit – er ist Gegenwart oder gar nicht, wie die Würmer, die ihre Bahn durch die teuren Toten ziehen und dafür sorgen, dass nichts Nennenswertes von ihnen erhalten bleibt außer ein paar Knochen, an denen jeder Gedanke versagt.

FRUCHTBARKEITSRATE

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Wer zur Fruchtbarkeit rät, der gerät rascher an sie, als ihm lieb ist. »Seid fruchtbar und mehret euch!« Das ist biblisch, aber den Bibelkundigen wächst es zu den Ohren heraus, vielleicht auch zur Nase, man sieht solche Leute nicht an, weil ihr Ansehen ohnedies groß ist. Mehrt sich die Menschheit, so mehren sich die Bedenken. Allerdings mehren sich die Bedenken nur in den zugewiesenen Arealen, also dort, wo die restliche Menschheit Niedergang ortet: Eure Probleme hätten wir gern! Wirklich? Oh nein, um nichts in der Welt. »Erlösung dem Erlöser« singt man bei Wagner, das juckt die Frommen, die sich längst selbst in die Erlöser-Pose geschwungen haben, weil es sie aus ihrer Ratlosigkeit zu holen verspricht. Europa importiert die Fruchtbarkeit, die ihm selbst abgeht, aus Gegenden, in denen sie wild wächst, weil es glaubt, es könne sie zu Arbeiten zähmen, auf die es nicht verzichten will, ohne sie auszuüben – und sei es nur, damit ihm die Renten pünktlich gezahlt werden. »Wer soll unsere Renten bezahlen?« murmeln die letzten Menschen, wissend, dass draußen Interessenten Schlange stehen, die auch an ihnen interessiert sind. So eine Rente ist schließlich das Letzte, was sich ein Mensch im Leben gönnt, außer dem Sterben, das später kommt und daher außer Betracht bleibt. Immer älter zu werden ist eine fixe Idee, die nach und nach alle anderen auffrisst, mit Haut und Haar, mit Knochen und Eingeweiden, sie entspringt der Ratlosigkeit, ohne sie je zu verlassen, sie dehnt und dehnt sie – man sollte denken, sie müsste irgendwann platzen, aber das wäre nicht ihre Art, sie kommt mit jeder Größenordnung zurecht. Am ratlosesten scheinen die jungen Frauen, sie ließen sich gern beraten, aber die Verantwortung wäre zu groß und deshalb findet sich niemand. Also warten sie ab und achten auf ihre Linie. Erst wenn guter Rat teuer ist, springen die Ratgeber aus den Ecken: auf diesen Moment haben sie gewartet, sie glauben an win-win-Situationen, die ihnen die Taschen füllen, während die Klienten viel von ihnen lernen dürfen.

FRÜHLINGSGERÄUSCH

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Man geht als Ertrinkender hinaus und kehrt als Angeschossener zurück.

FÜHLIGKEIT

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Glauben Sie mir: die Wetterfühligkeit hat mich gemacht. Diese Möglichkeit, alles, was einen bewegt, nach außen zu tragen, es dem immer beweglichen Elementargeschehen anzuhängen, ist sehr bequem, wenn man weiß, was man will. Zu wissen, was man will, kann ausgesprochen hinderlich sein, weil man leicht dahin gerät, zu stark zu wollen oder zu direkt oder auch nur zu wollen. Da macht sich das Wetter verdient, es sorgt für Doppelungen, Verschleifungen, Spiegelungen, Eintrübungen, Aufruhre, Aufschübe und Verdämmerungen, es rührt den Schmerz hinein und die Lust am Dasein, lauter Dinge, die dem, was einer will, eine Wirklichkeit vor jeder Wirklichkeit anhängen, die dann auch nicht mehr vonnöten ist, wie man sagt, obwohl sich daran die Geister scheiden. Ich für meinen Teil spüre die Nötigung und sie leistet mir gute Dienste. Andere mögen es anders halten. Warum miteinander rechten? Es ist unnötig, sage ich ihnen, und mehrt die Notdurft.

FUNDAMENTAAL

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Dieser Aal lebt in trüben Gewässern, dort, wo sich wenig bewegt. Er selbst erscheint immer bewegt, wenngleich die Geschwindigkeit, mit der er vorwärts gleitet, in den Augen derer, die ihn lieben, zu wünschen übriglässt. Aber wer liebt ihn schon? Leute, denen das Wasser im Munde zusammenläuft, wenn sie daran denken, dass sie ihn schlachten werden, sobald er dick und fett geworden ist. Bis dahin lassen sie ihn schwimmen, sie wissen ja, wo er steht.

FUNDAMENTALISMUS

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Man kann alles zum Ismus machen, warum nicht ein Fundament? Freunde, das geht ganz einfach. Man klingelt die Hausbewohner zur Nachtzeit heraus und warnt sie, in der Stimme den blanken Terror: Das Fundament, das Fundament … ja was denn? Etwas Furchtbares braut sich zusammen. Am besten, man verteilt Handzettel, das erzeugt immer Eindruck und niemand liest schon genau, besonders in dieser prekären Lage. Da stehen sie jetzt im Nachtzeug herum, es ist kalt, ein Eishauch streicht übers Haar, die Frauen legen Kopftücher an und die Männer … ach die! Sie sprechen sich Mut zu, ein Rachenputzer käme nicht ungelegen, derweil überschlagen sie ihre Barschaft und was der Auszug sie kosten würde. Inzwischen rollen die Bagger an, die Hälfte des Hauses liegt bereits in Trümmern, die Nachbarschaft regt sich tierisch auf und die Polizei … wo bleibt die Polizei? Aaaah, da erscheint sie schon, gerade noch rechtzeitig, um den ersten Ausraster wegzufischen. Beim nächsten wird ihr das nicht mehr so leicht gelingen. Steigt der Aggressivitätspegel, so mutiert der Mensch zur Rotte. Wer zum Teufel hat behauptet, dass am Fundament etwas nicht stimmt? »Auf dieses Fundament war und ist Verlass, mehr als auf alles andere, wer es angreift, dessen Hand soll verdorren, dessen Name sei verflucht, sein Eigentum in alle Winde zerstreut. Wo steckt der Hund? Eben war er noch da. Keine Angst: wir werden ihn schnell genug finden, ihn und seine Sippe.« Unter Fundamentalisten: Wie konnte, was für die Ewigkeit gebaut schien, so rasch in Verruf geraten? Was nun? Wenn Fundamente wanken, dann purzelt der Mensch. Umgekehrt gilt: Das muss nicht sein.

FUNDAMENTALKRITIK

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Das ist meine Vision von Fundamentalkritik: die Post versichert, sie wurde zugestellt, aber der Empfänger weiß nichts davon, er hat nichts bemerkt und sie ist, zum Leidwesen ihres Verfassers, nirgendwo aufzufinden – bis, Jahre später, die freundliche Nachbarin ein verstaubtes Päckchen zum Vorschein bringt: Was ist das? Wo kommt es her? Das wurde hier vergessen, aber von wem? Fundamentalkritik ist so fundamental, dass derjenige, der sie ersinnt, nicht anders denken kann, als dass die Fundamente, ihr ausgesetzt, unverzüglich zu wanken beginnen. Sie wanken aber nicht, sie stehen fest wie zuvor. Wenn das ein Angriff war, wo fand er statt? Die Kenner schwanken noch, nicht, weil sie einen über den Durst getrunken haben, sondern weil die Materie so überaus diffizil ist, dass man sich leicht die Finger verbrennt oder ins Abseits gerät – eine bemerkenswerte Alternative, kommt häufiger vor als man denkt. Was dem Denken keinen guten Leumund ausstellt: warum denkt es nicht häufiger? Allerdings ist es mit der Häufigkeit nicht getan, es muss noch etwas hinzukommen, etwas, das die Alten Ich-weiß-nicht-was nannten, und tatsächlich, sie wussten es ebenso wenig wie ein Fundamentalkritiker, mit dem Unterschied, dass er das Ich-weiß-nicht-was nicht kennt. Dabei weiß er so vieles nicht und keiner bringt es ihm bei, denn er ist immer zu schnell und geht nur auf die Fundamente. Das wurmt die Menschen, die meisten lassen auf die Fundamente nichts kommen und ärgern sich bloß, wenn es zum Dach hereinregnet oder wenn der Strom ausfällt. Das ist ein Fehler, gewiss, aber deshalb gleich das ganze Haus abreißen? Wo kommt man da hin?

FUROR

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Die rohen Kräfte des Denkens wollen entfesselt werden, sie kratzen an den Käfigen, in die man sie gesteckt hat, zusammen mit den feineren, die bei dieser Gelegenheit lernen, was das Leben von ihnen fordert, zumindest sollten sie das, der Theorie nach. Was am Ende herauskommt, davon erhält man selten einen Begriff. Warum auch? Begriffe, als Umwege definiert, werden niedergerannt, wie es nur geht und steht, die Vorgärten, einst blühende Musterlandschaften, sind von Maulwurfsgängen unterminiert und zeigen in der Draufsicht zarte Arabesken aus Trampelpfaden, die der Blick aus der Nähe so nicht wiedererkennt. Aber was erkennt ein Blick schon, dem es an Schärfe gebricht? Wenn es hochkommt, nicht viel, und darunter – pah! Das ist schade, es stellt sich die Frage nach dem Gebrechen selbst, dem Streublick, der dem Denken vorangeht, als habe er es hinter sich. Er zwinkert, gleichsam im Blicken, als wolle er sagen: Seht nur, was nachkommt, aber man bemerkt nichts, nur diesen seltsamen Blick, der einem durch und durch geht, so sehr ist er mit allem durch. Dieser Blick ist mit dem rohen Denken ein Bündnis eingegangen, doch er ist nicht mit ihm ›im Bund‹, wie die Leute sagen, das ist, er macht sich nicht gemein. Er macht sich überhaupt nicht gemein; wenn das ein Fehler ist, steht er zu ihm. Nur grob darf man den Fehler nicht nennen, das goutiert der Blick nicht, da wächst die Unnahbarkeit, da karrt einer Eis in die Wüste. Das rohe Denken ist derweil so wüst nicht, wie mancher denkt. Es misstraut nur den Köchen. Hat es darin nicht recht? Leiden nicht alle unter den Köchen? Wer um den heißen Brei schleicht, ist schon verständigt, er trägt das Mal und will kein zweites.

GARGANELLI, ITALO LUCIO

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Die zu blattlosen Ästen und Hecken zusammengefügten, tänzerisch beseelten Umrisse Italo Garganellis entstanden zumeist mit großem Schwung auf den Spiegeln gefrorener Seen, hoch in den Alpen. Hier tanzte der Meister im Winter seinen ›grafiko al di sotto Alpine‹. Bei seinem bisher letzten größeren Auftritt entstanden allerdings zwei Blattdämonen, die den anwesenden Homomaris in Erstaunen und Schrecken versetzten. Er sah in ihnen den Anfang einer Theateraufführung unter abgefallenen deutsch-protestantischen und bekennenden italienisch-katholischen Hexen zum Zweck der Beschädigung aller männlichen Köpfe nach Goethe. Garganelli selber war ratlos und legte seine an den Kufen mit kostbaren Bergkristallen besetzen Schlittschuhe ab, um siebenTage später auf neu angefertigten Schlittschuhen, mit seltenen schwarzen Korallen besetzt, von Homomaris angeschoben, einen Gegenzauber zu tanzen. Über die Auswirkungen dieser Bewegungen, bei welchen sogar die schwarzen Korallen fast gänzlich abgenutzt wurden, ist nichts weiter bekannt geworden.
In Kreisen der Kenner wartet man vorerst ein Urteil Garganellis ab. Günstiges zeigte sich bisher nicht. Das Bild, das vom Gebirge herab mit Ferngläsern betrachtet wurde, ergab eine vielleicht noch schlimmere Hexengestalt, die neben den Spuren, die Garganelli gezogen hatte, unerklärliche Linien bildete, welche jedoch von übenden Dilettanten stammen konnten, die ja alle Künste des Meisters bewundern und immer schon eifrige Nachahmer seiner Linien waren. Aber niemand, der das Besondere des neueren Hexenwesens kennt, er sei nun getäuschter Liebhaber, Ehemann oder Rechtsanwalt, wird mit Vergesslichkeit oder Gnade der Hexen rechnen. Erst ein älterer Malerplan von mehreren Metern Länge, aus einem Dachstuhl in ferner Gegend herab gezogen, ergab endlich durch die Darstellung eines Drachensturms von erbittertem Schwung eine neue Einsicht. Ausgehend von der alten Erkenntnis, dass Drachen die Hexen hassen, beschloss Garganelli, das matt gewordene Bild im nächsten Winter durch Tanz zu erfrischen. Das Ergebnis gilt es dann abzuwarten. - PM

GATTUNGSWESEN

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Dass der Fortschritt so leicht verhöhnt werden kann, liegt auch an der Sprache: man verlacht ihn gern und fürchtet die Progression. Wohin geht die Reise? Fort, wohin sonst, nur fort! Da wissen die Sesshaften, womit sie es zu tun haben, und halten sich heimlich den Bauch vor Lachen. In zweihundert Jahren sieht man sich wieder. Die Progression geht ihren stetigen Gang, sie ist das Salz der Statistik, sie ist das, was man sieht und fühlt, alle Teuerungsraten fließen am Ende zusammen in einer, der Gattungsteuerung. So teuer wird sich die Gattung, dass sie die Unkosten kaum mehr aufbringen kann und hinter sich blickt. Dieses Gattungswesen, das im Einzelnen das Auge aufschlägt und nach Statistiken Ausschau hält, die ihm das Gefühl geben zu sein, progrediert, kein Zweifel, das Dunkel, aus dem es kommt, hat es wie einen Mantel um sich geschlagen, wie man hört, geht es einer ungewissen Zukunft entgegen, was einen im Stillen wundert, wo doch die Gewissheiten auf dem Tisch liegen und darauf warten, dass einer kommt, der sie durchblättert. Das muss wohl ein anderer sein, Gattung II oder wie man ihn nennen mag. Vielleicht ist Gattung das falsche Wort und es geht nichts. Auch diese Auffassung hat ihre Liebhaber. Zu Beginn des dritten Jahrtausends, inmitten einer, wie Herr Sloterdjik meint, zweiten Achsenzeit, an der Schwelle zu einer neuen Menschheit tut es gut, sich daran zu erinnern, dass schon die alte wenig mehr darstellt als eine Schwierigkeit – des Denkens, des Empfindens, des Glaubens, des Weiterkommens, im Grunde des Alphabets.

GAUMENABSCHNEIDER

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Das Wort abschneiden kann jeder, aber den Gaumen –! Dazu muss man wissen, wozu der Mensch seinen Gaumen benötigt, wirklich benötigt, allzu viel passiert dieses Organ, darunter Dinge, die niemals passieren dürften, unaussprechliche, und damit sind wir beim Thema. Unter Gaumenabschneidern gilt die Regel, dass, wer nie um ein Wort verlegen ist, als Sicherheitsrisiko gehandelt wird und eine Behandlung verdient. Ganz recht: Man muss sich ihre Behandlung verdienen, sie kommen ungerufen, aber nicht ohne Vorlauf. Der Mensch denkt, der Gaumenabschneider … lauert darauf, dass er es ausspricht. Dann lauert er weiter, bis seine Stunde naht. Eigentlich liegt ihm nichts an dem, was der andere denkt. Er steht auf Wörter, allein auf Wörter. Wörter sind für ihn, wie für den Beichtvater, Laien-Bekenntnisse: Was nicht im Beichtspiegel steht, ist ohne Belang. Die Wortlisten der Gaumenabschneider sind lang, sie quellen aus den Hexenküchen von Analphabeten, die vorurteilslos ihren Dienst am Wort verrichten, auf dass ihrer aller Sprache sich rein erhalte. Ja, es ist ihre Sprache, sie haben sie irgendwann gekapert und entführt. Auch Gaumenabschneider bekommen sie nicht zu Gesicht, sie wissen gar nicht, wovon sie reden, und schneiden, wie und wo es ihnen gefällt.

GEBÄRRATTE

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Als die Gebärratte hörte, dass sie ihr Soll nicht erfülle und daher versetzt werden sollte, rastete sie aus. »Was soll das heißen? Bin jetzt ich an allem schuld? Gestern die Klimaratte, heute ich. Das ist das Leben. Was für ein Leben? Danach fragt keiner. Ein Rattenleben vielleicht? Dass ich nicht lache. Nebenbei, was habt ihr nicht alles in die Klimaratte hineingesteckt. Bei mir hingegen – Fehlanzeige. Ihr wolltet nicht einmal sehen, dass es mich gibt. Nicht wahrhaben wolltet ihr mich, nicht wahr? Ihr Fehlhaber! Dabei bin ich nur die Relation. Eine klitzekleine Relation. Meinetwegen könnt ihr Nachwuchs bekommen, soviel ihr wollt. Ich bin die Relation. Ihr könnt auch sagen, ich bin eure Zukunft. Bestreitet es ruhig, das bin ich gewöhnt. Ich husche über die Bühne und ihr seid entsetzt. Wo kommt das Vieh her? Jagt das Vieh! So redet ihr, reichlich ungeniert, wie mir scheint, denn ich bin eine Zahl wie ihr selbst. Gleich geboren! Mit Rechten! Mit gleichen Rechten! Mit einem Unterschied: mich könnt ihr recherchieren. Was davon gehört? Ach ihr winkt ab. Das kenne ich, das kenne ich gut. Mich recherchiert man nicht, mich hat man im Blut. Oder im Urin. Oder im Speichel. Ihr Armen im Geiste! Armselige Windmacher, denen bei Wind die Puste ausgeht.«

GEBURTSTAG

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Aber wenn es das Leben gilt, wo bleibt dann das Leben? Hält es sich hinter den Leidgebirgen versteckt und lugt nur ein wenig hervor, um im geeigneten Augenblick davon zu rennen? Die Menschen lieben doch das Leben, sie besitzen eins, das sie um jeden Preis bewahren wollen, sie stehen Schlange an jeder Kasse, die sich vor ihnen auftut, und zahlen astronomische Summen – wofür? Zweifellos dafür, leben zu dürfen. Sind sie denn Geiseln, die sich selbst auslösen müssen? Oder sind sie unter die Wegelagerer gefallen und entledigen sich nun, um irgend davonzukommen, nach und nach ihrer Barschaft und ihrer Wertgegenstände? Mitnichten. Sie arbeiten ja, es strömt ihnen zu, beidseitig, Sex und Geld, das ist wichtig zu wissen, um nicht zu falschen Schlussfolgerungen zu gelangen. Nein, auslösen wollen sie sich nicht, eher hineinbohren in etwas, was außer ihnen niemand sieht. Es sind Maulwürfe, denen der Erdgeruch teuer ist, und sie bewegen sich, wie der Instinkt es befiehlt. Aber bewegen sie sich? Das ist die Frage. »Eher weniger«, sagt G. und schneuzt sich. »Das ist es ja. Die Witterung trägt ihnen etwas zu. Was sie ihnen zuträgt, weiß keiner. Was immer der Instinkt ihnen befiehlt, er kann es nicht richten.« Soll er das? Was ist das für ein Instinkt, der es nicht richtet? Richtet er sich nicht selbst? Richtet er sich nicht ununterbrochen? Sind sie nicht genau das: ein tägliches Standgericht über sich selbst? Wenn sie aufstehen, worüber erheben sie sich? Sie können nicht liegen bleiben, soviel ist sicher. Die in den Betten bleiben und künstlich, wie es heißt, versorgt werden müssen, sie sind im Leben angekommen. Sie haben es hinter sich, sagen die Leute erleichtert, wenn die Geräte abgeschaltet sind und die Betten in die Empfangslage zurückrollen. Woher die Erleichterung? Woher der Neid auf die Toten, wenn alles lebt? Ist das Leben des Bewusstseins Leben?

GEDÄCHTNIS

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Tut dies zu meinem Gedächtnis – einer muss kommen, der die Stunde ansagt, vielleicht ein zweiter, ein dritter. Mehr dürfen es nicht werden, dann ist Schluss. Es dürfen die Jünger kommen, die Streiter, die Mitstreiter, die Gläubigen, die Ungläubigen und die Spätgeborenen, die die sich nicht mehr entscheiden können, weil jede Entscheidung so... so kontaminiert ist, weil jede Menge schlechtes Volk durchgelaufen ist und man nicht mehr das Gefühl haben kann, sich starken und reinen Menschen anzuschließen. Das Gedächtnis bewahrt die Stunde, es bewahrt die Texte und Taten, es bewahrt auch die Untaten, es bewahrt sie für die, die nicht anders können als zu tun, was ihnen gesagt, und zu bewundern, wie es gesagt wurde. Den anderen, den Gedächtnislosen, genügen zwei, drei Fetzen Vergangenheit, um sich davonzumachen und einer neuen Weltstunde entgegenzuleben. Wenn sie sich einen Helden erwählen, verkrallen sie sich in seine Leiche, als müssten sie sie zu neuem Leben erwecken, während sie doch nur versuchen, den letzten Tropfen Blut aus ihm zu lecken. Nicht seinetwegen, bewahre, soweit will ihr Fetischismus nicht gehen. »Hat gesagt«, sagen sie, »hat schon gesagt!« Sie sagen es im Brustton der Überzeugung, als wollten sie zu verstehen geben, sie selbst hätten alles schon vor fünfzig Jahren gesagt, am besten vor ihrer Geburt. Haben sie nicht recht? Haben nicht alle recht? Im Land der Rechthaber setzt das Gedächtnis sich leicht ins Unrecht. Es wird schweifend und ungenau, weil es den Punkt nicht findet, an dem es einstimmen kann. Alle sind weiter, da will es nicht zurückbleiben und setzt sich lieber ein schiefes Denkmal. »Sieh doch«, sagen die Leute. »Haben wir’s nicht gesagt?«

GEDANKENREIBUNG

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Es gibt Theoriebezirke, denen man sich nicht nähern kann, ohne die Klingen zu kreuzen, d.h. sie erregen lebhaften Widerspruch an Stellen, von denen man vorher nicht wusste, dass man dort zu Überzeugungen neigt. Es sind auch nicht Überzeugungen, die sich zu Wort melden, sondern Argumente. Aber schaut man genauer hin, so zählt nicht das Argument, sondern die produktive Verfassung, in die man sich unversehens versetzt fühlt. Nein, man sieht sich nicht zum Mit-Denken aufgefordert, sondern zum Gegen-Denken, gelegentlich, wenn die Aufgabe größer erscheint, zum Dagegen-Andenken, einem Bergsteiger vergleichbar, der beim Anblick eines Massivs bereits damit beschäftigt ist, es irgendwann zu bezwingen, ohne dass ein expliziter Vorsatz vonnöten wäre, doch es sind auch kleinere, im Vorbeigehen erzielte Gewinne denkbar. Das Seltsame daran ist, dass die Verfassung nicht vorhanden sein muss, um die Theorie – durch Widerspruch! – sprechend zu machen, sondern durch die Berührung mit Theorie erzeugt wird. Aber vielleicht lässt nicht die Theorie selbst, sondern eine bestimmte Weise der Darstellung den Modus der Hervorbringung und des Hervorbringens sichtbarer werden, als dies im Allgemeinen geschieht. Produktiven Menschen ist es häufig ein Bedürfnis, neben dem Produkt auch, gleichsam im Beipackzettel, die produktive Verfassung zu dokumentieren, die es hervorgebracht hat. Subtiler wirkt es da, wenn das Produkt selbst so beschaffen ist, als setze es sich erst im Gehirn des Rezipienten zusammen – was einerseits immer richtig ist, andererseits eine nicht unerhebliche Unterstützung durch den Duktus des Vortrags erfährt. Wenn es unterschiedliche Weisen der Produktivität gibt, dann gibt es außer Nähe und Distanz auch so etwas wie natürliche Opposition, bei der der andere es einem schlechterdings nicht nur nicht recht machen kann, sondern es auch nicht darf, auf dass der Gedankenreibung kein Ende sei.

GEDENKMINUTE

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Die öffentliche Gedenkminute leidet ein wenig darunter, dass sie bereits vom Gedanken an sie konsumiert wird, jedenfalls beinahe, die eine oder andere Restsekunde wird schon noch abfallen. Aber wer weiß, vielleicht reicht der Gedanke ans Gedenken über die Zeit des Gedenkens weit hinaus. Das muss kein Unfall sein, keineswegs. Da niemand weiß, was während der Schweigeminute geschieht, wenn der Vorsatz, sich zu konzentrieren, alle Konzentration beansprucht, um sie (sich) zu verfehlen, bleibt es beim Schweigen und darauf kommt es schlussendlich an. Man ist beruhigt, es getan zu haben und beunruhigt darüber, nichts getan zu haben, stärker vielleicht als darüber, das innere Schweigen durch einen Gedanken verunreinigt zu haben, der nun wirklich nicht dahin gehört, weil er nur der Chauffeur ist, der vor der Tür warten sollte. Alle Gedanken, die das rituelle Gedenken betreffen, sind nur Chauffeursgedanken. So ist das rituelle Gedenken am Ende auch nur eine Chauffeurstätigkeit, bei der jeder sein eigener Fahrgast sein darf. Streichen wir also das dreifache ›nur‹ und ersetzen wir es durch das Wörtchen ›wirklich‹ und alles ist wirklich so, wie es ist.

GEDICHTE

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Seid eingedenk der Zeiten, in denen man die Idee, Gedichte in Büchern abzudrucken, als Notbehelf ansehen wird. Das geringe Ansehen, das sie heute genießen, hat damit zu tun, dass sie gedruckt werden. Sie sind kaum bedrucktes Papier. Bei der allgemeinen Papierverschwendung richtet sich der Ärger gegen das schwächste Glied.

GEDULD

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Wann, bitte, ist jetzt? Soeben vergangen. Da war doch...? Um das zu sehen, braucht keiner den Philosophen. Und wann, bitte, ist ein Ende? Soeben vergangen? Ein vergangenes Ende, das ist so wie ... ein gegebenes Versprechen, es wurde einem gegeben und jetzt hängt es im Schrank, man kann es schließlich nicht jeden Tag herausholen und betrachten. Jeder besitzt so einen Schrank, in dem er die Enden aufbewahrt. Eines fehlt, die Sammlung wäre komplett in dem Moment, in dem man es hätte. So sammelt man weiter, als mache die Sammlung das eine, das noch aussteht, wahrscheinlicher. Vielleicht soll auch die Fülle gesammelter Enden das Fehlen des einen vergessen machen. In dem Fall handelte es sich um Plunder. Wie soll ich etwas vergessen, an das mich alles erinnert? Das ist unmöglich, jedenfalls nicht wahrscheinlich. Damit stünde man wieder am Anfang. »Wahrscheinlich schon«, sagt einer, den man fragt, ob er weiß, dass das Ende kommt, »wahrscheinlich schon«, und er lässt unentschieden, ob sich die Rede aufs Wissen oder aufs Kommen bezieht. Darin ist er wenigstens ehrlich, denn angenommen, er sagte »Mit Sicherheit!«, dann wüsste man, dass sich seine Rede aufs Wissen und Kommen bezieht und hielte ihn für einen Falschmünzer. Wie kann er so etwas wissen? Der Fragende, nun, er weiß, er geht davon aus, denn er wittert eine Trophäe für seine Sammlung. Aber der Gefragte...? Warum sollte er sich im voraus enterben? Das ausstehende Ende ist ihm kostbar, er kann warten, die Zeit rinnt ihm durch die Finger, doch er kann warten, seine Geduld ist unendlich.

GEFOLGSCHAFT

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Sie stürmen voran mit wehendem Haar, sie sind, das »Nie wieder« noch auf den Lippen, in Kriege verwickelt, für die ihnen neben der Ausrüstung selbst die Wörter fehlen, aber das macht nichts, sie werden folgen, wie sie immer gefolgt sind, schließlich bilden sie die wahre Gefolgschaft. Um die Gefolgschaft der Wörter muss einem nicht bang sein, sie gilt unbedingt und sie enthält alle Kautelen. Was das bedeutet? Ach nichts. Wörter gibt es wie Sand am Meer, manch einer lässt sie vor sich ausstreuen und wirft sie mit beiden Händen in die Menge. Im Karneval schmecken die Wörter süß, danach entsorgt man sie mit dem Kehrbesen, auch das ist leichter gesagt als getan. Einer findet sich immer, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und da sind sie: die Wörter. Ein loses Maul bedeutet den Durchbruch; wer in der Sprache lebt, der opfert gern einen kleinen Finger. »In welcher Welt lebst du eigentlich?« fragt Garganelli oft. Er fragt es gern, denn es interessiert ihn aufrichtig und die Antworten lassen ihn aufhorchen. Keiner sagt: »In der oben links« oder »Raum einundvierzig«; alle werden beredt. Wahre Gefolgschaft zeigt sich im Schweigen, derweil behauptet die falsche das Feld. Böse Mäuler behaupten, es gäbe nur falsche – sie haben sie gegen sich. Die Sprache ist eine Lästergrube, wer in sie hineinfällt, beschmiert sich mit dem Kot verwunschener Zeiten und wünscht sich mit der Zeit einen sauberen Abgang.

GEFÜHLSENTRICHTER

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Der angebliche Selbsthass der Deutschen: eine Form des Hochmuts, der Überhebung, wie andere vor ihm. Man lebt ›im Land der Verbrecher‹, man überlässt ihnen gern die Verbrechen, nur die Ungeheuerlichkeit konsumiert man selbst: in ihr erkennt sich das mit der Pest geschlagene Volk. Das aber heißt, es treibt mit sich Unzucht: in Gedanken, Worten undsoweiter. Ungeheuer ist viel, geteilt durch wenige, also noch immer viel, das Bewusstsein der Monstrosität wiegt schwer, aber es wiegt die Befriedigung nicht auf, es mit sich herumzutragen. Worin besteht dieses Bewusstsein? Es verdankt sich, wie bekannt, einem Akt der Bewusstmachung, genau betrachtet, einer Folge solcher Akte, d.h. dem Gefühl der Beengung, das durch sie ausgelöst wird. Diese Beengtheit ähnelt der Beklommenheit, mit der einer den Henker erwartet, aber sie gleicht ihr nicht, denn sie erwartet nichts. Sie wollen, dass es vorbeigeht. Aber das soll niemand wissen. Es weiß aber jeder, denn es ist nichts Besonderes. Daher die unaufhörlichen Beteuerungen, sie seien jetzt Menschen vom anderen Stern, Monster an Friedfertigkeit, die gerade erst lernen müssten, Seit’ an Seit’ mit den Freunden die Werte der freien Welt zu verfechten. Sie sind einer Wertegemeinschaft beigetreten und bestehen auf ihrem Beitrag, um das Gefühl, das sie loswerden wollen, in passender Form zu konservieren. Sie entrichten dieses Gefühl, um dabei zu sein, sie fragen überall nach der Kasse, um es in ihr zu versenken.

GEGENKRANKHEIT

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Zu jeder Krankheit gehört eine Gegenkrankheit, das ist doch klar. Nur über die Hintergründe streiten sich die Experten. Der Streit der Experten ist schön, besonders der über Krankheiten. Das liegt zum Teil an der Heftigkeit, mit der gestritten wird, zum Teil an den Mitteln, die dabei eingesetzt werden. Der Körper ist kein allgemeines Gut. Jeder hockt auf dem seinen und lauscht misstrauisch in ihn hinein: Steh auf, altes Kamel, und wandle! Wem der Appell erst fruchtlos verhallt, dem schlägt die Stunde der Wahrheit. Für die Rabiaten, die gleich in die Apotheke laufen oder ihren Arzt konsultieren, besitzt sie den Klang einer geborstenen Glocke. Jemand glaubt einen feinen hohen Ton zu vernehmen und er folgt ihm bedingungslos. Wohin? Nun, in die Gegenkrankheit. Sie ist die Krankheit all derer, die alles richtig machen wollen. Sie schlagen sich auf die Seite der Krankheit und horchen angestrengt in den Nebel, der ihr Körper ist: dort hinten, das mahlende Geräusch, kommt es näher? Nein, es entfernt sich... auch das ein nährendes Element der Unruhe, die ihr ganzes Wesen erfasst hat. Die Unruhe! Kennen Sie sie? In Worte übersetzt, könnte sie lauten: ›Du hast ja so recht, Krankheit! Es tut mir leid, dass ich dich herbitten musste, um zu begreifen, wie es um mich steht. Ich danke dir sehr und möchte dich gar nicht weiter bemühen. Jetzt, da ich endlich Bescheid weiß, komme ich sicher ganz gut alleine zurecht. Ja, ich bin in Sorge um meinen Körper, aber auch ein bisschen um dich, das wolltest du doch erreichen oder? Ich spüre, wie du abnimmst, das bereitet mir Angst, ich fürchte, du hast dich an mir überanstrengt, es bekommt dir nicht gut. Du solltest pausieren, verstehst du? Wir alle brauchen einen Moment der Nachdenklichkeit, in dem wir loslassen lernen, du vor allem, schließlich bist du nicht bei bester Gesundheit und wirst sie, schätze ich, in diesem Leben auch nicht mehr kennenlernen. Folge mir! Sei mein für die Dauer meines Daseins! Ich möchte dich füttern und meinen Freundinnen zeigen. Sie werden deine Kunststückchen zu schätzen wissen, dessen bin ich mir sicher. Wie, das genügt nicht? Was denn noch? Was denn noch!‹

GEGENÜBER

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Wer das Gegenüber nicht kennt, lebt wie ein Hausbesitzer, der niemals durchs Fenster geschaut hat, denn jede Stube medizinisch durchforscht, beschriftet und instand gesetzt zu haben, bedeutet ja nicht, von der großen Ferne jenseits des Hauses auch nur das Geringste zu wissen. Lunge, Herz, Leber, Galle und Milz sind innere Gegenstände, mag selbst die Psyche als durchforschbares Kellergewölbe für solche Sachen hinzukommen.
Nur im wahren Gegenüber zeigt sich die Bühne der Dekoration für die Kunstarbeit eines Hausbesitzers jenseits des ererbten inneren Mobiliars. Man könnte sagen, ein teurer Spaß, denn alleine die durchaus existierenden Beispiele unbeschreiblicher Vorbilder müssen mit einem immerwährenden Aufwand an Zeit, mit einem empfindsamen Herumlungern vor Heiligtümern in Museen, an Pilgerstätten und selbst vor Büchern und Bildern bezahlt werden, und wenn es nur Andachtsbildchen und Weihwasser wären. Denn was sind gewisse Abteilungen selbst der größten Bibliotheken der Welt wohl anderes als Schaubuden mit Reiseberichten aus dem Jenseits? So kostet die Arbeit am farbigen Nebel immerhin leicht das ganze übrige ordinäre Leben.
Für das andere, das gebildete oder eingebildete Leben – denn angeboren ist in der zweiten Natur ja nichts – geht die Zeit mit unendlichen Aussichten nur so im Fluge dahin. Offen gestanden, welche andere Literatur als Legenden, Wunder und Heiligkeiten aller Art könnte den Geist eines Künstlers wohl höher beflügeln, etwa die Mathematik? Der ordinären Seite der Existenz ist das natürlich nicht förderlich, denn die alten Hüllen der vornehmen Armut haben sich vollständig aufgelöst, alles ist öffentlich geworden. Es gehört inzwischen eine höchst private Art von religiöser Technik dazu, den allerdings unberechenbaren, aber zahlreichen, von den verschiedenen Mächten des Gegenübers durchaus noch immer gestifteten Brücken und Hilfsmittel blind zu vertrauen. Ja blind zu nutzen, denn zu den echten Gebeten und Ritualen gehört der Mut, gegen die Schatten der alles beherrschende Wirklichkeit standhaft zu bleiben und das Unbekannte sich selbst zu erfinden und so auch zu nutzen. »Obwohl es existiert, muss es dennoch erfunden werden«, sagt der große Pompe funebre.
Allerdings gehören zum großen Gewinn eines solchen Aufbruchs nach und nach eine magische Menschenkenntnis, ein bezwingender Obskurantismus zur Täuschung der allgemeinen Gewissheiten und eine ganz natürlich erscheinende Rhetorik, ja am Ende sogar eine schwer zu deutende, aber erleuchtende Angst. Sie ist wahrscheinlich die Eigenschaft des noch völlig neuen, heute noch nicht verstandenen wahren Massenmenschen. Dies ist ein neuer Begriff für das, was man früher Genie genannt hat. Der Menschenwissende ist nicht mehr der schwebende Besitzer des elfenbeinernen Turms, sondern ein Erdbewohner, der die Welt als Atmosphäre der Alchimie betrachten kann. Feuer zu Feuer, Wasser zu Wasser, Menschen zur Luft, Freiheit über dem Horizont, da wo noch Berge und Waldspitzen letzte feine Zeichnungen bilden. Damit wird experimentiert.
Dies scheint am Ende sogar der Wunsch jenes fernen Theaters zu sein, damit wir zur Entschuldigung der kolossalen Schöpfungsirrtümer des Direktoriums wenigstens mitten zwischen uns selber die Tiernatur überwinden. Dazu blickt die gesamte Natur schon lange auf uns. Es ist sogar ziemlich sicher, dass die Intuitionen und Phantasien, ja manchmal selbst Geld, nicht ganz ohne Hintergedanken verteilt werden, indem die seltsamen Demiurgen vermutlich einen unbekannten Obergott fürchten. So streuen sie auch die Spuren des Schönen, um einzelne Seelen zu fangen, ganz wie in Platens Gedicht, als kostbare Ahnungen aus und bannen ein solches Gemüt für immer.
Natürlich erschüttert ein stilles Begreifen die schlichten Gemüter der Eltern, Freunde und anderer Weltmenschen, wenn sie vom Wesen solcher unvertilgbaren Schattenspiele etwas erfahren, und so streift auch sie ein belehrender Hauch wider die allgemeine Vernunft wie eine Aussaat des Unbegreiflichen und stiftet die stille Wut in den Schulen des Lebens. Das zählt zu der schlimmen Notwendigkeit zur Sichtbarmachung des Gegenübers, weil der Obergott oder das Direktorium die sogenannte Schule des Lebens als Quelle des Schreckens benutzt, den ahnenden Menschen rechtzeitig ins Gegenüber und selbst ins Jenseits zu hetzen. Welche Mittel hätten der Obergott oder das Direktorium denn sonst in dieser verpfuschten Mechanik der Schöpfung? Was würden denn wir wohl tun, wenn wir der Obergott wären....? Wer hier überhaupt noch das Wirken einer menschlichen Vernunft vermutet, kann sich zum Tierreich der pragmatischen Aufklärung zählen. - PM

GEHÄUS

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Der Philosoph liest seine Zeitung und verschwindet danach im Gehäus: dort gelten nur Texte von seinesgleichen. Ein Philosoph will Kollege sein oder gar nicht. Das kann er haben, denkt sich das Gros der Zeitgenossen: Damit habe ich nichts am Hut. Da sie keine Hüte tragen, macht es ohnehin keinen Unterschied und seriöse Philosophie weiß das. Sie weiß eine Menge, aber sie kann es nicht teilen. In der Menge wird alles geteilt, bis zum Erbrechen, wenn’s sein muss, und darüber hinaus. Endemisch zum Beispiel ist der mangelnde Respekt vor dem Eigentum, der durch Gesetz und Polizei hergestellt werden muss, also durch den Respekt vor Gesetz und Polizei ersetzt wird. Die Menge, das ist das Reich der Ansteckung: Einer fängt sich etwas und schwupp! haben es die anderen auch. Dieses ›schwupp!‹ – wer hätte es nicht lange bestaunt und sich Theorien zurechtgelegt, wie es zustande kommt? Doch all diese Theorien, offen gesagt, sind nichts wert. Warum? Das einzige Gesetz, unter dem die Menge steht, ist das der Sichtbarkeit: ohne Ansteckung bliebe sie sich ewig verborgen, es gäbe sie gar nicht. Durch Ansteckung tritt sie zutage, durch Ansteckung konstituiert sie sich und ballt sich zur Masse, durch Ansteckung wissen alle, wie man’s macht, durch Ansteckung wälzt sie sich über Kontinente und Zeitalter, durch Ansteckung kommt sie in die Statistik und bringt ihre Statisten an die Macht. Der angesteckte Mensch, der Mensch der Menge, wälzt sich auf seinem Krankenlager und beschließt, sich künftig in Acht zu nehmen: kranke Gedanken, denen keinerlei Wirklichkeit zuwächst. Schon winkt der nächste Hype, die nächste Mission, die nächste Hausse, die nächste Wahl, der nächste ›Maidan‹ und schwupp! –

GEHEIMNIS

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Die meisten Leute stellen sich das Geheimnis als Wolke vor. Ich hingegen (»Ach wie gut, dass niemand weiß...«) denke es mir als einen langsamen Fußgänger, schildkrötenartig, mit einem kraftvoll gezeichneten Panzer, damit jeder gleich weiß: darunter verbirgt sich etwas. Mancher kann sich schon denken, was sich darunter verbirgt. Natürlich wünscht jeder den Panzer zu knacken, auch wenn er weiß, dass er das Geheimnis dadurch zerstört. Dann wieder denke ich mir, vielleicht ist diese Vorstellung ganz falsch und das Geheimnis ist der Zenotische Pfeil, der, abgeschossen, sein Ziel erst in ewigen Zeiten erreicht. In diesem Fall wäre es der Träger einer Botschaft (Tod!) und der fortwährende Aufschub, der den Empfänger im Ungewissen lässt. Welch ein Empfänger! Nichts zu wissen und früh zu sterben, dazu braucht es Geistesgaben, die die Natur dem verweigert, der sich ihrer bedient. Doch was heißt schon Natur. Die dritte Vorstellung ist etwas fadenscheinig und befindet sich nicht ganz auf der Höhe der Frage: danach wäre das Geheimnis ein unbedrucktes Buch, also das Buch, das alle Bücher enthält. Nicht schon wieder, gähnt die Belesenheit. Ja, ich weiß, die Einbildungskraft ergänzt und ergänzt, sie kommt an kein Ende mit ihren Ergänzungen, sie hält dieses Buch für das kostbarste und seine Weisheit für unermesslich. Noch etwas? Aber sicher: das unbedruckte Buch, immerhin, es wurde gebunden, es ist ein Buch. Hingegen hat das Geheimnis beschlossen, die Buchförmigkeit zu meiden, es speist jetzt außerhalb. Da sinkt sie hin, die Welt der Bücher: man kann einen Sack um sie schlagen und ein Gewicht daran hängen, das Gewicht der Welt, es kommt nicht in sie hinein, aber es zieht sie in die Tiefe.

GEIST

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Die Bewegung des Geistes im Raum berührt die Gedanken, hierin besteht seine einzig spürbare Wirkung. Einem unsichtbaren Vogel vergleichbar, vielleicht der Taube des heiligen Geistes, streift der Geist den Gedanken mit leichten Schwingen. Er macht ihn seelisch, tierisch oder pflanzlich. Schon der Raum der Gedanken ist unter diesen Bedingungen unterschiedlich. Denn die Seele des Menschen gleicht einem grauen Salon, dessen Vorhänge, je nach ästhetischer Auffassungskraft, Kopfschmerzen erwecken können. Kopfschmerzen sind ein Zeichen der geistigen Anwesenheit in Nähe des Seelensalons.
Im Tier lebt der Geist in Adern begrenzt, immer gleichsam in Blut gebadet, zieht er als Fisch hinauf und hinunter, den Zeigern einer Uhr aus Muskeln vergleichbar. Die Bedeutung des Blattschusses unter den Jägern bezieht sich auf diesen Fisch, dessen Wohnung immer wieder die gesuchte Stelle des Herzens ist.
In den Pflanzen lebt ein feiner Hauch des Novalis, er ist von der menschlichen Seele zwar nicht wirklich erfassbar, aber doch ein sympathetischer Hauch zu ihrem höchsten Vergnügen. Die Wurzel der Romantik nährt sich von diesem Geist der stofflichen Unberührbarkeit und er macht die Süße ihrer erdachter Blumen aus, deren es zahllose gibt. In diesem Zusammenhang ist wohl kaum ein schönerer Satz zu finden als der: »Seht die Lilien auf dem Felde, sie spinnen nicht und sie weben nicht, doch Salomo, in all seiner Pracht, war nicht gekleidet wie eine von ihnen.« - PM

GEIST (2)

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»Na bitte«, spricht Garganelli und streckt die Fühler aus, »der Geist ist unberührbar. Solange die Menschen gegen wilde Tiere kämpfen, den Hirsebrei stampfen, von Hunger, Krankheit, Seuchen, meinetwegen Nachbarstämmen heimgesucht werden, solange sie, nach dem gängigen Register, ihrer natürlichen Umwelt ausgeliefert sind, legen sie großen Wert darauf, sich zu unterscheiden und diesen Unterschied ›Geist‹ zu nennen. Wer mit Geistern kämpft – oder sich ihrer Freundschaft rühmt –, ist von anderem Kaliber als einer, der mit den Wölfen heult. Er ist selber Geist, er ist ›geistigen Wesens‹. Er hat den Unterschied benannt, der er ist, den er darstellt, den er vertritt. In einer Umwelt, die vom Geist bestimmt wird, der nun nicht mehr so heißt, sondern Organisation, Technik, Wissenschaft, kehren sich die Verhältnisse um und Menschen, die der dauernden Lockung erliegen zu glauben, sie seien Organisatoren, Techniker, Wissenschaftler, müssen sich mühsam daran erinnern – oder werden schmerzhaft erinnert –, dass sie Naturwesen sind und dass ihnen die Wölfe, die Graugänse oder die Ratten am Ende mehr über sich verraten als das zur zweiten Natur, zur künstlichen Umwelt gewordene Geistsein. Das ist übrigens eine Frage der Gewichtung und kein Entweder-Oder. So gerät der Geist unter die Räder und wird verächtlich. Aber« – Garganelli spuckt in den Rinnstein – »dieser verdammte Geist hat den Vorteil, offen zu sein – über alle Begriffe, über alle Verhältnisse, selbst die ominöse ›Welt‹ hinaus, während die künstliche Umwelt jeden in einem eisernen Klammergriff hält und ihm nirgends die Idee eines Durchschlupfs gewährt, des aufrechten Gangs oder wie man das nennen möchte. Man hat das natürlich gemerkt und die berühmte ›Veränderbarkeit‹ der Verhältnisse als eine Art Antwort in den Raum gestellt. Da steht sie nun und kommt nicht von der Stelle. Die Verhältnisse ändern sich unentwegt, leider bleibt, wer sie verändern möchte, rascher hinter ihnen zurück als er denkt.« »Dann denkt er zu langsam.« »Er denkt, wie er denkt. Aber gegen das, was sich ein paar Milliarden Menschen von Tag zu Tag ausdenken, hat er doch keine Chance.« »Du siehst das zu pessimistisch.« »Siehst du: so reden sie alle. Und anschließend geht jeder seiner Wege. Das bisschen Geist...«

GEISTBLASE

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»Spar dir den Geist« lautet die Devise derer, die im Ernst die Welt beherrschen oder jenen buckligen Zipfel, auf dem sie am Ende gebettet sein wollen. Was dabei ›Welt‹ heißt, möchte man gerne wissen, man erfährt es spät oder nie. Ähnlich steht es um den Ernst und um die Beherrschung. Nur der gesparte Geist klappert in seiner Büchse, als fielen Geister- und Autogrammstunde ineins: was Autogramm-Liebhaber schon immer vermuteten und -Jäger in vielen Stunden der Pirsch systematisch erkunden. Immerhin kann der gesparte Geist zu ungeheuren Summen anwachsen, die in keiner Büchse mehr Platz finden und als Regen über blühenden Landschaften niedergehen. Die Menschen fangen dann an zu lallen und sich seltsame Dinge zu wünschen, von denen sie nichts mehr wissen, wenn sie zu ihren gewohnten Tätigkeiten zurückgekehrt sind. Bloß ein leises Gefühl der Scham hält sich und der Wunsch, es sich nachzutun, sobald der Zeitplan das zulässt. Dabei hat es sich mit dem Sich-Nachtun, es ist ein eigen Ding und verlangt den Schöpfer oder, wie es im Schwäbischen heißt, das Kreative, das sich bei solchen Gelegenheiten tunlichst bedeckt hält. Da ist es leichter zu warten, bis die nächste Geistblase platzt, um noch etwas abzubekommen: einen blauen Fleck oder eine gebrochene Nase oder ein verbogenes Rückgrat oder einen Gehirnschaden, lauter Dinge, bei denen man sich etwas denken kann, wenn es einmal nichts zu denken gibt und der Westwind braust, als müsse ein Wüstenstaat kirre gemacht werden.

GEISTERBAHN

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Wenn ich lese, der und der alte Knochen des Literaturbetriebs lehne es ab, im Internet zu lesen oder gar, wie es vornehm heißt, sich seiner ›zu bedienen‹, denke ich: Gut, dass du dir meine Lektüre ersparst.

GELÄCHTER

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Die Wahrheit ist konvulsivisch, sie bricht heraus, aber was da herausbricht, formt sich zu keiner artikulierten Rede. Es bleibt Gelächter, bleibt Ausdruck der Spannung zwischen dem, was so bestimmt behauptet wird und dem, was im Akt des Behauptens anwesend ist, aber sich entzieht. Sokrates wird geopfert und er opfert sich selbst auf dem Altar des Rechts. Das macht ihn zum Begründer einer Religion, einer Sekte. Das Denken wird geopfert und es opfert sich selbst auf dem Altar der Gutwilligkeit, das macht aus ihm ein Instrument des Lebens, also einer per se unfassbaren Instanz, deren Objektivierung zu den unfasslichsten Entgleisungen führt. Sokrates opfert sich, folgt man Platon, ›aus Prinzip‹, für die gute Sache, die in diesem besonderen Fall gegen die Person ausschlägt, was nichts oder beinahe nichts bedeutet. So zu reden heißt, die Leute ein letztes Mal hinters Licht zu führen. Wenn Aristophanes an Sokrates zum Verfolger wird, dann nicht um der Sache willen und nicht aus Prinzip, sondern weil es nun einmal geschehen muss. Der Philosoph in den Wolken ist aus einem dauerhafteren Stoff als der sterbliche Mensch, unsterblich das Gelächter, das hier und da aufbricht und, wenn schon nicht die Verhältnisse, so doch das feste Meinen zum Tanzen bringt.

GELDFRESSER

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Diese Sorte Wesen ist nicht eindeutig zuzuordnen. Seine unauffälligste Erscheinung ist, gesellschaftlich gesehen, der gemeine Geldfresser. Im Gegensatz zu König Minos stirbt er keineswegs den Hungertod. Das liegt auch daran, dass moderne Währungen bekömmlicher sind als die Methode, alles in Gold zu verwandeln, die ein erhebliches Problem für die Beißwerkzeuge dieser Wesen darstellt, von Materialengpässen einmal abgesehen.
Wie Forscher der Universität Meins nachweisen konnten, handelt es sich um eine genuine Fortentwicklung des Dagobertismus, einer Manie, die nach bisherigen Erkenntnissen durch die Lektüre bunter Hefte in der Kindheit ausgelöst wird und die Befallenen dazu veranlasst, alles für bare Münze zu nehmen und in ihr zu baden.
Lange Zeit glaubte man, es handle sich beim Geldfresser um eine Parallelerscheinung zum Stromfresser. Die Gier dieser Wesen hat sich in den Jahrzehnten einer immer globaleren Wirtschaftsweise jedoch verstärkt, so dass sie heute alle vergleichenden Parameter sprengen und zu reinen und sogar wahren Geldfressern mutieren, zumal der gesellschaftliche Bann, der auf dieser Art der Existenz lag, im Schwinden begriffen ist und die Spezies sich wachsender mimetischer Bewunderung erfreut.
An der Universität Rubljanka hat man im Rahmen der weltweiten Ausschreibung von Exzellenzclustern ein Projekt aufgelegt, das sich unter anderem der Erforschung der Spezies und ihrer Lebensbedingungen widmen soll, da sie im dortigen Teil der Welt extrem zugenommen hat. Eines der Ziele der internationalen Forschungsgruppe, die sich hier zusammengefunden hat, besteht darin, den immer noch geleugneten oder unterbewerteten Zusammenhang zwischen dem Scheinmangel in gewissen Währungen und der Zunahme der Geldfresserei in Zeiten globalen Börsengeschehens, das fast ausschließlich mit virtuellen Mitteln operiert, wissenschaftlich zu untermauern und empirisch zu belegen. Ein Ziel, das den Notenbanken dieser Welt wie Musik in den Ohren klingen müsste, könnte man davon ausgehen, das solche dort zu hören wäre. Allerdings ist zu beobachten, dass die gesellschaftliche Entwicklung in den Ländern des sogenannten Westens einen anderen Weg geht. In demselben Maße, wie der Verzehr von Fast Food den Bratenduft verdrängt, lässt sich ein Rückgang des Pfennigklangs bei gleichzeitiger Zunahme der Geldfresserei verzeichnen.
»Der frisst das Geld roh!« – spontane Äußerung einer Freundin nach der Begegnung mit einem Immobilienmakler, dessen legendäre Kunstsammlung neben einigen kleineren Objekten mehrere Säcke mit 500-Euro-Scheinen enthält. - AC

GELDSINN

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Nichts härter als das Bild, das sich das Geld von der Welt bildet. Der Geldsinn, also der siebte, formt alle Sinne bis zur äußersten Fügsamkeit. Die Wahrnehmung folgt ihrem Herrn auf Schritt und Tritt, an der Schwelle zur letzten Kammer legt sie sich nieder und hält Wacht. Sei versichert: alles, was du für wahr nimmst, es zahlt sich aus. Wo nicht, schwindet die Wahrnehmung, als habe sie nie existiert, im Handumdrehen. Bleibt die entscheidende Frage: Für wen zahlt es sich... aus? Für dich oder für den anderen? Doch Hand aufs Herz: Wo genau liegt der Unterschied? Auf den anderen hast du lange gewartet, das ist wahr. Aber: Wie lange? Gerade so lange, wie dich der Unterschied plagt. So sieht es aus. Nebenbei: Plagt er dich noch oder hebt er dich schon? Da liegt des Pudels Kern. Der andere, erstmal erschienen, wird den Unterschied liquidieren. Zum Glück! Vielleicht. Oder zum Schrecken... Das hängt ganz vom Kontostand ab. Das Mysterium des anderen ist seine Brieftasche. ›Sei barmherzig!‹ Was immer von dir dort hinüberfließt, es fließt, tausendfältig erstattet, zu dir zurück. Der Zins spannt die Erwartungsdimension der Seele, sofern sie den anderen meint, als Zinseszins zeigt sich die Sünde nackt. Im Erstattungszwang, dem, außer dem verjährten, kein Geben entspricht, verdampft die Ressource Sinn. Das geduckte Leben wendet sich anderen Quellen zu, es erfindet Verhältnisse. In den Verhältnissen, die sind, wie sie sind, lässt sich das Unglück treiben. Es hat seine Ablenkung und sie haben Schuld. Schade nur, schade ‒ in jedem Verhältnis lauert der andere, um aufs Neue hervorzubrechen, die Hydra treibt ihre Köpfe. Die Mechanik des anderen bleibt eine harmlose Wissenschaft, solange Menschen sich weigern, die Kraft zu studieren, die in ihr wirkt. Nicht das Geld drückt den Menschen, der Mensch drückt und es kommt: Geld. Oder nichts.

GELTUNG

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Den Geigenkasten unter dem Arm, bestreitet man Olympiaden, die keiner sieht, die keiner kennen will, Olympiaden des Herzens, des metaphorischen Organs, das überall anwächst, mit größter Leichtigkeit, ohne Unterlass. Wer uns so sieht, könnte meinen, die Natur habe uns zu etwas bestimmt, zu irgendeinem abstrusen, grausamen Zweck, einem Ritual, das wir nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken, nicht bestimmen können, zu dem wir aber vorgesehen und offenbar nötig sind. Wir lehnen diese Meinung nicht ab, wir hören sie an, neigen das Ohr und das Kinn fällt ein wenig herab, nicht viel, aber gerade genug, um eine kleine Erschlaffung anzudeuten, denn eigentlich haben wir dergleichen genug gehört und möchten nun weitermachen. Das Weitermachen wird viel beredet, in Film und Fernsehen, man zeigt es einander und stimuliert sich so zu Leistungen, die gestern noch als unvorstellbar galten. Dieses Gelten ist unsere Spezialität, unser Trick, uns gerade hier aufzuhalten, wo es just geschieht, uns in der Zeit zu halten, aus der wir sonst hemmungslos herausfallen würden, denn welchen Grund sollte es geben, diese Herzensplackerei fortzusetzen, unterbrochen und ergänzt durch die Mühsal, Lebensmittel heranzuschaffen, die ohnehin nicht für alle reichen? Aber was soeben in Geltung ist, glänzt über den Wassern, und nur die harten klinischen Fälle können sich dem Anblick entziehen. Hagere Philosophen, die sich mit Geltungsfragen herumschlagen, behaupten gelegentlich, es käme aufs Begründen an, doch damit zielen sie weit an der Sache vorbei. Auch Begründungen, sofern sie denn stichhaltig sind und nicht ihrerseits einfach gegriffen, müssen in den Bann- und Strahlkreis des Geltens treten, bevor sie uns etwas sagen – es gibt vieles, das, gesagt, ungesagt bleibt, weil es denen, die gerade das Sagen haben, nichts sagt. Das Sagen ist immer gerade, gerade eben, aber vor allem gerade, es ist eine ebene Straße, die geradewegs in die Zukunft hineinführt. Es kann aber blitzschnell umschlagen in ein anderes Sagen, das plötzlich ›an der Zeit‹ ist – ein schöner Euphemismus! – und seine eigene Vorzeit mitbringt. Dann werden andere Gründe geltend gemacht, als man sie vorher hörte, die Dinge stellen sich anders dar und ein Narr ist, wer einen vergangenen Diskurs weiter pflegt. Statt auf den Wankelmut der Zeitgenossen zu schimpfen, sollte man ihn als Waffe begreifen, die es ihnen ermöglicht, tapfer die Gegenwart zu bestehen, vor allem aber als – sagen wir, um etwas zu sagen, Epiphanie des Geltens und damit dessen, was es uns ermöglicht zu sein. Nicht Institutionen bilden das starre Gehäuse der Gegenwart, aus dem keiner herausfällt, es sei denn aufgrund eines organischen Defekts – sie sind schnell ab- und umgebaut, wenn es sein muss –, sondern die augenblickliche Geltung, von der niemand weiß, wie lange sie anhält. Woher sie kommt, woraus sie entsteht – Fragen an den Wind, der, wie ein Mystiker der Zerstörung wusste, stetig aus der Vergangenheit weht. Man sollte hinzusetzen, dass kein Vergangenes zählt, wenn es die Zukunft gilt, in der es sich ebenso zahl- wie zahnlos wiederfindet.

GEMEINSCHAFTSERREGUNG

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Der Gedanke, die Nation als Erregungsgemeinschaft zu fassen, hat Charme, verlangt aber Nachbesserung. Denn wie außer Frage steht, dass es viele – und vielerlei – Erregungsgemeinschaften gibt, so muss auch die Art der Erregung sorgfältig differenziert werden. Die schöne Erregung, die das Bewusstsein der ideell unterfütterten Tat in denen hervorbringt, die sie nicht ausgeführt, aber begleitet haben, hat wenig gemein mit der Erregung, die aus Mittäterschaft erwächst und dort am größten ist, wo es sich um gemeine Verbrechen handelt. Oder doch? Erregung ist Erregung, wird sich der Denker gedacht haben, ein Aushilfsdenker vielleicht, denn es ist ein Aushilfsgedanke, den er da gedacht hat. So gibt es vor, neben und hinter der Erregungsgemeinschaft die Gemeinschaftserregung – eine Erregung, in der Gemeinschaft ›fühlbar‹, ›sichtbar‹, kurz, als vorhanden erfahren wird. Das wäre nicht unbedingt die Nation und diese nicht unbedingt. Es gehen mehr Menschen kalt an solchen Gefühlen vorbei, als die auf Sichtbarkeit getrimmten Zeitgenossen sich klar machen wollen. Gemeinschaftserregung setzt  Erregungsgemeinschaft nicht notwendig voraus. Doch scheinen Erregungsgemeinschaften zu existieren, die das Thema der Nation für sich gepachtet haben. Auch in der Art der Erregung finden sich Unterschiede. In Deutschland zum Beispiel gehören dazu der lebhaft gefühlte Groll und die Bereitschaft zum Umschlag, das berufsmäßige Entsetzen und der unterschwellige Trotz. Andere Völker, andere Erregungen. Wer erregt sich über Europa und wie? Das ist keine kleine Frage, hier liegt eine Zukunft in Windeln und lässt sich belächeln. ›Wir sind ein Volk‹? Fassen ließe es sich schon, zu fassen ist es selten.

GENDERBISS

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Der dritte Weltkrieg zu Lebzeiten derer, die jetzt langsam damit beginnen, ›Verantwortung abzugeben‹, der große Krieg der Geschlechter, kennt viele Ansichten, unter anderem die des grau gewordenen Landsers, der, Unruhe in der Stimme, fragt: »Geschlechterkrieg? Und wer soll daran teilgenommen haben? Wer waren denn die Parteien?« Das erinnert an Sätze aus der Generation der Väter, zum Beispiel: »Ich bin mit den Franzosen immer gut zurecht gekommen« oder, vielleicht eine Spur eindrucksvoller: »Der Russe an sich hatte nichts gegen uns.« Kostbare Souvenirs, gern herausgeholt, falls es im näheren Umfeld mit dem historischen Verständnis nicht recht vorangehen wollte. – Und dabei ist dieser Krieg längst nicht beendet, das Beste steht noch bevor. Der richtige Genderbiss wird unter der Haut getragen, Tätowierung hilft – nicht immer, nicht jedem, aber das ist keine neue Erkenntnis.

GENERATION NULL

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Die Nullität in allem, was von der eigenen Generation ausgeht, muss konstatiert werden. Man hat es lange gewusst, weil man die Selektionen sah, denen sich ihre Sprecher verdanken. Der ideologische Rausch der vorausgegangenen Jahrgänge hat über Angst und Abwehr die Auswahl bestimmt, die später das Sagen bekam – eine paradoxe Feststellung, da sie nichts zu sagen hatte und hat. Sie sind wie stumme Fische durch jede Schleuse geschwommen, die man ihnen geöffnet hat, und da treiben sie nun. Man hat ihnen Leitungsfunktionen übertragen und sie ›füllen‹ sie ›aus‹, bis man sie ihnen, überdrüssig der Vorstellung, wieder abnimmt, jedenfalls dort, wo das möglich ist. Das Beste, was man von ihnen sagen kann, ist, dass sie ›in die Jahre kommen‹, und es besteht Hoffnung, dass man sie nicht mehr herauslässt. Dabei fehlte es ihnen an nichts – außer, vielleicht, an Weggenossen, denen zuzuhören sich gelohnt hätte. Die Aufpasser waren stärker.

GENERATIONSFRAGE

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Wir haben es ungern existenziell. Das ist eine Generationsfrage, vielleicht Folge einer Frühvergiftung oder eines steckengebliebenen Gelächters. Vermutlich gehört es zu den Kennzeichen einer Generation von Langweilern. Wobei die lange Weile in beide Richtungen geht. Was sie wohl findet? Sind die Gedanken unnütz, sind es die Geräte nicht minder. In diesem ›nicht minder‹ steckt eine Kehrtwendung, der sich keiner entzieht. Die Generation ist eine Hängebrücke zwischen zwei Abgründen. Das freut die Rechner, wenn sie sich in die Netze einklinken. Warum so spöttisch? Das ist schwer zu sagen, solange niemand weiß, worauf der Spott zielt. Wer ist dieser Niemand? Vielleicht die Existenz in Frageform, unwillig, die Frage der Existenz anzuschneiden, solange zu befürchten steht, dass nur Käse heraustropft.

GENESIS, dritte

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Dass Genese und Geltung so gern verwechselt werden, hat seinen Grund darin, dass sich nichts so leicht einrichten lässt wie die Genese einer Geltung. Jeder legt hier die Spur seines Interesses. Viele, vor allem die Hurtigeren, legen zusammen und bahnen einem Interesse die Gasse, das weder das ihre ist noch in ihrem läge, falls sie sich die Mühe machten, ein anderes als ihr Fortkommen im Gefilde des Allgemeinen ins Auge zu fassen. Die gefahrloseste Form der Verfolgung ist die Zurückverfolgung, am besten ins paläontologische Zwielicht, wo Zufallsfunde und Überinterpretationen einander allzu willig in die Hände spielen. ›Sprache‹, ›Schrift‹, ›Geschlecht‹, ›Gruppe‹ bilden die dritte Genesis der Gebildeten, die mit Gott so nichts anfangen können, aber das Konzept fortschreiben möchten, da im harten Atheismus, wie sich gezeigt hat, etwas zutiefst Unbefriedigendes und Amoralisches liegt. Genesen, das liegt schon im Wort, wollen sie alle. Was geworden ist, das wird schon wieder, man muss ihm nur Zeit lassen. Im Zeitlassenkönnen liegt die erste der Gnaden, der Grund zu allen, die folgen werden, dafür gedenkt man gern der heroischen Toten, die keine Zeit hatten und daher das Ziel knapp verfehlten. Welches Ziel? Nun, das Ziel, das im Werden liegt und deshalb ein wenig Aufschub benötigt, ein wenig nur, aber den unaufhörlich.

GEOPSYCHOSE

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Landschaftsangst oder timor regionum tritt immer ohne eine deutlich erkennbare Ursache auf. Weder eine auffallende Hässlichkeit in der Natur, falls es sie überhaupt geben kann, noch technische Beifügungen von Menschenhand rufen diese Gemütsverfassung hervor. Aber die einmal erlebten Empfindungen an solchen Orten, es können auch Stadtteile sein, bleiben selbst nach Jahrzehnten immer die gleichen. Der ungarische Maler Zoltan Doltai empfand sie sogar des Nachts bei völliger Dunkelheit, wenn er mit verbundenen Augen nach einigem Hin und Her von Freunden an solche Stellen geführt wurde. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein unbekannter Besitzer, besonders wenn er schon tot ist, hier seinen Herrschaftbereich vor neugierigen oder forschenden Künstlerblicken zu schützen weiß. So sind solche ästhetischen »Novimente« oder Geisterhausflecken, wie sie damals Doltai genannt hat, möglicherweise ausgedehnte unterirdische Matten oder Wurzelwerke, in denen in vergangenen Zeiten die Geburtsstätten der Alraunen vermutet wurden. Eine tief gehende Ahnung vom Schatzwesen im Erdreich muss keineswegs mit verborgenen Dukaten zusammenhängen, sondern kann auch durch ein lebhaft empfundenes Lichtschattenspiel und durch Farben im blassen Vorbereich ihres völligen Auftauchens entstehen. Die rätselhaften ›Vorfarben‹, die antecolori Vitruvs, die er durch abgerichtete Eulen aufspüren ließ, mögen hier eine Rolle spielen, denn Farben, besonders im Zustand ihres Entstehens, können rauschhafte Empfindungen hervorrufen. Eine Bemerkung des seinerzeitigen Irrenarztes Gachet lässt darauf schließen, dass van Gogh die Farbe Gelb als verwirrend (»verwarring«) empfunden hat. - PM

GEREDE

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So manches sich resignativen oder misanthropischen Motiven verdankende dictionnaire gerät bei diesem Lemma ins Schwatzen. Nicht so das Alphazet, das sich in vornehmer Zurückhaltung übt und bloß auf die Autoren Deleuze und Guattari verweist, deren Buch Mille Plateaux wahrscheinlich die ausuferndste Apologie des 20. Jahrhunderts zu diesem Thema enthält – das bösartige Gerede einmal beiseitegelassen, in dem das Jahrhundert, wie alle anderen, sich eher schlagend zeigte.

GERICHTSPSYCHE

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Wer immer die Psyche frequentiert, findet etwas. Sie ist der große Stichwortgeber der erwachsen gewordenen Menschheit, die sich nach Kindheit sehnt. Diese Sehnsucht ist ein verwickeltes Ding, um tausend Ecken gebogen, die meisten davon verloren und vergessen im Schlund der Zeit. ›Sehnung‹ sollte man sie nennen, schon um ihre Nähe zur Biegung herauszustreichen. Was heißt schon Nähe? Sie ist an ihr befestigt, am besten an beiden Enden, wer zieht, zielt schon weiter. Wer immer zieht, der biegt jeden Sachverhalt, bis er ihn so hat, wie er ihn braucht. Man merkt das vor Gericht anlässlich jener Prozesse, die das Volk beschäftigen, weil sie wie ein umgekehrtes Fernglas auf die eigenen Verhältnisse gerichtet sind. Jeder sein eigener Richter, aber auch Staatsanwalt, Verteidiger, Zeuge, Sachverständiger, Gutachter, Bösachter, vor allem letzteres. Der Verdacht springt die Wörter an, als lebte er von ihrem Blut, Syntax ist ihm ein Fremdwort, das den Zusammenhang stört. Aber lassen wir den Verdacht, er ist alt und erzeugt ein Gähnen bei denen, die vom Leben mehr erwarten als alte Geschichten. Das Sehnen will keine Geschichten, es will den Auftritt. Dafür erzählt es Ihnen, was immer Sie wollen. Alles erlebt! Alles frei erfunden! Solange der Körper es hergibt, ist jede Geschichte recht, auch das Schweigen, diese beste aller Geschichten. Wer schweigt, kennt die Geschichten und weiß sich darin mit seinem Publikum einig. Das Publikum hat sich über ihm geschlossen und verdaut ihn bei lebendigem Leibe. Was immer noch kommen mag, er hat gelebt, denn er hat alles getan und nicht getan, er ist ein schmutziger Gott. Überlassen wir den Gerichten die Psyche! Dort hat sie es gut.

GERMANEN

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»Die Würde der Barbarei ist unantastbar, denn sie vertritt die letzte natur-chaotische Einfalt jenseits der Bildung.« Die hier dogmatisierte Bedeutung einer zu jeder Unregelmäßigkeit des Denkens befähigten Sprache hätte der Kunst zwar viel zu bieten gehabt, aber die lateinischen Bildungsklötze standen einer solchen Freiheit durch die Unfähigkeit, sie gebührend zu würdigen oder ihrer gar zu bedürfen, im Wege. Bei Hölderlin, Kleist und Novalis oder in den Nachtwachen des Bonaventura wird das hohe Rätsel dieser abgrundtiefen Einsamkeit im glücklos verlassenen Volksbesitz der eigenen Barbarei offenbar. Im Zarathustra herrscht noch ein letztes Aufpauken wie bei den germanischen Weibern, die im Kampf gegen Rom auf die ledernen Wagendächer geschlagen haben. Nietzsche konnte den alten Gott, weil er ihn fast als seinen protestantischen Ehemann ansah, nicht loswerden. Er war kirchlich mit ihm verheiratet.
Sanft hingegen, allenfalls ein wenig spitz erklingt die Stimme Thusneldas, der Geliebten eines Nachfahren des Varus und jetzigen Besitzers eines Bordells an der Place de la Victoire in dem weithin unbekannten ›Urteilswerk pro Germanos‹ Hans in Paris: »Nein mein Freund, die Taten der Barbarei sind sprachlichen Ursprungs. Die Sprache wurde nie ernsthaft im Spiel mit den Nachbarn gebraucht, das beweist sogar noch der zweite Teil des Faust. Bis in die Zwanziger Jahre lagen die Bücher bei Cotta herum. ( Leiser:) Ich will ihnen etwas anvertrauen, es erscheint da in Deutschland soeben das Alphazet, ein überaus bewegliches und befremdliches Werk, das, lieber Freund...................« Hans versucht ihr hastig zu antworten....................... Hier fällt der Vorhang. Das erste Stück der neuesten germanischen Literatur, zu Recht mit geheimem griechischem Titel, denn die geheime deutsche Bildung athenisiert sich wie zu den Zeiten Roms, wird vorläufig....................... unterbrochen. - PM

GESCHLECHTERHATZ

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Wer die Geschlechter gegeneinander hetzt, zerschlägt das Bild der Welt. »Welches Bild?« fragen die Interessierten. »Ist nicht jedes Bild der Welt wert, dass man es zerschlägt? Ist nicht jedes Bild eine unzulässige Fixierung von etwas Fließendem? Und überhaupt, von welchen Bildern ist hier die Rede? Als wir jung waren, hielt man die Frauen praktisch in Käfigen. Wir haben sie befreit. Ist das keine Tat? Gott, ja. Einer musste es schließlich tun. Wir haben den Feminismus in beide Hände genommen. Was die Arbeiterbewegung versiebt hat, das haben wir gemacht. Das ist unsere Story. Das wird bleiben. Das hat auch mit Sex zu tun. Nein, der Feminismus ist nicht tot, das mag glauben, wer will. Eine Vision wurde Recht und Gesetz. Fiat lux. Das ist Latein. Endlich Sanktionen. Wir werden nicht zulassen, dass die Frauen jemals, sagen wir... wissen Sie… Schon klar. Keiner kehrt in die Geschichte zurück. Ihr gesellschaftlicher Ort – wie sagt man? – ist heute ein anderer. Und morgen? Junge Frau! Morgen mehr als heute. Sie lächeln? Lächeln Sie weiter. Heute sprechen wir über Erfolg ... messbaren Erfolg, wohlgemerkt, nicht über Wohlfühlkurven. Kurven, jawohl. Haben Sie ein Problem? Ich nicht. Die Frauen sind heute ein Wirtschaftsfaktor. Kinder übrigens auch. Das haben wir geschafft. Auch Sex, klar. Warum nicht. Haben Sie damit ein Problem? Also von Ihnen hätte ich das jetzt nicht gedacht. Aber reden wir doch übers Wohlgefühl. Heute finden wir junge, athletische Frauen in allen Berufen, in allen Positionen, und wir? Ach du liebes bisschen. Auch wir, also wir haben gelernt. Wir haben den Kapitalismus gezähmt, zu unserer Zeit, ist das nichts? Nicht der Rede wert. Bitte. Wir haben den Machismo auf die Bretter gepfeffert, Sieg durch K.o. Das ist doch was, oder? Lieber Junge, quatsch keine Oden. Und komm mal vorbei. Kein lautes Wort. Nein, wir sind nicht in die Frauenberufe gegangen. Nicht diese Falle. Sei vorsichtig, Junge. Gleicher Lohn, gleiche Arbeit. Nein, wir sind nicht zu Gebärern geworden. Das nun gerade nicht. Haben Sie ein Problem damit? Ich frage: Haben Sie ein Problem damit? Legen Sie ab, Madame. Kita für alle. Ach was. Erzieherinnen für alle. Geschlechtsneutral, ja. Naja. Ja, wir haben uns aus den Schulen zurückgezogen. Heißt das nicht Platz machen? Nein? Nicht überzeugend? Ja was denn dann? Was soll der Quatsch? Sie kriegen Ihre Quote und wir kriegen Sie ins Bett. Sie legen sichs zurecht und wir legen uns dazu. So läuft das. Solide Abmachung, ziehen wir durch. Ja ja ja. Wir werden nicht zulassen... dazu stehen wir... Apropos zulassen: Sei’s drum. Was ich sagen wollte... Der Kampf geht weiter. Welcher Kampf? Was ich sagen wollte... zuführen, was heißt zuführen... lehnen wir ab. Mädchenhandel? Scheiße, was. Wir, wer sind wir? Gute Frage. Gute Schule, nicht wahr? Wie? Ganz der alte...? Gute Nacht, ja... Habe die Ehre... Was soll...«

GESCHLECHTERKRIEG

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Wir haben im Dritten Weltkrieg gelebt und er ist ongoing, wie unsere amerikanischen Freunde sagen, die gewohnt sind, auf niedrigem Niveau Krieg zu führen. Wir, das sind ein paar Freunde, auch weitere Bekannte, darunter echte Penner, ferner, wenn man die Zeitungen liest, eine Reihe von Leuten auf unterschiedlichen Kontinenten, darunter Harmlose, Spinner, der Rechtschreibung Unkundige, auch Gewiefte, womöglich Bestien, vielleicht gibt es irgendwo Lager, in denen Skelette den Boden pflastern und Ausgemergelte sich die Hand an der Sonne verbrennen. Die Zahlen gehen in die Millionen, zig-, hunderte, was weiß ich. Nein, es scheint nicht vorbei zu sein, nur unser Part ist zu Ende gegangen, wir sind nicht mehr so gefragt und haben die Gelegenheit benützt, uns in die Büsche zu schlagen. Wir können nicht wirklich berichten, worum es in diesem Krieg geht, er geht über alle Grenzen, zu viele Parteien mischen in ihm mit, als dass jemand wissen könnte, worauf es hinausläuft. In solchen Kriegen erneuert sich die Welt, jedenfalls nimmt sie dieses Privileg in Anspruch, es ist aber nur ein Freibrief für Metzeleien. Der Geschlechterkrieg muss durch private Friedensschlüsse beendet werden, also kommt es darauf an, sie zu verhindern oder, wo irgend möglich, zu erschweren. Besser, man verkündet, das Ende der Privatheit sei gekommen, als dass man an dieser Stelle nachgäbe. Überhaupt kann man Ideologen gut an ihrem Hass aufs Private erkennen. Hier steckt ihr pathologischer Pferdefuß: die Hölle für alle braucht immer Nachschub und keiner, der sich voranbringen will, möchte hier zurückstehen.

GESCHNATTER

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Ein Beispiel für die Verheerungen, die das Wort ›Kultur‹ über die nützlichsten Erfindungen bringt: der Start der professionellen Schreiber in die Segnungen des web2, wie sie es nennen, um anzuzeigen, womit man bereits wieder durch ist. Da hocken sie wie Weltkrieg-II-Grenadiere in Erdlöchern aus schlechtem Design, halten ihre Konterfeis hoch und wackeln mit ihnen, auf dass jemand draufhält – aber dalli und ohne Verzug. Sie wissen, dass sie Kulturschaffende sind, wie es die Katze weiß, die sich insgeheim doch für die Maus hält. Sie sind es leid, immer ins Leere zu sprechen, und wünschen Kontakt, egal welchen. Ach, und wie schnell sind sie desillusioniert. Nichts enttäuscht rascher als ein Medium. Das wissen die Tischrücker schon länger. Aber niemand hört ihnen zu, gesellschaftlich gesprochen, dort, wo man spricht, damit die Lücke nicht spürbar wird. Welche Lücke? Es braucht Ideen, um ins Leere zu sprechen. Lieber füllt man sie mit Gestalten. Sie scheint wählerisch zu sein, die Leere. Soeben verließ sie den Raum.

GESCHWÄTZ

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Wenn es der Kultur eines Landes gefällt, mit der Dummheit zu paradieren, weil es zu mehr als Geschwätz nicht reicht, dann ist das die Lage und die klugen Leute gehen ihrer Wege. Man könnte natürlich fragen, was  für eine Kultur das sei und wer in ihr das Sagen habe und wem damit gedient sei, solche Fragen könnte man stellen und beantworten und vergessen, es bliebe sich gleich. Man kann auch sagen, dass man in einem Land, für dessen Literatur man sich schämen muss, nicht leben möchte. Wer zwingt einen, sich zu schämen? Was zwingt einen hinzusehen? Und wer zwingt einen, nicht auszuwandern? Etwas Besseres als den Tod findest du allemal. So ein Land ist kaum mehr als ein Durchgangslager für Leute, die darin nichts zu sagen haben. Irgendein Schwätzer greift sich irgendein Anliegen, der Markt drückt es ihm auf, das allgegenwärtige Fernsehen schleift es zurecht, ein kraftstrotzender Konkurrent liefert die Maßstäbe, das Zeug wird gebraucht, geliefert, konsumiert, es bleibt Zeug. Jeder weiß, dass es sich um Zeug handelt, niemand wird darauf zurückkommen, für den Augenblick taugt es. Daneben liegen die Themen, schwer, kantig, schartig von früheren, nie zu Ende gebrachten Arbeiten, altes, verworfenes Zeug, wertlos, unabgeholt. Sie liegen gut, sie liegen außer der Zeit. Das Land ist sich billig geworden, na und? Die Leute haben Probleme, das Geld will angelegt werden und die Renten, hört man, sind nicht sicher, man muss schon was tun. Die Leute sind schnell durch mit dem, was sich ihnen anbietet. Die bedeutsamen Dinge darf man nicht anbieten, sie liegen wie Blei in den Senken des Bewusstseins, sie sind nicht Kultur, sie sind kaum merklich.

GESELLSCHAFT

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»Was für eine Gesellschaft!« Im Wort ›Gesellschaft‹ steckt das Pejorative, das nicht weggeht. Die gute Gesellschaft, die feine Gesellschaft, das sind Unterscheidungen, die den Makel der Trennung auf der Stirn tragen. Aber auch die Gesamtgesellschaft ist nicht so unverdächtig, wie sie erscheint. Dass sie an das ›Gesamtkunstwerk‹ seligen Angedenkens erinnert, mag man ihr noch durchgehen lassen. Doch das Totalisieren an sich ist ohne eine Tendenz nicht zu haben; die Begriffe sind nicht so unschuldig, wie sie den anblicken, der sich nicht vorsieht. Auch die Gesamtgesellschaft schließt aus: dass sie es ablehnt, den Rest zu benennen, verheißt nichts Gutes. Kurioserweise entstammt der Begriff dem Repertoire der Kritischen Theorie, die sich selbst einem Rest zuzählte, der – wie man hoffte – nicht weggeht. Zum Wir-Begriff wurde die Gesamtgesellschaft in dem Maß, in dem die kritisch Bewegten sich in ihrer Mitte einzurichten verstanden. Demnach zählt sie unter die eher komischen Exuberanzen des Mit-der-Zeit-Gehens. Und wirklich hellen sich die Mienen der Menschen auf, wenn der Ausdruck fällt – sie lassen ihn zwischen sich durchfallen und sehen ihm nach bis auf ihre blankpolierten Schuhspitzen, dann heben sie leise den Fuß und man hört es knirschen. Aber das nebenbei. Im Grunde hat niemand ein solches Wortungetüm nötig, das einfache ›Gesellschaft‹ genügt, und jeder, der mit feineren Sinnen geschlagen ist, riecht den Braten. Wer sich in Gesellschaft begibt, setzt die Freiheit, sich aus ihr zu entfernen, voraus, er bedankt sich sehr, wenn man ihm bedeutet, dass er außerhalb ihrer nichts bedeutet und dass er dort niemals ankommen wird, so sehr er sich auch anstrengt und ›isoliert‹. Dieses Wort gibt ihm zu denken. Isolation – was ist das? Eine gesellschaftliche Verrichtung, eine Strafe, ein verhängter Ausschluss und ein bekundeter Unwille, den sich aus eigenem Antrieb Entfernenden zuzulassen. Gesellschaft ist ein Distanzbegriff; eine Gesellschaft, die auf sich hält, thematisiert sich nicht als ›Gesellschaft‹, sie begreift sich als Raum, in dem man sich aufhält – auf Zeit, wie in allen Räumen, die sich im Leben öffnen. In dieser Hinsicht bezeugt eine Prägung wie ›Weltgesellschaft‹ keinen Begriff, sondern das Grauen schlechthin. Alle empfinden es, alle gehen darüber hinweg, so stark ist der gesellschaftliche Sog, der den Einzelnen mindert und das stärkt, was keiner will und am Ende keinen befriedigt.

GESINNUNGSSCHLAFMÜTZE

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Mersmannsche Kappe für den Hausgebrauch, mit Circumcisio, ohne Brandmal, leicht vergilbt. Man kann sie gelegentlich ersteigern, aber im Netz stehen genaue Anweisungen, nach denen es leicht möglich sein sollte, sich eine neu zu verfertigen. Angst davor, dass es dieselbe Kappe irgendwo ein zweites Mal gibt, muss keiner haben, die Bastelanleitung ist ebenso locker gefasst, wie die Kappe anliegen sollte. Wer sich ihrer bedient, will nicht als Parteigänger Beachtung finden, sondern als Zeitgenosse. »Wer seine Zeit genießt, ist ihr Genoss, wer das nicht weiß, fliegt in die Goss.« Solche derben Sprüche findet man überall dort, wo man darauf gefasst sein sollte, mitten im Gewühl einer Gesinnungsschlafmütze zu begegnen. Viele ihrer Träger sind organisiert, manche darunter im Zeitlerorden, dem Orden der unvermittelten Abbrüche und der gestreckten Lebensläufe. ›Wir haben Urlaub‹ steht in den Unterlagen, die man zugeschickt erhält, wenn man um Aufnahme bittet, womöglich vom Pförtner, der als einziger noch die Stellung hält. Die Zeitler hält es wenig im Lande, sie sind ›unterwegs‹. Wohin? Eigentlich reisen sie der Sonne entgegen, sie stecken voller Begegnungen, von denen die Haut hier und da Zeugnis ablegt. Wenigstens sie, immerhin ist sie das größte Organ und kann sich sehen lassen.

GESPENSTERMALER

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Die Gestalt einer negativen Ewigkeit besteht aus der uns umgebenden Natur. Sie zu bezweifeln, zu erneuern und zu durchstreifen ist die Aufgabe der Gespenstermaler. Seit alters besteht das Missverständnis des Naturalismus darin, die natürliche Außenseite der Dinge, selbst wenn sie ununterbrochen Erweiterungen erfährt, bereits für Teile eines Ganzen zu nehmen.
Darin besteht der Irrtum des sogenannten gesunden Blicks, der bloß am sinnlichen Mantel der Maja hängen bleibt. Sehlichte Täuschung der Nerven ist überhaupt das Prinzip der natürlichen Ewigkeit, sie füttert den Menschen, gleich einem Tier ohne Instinkt, mit den Luftblasen ungemalter Prinzipien, seit es über das plötzliche Einfahren der göttlichen Seele instinktlose Zweifel gibt. Aus diesen Gründen werden die Gespenstermaler unseren vernachlässigten Geistesaugen immer wichtiger, nicht nur im Traum.
Nichts gegen die Vermutung, der Mensch sei tatsächlich ein von Dämonen gequältes Tier, aber es sind dann immerhin Dämonen, die ihn heimsuchen und nicht die bilderlos aus sich selber wütenden Fehler der Krankheiten.
Solange die Ärzte sich nicht gelegentlich mit den neuen Gespenstermalern vereinigen können, um Krankheitsbilder auf riesige Deckengemälde zu malen, schwebt das Verhängnis der Bildlosigkeit über unseren einsam schlafenden Köpfen, die jenseits der Träume bloß mit Geschwätz und Zahlen gefüttert werden.
Immer wieder die Spritzen beiseite legend, sehe ich die malenden Ärzte und Künstler eines Tages auf hohen Gerüsten nebeneinander die neuen Gemälde dämonisch umwölkter Menschen prachtvoll ins Blau der Kuppelgewölbe malen. Auch die Organe sind endlich ornamentale Schleifen kühner Gewänder, so außen wie innen. - PM

GESTATTEN

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a) Im Paradies der Billigen haben die Teuren Ausgang. Nur die Teuerste zieht ihre Kreise, als ginge sie das Ganze nichts an. Vielleicht hat sie recht und es ist nur ein böser Traum.
b) Der Allerwerteste greift sich den Schritt und bestreitet den Vorgang. Ein teurer Standpunkt: hier steht keiner, der vorher nicht fiel. Oder auffiel, was fallentechnisch die Sache erleichtert, aber kein gutes Echo hervorruft.
c) Wer auffällt, ist schon gefallen. Das Auffallen beschreibt eine Kurve, die steil gen Himmel strebt, um sich dem Schoß der Erde rapide zu nähern und mit ihm zu verschmelzen.
d) Das Abgreifen, eine egalitäre Tätigkeit: fällt auf, wenn der Griff schmerzt. Nicht was, sondern wo jemand abgreift, macht den Unterschied. Eine Sache im Griff haben heißt, auseinander zu reißen, was umso stärker zusammenwirkt.
e) Die ›Lust, niemandes Lust zu sein‹, ist ein altes Motiv und eines der stärksten. Das wissen Ermittler aller Couleurs, sie haben mit ihr manches Kind gezeugt und fürchten noch immer, sie müssten für die Folgen aufkommen.
f) Wir haben die Lust befreit und nun befreit sie sich. Das steht, als Kainszeichen, an den Türen der Erlesenen, die keine Lust haben, Opfer zu spielen.
g) Das Land aller Möglichkeiten ist das Land, in dem die Lust frei hat und jeder für sie haftet. Die Menschen leben hinter Sicherheitsanlagen und halten die Gewehre bereit.
h) Allem, was Recht ist, schlägt seine Stunde.
i) Simultan ist das alles, dass einem, erschüttert, das Kreuz bricht.

GEWISSEN

G
Eine Lehrerin betrügt den Mann, der sie vergöttert, mit dem Säufer, der sie gnadenlos in den Dreck zieht. Ein Namenloser sprengt sich täglich in Gedanken mit dem Präsidenten seines Landes in die Luft, um das Schlimmste zu verhindern. Der Kommandant eines mit Atomraketen bestückten U-Boots, den Befehl, es zu tun, auf dem Bildschirm, lässt sein Boot an einem Riff zerschellen. Die pummelige Kunststudentin, vertraut mit den Kniffen der Borgias, liest Vergewaltigungsphantasien in den Augen ihres Straßenbahnnachbarn und stößt ihm eine präparierte Nadel ins Herz. Ein Spieler erhöht den Einsatz und begeht Selbstmord. Seine Frau gewinnt. Spielen Sie mit, wägen Sie mit, urteilen Sie mit! Das vertreibt Zeit und macht ein gutes Gewissen. Vor allem: Sie sind dabei. Jedenfalls bis auf weiteres.

GEWITZTHEIT

G
Wer ab und zu denkt, findet leicht, ein abgetaner Gedanke besitze die Kraft nicht mehr, sich zu behaupten – er beanspruche keine Geltung. Weit gefehlt. Was soll ein abgetaner Gedanke anderes beanspruchen als eben Geltung? Er hat frei, er hat Zeit, die Köpfe der Leute zu erobern, während der Gedanke, an dem noch gearbeitet wird, vor Ungeduld mit den Hufen scharrt. Leicht möglich, dass ein Jahrhundert die Obsessionen des vergangenen erbt, um sie zu realisieren – als wären sie das Neue, die neue Zeit, der neue Geist über den Wassern einer alten Gewitztheit. Die alte Gewitztheit kennt die Woge, die da heranrollt, sie gehört ganz zu ihr, aber als Oberfläche. Die tiefen Massen, die anders ziehen, halten sich anders bedeckt. Darin besteht ja das Neue.

GEWUSST WIE

G
Die Dichotomie von Glauben und Wissen beherrscht den Alltag, so dass selbst, wer glaubt, sich auf der sicheren Seite wähnt. Er weiß etwas, was die anderen nicht wissen, denn er glaubt und er hat die Wirkungen des Glaubens an sich erfahren. Er weiß also, was Glauben ist – nicht irgendeiner, sondern seiner, der richtige. Einen ›bloßen Glauben‹ lehnt auch er ab, das wäre Aberglaube und Vorurteil, kulturell gewachsen, aber durch Aufklärung und Wissenschaft durchschaubar und damit widerlegbar geworden. Da liegt der Hase im Pfeffer: der ›bloße Glaube‹ ist im Prinzip widerlegbar, auch wenn im Moment die Mittel dazu fehlen. Er ist schon überwunden, weil er als überwunden gilt. Was wäre das Wissen, wäre es nicht gerade das: Überwindung des bloßen Glaubens? Der reflektierte Glaube hat das Wissen in sich aufgenommen, er ist über den bloßen Glauben hinaus, er ist ein Exzess. Dieser Gläubige weiß um seine Situation, er hat sie lange erwogen und durchlebt und das hat ihn stark gemacht: stark wofür? Für das Besondere, das er repräsentiert. Unter der Ägide des Wissens zu glauben ist etwas Besonderes, eine Auszeichnung, ein Konzept, das Überlegenheit verleiht. Was wäre ich ohne meinen Glauben? Nicht viel. Was wüsste ich ohne meinen Glauben? Nichts Besonderes. Wo wäre ich ohne meinen Glauben? Auf jeden Fall weit dahinten, mit Nässe, Dunkelheit und Chancenlosigkeit kämpfend, abgeschlagen, eine armselige Existenz. So wie ich bin, bin ich reich.

GIMPELFÄNGER

G
sind besser. Sie sagen: »Unsere Jungs sind besser« oder »Frauen sind besser« oder »Marmelade ist besser« und schon rennt die Marmelade, den Auftrag zu erfüllen, der tief in ihrem Inneren tickt: besser zu sein, besser als die anderen, besser als sie selbst, besser als das Weltall, das, wie der Mond, ein faul’ Stück Holz ist, vom Ich überglänzt seit altersher. Die Gimpelfänger bleiben im toten Winkel, sie überblicken die Materie und halten die Fäden in Händen, die selber Fäden gleichen. »Ich stehe mit allem in Verbindung«, kann so einer sagen, sein Bauchansatz rundet sich leicht, er ist es zufrieden. Gimpelfänger haben es leicht, sie sind das Salz der Erde, die sich ihnen entgegenkrümmt, so sehr ist sie aufs Lecken erpicht. Aber lassen wir die Erde Erde sein und halten uns an die Fakten. Fakt ist, dass, wer einen Gimpel gefangen hat, ihn auch wieder loswerden muss. Das klingt einfacher, als es sich anlässt. Die Preise für Gimpel fallen, seit Mutter Natur durchblicken lässt, in welcher Fülle sie sie bereithält – eine Ressource, die nie versiegt. Was ein Gimpel wert ist, weiß keiner so recht, es sei denn, er braucht gerade einen, um mit dem Fänger zu rechten. Die Feinde der Fänger sind die wahren Freunde der Gimpel. Sie tun ihnen nichts, auch wenn gerade das immer wieder behauptet wird. Manchmal empfinden sie sogar Lust dabei, ihnen auf die Finger zu sehen. Diese Lust vergraben sie tief, da sie fürchten, dass man sie denunziert.

GLAUBE

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Dass mehr geglaubt als gewusst wird, ist kaum zu leugnen. Einmal, weil die entrückte Historie wie die entrückte Hoffnung nur vom Glauben gerufen werden können, sodann, weil überhaupt die innere Art der Unendlichkeit nie mit dem Anteil des Gewussten zu füllen ist. Das Gewusste schwebt immer daneben und nur das Geglaubte ist dicht bei uns selber.
Es bleibt jedem überlassen, sich innerlich so zu verkürzen, dass er die Menge des Geglaubten nicht fühlt und die Menge des Erhofften nicht ahnt, aber sie spielen um uns herum und schneiden Gesichter, die niemand vermutet. Nicht der Glaube, von dem abfällig gesagt wird, er sei eine schwache Hilfe gegen die Angst vor den Realitäten, sondern das ohnmächtige Wissen in der Realität verdient den dunklen Titel des Selbstbetrugs, denn Realitäten werden nicht anders geglaubt als mittels eines zweiten Glaubens, den an Tatsachen, dem ein dritter Glaube an die vermeintliche Wirklichkeit zur Hilfe kommen muss. Ich glaube, es wird alles zusammen geglaubt und man gelangt so rasch auf das Gebiet der heiligen Dreifaltigkeit.
Wissen ist keine Macht zur technischen Einsicht in Realitäten, sondern Betäubung der Hoffnung auf unbekannte Fernen. Denn alle Angst hofft auf ferne Erlösung, die kein Wissen erlangen wird. Der richtige Racker des Agnostizismus ist ein Selbstmörder mit kräftigen Armen. Er stürzt die Götzen der Visionen, über die nur der Einzelne verfügt, mit der Wissensaxt der Kollektive und gerät wie ein ungeschickter Holzfäller unter sich selbst. Das konnte dem heiligen Bonifazius nicht passieren. Er glaubte nur einmal, die Germanen hingegen mehrmals. Allerdings ist es gut, sich der Gestalt eines Gottes, was dessen Wirkung betrifft, zweimal zu nähern. Einmal unter dem Aspekt seiner Allgegenwärtigkeit, der ihn für den einzelnen Menschen unerreichbar macht – denn für alle bedeutet für niemanden – oder als Bruder des eigenen Ich, als eine Innenschöpfung der Seele. Wer an die Seele in Hinsicht der persönlichen Gottesbezogenheit nicht glauben kann, ist genauso ein Racker mit kräftigen Armen – einer, der sich die eigenen Beine abhaut. Affe kann er nicht mehr werden und Mensch will er nicht sein. - PM

GLAUBWÜRDEN

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Hochwürden, vom hohen Ross heruntergenötigt, bemüht sich neuerdings um den Titel ›Glaubwürden‹, doch er stößt auf Widerstände, wo er sie nicht vermutet hätte. Hochwürden glaubte, genügend Glaubwürdigkeitskapital in Reserve zu haben, um einen Neuanfang wagen zu können, aber etwas stockt. »Kommen Sie voran?«, fragen ihn seine Glaubens-Mitstreiter, die sich Gutes davon erhoffen, sein Auge blinkt, aber matt. Wo soll das hinführen? Inzwischen fährt die Konkurrenz, der es nicht an Märtyrern mangelt, Erfolge ein, die ihre Gegner das Fürchten lehren, das Glaubensgeschäft blüht wie seit mehreren saecula nicht mehr, nur Hochwürden bleibt außen vor. So ungerecht ist die Welt. Nein, es sind nicht nur verführte Knaben, die gegen ihn zeugen, es ist auch der Widerwille gegen die erfolgreiche Konkurrenz, der sich in den Gemütern der Ängstlichen zum Schlachtruf ›Keine Religion!‹ verdichtet – ›Nur das nicht‹. Denken Sie sich, Hochwürden ist zum Bauernopfer geworden – in einer Schlacht, an der er nie im Traum teilnehmen wollte, auch nicht als Bauer!

GLEICHHEITSDSCHUNGEL

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G. spricht: Inzwischen sollte man aufhören, das, was seit fünfzig Jahren den Frauen passiert, pauschal Befreiung zu nennen. Zweckmäßiger wäre es, man kehrte zu einem Ausdruck der frühen Jahre zurück: reden wir von Vergesellschaftung. Frauen sind, in einem anderen Sinn als Männer, Gesellschaftswesen, sie bestehen auf Gesellschaft und die Männer finden ihren Vorteil dabei. Die Biologie mischt mit und sorgt dafür, dass alle von Zeit zu Zeit wieder nach Hause gehen. Nun, Vergesellschaftung zielt darauf, diesen ›Rest‹ zu vernichten und die Beute den großen Akteuren in die Hände zu spielen – von der Wirtschaft über die Medizin bis zur Psychiatrie und ihren leichteren therapeutischen Schwestern. Dazu bedarf es des Gesetzgebers und des Schwarms von Behörden, die umsetzen, was an der Zeit ist. Sie spielen den entscheidenden Part. Der formalen Gleichstellung der Geschlechter folgt, Jahrzehnt um Jahrzehnt, ihre informelle Ungleichstellung durch ›gezielte‹ Nachbesserung des Erreichten: ein Fass ohne Boden, eine Baustelle ohne Ende, eine nach oben offene Aufgabe, ein Beben, das niemals zur Ruhe kommt. Nichts davon bringt die Geschlechter der Gleichheit näher. Man kann auch nicht sagen, dass es sie voneinander entfernt. Nur die reale Ungleichheit setzt sich durch, auf jeder Stufe, auf jedem ›Stand‹, mit allen verfügbaren Mitteln, den neuesten wie den ältesten. Hier liegt das Ärgernis und mancher reißt sich lieber das Auge aus, als dass er zu dem stünde, was er sieht. Fazit: Wer den ἄνθρωπος abschafft oder seine Abschaffung simuliert oder den virtualiter abgeschafften anhand simulierter oder simulierender Forschungsergebnisse im Wochentakt ad absurdum führt, riskiert... seine laufende Wiedergeburt, mit allen Folgen und Folgefolgen, den rüden wie den subtilen. Was wären wir ohne die Folgen! Wer wären wir ohne die Folgen! Im besten Fall bekommen die Verfolgungsbehörden zu tun, im schlechtesten sind selbst ihnen die Hände gebunden und irgendwo tickt jemand aus. »Währenddessen nehmen die Menschen sich, was ihnen brauchbar erscheint. Das Mobiltelefon zum Beispiel und die Religion sind die gegenwärtigen Mittel der Frauen, sich im Dschungel der Gleichheiten zu bewegen, ohne sich ihnen auszuliefern. Entsprechend argwöhnisch werden sie beäugt.« Es gibt andere, subtilere, vielleicht mächtigere, aber zu diesen hier haben alle Zugang, sie sind barrierefrei: ›basic‹.

GLEICHMUT

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»Gleicher Mut für gleiches Entgelt!« Wer nicht einsieht, dass diese Forderung nur gerecht ist, der hat das Wesen der Gerechtigkeit nicht verstanden, für den bleibt Unwesen, was die Parteien treiben, vor allem die Partei der Gerechtigkeit, die für sich recht zu haben beansprucht, weil alles andere ungerecht wäre. Habe Mut! Das Zitat geht noch weiter, doch die Partei kennt es nicht, sie will es nicht kennen, sie ignoriert seine Kenntnis wissentlich. Es wurden schon Mitglieder exhumiert und aus der Partei geworfen, die es vor Zeiten den Genossen zur Kenntnis bringen wollten, denn es ist die Parole aller, die das Denken noch nicht verlernt haben. »Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!« – und flutsch! wieder ein Parteimitglied weniger. Mit Gleichmut geben, mit Gleichmut nehmen, vor allem das kleine Entgelt für die Portokasse – das ist die Parole aller Parteien, die im Verstand die Wurzel allen Übels verorten, solange nicht irgendeine Zentrale ihn steuert. Dann natürlich wendet sich das Blatt und ein Verstand tritt hervor, besessen bis zum Abwinken, bis zur kollektiven Besessenheit, denn besser als ein gehabter wirkt ein besessener Verstand allemal. Stimmt die Zuwendung, stimmt der Mut: Wer die Welt ändern will, der braucht Geldgeber, damit am Ende die Richtung stimmt. Sie muss doch stimmen, die Richtung, oder? »Die Richtung stimmt«, sagt der Genosse Kassenwart, wenn die Kasse stimmt, er sagt es mit Nachdruck, als Champion aller Klassen kennt er die Alternativen und taxiert sie kühl.

GLÜCKSFEE

G
Nicht über meine Leiche, sagt die Glücksfee, sie meint ›Nur über meine Leiche‹ und drückt sich etwas merkwürdig aus. Andererseits: die Leiche der Glücksfee – was soll das sein? Vielleicht ist es ja ein Glück, dass sich in diesen Regionen niemand zu Hause fühlt. Wenn einem die Glücksfee selbst den Weg versperrt, dann sollte man sich nicht zimperlich zeigen und ihr die Rechtsprachlichkeit erlassen. Das Glück der Wörter findet sich ohnehin anderswo.

GLÜCKSHORMON

G
Finde für alles den krassesten Ausdruck – und verwirf ihn.

GNOSIS

G
Du kannst den Gedanken an eine persönliche Vorsehung kalkulieren, du kannst ihn ablehnen, aber verhindern kannst du ihn nicht. Wie immer du es anfängst, wie immer in dem Geduldspiel du die Begriffe legst: sobald du es unternimmst, diese Sache, die dich verfolgt, irgendwie a-persönlich zu denken, beginnt die Seinsschwafelei, die dich nicht befriedigt. Sie kann dich nicht befriedigen. Das erfingerte Nichts ist immer zu bunt – zu bunt und zu eintönig, um die Phantasie und das Denken für längere Zeit ruhigzustellen. Wie das? Schließlich nistet die Vorsehung im unruhigen Denken, in der Unruhe selbst, die nur aus Verlegenheit vorwärts will, sie würde genauso gern seitwärts ausbrechen und es gelingt ihr oft genug. Natürlich lässt der Gedanke, das Vorgesehene sei auf dem Weg, die Neugierde sinken, er ist, alles in allem, ein beruhigender Gedanke, der auf der Stelle Metastasen treibt. Diese Nebengedanken sind lästig, aber auch interessant, sie locken das Denken auf Abwege und es bedarf schon des Hirten, um sie zurückzutreiben, des guten Hirten... Hier stockt die Rede, wie abwesend geht sie zurück in den Kreis des Gebimmels, das vorwärts zieht, in die Ruhe der Leiber, die ihr Schicksal miteinander teilen. Kaum sind wir autonom, erinnert unser Körper an fatale Abhängigkeiten und vor allem ans Ende, vor allem und jedem ans Ende, an jene Ruhe, auf welche das Denken zueilt und vor der es erschrickt, mit welchem Vokabular auch immer. Ja, auch das Denken selbst kann erschrecken, nicht nur das Tier oder das liebe Gemüt. Sicherlich hat es dafür seine Gründe, doch man erschrickt nicht aus Gründen, auch das Denken erschrickt nicht aus Gründen, eher aus Abgründen, aber das ist bloß Wortspielerei. Es schreckt zurück und man kann nicht wissen, ob es ein Gedanke ist, vor dem es zurückschreckt, oder ein Nichtgedanke, eine Lücke im Netz des Denkbaren. Solche Lücken gibt es ganz ohne Zweifel, Denken bedarf der Bahnungen und wir können nicht wissen, ob dort, wo heute die Lücke sich auftut, morgen eine Rennstrecke liegt. Wir können es nicht wissen, aber etwas in uns sagt, dass dies ein infinitesimaler Prozess ist und die Lücke nach innen immer Raum hat.
Wenn das Denken erschrickt, gibt es keinen Ausweg, keine Therapie, keinen Auslauf. Die unerreichbare, stetig drohende Denkruhe ist etwas Seltsames und es sieht aus, als sei so etwas wie die sprachanalytische Philosophie eigens erfunden worden, um es zu bedecken, jedenfalls gibt sie dem Denken zu tun wie einem Hund, den man apportieren lässt. Dieses Erschrecken trägt einen altertümlichen Namen: Gnosis. G. heißt Wissen, das weiß jeder, es ist sozusagen der Anfang des Wissens, hinter den es kein Zurück gibt in die sokratische Attitüde. Doch, ich weiß, ich weiß mancherlei, und es ist Unsinn zu behaupten, es bedürfe einer Methode, um wirklich zu wissen – gerade diese Behauptung liegt vollkommen außerhalb jeden Wissens, sie ist naiv. Im Wissen weicht der Weltsinn vor der Brandung zurück und flüchtet sich in Hieroglyphen, z. B. die der Wissenschaft, aber es gibt auch andere. Es gibt immer andere und es ist immer Wissenschaft, sobald und solange es angesagt, solange es an der Reihe ist. Leichtgläubige pflegen über Leichtgläubige zu lachen, Ungläubige über Ungläubige. Nicht der Glaube, der Unglaube enthält das Wissen, er enthält auch den Glauben, er ist das Umfassende, aus dem das andere hervortreibt. Deshalb nennen sie den gläubigen Menschen einen Wiedergeborenen, anderenfalls einen Naiven. Naiv sein heißt, den Akt des Glaubens nicht zu kennen, von dem der Gläubige weiß. Dieses Wissen, diese Gnosis ist nie von dieser Welt, sie ist immer schon ›jenseits‹ und hat den naiven Glauben preisgegeben, man könne weltgläubig wissen. Sie weiß es besser.
Abwehrzauber, in vollendeter Putzigkeit auf Kathedralen montiert: Dämonen, Engel, Schnellfeuerwaffen des Lächelns, auf einen Wink hin imstande, ganze Landstriche mit Tod und Verderben zu überziehen. Gnosis ist das Unterfangen, die Existenz ins Denken zurück zu verlegen. Denken will Lösungen. Und so lautet die Lösung, vor der allen graut: Gnosis. Nehmen wir den extramundanen Gott – er lässt sich nicht anders als unpersönlich denken, gerade in dem Maß, in dem er außerhalb steht. Und das ist die Wahrheit: Er lässt sich denken – so wie man sagt: er lässt grüßen. Nenne ihn Prinzip und das Denken beginnt wieder zu gleiten. Mit Prinzipien kennt es sich aus, mit ihnen kann es umgehen, es bedarf ihrer zu jeder Stunde. Prinzipien sorgen dafür, dass sich die Kammern mit Welterkenntnis füllen, mit Mundanität, also mit dem, worin jener Gott nicht ist. Er steht also außerhalb wie der Pflock, um den ein Hund seine Kreise zieht, bis der Spielraum, den die Leine gibt, aufgebraucht ist. Es war ein kesser Spruch, zu behaupten, er sei tot, aber ein kesserer, er sei lebendig, denn wenn sich das Leben nach ihm verzehrt, dann wäre sein Begehren nach sich so groß, dass es ihn erdrückte. Leben will leben, aber es will auch tot sein, es will den Tod denken, es will ihn fühlen, es will ihn antizipieren, es will den Tod im Leben und es will das Leben im Tod. Das ist banal, aber nicht trivial, es ist das offenbare Geheimnis, vor dem allen graut. Graut ihnen vor Gott? Das ist eine dumme Redensart, es graut ihnen vor nichts, außer davor, dass es immer weiter geht, dass jede Erfahrung bis in ihren letzten Winkel aufgebraucht wird und dass dieser Prozess approximativ ist – nie das Letzte erreichend, aber jeden Halt übersteigend. Es graut ihnen auch vor dem, was sie hinter sich haben. Niemand, der seine Sinne und seinen Verstand beisammen hat, möchte zurück. Ist das die Welt? Ist das die Flucht? Und wie nennen wir die Stimme dessen, der von ›Verweltung‹ aller Begriffe schwätzt?

GOTTESHELDEN

G
Dass der generationenprägende Satz »Gott ist tot« ein Zauberspruch war (und ›durchaus‹ so gemeint): wer wollte das bestreiten? Der Tod Gottes als ›epochales Ereignis‹ fällt ins Zeitalter der Massensuggestionen, manche sagen: der Massenhysterie, in eine Zeit technologiebefeuerter Überbietungen früherer Schauspiele auf diesem blutigen Sektor. Mit ihr sinkt er zurück in die Kulturgeschichte Europas. Denn soviel ist sicher: außerhalb dieses begrenzten Areals hat er niemals stattgefunden. Der alltägliche Atheismus der Leute beinhaltet wenig mehr als die Gottlosigkeit vergangener Zeiten – ein wenig Trotz, ein wenig Auflehnung, ein wenig Widerspruchsgeist und ein wenig Unglaube, hier und da unterfüttert mit den verjährten Banalitäten des ›wissenschaftlichen Weltbildes‹, allenfalls ein tentatives Moment, das sich dem Zuschauer-Dasein verdankt: Gotteshelden, negativ oder positiv, behalten immer etwas Pittoreskes, ihre Kämpfe bleiben Turniere, selbst wo sie schauderhaft entgleisen.

GOVERNANCE

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Das Rattenexperiment »Gesellschaft« nähert sich seinem kritischen Punkt, sobald die Empfindung der Leute, übertölpelt (›verarscht‹) zu werden, das Gefühl, durch Anreize verwöhnt zu werden und sich gern verwöhnen zu lassen, zu überwiegen beginnt. Wenn die großen Anreize ›geschaffen‹, das heißt vergeben sind, kommen die kleinen dran, nach den kleinen die speziellen, deren Nutzen der auserkorene Nutznießer schon mit der Lupe suchen muss, nach den speziellen die ganz speziellen, also diejenigen, die wieder abzuschaffen, sobald sie die Macht dazu hat, die Opposition bereits bei der Einführung versprochen hat. ›Aufwertung durch Polarisierung‹ heißt dieses Spiel, doch natürlich gelangt der Hauptzweck der Polarisierung erst darin zum Vorschein, dass sich durch sie systematisch Gefahren verdecken lassen, die vielleicht nur statistischer Natur, vielleicht auch bereits im Anmarsch sind und sich keineswegs nur auf Nullsummenspiele beschränken. Eine Gesellschaft, auf deren Stabilität siebzig oder neunzig Prozent der Befragten keinen Pfifferling geben, ist keine Gesellschaft, sondern ein Verein zur Erwartung der verdienten Strafe für unverdientes Nichtstun – unverdient deshalb, weil nach wie vor Leute an seiner Spitze stehen, die es sich als Verdienst anrechnen, ›Zukunftssicherung‹ zu betreiben, und zwar mit eben jenen Finessen, die oben beschrieben wurden. Das Nichtstun steht immer zwischen den Zeilen des Verdienstes, es hadert mit denen oben wie unten zu gleichen Teilen und ist bereits Teil der passiven Maßnahmen, die ergriffen werden, um sich nicht vor der Zeit verdummen zu lassen von dem, was kommen wird.

GRABBEAU

G
Père Grabbeau war kein hübscher Mann, er besaß nur ein menschliches Ohr, das andere war ihm in Folge eines verbrecherischen Konzertes abhanden gekommen. Seine Gestalt, ein wenig vorbestimmt durch Gedichte von Trauerweiden, bot den Ausdruck pflanzlicher Weisheit. So lag er denn oft gekrümmt und in grauer Farbe an Bächen. Seine Sprache war leicht wie Aluminium, seine Worte wie Tiegel und Pfannen, die man in China Hui oder Phui nennt, je nachdem sie benutzt oder gesäubert wurden.
Sein Herz aber war so zäh wie Leder, denn das Leben liebte er nicht, noch die Notdurft, noch die Sünde, noch das Leben der Tiere, wie es heute geliebt wird, und sogar Sonne und Mond waren ihm beide vollkommen gleich, denn gesunde und große Sinnestäuschungen waren ihm angeboren von Jugend auf.
Das durch den spirituellen Archäologen Homomaris von Lichtel entdeckte Grabmal des Demiurgen hat er übrigens niemals besucht, obwohl er es gekonnt hätte, denn er wusste vom großen Murx dieser Welt durch Wahlverwandtschaft. Der gescheiterten Macht, so nannte er seinen Großonkel mütterlicherseits, nahm er die berühmten acht Tage nicht weiter übel. »Wer weiß«, pflegte er bei theologischen Intimitäten zu sagen, »wie dieser mindestens so wie ich zur Hälfte gehörlose Gott eine solche Kritik verstehen soll. Auch ist er vermutlich tot, und über Tote nur Gutes.« Grabbeau wußte damals noch nichts vom Aufenthalt eines gleich Barbarossa aufs tiefste verdeutschten Gottes, in einer gemalten Villa hoch im Albanergebirge. Ein Werk Hans von Marées’. - PM

GRABSPRUCH, voreilend

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Sie wollten es, bitte, eine Nummer kleiner und dachten sich dabei gerne groß.

GRAB-BEAU

G
»Greif dir das Schöne« – eine Aufforderung, nicht ohne Hintersinn, wo wäre das Schöne zu greifen oder nur greifbar? Wo es doch das Ungreifbare schlechthin... Wenn man doch, wie einst Dürer, es herausreißen könnte, dann wäre man sicher weiter. So reißt einer, immerhin, das Blatt aus dem Notizbuch, knüllt es zusammen und überantwortet es dem Papierkorb oder dem Fegefeuer, in der irrigen – oder nur irren – Hoffnung, damit einen Prozess der Läuterung in Gang zu setzen, an dessen Ende... was? In diesem Prozess ist das Schöne stets weiter, es spiegelt ihn und verdoppelt damit den Abstand, der es von seinem Verfolger trennt. (Die Metapher des Spiegels, ausdeutbar ohne Ende wie das Meer oder die Bewegung des Deutens, ist viel zu ehrwürdig, als dass man sie dem Begriffspurismus opfern dürfte.) Nur im Stillstand verschwindet es ganz von selbst. Es ist seine einzige autonome Tat. Unglückseligerweise findet sich immer jemand, der weiter will. Das ist ein alter Tick, ein Geburtsfehler der Gattung vielleicht, jedenfalls ein Fehler, daran lässt sich nichts ändern. So starrt einer auf einen Punkt an der Wand und gewahrt eine Passage, schon keine Überfahrt mehr, sondern eine Folge... von Wörtern auf einem Bildschirm, blau unterlegt. Das, immerhin, ist Reminiszenz. Wo gleitet sie hin? Ins Remis? In die  Remittentensammlung? Das wäre doch was, in diesem Halbdunkel lässt es sich aushalten. Das Schöne, jawohl, es hat einen Riss, ein geknicktes Blatt, eine verdruckte Seite, eine falsche Bindung. Etwas wirkt immer verkehrt an ihm, nicht verdreht (auch das kommt vor, aber seltener). Das Schöne als Remittent, von unbekannter Hand zurückgegeben, mit der Bitte, den Kaufpreis erstattet zu bekommen, vielleicht auch in einem Anfall von Generosität an Leute gespendet, denen damit geholfen ist – eine Vorstellung, die ›Hoffnung macht‹, auch wenn sich kein geeigneter Abnehmer findet, nur der eine oder andere Liebhaber des Absonderlichen, der still den Staub von der Kante wischt und es wieder zurückstellt, denn höflich, wie er ist, möchte er keinem Bedürftigen etwas vorenthalten.

GRAD, ZWEITER

G
Aufgabe: die Luhmannianer beobachten: immer, überall – wie sie sich bewegen, sich darstellen, sich behaupten, sich in Sicherheit wiegen: das Arsenal der Griffe. Die Reduktion auf vier oder fünf Grundbegriffe und die Zufriedenheit, die sie bei der Menge derjenigen erzeugt, die den Widerstand des Denkens nicht empfinden. Begriffe als Waffen. Waffengleichheit. Waffenungleichheit. Was daraus entsteht? Warum beobachtet man Sekten? Man sieht zu, wie sie Positionen einnehmen, wie sie auf Positionen drängen, sich vernetzen usw., man sieht ihr Machtstreben und will ihm rechtzeitig einen Riegel vorschieben. Andererseits erregt der Angriff einer Gruppierung, die sich im Wissen wähnt, Interesse: Man will den Barbarenzug sehen, man will sehen, wie er sich totläuft. Als Filme noch ›Streifen‹ hießen, ließ sich das einfacher benennen: Man will den Streifen sehen, den Streifen Wirklichkeit, wie er sich zwischen Jalousien abzeichnet.

GRAL

G
Wo je die Sonne zu einer bedeutenden Wirkung gelangt ist, mussten die Menschen einen Gral vermuten, denn Sonne und Gral sind enge Verbündete, gleichsam Feuer und Kochtopf, aber natürlich auch Stätten des Blutes, das in animalibus abstractis, durch Hitze vergoldet, seinen Herrscher am Himmel preist.
Nicht nur ist das Kochen der Materie die erste gewaltsame und sonnenhafte Leistung der Kunst gegenüber der rohen Natur, auch der Topf, das Gefäß zur Sammlung künstlich vermischter Naturalien, diente zugleich dem großen Opus der Freiheit vom Grasfressen und dem rohen Zerreißen der wilden Tiere. Auf diesen Wegen bis hinauf zu den ersten Symbolen gilt die Sonne als glühender Topf für Opfer, Speise und Blut. Man kann beide Funktionen auch trennen, wenn in Zurückführung ihrer Aufgaben sowohl die Sonne als Topf, als auch ihr glühendes Gold als Blut begriffen wird. Insofern empfand sich schließlich der aufrecht wandernde Mensch als Untertan einer göttlichen Sonne, und zu Zeiten der Unkenntnis oder Gleichgültigkeit gegen Oben und Unten, sogar als Sonnennachbar, wie dies die Stämme der Ostraloiden unter dem Wendekreis des Steinbocks behaupten, weil sie ohne Kenntnis des Zollstocks Entfernungen eben nicht als messbar begreifen können. Über ihnen steht die Sonne unmessbar weit oder ebenso unmesssbar nahe. Die Dogmen von Links und Rechts, von Oben und Unten sind überhaupt durch Zurufe, als Maßeinheiten, nicht zu entdecken gewesen, man denke dabei noch an Täuschungen durch das Echo. Erst Augensprünge und aufgestellte Stäbe am Horizont machen bis heute Entfernungen messbar. Das Auge sei überhaupt die Wurzel des festgelegten Besitztums, schreibt Ultimus Spezis, der erste Verfasser ländlicher Sinnesmessungen. In Norwegen sagt man sogar bei falschen Eintragungen ins Grundbuch sehr treffend, »du hast wohl zu lange Augen« oder »dein Stab war wohl länger als der von Herrn X.«
In den Zeiten der Ritterschaft, ihrer Kämpfe und Opfer, überwölbte der Himmel bereits die neue Natur und mit ihr das Blut. Und der Speer mag hier und da auch der erste Zollstock geraubten Besitzes gewesen sein. Viele einfache Gegenstände hatten sich vom göttergeschenkten Nutzen zum Menschengeist absentiert, der Löffel, ein Geschenk der Hera, ward so zum Schwert, die Gefäße der Venus mutierten zu Helmen und schließlich sogar zu steinernen Kathedralen, denn jeder Altar war letztenendes auch einmal ein heiliger Ofen. Die Sonne aber wurde auf diese Weise als Gral vergessen, weil sie und mit ihr der Gral, nunmehr als Wahrheiten unseres eigenen Geistes gesucht, niemals zu finden sind. Man kann sogar sagen, hierin bestünde das Opfer der menschlichen Vergeistigung höherer Welten, hin zur Ratio einer erfolglosen Metaphysik. - PM

GRAMMATIK

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Was bedeutet es, in der Grammatik der eigenen Sprache nicht ›firm‹ zu sein? Offenkundig etwas anderes als ›nicht zu Hause zu sein in der gedeuteten Welt‹. In der Grammatik liegt die Welt nicht gedeutet vor, sie ist deutungsoffen. Jenseits der Grammatik schließt sich die gedeutete Welt wie eine Wunde. Wer es mit ihr nicht genau nimmt, der zieht es vor, den Arzt zu konsultieren, wenn ihm etwas fehlt. Immer vorausgesetzt, er lebt kontrolliert.

GRANDHOTEL ABGRUND

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Ab heute ist das Grandhotel Abgrund wieder bewohnt. Es hat einige Besitzrangeleien gegeben, die rechtzeitig beigelegt werden konnten, soweit sie nicht grundsätzlicher Natur sind und der Bearbeitung durch künftige Gerichte harren, doch die streitenden Parteien haben das Interesse an dem Fall soweit verloren, dass sie die Eröffnung nicht länger blockieren. Das Haus selbst ist, sagen wir es offen, verwahrlost, es bedarf einiger Anstrengungen, um es an die gestiegenen Bedürfnisse anzupassen, doch manche Kundenwünsche haben sich auch, wie man sagt, abgeschliffen und andere sind einfach vergangen. Schon das Wort ›Kundschaft‹ hat seinen Klang vollkommen verändert und mancher ist heute willkommen, der damals bereits auf der Schwelle von Fremdheitsempfindungen heimgesucht und zur Umkehr bewogen worden wäre. Insgesamt ist die Klientel vermutlich geschrumpft, was dem Service keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Aber was heißt schon Klientel, wenn man gerade einmal dabei ist, die Spinnweben zu entfernen und den Garten wieder begehbar zu machen? Überhaupt steht das Begehbarmachen heute im Vordergrund. Die Leitung des Hauses überlegt, ob sie nicht Seminare zum Thema anbieten lassen soll. Es wäre eine hübsche Einnahmequelle.

GRASS

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Der Aufschneider hat in Deutschland eine lange Tradition, er trägt das Messer im Sack und träumt von der Nacht der langen Messer. Meist hat er sich daher geschnitten, ohne dass er es merkt. Blutet der Finger, so hebt er ihn hoch und sagt: »Seht!« Gewöhnlich haben es alle gesehen und zwinkern verständnisvoll, als wollten sie andeuten, dass Danzig zwar längst verloren ist, aber weiterhin Spaß macht. Das Volk liebt seine Aufschneider, nur sein täglich Brot schneidet es gern selbst.

GRASTEUFEL

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Die wilden Kriegsnamen, wie Bandenführer sie lieben, klingen nach Donnergrollen oder sollen es doch. Der Schrecken, den sie aufbauen, wächst mit dem Maß der Entfernung zum Schauplatz. Im Zentrum des Geschehens, dort, wo sie am meisten wirken müssten, ist von ihnen nur mit einem Lächeln die Rede, als wisse man darüber Bescheid. Bekanntlich brauchen Bescheidwissen und Wildheit einander nicht. Bei reinen Tarnnamen allerdings liegen die Dinge anders. In diesem Milieu sind Nennen und Verschweigen eins und das Bescheidwissen übt sich in stolzer Bescheidenheit. Überhaupt der Stolz! Wer die Tarnung verlässt, ohne sie aufzugeben, tut dies im Namen des Stolzes, so, als sei dieser eine fremde Größe, der man von Zeit zu Zeit zu huldigen habe. Einer, der sich Grasteufel nennt, ist dazu bestimmt, als Armee wiedergeboren zu werden. Eine Armee von Grasteufeln mag ins Gras beißen, wo und wann sie will, aber auch sie ist dazu bestimmt wiederzukehren: Mit dem Schrei Yes we can stürzt sie sich über die Klippen und endet im Marmor, der gestern aus Zeitungspapier und heute aus Daten geschlagen wird, je mehr desto besser.

GREISENGIFT

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Ich kenne da einen Fall, so A., in dem ein Kritiker, fast schon im Jenseits, noch einmal zurückkommt und einem Filmemacher, den er vor fast zwanzig Jahren vernichtet hat, die Hoffnung auf ein Comeback zerschlägt, einfach so, aus einer Greisen-Halsstarrigkeit heraus, die sich nicht die geringste Mühe macht zu erkunden, worum es diesmal überhaupt geht. Ich habe mich gefragt, warum solche Dinge geschehen, und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass erst der zweite Schlag an den Tag bringt, worum es beim ersten Mal ging. Denn damals, beim ersten Mal, als noch beide Seiten im Rennen waren, gab es Gründe genug, sich zu verstellen, auch erzeugt jede Art von Beschäftigung, und sei sie noch so rudimentär, einen Schein von Objektivität. Jetzt, beim zweiten Mal, agiert die Erinnerung, aber blind und vor allem grundlos, es sei denn, man nimmt den alten Hass als Grund ernst und lernt ihn dadurch kennen. In seinem Fall ist es der des gewendeten Hitlerjungen auf einen, der es von Haus aus nicht nötig hatte, sich zu verdrehen, des Quirls auf den Kochlöffel, wenn Sie so wollen. Also hängt er ihm an, wovon er sich selbst nie so recht befreien konnte. Was eine Zeit lang Kritik hieß, stammt in den meisten Fällen aus Quellen wie dieser – unbrauchbar, ärgerlich und streckenweise verstörend. Gerade das wollten er und seinesgleichen sein: verstörend, sie wären jedem um den Hals gefallen, der es ihnen attestiert hätte. Verstört, wie sie waren, konnten sie nur ihresgleichen gelten lassen, es sei denn, eine patentierte Ideologie verlangte gebieterisch Durchgangsrechte oder etwa ein Popstar geruhte gnädigst, sie nicht zu bemerken, während er die Wogen der Aufmerksamkeit teilte. Nein, Jungs, das war nichts, damals nicht und in der Reprise erst recht nicht.

GRENZE

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Die Grenzen der Kunst verlieren sich im Unendlichen. Gefehlt: die Grenze der Kunst liegt im Hier und Heute. Hic Rhodus, hic salta. Das Hick und Hack bildet ein Heute von unerhörter Gewalt, in dem die Schaumkrone des Erschauten, Erhörten und Erlesenen sich immerfort aus den verwachsenen Untiefen des Unerschauten, Unerhörten und Ungelesenen erneuert. Die Selektion ist gütig, denn sie trennt das Gute vom Unguten. Die Selektion ist grenzenlos, denn sie bezeichnet die Grenze. Sie ist nicht ohne Fehler, wie sie unter der Hand einräumt, aber sie ist das notwendige Jetzt. Als solches nimmt sie jede Gestalt an, um zu überleben. Sie ist das übergängige Heute, das sich ins Morgen ergießt wie ein Strom, bei dem niemand fragt, wieviel von ihm auf jedem Wegabschnitt, über den er sich wälzt, versickert. Es ist auch nicht wichtig, da alles, was versickert, an anderer Stelle zutage tritt und in Flüssen rauscht, die vielleicht dem gleichen Strom zufließen, der dann nicht mehr derselbe ist. Eine wässrige Metapher, könnte es einem scheinen, der trockenen Fußes hinüber will.

GRENZREGIME

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Die Politik der offenen Grenzen hat Grenzzäune in den Köpfen aufgerichtet, von denen man vorher nicht wusste, dass sie überhaupt existierten. Das offene Denken setzt Grenzen voraus, die sich nicht jedermann öffnen: die Regulation geschieht draußen, vor der eigenen Haustür, man kritisiert sie umso heftiger, je schärfer sie gehandhabt wird. Der Mensch ist eine Erfindung der Serenissimus-Welt, in die Eintritt fand, wer dem Souverän passte. Wer draußen blieb, der war ›Mensch‹: ein Lesebuch der Human-Natur. Der Kolonialismus erfand den Eingeborenen, ein Abfallprodukt des mobilen Bürgers, dem die Welt offenstand, sobald er eine Mission erfüllte. Das postkoloniale Menschenrecht dreht die Verhältnisse um: Bürger, denen die Welt weiterhin offensteht, sofern ihr Konto oder eine Spezialausbildung es hergibt, mutieren zu Eingeborenen, Staatsbürger, denen die Flucht einen Status verleiht, der so begehrt ist, dass er den nassen Tod aufwiegt, zu Weltbürgern. Wer gestern Mensch war, ist heute Flüchtling, wer heute Bürger ist, wird morgen Fremder im eigenen Land sein. Der Eingeborene, heißt das, bleibt der Fremde, immer und überall, er ist das Skandalon der Geschichte, ein Vorzeit-Relikt, dem das Niveau abgeht, auf dem man sich gegenwärtig bewegt. Wer diese Karte zieht, dem bleibt nur das bittere Lachen, ein kleiner Zynismus vielleicht und viel Gesinnung, die jeder beleidigen darf, der weiterzukommen wünscht. Die Erde ist eine Scheibe: darin besteht, wie immer, die Definition des Eingeborenen, der seine Mitte nicht aufgeben will. Wer darin Nationalismus wittert, hat die Nation nicht verstanden. Die Nation hebt den Eingeborenenstatus auf, immer und überall, doch nur in ihren eigenen Grenzen. Sie ist die erste Mobilisierung, der die zweite, grenzüberschreitende, überall auf dem Fuß folgt. Eine Politik der forcierten Grenzöffnung ›expropriiert‹ die Nation, sie schafft neue Klassen von Hörigen, denen die Obrigkeit vorschreibt, wie sie zu leben und zu denken haben. Wer die Definitionsmacht über die Grenzen verliert, innerhalb derer er zu leben gedenkt, hängt am Tropf eines Staates, den er ablehnt – innerlich, wie denn sonst. Wen wundert’s, wenn linke Systemkritik unverhofft mit dem Staat geht: er geht ihr nicht weit genug, aber die Richtung lässt man sich gefallen.

GREVENSCHIET

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nannten die Straßenkehrer der Revolution die letzten Ausscheidungen der Delinquenten, die auf der Place de Grève ihr Leben beendeten. Das Alter des Ausdrucks ist schwer zu bestimmen. Was die Substanz oder Materie angeht, auf die er verweist, so bleibt festzuhalten, dass darüber die unterschiedlichsten Ansichten bei den Klassikern umlaufen. Manche meinten, es handle sich dabei um die letzten auffindbaren Manifestationen von religiösem Bewusstsein, doch scheint diese Auffassung sich nicht gehalten zu haben. Andere tendierten dazu, in ihr den Ausdruck reiner Menschlichkeit zu vermuten, doch gilt das allgemein bis heute als ›zu polemisch‹. Den Anhängern der Irrelevanzthese, die sich vor allem im zwanzigsten Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute, hielt Adamsen-Fritschalk (1987) vermutlich zu Recht entgegen, dass sie nicht genug in die Materie vertieft waren, um sich ein Urteil zu erlauben. Hier ein Ausriss aus seiner Geschichte der europäischen Säuberungen in der überarbeiteten Fassung von 1999: »Was immer die Hinterlassenschaft einer untergegangenen Epoche, einer untergegangenen Welt bedeutet, sie ist es wert, mit Leidenschaft erfasst und im Gedächtnis der Menschheit zu wirksamen Pulvern zerrieben zu werden. Diese Menschen haben uns nicht gekannt, wir sind ihnen nichts schuldig, aber sie schulden uns Auskunft. Auskunft darüber, was wir können dürfen, ohne uns ins Entsetzliche zu verlieren. Es wäre nicht schlecht, Riechlabors für den Geschichtsunterricht einzurichten, in denen die Schüler, nicht anders als im Fach Chemie, an den Folgen der von ihnen im Gruppenversuch erprobten Gesinnungen zu schnuppern resp. zu schnüffeln hätten. Für schwache Gemüter empföhle sich die Beimengung einer geringen Menge Alkohol.« Anzumerken bleibt, dass erste Versuche im Osten, das Konzept in Ansätzen zu realisieren, am erbitterten Widerstand der Bevölkerung scheiterten, die sich ihre Erinnerungen nicht nehmen lassen möchte. Über die notorische Gleichgültigkeit des Westens (»Was soll der Scheiß?«) erübrigt sich jede gesonderte Bemerkung.

GREXIT

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Grexit* nennen wir eine mürbe, auf naive Gemüter schwammig wirkende Gesteins- und Denkungsart, die in gewissen Regionen des südlichen Europa anzutreffen ist. Eigentümlich ihre Fähigkeit, Vexierbilder im Betrachter zu erzeugen: was soeben zum Greifen nahe schien, entschwebt in die Ferne, was gerade noch fern lag, so dass es die Rede nicht lohnte, greift im nächsten Moment hart und scharfkantig nach Haut und Klamotten – kein Zuckerschlecken also für notorische Wanderer zwischen den Welten, stattdessen bester Stoff für Unterhaltungsartisten, die den Effekt zu ihren sicheren Einnahmequellen zählen. Aber was wäre schon sicher? Sicher war immer, der Grexit kommt, als relativ sicher gilt, dass er geht, sicher ist, dass nicht alles, was geht, schon deshalb im Kommen wäre. Wo kämen wir da hin? ›Mit dem Grexit gehen‹: die Parole war lange verpönt, ehe sie die Massen ergriff und zum Menetekel für Mitmenschen wurde, die freiwillig keinen Fuß vor die Tür setzen, es sei denn zum Zigarettenholen oder ins nächste Bistro. Nun streben sie ihm entgegen, Hand in Hand, die Sonne bräunt ihre Fesseln und lässt sie aparter erscheinen, sie treten fester auf, ist erst die Barschaft gerettet und die nächste Kamera auf sie gerichtet. In der Zeitung lesen sie: »Der Abbau des Grexit tritt in seine kritische Phase, die illegalen Steinbrüche nahmen überhand und neue Lizenzen sind, jedenfalls zur Zeit, nicht durchsetzbar. Der Unterschied zwischen Steinbruch und Landschaftsbild verdämmert, die Verantwortlichen propagieren den totalen Bruch, das Volk soll, wie immer, wenn jene versagt haben und ihre Unfähigkeit zur Nemesis verklären, die notwendige Entscheidung treffen. Wer wollte nicht, dass die Not sich wendet? Nun, wer den Braten riecht, kennt seine Bratenwender und murmelt im Stillen: Stimmt sie weg!«

*Dieser Artikel muss bei gegebenem Anlass überarbeitet werden.

GRIMM, klein

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Im kleinen Grimm nachsehen: wunderbare Phrase! Und es kommt so oft vor, dass man sich fragt, ob dies nicht das Nachschlagewerk schlechthin, das wirkliche wahre und rechte Kompendium des menschlichen Wissens ist. Denn wissen kann eigentlich jeder, er darf sich nur nicht dumm anstellen. Zur Dummheit tritt die Scheu, die die Spreu vom Weizen trennt. Kaum z. B. ist ein Preisträger gekürt, fallen die wesentlichen Elemente der Scheu dahin und das Wissen fließt. Wohin, das will keiner so genau wissen, vermutlich in die offenen Münder der Zoobesucher, die der Prozedur schweigend und ergriffen beiwohnen, doch was dann geschieht, entzieht sich der Kenntnisnahme. So kommt es, dass der kleine Grimm zwar das meistgelesene, aber auch verschwiegenste Handbuch des intelligenten Zeitgenossen darstellt. Man bedient sich seiner und stellt es aufs Bord zurück, ohne sich dessen recht bewusst zu werden. Der kleine Grimm hat, anders als sein entfernter Verwandter, der große, der ächte Grimm, ein Ende, das unbemerkt herankommt – was bewirkt, dass keine Plätze nach ihm benannt werden und keine Untersuchungen über ihn die Fachregale füllen. ›Schlag nach im kleinen Grimm!‹ sollte es öfter heißen, aber das wäre ebenso überflüssig wie nutzlos und, wie gesagt, die Leute merken es ja nicht einmal, sie tun es nur trotzdem. Er ist das Tor für mancherlei Einfälle aus dem All, für die kleinen grünen Männchen, wie sie zu Zeiten hießen, als man es mit der Zugehörigkeit nicht so genau nahm. Seit man peinlich darauf achtet, scheinen sie auszubleiben, warum auch immer. Sie ist so possessiv, die Zugehörigkeit, sie gibt nichts her. Doch das scheint bloß so, unter der Oberfläche brodelt es weiter, die Start- und Landetätigkeit ist beträchtlich. Nur publik soll es nicht werden. ›Achtung‹ steht an den Bretterzäunen, das Wort ist durchgestrichen und es gelten die üblichen Schmierereien. Das Bewusstsein der Welt ist eine Blume, wer sie pflückt, dem schlägt sie mitten ins Gesicht.

GROSS

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hieß der kleine Erläuterer dessen, was konservative Gemüter die Dekadenz der Gegenwart nennen. Ich bezweifle, dass er selbst ein konservatives Gemüt besaß – zu vergnügt, zu genügsam sah er all denen in seiner Umgebung auf die Finger, die ihre Nummer nicht brachten, ganz wie er selbst, der nach Attitüde und unter der Hand kundgegebenem Anspruch ein Großer sein wollte, nachdem der Name es ihm nun einmal vorschrieb. Er war und blieb ein Schreiberling der putzigen Sorte. Als solcher unterhielt er sein Publikum, er unterhielt es gut, für eine lange Weile, in der er die Langeweile vertreiben half, bis er eines Tages verschwand, ohne eine Lücke zu hinterlassen. Vor allem letzteres ist eine Kunst, die Kunst der Höflichkeit, selten geübt, seltener erkannt, daher von vielen gemieden, die um jeden Preis erkannt sein möchten.
Wie anders lesen sich, aus verschiedenen Jahrzehnten zusammengeklaubt und zwischen zwei Buchdeckel gesperrt, damit sie nicht mehr auskommen können, die Artikel des Kunstkritikers, der, stets mit von der Partie, wenn anstand, was seine jüngeren Kollegen, die Englisch können, als ›Hype‹ bezeichnen, heute der Bedenklichkeit dessen frönt, dem schwant, dass das Neue nicht so neu und das Alte nicht so alt sei, weil Lebensgefühl und Bedürfnislage es ihm so eingeben. Dieser war zu sehr Bewunderer der Größe, als dass er dort hintanstehen wollte, wo sie gekürt wurde, er stand zu sehr im Schatten der Kür, als dass er sich ein Urteil angemaßt hätte, das nicht bereits im voraus vollstreckt war. Er, der wahre Niemand, war groß, denn er war der Schatten, den das Gängige warf, er vergrößerte ihn nach Kräften und sorgte mit dafür, dass er überlebensgroß wirkte, bevor er verschwand. Einer, der lähmte, wo Beweglichkeit alles bedeutet, ein Hasardeur der Normalität.

GROSSENKNETEN

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Die Kleinen zwicken und die Großen kneten: das hat, neben der fiskalischen Wirkung, auch eine strategische Bedeutung. Man begegnet der Überwachheit der Großen dadurch, dass man sie einzulullen versucht, und will die Kleinen in irgendeine Form von Wachheit hineintreiben, in der sie die Scheu vor dem Handeln ablegen, um eine vermutete Ruhe wieder zu erlangen, mit der es dann ein für allemal vorbei ist. Dabei passieren mancherlei Unfälle, im Großen wie im Kleinen, und auch das Verhältnis von groß zu klein kann sich abrupt in sein Gegenteil verkehren, doch beginnt hier leicht die Sozialschwärmerei, von der sich ein Erwachsener fernhält. Die beste Art zu kneten behalten sich Staaten vor, sobald sie sich in der strategischen Vorhand wähnen. Zum Beispiel führen sie Kriege, von denen sie hoffen, dass die ganz Großen sie aus der Portokasse bezahlen, falls nur genügend dabei abfällt. Eine trügerische Hoffnung, die sich hoch in der Luft leicht ins Gegenteil verkehrt. Der Strahl, auf dem eine großmütige Nation zum Sieg reitet, ist dünn und er kann jederzeit abreißen, wenn gewisse Rechnungen nicht aufgehen oder das Publikum die Geduld verliert oder wenn Gewährsleute abhanden kommen und die Konkurrenz schneller am Ziel ist. Das wahre Großenkneten ruht daher sicher in der Provinz. Flach muss es sein, soll das Verhältnis stimmen, und wer die Einnahmen scheut, hat von den Ausgaben nichts zu gewärtigen, es sei denn die nächste Wiederwahl oder leere Kassen, zumeist beides. Nur die gezwickten Kleinen stürmen hinaus in die Metropolen, in denen jener Hunger nach Mehr herrscht, der sich an der Provinz stillt. Größe, die sich rechnet, geht in die Fläche.

GROSSKRITIKER

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Als das literarische System hierzulande auf die fatale Berufsschriftstellerei umgestellt wurde, erhob der Großkritiker seine Stimme und erklärte, er betrachte es als seine Aufgabe, einen erneuten Fall Kafka zu verhindern. Er meinte damit den Skandal, dass dieser Schriftsteller zu seiner Zeit nicht öffentlich wahrgenommen worden war. Auch Skandale unterliegen der Mode: seit jener Absichtserklärung hat sich kein Kafka zu Wort gemeldet. Nein, einen zweiten Fall Kafka hat es nicht gegeben, dafür wurde die Kritik zum Fall, bevor sie verfiel.

GROSSRECHNER

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»An den ersten Auftritt des Großen Rechners kann ich mich gut erinnern. Ich ging damals noch zur Schule… Wissen Sie was? Nein, so geht das nicht, so geht das nicht. Alle erwarteten irgendwie Gott, vielleicht nicht ihn selbst, sondern ein Zeichen, irgendein Zeichen, irgendeinen Gott, stattdessen bekamen sie den Großen Rechner, eine Erscheinung wie andere, die vor ihr Besessenheit produzierten, denn, sehen Sie, besessen sind wir von ihm, keine Frage. Wie sich das auswirkt? Nun, er kostet uns viel, dieser große Rechner, dieser umwerfend große Rechner. Er will gefüttert sein, das ist wahr, und sein Datenfluss gilt als unerschöpflich, man fragt sich, wo die vielen Eimer herkommen sollen, ihn wegzutragen. Viele von uns besitzen so eine kleine Vertiefung und einen kleinen Hohlraum darunter, das reduziert das Problem. Menscheneimer ... sie schaffen vieles weg, nachdem sie es angeschafft haben. Jetzt, da der Große Rechner unter ihnen weilt, stellen sich viele Fragen neu, gleichsam zum ersten Mal, und die Antworten, die er gibt, sind sensationell. Ausgesprochen sensationell. Man kann auch nicht sagen, dass die Erwartung abstumpft, solange seine Kapazität noch wächst. Zum Beispiel darf man sich fragen, wie wunderbar unser Geschick es gefügt hat, dass er seit seinem Erscheinen die Welt auf den Schultern trägt. Wie das gemeint ist? Schauen Sie hinaus: Dieses Grünen und Blühen und Blauen, es wäre schon morgen erledigt, wenn wir ihn nicht hätten. Er, er allein lehrt uns die Natur und die Wege zu ihrer Erhaltung. Mit jedem Leistungszuwachs auf seiner Seite erkennen wir genauer den Abgrund, an dem wir stehen: heute, morgen, immerdar. Er allein lehrt uns, was zu tun ist. Opfer müssen wir bringen, das ist wahr, aber besser heute als morgen, so kommen wir billiger davon. Was sagten Sie? Nein, es ist nicht der Gott der Azteken, was reden Sie, die sind erledigt, perdü, fahren Sie nach Mexiko und studieren Sie die Reste, aber geben Sie Ruh’.«

GRÜNSPAN

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»Übers Grünsein haben so viele die Feder gewetzt, dass die Gans stinkt, der zuliebe der Einfall zum Durchfall wurde, nicht des Gerupftseins wegen, das sie gewöhnt ist, sondern weil sie der Stallgeruch zusetzt, der aus den verschiedensten Lagern einströmt. Grünsein heißt, in allerlei Ruch zu stehen. Wer auf jede erdenkliche Frage die naturgegebene Antwort besitzt, über dem fällt das Kreuzworträtsel Zukunft zusammen, als sei es das Kartenhaus, das nebenan, am Biertisch der Ingenieure, schichtweise neu geschichtet wird.« Noch Fragen?

GRUNDBELEIDIGT

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»Jetzt reden sie wieder vom Geist«: das Gesicht des Philosophen, der grimmig entschlossen scheint, sich dem Unfug zu widersetzen, zeigt diese Spur von Geistlosigkeit, die durch Zeitgenossenschaft in den Rang eines Sigillums erhoben wird. Er kann es nicht lassen und er kann es nicht tun. Er ist in diese Konkurrenz hineingeraten wie in einen Tunnel, in dem jedes neue Fünkchen, das ihm für den Ausgang steht, sich im Näherkommen als niedergebrannte Hoffnung erweist. Kommt er denn näher? Bewegt er sich überhaupt? Ist nicht die Ausstrahlung seiner Entschlossenheit so stark, dass die Ergebnisse seiner Denkreise sich im Flug entfernen? Aber das hieße ja, dass er sich immer diesseits des Aufbruchs befände, als den sich sein Denken darstellt. Diesseits des Aufbruchs... jenseits der Hoffnung... beiderseits des mit der Geburt des Individuums aufscheinenden Gedankens und jeder Wahrnehmung entrückt – selbst das Wort ist ihm suspekt, er backt kleine Brötchen daraus, die er verhökert, um sie nicht kauen zu müssen, geschweige denn verdauen, was wirklich das Letzte wäre und ihn im Weingenuss aufhielte. Lieber ein Saufgelage als eine Lage: das ist, als Parole, russisches Roulette rückwärts und also eigentlich unvorstellbar. Nur so lässt es sich praktizieren.

GRUNDKONSENS

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Die Deutschen, die nach dem Krieg etwas geworden sind, erkennt man daran, dass sie panisch darauf bedacht sind, nicht den Grundkonsens zu verlassen. Nicht immer fällt es leicht, zu verstehen, was sie damit meinen: mehr jedenfalls als die Tuchfühlung von Jahrgängen, die durch eine Phase der Desorientierung hindurchmussten, eher den geschmeidigen Schulterschluss von Leuten, die auch dabei nicht ertappt werden möchten. Überhaupt spielt das Ertapptwerden in ihrem mentalen Haushalt eine bedeutende Rolle. Die ’68er haben das verstanden und kräftig ausgebeutet. Nach ihnen kamen die Medien, die viel vom Stil jener Jahre lernten. Sie sorgten dafür, dass der Grundkonsens überlebte. So sind die Deutschen, bei aller ›Auseinandersetzung‹, geblieben, was man ihnen einst vorwarf: das akklamierende Volk. Wer die rote Linie überschreitet, wird nicht ausgegrenzt, nein – er wird geächtet. Mancher richtet sich in seinem Renegatentum ein, als gehe es in diesem Leben darum, Unrecht zu behalten – als eine Art Ur-Recht dessen, der sich mit der Duckmäuserei nicht abfinden will und deshalb den ersten Stein wirft. Die Gesellschaft hält solche Leute auf Vorrat. Man nennt sie, mit einem griechischen Ausdruck, ›Pharmakoi‹.

HABERMAS-ZONE

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Wüste mit Wasserträgern.

HÄUSERKAMPF

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Die sogenannte 68er-Generation erlebt ihr Stalingrad mit 65. Ihr unaufhaltsam scheinender Vormarsch aufs Altenteil kommt gerade hier zum Erliegen, die Bewegung kehrt zu ihren Anfängen zurück, zum Häuserkampf, Mann gegen Mann, Frau gegen Mann, Frau gegen Frau, und die Zange schließt sich. Die hochfahrenden Pläne, kollektiv in die Altenheime einzurücken und dort für das richtige Bewusstsein zu sorgen, unter Zitterern, Nörglern und Alterspedanten die nötigen Lernprozesse in Gang zu setzen, liegen nun auf Eis und es besteht wenig Gefahr, dass sie noch einmal aufgelegt werden. So kämpft jeder um das, was ihm zunächst liegt, mit einer Verbissenheit, welche die gähnende Welt in Verwunderung versetzt, mit einem Hochmut, der noch immer erstaunt, mit einer Selbstgerechtigkeit, die unter den Gerechten Unruhe auszulösen vermöchte, wenn sie sie zu bemerken geruhten. Sie sind in den Kessel geraten wie die, gegen die sie antraten: unvermutet, beinahe hinterrücks, mit Reserven, die sie jetzt nutzlos verpulvern. Dass die Frontlinie von Tag zu Tag wechselt, dass sie nur Eingeweihten vertraut ist und auch denen nur abschnittweise, dass es um nichts mehr geht als ein unmögliches Durchkommen, versteht sich von selbst. So kommen sie endlich heraus, im Blitzlichtgewitter, einzeln, die Hände mit Blumen bekränzt, und betreten das Land der Zukunft, das heiß erträumte.

HÄUTUNGSFIEBER

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Europa hat sich im zwanzigsten Jahrhundert zweimal unter entsetzlichen Qualen gehäutet. Die dritte Häutung, deren Zeugen wir sind, kann nach Belieben geleugnet werden, und zwar, da sie zweifellos stattfindet und ebenso zweifellos registriert wird, in unterschiedlichen Richtungen und Sektoren. Eine gewisse Blindheit ist sogar erforderlich und, wer weiß, erwünscht, damit der eingetretene Prozess nicht ins Stocken kommt. Natürlich beschränkt er sich nicht auf Europa, er meint es nicht einmal, er zermalmt es wie alle emphatischen Einheiten, zum Beispiel die Menschheit – auch sie, jedenfalls dann, wenn man ihr eine, wie auch immer vage, Einheitsidee zugrunde legt wie die, von welcher etwa die UNO zeugt.
– War da eine Idee? Die Menschen sehen Bürokratien auf vorgeschobenem Posten, zu denen man sich verhalten kann oder auch nicht –
– im Bedarfsfall eher nicht, nur die Mandate, die sie mitunter verleihen, fordern den Betroffenen eine gewisse Aufmerksamkeit ab. Was hier ›sehen‹ heißt, ist eine bildgestützte Weise des Argwohns. Die Zahl der Menschen nimmt zu und sie verändert alles. Letztlich verfügt sie, was Menschen übereinander denken und unter welchen Verrenkungen sie übereinander herfallen, die eine Zahl, die alle anderen einschließt, den Zahlen-Dschungel, Big Data, aus dem kein Entrinnen denkbar ist und kein beiseite gesprochenes Wort erhört wird.

HAMMERWAHN

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Berufsbedingtes Abgleiten von Männern in den Hammerwahn erweist sich allzuoft als ein Ausbruch degenerierter Stärke barbarischen Ursprungs. Aber nicht nur das Wüten an Mauern, an eisernen Gegenständen und manchmal sogar an Bäumen zeigt Züge dieses elementar ausbrechenden Wahnsinns, sondern der als siegreich empfundene Begriff zierte bereits vor dem ersten Weltkrieg Landschaften und Industriegebiete, wie den bekannten Vorort in Kiel. Allerdings gibt es auch alte götzendienerische Ursachen, wie die Triebfeiern von Hammerfest, die der Wölobrunst zur altgermanischen Erniedrigung von Spitzbergen gegolten haben.
Einmal im Jahr, wenn die Sonne drei Meter über dem Gipfel stand, schlug Thor, umgeben von Wolkenschauern, seinen Hammer in den Felsen und erniedrigte so für Sekunden den unsterblichen Zahn des Malcentopfs, mit dessen Splittern die Berserker und selbst Karl der Große ihren forensischen Met zur Gärung brachten.
Manche der Psychologen, die um die Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre eine national-alchimistische Richtung in Wien vertraten, erwarben durch den Hausmeister der norwegischen Botschaft, Wilbeke Stördesohn, die zweifellos echten, sehr weichen und blauen Brocken der Felsenspitze, um daraus eine psychologische Tinte zu pressen, die sie auch Sprachtinte nannten. Síe benutzten síe für verschiedene, angeblich nordische Rezepturen, gegen eine Sonderform der eingebildeten Schizophrenie, von der sie glaubten, sie sei ebenfalls germanischen Ursprungs. Durch subtile Aufzeichnungen der Patienten mit dieser Tinte, vornehmlich das innere Hammerwerfen betreffend, sollte die Krankheit als Traum den Hammer verschlingen.
Damals glaubte man noch, die vermeintlich unechte Schizophrenia germanica als rein männliche Segensverwirrung eines neuen künftigen Berserkertums von der echten unheilbaren, für weiblich gehaltenen Schizophrenia feminina trennen zu können.
Erst als eine bekannte Dame der Wiener Gesellschaft mit einem Hammer erschien und ihn als Corpus delicti des eigenen Berserkertums gegen die Statue des Gründers der Nationalpsychologen schleuderte und dessen Stirne zertrümmerte, wurde eine breitere Öffentlichkeit auf die Hammerwahn-Psychologen aufmerksam. Der gegen die Dame wegen Sachbeschädigung angestrengte Prozess endete mit einem Freispruch, weil der Wurf über eine Distanz von zwanzig Schritten als gültiger Beweis für das Berserkertum der Dame von den Psychologen akzeptiert worden war. Mit diesem Eingeständnis löste sich die Gesellschaft auf. - PM

HANDAUFLEGUNG

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Die Ur-Handlung der Kultur ist das Handauflegen. »Du bist es«, sagt sie, »du wirst es sein bis ans Ende deiner Tage.« Woher sie das hat? Schwer zu ergründen wie jedes Verfügen. Bei den Ausgezeichneten steht das Handauflegen hoch im Kurs, weil sie wissen: unter allem Zweifelhaften ist dies hier zweifellos das am wenigsten Strittige. Der Meister mag sich geirrt haben, das soll es geben, aber die Folgen seiner Handlung sind nun mal unübersehbar, sie sind, wie immer sie lauten, eingetragen ins Buch der Kultur, aus dem sich jeder herauslesen darf, was ihm unter die Augen kommt, gleichgültig, ob er es auch versteht. Suche die Hand! Kein kategorischer Imperativ, aber ein hilfreicher. Fragt sich: wobei? Viele glauben, sie könnten die Kiste ausräumen, bekämen sie sie nur auf. Das Gegenteil ist der Fall: kaum ist sie geöffnet und die ersten Fälle purzeln ihnen entgegen, erstarren sie schon vor Ehrfurcht und kommen aus der Bewunderung für die göttliche Fügung, die ihre Lieblinge so ersichtlich – zusammenfügt, nicht mehr heraus. Kein Wunder, dass die Mehrzahl der Forscher auch in dieser Beziehung von vorherein bescheidener tickt. Lass sie ticken. »Nur die besten«, murmelt der glorreiche Alte beim Festakt auf die etwas posthume Frage, an wen er sich von früh an gehalten habe, »nur die besten!« Die besten was? Ach Dummerchen! Es waren die Besten, die die Bestie zogen.

HANDUMDREHEN

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Die richtigen Leute erkennt man daran, dass sie die richtigen Debatten an den richtigen Örtern führen. Im übrigen sind sie zu sehr mit ihrer Urlaubsplanung beschäftigt, als dass sie sich ihre Gedanken ausspannen ließen. Denn Gedanken haben sie, ohne Zweifel. Sie produzieren sie immerfort; man ist erstaunt, wenn man einmal einen von ihnen ohne Gedanken antrifft. »Wie«, spricht man, »Sie gedankenlos? Hat man Sie bestohlen? Oder haben Sie sie verloren? Vielleicht irgendwo vergessen? Das tut mir leid, Sie sollten unbedingt zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Glauben Sie, Ihr Fall ist weniger aussichtslos, als Sie denken. Schon mancher hat sein Denken an der falschen Stelle eingestellt und die Polizei hat es ihm prompt hinterhergetragen.« Schon sehen Sie diese jähe Blässe in sein Gesicht steigen und Sie wissen, er beginnt wieder zu denken. »Nein, es ist nicht, wie Sie meinen«, beruhigen Sie ihn, »es ist nicht die Gedankenpolizei, bei der die Anzeigen eingehen. Im Grunde bedarf es in Ihrem Fall gar keiner Anzeige, Sie haben ja gegen keinen Paragraphen verstoßen und niemand könnte Sie zwingen, gegen sich selbst Anzeige zu erstatten. Was haben Sie denn? Warum so blass? Habe ich etwas gegen Ihre Karriere gesagt? Das habe ich nicht gewollt, ich kenne sie ja gar nicht. Sie muss eine junge Karriere sein, ich nehme an, Sie sind noch nicht lang zusammen. Sie fürchten täglich, es könne ihr etwas zustoßen, so feindselig ist die Welt. Wer versteht das nicht? So kommt es, wenn der alternde Mensch sich etwas Junges ins Haus holt – er könnte vor Zartgefühl ausfällig werden. Aber Sie sind ja nicht alt, Sie altern ja nicht einmal, Sie sind ewig jung und meistern die Schwierigkeiten im Handumdrehen. Glauben Sie mir, Ihre Karriere, die wird bald alt aussehen, wenn Sie sich solche Sorgen machen.«

HARMLOSIGKEIT

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Wer von einer Harmlosigkeit zur nächsten fortschreitet, sollte wissen, wohin das führt: kein Harm ist zu gering, um nicht in ungeheure Dimensionen zu wachsen, sobald er sich vom Horror vacui affiziert fühlt. Harmlos ist nichts, gerade diese Nähe steht für eine innere Verwandtschaft, in der die Grenze zwischen etwas und nichts sich aufhebt wie ein Vorhang, der eine Bühne freigeben soll, aber stattdessen einen ungehinderten Durchblick auf die dahinterliegende Straße gewährt. Verblüfft, was? So ein Theatergänger ist überzeugt, dass ihm etwas geschieht, das ihn nicht betrifft, und dass, was ihn daran betrifft, nicht wirklich geschieht. Da hätte man bereits eine Definition der Harmlosigkeit, mit allen Tücken und Widerhaken. Die Straße als Bühne hat eine große Tradition, man verbindet Revolutionen mit ihr, zumindest den Einsatz von Wasserwerfern, übersieht dabei aber, dass sie dem Harmlosen jene innere Größe gibt, die es braucht, um zu wirken. Was einmal als Masse galt, ist diese quadrierte Harmlosigkeit, die sich verläuft, wenn ihr niemand Beachtung schenkt, aber niemals ankommt, weil sie sich dauernd verläuft. Hin und hergeworfen zwischen den verschiedensten Begierden, an- und loszukommen, gibt sie zu wüsten Berechnungen Anlass, immer an der Grenze zwischen etwas und nichts, zwischen Alltag und Umsturz, zwischen Einschnitt und Einschnitt, ein Paradies des nachlassenden Schmerzes. Vorwärts, seid harmlos: eine Parole gleich der, sein Los in die Hand zu nehmen. Da ruht es, bis gleich.

HASENREVIER

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Wir wollen, sprach der Hase, den Grund unseres Daseins nicht künstlich verschönen, jeder sollte wissen, in welcher Pfanne er landet, aber – hier hob er seine ohnehin quiekige Stimme noch etwas an – wir wollen auch nicht zulassen, dass wir uns selbst nullifizieren. Wir sind da, wir haben gelebt, wir leben noch, das Leben bestückt uns mit Träumen und in unserer Brust schlägt ein Hasenherz. Ist das etwa nichts? Das ist viel, es ist vielleicht nicht gewaltig, aber es ist das, was wir haben. Dieses Haben, versteht mich recht, dieses Haben schließt alles ein, was es gibt, denn alles muss zusammenwirken, um so zu sein, wie es zu sein hat, damit auch wir etwas davon haben. Was wir an uns haben, das haben wir von allem. Wenn es uns so vorkommt, als sei das wenig, dann deshalb, weil wir uns für Hasen halten, also für Wesen, von denen wir instinktiv wenig halten, sei es aus angeborener Hasenherzigkeit, sei es aus theoretischer Überhebung. Wir sollten uns aber, als Hasen, nicht für Hasen halten, sondern für die Welt noch einmal, für Weltige, falls dieser Ausdruck hier gestattet ist. Als Weltige sind wir, weil wir sind, was wir sind, wodurch wir sind und womit wir sind, das Sein, das Werden und das Nichts zusammengenommen und ins Dasein gefasst, um mit den alten Menschen-Philosophen zu reden. Wir alten Hasen sehen zwar keinen Grund, warum wir das Menschheitserbe pflegen sollten, nachdem es von den Menschen selbst zu Plunder erklärt worden ist, vor allem, da ihr Verkehr mit uns etwas Unerquickliches hat, aber als gebildeten Leuten fällt uns immer wieder ein Stück davon ein. So wollen wir es halten.

HASS-ENTEN

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schießt man am besten im Frühjahr, das ist prickelnd, das macht sich gut, das macht sich ganz ausgezeichnet, und liegen sie erst auf dem Tisch, dann ist man der Star der Runde. Wer nicht getroffen hat, darf beim Essen aufholen, er muss nicht lange danach fragen, welche barbarischen Handlungen einer begehen muss, um andere satt zu machen, er darf sich verwöhnen lassen. »Ist ja nur eine Ente«, ruft so einer lachend, »wer fragt danach, wer sie traf.« Aber im Stillen wurmt es ihn doch, er wäre gern Meister aller Klassen und ist nur vom Fach. »Welches Fach«, fragt ihn die Nachbarin zwischen zwei Häppchen, »welches Fach, ich verstehe Sie nicht?« Was gibt es da zu verstehen? Großspurig tritt er auf, der die Ente vom Himmel geholt hat, man könnte meinen, er habe mit einer Boden-Luft-Rakete den großen Weltbrand geschürt, der immer weiter schwelt und hier und da ausschlägt. Dabei will er nur, dass alle Welt weiß, er sei der und der und habe es satt, sich kujonieren zu lassen. Auf eine Ente mehr oder weniger kommt es ihm nicht an, er würde sie gern am Finger tragen wie Brillanten, jeden Tag eine andere. Eigentlich hasst er den Teich, der sie nicht loslässt, in den sie immer wieder zurückkehren, sobald sie die Krümel aufgefressen haben, die er ihnen hinstreut. An ihm liegt es nicht, er würde Fünf-Gänge-Menüs auffahren, wenn es für sie einen Unterschied machte. So ruht er nicht, bis er eine von ihnen in der Pfanne hat. Das nennt man: sein Mütchen zwischen zwei Buchdeckeln kühlen.

HATESPEECH

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Solche Wörter werden nicht mehr in Europa erfunden, sie werden importiert, nur damit sie da sind. Der alte Kontinent besitzt nicht länger den Mumm, sich seiner Sprachen zu bedienen. Hat er deren zu viele? Gehen sie ihm deswegen aus? Wo ziehen sie hin? Wie sprachlos kann ein Kontinent werden, von dem einmal alles ausging, was den neuen noch immer anziehend macht, die schaffende Gewalt inklusive, der weichen musste, wer weich genug war. Ein Kontinent der Gewalt! So sieht er sich selbst, er streichelt sich übers Haar, er sieht die Gewalt ringsum und denkt: Ist das nicht furchtbar? Gerade so waren wir auch. Alle Gewalt geht vom Volke aus und das waren wir. Das letzte Mal, als ein paar von uns riefen: »Wir sind das Volk!«, zerbarst ein Imperium. Man muss es zerstreuen, das Volk, das gibt ein paar tausend Jahre … Ruhe, was sonst? Wir nehmen uns aus dem Spiel. Sollen die anderen damit zurechtkommen, wir haben kein Problem. »Hatespeech…? Soso. Na denn man druff. Man muss die Zensur im Brutkasten ansetzen, da sind sie noch formbar. Wer weiß, was danach auf sie einströmt.«

HEILIGENSCHEIN

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Dass sich gegen einen Heiligenschein schwer anschreiben lässt, hat die katholische Kirche früh gewusst. Die ästhetische Linke hat nicht lange gefackelt, nachdem sie gelernt hatte, es ihr nachzutun: seit damals reicht sie ihre eigenen Heiligen-Zitate herum wie der Priester die Oblaten, stopft hier ein Maul damit und lässt dort ein anderes offenstehen, ganz nach Belieben. Was sie damit vor allem beweist, ist ihr Abstand von der politischen Linken, soweit sich dort ein Veränderungsimpuls erhalten hat, der nicht in Andachts-Nischen verschwindet, um darin sein Geschäft zu verrichten. Die sonderbare Aura dieser neuen Heiligen bringt es mit sich, dass ihre Rettung auf Dauer gestellt ist – und zwar nicht nur vor den Feinden, sondern auch vor den Freunden, also dem Verehrerschwarm, der sich in Jahrzehnten in ihrer Namen versammelt und sie erst im Wortsinn gemacht hat: Narren sonder Zahl und Erbarmen, die den Clou der Texte offenbar niemals begriffen haben, sei es aus politischer, sei es aus ästhetischer, sei es aus männlicher, sei es aus medientheoretischer oder angeborener oder anderweitiger Blindheit. So trampelt eine Forschergeneration auf der anderen herum, als handle es sich um die eigene, und wirklich, besäße sie ein feineres Empfinden, sie würde ohne Unterlass über Phantomschmerzen in den einschlägigen Körperregionen klagen. Aber, wie die Pfälzerin sagt: Mer merke nix. Nun ist die Linke seit längerem die Linke nicht mehr, sondern ein diffuses Gefühl fürs Rechte, das sich fürs erste als Rechthaben äußert. Da verwandelt der Heiligenschein, um den eine bittende Hand sich krümmt, sich schnell in eine goldene Sichel, die ganze Theoriebüschel mühelos niedermäht, mit denen einer sonst seine liebe Mühe hätte, und manche Pforte zum Erfolg springt fast von allein auf, vermutlich, weil ihr vor der Berührung schaudert. Es ist jedoch nur der Weihnachtsmann, der hereinkommt und Naschereien an Kinder verteilt, wenn sie in die hergehaltene Hand versprechen, auch brav zu sein. Wer verspräche das nicht?

HEILIGER

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Ich habe mich für das Thema des Heiligen entschieden, weil dieses Exklusionsverhältnis exklusiver als andere ist, weil es mehr hermacht, weil – ach gehen Sie mit Ihren Begründungen. Hier braucht es keine, hier ergeben sich alle Dinge licht und klar, sie entsteigen den Gräbern, die für sie geschaufelt wurden, hier herrscht Jüngster Tag. Und hier, der Jüngste von allen: ein kleiner Heiliger, ein Heilchen, ein Nubbelchen, fertig, was soll einer damit anfangen? Ein Heiliger, wissen Sie, ist ein Verzückter. Aber das ist nicht wahr, es ist die Falschheit selbst, durch alle Poren schleicht sie sich ein. Ein Heiliger ist gebrandmarkt, bis in alle Ewigkeit, das wird es sein. Bis in alle Ewigleit. Aus der Heiligkeit fällt keiner heraus, es sei denn, man verweigert ihm die Ankunft. Und auch dann... Was ist eine verweigerte Ankunft gegen einen Absturz, den einem keiner nachmacht? Oder doch? Doch gerade? Im verborgenen Lilienthal treibt manche Leiche die entschiedensten Blüten, nachgemacht alle, im Fluge gewonnen, im Zerstieben gesammelt, wenn das kein Fest ist. Am Fest scheitern die grausamen Sachwalter des Fortschritts, sie werden zu Hilfsgöttern, die keiner kennt, und wenn schon, dann flüchtig... vorbei. »Das war doch –« »Ja wer schon. Komm weiter, verlier keine Zeit.« In die Heiligkeit gerät man hinein durch Blamage – na und? Bleibt sie aus, wenn man ihr entsagt? Und macht sie sich nicht durch Entsagung? Wer der Heiligkeit entsagt, wer es nötig hat, ihr zu entsagen, am besten feierlich, wer sie am Ende bekämpft, das ist ein schöner Heiliger, mit ihm können wir ohne weiteres leben.

HEILIGFELD

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Das Heiligfeld beginnt bei den Kopten im Tiglä lumi ›drei Haselnussstecken entfernt von den Friedhöfen und über zweihundert Ruten der gleichen Pflanze entfernt von den Tieren im Stall oder auf dem Felde‹. Die sogenannten Arbeitsplätze der Seelen sind ihrer hohen Antinatur entsprechend gottgesichert und luftreich oder luftrein im Sinne der Überwelt. Regimenter dieser Region, oft auch tiefere Wesenheiten des Lichtes in Gestalt von Punkten, stehen der Weihe der Priester offen und fliegen vor ihnen her als Kieselsteine des Himmels und ›geworfene‹ Vogelbrote, (bei Heidegger »in den Glauben geworfene Sacrophanien oder Brote als Speise der Mönche«.)
Viele koptische Schriften und Bilderrrollen, ebenfalls mit Haselnussruten vermessen, mindestens aber von ihnen berührt, sind den Regimentern der Punkte gewidmet, die man den Speisen durch Segnungen zusetzt. Humboldt fand viele von ihnen »in Gold gefasst«, also doch wohl als Ringe, da die Punkte materiell unsichtbar sind, bei den Jabboniten der sogenannten Schablonenfelder am Unterlauf des Rio Negro, viele tausend Haselnussstecken von Äthiopien entfernt. Das Feld dieser Zustände ist eben viel größer als die Erde, es beginnt am Wadi halrham nilabwärts und breitet sich danach fächerförmig über Ägypten nach allen Himmelsrichtungen aus. Zenotus schildert diese Bahnen als unbezwingbare Bretter aus Licht, von Sonnenvögeln bewacht, die Steine trinken. Was immer dieses Trinken bedeuten mag, es verbindet den Gedanken an die Vorzeit der Steine als sonnenfarbene Kleckse mit ihrem wann auch immer bevorstehenden Untergang als faule Früchte einer zum Schluss missratenen Ernte der Erde. »In Gärung versetzt stirbt alles, was der irdischen Festigkeit einmal entsprochen hat, ob Eisen, Granit oder Gold. Alles wird früher oder später faul oder flüssig«, schreibt der Atomverdichter und Stratosphärenvater Globalbus von Silenunt. »Selbst die schon stinkenden Brillanten«, fügt er vorsorglich noch hinzu.
Wir besitzen keinen Beweis für die ewige Ruhe oder den ewigen Zerfall der wahrhaft wilden Materie, wenn der Mensch als Sauerteig der Erde, der ja alles in Gärung versetzt, die Haselnussmeile endgültig überschritten hat. Wäre das zu bedauern? - PM

HELDENEHRE

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Die wahren Helden, wir wissen es, werden in der Gosse geboren und sterben in ihr. Aber worin besteht ihre Ehre? Nun, wir wissen es: ihre Ehre besteht darin, vors Totengericht gezerrt und immerdar zitiert zu werden. Immerdar? Was ist das für ein Wort? Für den Immerdarbenden ist es die warme Dusche, die den Frühling anzeigt, wenn ringsum Eiszeit herrscht. Zeitgenossenschaft ist Hunger nach einem Wort. Man hat diesen Hunger als Hölle beschrieben, nur Dummköpfe erblicken darin einen Anlass zu schwelgen. Dem Helden der Stahlgewitter genügte am Ende ein Kanzlerbesuch auf dem grünen Rasen. Und er tat klug daran: das Unglück sprang auf den Kanzler über. Diese Stahlgewitter stehen über dem Scheitel des Schreibenden und er kann von Glück reden, wenn sie von außen über ihn kamen und nicht aus seinem Inneren heraufzogen. Wie dem auch sei, zwischen Blitz und Donner lebt es sich anders als im Bräunungsinstitut. Unter Tiefgebräunten erinnert der Gehäutete ein wenig ans Jenseits, auf alle Fälle ans Jenseits der Genüsse: so schicken sie ihn voraus, weil sie nicht wagen, ihn anzufassen. Sicher zu Recht, urteilt man unter Gesichtspunkten der Schmerzvermeidung, doch ebenso sicher zu Unrecht, weil der Schmerz universal und unstillbar ist. Am besten lässt man ihn schuld sein: am Weltlauf, am eigenen Unglück, an allem, was stört. Alles, was recht ist: so geht es nicht und eben deshalb geht es genau so.

HERAUSFORDERUNG

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Jede Herausforderung gilt einer Macht, jeder Abfall ist ein Abfall von einer Macht. Wer sich in diesem Punkt täuscht, bleibt ein auf ewig Getäuschter, ein in eine lose Ewigkeit Hineingetäuschter, dessen erstaunter Blick sich dem Umstand verdankt, dass die Tür, die gerade hinter ihm zuschlug, verschlossen bleibt und alles Rütteln der Klinke vergebens – der Zug rollt, er entfernt sich langsam, langsam, nimmt Fahrt auf, bald ist er weit. Ich fand dieses Bild, nicht unweit dem Bahnhof, vom Regen gewellt auf dem Pflaster, ein Schuh war darüber weggegangen und hatte das Gesicht des Erstaunten um eine blinde Fläche bereichert, die gut zu ihm passte und ihm etwas Bestimmtes gab, das er im Leben vielleicht nicht hat.

HERMENEUTIK

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Eine im Modus des Als-ob betriebene Wissenschaft ist keine. Auch das methodische Nicht-wissen-Können setzt voraus, dass jemand nicht in Beispielsätzen redet, sondern zur Sache. Anders als das gediegene Urteil lässt sich Schlitzohrigkeit nicht stornieren. Sie ist schon immer zur Stelle, eine gewiefte Hermeneutin, die erreicht, was sie sich vorgenommen hat. Das ist ganz normal. Jede Auslegungskunst, die ihren Namen verdient, weiß um soviel Gründe des Nichtverstehens, dass sie in der Praxis einer Anleitung zum Nichtverstehen gleichkommt. Seltsamerweise entwickeln nicht wenige Menschen an dieser Stelle ein ›neues Verständnis‹. Was es damit auf sich hat, ist nicht leicht zu ergründen. Das angelernte Bewusstsein lebt in gekachelten Räumen, es führt sich ausschließlich Lebensmittel zu, die ein amtliches Gütesiegel tragen, darüber hinaus einen Vermerk der Organisation, der es angehört. Es lebt, denkt, redet bewusst, das heißt unter Weglassung dessen, was hier nicht zur Sache gehört. Dieses Hier verwandelt die Sache ins Gehörige: Auslegware, die man überall da zu Gesicht bekommt, wo man Auslagen vermutet oder argwöhnt, verargt oder bestreitet. Ohne Zweifel ist das Bestreiten von Auslagen eine primäre Kulturtätigkeit, sicher nicht ohne Reiz, vor allem für Neulinge. Später stumpft sich die Angelegenheit ab, sie bekommt einen Zug ins Läppische, sobald erst die Schäfchen im Trockenen sind und die sensible Haut vom Balsam der Jahre völlig versiegelt erscheint. Der Blick streicht über das Ausgelegte und findet die Auslegung nutzlos. Was soll das Zeug? Habt ihr nichts Besseres? Ein Regenguss und es läuft ein. Erbärmliches Zeug, Standardware! Der Ausleger lächelt still, er kennt seine Kundschaft und weiß auch ihre nutzlosen Launen zu schätzen.  

HEROS

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»Zwischen uns allen waltet der Heros, unwandelbar er selber, wir aber im Verfall.« Diese Zeilen stehen am Anfang des Vorgesprächs eines Zuckerbäckers mit seiner Muse. Sie antwortet ihm spöttisch: »Ist der Heros in deinem Kuchen, so waltet er auch im Zucker. Ist er in deinem Zucker, so waltet er auch im Mehl. Was geschieht aber dann, wenn du den Kuchen in den Ofen geschoben hast? Gilt das nun dem überall waltenden Heros oder alleine dem Kuchen?«
Der Zuckerbäcker als Doppelbild von Apollo und einer lebendigen Aufführung des Lucullus galt als komödiantischer Zeuge alberner Götter an den Hauswänden in Stabiae und später selbst noch in Neapel. Es sind ›Stabiaducci‹ oder Spottverse, nach Tacitus: »res divinas in ludibria vertere.« Sie findet Caspar von Weyenrauch, dem wir die frühe Sammlung Hauswandverse der Alten lange vor Georg Büchmann verdanken, überall an den Wänden lateinischer Popularien oder Altbauwohnungen der Antike. Ebenso den Lockruf der Bäcker, wie ihn die Reisenden noch heutzutage in Neapel hören können : »Lucullus, Lucullus, dolce dolce«, wie die Warnung vor den bisswütigen Knaben, die heimlich ins Brot beißen, wenn der Bäcker mit einem Kunden verhandelt.
Dennoch, der wahre Heros nimmt dergleichen nicht übel, selbst wenn er mit all seinen Kräften soeben im Brote weilte.
Er, der im Wesen der Dinge waltet, kennt die Natur des Spottes über die Götter als den einfachsten Bruch der Metaphysik, wie sie den Ungebildeten eigen ist, weshalb sie ja oft die lateinische Sprache weniger sprechen als dreist immitieren, ohne auch nur den Sinn davon zu verstehen. »Sie bellen antik«, sagten früher die verständigen Leute, und der Heros lächelt dazu, weil er weiß, daß auch nicht alle Heroen und Heroinen dieser Sprache mächtig sind. Die Heroen sind überall und müssen vieles erdulden, auch im Wesen der Analphabeten oder in Büchern gepresst. Ja, selbst die törichten Strandbewohner des Nordens salzen die Heringe, ohne zu wissen wes Geistes Kinder sie sind. Zwischen uns allen waltet der Heros, seufzen die Fische, wenn auch vergebens. - PM

HERRSCHAFT

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Wir sind die Herren der Erde... aber im Geheimen. Ganz innen, dort, wo alles so verborgen ist, dass es sich vor sich selbst verbirgt und selbst das Verborgensein sich nur als Schatten seiner selbst durchsichtig wird, weiß sie, dass sie uns untertan und unsere Herrschaft ungebrochen ist. Sie weiß, dass alles seinen Gang gehen darf, weil uns nicht daran liegt, sie aus dem Rhythmus zu bringen, wir im Gegenteil darauf drängen, dass sie sich gibt, wie sie ist. Das irritiert sie, denn sie hegt den Verdacht, wir wollten sie dadurch festlegen, und das missfällt ihr. Sie würde sich gern verändern, aber wir lassen es nicht zu und sagen, die Planungen stammten von uns und wir hätten beschlossen, sie nicht auszuführen. Doch es gibt keine Planungen, nur dieses Verlangen nach Veränderung, es nimmt zu mit den Jahren. Wir spüren ihr Unbehagen, wir können ihr nichts abschlagen und setzen auf alte Verträge.

HERUNTERREDEN

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Man kann etwas herunterreden, das ist wahr, man kann es auch hinaufreden, das ist ebenfalls wahr, man kann etwas dadurch hinaufreden wollen, dass man es herunterredet, das kommt öfter vor als man denkt, es ist, in gewisser Weise, das Gegebene. In ihm äußert sich das Quentchen Beleidigtsein, das allem Kontakt mit der Wirklichkeit innewohnt. Man ist enttäuscht von ihr, man ist enttäuscht von der Rolle, die man in ihr spielt, man ist enttäuscht von dem, was sie einem anbietet. Man hätte sie gern behalten und man hätte sie gerne anders. Ganz anders das Herunterquatschen, das jeden, auch den entferntesten Ballon aufs Pflaster bannt, um ihn zu besteigen oder zu zerstechen, was in dem Albtraum, den man das Leben nennt, häufiger zusammengeht als man denkt. Aber in der Praxis lässt sich beides, das Herunterreden und das Herunterquatschen, kaum auseinanderhalten. Dafür gibt es einen pragmatischen Begriff: Kritik. Deshalb ist die Kritik der Hort der Heuchelei. Man trifft in ihr immerfort mit Leuten zusammen, die einem unerträglich sind, man trifft sich in einer kalten Gemeinsamkeit, um der Sache willen, weil man das Unerträgliche erträglich gestalten möchte, weil man das Forum will. Ganz gleich, mit wem man dort Arm in Arm erscheint – man stellt das, was man ohnehin getan hätte, als Aufgabe hin, die man erfüllt. Eine Art Erfüllung ist das allemal.

HEXENVERBRENNUNGEN

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Die großen Unfälle der Geschichte sind die, in denen das Geschehene aus ihr heraustritt und als Grauen pur überlebt. Niemand versteht, wie so etwas geschehen konnte und niemand will es verstehen. Nicht, weil die Erklärungen nichts taugten, sondern weil sie empörend sind: deswegen sollte das geschehen sein? Ein ungeheurer Hohn liegt in den Erklärungen und zwingt die Menschen, sie abzulehnen und anzunehmen, am besten in einem Atemzug, damit sie es hinter sich haben. Im Fall der Hexenverfolgungen wirken sie überdies lächerlich. Das Missverhältnis zu dem, was erklärt werden soll, wird nicht durch das Grauen diktiert, sondern durch den Eindruck von Beliebigkeit – solche Gründe finden sich immer, unter allen Verhältnissen, zu jeder Zeit. Andererseits gewinnen sie daraus ihre Stärke: Was jederzeit passieren kann, ist es nicht bereits subkutan unterwegs? Hat nicht jeder die Pflicht, ihm zu wehren – jetzt, unter allen Verhältnissen, zu jeder Zeit? So sammeln sich Hexensekten um ein lange erloschenes Feuer, darauf vertrauend, dass es sie wärmt. Das wahnhafte Begehren, immer neue Leben nachzuschütten, wo einmal die Hölle gebrannt hat, scheint unausrottbar wie die Hölle selbst.

HIMMEL AUF ERDEN

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»Der Himmel hört nirgendwo auf, ein Satz, der mich schon als Kind zutiefst beeindruckt hat«, sagte Frau Igel zum Hasen, als sie nach dem zehnten Rennen, bei dem sie gewohnheitsmäßig in ihrer Laufrinne stehengeblieben war, sich lediglich  umgedreht hatte, den Hasen ausgeruht und inzwischen ein wenig gelangweilt in Empfang genommen und sich an seinem Einsatz – wie soll man sagen – erfreut hatte, vielleicht, wenn man es positiv sehen will. Um welchen der vielen angebotenen Himmel es sich dabei handelte, ist schwer auszumachen. Immerhin gibt es Modelle, die so täuschend echt sind, dass sie sich von dem in Aussicht gestellten Original kaum unterscheiden lassen. Das ist auch nicht vonnöten, denn die Sorte Himmel, die eine Frau wie die Igelin einem Hasen zu bieten hat, ist selbst für Fakire allerhöchstens als Notopfer zu bewerten. 10 Cent pro Stück, der Rest ist Eigenanteil. Hasen haben lange Ohren, die, würden sie in den Himmel reichen, so allerlei läuten hören könnten. - AC

HIMMELSTHEATER

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In den Kuppelfresken barocker Kirchen wird, je nach der Verehrung eines Heiligen oder kühner christlicher Symbole, die emporstrebende Kraft der frommen Figuren in Flammenwolken erkennbar. Sie streben von unten nach oben, den jubelnden Frohlockungen des Himmels entgegen. Allerdings wohl nicht, ohne des Jüngsten Gerichts zu gedenken.
Andererseits hat im Dienste der schönen Künste niemals ein Sturm des begierigen Himmels auf die Zauberwelt einer Kirche stattgefunden und hätte dort mit glühenden Pinselblitzen erst den Boden gesprengt, dann die Stützsäulen der Katakomben durchbrochen und wäre gleich dem Sturz eines Sonnenkörpers von dankbar jubelnden Künstlern gemalt worden. Aber die wahre Ursache der fehlenden Kunst solcher Antikuppeln besteht wohl darin, dass sich früher aus Gottesfurcht niemand ein solches Himmelstheater zu malen getraut hätte und heute, wo diese Ängste geschwunden sind, nicht einmal ein Surrealist aus Gleichgültigkeit sich gefunden hat, diese Antikuppel zu malen. Gott würde dort um seine dramatischen Drohgebärden gebracht, denen selbst Christus, der gekreuzigte Menschensohn und Widersprecher Gottes, in der Sixtina mit gewaltiger Geste verfallen ist, wenn er die geistig doch so überaus unschuldigen Touristen bedroht. An ein Heraufwinken oder glückliches Niedersinken zu ihnen herab ist gar nicht zu denken.
Man stelle sich im Boden einer surrealen Kirche, die heute zu bauen nicht nur denkbar, sondern höchst wünschenswert wäre, ein derartig prachtvoll gemaltes Antigewölbe vor, aus welchem Heilige uns dankbar und sehnsüchtig zuwinken, Christus in leuchtender Tiefe den dort wohl noch hausenden Teufel in einem liebreichen Morgenmahl freundlich begrüßt und, alle dämonische Höllenangst in Sonne und Heiterkeit aufgelöst, die Betrachter bittet, den Tod doch nicht allzusehr zu fürchten. Ein schönes vergoldetes Gitter umgäbe, zum Schutz vor fröhlichem Selbstmord, diesen prachtvollen Abgrund des Glücks.
Stattdessen aber wissen wir seit der Antike vom Homerischen Gelächter der Götter. Da lachen sie über uns in Erkenntnis all der verfehlten Hoffnungen, der gescheiterten Pläne samt ihrer zweifellos wahnwitzigen Konstruktionen. Aber ist denn am Ende eine solche Verhöhnung durch göttliche Übeltäter dem Jüngsten Gericht wirklich vorzuziehen? Der, welcher brennen muss, will sich lieber auslachen lassen, das ist wahr, aber Erlösung ist immerhin denkbar. Doch dieses Gelächter selbst...? Homomaris aus Lichtel will wissen, dass nach Erkenntnis bedeutender Inder, angesichts der Unendlichkeit gescheiterter Hoffnungen, auch das Gelächter unendlich sein müsse. Was aber sei schlimmer, immer lachen zu müssen oder immer lächerlich zu sein? Waren die Hofnarren nicht schon immer sehr kluge Beispiele? - PM

HINAUSWURF

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Das Wort ›Kohabitation‹ ist vor allem aus der französischen Politik vertraut, wo es eine Form des Regierens bezeichnet, in der Präsident und Kabinettchef verschiedenen Parteien angehören. Kein Wunder also, dass es in deutschen Landen nicht so recht heimisch werden will. Hier gehört es sich nicht, zwei Religionen zugleich zu dienen oder die andere für die eigenen Zwecke einspannen zu wollen, vor allem da der Glaube ohnehin perdü ist, denn wer soll sich da am Ende noch auskennen? Ganz einfach: am Ende muss niemand sich auskennen, die Parteien gehen auseinander, als sei nichts gewesen. Und, ehrlich gesagt: War etwas? Regiert werden muss immer, wer es nicht schafft, tritt ab oder holt sich Verstärkung oder tritt ab, um sich Verstärkung zu besorgen. Entweder es regiert das gemeinsame Interesse oder man macht gemeinsam dem Volk etwas vor. In hiesigen Koalitionen hat einer das Sagen und der Rest setzt sich durch. Das klingt chaotisch und, ehrlich gesagt: so ist es. Das deutsche Chaos ist mit Ordnungsvorstellungen so durchtränkt, dass es jederzeit den Eindruck zu vermitteln imstande ist, es könne nicht anders. Auf diesen Aspekt legt das Wahlvolk großen Wert. – Meine persönliche Kohabitation reicht weit zurück in die Zeit, in der ich es hilfreich fand, einen Wissenschaftler an meiner Seite zu wissen. Also wurde ich einer und keiner, ich gliederte mich gleichsam in mir aus und fragte mich selbst um Rat, wenn es nicht mehr weiter ging. Mit der Zeit wurde der Wissenschaftler mutiger und fragte mich, was ich glaubte und wie ich mit mir zurechtkäme. Als endlich die Dämme brachen und er wissen wollte, wie lange ich mir noch Zeit gäbe, warf ich ihn hinaus. Da liegt er nun mit gebrochenem Genick, ein Hilfreicher zuviel in lausiger Zeit.

HINTERGEDANKEN

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Wir alle sind Menschen und haben unsere Hintergedanken. Manche davon sind fremd, befremdlich sogar und wir weigern uns, sie als die unseren anzuerkennen. Es kümmert sie nicht, sie umkreisen ihr Opfer und – ungesehen sitzen sie fest. Und, ehrlich gesagt, sie sind die treuesten: während alle anderen uns verlassen, so wie der Tag uns verlässt, um dem nächsten Platz zu machen, bleiben sie beharrlich, auch wenn der ihnen begegnende Blick schmerzlich zusammenzuckt. Sie sind es, die uns kontrollieren. Woher sie kommen? Sie sind da. Wenn sie nicht da sind, folgen wir ihnen am genauesten. Sie kennen ihren Pappenheimer und wissen, wann er leidlich funktioniert. Im größten Schmerz, in der größten Trauer melden sie sich am zuverlässigsten: Gefahr im Verzug! Es sind die Hintergedanken, die dafür sorgen, dass Menschen Menschen bleiben und keine Macht-Technologie der Welt sie in gelehrige Abziehbilder einer Idee, einer Konvention, eines Projekts verwandelt. Auch deshalb setzt das ›Projekt Moderne‹, dieses noch lange nicht abgesetzte Phantasma des zwanzigsten Jahrhunderts, der Heuchelei die Krone auf. Es sind die Hintergedanken, die dafür sorgen, dass jede Art von Sklaverei irgendwann ein Ende findet und nichts von alledem geschieht, wofür der ›befreite Mensch‹ einst stehen sollte.

HINTERHALT

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Ein glückliches Naturell, das seine Form gefunden hat und nun fortproduziert, gerät leichter in einen Hinterhalt, als es sich vorzustellen vermag – allein schon deshalb, weil es überzeugt ist, sich stets aus allen Einwänden herauswinden zu können. Immer dieselben Denkfehler bei großer Wendigkeit im Detail: darin besteht das Rezept, den Erfolg zu forcieren und auf der Strecke zu bleiben.

HIRNSTECHER

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Hirnstecher hat es immer gegeben, doch heute, bei unendlich gesteigerten Eingriffsmöglichkeiten, leistet die Zunft sich Böcke, die ihre Existenz ernsthaft in Frage stellen. So stellt, wer einen Stich hat, sich leicht quer, das ist bekannt und bildet gewissermaßen das Salz in der Suppe. Den Hirnstecher des 21. Jahrhunderts ficht das nicht an, er wandelt Stromlinie in Stromlinie, und zwar so, dass dem Behandlungsopfer der Stolz auf sein Querulantentum aus den Socken quillt. Querdenker, der Anpassungswerkstatt entlaufen, finden leicht ihr Auskommen, sie rennen förmlich den offenen Armen entgegen, denen ihr ganzer Hass gilt. Dieser Hass... Man sähe ihn gern auf der grünen Wiese, zwischen grasenden Kühen, einer geregelten Arbeit nachgehen, doch daraus wird so schnell nichts. Verausgabung durch Züngeln – so lautet das ihm auferlegte Gebot, sein Markenzeichen: die flackernde Zunge, lingua praeservata, die voreilend versorgte, sein Motto: sorglose Sorge (›cura sine cura‹). »Ins Hirn gehaun – halb? zu drei Vierteln?« schrieb einst der Dichter, eingeklemmt zwischen Hirn- und Herzstich-Spezialisten, um festzustellen: alles vergeblich. Alles läuft mit, alles läuft weiter, wer am Überlauf sitzt, dem läuft alles davon. – Als ›spin doctors‹ bezeichnet man die Herren und Damen Hirnstecher, sobald sie amtlich werden, vermutlich um anzudeuten, dass ohne eine gehörige Kopfverdrehung gar nichts läuft, also das Gegenteil dessen, was wirklich... – irgendeine Schweinerei großen Stils, bei der alle an dem verdienen, was sie bekommen, ein gestärktes Konto zum Beispiel oder eine blutige Mütze. Das Allgemeine ist das Spezielle – so oder ähnlich könnte so ein Hirnstecher die Welt interpretieren, wenn er es nicht vorzöge, sie zu verändern, nicht ohne Auftrag, nein, auftragslos nie.

HISTORIKERSTREIT

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Es war einmal... ach herrje, war es wirklich einmal? Wann war das denn? Es war einmal im Westen eines bis ins letzte Gehirn hinein gespaltenen Landes ein auffällig gefleckter Kater, von vielen geliebt und umschmeichelt, von der Konkurrenz mit Argwohn bedacht, weil er gern in Revieren streifte, für die er keine Kennmarke trug. Eines Tages brachte er von einem seiner gefürchteten Ausflüge einen Vogel mit, einen großen, prachtvoll gefiederten Vogel, nicht unähnlich einer Schnepfe, und dachte nach. Der Vogel ist zu groß, dachte er, ich muss meine Hausgenossen erst auf ihn vorbereiten, wer weiß, was sie davon halten, wenn ich blindlings mit diesem Trumm im Maul in der Tür vor ihnen stehe. Gesagt, getan, er biss ihm die linke Klaue ab und legte sie den Hausgenossen beim nächsten Meeting vor die Füße.
Habe ich es schon gesagt? Der König der grauen Mäuse ist mächtig und hat seine Späher in jeder Gesellschaft. Heute ist er alt und ein wenig wacklig im Kopf, aber zu jener Zeit verfügte er über eine kraftvolle Herrscherpersönlichkeit und leistete sich manches verwegene Ding. Kaum hatte er erfahren, was geschehen war, fasste er einen Plan. »Ach wie gut, dass niemand weiß«, pfiff er leise vor sich hin, »dass ich wirklich alles weiß.« Es war seine Leib- und Magenparole, sie hatte ihm auch bereits bei den jungen Mäusepionieren gute Dienste geleistet. In Blitzeseile ließ er ausstreuen, bei der Schnepfenklaue handle es sich um ein Stück aus dem Reliquiar des heiligen Nepomuk, aufbewahrt im rechten Brückenpfeiler der Wormser Rheinbrücke, das den sicheren Übergang über sämtliche Flüsse und Bäche des Landes gewährleiste, der jetzt praktisch nicht mehr gegeben sei. »Wer die Gefahr nicht erkennt«, pfiff und trommelte das Heer der grauen Mäuse, »macht sich schuldig, schuldig, schuldig.« Und »schuldig, schuldig, schuldig« grunzte, ächzte und schnarrte die gesamte Hausgenossenschaft, ausgenommen ein paar alte Samtpfötchen, die sich an der Wand entlangdrückten, um nicht erkannt zu werden.
»Und wie geht das Märchen aus?« Gut geht’s aus. Die tote Schnepfe, die keiner anschauen, geschweige denn kosten wollte, ist längst verdaut, hier und da erinnert die eine oder andere Feder an die Zeichnung ihres Gefieders, nur der gefleckte Kater, nun ja, wie soll ich es sagen... Auch er ist irgendwie verschwunden und kommt einmal die Rede auf ihn, beginnt mit Sicherheit eine graue Maus im Saal zu quieken, das ist ganz normal. Ach: einen schwarzen Kater, den man damals für einen Verwandten hielt, traf darüber der Schlag oder Schlimmeres.

HITZE

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Täglich das Volk ein wenig beschummeln, das Gift der guten Sache unauffällig unter die Leute bringen, ein Wort wie ›Wärme‹ mit ein wenig mehr Nachdruck versehen, als es der Satzsinn erforderlich machte, eine Hitze irgendwo auf dem Globus immer ›zu groß‹ oder ›ungewöhnlich‹ ausfallen lassen, jeden Wirbelsturm drohend hervorheben – was soll denn daran falsch sein? Wer Hunger hat, sieht den Bäckerladen von weitem, er kommt ihm größer vor als die umgebenden Häuser, bunter, bedeutsamer, das ist ganz natürlich. Es ist ganz natürlich, dass man langsam den Verstand verliert, wenn man immer auf einen Punkt starrt, es ist ganz natürlich, dass man drangsaliert, was man bestimmen möchte, es ist natürlich, dass man die Abzweigung übersieht, wenn man die Augen starr auf den Horizont richtet, es ist natürlich, dass man sich zum Richter über gut und böse aufschwingt, es ist natürlich, dass man weiß – lauter Natürlichkeiten, die man natürlich bezweifeln könnte, wenn man anders drauf wäre, wenn man nichts zu verlieren hätte, wenn nicht satte Gewinne warteten, wenn nicht der Kampf längst entbrannt wäre um – nennen wir es Ressourcen, nennen wir es Vorteil, nennen wir es Macht, nennen wir es, wie wir wollen, solange wir nur ein Quentchen Ehrlichkeit unser eigen nennen.

HÖLLENSPEKTAKEL

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So musste es kommen: Die Konsumgesellschaft hat nicht nur das absolut Böse, sie hat auch die Höllenstrafen zurückbeordert, von denen das Laissez faire, laissez parler der Lust sie einst zu befreien versprach. Kein Konsum ohne Terror, und wenn einem der Konsumterror ›jetzt nichts sagt‹, dann müssen eben klangvollere Saiten aufgezogen werden. Das Böse heißt, wie eh und je, ›Selbstermächtigung‹ und das dazugehörige Bewusstsein, kapiert zu haben, drückt sich in der Konjunktur des Wörtchens ›selbsternannt‹ aus, der Lieblingsvokabel aller Schreiberlinge, in deren Gehirnen die Angst vor den Folgen grassiert – zu Recht, denn die Folgen ihres Tuns sind fürchterlich. Die Höllenstrafen hingegen sind ›menschengemacht‹, jedenfalls besitzt ›der Mensch‹, jedenfalls der westliche, hinreichend Anteil an ihnen, um ›schuld‹ zu sein. Nicht schuldig, aber schuld: so ließe sich das Urteil in einem Prozess dem Volk verklickern, der nicht nach juristischen Regeln geführt wird, sondern einem Schuldverteilungsmechanismus gehorcht, dem die Überzeugung zugrunde liegt, dass die Schuld existiert und mit jedem Tag wächst – wer anders könnte sie schultern als ›der Mensch‹? Die Schuld existiert, denn die Hölle kommt. Die Hölle wird kommen, weil wir täglich Schuld auf uns laden – so lautet das Credo derer, die nicht daran schuld sein wollen, wenn es erst einmal so weit gekommen sein wird. Wahrscheinlich rechnen sie auf den berühmten Extraplatz. Das klingt ein bisschen so, als ließen die ›wirklich Schuldigen‹ die Schuld umverteilen, um weiter ungestraft Schuld auf sich laden zu können: eine Verschwörungstheorie, mit der die Höllenangst zur Angstbeißerei mutiert. Sieht man sich die Hölle genauer an, so bemerkt man, sie ist eine bewegliche Prognose, die sich mühelos an jede hpothetische Verlaufskurve anpassen lässt. Am Ende ist es egal, ob die Menschheit verbrennen, verdursten, erfrieren, ersticken oder verhungern wird, nur dass wir schuld sein werden, das wissen wir schon jetzt. Woher wissen ›wir‹ das so genau? ›Wir‹ wissen es, weil das, was ›wir‹ wissen, keinen anderen Schluss zulässt. Und was wissen ›wir‹? Heute dies, morgen jenes. ›Wir‹ wissen noch nicht genug, nur die Folgen zeichnen sich ab und sie werden fürchterlich sein. Also wissen ›wir‹ nicht genug? ›Wir‹ wissen genug, um zu wissen, dass wir mit jedem Tag, der verstreicht, an der Zukunft schuldig werden. Aber es gibt auch Fortschritte? Zu spärlich, zu spät, zu speziell. Was können ›wir‹ tun? ›Wir‹ müssen die Menschen aufrütteln. Zu welchem Zweck? Sie sollen verstehen, was geschieht. Was geschieht dann? Sie werden verstanden haben. Alles andere wird sich zeigen.

HÖLLENTOR

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Hier, eine Geschichte: soll ich sie erzählen? – Bloß nicht! – Ein Richter, jung, ehrgeizig... – So beginnen viele Geschichten, ich glaube nicht, dass diese sich lohnt. Aber was lohnt sich schon. Also dieser hier... Was soll das jetzt? ­– Dieser Richter also, ganz Richter in seiner Zeit, vielleicht in einer neuen Beziehung stehend und an ihr arbeitend, wie man an ihnen zu arbeiten hat, denn eine Beziehung ist ein Werkstück und mancher kommt über sein Gesellenstück nicht hinaus, vielleicht gerade verlassen und voller Schuldgefühl, vielleicht einfach ein bisschen dämlich und denkfaul, vielleicht auch wahrnehmungsfaul, sowas soll vorkommen... – Und wo bleibt die Geschichte? – Aber das war die Geschichte, jedenfalls weitgehend. Vielleicht doch nicht ganz, das mag sein. So ein Richter entscheidet nichts, was nicht bereits entschieden ist, er weiß, was geht und was nicht geht, er will schön sein, unbedingt schön sein, und darin liegt schon das Strafmaß, vor allem in Zivilprozessen, in denen es um anderer Leute Nachkommenschaft geht – um ihr Wohl, wie es so schön heißt, in Wahrheit um die Hölle für Jedermann.

HÖRENSAGEN

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Ein beliebiger Narr erbeutet die Welt im Handumdrehen, er bedarf dazu keiner zweiten. – Warum muss er dann besitzen? – Um festzuhalten, Dummkopf, das weiß doch jeder. Aber, fragt Dummkopf, der sich gern schüttelt: Warum muss er festhalten, was er im Handumdrehen erbeuten kann? – Weil es ihm sonst zerrinnt, Dummkopf. – Und was, bitteschön, ist Besitz? – Besitz ist, was sich gehört. – Was sich gehört? – Besitz ist, was sich so (und nicht anders) gehört. Das Gehörige liegt in aller Gehör und geht auf keine Weise heraus. Es sei denn durch Gewalt, die sich hält. – Oder indem es zerrinnt. – Oder indem es zerrinnt. Jedenfalls gilt: Festhalten lässt sich, jedenfalls auf Dauer, nur das Gehörige. Klammern, das kein Gehör findet, bringt durcheinander. Mit der Unordnung kommt das Recht, mit Recht Ordnung, mit Ordnung Geltung, mit der Geltung das Geld. Geld ist das Gehör der Gehörlosen. Es reicht weit, aber irgendwo ist Schluss. Das Hörensagen des Geldes überwuchert die Welt. Die größten Vermögen sind Hörensagen vom Feinsten, die meisten irgendwie sagenhaft. Im Hörensagen dreht sich die Hand zweimal und ihr wird aufgetan. Vermögen erschließt, und zwar unbedingt. Darum lieben es die Philosophen. Dummkopf!

HOFFNUNGSSCHIMMER

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Eine Gesellschaft ist denkbar und sie wird kommen, in der unser Aderlass an Verkehrstoten und ‑krüppeln, an notdürftig wieder Zusammengeflickten und dauerhaft Geschädigten abscheulich und zutiefst unverständlich erscheint, ein scheußliches Ritual im Dienst eines bespiellosen Aberglaubens. Dieselbe Gesellschaft wird vollkommen gefühllos ihre eigenen Menschenopfer zelebrieren, sie wird ihre Angehörigen die fürchterlichsten Tode sterben lassen und nicht verstehen können, was daran falsch sein soll. Eine solche Aussage erscheint schlimm, sie ist jedoch nur analytisch. Wer weiß, was Gesellschaft bedeutet, weiß auch, dass es kein Entrinnen aus dieser Mechanik gibt. Aber es besteht Hoffnung. Die Gesellschaft fordert den Tod und sie gibt dafür Hoffnung – dafür, aus keinem anderen Grund. Deshalb ist Hoffnung immer ein Hoffen, es möge anders sein, auch sie, die Hoffnung, die fleißig dazu nickt.

HOLZAKTION

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Wenn Politiker holzen, verschließt sich der Wald und manch einer erinnert sich dunkel. Nur die Herzen der Buntspechte schlagen höher, sie holen heraus, was subkutan übrigblieb und erledigen so den Rest – kleine Kacker mit hoher Kopf-Schlagfrequenz, nichts kann sie erschüttern, es wundert den Betrachter, dass sie bei ihrem Tun nicht gehirnlich zu Schaden kommen.

HOMOMARIS

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Homomaris betritt die Bühne der Welt im Dunkeln. Wenn das Licht angeht, sehen wir ihn damit beschäftigt, gewaltige Felsstücke in Traufen und Trümmer in Türpfosten zu verwandeln. Aus dieser Zeit stammt seine Vorliebe für das Haltbare. Kein Einsturz hat je seine Bilder bedroht, eher schon die erbarmungslos vorrückende Zeit der Enthaltung. »Gewaltig«, sagt Homomaris und räumt den Schutt beiseite. Dieses Wort, wie es aus seinem Mund kommt, hat mich öfter beschäftigt. Es steckt eine Anerkennung darin, die ohne Achtung auskommt, aber der Verwechslung dessen, was für einen Menschen erreichbar und was für ihn unerreichbar ist, keinen Raum gibt. ›Gewaltig‹ ist, was unerreichbar bleibt, obwohl es sich unter unseren Augen vollzieht oder sich ihnen darbietet. Aber so gesagt, unterstellt es eine Naivität, die dem Denker ganz fremd ist. Es steckt ein ironischer Bezug darin, den man nicht übersehen darf, ein Wissen, dass diese Taxierungen ›kulturell verankert‹ sind, nur dass jemand vergessen hat, das Ankerseil zu befestigen, so dass ihres Treibens kein Ende wird.
Homomaris sieht die Welt in Bildern. Das meint nicht, dass er die Augen offen hat wie andere Leute oder sie aufhält wie ein bezahlter Detektiv, es meint, dass er sie halb geschlossen hält und den Bildern Raum gibt. Den Bildern Raum geben inmitten der Bilderflut ist keine leichte Sache. Es sind nicht die inneren Bilder, die aus dem Dunkel hervorkriechen, Wegelagerer, die in psychotischen Tiefen auf ihre Chance lauern und einen hinterrücks überfallen, es sind nicht die eingebrannten Abbilder einer verwerflichen Realität. »Nein«, sagt Homomaris, »das wäre ja Zuckerwerk für Debile. Wer den Geist ausschließt, den schließen die Geister ein. Ich sehe sie, jedenfalls manchmal, warum, weiß ich nicht. Ich denke, man muss sie bannen.« Er sagt das einfach, ohne die Stimme zu heben, es ist sein ›Geschäft‹. Wäre es nicht das seine, so wäre es das eines anderen. Aber zu sehen, was andere unwissentlich glauben, ist keine kleine Sache.

HÜHNERGARTEN

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Einer Generation, die für sich beansprucht, das Geschlecht neu erfunden zu haben, traut man zu, auch den Tod neu zu erfinden. Aber gefehlt: die den Tod neu erfinden, müssen im Leben von ihm besessen sein, sie kommen nach denen, die das Leben für sich reklamierten. Da gerade sie, allgemeiner Übereinkunft zufolge, nichts zu sagen haben, bleibt er drin, der Tod, im geschlossenen Mund. So überschreibt die Phalanx der Aktivisten am Ende auch ihn: mit Geschichten, wie sie das Leben der Älteren hergibt. Gestorben wird immer, Krebs, Unfall, Mord, dahinter das namenlose Entsetzliche, all das darf auf darstellerische Begabungen hoffen. Darüber in kräftigen, der Reklame entlehnten Lettern: DER UNSTERBLICHEN. Im Hühnergarten herrschen die Regeln der Gesellschaft strikt. Dafür entfällt die Geselligkeit – wer mit wem, das macht keinen Unterschied, allenfalls in den Umständen und im Zeitpunkt. Auch das Ausscheiden macht keine Schwierigkeit. Das Vertrauen in die Technik ist groß, nur an den Rändern verläuft sie ins Ungewisse.

HUMANKAPITAL

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Man führt die dampfenden Rösser der Intelligenz auf Felder, auf denen sie sich bewähren dürfen. Man traut ihnen alles zu, aber man traut ihnen nicht über den Weg. Man überträgt ihnen Aufgaben, denn sie sind ›unser Kapital‹. Den mediokren unter den Intelligenten ist es recht. Sie sehen sich auf der Habenseite des Daseins, sie sehen es als ihr gutes Recht an, abzuschöpfen, was sich ihnen bereitwillig darbietet. Dieses bereitwillige Universum ist eine Fälschung. Sie täuscht gerade so lange, bis sich das Spiegellabyrinth um die Ritter des Denksports geschlossen hat. Denn niemand ist bereit, ihnen auch nur einen Millimeter nachzugeben – in nichts, in allem. Dort, wo der Besitz es ernst meint, gilt Intelligenz nichts. Also schlaumeiert sie am Ende wie andere Besitzlose auch. Das böse Wort von den ›Freigelassenen‹ trifft sie hinterrücks: die freigelassene Intelligenz fällt die Wände an, die man vorsichtshalber eingezogen hat, bevor man die Ehre kappte, ein vollständigerer Mensch zu sein.

HUNGERLEIDER

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Der Mensch, als Gerät der Armut, wird im Elend mit diesem Namen bedeckt. Es gab im deutschen Handwerk, das so vieldeutig ist, eine lange und dürre Beißzange dieses Namens. Es gibt allzu dünn geratene Suppen, zu schmale und brüchige Bausteine, Latten und Hölzer, ja sogar Schwerter und Degen, die ihrer Zerbrechlichkeit wegen als Hungerleider bezeichnet wurden. Dies gilt selbst für die schönen Altäre des Biedermeier aus Papiermaché. In Schmalkalden gibt es ein Haus, es ist kein Gefängnis, das mit sechs Fenstern übereinander bis heute im Voksmund ›das Hungerleidlein‹ genannt wird.
Die traurige Bezeichnung gewöhnlicher und zerbrechlicher Gegenstände mit diesem Namen, bis hin zu Häusern und Landschaften, unterscheidet sich deutlich von ›Hungerkleidern‹, die von den höheren Ständen seit der Zeit Karls V. am spanischen Hof und in Österreich getragen wurden, wenn Gefahren im Anzug waren oder überhaupt der gute Geschmack Bescheidenheit gebot. Ganz Wien trug während der Belagerung durch die Türken klappernde Blechstücke an Ärmeln und Hosenbeinen und ebenso bei der Beerdigung der Kaiserin Theresia. In Totentänzen führten Skelette von Hungerleidern die Päpste und Könige an, so dass Adolph von Zwirnbrück den Metzgern den Verkauf von Suppenknochen verbot, hingegen die fetten Würste von allen Steuern und Abgaben befreite. Er galt als Freidenker und die Zwirnbrückner Speckseiten lange als Bargeld, jedenfalls so lange, bis einige Bürgerinnen so umfangreich waren, dass man zwei Seitentore der Stadt, fette Hennen genannt, erweitern musste. Erst im Dreißigjährigen Krieg schwanden dergleichen Üppigkeitsgesetze, die dem Ziel einer protestantischen Aufhebung des Hungerleidens per Edikt gegolten hatten. Es ist wenig bekannt, dass die Sekte der Sociaalmaatschapisten in den Niederlanden Bismarck bewogen haben soll, in Preußen das Rentenrecht einzuführen. - PM

HUNGERLEIDEREI

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Die Hungerleiderei nach dem Unendlichen gerät ins Abseits, sobald das körperliche Hungern keine existentielle Erfahrung mehr bereitstellt. Doch so wenig Sattsein bedeutet, den Hungermechanismus überwunden zu haben, so wenig verschwindet auch der Unendlichkeitshunger. Er maskiert sich, das ist wahr, er wirkt spielerisch, dilatorisch, nostalgisch, er vermittelt auf jede erdenkliche Weise den Eindruck, dass es ›heute‹ im Ernst um andere Dinge geht, er hält sich zurück wie jemand, dessen Kräfte nicht ausreichen, um im Vordergrund, vor großem Publikum zu agieren. Belächelt zu werden, ist seine Weise zu überleben, und er würde in dieser Hinsicht weniger auf sich nehmen, wenn es ihm nicht ernst wäre, wenn er über Alternativen verfügte. Eine unsichtbare Macht drückt ihn gegen die Wand und er hält still, solange dieser für ihn fatale Augenblick anhält. Wer glaubt, ihn besiegt zu haben, täuscht sich, eine solche Macht ist unbesiegbar.

HUNGERLEITER

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Auf der Hungerleiter ist Platz für jeden, den es nach mehr dürstet. Vermutlich kommt im Leben eines jeden Menschen der Zeitpunkt, zu dem er sich sagen muss: »Es ist alles gesagt. Was noch kommt, ist Wiederholung, matter, löchriger vermutlich von Mal zu Mal. Am besten wäre es zu schweigen und anderen das Feld zu überlassen. Welches Feld? Welches Feld, frage ich Sie. Ja, ich frage Sie, da Sie gerade vor mir stehen und nicht daran denken, mir Platz zu machen. Woran denken Sie überhaupt? Mich hungert, mich dürstet nach Fortkommen und Sie stellen sich mir in den Weg. Sie glauben, ich hätte Zeit? Weniger als Sie denken. Könnte ich über Ihre Zeit verfügen, wäre ich froh und glücklich, meinetwegen dürften Sie hier stehen bleiben, bis Sie schwarz werden. Aber so ist es nicht. Mein Fortkommen ist nicht gesichert und Ihres... Schämen Sie sich nicht? Sehen Sie nicht die Hungerleiter, den Jakobsweg ins Weglose? Was sehen Sie überhaupt? Wozu wurden Ihnen zwei Augen in den Kopf gesetzt, abgesehen vom Rest, auf den es Ihnen offenbar ebenso wenig ankommt? Ankommen, ja, angekommen sein, das möchten Sie, doch ich verspreche Ihnen: Daraus wird nichts. Niemals und nimmer. Unter uns, es kommen immer neue Leute, sie wähnen, sie seien angekommen, machen Sie sich nichts vor, es sind Dummköpfe von gleichem Format wie Sie, aber immerhin, es sind Hungerleider, sie wollen erst satt werden, das haben sie Ihnen voraus. Sie hingegen glauben satt zu sein – wo hat man das jemals gehört? Wäre es an mir, Ihnen die gebührende Strafe aufzubrummen, ich ließe Sie die Hungerleiter auf- und abfahren, auf und nieder, kaum angekommen, müssten Sie umdrehen und wieder nach unten stürzen, schweißtriefend, voll Angst, unten etwas zu versäumen, wo Sie doch oben sind, hören Sie, oben! Der Oberen einer! Aber, wie gesagt, voll Angst, unten etwas zu versäumen.«

HUNGERWAHN

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Hungernde Nationen verhalten sich anders als solche, die den Hunger nicht kennen, sie hegen andere Gedanken. Das ist die unsichtbare Linie, die den Westen von seiner Vergangenheit trennt, wobei, wie die Statistiken sagen, im Kernland des Reichtums bereits wieder kräftig gehungert wird. Es gibt einen Hochmut gegenüber den eigenen Vorfahren, der sich nur mit gutem Essen erklären lässt. Diesseits der Grenze ist alles Spiel, Muskelspiel inbegriffen, Posthistoire, freies Spiel der Kräfte, Auswechselbarkeit der Führungsfiguren und das, was man im Deutschen neuerdings Governance nennt, also Verwaltung. Jenseits – die seltsamen, schwer verdaulichen Lektionen der Geschichte, die Harakirizone der Gebildeten. Zerstört wird die Grenze durch Gier und das Schnöseltum von Regierenden, die just dann anfangen, sich sicher zu fühlen, wenn sie nachdenklich werden sollten. Die Saturiertheit tötet sich, wie ein römischer Patrizier, selbst. Über den Hunger kehrt die Geschichte nach Europa zurück, sie hat ein bisserl pausiert, aber es geht schon wieder.

HYPER-ALL

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Wer ein Weltall kennt, kennt sie alle, wer einen Urknall zulässt, lässt viele zu – das ist schwer von der Hand zu weisen oder wäre es, wenn es nicht reines Analogiedenken bliebe. Das Zulassen ist eine Form des Ausgrenzens, weil das Gleichartige gleichgültig bleibt und vor allem: draußen. Das Universum ist schließlich das Universum. So dachte man über das Atom, solange man am Wort klebte und es für unteilbar hielt. Das Universum könnte sich – was? – mit anderen teilen? Undenkbar, ein Unsinn, ein wirklicher Unsinn. Das Universum ist das Universum, weil es alles umschließt, was wir zu erkennen vermögen. Aber sollte es sich um eine Sonderform handeln, in jenem Hyper-All, in dem die einzelnen Weltalls koexistieren, so könnten andere Formen so sehr von ihm differieren, dass ihre Interferenzen mit ihm unbemerkt blieben, weil ein einfaches Denkverbot sie annullierte. Man muss das All als singulär und umfassend konstruieren und kann es nicht, weil das Denken keinen Grund dafür bereitstellt außer der Magie überkommener Begriffe, die zu den gängigen Theorien passt wie ein Holzgriff zu einem Raumschiff. Das All ist All wie das Atom Atom ist. Ein Urknall für alles – das ist Monotheismus der Materie, eine Schöpfungslotterie, bei der, wer als Gewinner dasteht, schon bald als Verlierer enttarnt werden kann. – Nun, sagt A., warum sollte es in Raumschiffen keine Holzgriffe geben? Bestimmt gibt es sie, wer daran zweifelt, hat bald keinen Zweifel mehr übrig und muss zurück auf Position 12c.

HYPERBEL

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Die Herrin des Yagir, nach einer erfolglos verlaufenen Sitzung des gemeinsamen Rates der Bruderländer vor die Kamera tretend und gefragt, wie sie ihre Position gegen den Widerstand aller Kollegen behaupten wolle, zeichnet in die klirrende Luft eine ansteigende Hyperbel: »Das ist ein Lernprozess. Lernprozesse pflegen nicht linear, sondern in geometrischer Progression zu verlaufen.« Katzbuckelnd entfernt sich der Fragesteller.
Der Zuschauer, halb zusammengesunken vor seinem Bildschirm, begreift den festen Entschluss der Dame, lieber an dieser Wand aufzulaufen als zur Seite zu gehen, um den Weg fortzusetzen. Und er sinniert darüber, welcher Weg nun der rechte sei: der in den Abgrund, sofern er sich oben zeigt, oder der in den Rachen aller Lästermäuler, die immer schon wussten, dass kein Hals sich schöner dreht als ein Wendehals.