A

A
Das A drängt, so weit wir erfahren konnten, allein durch den strikten Ordnungseifer Thomas von Aquins auf die erste Stelle im Alphabet, denn niemand vermag sich bis heute auf die Regeln seiner wirklichen Reihenfolge zu besinnen. Man kann Gestirne der Sprache nicht regeln. Man bedenke, das Alphabet war einmal auf mehreren mondhaften Schlitten über den Milchbart eines höheren Gottes hinabgefahren. In süßen Strömen flossen die Buchstaben zur Namensstiftung von Sternschnuppen und anderen Hustenanfällen des Himmels nieder in die frühesten Fangnetze aller wahrhaft großen Stiftungen bis zu den Zeiten Grabbeaus.
Unsere Fangnetze, eingeölt vom Malfett der Gnome, sind den Abdrücken des Himmels zugeneigt und bilden die ersten Landkarten menschlicher Abkunft, blau wie der Himmel, rot wie die Hölle und gelb wie die asiatischen Wiesen bei Lhasa. Gestern erst lasen wir zweimal ›Taipeh‹ und ›Karma‹ und empfanden den Widerspruch aller Schuld auf Erden. Davon später, wenn die Verwirrung genügend Worte erzeugt hat.
So nahm die frühe Magie das gespreizte A als passende Staffelei zu Hilfe, auf dass man die ersten Leinwände astrologischer Darstellungen, vor tellurischen Stürmen gesichert – auch sie durchpflügen ja schließlich den breiten Himmel –, aufrichten konnte. Noch lange hat es öffentlich unter Malern Wolken von oben und unten gegeben, die als himmlische Kissen, in Wahrheit als Polster der Inspiration, auf dem edlen Gerüst dieses Buchstaben ihren Platz finden konnten. Joseph Donner von Richter galt das gespreizte Gestell sogar als Criterium primum der Würde eines jeden Malers und er verlästerte in seinem Hauptwerk gegen die Muse von Cortona die späte französische Staffelei, deren Abdrücke er im Wachs dieses Bildes gefunden haben wollte. Sie galt ihm als infantiler Besenstiel mit verschiebbarem Unterkiefer. - PM

ABENDLÄNDEREI

A
»Das ist Deutschland« – vergebliche Parole wie »Das ist die Welt«, denn beide sind schon, so angesprochen, andere: Alles, worüber gesprochen wird, liegt in der Vergangenheit, die von der aktuellen Statistik ›festgehaltene‹ Realität ebenso wie die Gedanken und Eindrücke, aus denen sich Summen formen und zu Ländern, Erdteilen und Größerem addieren, sie sind, bestenfalls, Geschichte, größtenteils bereits Schrott, Abfall, Abhub, beiseitegetragen, beiseitegeschoben, zu Haufen getürmt und unterirdisch verfüllt, in Teilen verbrannt. »Verbrannte Erde«: eine Horrorvorstellung und eine zutiefst menschliche Realität. »Ich könnte dort nicht mehr leben, wo es mir gerade noch gut ging.« Wie kann das sein? Die Verhältnisse fragen nicht danach, es ist einfach so. Auch ich bin bereits über den hinausgewachsen, der da soeben die Straße entlangging. Eine Strecke weiter, eine kleine nur, unmerklich fast und dennoch: radikal weiter, ohne Zugang zu dem, der ich gerade noch war, außer dem holprigen, löchrigen, rutschigen Pfad der Erinnerung, der kaum die Richtung hält, geschweige denn ein Versprechen.
»Aber so kann ich nicht leben« – wohl wahr, sehr richtig. Keiner kann so leben. Dazu bedarf es der Ideen, vergleichbar den vor öffentlichen Gebäuden aufgezogenen Fahnen, mit deren Hilfe Menschen sich Orientierung schaffen und, jeder für sich und alle gemeinsam, das ausbilden, was ›Welt‹ genannt wird und ebenso überzeugend als Rätsel tituliert werden könnte. Die Welt wird durch Ideen geschaffen, manche sagen ›gestiftet‹, aber das klingt altertümlich und reizt den Lachmuskel. Ideen haben, wie gewisse Wörter, ihre Zeit, sie erfüllen das Denken und verblassen auch wieder, aber sie gehören nicht der Zeit – sie besitzen keinen Zeit- oder Verfallsindex.
Töricht mutet es daher an, Menschen vorzuhalten, sie lebten im Mittelalter, während man sich selbst im Heute zuhause glaubt. Das hört sich an, als gebrauche jemand Hausrecht in der Zeit, um unliebsame Mitbewohner zu entfernen oder zu unterwerfen. Ideen sind genau dann an der Zeit, wenn (und solange) sie in den Köpfen der Leute spuken. Wer das Abendland beschwört, um seine Idee von Europa zu ›konkretisieren‹, dem kann man im Namen anderer Ideen die Hölle heiß machen, aber man kann ihn nicht zur Selbstverbrennung zwingen. Nichts anderes hieße es zu verlangen, er müsse, aus Gründen eines imaginierten Heute, seine Begriffe ›bereinigen‹. Ein solches Verlangen ist sinnlos, es ist sogar widersinnig, weil Ideen, so kämpferisch sie auch gegeneinander gestellt sind, different-gemeinsam genannt werden können. Man kann sie nicht ablehnen, ohne sie zu reproduzieren, es sei denn, jemand lehnte aus purer Ignoranz ab, was er nicht kennt.
Wer annimmt, ›Abendland‹ sei ein Kampfbegriff, der bekämpft werden sollte, weil er in der heutigen oder in dieser Welt nichts zu suchen habe, der gerät in eine seltsame Schleife, aus der er ohne Kopfschmerzen nicht entrinnen kann. Kampfbegriffe oder ›Parolen‹ sind Verdinglichungen von Ideen, dem lebendigen Denken entzogen und für reale Kampfsituationen zurechtgezimmert, weil es nur wenigen Menschen gegeben ist, gleichzeitig zu denken und zu kämpfen oder gar denkend zu kämpfen. Kein Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte, der im Gefecht steht, treibt Institutionenkunde oder leiert (eine eher redundante Form des Denkens) die Charta der Vereinten Nationen herunter. Er kennt die Parole und das genügt – manchmal auch nicht, falls er am falschen Ort mit den falschen Freunden unter falschen Prämissen kämpft.
Das Abendland existiert als Idee und es existiert in den Köpfen derer, die es denken. So einfach ist das. Wie und zu welchem Zweck es in diesen Köpfen existiert, was daraus folgt (oder wird) und was nicht, das ist niemals ganz entschieden, es ist Auslegware wie bei allen Ideen. Im übrigen hängen irgendwo alle Ideen zusammen – andernfalls lebten wir nicht in einer Welt, sondern im Feuer radikaler Vernichtungsmaschinen, die einander nichts zu sagen und nichts zu geben hätten. Ideen, die ihre Bezeichnung verdienen, bekämpft man nicht, man kämpft oder streitet um ihre Auslegung. Die schlichten sind nicht immer die schlechtesten.

ABENTEUER

A
»Lust auf...?« »Aber nur ein kleines, für das man den Klee nicht verlassen muss.« »Das soll etwas Kleines sein? Ist das nicht groß? Etwas ganz Großes, für das man sich recken und strecken und schlagen muss?« »Sie reden irre.« »Und wenn schon. Ist das kein Abenteuer? Da haben Sie Ihren Klee, er geht nicht mehr heraus. Und ginge er einmal heraus, wer wüsste schon, welcher Anwandlung er dabei folgte. Nein, warten Sie. Ich habe Klee gesehen, der seine Farbe wechselte, so fiebrig war ihm zumute. ›Kein Klee, niemals mehr Klee‹, hörte ich ihn murmeln. Er wirkte so blass, so nervös, als wollte er sagen: ›Man kann nichts machen.‹ Seither beschränke ich mich darauf, den Reinigungskräften die Fünfziger zuzuschieben. Solange sie keine Siebziger wollen, bin ich zufrieden. Nützt es nichts, so schadet es nichts. Auch so kommt man voran.«

ABGANG

A
Das Paradies der Schrecken schließt seine Pforten, es weicht zurück, den Entronnenen dämmert ein neuer Tag – nicht so strahlend, wie die Hoffnung ihn zeigte, nicht so schwarz, wie die Angst ihn auf den Grund projiziert. In solch schlichten Bildern malt sich, was Leben und Weg heißt, als Flucht in eine Zukunft, deren imaginäre Anteile mit der vergangenen Welt verschmelzen, aus deren Abgang sie stammen. Das ist bestürzend, das ist normal, das ist enorm, da es die Normen aufs Äußerste spannt und ihr Zerbrechen kalkuliert. Erst die zerbrochene Norm setzt die Norm frei, der es zu folgen gilt, obwohl das unmöglich ist und jeder Tag den Beweis dafür liefert. Der Entronnene ist nicht entronnen, er spürt den eisernen Griff, dem er sich entwinden will, er trägt ihn als Halsband, als Ohrring, als Tätowierung, er ist stolz darauf, ihn zu tragen und belauert die Haut, die sich arrangiert, statt in Aufruhr zu geraten. Er bedauert und verachtet sie, weil sie stillhält, er verachtet sich, weil er verachtet, und bedauert sich, weil er bedauert.

ABGESCHRIEBEN

A
Bitte gehen Sie nicht zum Teufel. Ich frage Sie, was wollen Sie dort? Bleiben Sie hier, wo es Ihnen gut geht. Man hat Sie abgeschrieben? Sie sind doch keine Maschine, lassen Sie sich so etwas nicht einreden. Nie, unter keinen Umständen. Sie selbst haben abgeschrieben? Ach so, das wäre dann etwas anderes. Was haben Sie denn...? So eine kleine Abschreibung wird mit Ehrverlust nicht unter... wie?... nicht unter fünf Jahren... Sie haben gar nicht abgeschrieben? Jetzt wirds kompliziert. Sie haben abschreiben lassen? Aber wie denn, wo denn? Sie wissen nicht? Sie können sich nicht erinnern? Es tut Ihnen leid? Entschuldigen Sie, das verstehe ich nicht. Also von vorn. Nein, nicht von vorn? Unter keinen Umständen von vorn? Ich muss schon sagen, Sie haben Nerven. Wenn Sie jetzt damit durch sind, wie Sie sagen, dann frage ich mich, warum Sie die Sache nicht ruhen lassen. Einfach ruhen, verstehen Sie? Wie, Sie unternehmen ja nichts? Sind Sie von Sinnen? Machen Sie was. Einer wie Sie wird nie ganz abgeschrieben. Woher ich das weiß? Sie meinen, ich hätte auch...? Was soll die Andeutung? Was bilden Sie sich eigentlich ein? Glauben Sie, weil ich mich für Sie einsetze, lasse ich mich mit Ihnen in einem Atemzug...? Nein, das tut mir jetzt leid, ich glaube, wir müssen unser Gespräch jetzt beenden. Ich hätte Ihnen gern geholfen, aber nicht um jeden Preis. Sie wissen, ich war immer Ihr Freund, diesen Affront begreife ich nicht. Sie enttäuschen mich, mein Guter, Sie enttäuschen mich. Das wird Sie teuer zu stehen kommen. Bitte, halten Sie davon, was Sie wollen, aber halten Sie mich nicht auf. Wir sind hier nicht im Exil. Das Leben geht weiter, wissen Sie, und Sie, pardon, sind der Schnee von gestern.

ABGRUND

A
Es ist nicht wahr, dass, wer auf dem Kopf geht, den Himmel als Abgrund unter sich hat. Allein die Anstrengung, auf dem Kopf zu gehen, verhindert den freien Blick in die Abgründe. Den Rest erledigt die leichte Umstellung, die im Wissen darum liegt, auf dem Kopf zu gehen: Der Himmel bleibt oben, man selbst ist tiefer gerutscht, man ist abgerutscht – that’s all. Vielleicht nicht ganz, denn wer den Himmel aus den Augen verliert, dem wird die Welt fadenscheinig oder ›halbdurchsichtig‹, um ein neutraleres Wort in einer Sache zu wählen, die keine Neutralität verstattet. Die halbdurchsichtige, in einem Nebel von Befindlichkeiten schwimmende Welt trägt den Himmel in sich, aber als Bedrängnis. Man will hinaus, wohl wissend, dass dort draußen nichts ist. Man will das da hinter sich bringen, ohne es zu verlassen. Der Schmerz ist die schützende Hülle der Weltlosigkeit, die, zu sich selbst befreit, verfliegt – ein Seelchen ohne Zentrum, ohne Zusammenhalt, ohne Kontur, ohne... ja was denn? Ohne ›Fühligkeit‹, den Wetterlagen entronnen, in denen dergleichen sich herstellt.

ABLEBEN

A
Neben dem gewöhnlichen Ableben oder Verscheiden tritt das aktiv betriebene Ableben weniger klar in Erscheinung. Nicht ohne Grund, denn es meint nicht, dass einer sein Leben so oder so herunterlebt – vom berüchtigten Abreißen ganz zu schweigen –, sondern jenes Schattenhandeln des Lebensgefährten, das auf ein Leben nach dem Tode des Partners ausgerichtet ist, ihn zwar nicht aktiv herbeiführt, aber in einer Art Vorab-Gestorbensein bereits kassiert und konsumiert. Wie das zugehen soll? Die Frage an sich klingt heuchlerisch oder naiv, sie setzt einen Menschen mit sehr geringer Lebenserfahrung voraus oder eine entsprechende Praxis, die notgedrungen vieles verschleiert, auch vor sich selbst – was nicht so sehr erstaunt, da es für viele ökonomische Praktiken gilt. Vielleicht verschleiern Praktiken generell mehr, als sie zeigen, vielleicht sind sie mehr oder weniger auf das Ableben eines Anderen ausgerichtet, jedenfalls hat der Lebenswille der meisten Menschen etwas Todbringendes. Am deutlichsten zeigt sich das in der Politik. Hier ist der wahre Tummelplatz der Ableber: Abzulebende und Ablebende sind identisch, sie fügen einander zu, was sie erwarten. Doch bleibt ein Hoffnungsschimmer für jeden, solange politische und biologische Existenz auseinander klaffen. Im Privaten ist das anders. Wo immer abgelebt wird, ist Politik im Spiel, große Politik wohlgemerkt, die sich in kleiner Münze ausgibt, also nicht in Haupt‑ und Staatsaktionen, sondern in Ansprüchen, deren Begründung jenseits der kleinen Person liegt, die sie in ihren Praktiken formuliert. Wer eine schöne Rente erwartet, der sieht manches gelassener. Seine Steuerungskapazität – wunderbares Wort! – ist anders gefordert als die eines Menschen, der den anderen lebend braucht. Es existieren Renten im Gehirn, die von keiner Kasse ausgezahlt werden können, Bezüge an Status, Bewegungsfreiheit und ‑lust, ja Prestige, gegen die kein lebender Organismus ankommt, selbst der scheinbar gesunde.

ABNAHME

A
Wann immer dich der Schlund verschlang und, nach gehöriger Zeit, wieder freigab, gingst du als weniger aus ihm hervor: du merkst es nicht gleich, weil du dich erst einmal wichtiger nimmst, aber mit der Zeit ist hier kein Zweifel möglich. Du wirst weniger, du nimmst ab, du achtest den Rest, aber nicht zu sehr, du siehst die Schlangenhaut und ahnst, dass du sie abstreifen wirst. Nein, du ahnst, dass du selbst die Schlangenhaut bist, die abgestreift werden wird. Das beunruhigt, aber es lullt auch ein. Kaum einer bemüht gleich das Universum, wenn er die Instanz ermitteln will, die ihn loswerden möchte, den meisten genügt schon der Nachbar oder die nahe Verwandtschaft. Glücklich die Naturgläubigen, die darauf bauen, dass die Erde sich häutet, sie hoffen darauf, dass sie einen guten Dünger geben und sterben gern, wenn es den Artenschwund aufhält. Andere tun sich da naturgemäß schwerer. Merkwürdiger Ausdruck: sich schwer tun. Das ist, als gäbe man heimlich etwas hinein. Dabei nimmt man sich nur weniger als andere heraus. Das Ende ist leer.

ABSCHAUM

A
Offenbar kann Gesellschaft nicht auf Dauer existieren, ohne sich auf irgendeine Art des Abschaums – z. B. im Sexuellen – geeinigt zu haben. Die Bilder wechseln, ebenso die Methoden des Aussonderns und der Übertreibung, ebenso die Formen des Durcheinander­schüttelns und ‑rüttelns, ebenso die Praktiken der Benennung und des Aussparens, der aussparenden Benennung und der benennenden Aussparung. Was bleibt, ist der ewige Pranger, das Erzeugen der Meute, die Gier nach Bezichtigung, die Stunde der Leute, die sich ›genau erinnern‹, das zwielichtige ›Geradestehen‹ von Menschen, die zufällig gerade da stehen, wo sie stehen, schließlich die Arbeit für Polizei und Justiz, die dem allem nachgehen und es wieder in die nicht ganz unvertraute Proportion zurückbringen müssen. Die liberale Gesellschaft ist liberal gegen ihre Kaprizen, solange sie stürmt, geht man ihr besser aus dem Weg. Die Wogen gehen hoch, wenn ein Zeitgeist einen gewesenen hetzt oder am besten gleich aufknüpft. Der nächste steht ihm schon in den Hacken und lernt seine Lektion: er wird sie nützen, wenn die Zeit gekommen ist.

ADORNO

A
Winkelschriften sollte man lesen, solange es Winkel gibt, also immer. In einem entfernten Winkel der philosophischen Welt, fernab von den gelehrten Strömen, auf denen die denkerische Fracht des Jahrhunderts in riesigen Kähnen abwärts dem Meer der allgemeinen Verwertbarkeit zugeführt wird, ruht dieses Werk, das seinerzeit zu den aufregendsten zählte und seither Gelegenheit fand, auch die Gelassenheit kennenzulernen und in sich einzulassen. Ein dekapitiertes Corpus, wenn man so will, denn seine Hauptsache war der Zeitgeist selbst, und der Verräter, der mit ihm auf und davon ging, wusste wohl, welche Folgen seine Tat zeitigen würde. Ein paar Blumen, jahreszeitlich erneuert, schmücken das Grab des Entsorgten, und einige unsterbliche Seiten, keiner weiß sie zu deuten, wie es der Meister gewollt, zieren die Stätte zur Linken wie zur Rechten. Hier herrschen Popeia und selige Eintracht, nur lebendig soll nicht mehr werden, was da vergraben wurde. Man hat dem Meister Melancholie attestiert, als sei das ein Tadel. Was sicher stimmt, aber nur dann, wenn man hinzunimmt, dass er sich unmittelbar gegen den Tadelnden wendet und ihn richtet. Man nimmt dem Verblichenen übel, dass er die Verzweiflung kennen gelernt und herausgelassen hat; das Herauslassen des Eiters, an dem sich die anderen langsam selbst vergiftet haben und nun zugrunde gehen, könnte immerhin als die unkonventionelle Schönheit durchgehen, der dieser Ästhet anhing und von der er einen seltsam unvollständigen Begriff besaß – zum Schaden seines Werks, das just an der Stelle zur Unform anschwoll und kein Ende fand. Zum Ruhme des Autors hingegen sei es gesagt: er kam mit der Kunst nicht zu Rande und zu keinem Ende – das scheidet ihn dauerhaft von den auf Kritik abonnierten Banausen, die ihn beerbten.

ÄRGER

A
All diese Leute, sagt G., sind durch eine Phase des Verhaftetseins hindurchgegangen, die es ihnen nicht erlaubt hat, ihr Wort zu sagen. Sie waren gebannt durch ein Ich-weiß-nicht-was, das sich ihnen in immer neuer Form darbot, aber als Tendenz konsumiert wurde, als unaufhaltsamer Zug in der Zeit, ein Zug, nicht der Zeit selbst, sondern, wie soll ich es ausdrücken, eines Denkens, einer Sprech- und Machweise, hinter die man nicht zurückfallen durfte. Und das, obwohl man gegen jede einzelne Form, ja praktisch gegen jedes Detail sofort Vorbehalte hätte geltend machen können. Man tat es ja auch, und diese Vorbehalte wurden aufgenommen, sie wurden ein Bestandteil der Maschinerie, die alle vorwärtsstieß und ihnen das Gefühl gab, trotz allem aufgehoben und dabei zu sein. Nun, da sie gereift sind, ist die Verbindung gebrochen und sie gestehen sich ein, dass sie ein Leben lang gefoppt wurden und, was mehr bedeutet, sich selber foppten. Sie waren nie gemeint und sie haben ihre Aufgabe versäumt. Manchmal überfällt sie das Gefühl, auf einer Bühne zu stehen. Sie wissen nicht, welches Stück gerade gegeben wird und lungern im Grunde nur herum, weil sie schon bisher keine Rolle spielten und deshalb auch keinen geregelten Abgang bekommen. Sie breiten die Arme aus und fallen jungen Schauspielern ins Wort, die ihr Bestes geben und es schon gewöhnt sind, sich im Gedränge zu behaupten. Keiner will Ärger, das ist das Ärgste und kränkt am meisten.

ÄRGERNIS

A
Mit der Abschaffung des Greisenalters als fester sozialer Größe – keine wirkliche Abschaffung, sondern eine der üblichen Überblendungen – diffundiert auch die Figur des unwürdigen Greises, man könnte sagen, sie taucht unter in der Masse all derer, die sich ohne Sinn und Verstand die seltsamsten Blößen geben, als hätten sie es vorsätzlich darauf angelegt, mit Hilfe kleiner und großer Intrigen aus allen Verhältnissen herausgeschossen zu werden, in denen sie sich eingenistet haben, weil man sich ihrer anders nicht zu entledigen wüsste. Aber das ist nur die eine Seite der Sache. Der Wahn, mitten im Leben zu stehen, entsteht ja nicht zwingend in diesen Personen selbst, er fliegt ihnen aus der Gesellschaft zu, er ist auferlegt und sie tragen ihn um den Hals wie ein Elefantengeschirr, das blankpoliert ihr Elend verhöhnt. Für die etwas Jüngeren, die nicht so genau hinsehen wollen, mag darin eine Beruhigung stecken: Es geht doch, weiter geht’s, aber sicher, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Nur die Konkurrenz mit den Alten wünschen sie zu gewinnen, darauf bestehen sie und fühlen sich ungewöhnlich vital. Der banale Widerspruch, der darin liegt, ist den wenigsten merklich: eine sonderbare Taubheit flüstert den meisten zu, was geht und was ›wirklich‹ nicht geht. Die Alten sind, alles in allem, folgsam, wenn sie ein Ärgernis geben. Das macht den Umgang mit ihnen nicht leichter.

ALLTAGSTRAUMA

A
Wörter gibt es, die haben gesellschaftlichen Biss – jeder kennt sie, jeder benützt sie (oder spürt den Drang, sie zu benützen), jeder beutet sie, auf seine individuell-vertrackte Weise, aus, als handle es sich um eine Goldmine mit öffentlichem Zugang, an der man sich nach Lust und Laune bedienen darf. Solche Wörter, häufig der Wissenschaftssprache entschlüpft, besitzen, sobald sie im öffentlichen Raum auftauchen, die Aura des Maßlosen, die Menschen erzittern unter ihnen wie unter einem Keulenschlag: Soviel Unheil, das man schon kannte, und nun das! Musste das sein? (Die Frage ist insofern kompromittierend, als sie Glaubensprobleme aufwirft und den nicht wegzuschaffenden Prozentsatz Ungläubiger ausweist, die jeder öffentlichen Erregung per se misstrauen.) Natürlich musste es sein. Dem Maßlosen musste, aus Absorptionsgründen, ein Maß gegeben, es musste klassifizier- und beschreib- und vor allem therapierbar werden. Auch dieser Erfahrungssprengsatz wurde einmal Erfahrung. Damit gehört er zur Menschheit und sie darf sehen, wie sie damit zurechtkommt. Es kommt die Zeit, da will jeder daran teilhaben wie an einem Familienschatz, das Schreckliche selbst bildet einen Bodensatz an Gewöhnlichkeit, der gewöhnliche Mensch darf alles schrecklich finden, schrecklich gewöhnlich, wie er nun einmal ist, findet er immer Abnehmer für seine Visionen, und sollte die Phantasie einmal nicht zureichen, so findet er leicht einen Therapeuten. – Auf solche Weise fügt sich auch das Trauma ins Selbstbild der medial Gebildeten ein, als sei es ganz normal, dergleichen aufzuweisen, normaler jedenfalls als ein elfter Zeh oder eine Eins in Mathematik. Ein Trauma findet sich immer, schließlich hat es einmal den Ödipuskomplex beerbt und trägt mit Anstand an seiner Bürde. Alles Schreckliche kehrt im Kleinsten wieder, das darum auch das Gemeinste genannt wird. Als ›Alltagstrauma‹ bezeichnen Experten dies wunderbare Phänomen, schließlich wollen sie den Menschen ihre Selbstbeschreibung nicht nehmen, sondern sie nur veredeln. Wo jeder schon weiß, was er verdrängt, ist schärferes Geschütz vonnöten, ein bisschen Bohren rechtfertigt keinen Arztbesuch, hier muss gezogen werden. Erst das gezogene Trauma erzeugt die Anwesenheit der Abwesenheit der Anwesenheit, in der sich die ganz persönliche Leere vollendet, als Offenbarung. Ein Deutungsmuster, ganz recht, ein bewährtes dazu – kein Grund, das zu verschweigen. Am Quell deiner Leiden sitzt ein Frosch, geh hin und erlöse ihn.

ALPHAZET

A
Man darf das Etzeterarische der Grundbegriffe nicht willkürlich übertreiben, doch man darf es auch nicht verkleinern. Sie werden nachgeliefert, daran besteht kein Zweifel. Niemand beginnt mit ihnen, wo käme er denn da hin? Grundbegriffe führen nirgendwohin, wer auf dumme Gedanken kommt, kann ihnen nachgehen, aber nur vage, auf unbestimmte Zeit, man fängt sich leicht den Spott der Leute dabei. Eher gehen sie einem nach, in ihrer eigenen Ordnung und in ihrem eigenen Rhythmus. Doch keiner sollte darauf vertrauen, dass sie schon nachkommen, man kann sich da arg täuschen und manchem bläst es die Ausrüstung weg, ohne dass auf Ersatz zu hoffen wäre. Viele halten es mit der Ansicht, Grundbegriffe seien einfache Begriffe, aus denen sich die anderen dann zusammensetzen. Das ist keine Täuschung, das ist eine Dummheit. Grundbegriffe sind, wie ihre Bezeichnung, zusammengesetzte Begriffe, jeder von ihnen enthält das volle Alphazet, aber in der Nussschale. Man blickt auf sie wie auf die Steine auf dem Grunde des Wassers, die Gedanken fließen darüber weg und sie liegen ruhig auf ihrem Platz, aber das scheint nur so. Auch sie wandern, wie der Dichter schreibt, mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und in unterschiedliche Richtung, und nicht nur am Grunde der Moldau, das ist ganz normal. Man erkennt sie zwischen den anderen, im Verbund. Allein, auf dem Trockenen, geben sie nichts her. Sinnsucher, die barfuß auf ihnen zu laufen versuchen, empfinden sie leicht als spitz und versuchen, rasch wieder Land zu gewinnen. Was nicht so leicht ist! Aber was ist schon leicht. Ein Leichtsinn vielleicht, er ist schon weg.

ALPHAZETISMUS

A
Es gibt kein Alphazet, außer man schreibt es. Der Alphazetismus besteht darin, einen Gedanken, den man lange gedacht hat, zu ergreifen, sobald er sich flügge zeigt, als eine Geste der Erschließung all dessen, was Menschen mangels überzeugenderer Konzepte niemals aufhören werden, als wirklich zu bezeichnen. Ins Gehege des Alphabets findet die Wirklichkeit kaum anders hinein als eine Daphne in den Lorbeer – rasch, aus einer gewissen Atemlosigkeit heraus, im Sich-Umwenden, im Entgleiten der Bewegung, die eben noch alles beherrschte und jetzt den Körper in Wellen verlässt, die den Betrachter wie Windgekräusel anmuten. Das Alphazet will betrachtet werden. Bereits darin liegt ein Alphazetismus, ein Unwille, sich zu bedienen und bedienen zu lassen, ein Verweilen, das darüber hinausgeht und still steht, jedenfalls der Tendenz nach. Denn der wirkliche Stillstand ist auch der Stillstand des Wirklichen, seine Auflösung in etwas, das sich dem Leben entzieht, eine fürchterliche Windstille, in der ein Blumentopf auf die Straße fällt, bloß damit etwas passiert. Etwas passiert immer, im Alphazet liefert es einer anderen Gangart, einer anderen Passierweise das Geländer, an dem sie das bisschen Halt findet, dessen sie bedarf.

ANALPHABETEN

A
Wer sich informieren will, geht nicht ins Kino. Man kann diesen Satz auch umdrehen: wer ins Kino geht, will sich nicht informieren. Aber wer spricht vom Kino. Die visuelle Zunft hält die Leute im Griff, weil Sehen und Wissen, Wissen und Handeln so entsetzlich auseinander klaffen. Doch kein Griff hält ewig. Die Menschen merken bei alledem, was sie angeht, es fließt, wie alles Bemerkte, in ihre Wahrnehmung ein und gibt ihr langsam, mäandernd eine andere Richtung. Die allzu smarten Regenten des Medienzeitalters, vollgesogen mit Bildern der von ihnen gefütterten Fernsehanstalten, haben gute Chancen, als die letzten Analphabeten in die Geschichte der menschlichen Saurier einzugehen.

ANALPHAZET

A
Das Analphazet wäre das Alphazet noch einmal, aber rückwärts, doch da diese Vorstellung unbefriedigend bleibt, entspricht jedem Artikel des Alphazet ein zweiter, unter einem anderen Stichwort, als Gegenstück, das die Information enthält, die dem Leser gerade abgeht. Das wurde so eingerichtet, weil Information von Haus aus paradox ist und nur Leute anspricht, die schon informiert sind. So ruft ein Gedanke Aha!, wenn ein weit entfernter gemeint ist. Der entfernte muss also gefunden werden, aber keine Suche bringt ihn dem Suchenden näher.

ANGST

A
Das ängstliche Angekettetsein der Philosophen erweist sich, aus der Nähe besehen, als leerer Schein. Er ist zweifellos ihr größter Trick. Sie werfen ihn in die Luft und fangen ihn mit dem bloßen Munde auf. Entfesselungskünstler, die sie sind, reizen sie mit ihm das Problem. Je enger er am Körper geführt wird, desto sicherer winkt der Beifall des sachkundigen Publikums. Keiner macht sich Gedanken darüber, dass so ein leerer Schein lebt – anders als das rote Tuch der Toreros. Man behandelt ihn, als sei er so gut wie tot, also schlecht. Dabei hat er Geschwister, allen voran den vollen Schein, den die Winzer lieben und die Eigenbrötler des Denkens vorsichtig umgehen, als neide er ihnen ihr Asseldasein. Man sollte wissen, dass beide, der leere Schein und der volle, miteinander in einer weitgehend unenträtselten Verbindung stehen, die niemals abreißt und vermutlich auch im Tod nicht erlischt. Das Hervorgehen der Theorie aus der Selbstverhedderung des philosophischen Gedankens ist das Leben des leeren Scheins. Solange sein Auftritt währt, vergnügt sich der volle Schein im Schatten der Versorgungsfahrzeuge, wo die Probleme auf Abruf lagern. Manchmal tritt er in die Sonne, ruft lässig ein Taxi herbei und entschwindet gen Westen. Das ist die Stunde der wirklichen Angst. Matter werden die Griffe der Denker und hektischer, das Publikum fragt sich, ob der Problemdruck, der auf den entferntesten Sitzen spürbar ist, sie alle in einer gewaltigen Explosion hinwegfegen wird. Die Veranstalter gehen im Geist die Sicherheitsvorkehrungen durch und überschlagen die Einnahmen. Entweder sind sie tot oder sie werden es binnen kurzem sein.

ANGSTHABEN

A
Angst gehört, auch wenn das nicht immer deutlich wird, zur Klasse der undeutlichen Besitzgegenstände (indiscretae). Angst hat einer, sofern sie ihn hat. Die Sprache ist in diesem Fall merkwürdig, man ›hat‹ Angst, aber man ›hat‹ nicht Liebe, sondern man liebt. ›Liebe haben‹ bedeutet die Fähigkeit, lieben zu können, die analoge Aussage verbietet sich praktisch von selbst. Ängstlich sein bedeutet nicht, Angst haben zu können, sondern sie an der falschen Stelle zu haben, vorne links zum Beispiel, wo sie nicht hingehört, wo, im Gegenteil, des Lebens Pulse schlagen oder schlagen sollten. Auch hier führt die Liebes-Analogie in die Irre, denn lieblich sein bedeutet gerade nicht, an der falschen Stelle zu lieben, sondern zur Liebe zu verführen – nicht aktiv, durch ergriffene Mittel, sondern von innen heraus, durchs bloße Dasein, nichts weiter. Wer hingegen zur Angst verführt, ist ein Angstmacher, das besagt alles. »Du solltest mir besser keine Angst machen«, sagt das Märchen-Kind zum Märchen-Drachen. Darin liegt eine Drohung, die dem Drachen, in dem ein Angsthase schlummert, unmittelbar eingeht. Dabei kann, was Angst einflößt, völlig unbeteiligt dahinplätschern. Unbeteiligt am Einzelnen zum Beispiel geht das Universum seinen Gang. Das scheint bloß so, aber es ist die Wahrheit, und sie ruft Angst hervor. »Stirb nicht, liebes Universum«, murmelt das sterbliche, das allzu sterbliche Menschenwesen, »stirb nicht, jedenfalls nicht jetzt, wo alles so schön ist!« Und es richtet sich auf zu seiner vollen Größe und schwingt die Fäuste gegen die bösen Mitwesen, die das schöne, schaurige, allzu sterbliche Universum durch ihre bloße Überzahl und ihr ekelhaftes Glücksbegehren in echte Bedrängnis bringen. Wenigstens aufpassen sollten sie, dass ihm nichts passiert, dafür lohnt sich’s zu kämpfen. Die Welt so klein und das Verlangen so groß – wie passt das zusammen? Niemals und nirgends. Dieses Missverhältnis, nun, findet in der Angst seinen Ausdruck. Zur Kunst erhoben, hängt sie in den Museen, füllt die Bibliotheken, rauscht in Form elektronischer Klänge durch die Weiten der Milchstraße. Wer weise ist, bekämpft die Angst nicht, sondern verwandelt sie in Überschuss. So muss er keine Angst haben, dass sie zurückkommt, im Gegenteil, er darf sich ihrer erfreuen, sobald es ihn anwandelt. Wer die Pulks aus älteren Mitbürgerinnen sieht, wie sie mit ihren Klapphockern durch die Museen ziehen, eine erklärungswütige Plaudertasche vorneweg, der weiß Bescheid. Sie wollen die Angst sehen, aber nicht deutlich, scharf, klar, sondern blinzelnd, plaudernd, nebenher und unterwegs. Seit die Bildung die Bilder vergessen hat, gehören sie ihnen. Vielleicht gehörten sie ihnen immer und die Kenner, die sich dazwischen drängten, waren nichts als verkappte Hüter einer tyrannischen Ordnung, die den Auftrag bekommen hatten, sie abzudrängen. Heute, da die Museen, abseits der großen Ausstellungen, auf ihre anthropologische Funktion beschränkt sind, haben sie freie Bahn. Man versteht unmittelbar, dass sie hier zu Hause sind, man merkt es an Stimme und Gang.

ANNAHME

A
»Angenommen also...« – Was ist das überhaupt, eine Annahme? Doch wohl die Entgegennahme eines adressierten Gegenstandes, einer ›Sendung‹. Aber nicht irgendeine Entgegennahme, bewahre, vielmehr eine, die rechtmäßig erfolgt oder unrechtmäßig, also eine, die durch Recht und Gesetz geregelt ist... Das sind ein wenig viel Annahmen für so eine kleine Annahme, die leicht durch die Maschen schlüpft und mit unterläuft, wie man sagt. Angenommen also, es fände sich ein Briefträger und er hätte recht mit der Annahme, den rechtmäßigen Abnehmer seiner Sendung vor sich zu haben, und die Annahme erfolgte nach Recht und Gesetz: angenommen, es handle sich, alles in allem, um eine formal korrekte Annahme, so könnte man sich ja bequem über die Inhalte beugen und darüber die Kautelen des Empfangens vergessen. Aha! Man muss also vergessen, um zu begreifen, worum es in der Sendung geht. Aber angenommen, man kann nicht vergessen...? Wer kann denn glauben, er begreife im Ernst den Sinn der Sendung, wenn er bereits vergisst, woher sie kommt? Wenn er es auch nur einen Augenblick lang vergisst? Aber warum ist es denn nicht gleichgültig, woher die Sendung kommt? Wenn sie zum Beispiel eins meiner Kinder in meiner Abwesenheit erbricht, wäre sie dann nicht mehr dieselbe? Man bedenke auch den Fall, die Annahme erfolge unrechtmäßig, dafür in einem höheren Sinne rechtmäßig: alsbald steht Sinngemäßheit gegen Buchstabentreue, Begreifen gegen Begriff, der wahre Empfänger gegen den supponierten – da tauchen also neue Annahmen auf, man kann nicht einmal sagen, am Rande des Blickfelds, sondern buchstäblich dahinter, dahinter... Das muss man sich einmal vorstellen. »Was sagen Sie? Eine Annahme wäre eine Supposition? Eine Unterstellung? Moment mal. Wer unterstellt hier wem was? Ich Ihnen? Wie kommen Sie dazu, so etwas... Schauen Sie doch unter sich. Da ist doch gar kein Platz. Und überhaupt: ich kenne Sie nicht. Ein Untergestell, das könnten Sie brauchen, ich sehe jetzt Ihr Problem. Aber ist es meines? Sagen Sie mir das eine: ist es meines? Ich nehme an, was ich will, damit entferne ich mich von Ihnen beträchtlich. Lassen Sie mich ausreden. Ich nehme an, was man mir eingibt. Oder auch nicht. Nicht jede Eingabe zählt, wenn Sie verstehen... Manche sind dringlich, die lege ich beiseite, für später. Es hat keine Eile.«

ANÖDE

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»Streck deine Füße, die Langsamkeit fliegt uns voran«: ein Jubelwort aus der Litanei der Anöde, der Zuflucht aller, die, mit Helmen und Lanzen bewaffnet, im Kampf mit den Windmühlen erlagen und nun ein sicheres Plätzchen wittern. Da sitzen sie, rundum gepolstert wie Armlehnen und hören einander zu, während sie ihre Wunden versorgen. Die alte Versorgungsmentalität beherrscht sie noch immer. Und warum alt? Wunden müssen versorgt werden, zu allen Zeiten, immer. Von daher, wie mein Vertreter sagt... Die Wunden bluten ja, sie tropfen den schönen Kirschboden voll, auf dem jedes Sandkorn knirscht, als sei es ein großer. Ein Großer? Ein großer was? Ein Brocken, sage ich Ihnen. Diese da waren Kämpfernaturen, sie haben Anstoß genommen, wie es ihrer Natur entsprach, ihrem Naturell, sozusagen. Sie hatten wohl etwas zu sagen und sagten es laut und vernehmlich, mehrfach, in einem fort. Nun ist es fort und kommt nicht zurück. Sehen Sie den Horizont? Der lange schwarze Strich, da steht es, äugt herüber und bewegt sich nicht mehr. Vielleicht äugt es auch nicht, sondern blickt unverwandt in die Zukunft.

ANPASSUNGSKRISE

A
Die Krise, ungleichzeitig wie stets, überkommt den, der sich in Sicherheit weiß, der sich in sie gerettet hat – mit einem Sprung, einer letzten verzweifelten Anstrengung, einem leichten Heben des linken Zehs, unmerklich für die Umgebung, mit was auch immer. Sie überfällt ihn hinterrücks; je größer die Anstrengung des Entrinnens, desto vehementer der Aufprall. Angekommen und nicht angekommen zugleich, weiß er weder, wie ihm geschieht, noch, was von ihm verlangt wird. Vor allem letzteres beunruhigt ihn sehr. Er möchte sich gern erkenntlich zeigen für die neu erworbene Sekurität, leider enthält sie die größte Täuschung. ›Aber ich bin doch dankbar‹, ruft, nein, intoniert er in allen Tonlagen, vergebens. Es hört ihn auch keiner, denn äußerlich bleibt er stumm.

ANSCHLUSSFÄHIGKEIT

A
Die Hasenfüßigkeit macht vor den Toren der Wissenschaft nicht Halt, sie schlüpft vielmehr mit der ihr eigenen Behendigkeit unmittelbar hinein. Ihre ersten Opfer sind die Helden des Alltags, die davon träumen, einmal im Leben einen Trend zu inaugurieren. Man muss die herrschenden Trends stark empfinden, um diesen Wunsch zu hegen, das heißt, man muss den beherrschenden Anspruch, der von den Inaugurationstexten ausgeht, in einem Maß respektieren, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert, dass der tief gehegte Wunsch in Erfüllung geht. Es sind tüchtige Arbeiter, gut konditioniert, sie wollen die Verhältnisse ändern, zumindest in ihrer Disziplin, sie wollen dazu beitragen, dass sich etwas bewegt. Sie haben ein starkes Ego, ihre Auftritte sind durchdacht, sie verlangen, dass man ihnen zuhört, aber im Entscheidenden zeigen sie sich taub und richtungslos. Es ist nicht die Zeit für das, was zu sagen bliebe – den Rest, den sie sich nur über das entschiedene Urteil aneignen könnten, das sie sich versagen. Die Urteilsabstinenz ist über sie verhängt und manche tragen ihr Los mit Grazie. Was für Leute wie sie ›ganz normal‹ ist, drückt Standorte, an denen ein solches Verhalten endemisch wird, in die Zweitklassigkeit oder in die Bedeutungslosigkeit. Das Spiel machen andere. Da hilft kein Förderwille

ANSEHEN

A
Es ist, unter Menschen, nicht schlecht, ein gewisses Ansehen zu genießen, was nicht heißen muss: ein gutes. Das Ansehen unterscheidet Völker wie Menschen, es schert sich wenig um Staatsgrenzen und Bevölkerungsmix. Zum Beispiel haben die Deutschen stark unter ihrem Ansehensverlust gelitten und sind erleichert, etwas davon wieder ihr eigen zu nennen. Sie bauen, mit einem Augenzwinkern wird es gesagt, ›fine cars‹. Leider schmeckt das Eigenlob verdächtig nach jenem Aber die Autobahnen, mit dem einst der geistig-moralische Wiederaufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Und ein gewisser Zusammenhang ist schwer zu leugnen. Eine Industrie, von der die Hälfte der Bewohner eines Landes abhängig ist, muss etwas Ungemeines besitzen. Sie birgt den Tempel und vielleicht auch die Bundeslade, um die das geheime Leben aller zirkuliert. Aus dem Ansehensverlust der Kultur haben forschere Zeitgenossen geschlossen, dass sie nichts wert sei – ein klassischer Fehlschluss, der mühsam die Einsicht verdecken half, dass die anderen sich ein paar Jahre lang von denen da nicht über die heikelsten und bedeutsamsten Elemente des Menschseins belehren lassen wollten. Die Kultur hatte das da nicht verhindert, wozu sollte sie gut sein? Vielleicht war das da sogar aus ihr herausgekrochen, so dass man mit Fug sagen konnte, sie habe sich in ihm entpuppt? Ein Hauch von Krieg gegen das eigene Herkommen liegt über den Jahrzehnten nach ’45, ein zeit- und objektversetzter Widerstand gegen wehrlose Klassiker, von toten Lebenden gegen lebendige Tote geführt, als gelte es, eine bereits von den Vorgängern demolierte Sache gemeinsam mit den Alltagszeugnissen der Schande zu verscharren. So sind die Deutschen in dem, was sie ihren Lernprozess nennen, erneut die Barbaren Europas geworden – fleißige Lieschen ohne Alltagskultur, mit viel Kunst und Events, ohne eine nennenswerte Literatur, ohne eine nennenswerte Philosophie, ohne nennenswerte Humanwissenschaften, sogar ohne ein Bewusstsein, etwas verloren zu haben. Auch hier glauben sie sich, nach einer langen, frenetischen, blutigen und sterilen Stunde Null, endlich angekommen, endlich des Makels ledig, etwas Besonderes zu sein. Ein Irrtum? Nein, kein Irrtum, ein Grobianismus.

ANTICHRIST

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Das ist der von einem nicht mehr personifizierbaren Gott-Teufel künstlich geschaffene Gegenbruder Christi zum Schutze all derer, die Jesus den Nazaräer verstoßen haben. Jene und ER gelten als antispirituelle Zerstörer der klassischen Feste im Kirchenjahr und überhaupt im weiteren Sinne als Verwirrer der Kathedralen der Seelen. Man findet IHN und seine Anhänger mit schwarzen, übergroß nachgeahmten Priesterkappen, Pantoffeln und Stolen auf Glasfenstern und Wandgemälden, vornehmlich der Tempi sancti, innerhalb mediterraner Orte, etwa auf jenem Bild vom Umbau Jerusalems zur Schädelstätte durch Al Chumä den Lästerer. Von hier aus fuhr dieser, als Begleiter des Antichristen, sehr häufig, wie von französischen Kreuzrittern bei ihren Prozessen bezeugt, nach Westen in gewisse Seelen phantastischer Prägung. Voller Wut behauptete Ernst Hello, dieser niedere Knecht sei jeden Tag »voller Schmutz an den Stiefeln« in die Köpfe der französischen Dichter gefahren. Lautréamont war sich jedoch der köstlichen Gestalt des Inspiration durchaus bewusst und erwähnt Al Chumä in Briefen als den humoristischen Überbringer aller Aufträge des Antichristen, deren Purifikation ihn allerdings immer viel Zeit gekostet habe. »Meine Gesänge Maldorors wären fünfmal länger geworden, hätte Al Chumä nicht soviel geschwätzt. Manchmal sprach er sogar von den unterschiedlichen Marktpreisen für Brennholz auf den verschiedenen Plätzen von Paris oder selbst von Grenoble.« Man kennt zahlreiche Rezepte einer fleischlichen Wiedererweckung des Antichrist nach 1789 bei Gegenaufklärern und Satanisten in Frankreich durch Pottasche und tierischen Leim, Weihwasser und Quecksilber. In Barcelona zeigte man bis in die Neuzeit seine Mumie, vom Speer eines Glaubensritters der ›vier Gelübde der Cavalleria andante‹ durchbohrt. Er wurde dort Don Spirito Diavolo contra Jesum genannt und auf Verlangen nach Beiwohnung einer frommen Messe gezeigt. Er war mehrere Meter lang und weiß wie Kreide, überhaupt vielleicht eine Gipsfigur aus den Händen eines frommen oder besessenen Künstlers. Er lag in einem Gefäß aus Kupfer und wurde gerollt wie eine Tonne, wenn er sich offenbaren sollte.
Dehio fand ihn aber schon 1903 nicht mehr an der bekannten Stelle und vermutete seine Abschaffung durch den frommen Erzbischof Trivolo Maria sul davantorre del Christobal di Alicante. In einem tieferen Sinne ist der Antichrist eine Hoheitsgestalt der älteren Wissenschaften, die sich bewusst oder unbewusst auf ihn berufen. Dreimal sei das Haupt, umflossen von den Primzahlen, zur Wurzel Jesse gelangt und so zur Mutter aller Zahlen geworden. Dies lehrte man noch für gebildete Berggänger unter den Goldsuchern der Solothurner Bergakademie zu den Zeiten Lavaters. Von dieser magischen Dreierreihe gingen hypnotische Kräfte aus, die Kranke heilten und Schlaflose müde machten.
Eine neuere Forschung durch die freie religiöse Phantasie gibt es leider bis heute nicht. - PM

ANTWORTEN

A
Wo immer einer hinkommt, wollen die Menschen wissen, wie es weitergeht. »Die Menschheit hat ein Recht auf klare Antworten.« So las man es gestern, so liest man es heute. Die Menschheit, das sind die Leute, denen das Fernsehen das kleine Einmaleins beibringt, bevor es sie mit ein paar Kindergeschichten zu Bett bringt. Dazu kommen jene Unverdrossenen, die sich aus dem öffentlichen Medium nichts machen und stattdessen zu Vorträgen laufen, wo sie hinterher mit dem Autor diskutieren oder sich ein Autogramm abholen wollen. Jeder, der sie kennt, weiß, dass nichts weniger sie befriedigt als klare Antworten. Sie lieben es, ihre Vordenker in die Klemme zu bringen. Die Menschheit weiß in einem Ausmaß Bescheid, das denen, die ihr etwas bieten möchten, mehr Stoff zum Nachdenken böte, als sie verkraften könnten. Nein, die Menschen wollen keine klaren Antworten. Sie wollen auch nicht belogen oder betrogen werden, jedenfalls nur nach dem Maß dessen, was sie sich selbst zumuten. Sie wollen... alles Mögliche, und es wäre immerhin möglich, dass sie beim Zuhören auf ihre Kosten kommen. Manche wollen sich etwas dabei denken, wenn andere reden, im Hinterstübchen, dort, wohin sie niemanden blicken lassen. Sie sind, wie man hört, in der Minderzahl, aber diese Annahme ist vielleicht ebenso töricht wie der Appell an die Menschheit. Was sie zu denken gedenken, ist unabsehbar, und selbst wenn es ein Immergleiches wäre, hätte niemand ein Recht, es ihnen zu verwehren. Dieser Niemand, das ist die unsichtbare Figur im Spiel, sie kreuzt die Bahnen der Akteure und mancher trägt eine lahme Ferse davon.

APHOSACK

A
Sagen wir, so ein Aphorismus ist eine feine Sache – fragt sich, für wen, fragt sich wozu? Ein coltello ist ebenfalls eine feine Sache, warum nur misstraut man dem, der ihn in der Tasche mit sich herumträgt? Und dann: Warum ein stumpfer? Warum einer, der so klein ist, dass er nicht einmal dazu dienen kann, ein Brot sorgfältig in zwei Hälften zu zerlegen? Geschweige denn, ihn dem Gegner zur rechten Zeit ins Herz zu bohren? So ein coltello ist, recht betrachtet, zu gar nichts nütze.
Betrachten wir die Sache von einer anderen Seite. Für viele Mitmenschen ist es eine Notwendigkeit, der sie sich nicht entziehen können, gefährlich zu erscheinen. Nur: in einer Gesellschaft wie unserer erscheint man nicht lange gefährlich, ohne auf die eine oder andere Weise aus dem Verkehr gezogen zu werden. Die Nachbarin hat es genau bemerkt und die Polizei – gehen Sie mir mit der Polizei! Das ist ein unnützer und gefährlicher Aufwand, anderen gefährlich erscheinen zu wollen. Er bleibt auch vergebens, da die Leute einen gefährlichen Menschen ungefähr so ernst nehmen wie einen ausgebrochenen Zirkuslöwen oder einen Braunbär auf Urlaub. Ein Anruf genügt und mit der Gefährlichkeit ist es aus.

APOKALYPSE

A
Die Apokalypse ist, auf ihre alten Tage, Schauspielerin geworden. Ihre Spezialität: der Totentanz vor weit geöffneten Kamera-Augen, zu dem ein Klangbrei aus Politiker-Statements, Kenner-Kommentaren und, über, neben und unter allem, journalistischem Dauerabgang die Gehirne des Publikums flutet. ›Nicht mehr beherrschbar‹, ›außer Kontrolle‹, ›nicht mehr aufzuhalten‹, ›Ereignisse überschlagen sich‹ ....... abschalten, abschalten, wummert des Volkes Seele, sie meint die Kraft, die in ihren Adern kreist und hier und da auszutreten beginnt. Völlig verseucht, wie sie sich vorkommt, will sie den erlösenden Schnitt jetzt. »Geht doch«, sagt die Apokalypse und packt ihre Klamotten in den Wander-Rucksack, bevor sie verduftet, »man muss das Unglück der Menschen packen und etwas daraus machen, etwas Großes, Mächtiges, in die Zukunft Weisendes. Welche Zukunft soll man Leuten schon weisen, die alles glauben, weil sie die Zukunft hinter sich wähnen? Diese tiefsitzende Überzeugung, dass es ›im Grunde‹ vorbei ist, während doch alles vor dem Einzelnen liegt, ist eine Goldgrube, sage ich Ihnen. Die Lust am Untergang wächst im Quadrat der Entfernung vom Geschehen. So gesehen, befinde ich mich auf der sicheren Seite. Im Grunde wollen die Leute nicht, dass sich etwas ändert, sie wollen es nur sofort. Das Unglück der anderen ist eine Kompression: alles, was gewöhnlich Jahre auseinander liegt, schiebt sich in ein paar Sekunden, Stunden oder Tage zusammen. Manchmal wirkt es wie eine Kompresse, der Effekt greift schon, ehe alle Toten gefunden, geschweige denn begraben sind. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Wir sind alle Opfer, wissen Sie, wir haben ein Recht darauf, uns von Worten erschlagen zu lassen.«

ARMUTSFALLE

A
Seit Adler arm ist, beschränkt er sich beim Kaufen aufs Nötigste. »Sieh her, was ich brauche«, sagt er, »das ist nicht der Rede wert.« »Welcher Rede?« fragt G. interessiert, es freut ihn, wenn einer Ausflüchte gebraucht, sie liegen dann nicht so am Boden herum und er kann sicherer auftreten. »Dummkopf«, sagt Adler, denn er kann Sophisten nicht leiden und kehrt gern den Wisser heraus. »Armer Adler«, seufzt G., nachdem er in Würde geschwiegen hat, »er sitzt in der Falle und merkt nichts davon. Er glaubt noch, er könne fliegen, wann immer er wolle, und es liege am Auftritt. Lassen wir ihm seinem Glauben. Es ist besser, er stößt sich den Schnabel, als dass er uns abstürzt.« »Adler stürzen nicht ab, mein Lieber«, ruft Adler hinter ihm her, »sie bewachen den Mond.« »Wie er sie«, murmelt G. und rudert zurück in die Armutsfalle.

ARTGENOSSEN

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Was Sie hier sehen, ist ein neues Jahrhundert, was sage ich, ein neues Jahrtausend, keine Schiefertafel, stattdessen ein riesiger leerer, von keiner Kondensspur durchzogener Raum über unseren Köpfen, unbetretbar, er jedoch hat Besitz von uns genommen und lässt keinen mehr los. Unbeschrieben, nein unbeschreibbar, ist es das? Ist es das, was lockt? Andere mögen das nicht so krass empfinden, sie stehen in Kontinuitäten, die in unseren Breiten niemand so recht übersieht, sie halten vielleicht nicht soviel von Wenden oder sie wenden gerade das Schicksal der Welt, sind also praktisch beschäftigt, aber Europa, das seinen Aufstieg und Abgang in die Nussschale eines nun vergangenen Jahrtausends packen kann und gerade anfängt, erdgeschichtlich zu denken und, was mehr zu denken gibt, zu empfinden, weiß um den Moment und ist bereit, sich ihm anzutragen. Der eitle Drang, seinen Schriftzug in die leere Fläche zu setzen, möglichst als erster, sieht sich durch die Fülle an Aussicht sonderbar gebremst. Eine leere Aussicht am Ende? Eine Aussicht aufs Ende, eine Aussicht, die rasch zum Ende kommt? Niemand glaubt im Ernst, dass die Menschheit das angebrochene Jahrtausend überlebt. Das ist ein seltsam starker Glaube, der als Unglaube maskiert zwischen den Leuten herumgeht. Das neue Jahrtausend wird das Verschwinden der Gattung bringen und wir sind die, die es ihr beibringen müssen. Das Ende des Menschen ist also wirklich angebrochen, nachdem es lange bedacht und auf den verschiedenen Schlachtfeldern der Zivilisation eindringlich geübt worden ist. Es schmerzt auch nicht mehr, dieses Stadium haben wir hinter uns. Ehrlich gesagt, es wird von vielen ersehnt. Sie wollen der stummen, aus allen Rohren feuernden Natur zurückgeben, was sie so unerbittlich zu fordern scheint: die Ruhe nach der Schlacht, das reine An-sich-sein ohne jedes Für-sich, so winzig es sich auch, kosmisch gesehen, ausnehmen mag. Das sind Puristen, wie immer von der Mehrheit belächelt, die ihren Verstand, wie sie sagt, noch beisammen hat. Er wird schon auseinander fallen, auch dafür ist gesorgt. Unter uns: er fällt täglich mehr auseinander, aber das ist nur ein Bild.
Mehrheiten ändern sich, das ist der Lauf der Welt, dafür sorgt schon die Biologie, wo sie ausbleibt, meldet die Medizin sich zur Stelle. Der Glaube an die Menschheit ist eine seltsame Machination, die nur auf Zeit glücken konnte und durch den Glauben ans physische Ende künstlich gestreckt wird. Niemand glaubt an ein Ende, das bereits im Gang ist. Die Bereitschaft zu glauben richtet sich auf künftige, wichtige Dinge. Wie sieht sie aus, diese Welt ohne Menschen? Sie liegt in uns, sie liegt unter, neben und über uns, sie muss nur hervorgeholt werden. Ein starker Forscherimpuls ist hier am Werk. Der fromme Wunsch, die Menschheit möge sich, bilanztechnisch gesehen, so verhalten, als gäbe es sie nicht, markiert bloß den Anfang, er haftet überall an der Oberfläche, vergleichbar dem Wunsch des Todeskandidaten, er möge noch eine Zeitlang unbemerkt fortexistieren, um zu sehen, wie es ohne ihn weitergeht. Nichts fühlt sich leichter an als so eine Fortexistenz, in der Lug und Trug ihren lange angemeldeten Anspruch auf Wirklichkeit glücklich einlösen dürfen. Ein poetisches Pärchen, mancher wünscht ihm, neben einem energetisch gesunden Gefühlsleben, die endliche Einsicht, dass ein Jegliches gut sei, bloß als sich erneuernde Aufgabe. Allein ein paar Astrophysiker, die extra dafür bezahlt werden, hoffen auf den Zwillingsplaneten im All, auf dem alles gleich und anders ist und auf dem deshalb alles neu beginnen kann. Auch sie erwarten also das Ende, sie sind verblendet genug, es nur als Anfang begreifen zu können. Vielleicht auch nicht, denn alles ist Auftrag, auch hier. Die genossene Art ist die beste.

ASTLACHEN

A
Sich einen Ast lachen: soviel wie sich krumm lachen, einen ungewöhnlichen Heiterkeitsausbruch hinlegen, auf Kosten anderer triumphieren, aber im Verborgenen (oder auch nicht), einen vom anderen übersehenen Vorteil einstreichen, unverhofft auf seine Kosten kommen, dem (den) Mitmenschen das Nachsehen geben. Dass bei solcher Gelegenheit etwas zum Vorschein kommt, gleichsam aus einem herauswächst, scheint zunächst einmal nichts Außergewöhnliches an sich zu haben, es versteht sich fast von selbst. So ein kleiner Auswuchs – wo darf es sein? Unterm Ärmel? Aus dem Kopf? Aus der...? Nana. Und doch... vielleicht. Die... hören Sie, ich kann mich vor Lachen nicht halten, worauf wollen Sie hinaus? Wo wollen Sie hin? So ein Aphorismus ist rascher entführt als die Vorstellung, die er enthält. Allein gelassen, kauert sie einsam am Wegrand. Lachen Sie ruhig, das ist die Wahrheit, nicht die ganze, aber ein Gutteil. Die Vorstellung ist die Falle, die der Astlacher seinen Mitmenschen stellt. Die Vorstellung, dass sie da draußen sitzt, erheitert ihn in der Seele. Er hat sie gut sichtbar versteckt, man könnte sie einen Fetisch nennen, einen Wegweiser vielleicht oder eine Grabrede für niemanden. ›Lust, niemandes Grab zu sein‹ unter soviel Plünderern.

ATTENTISMUS

A
Leicht schockiert, wie die Menschen sind, bleibt ihre Realitätsverankerung schütter. Tritt ein stärkerer Eindruck in seine Rechte, dann kommt es zu einem Attentismus, der alles für möglich hält, gleichgültig, ob das Netz der Kategorien es hergibt, in dem sich Menschen normalerweise bewegen. Physikalische Gesetze? Technische Daten? Psychologische Kenntnis? Das weit geöffnete Auge, das jede Bewegung registriert, kennt keine Gesetze, keine Daten, keine gesicherten Begriffe: es ist offen für alles, was kommen mag, gleichgültig, ob es überhaupt kommen kann. Ein Überlebens-Mechanismus, kein Zweifel, aber auch ein Einfallstor für Panikmacher und Scharlatane. Immer vorneweg der Sensations-Journalismus, der gerade die sensibelsten, offensten, beweglichsten Menschen im Handumdrehen in einen Haufen Narren verwandelt, die mit jedem Unsinn stürmen, in bar und auf Pump, ehe so etwas wie Scham einkehrt und sich das nüchterne Alltagsbewusstsein wieder zu Wort meldet.

AUFBRÜCHE

A
Du siehst ein Kunstwerk und bist entzückt. Du liest die Theorie, die vom Künstler ausgeheckt wurde, um seine Richtung begreiflich zu machen, und bist gelangweilt, befremdet, irritiert. Du fragt dich: Wie konnte dieser schwache, offenkundig leicht zu verwirrende Geist so ein Werk hervorbringen? Und du liest weiter. Du findest die Theorie mit anderen im Bunde, die den gleichen Geist atmen: Ansichten einer Clique, einer Schule, einer Bewegung. So geschieht, was geschieht: auch die dazugehörige Praxis kann nicht länger überzeugen. Du siehst das Gewollte, das sinnlos Erzwungene, du siehst, wo du hinsiehst: falsche Theorie. Wohin ist das Sehen entschwunden? Welche Sicht der Dinge hat es unaufhaltsam verzehrt? Geht das Gedachte dem Gesehenen so weit vor? Ah, da kommt es zurück. Beginnen wir also von vorn. Nein, du bist nicht länger entzückt, aber du lässt gelten. Du lässt gelten, weil du nicht mehr gefordert bist. Eine naive Sicht der Dinge lullt dich ein. So geht es den Künsten, so geht es der Kunst. Man muss ihr die Aufbrüche nachsehen, wie sonst käme sie zustande? Am Ende gilt, was du siehst. Es gilt nicht wirklich, nur ein wenig vermindert, du muss dich darein versehen, sonst siehst du nichts.

AUFREGEND

A
Warum die aufregenden Schriftsteller die langweiligen sind. Auffällig ist: was in seiner Zeit ankommt, vergeht mit ihr. Später, unter der Lupe kulturhistorischer Untersuchungen, mutiert es zum Exempel von Trivialkultur. Alles, was den Zeitsinn stimuliert, wirkt aufregend, es steigert das Bewusstsein der Gegenwart, die Empfindung, gerade jetzt durch offene Türen zu gehen. Da in der Regel niemand Zeit hat, um auf sein Pfingsten zu warten, lässt er es sich vermitteln. Die Agenturen, die dieses Geschäft betreiben, wissen, was an der Zeit ist, sie können sich auch täuschen, aber das lässt sich rasch reparieren, ein Hauch genügt und sie stehen auf dem Plan. Ein kleiner Ableger dieser Agenturen sitzt in den aufregenden Schriftstellern, sie vibrieren gleichsam mit ihrem Schreiben mit und verlangen von sich das Äußerste: Aktion. ›Die Aktion‹ hieß das von Pfemfert vor dem Ersten Weltkrieg herausgegebene, übrigens bis 1932 existierende Organ, in dem die Aufgeregten sich sammelten, um Aufregung zu verbreiten. ›Irgendwie links‹ geriert sich das bestehende Aufgeregtsein bis heute. Manchmal kommt kurzfristig richtige Aufregung auf, wenn ein Aufgeregter über die Stränge schlägt und alles zurücknehmen muss oder rasch von der Bühne gezerrt wird, zurück ins Dunkel, wo das Zwielichtige siedelt. Am aufregendsten ist natürlich der kühle Typ, um den herum das Publikum in Wallung gerät. Überhaupt gilt: die aufregendsten Menschen schreiben die aufregendsten Bücher. Ist das nicht aufregend? Mitnichten. Jedenfalls darf sich die Aufregung legen, wenn das Leben sich legt, teils zum Schlaf, teils zum Entschlafen. Eine verblichene Aufregung gilt zwei geschälte, mit denen sich ein paar Saurier bewerfen, zwischen denen man ein Netz gespannt hat.

AUFRUHR

A
Solange die Toten fehlen, herrscht Aufruhr, denn sie sitzen unsichtbar mit an den Tischen. Wo immer aufgetragen wird, verlangen sie ihr Recht, dabei zu sein. Erst wenn sie nach allen Regeln des Menschseins gestorben sind, ändert sich das. Wer gewaltsam aus dem Leben gerissen wurde, lebt es in seinen Nächsten zu Ende. Wer zusammen mit seinen Nächsten aus dem Leben gerissen wurde, der lebt es in den Fernsten zu einem Ende, das keiner kennt.

AUFSAGER

A
Du sollst nicht aufsagen! stand in großen Lettern über den Schulstunden der Kindheit, in denen es doch um nichts anderes ging als ums Aufsagen des Gelernten. Gern hätte ich meinem Banknachbarn eingesagt, der, unfähig zu größeren Merkleistungen, unter dem lauernden Blick des Lehrers bloß darauf wartete, stockend und gierig ein paar seitwärts geflüsterte Brocken lauthals zu wiederholen. Doch lieber hätte ich aufgesagt, nicht aus Eitelkeit oder Ruhmsucht, nur weil nun einmal aufgesagt werden musste, damit, was zu sagen war, hell und klar im Raum stehen würde. Der Pauker allerdings – ich muss ihn so nennen – war anders unterwegs: eingedenk des vor ihm kauernden Wunsches, der nicht nur Wunsch war, sondern Befehl, ein Hilferuf der gemarterten Wörter, machte er sich ein finsteres Vergnügen daraus, das zu seinen Füßen spielende Miniaturdrama zu ignorieren und, offen die Stümperei der Mitschüler verhöhnend, die Übung ergebnislos abzubrechen. Heute ist meine Stimme ausgebleicht, kaum zu verstehen, wie man mir andeutet, wann immer sie Erwünschtes aufsagen soll, weicht sie aus, auch bedarf sie der fordernden Instanzen nicht mehr und sie scheut keinen Umweg, um das bitter Gelernte zu bestreiten: Kausalität.

AUFWURSTELN

A
Du brauchst mir doch nicht deine Meinung aufwursteln – Ausruf einer in die Defensive geratenen Mutter, die weiß, was eigenem und fremdem Nachwuchs frommt. »Ich kann doch positiv Vorbild sein, auch wenn ich selbst nicht daran glaube?« Wer das nicht einzusehen vermag, unterschlägt die positive Funktion der Sitte oder interessiert sich nur für die Sittenpolizei. So verderbt sind die Sitten nicht, dass jeder Versuch, sie zu emendieren, zwangsläufig an den Verhältnissen scheitern müsste. Und wenn schon! Den Versuch ist es wert und das Leben wird dadurch wertvoll. Wem? Dem Leugner natürlich, der den Gesinnungsspagat tadelt und sich am Anblick des Fleisch und Rede gewordenen Widerspruchs berauscht. Nur aufwursteln, das will er nicht, brav und ordentlich will er zur Sache gehen.

AUFZIEHTHEORIE

A
Da ich ein Knabe war, ach...! Damals gab es diese Spielzeugautos mit einem Loch in der Seite, aus dem ein kräftiger Stift herauslugte: man steckte einen Schlüssel hinein und zog damit eine verborgene Feder auf, die Antriebsräder musste man währenddessen festhalten, am besten mit dem Finger, ein Tipp für später, den keiner verstand. Leider reichte die Spannung nur für kurze Sprints – genug, immerhin, um die bange Frage aufzuwerfen, ob einer auch rechtzeitig losstürzte, um das rasende Vehikel aufzufangen, sobald es über die Tischkante hinausschoss. Stärker beeindruckten die Aufziehmäuse aus grau lackiertem Blech, die mutig in Buchseiten hineinfuhren, aber an einer nicht genau vorhersehbaren Stelle umkippten und sich um sich selbst zu drehen begannen, weitergetrieben durch einen geheimnisvollen Kraftschluss zwischen dem dünnen, biegsamen Gummischwanz und der nur scheinbar glatten Papierfläche, die hinreichend Haftung für das Spektakel bot. Später habe ich Menschen hochgemut zwischen die Seiten eines Buches geraten und zum Ergötzen und endlich zum Erschrecken ihrer Umgebung nicht mehr herausfinden sehen. Ob sie allerdings um sich selbst kreisten oder um einen geheimnisvollen Punkt des Entsetzens, der nicht weiter benannt werden konnte, blieb in den meisten Fällen unerfindlich. Immerhin hatte das Buch etwas bewirkt: die Geburt eines Wesens, das einem Perpetuum mobile erstaunlich ähnlich sah und am Ende doch nur liegen blieb. Ein schlimmes Los, ein schönes? Einen, der das wüsste, könnte man auch nach anderen Dingen fragen, zum Beispiel, woher es kommt, dass die Klingel stumm bleibt, solange man auf sie hört oder warum es keinen Zweck hat, auf die Straße zu laufen, wenn man Besuch erwartet – lauter Dinge, die einen flüchtig zwischen zwei Abwesenheiten beschäftigen.

AUGENBLICK

A
Die Zeit zwischen zwei Wimpernschlägen vergeht, wie man weiß, im Nu. Das ist leicht gesagt, im Bedenken stockt nicht allein die Zeit, sondern auch der Gedanke. Im Nu ist einer bei sich, denn er ist außer sich. Mehr zu sagen hieße, den Wimpernschlag herausfordern, der den Gedanken unterbricht wie ein Glockenschlag. Zwischen zwei Glockenschlägen findet der Gedanke keine Ruhe, ihm fehlt das Widerlager, auf dem er sich strecken und in seiner natürlichen Proportion zeigen kann. Stattdessen zeigt er seine Panikfigur. Es soll Menschen geben, denen die Wucht des Glockenschlags die Besinnung raubt. Der Augenblick besitzt seinen unnachsichtigen Widersacher im Erz, das zur Besinnung ruft.

AUGENVERDREHEN

A
Das Augenverdrehen ist eine Kulturtechnik, vergleichbar dem Wettermachen oder dem Wettrüsten. Irgendwann zeigt sich ein Ergebnis, aber keiner begreift, wie es dazu kam und wie die wirklichen Bahnen zwischen Ursache und Wirkung verlaufen. Der klassische Augenverdreher weiß nicht, was er will. Er nimmt auch nicht wirklich übel, er dreht sich vielmehr heraus – aus einem Gespräch, einer Wendung, einem Gedanken, einer Stimmung oder einem Gefühl –, und zwar so, dass derjenige, der zufällig einen Blick auf ihn wirft, Bescheid weiß. Im Grunde geht es ihm um nichts weiter als diesen Zufall. Er will, dass der Blick, der auf ihn fällt, etwas zu sehen bekommt. Er weiß sich nicht anders zu helfen als dadurch, dass er den Blick, den er auf sich ziehen möchte, mit einem Schabernack im voraus belohnt. Also sucht er in einem Spiel, das zu spielen er keine Sekunde lang vorhat, den Verbündeten. Eigentlich möchte er unsichtbar sein und aus dieser sicheren Position heraus auftrumpfen. Besser, er möchte aufgetrumpft haben, um es desto sicherer leugnen zu können. Noch besser: Er möchte sich hier und heute aus seinem künftigen Grabe davonstehlen, um den anderen das Nachsehen zu geben. Oder: Er möchte sich lieber begraben lassen, als sich all das ungerührt anzuhören, was seine Mitmenschen in ihrem täglichen Wahn von sich geben. Er hat eine gute Haut, warum sollte er eine sein?

AUSFÄLLE

A
Der Ausfall der Männer, bemerkt Adler, geht hierzulande ins dritte Glied. Ich sah die Geschlagenen zurückkehren, sofern sie zurückkehrten, woher und wohin auch immer. Sie hatten dem Staat alles gegeben, aber er war mit ihnen noch nicht fertig und verlangte den Wiederaufbau. Übrigens taten sie es aus freien Stücken, die Ruinen schmerzten in ihren Augen und erinnerten sie an etwas, das sie nicht wirklich verstanden hatten. Sie wussten, wie alles richtig war, so wie ihre Söhne, nur nichts voneinander. Unter sich blieben sie, was das Mordhandwerk aus ihnen gemacht hatte, alte Kameraden, die sich das eine oder andere zuschustern konnten, wenn sie es selbst nicht brauchten. Reden wir nicht von den Söhnen! Eitle Sieger in einem Krieg, der zu Ende war, als sie noch in die Windeln schissen. Gerade sie entdeckten, immerhin, das Gedächtnis. Die wahren Gedächtnismeister aber scheinen die zu sein, die jetzt das Heft in die Hand nehmen. Um sie zu verstehen, muss man vergessen können. Wer kann vergessen? Bitte sagen Sie mir: wer kann vergessen? Die Leute tun so, als hätten sie alles vergessen, es sind Heuchler, die nicht zurückstehen können.

AUSSETZER

A
Man muss seine Gedanken aussetzen, wie man Fische aussetzt – nicht der obligaten Kritik, diesem Gesäusel unter dem Einfluss widriger Analgetica, sondern dem Element, in dem sie ihre natürliche Regsamkeit unter Beweis stellen, in dem sie sich paaren und irgendwann absterben, so wie man ihrer ab ovo eingedenk bleiben sollte, falls sich einige Prachtexemplare darunter finden. Ich persönlich – sagt G. – gehöre ja einer Generation an, der die Lust am Gedanken abgeht – man könnte auch sagen: fremd ist, aber das zu behaupten überschreitet dann doch jede Kompetenz. Nein, sie geht ihr ab. Darum handelt es sich: eine tragische Geschichte. Man sollte von solch einem Abgang viel mehr Aufhebens machen. Nicht, dass er von der Öffentlichkeit unbemerkt bliebe, aber das ist es ja – dieses schier unendliche Gesäusel und Geflüster, dieses Hand-vor-den-Mund und Darf-man-das, dieser Anschlusswille vor jeder Fähigkeit, dieses zäh und stur Tertiäre, in jeglichem Sinn des Wortes, wo kommt das her? Wo strebt es hin? »Auf den Friedhof, mein Freund, auf den Friedhof. Gondwana stirbt«, krächzt dunkel die Stimme Waputas. Aber – wäre das nicht zu leicht gedacht? Dieser Generation (vielleicht ist es auch nur eine Halbgeneration, und darin liegt bereits die ganze Tücke) eignet eine Behäbigkeit des Urteils, der allein mit Gedankenschwere begegnet werden kann. So wankt der Gedanke langsam, auf hohem Kamele reitend, herbei und gleitet herunter, als berge er eine Kostbarkeit, dabei ist er nur unförmig. »Nietzsche sagt –«: so beginnen viele ihrer Sätze, zu viele, an die sie sich in der Wüste gewöhnten. Auch andere bedeuten ihr manches, haben sie erst einmal volle Zitatreife erreicht. Im Land der getrockneten Feigen schmeckt das Leben süß.

AUSZUG

A
Das Bewusstsein für Kontinuitäten schärfen – so etwas sagt sich leicht und trifft schließlich die, die sich als erste dafür erwärmten. Vielleicht zu recht, schließlich haben sie den Stein ins Rollen gebracht, wohl wissend, dass immer etwas nachkommt, wo keiner etwas erwarten konnte. Was kann schon kommen? Das ist die Frage all derer, die sich aufmachen, die sich bereits aufgemacht haben, weil sie es zu Hause nicht mehr aushalten konnten, weil sie es nicht länger als ihr Zuhause betrachten, schließlich, weil sie nicht länger nach einem Zuhause trachten, aus welchen Gründen auch immer. Unter der Oberfläche wächst das Verbindende nach, es wächst unaufhörlich, eine subkutane Realität, die der äußeren an Dichte und Zusammenhang in keinem Punkte weicht. Warum das so ist? Keine Ahnung. Oder doch? Betrachten wir den Vorzeichenwechsel: das Negierte schielt über den Negator hinweg und ruft sein »Hier bin ich«. Damit lässt sich vieles erklären, wenngleich nicht alles. Ein anderer Grund: wer will, findet immer umfassendere Kausalitäten, die sich per Willensentscheid nicht aushebeln lassen. Die Konstellation frisst ihre Kinder. Auch sollte nicht übersehen werden, wieviel Energie sich in Auszügen und Aufbrüchen verbraucht. Woher sie stammt, wohin sie geht, ist das eine, ihre schiere Bilanz das andere. Manch einer dünkt sich am Anfang und ist schon am Ende: soviel hat es ihn gekostet, einen neuen Anfang zu machen. Und was heißt schon neu? Mancher, der sich unvergleichlich vorkommt, müsste sich verschämt in die Ecke drücken, wüsste er um die verborgenen Motive in den Anfängen derer, die er verachtet. Der Manichäismus zwischen den Generationen, dieses verzweifelte Ringen ums Sagen-können und Sagen-haben, endet auf dem Richtplatz der Gefühle, mit dem Eingeständnis der eigenen Niederlage dort, wo er begann. Solange der Hochmut regiert, solange regiert auch die Not, der er entstammt, die Not all derer, denen alle Wege versperrt erscheinen, außer dem der Schande. Die Schande ist ein feiner Begleiter, sie durchdringt die Metamorphosen, die sie initiiert, sie ist urheberisch beteiligt an allen Urheber-Streitereien, sie ist causa sui und causa causarum, Ursache einer Ursachenkette, die über die Erde wegläuft, scheinbar glatt, aber ›dumpf in der Erde / wandert es mit‹. So kommt es zur Figur des Verlorenen Sohns, dem unerwarteten Wiederauftauchen dessen, der sich selbst enterbte, inmitten des Erbes, das ihn aufnimmt, als sei er niemals fort gewesen, obwohl... ihm dieses Fremde anhaftet, das nicht weggeht, etwas Befremdliches, spürbar genug, damit man ihm Platz macht. Und das wollte er ja: Platz.

BABELFRITZ

B
Die verwirrende Neigung der heutigen Deutschen, jedes Wort, das ihnen nicht oder nur wenig geläufig ist, ›englisch‹ auszusprechen, führt hin und wieder zu Komplikationen, vor allem, wenn das Missverständnis Ausdrücke der eigenen Sprache betrifft. Solche Sinnknäuel, in denen mehrere Sprachen an einer partizipieren, sind Sprachwissenschaftlern eine Lust, doch nicht nur ihnen. »Vom Vergnügen an faden Witzen«: so ein Titel träfe manchen nicht-beamteten Sprach-Transmitter mitten ins Herz. Da den Deutschen gleichzeitig immer größere Teile des heimischen Wortschatzes abhanden kommen, ist der Zeitpunkt absehbar, zu dem sie ihr Idiom aussprachemäßig ganz und gar umgekrempelt haben werden. Sie werden dann immerfort Wörterbücher wälzen müssen, um nichts zu finden. »Aber da steht doch nichts«, könnte ein gutmütiger Mensch einwerfen, doch da es ihm vermutlich an Aussprache mangelt, dürfen sie ihn nicht verstehen.

BABEROWSKI-EFFEKT

B
Der B.-Effekt ist eine Art stiller Post, bei der einer vorn eine Ansicht äußert, um von hinten niedergebrüllt zu werden. Benannt wurde er nach dem Historiker B., dem es gelang, bloß mit dem Ratschlag an seine Regierung, sich nicht leichtfertig an einem Krieg zu beteiligen, der ihr eines Tages über den Kopf wachsen könnte, als Kriegstreiber und Radikaler im öffentlichen Dienst am Pranger zu landen. Dergleichen geschieht, wenngleich nicht alle Tage, und selten ohne rechtliche Gegenwehr. Daher bedurfte es eines geeigneten Unter- und letztlich auch Überbaus, der, als Rechtsgrundsatz gefasst, wie folgt lauten müsste: Nemo contra B nisi C, auf deutsch: Niemand gewinnt gegen B., außer die Chemie stimmt, z.B. zwischen Richter und Kläger, denn etwas muss doch stimmen, wenn sonst nichts stimmt. Ehrabschneidung wird eher selten dadurch geheilt, dass ein Gericht sie durchgehen lässt, voraussehbarerweise vervielfacht sie sich. Es soll Richter zwischen Himmel und Erde geben, die erkennen in ihrem Beruf nur das kleine Ich, das ihnen unentwegt zuflüstert: Verrücke, was dich verrückt macht. Was gibt es Verrückteres als Gesetze? Sie weichen nicht, sie wanken nicht, und sie verändern sich doch. Zwischen zwei Rechtsgütern klafft heute vielleicht eine Wunde – morgen ist sie verheilt. Wer das im Kopf aushalten will, muss einen zweiten in Reserve halten, und sei es als Spucknapf. Man braucht kein Jurist zu sein, um die Anspielung zu verstehen. Man muss nur offenen Auges die Anschläge an deutschen Universitäten betrachten. Ein AStA (Allgemeiner Studenten-Ausschuss) zum Beispiel ist in seinen Ansichten nicht halb so allgemein wie die katholische Kirche katholisch, nur das Wort ›Ausschuss‹ müsste sorgfältig erwogen werden, da sonst der Schuss leicht nach hinten losgeht. Dein AStA erklärt dir die Welt – basta. Damit ist schon geklärt: der Professor, der sich aufs Meinungsparkett wagt, ist immer der Bastard, gemeinfrei, er kann nur darauf hoffen, dass ein Schmutzfinger hin und wieder den Abdruck beseitigt, den sein Vorgänger hinterließ. Politiker kennen das, dem Professor geht es gegen die Ehre, aber so ist die Welt. – Wer das Verdrehen nicht schätzt, der kann dem B.-Effekt aus naheliegenden Gründen nicht viel abgewinnen, es sei denn, er gehört zu jenen seltenen Zeitgenossen, die ihr Glück darin finden, das Verdrehte zurückzudrehen, so dass es anschließend, als sei nichts geschehen, so daliegt wie am ersten Tag, als die Welt noch frisch war und nach Babyöl roch.

BÄRENHÄUTER

B
Dichter, sagt mein Freund TK – er sagt es nicht wirklich, aber ich sehe es ihm an –, wird man nicht durch Dichten, sondern durch diese Fähigkeit, die Zeit in Worte zu fassen. Ich weiß, die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie so, wie sie ist, zu werfen. Manche tragen das Fell des Bären über der Schulter und man erkennt sie am Hasenfuß. – »Besser am Hinkfuß. Das wäre doch ein Zeichen.« – »Man muss etwas drauf geben, von nichts kommt nichts.« – »O doch. Eine ganze Menge.« – »Das mag sein, aber unter Brüdern, da muss geteilt werden.«

BAHNBRECHEND

B
Der Ausdruck ›bahnbrechende Forschungen‹ ist ein Re-Import aus der Gesellschaft in die Wissenschaft. Er wird dort kaum benützt, aber gern vernommen. Schon der verbindliche Plural zeigt an: Exaktheit ist dabei nicht gefragt. Für die Informationsorgane der Gesellschaft gilt die in ihrer Mitte betriebene Forschung als Zauberkasten, aus dem von Zeit zu Zeit erstaunlich schlichte Erkenntnisse purzeln. Hätten Sie’s gedacht? Es darf gekichert werden (hinter vorgehaltener Hand, versteht sich), aber nicht öffentlich gelacht. Mag sein, die Erkenntnisse sind, von einem menschlichen Standpunkt gesehen, banal, aber wenn man zuletzt damit auf dem Mond landet, dann hat sich die Reise gelohnt. Mit der Opakheit ihrer Methoden verschafft Wissenschaft sich Respekt. Zu Recht, denn in den sogenannten Ergebnissen fürs staunende Publikum, bei laufender Kamera, verkauft sie ... ihre Seele? Ihre Kultur? Ihre Wissenschaft, also sich selbst? Die Methode steht zwischen der Wissenschaft und der Gesellschaft: ein Damoklesschwert, bereit, auf jeden nieder­zusausen, der die Ergebnisse der einen an die andere Seite verkauft. Wissenschaft produziert Antworten auf Fragen, die außerhalb ihrer Areale niemals gestellt werden, Gesellschaft kauft ihr ab, was sie so nie behauptet, geschweige denn bewiesen hat.

BAHNHOFSVORPLATZ

B

Im Yagir soll ein Bahnhof unter die Erde verlegt werden und die Bevölkerung steht Kopf: nicht, um besser sehen zu können, was unten geschieht, sondern um zu verhindern, dass es geschieht. Eine ratlose Politik drischt auf die Köpfe ein, Blut fließt und einer vertraut sein lose baumelndes Auge dem Fernsehen an, wo er es sicherer wähnt. Die Politik gewinnt das Spiel und verliert die Wahl. So kann es kommen, so ist das Leben. Derweil dämmert der Bahnhof im Zwischenreich der gemischten Empfindungen: der alte ist der alte nicht mehr und der neue will nicht hervorkommen. Ist das ein Bild? Wenn ja, wofür? Vielleicht ein Test – im Yagir wird viel getestet und dann verworfen, aber nicht wirklich, manchmal nimmt die Wirklichkeit Züge von Verworfenem an, dass einem angst und bange werden kann. So erfährt man, an Stelle des Bahnhofs könnte schon bald eine shuttle station für den Verkehr in den erdnahen Raum entstehen. Die Bewohner des Yagir hören das gern und befinden, dann habe der Kopfstand sich doch gelohnt. Befragt, wie sie das meinen, schütteln sie den Kopf und liebkosen die Bäume, die bald gefällt werden müssen.

BALTHUS

B
Die Entdeckung des Struwwelpeter für die Malerei lassen wir Ihnen gern durchgehen, das ist hübsch, das hat Verve, das macht Laune und besitzt sogar Farbe, mit einem Schuss Gouvernanten-Familiarität à la Hogarth, vorsichtig modernisiert, und die Mädchen in ihren Söckchen und all die Engelchen mit einem aufgemalten Geschlecht, das zu ist wie der Bankschalter am Sonntag und einer mit einer klitzekleinen Karte in der Hand darf sich Hoffnungen machen, unberechtigte hoffentlich, das ist alles hübsch und sogar recht schön und sehr schön gemalt, das muss einer sagen. Aber was Sie hier angestellt haben, ist eine Wucht, da mag sich einer heraussehen, wenn er mag, was er will. Das hat eine Klasse, die zur ewigen Malerei gehört, und warum? Ich will es Ihnen sagen. Es ist eine stille Raserei in diesem Bild, die sich dem Malakt verdankt, einem langen, vollständig ausgeführten, nirgends überdehnten oder gar überschrittenen Akt, in dem ein Pinsel Gelegenheit erhielt, alles auszudrücken, was in ihm lag und vielleicht noch liegt, vielleicht noch liegt. Ein äußerlich bescheidenes Bild mit einem ruhigen, unaufregenden, gewissermaßen banalen Motiv, das hier nicht verraten werden soll, denn irgendwo muss das Sehen beginnen, jenseits der nachvollzogenen Urteile und dem Suchen nach dem, was alle Welt kennt.

BAU-KÖRPER

B
Für einen Architekten muss es seltsam sein, zu Füßen eines Gebirges aus Beton und Glas entlang zu schlendern, das keiner sieht, weil es erst in seinem Kopf existiert, und auch dort nicht richtig: jetzt, auf diesem Spaziergang, fiele es ihm schwer, die Berechnungen zu reproduzieren, geschweige denn alle Detaillösungen, und dass an diesem sonnigen Wochenende keine der Schwierigkeiten, die sich beim Bau einstellen werden, den Finger hebt, versteht sich von selbst. In so einer Situation ist ein Schriftsteller alle Tage. Der Bau, den er sich ausgedacht hat, wächst, aber es wächst nur die Masse an Geschriebenem, der Bau bleibt immer gleich abgedunkelt. Er existiert im Kopf, er existiert in unterschiedlichen Spannungszuständen, er existiert in Spannungsbögen, die notwendig immer wieder aufsetzen müssen. Im entspannten Zustand ist der Bau zwar da, aber nicht vorhanden, es fehlt jeder Zugang zu ihm, er ist hier und heute nicht zu realisieren. Das schreibt sich so leicht, aber es grenzt an Selbstvernichtung.

BEBENKUNDE

B
Wenn ein Gebäude zu wanken beginnt, das man lange bewohnt, an dem man selbst mitgebaut, an das man zumindest, gefragt oder ungefragt, mit Hand angelegt hat, wenn seine Fugen sich lösen und Teile des Fundamentes ins Unbekannte entgleiten, wenn in dem, was immer noch da ist, vage die Umrisse dessen erscheinen, was künftig an gleicher Stelle Haltbarkeit und Dauer ausstrahlen wird, dann ist es Pflicht des Historikers, diesen Moment festzuhalten, wissend, dass auch die eigene Existenz soeben zu bröckeln beginnt und er Gefahr läuft, von Trümmern erschlagen zu werden. Pflicht? Lust? Sagen wir, er weiß sich nicht anders zu helfen und behilft sich mit dem, was er gelernt hat.

BEDENKEN

B
Irgendwann verläuft sich jedes Argument und die natürliche Bizarrerie des Bedenkens tritt hervor. Es handelt sich, ganz recht, um einen Akt der Wegelagerei. Zumindest könnte man es so sehen. Aber wer will das schon. Man kann eine Sache zudenken, bis sie verschwunden ist, und wenn man sie dann befreit, ist etwas anderes aus ihr geworden, etwas, von dem man Stein und Bein schwören würde, man habe niemals daran gedacht. All diese Schwüre sind nichts wert. Auch im Aufdenken ist das Bedenken groß, es bedarf kaum eines Schlüssels und das Bedachte geht auf, groß wie ein Sarg, und entlässt ein Blütenmeer. Schwerer geht das Entdenken, das Abziehen der Gedanken, und selten ohne Getöse, an dessen Ende ein Wimmern zu vernehmen ist, das dem eines Neugeborenen gleicht oder zu gleichen versucht. Man weiß nicht und man wird niemals wissen, was in solchen Momenten wirklich geschieht. Das Entdachte, seiner natürlichen Würde zurückgegeben, erhebt sich augenblicklich und geht. Im Fortdenken bleibt das Denken sich selbst überlassen, es ist ganz bei sich, ganz forte. Nur mit dem Ankommen hapert es; so wie die großen Seeschiffe weit draußen vor den Häfen ankern, hat das starke Denken seine Anlegepunkte, wo die meisten nichts sehen.

BEDIENWESEN

B
Bedient werden möchte jeder, nur die Bedienungen kommen nicht nach und die Selbstbedienung leidet an dem nicht auszurottenden Selbstwiderspruch, dass, wer sich bedienen muss, in der Regel bereits bedient ist, wenn das Diner beginnt. Das liegt daran, dass der Selbstbediener mit vollen Backen zum Mahl kommt, während Distinktion keinen Hunger kennt, nur den feinen. Fazit: nur wer sich bedienen lässt, kann dem Drang einzusacken, wo es ums Zupacken geht, einigermaßen erfolgreich Paroli bieten. Man sieht das z.B. in der Politik, wo die Tantiemen vor der Wahl eine andere Brisanz besitzen als nach der Abwahl. Ein anderer Anschauungs-Bereich wäre die Drittmittelwissenschaft, in der das Einsacken vor der Erkenntnis steht und diese substituiert – eine ausgewiesene Erkenntnis, was soll das sein außer einer, die schon jeder kennt und die alle Schalter offizieller Billigung bereits durchlaufen hat? Solche Durchlauf-Erkenntnisse sind teuer, weil ihre Zahl begrenzt ist. Man braucht einen guten Leumund, um in die erlauchten Zirkel vorzudringen, in denen man Eigentumsrechte an ihnen hält und untereinander zum Tagessatz tauscht. Was Politik, was Wissenschaft! Wer die Straße kennt, weiß in der Regel auch zu beurteilen, wer von seinen Mitmenschen die Regeln gefressen hat, statt sich an sie zu halten. Bereitwillig lässt er ihn – vorbei. Oder auch nicht.

BEFORSCHUNGSOBJEKT

B
Man stelle sich vor: eine Spezies von Männern, die so beseelt sind vom Gedanken der Gleichheit aller Gesellschaftsglieder, dass sie darüber das eigene Leben versäumen. Jene winzige Ungleichheit, die sie ins Spiel brächten, wenn sie sich ausspielten, empört ihren Sinn und lässt sie in unendliches Grübeln verfallen. Schrecklich ist immer das Los der anderen, das eigene ist und bleibt auf die eine oder andere Weise, in der einen oder anderen Bedeutung, verhängt. Sich selbst als jemanden konstruieren, der anderen schrecklich wird, sollte er sich einmal entschließen, den schützenden Kordon der Familie, die ihn hält und hätschelt und verdirbt, zu verlassen, was ist das? Wozu taugt ein solches Konstrukt? Wozu es nicht taugt, ist offensichtlich, aber in einer Gesellschaft, in der Familien untergehen, um als Familienbande wieder zu erstehen, erlaubt es auch ein Leben, und schließlich: Gesellschaft ist alles. Was die Freundin verhindert, nützt der Mutter, was die Mutter verhindert, nützt dem Arbeitgeber oder seiner Partei, was die Arbeit verhindert, nützt dem System von Trägern, das auf Zufluss angewiesen ist und seine Klientel zusammenhält. Schließlich dient alles der Wissenschaft, die ihre Freude an dem hat, was sie beforschen kann. Hier kommt ihr ideales Objekt. Auch wenn sie nichts zu finden begehrt: etwas Nützliches findet sich immer.

BEFREMDEN

B
Was soll ich sagen? Dass ich euretwegen gelitten habe, wie ein Tier meinethalben, und dass ich es nicht einmal sagen darf, weil es euch nur befremden würde? Das ist ein schönes Wort: befremden, ein Wort voller Heimtücke, voller Fußangeln, voller Blaff und Bluff, ein Radauwort auf leisen Sohlen, ein Fortgänger im Ankommen, ein Unbelangbarer. Befremdet? Das kann ich mir vorstellen. Ein Hauch fällt auf die Rede und löscht ein Gesicht aus. So etwas geschieht, es geschieht andauernd, es trotzt aller Aufklärung und allem Bedenken, es ist das Unbedachte im Bedachten, aus dem einfachen Grund, weil es die Grundform des Bedenkens darstellt. Im Befremden ersteht die Welt, wie sie ist, mit ihren Schärfen und Kanten, ihrem Sortieren und Sortiertsein und Umsortieren, ihrer Kälte und dem, was man unvorsichtigerweise ihre ›Unbewohnbarkeit‹ nennt. Das Befremden absorbiert jede Theorie, jeden Ansatz, so wie es jedes Gesicht zum Verschwinden bringt. Es absorbiert sich selbst und das Spiel geht weiter. Manche bleiben befremdet, sie gehen ein oder werden entrückt. Das Befremden annulliert jeden Fortschritt, es stellt die intimsten Beziehungen auf NN und ermöglicht den Neuanfang. Es bewirkt, dass das Entsetzliche nur auf Augenblicke sichtbar wird. »Das klingt doch positiv.« Sagte ich’s nicht? Nun, was soll...?

BEGRIFFSSCHLEUSER

B
»Wer das Denken beherrscht, beherrscht die Menschen. Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken. Wer die Begriffe beherrscht, beherrscht die Sprache.« Bei so viel Herrschaft wird der Zeitgenosse nervös – nicht zu Unrecht, nicht zu Unrecht. Sehen wir zu. Wer das Denken der anderen beherrscht, der muss nicht zwingend das eigene ... beherrschen. Das Gegenteil wäre eher der Fall. Und erst die Sprache! Mein Gott, die Sprache! Jeder denkt, er beherrscht sie, sobald er nur ein paar Ausdrücke kennt und anwendet, wie es ihm in den Sinn kommt. In den Sinn! Darin liegt schon der Ärger. Die Sprache spielt mit den Menschen Katz und Maus und die Sprachregler sind die größten Hasenfüße. Zu Recht! Das Publikum staunt, wenn sie im Gelände ihre Haken schlagen, darüber vergisst es den Weg, den sie eben noch nahmen. Zickzack! Jawohl, Zickzack! Im Zickzack vergisst es sich schneller, woher einer kommt und wohin die Reise geht. Wer das Vergessen beherrscht, der, ja der... – Schade dass, wo es sich rasch vergisst, das Vergessene flotter wieder aufersteht als geglaubt. Das gilt in vielerlei Hinsicht. So jagen die jungen Hasen dahin und halten sich für die Jäger, während die alten Hasen dem Treiben zusehen, als ginge es sie nichts an. Oder kaum. Unterdessen beherrschen sie die Szene, ein Wink von ihnen und die Jagd gewinnt ein anderes Aussehen. Schleuser sollte man sie nennen, warum nicht? Sie lassen fallen – ein Wort hier, ein Wort da, erwogene Wörter und vergiftete dazu, Wörter wie Juckpulver, sie brennen sich ein und gehen nicht weg. Ihre Spur geht nicht weg, auch wenn sie selbst längst entsorgt, pardon: versorgt sind. Das Einschleusen von Begriffen sollte unter Strafe gestellt werden. Nur so wäre Denken, was es niemals war: ein duftendes Paradies, ein wogendes Meer törichter Jetztgedanken, im husch! entsprungen und im herrje! dahin.

BEHÄNDIGKEIT

B
Die Behändigkeit ist ein besonderes Gut, ein Selbstläufer unter den Gütern (und den Begüterten), entfernt der Beidhändigkeit verwandt, aber doch nicht so sehr, dass sich daraus Schlüsse ergäben. Überhaupt hält sie es weniger mit der Ergebung als mit deren Mitläufer, der Ungeschert- oder Ungescheutheit, die an der Scheu wie am Gescheitsein gleichermaßen partizipiert. Wie das? Gescheitsein ist, wie es scheint, ein hohes Gut, das wird den Kindern von früh auf eingebläut und sie wissen es auswendig. Was sie keinen Deut gescheiter macht, aber in die Lage versetzt, nicht so dumm zu sein, wie es nötig wäre, um zu dem zu stehen, was der Verstand einem eingibt. Ungescheut das Rechte sagen, das wäre was Rechtes, das könnte manchem so passen, der sich besser bedeckt hält. Ein unerquickliches Wortfeld, fürwahr. Behände ist einer über das hinaus, was ihn flugs einholt und hurtig verspeist, zur Nachtzeit, sobald der Uhu schreit.

BEHAUPTUNGSMASCHINE

B
Das Gegenstück zur Enthauptungsmaschine ist die Behauptungsmaschine. Die Behauptung geht dahin, dass jede Enthauptung eine Behauptung nach sich zieht, eine Behauptung nach Maß, und dieses Maß gibt eben die vorausgegangene Enthauptung. Ich erkläre das so: kein Haupt existiert ohne ›Träger‹, soll heißen: die etwas trägere Masse, als deren Haupt es figuriert. Die Enthauptung lässt diese Masse nicht verschwinden, im Gegenteil: sie wird, während sie in sich zusammensinkt, kraft irgendeiner sozialen Formel, größer, unförmiger vielleicht, aber auf jeden Fall größer, massiger, fordernder, selbstbehauptender. Gerade darauf läuft es hinaus: die enthauptete Masse hat ein Selbstbehauptungsproblem, das muss sie lösen. Wo Köpfe rollen, läuft die Behauptungsmaschine auf Hochtouren. Das Gros der Behauptungen verschwindet im Nirgendwo, deshalb ist Nachschub immer gefragt. Unter uns, er ist schneller zur Hand als die Nachfrage. Der Behauptungsstau ist die Grundform der Freiheit, die aus der Enthauptung entspringt. Wie ihm entkommen? Das wäre die Frage. Zu vieles drängt hier zusammen, schon ein Nebensatz gilt als Parade und zieht Enthauptungen nach sich, die jede Fassungskraft überschreiten. Behauptung, Enthauptung – irgendwo sind beide ununterscheidbar und das Haupt, als Spielball, springt zwischen allem, was Hand und Fuß hat, hin und her: diese Kurve möchten wir haben, auf dem Schirm, wo sonst.

BEINHART & SPRACHLOS

B
Mörderduo aus dem faschistischen Untergrund. Zwischen ihnen: Angelita, die Schöne als Biest in der Rolle der Schweigerin. Duldete sie’s (aus Liebe?) – oder stiftete sie’s an? War sie, ganz banal, Handlangerin eines Verbrechens, das seinen Gang auch ohne ihr Beisein genommen hätte? Die verhandelten Gesinnungen mögen der Steinzeit entstammen, aber: eine Emanzipierte ist schon vonnöten. Nur die aktive, selbstbewusste und ideologisch firme Frau kommt als (Mit-)Täterin in Betracht, gleichgültig, was man sonst von ihr hält. Gleichgültig auch, um welche Ideologie es sich gerade handelt. – Dieses Schweigen vor Gericht: die Mimesis darin ist mit Händen zu greifen. Überhaupt die RAF-Parallele, mit einer Ausnahme: damals wussten es alle, wenn letztere zuschlug. Wahr ist: ihre Leute haben sich gegenseitig gedeckt, wenn sie vor Gericht schwiegen. Wenn diese hier schweigt, redet ihr Schweigen: »Da war was, aber ich sag’s nicht, weil es sich so gehört. Was wisst ihr denn schon? Falls wir gemordet haben, was geht’s euch an?« Politischer Mord, von dem niemand weiß: Ist das Kampf? Krampf? Verdeckte Mimesis? Apropos verdeckt: zum verdeckten Terror gehört die verdeckte Operation der verdeckten Ermittler vor verdecktem oder verschaukeltem Publikum. Urteilsfindung mutiert zum Spießrutenlauf. Auch das geht: vorbei. Die Spießruten ruhen, verpackt gegen die Nässe, um Fäulnis zu verhindern, das Gefühl, etwas sei faul im Staate Dänemark, hat sich, seiner Allgegenwart ungeachtet, etwas gelegt, verständlicherweise, denn es ist ein Sinkgefühl, das aufgerührt werden muss. Naht das Urteil, springt alles an seinen Platz. Fehlt nur das Duo: weggefault, kaum der Betrachtung wert. Gäbe es keine Über­wachungs­kameras, wo wäre es dann?

BEISSRÜPEL

B
Der Beißrüpel ist überzeugter Europäer, nach wie vor. Warum er letzteres so betont? Er will sich nichts vormachen. »Ich entstamme dieser Kultur«, pflegt er zu sagen, »ich kann nicht anders. Wäre ich Brite, ich hätte Alternativen. Aber so – was soll ich tun?« Als Europäer ist er Atlantiker. »Der Atlantik«, sagt er und schneuzt sich, »darf kein Graben werden, er muss Brücke bleiben.« Dann sieht er sich um und forscht, ob die Mienen Widerspruch zeigen. Die Mienen freuen sich, dass er wieder in Form ist, und hüten sich, etwas zu zeigen. Der Beißrüpel ist von Haus aus Mienenforscher, das hat er nicht abgelegt, seit sein stürmischer Aufstieg begann, vermutlich blieb keine Zeit. Seine Karriere geht auf die Zeiten des Kalten Krieges zurück, an den er sich mit Freude und ein bisschen Stolz erinnert. »Das war eine gute Zeit«, seufzt er nicht selten, »wohin gehen die guten Zeiten, vielleicht in den Abgrund?« Im Grunde hat ihn das von Homomaris gezeichnete Porträt nicht schlecht getroffen, sogar zweimal, was einiges heißen will. Oder so manches. – Als Atlantiker ist der Beißrüpel Pharisäer. Er weiß, das ist kein Beruf, nur ein Wort, aber auch hier gilt: Er kann nicht anders. »Wo ich bin, muss Klarheit herrschen«, herrscht er seine der Melancholie ergebenen Untergebenen an, »völlige Klarheit, verstehen Sie? Wir können und dürfen uns keine Zweideutigkeiten leisten. Dafür stehe ich mit meinem Wort. Wieso übrigens ›stehe‹? ›Dafür sitze ich...‹? Hm. Das scheint nicht zu gehen. Scheißsprache. Muss reformiert werden.« Schon macht er sich an die Arbeit, ist tagelang nicht zu sehen. Seine Frau kennt das und geht auf Sauftour, die Mitarbeiterin beschließt definitiv, in den Bundestag einzuziehen, sobald sie ›das hier‹ hinter sich hat. Langsam, Stückchen für Stückchen, gewinnt die Sprachreform Profil. O unsere Beißrüpel! Wenn wir sie nicht hätten, welche Unkultur! Welche Friedhofsruhe! Welcher Abfall! – Als Pharisäer ist der Beißrüpel Exzentriker. Er leistet sich seine Ausfälle wie andere eine Reise nach Panama. Oder Honduras. Oder Afghanistan. Brandgefährlich, aber es zieht ihn hin und er denkt nicht daran, sich zu sträuben. Schließlich bevorzugt er Gruppenfahrten, die er Inspektionsreisen nennt. »Ich muss wissen, was da unten los ist«, bellt er auf Anfrage. Was wird schon sein? Ein paar Scherereien, das bringt einen Kerl zum Anfassen nicht aus der Fassung. Da muss er durch. Vor seinem Konterfei stehend, gefragt, wie er sich fühle, bricht es aus ihm heraus: »Alles Lüge! Alles Fratze! Ich ist ein anderer.« Auch das: geklaut. Als Exzentriker ist der Beißrüpel... Aber das steht schon auf einem anderen Blatt.

BEKENNTNISZANGE

B
Niemand lässt sich gern in die Bekenntniszange nehmem, doch steckt er erstmal darin, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Wohlgemerkt: wir reden hier nicht über Folter, sondern nur über Menschen, die guten Willens sind. Der gute Wille... wo trägt er uns hin? Über Dämme und Deiche, über Nachbars Hausschwelle, wenn es sein muss, über Wüsten und Wüsteneien, über Schock und Schein, über Leichen sowieso, warum denn nicht? Wer über die passenden Instrumente verfügt, will sie auch einsetzen, das ist ganz natürlich. In Verfolgung der Menschenrechte erweist sich so mancher als unerbittlich, der in minderen Angelegenheiten zwischen Mein und Dein nicht recht zu unterscheiden vermag. Und was heißt schon mindere Angelegenheiten? Lasset uns also bekennen. Als kulturelle Errungenschaft ist das Bekennen an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Eine davon ist der Glaube, von dem es keinen Dispens gibt. Keinen Dispens? Keine Instanz, die eine Lösung verspricht, wenn es knirscht zwischen den Bekenntnissen? Nein, es kann sie nicht geben, weil es sie nicht geben darf, zum Beispiel beim Recht auf Unversehrtheit, das ist sonnenklar. Wir können das nicht immer durchsetzen, auch klar, vor allem nicht gegen uns selbst, aber: mach dir mal darüber keine Gedanken. Wir verändern gerade die Welt. Wusstest du das nicht? Gerade jetzt, hier und heute, und du darfst dabei sein. Die Völker lassen sich nicht länger bevormunden und wir preschen vor, um ihnen zu zeigen, wie es geht. Gewaltprävention, ein altes Thema, wir praktizieren sie in großem Stil. Wie wir das machen? Rechtzeitig eingreifen, das ist so eine Formel, die Menschen bewegt, seit sie ihre Zunge bewegen. Man muss sich zum Herren der Zeit machen, dann weiß man, was recht ist, denn: es ist an der Zeit. An der Zeit ist, was in meiner Macht steht, ergo: ich halte das Recht in meinen Händen. Was ich damit mache? Zukünfte austauschen, die schön schaurigen gegen die schönen – nur dafür rasen wir göttergleich über die Erde und klinken aus, was wir haben. Besser als Klinkenputzen ist es allemal.

BELLTÜRME

B
Belltürme? Aber nicht doch... Wo bitte wollen Sie die denn aufstellen? Am Stadtrand? In die Stadt hinein...? Das ist nicht Ihr Ernst. Nun gut, wenn Sie es wünschen... welche Ausführung darf’s denn sein? Die klassische, hölzern, immer noch sehr... sehr robust, möchte ich sagen. Bringt so eine Art Klangkörper mit, old style, fürs Melodische. Wird gern genommen. Aber falls Sie einen gerichteten Schall vorziehen, kommen Sie, da habe ich etwas Besseres. Sehen Sie: hier durchläuft das Bellen ein System von Kammern und Reflektoren, ein Labyrinth, wenn Sie so wollen, und kommt am Ende gebündelt heraus. Sie können daneben stehen und hören nichts. Solange Sie nicht in den Bellkanal treten, hören Sie nichts. Dort allerdings wird’s infernalisch. Was?? Keine Sorge. Die Reflektoren sind wartungsfrei. Sie werden sie nie zu Gesicht bekommen, sie sind fest in den Kammern montiert und praktisch unsichtbar, sie reflektieren nicht bloß, sie verstärken das Bellen ganz ungemein. Schicken Sie einen Seufzer hinein und Sie erhalten – im Bellkanal, wohlgemerkt, denn sonst merken Sie nichts –, das Angriffsgekläff einer Staffel Rottweiler, den Rest können Sie locker... Wieviel sollen es sein? Zwei? Zwanzig? Hundert? Aber sagen Sie mal, bekommen Sie dafür auch die Genehmigung? Wie, die haben Sie schon? Von wem, bitte, nur aus Neugier, wenn ich fragen darf? Von ganz... oben? Wer ist das? Sie haben die Erlaubnis, uns das Leben zur Hölle zu machen und schneien hier so einfach herein? Gehen Sie, gehen Sie, den Vertrag schicken wir Ihnen zu. Einen guten Tag noch, einen guten Tag, jaja.

BENNPHASE

B
Eine Stimmungskanone –! Ein ZDF ganz für sich allein, für nicht Anschlusswillige, die an allem sparen, selbst an dem, wofür einer steht. Dieser hier steht für nichts, das gefällt den Adepten. Was einfällt, muss doch einmal gestanden haben. So ein Geständnis... Ein Glück, dass die Hüter des Missbrauchs kein Verhältnis zum Geschriebenen haben, längere Partien stehen sie nicht durch, das sind die glücklichen.

BEOBACHTERSTATUS

B
Eine gewisse Superiorität in kulturellen Belangen lässt sich der DDR posthum nur schwer absprechen. Es waren ihre Schriftsteller, die im Westen die größte Aufmerksamkeit genossen. Natürlich nur solche, die den Dissidenten-Nimbus mit dem Kulturbotschafterposten zu vereinen wussten, speziell ausgesuchte Leute von erlesenem Lebenswandel, die nach der Wende überwiegend in die Krise gerieten oder ins Gerede. Die Misere des ersten sozialistischen Staates auf ... Boden brachte es mit sich, dass auf der anderen Seite des Vorhangs eine kritische Öffentlichkeit auf dem Posten blieb und Beachtung produzierte – ein rares Gut, um das man im liberalen Staat kämpfen muss wie die Löwin um ihr Neugeborenes, was die einschlägigen Kreise spät, aber gründlich begriffen haben.

BEOBACHTUNG

B
›Beobachtung zweiten Grades‹ ist selten, sie ist nicht institutionalisierbar, jedenfalls nicht auf dem Weg einer auf Dauer gestellten Produktion hochgestochener Thesen. Sie tritt in der Gefahr hervor oder gar nicht. Die besten Beobachter vergangener Jahrhunderte waren ihren Zeitgenossen fast vollständig unbekannt. Warum sollte das inzwischen anders sein? Die Kaste derer, die sich heute den zweiten Grad attestieren, produziert für das Vergessen. Das sollte nicht vergessen werden, wenn sie sich öffentlich auf die Schultern klopfen, als käme gleich darunter das alte Lametta zum Vorschein.

BERATERTÄTIGKEIT

B
Zu den bedenkenswerten Vorgängen der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts gehört auch die nachhaltige Abdankung der Intellektuellen, die Einschmelzung dieser Spezies zu etwas, das man ›beratende Intelligenz‹ nennen könnte, wäre man nicht besser beraten, es zu lassen. Nicht dass hier Zweifel an der Beratertätigkeit im Allgemeinen oder an der Intelligenz gewisser Berater geschürt werden sollen! Aber den beratenden Typus hat es immer gegeben und das sonderbare Verhalten der neuen Freibeuter, die sich plötzlich in seine Jobs drängen, verdient vielleicht doch eine deftigere Charakterisierung. Wahrscheinlich wären schon frühere Zeiten darüber erstaunt gewesen, wie wenig die Vorgänger der heutigen Pseudoberater in concreto zu verändern gewusst hätten, hätte man ihnen die entsprechenden Rollen angedient. Aber da man die Intellektuellen stets als Statthalter des Feindes im eigenen Lande wahrnahm, an denen die Herrschenden ein – friedliches, entspanntes, offenes, liberales, deutliches, strenges – Exempel zu statuieren hatten, bestand das Spiel, in dem alle Seiten sich trefflich einrichten konnten, doch eher darin, sie von den Schalthebeln dieser Welt fernzuhalten. Das galt im Westen, das galt, mit anderer Skalierung der Werte und Mittel, östlich des Eisernen Vorhangs. Seither haben die Kassandren des Weltgeists gelernt und sind fort – ein seltsamer Zusammenhang, der jeden Gedanken daran verbieten sollte, Vögeln in großem Stil etwas beizubringen. Nein, nicht alle sind fort, ein paar Invaliden sind zurückgeblieben und vertreiben sich die Langeweile abwechselnd damit, von den alten Zeiten zu schwärmen und sich gegenseitig zu denunzieren. Auch sie juckt gelegentlich die Beraterei, aber da sie die Epochen im Flug überblicken, genügt es, ihre guten Ratschläge mit Verwunderung und einem warmen Gefühl unirdischer Beglückung zur Kenntnis zu nehmen.

BERECHENBARKEIT

B
Sollten wir irgendwann – es kann ja nicht ausgeschlossen werden, dass einmal dergleichen geschieht –, sollten wir irgendwann in die Lage kommen, selbst zu entscheiden, worauf es mit uns hinauswill, so wäre es vielleicht nicht so prickelnd, auf die bewährten Standards zu setzen. Aber es hätte den Vorteil zu wissen, woran der Andere mit uns ist – vor allem im Ernstfall. Nein, schlecht wäre es nicht, als berechenbar zu gelten, es am Ende sogar zu sein. Berechenbarkeit und Verlässlichkeit sind bekanntlich fast dasselbe, vor allem dann, wenn jemand selbst sich für berechenbar hält.
– Wie, das wäre unmöglich? Das kommt alle Tage vor, daran ist nichts unmöglich.
Der Berechenbare, sagen Sie, ist leicht auszurechnen. Gewiss, darum geht es ja. Jedes Kind soll wissen, woran es mit ihm ist – so denkt der Berechenbare. Die Welt besteht nicht aus Kindern? Das stimmt – zwar nur in Maßen, aber es stimmt. Erwachsen ist, wer es gefährlich findet, wie ein Kind zu denken? Sagen wir: blind zu vertrauen, ohne Hintergedanken? Das mag sein, darüber könnte man nachdenken... Der verlässliche Mensch will, dass man ihm vertraut: so etwas erzeugt Misstrauen. Wer Vertrauen erzeugt, erntet Misstrauen? Traurig, aber wahr. Vertrauen will gewonnen, nicht erzeugt werden. Wie also gewinnt man Vertrauen? Durch Berechenbarkeit? Zugegeben, das ist schwieriger, als man denkt. Genau betrachtet, schließt eines das andere aus. Der da will als berechenbar erscheinen? Verdächtig, höchst verdächtig. Er hält sich selbst für berechenbar? Seltsam: leidet er unter Realitätsverlust? Gefährlich, höchst gefährlich. Gegenprobe: Jemand hält sich für unberechenbar. Er will unberechenbar wirken, er will unberechenbar sein: nichts leichter auszurechnen als das. Unberechenbar sind wir alle in unseren Hintergedanken. Nun, wer sich auskennt, der kennt sie alle.

BESCHREIBUNG

B
Man bekommt es in Europa schnell mit Leuten zu tun, die denken können, so weit ihre Englischkenntnisse es ihnen erlauben, das heißt, nicht sehr weit. Diese Leute sind überall zu finden, wo man auf die eine oder andere Weise über die Realitäten des Kontinents verfügt. Da sie nicht wirklich verstehen, was sie tun – oder, sofern eine Ahnung davon in ihren Köpfen spukt, diese nicht ausdrücken können und daher lieber heimlich entsorgen –, geschieht, was geschieht, hinter ihrem Rücken, zwischen zwei Entscheidungsgängen. Man sollte nicht glauben, sie hätten die Verhältnisse, die sie produzieren, im Griff. Das Im-Griff-Haben ist ihre schwächste Stelle – wer immerfort neue Beschreibungen ordern muss, um den Griff nicht zu lockern, bleibt irgendwann auf ihnen sitzen. Auch das Unverkäufliche hat seinen Preis; es strapaziert die Nerven der Anbieter. Da haben sie die Realität, die sie meinen.

BESTIMMUNG

B
Das ist ein großes Wort und Grabbeau bediente sich seiner oft unter Tränen. Im Wilhelm Meister hat Goethe diesen Begriff mit tiefen Worten gedeutet. »Sie ist es«, lässt er Wilhelm am Bett des Flötenspielers gestehen, »die uns einfängt wie ein Netz, uns niederwirft und aufrichtet, sodass unser Brot, in Tränen genossen, nach den Feldern und Bergadern jenes anderen zweiten Mondes schmeckt, von dem das wahre Getreide der Kunst oft so unheilvoll auf uns niederrieselt. Wohl dem, der eine Mühle hat, es süßer zu mahlen.« Auch kennt die wahre Bestimmung keinerlei Grenzen. Jemand ward früh verworfen und später mit Hilfe Grabbeaus erhoben, ein anderer stieg mit jämmerlichen Kunststücken auf, aber Grabbeau warf ihn nieder und so ward sein Name für immer getilgt.
In Marbach zeigt man, wenn auch nur ungern, die oft sehr zahlreichen und über Nacht völlig verdörrten Zeitungsartikel der ›Frankfurter allzu kleinen‹, die niemand mehr lesen will. »Aus«, sagt der berühmte Schneider der Hölle, der Infant mit dem Ziegenbart, und zeigt seine gelben Zähne. Wir müssen ihn nicht beschreiben, wir kennen ihn alle, auch er hat seine Bestimmung im unteren Grenzenlosen. - PM

BETRACHTUNG

B
Siehe –: die Lilien auf dem Felde haben Anzeige erstattet und bewegen sich in großer gedanklicher Schnelligkeit auf den Betrachter zu. Ich finde sie aggressiv heute morgen, obwohl ich zugeben muss, dass etwas herausspringen sollte, so wie sie sich hergeben. Ich bin keine Lilie, ich weiß nicht, wie man sich fühlt, wenn man wie sie in der Betrachtung lebt – so versunken in sie, dass der Boden, in dem sie stehen, nicht weiter in Betracht kommt, es sei denn, sie laufen Gefahr zu vertrocknen. Da springen die Helfer herbei, hurtige Burschen, denen kein Weg zu weit und keine Bürde zu schwer ist. Ein Leben in der Betrachtung, genauer (was beinahe auf dasselbe hinausläuft): im Betrachtetwerden, fördert zweifellos den Verdacht, die andere, abgedunkelte Seite führe etwas im Schilde. Was ja auch stimmt. Wer im Blickpunkt steht, steht auf Nägeln, und man weiß nie, wohin die Spitze weist.

BETRIEBSAUSFLUG

B
Das Wirksamste am Betrieb ist die vollkommene gedankliche Leere, in der er sich vollzieht. Das heißt nicht, dass in ihm nicht gedacht würde. Im Gegenteil, nirgendwo wird vielleicht so viel gedacht wie im Gewimmel der Termine und Interessen. Das betriebliche Denken vollzieht sich im Modus des Im-Bilde-Seins, und es wäre doch erstaunlich, den Engel die Jungfrau fragen zu hören, in welchem Bild er sich jetzt eigentlich befinde und ob sie ihm aus dem Rahmen hülfe, damit er sich ein Bild machen könne. Nein, er beugt das Knie und überbringt seine Botschaft, Tag für Tag, Nacht für Nacht, er denkt nicht daran, davon abzulassen, sein Blick glitte an jedem ab, der ihn zu ein wenig Reflexion anhalten wollte. Man nennt das die Macht der Rituale, aber da täuscht man sich. Das ist kein Ritual, nichts, was sich wiederholte, das geschieht, einmal und unwiederholbar, aber – und das ist das Unfassliche – ununterbrochen, ohne Unterlass, bis in alle Ewigkeit. Es ist mit dieser Ewigkeit nicht weit her, wie man sagt, sie liegt gleich um die Ecke, man biegt einmal ab und ist schon angekommen für immer. »Das weiß doch jeder«, sagt G., »aber was das Schönste ist, sie werden unruhig, wenn sie die Ecke nicht gleich finden, sie werfen ihre Hände und Füße und finden es unerhört, so dass man nicht unterscheiden kann, ob sie nun hinein wollen oder sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben.« »Weder – noch«, meint A., dem die Pfeife nie ausgeht. »Sie glauben, sie müssten sich sträuben, aber es reißt sie dahin, sie finden die Schwelle, wenn sie zu stolpern meinen und richten sich als andere auf wie in einem Bild von Max Ernst: auf einmal tragen sie Vogelfedern im Gesicht und sprechen die Sprache ihrer Hundsnatur.« »Das ginge noch an«, sagt G., »könnten sie auch schweigen. Aber wer ihnen zuhört und die Melodie der Leere vernimmt, ist gebannt für immer. Er müsste sich freikaufen, doch da wäre eine Schwierigkeit: solche Summen kommen selten in einer Hand zusammen.«

BEWEIS

B
Dieser Beweis ist das Papier nicht wert, auf das er notiert wurde, jener ist so kostbar, dass ihm alle Papierbestände der Welt geopfert werden könnten, ohne dass jemandem Einbuße widerführe ‒ Beweise, Beweise, nichts als Beweise... Was sonst? Das Schöne an allen Beweisen ist, dass sie etwas vorausssetzen, selbst das Voraussetzen ist vor ihren Nachstellungen nicht sicher und lässt sich voraussetzen, als habe es hinten herum nicht genug zu tun. Der Beweis ist das Salz der Erde, der Mensch wäre ein Nichts ohne einen Beweis, dass es ihn gibt, und nichts hinderte ihn daran, die fälligen Konsequenzen zu ziehen. Einen Beweis ohne Konsequenzen gibt es nicht, kann es nicht geben, Konsequenzen sind indirekte Beweise, so wie es indirekte Fortschritte gibt, die nichts bedeuten dürfen, während sich alle Welt an ihnen bedient. Ja, man kann sagen, an diesen Fortschritten, die keine sind, die den Fortschritt ausschließen, sofern man ihnen glaubt, hängt die Welt, zumindest ihr Schicksal, wenn nicht mehr. Ein Fortschritt, der keiner sein darf, der nach nichts schmeckt, aber das große Fressen verhindert, zumindest hinausschiebt, lässt den Beweis, dass es so nicht weiter geht, alt aussehen. Zu Recht, denn auch er nimmt am Alterungsprozess der Welt teil, ein sich selbst verzehrender Terminkalender, stets aufs Neue zusammengestellt, denn Büros sind erfinderisch und schrecken vor keiner Planung zurück.

BEWUSSTSEINS-WELTEN

B
Wie wenig die öffentlichen Verteidiger der Vernunft gewillt sind, die Büchse der Pandora zu öffnen, für die sie geräuschvoll eine Lanze brechen oder auch zwei, erweist sich am Schicksal von Büchern, die nicht bloß vor Vernunft strotzen, sondern sich den Grundlagen aller Vernünftigkeit widmen, dem Denken in seinen Möglichkeiten und Gliederungen, seinen Funktionen und Wirkmechanismen, seinen Fähigkeiten und Modi der Weltverhaftung. Diese – wenigen – Werke liegen wie Blei in den Regalen, die Bibliothekarin blickt auf das Anschaffungsdatum und bläst besorgt den Staub von den Kanten. Ein schönes Buch, warum wird es nicht angenommen? Es liegt ein bisschen still da, es ist vielleicht schon ein wenig dick für sein Alter, aber sind das Gründe? Das Denken denken – vor dieser Parole laufen alle davon und halten sich noch auf sichere Distanz die Ohren zu. Was nicht schlecht ist, weil sich so manches Geschrei erübrigt.

BILDERBERG

B
Auf einem Berg aus Bildern sitzen die Reichen und Mächtigen dieser Welt und spielen Karten. Warum sie das tun, bleibt unklar, klar ist nur, dass sie alle dabei gewinnen. Alle? Alle. Allmächtiges Kartenspiel, das du denen, die dich zu spielen niemals innehalten, alles zuschiebst, was sie begehren, ist das gerecht? Andererseits: was begehren sie denn? Nichts kannst du ihnen geben, was sie nicht bereits hätten, außer dem ewigen Weiter!, das sie vorwärts treibt. Ihr Treiben also ist es, was du ihnen gibst. Dafür der Aufwand, wer hätte das gedacht. Vielleicht hält sich ja auch der Aufwand in Grenzen. All die zerbrochenen Bilder, wer sonst höbe sie auf? So dienen sie, auf einen Haufen geworfen, noch einem guten Zweck.

BILDERHANDLUNG

B
Dass Bilder eine Geschichte erzählen, ist ein frommer Wunsch, der viel damit zu tun hat, dass sie so müßig herumhängen. Nicht anders der Film: die bloße Abfolge von Bildern erzeugt keine Handlung. Dennoch redet man von der Handlung eines Films, als sei gerade sie das Reale daran. Jeder ist eingeladen, sich eine zu denken und folgt spontan. Diese Folgsamkeit, die beim Kinogänger größer ist als beim Bildbetrachter, erschreckt, sie zeugt von einem Mangel an Phantasie oder ihrer willkürlichen Beschneidung. Dabei gibt es Unterschiede. Das Bild zeigt eine Handlung, der Film hat eine Handlung. Über den Unterschied lohnt es sich nachzudenken. Schließlich hat der Film seine Handlung nicht verschluckt, so dass sie jetzt in ihm steckt und herausgezogen werden kann wie ein Knochen oder ein Tennisball, er hat sie auch nicht zur Hand, eine solche Vorstellung wäre ganz widersinnig, man sagt, er besitzt sie. Das lässt aufhorchen: der Film als Handlungsbesitzer erinnert an einen Kioskbesitzer oder den Besitzer eines Juweliergeschäftes, in dem die Auslagen diskret andeuten, was es alles zu kaufen gibt. Der Film verkauft eine Handlung, dafür ist er gedacht, es ist seine Aufgabe. Zusammen mit dieser Handlung verkauft er noch andere Dinge: den Geschmack an bestimmten Landschaften oder Stadtvierteln, an teuren Autos, an ausgefallenen Klamotten, an Gesten und Blicken, am Typus der Schauspielerin oder des Schauspielers und natürlich das ›Image‹ genannte Bild dieser Person, das kein Bild ist, sondern ein Phantasma, mit dessen Hilfe die Kundschaft zur Selbstbefriedigung schreitet. Dies alles hängt an der Handlung, die er verkauft. Sie muss gut sein, damit der Film glaubwürdig wirkt und die restlichen Verkäufe nicht ins Stocken geraten. Gut ist eine Handlung dann, wenn man zu wissen glaubt, was der Regisseur sich bei seinem Streifen gedacht hat. Wem das zu schwer ist, der hält sich an die Schauspieler: wenn sie überzeugen, dann muss auch am Ganzen etwas dran sein. Dieser Schluss vom Teil aufs Ganze, von der darstellenden Person auf den Sinn eines Ablaufs, ist widersinnig. Aber das stört nicht – es hebt die Stimmung. Ein guter Film liegt leicht auf, er verfliegt. Er ist schon verflogen, nur die Schauspielerin war süß, sie würde man gern kaufen, aber man muss warten, bis ihr nächster Film kommt.

BILDUNGSAUFGABE

B
Gegen eine journalistische Ungeheuerlichkeit stehen hundert andere, aus allen erdenklichen Lagern. Das gehört zum Journalismus dazu, es ist sein Markenzeichen oder wäre es, wenn die von ihm Porträtierten keine Ungeheuer wären. So finden die Ungeheuer sich gut getroffen, nur ihre gegenwärtige Rolle scheint ihnen ein wenig verzeichnet. Der Journalismus weiß also Bescheid, wenn er lügt, fälscht, unterdrückt. Die Leute nehmen ihm dieses Bescheidwissen ab, ansonsten fühlen sie sich allein gelassen. Sie kaufen alles, heißt das, aber sie glauben nicht, dass sie davon etwas haben. Eine gesunde Internet-Recherche befördert die gegenteilige Einstellung: die Leute denken, etwas dabei zu erfahren, für das sie um nichts in der Welt etwas geben würden. An dieser Stelle entdeckt sich der Internet-Journalismus als unendliche Bildungsaufgabe: dem Volk einzureden, es müsse für etwas bezahlen, was es umsonst gibt, weil es sonst nichts wert sei – das scheint nicht unmöglich, es scheint durchaus vorstellbar, aber eben nur als Aufgabe, vielleicht sogar als Selbst-Aufgabe. Man wird sehen.

BILLIGKEIT

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Nicht jede Demonstration beweist Stärke, manche bringt den Gegner gleich mit, der sie niederschreit. Ein kluger Schachzug, der beweist, dass es ums Ganze geht, mit all seinen Antagonismen und Widersprüchen. Der Schreier weiß, dass der Niederschreier sein Werk vollendet, der Niederschreier, dass der Sieg sein ist, solange er nur, organgestärkt, den Platz behauptet. Und das ist bloß die geringste aller Behauptungen: Jeder Schuss ein Russ’. Die guten Bürger, weit davon entfernt, sich wegen Ruhestörung zu beschweren, blasen die Backen auf und knallen munter mit, manche werden darüber so rot wie seit Jahren nicht mehr, aber nicht vor Scham, sondern aus Druck. Ein guter Bürger empört sich nur gegen sich selbst, aber auf Zuruf. Kaum fühlt er, dass sich der Antityp in ihm regt, geht er gegen sich auf die Barrikade und sagt, was Sache ist. Maßlos ärgert ihn das lose Mundwerk der anderen, zerschossen, wie es ist, lässt es Laute frei, die allerdings besser in der Brust des Einzelnen verborgen geblieben wären, vielleicht auch in anderen Körperteilen, wer weiß. Der Mensch ist des Menschen nicht wert, das macht, er ist sein eigener Gegen-Wert, auf der Waage der Billigkeit tendieren alle gen Null.

BINKAPUT

B
Binkaput, eine Meisterin ihres Fachs, zögerte nie lange, wenn es galt, sich eines Gegners hinterrücks zu entledigen. »Warum von vorn?«, pflegte sie zu fragen, »was soll das bringen?« Außer Scherereien natürlich, aber die wurden ausgeblendet, sobald sie ihre großen stahlblauen Augen in die ihres gewöhnlichen Gegenübers versenkte. Binkaput und ihr gewöhnliches Gegenüber, ein unzertrennliches Paar, gondelten durch die USA ihrer Jahre, stets einen joke im Gepäck, als bereisten sie die Galaxis: auf exakt vorausberechneter Bahn, mit majestätisch gehisstem Sonnensegel, von einer Massenansammlung zur nächsten sich schwingend, deren jede ausgereicht hätte, sie spurlos zu verschlucken, Kälte verströmend und Kälte empfangend – frenetische Kälte, die ein Beobachter leicht für Hitze hätte halten können, doch Naturwissenschaftler sind schwer zu täuschen. Das Ziel ihrer Reise: ein weißer Zwerg, kaum zu entdecken im Sternengewirr der Milchstraße. Ein Zwerg, ganz recht, manche nennen ihn ausgebrannt, aber welche Anziehungskraft! Einer für alle! Wer ihn einmal entdeckt hat, kommt von ihm nicht mehr los. Mag ruhig hier ein Bein, dort ein Arm verlorengehen in den Weiten des sogenannten Alls, why not? Ah, mein Gebiss – ich hätte es brauchen können, kein Zweifel, da braust es hin, möge es in Jahrmillionen einer ins Maul fliegen, der es steht, wem fehlt schon ein Gebiss? Aufgeben einer solchen Lappalie wegen? Nie und nimmer. Niemals und nirgends.

BIODEUTSCHE

B
Nein, er ist nicht lustig, der Ausdruck ›Biodeutsche‹, er ist faschistisch, ohne Abstriche, ohne Wenn und Aber. Hervorgekrochen aus Regionen der Gesellschaft, in denen gestänkert werden darf, weil der Gestank aus den Poren des vorbereiteten Bewusstseins quillt, hat es der Vorsitzende einer etablierten Partei sich nicht nehmen lassen, ihn in die feine Welt der ›wertebezogenen Auseinandersetzung‹ und des medialen Gerangels um die beste Lösung des Zukunftsproblems emporzuheben – zum stillen Vergnügen mancher Gesinnungsfreunde, deren Hauptaugenmerk auf einer gesunden Gülle liegt, zur lauteren Freude von Zwangsneurotikern, die, weil es zur Selbstscham nicht reicht, sich ihrer Mitmenschen schämen und dafür nach dem ideologisch korrekten Ausdruck fingern, zur heimlichen Befriedigung quergestrickter Bevölkerungsplaner, die mit dem Gedanken an künftige Reservate hausieren gehen (»Rosenheim Ost«, »Uckermark«, »Prenzlauer Berg«) und gern schon einmal die Eintrittkarten drucken, zum Was-auch-immer von Masochisten, die blinzelnd ihre waidwunde Seele nach außen kehren und dafür Beifall von der falschen Seite einfordern. Er ist nicht lustig, weil er das Fortleben giftiger Distinktionen in den Köpfen ihrer angeblichen Überwinder bezeugt: Es darf, vorerst verbal, gefoltert werden. Er ist nicht lustig, weil im Hintergrund ein Modell der ›Landnahme‹ aufscheint, dessen Vorhandensein anzudeuten unmittelbar in die glitschigen Gefilde der politischen Inkorrektheit und des ›Hate Speech‹ führt. Zu Recht! In einem von allen Landesbewohnern gewollten demokratischen Gemeinwesen darf und kann es dergleichen nicht geben. Darf und kann…? Parallelgesellschaften mit der Tendenz sich auszubreiten und zu konsolidieren, Inseln patriotischer, rechtlicher, kultureller Inaffiziertheit und herkunftsstolzer Separation, von ideologisierten Sprücheklopfern bewirtschaftet, die auf den ›biologischen Gang der Dinge‹ setzen, sind weder harmlos noch lustig noch ›kulturell bereichernd‹, wie manche zu glauben wünschen, sondern, ganz recht, Zeugnisse gelingender Desintegration.

BIOGRAPHIE

B
Dass etwas von A bis Z erlogen sein könne, ist ein Philologentraum. ›Alles Lüge‹ steht über den eifrig geschriebenen Biographien der Künstler, der Autoren, der Menschen von außergewöhnlicher Kompetenz. Glaubt ihnen kein Wort, denn den bedeutenden Menschen gibt es nicht. Kennen Sie das Wort ›Litanei‹? Ein bisschen? Das reicht nicht. Die Herstellung der Lügen erfordert eine eherne Stirn und das Absingen immer derselben Strophen aus einem Buch. Und das ist wahr. Über das Wunder der inversen Wahrheit wurde viel geschrieben, überwiegend von Menschen, deren Biographien selbstredend aus lauter Lügen bestehen, weil niemand die Wahrheit kennt. Biographien sind Würfe. Ob sie ins Ziel gelangen, hängt von der Art und Beschaffenheit des Ziels ab wie von der Art des Wurfs, der bei Linkshändern anders aussieht als bei einem Neurodermitiker, der trotz eifrigen Forschens nicht weiß, was ihn reizt. So wird ein Leben emporgeschleudert und ein anderes in den Abgrund versenkt, beides sinnlos. Dazwischen bewegen sich die Schlaumeier mit der Unbefangenheit von Kröten oder Eidechsen: ein kleines Vergehen, eine kleine Entlarvung, eine kleine Verächtlichmachung, eine Andeutung, jemanden wie dich und mich vor sich zu haben, berechtigt bereits zu den unsinnigsten Zuschreibungen. Jeder, der sich im Leben halbwegs kundig gemacht hat, ist ein Kompendium seines Jahrhunderts. Darin liegt nichts Besonderes. Fragt sich, wie beschlagen der Biograph ist und woran ihm liegt. Entsprechendes gilt für die Tat, die ihre Bedeutung aus flüchtigen Konstellationen empfängt und deshalb mit der Zeit sinnlos erscheinen muss. Der Biograph, der sie aus der Sinnlosigkeit erlöst, ist immer ein Heiland. Oder ein Nussknacker. Die kleinen knackt er, die großen lässt er unter dem Vorwand liegen, sie bestünden aus lauter Missverständnissen. Wir wissen noch nicht, wie wir verstehen sollen, was damals geschah. Es ist mir eine Ehre, jedem künftigen Verständnis vorgearbeitet zu haben, das als solches wird auftreten können. Amen.

BLEIGESTALT

B
Die Literatur, wie wir sie kannten, hat eine Bleigestalt, sie ist schwer, sie zieht nach unten, es braucht Ablagen, um sie festzuhalten. Irgendwann verwechselt man sie mit den Ablagen, das viele Blei scheint angewachsen, es wächst die Lust, sie sich selbst zu überlassen und zuzusehen, wie die Natur sie zurückholt. Die Literatur, wie sie heute entsteht, hat kein Gewicht, sie ist federleicht und jeder versteht sie – vielleicht nicht jeden Buchstaben, aber den Geist, der aus ihr spricht, auch wenn das Wort ›Geist‹ zu denen gehört, die auf der Ablage vermodern. Man liest, um zu verstehen, das ist richtig, das Wort Blei gemahnt an den Berg aus unverstandenem Zeug, auf dem man, recht bedacht, steht, auch wenn er längst abgesackt ist und eher einer Kuhle gleicht, in der das Regenwasser sich sammelt. Nie wieder Blei! ›Wir verstehen uns‹, das ist der Satz, der das Zeug hat, verstanden zu werden, er enthält alles, was von der Buchform übrigblieb, er ist das Buch. Oder doch Blei? Es bleibt schwer, ein Buch zu lesen, es ist eine Kulturleistung, für die nur belohnt wird, wer bei der Stange bleibt. Nicht aufhören! – so klingt der leise Sermon des Buches, wenn der ermüdete Arm es sinken lässt und die Sinnfrage weicht. Nicht aufhören! – so klingt es zwischen den Seiten, wenn der Leser, erschöpft ob all des Überflüssigen, das er in sich hineinschaufelt, die Notbremse fixiert. Dies hier ist Überfluss und Überfluss ist Kultur. »Soviel Kultur«, denkt der Leser, »ist das nicht anstrengend?« Kultur ist anstrengend, zwitschert das Buch, zwischen den Seiten ruht das Vergessen. »Kultur ist anstrengend, weil man vergisst?« denkt sich der Leser, »ich hätte gedacht, Denken strengt an, damit das Gedachte nicht mehr weggeht.« Dummkopf, flüstert das Buch, wer redet vom Denken? Literatur denkt nicht, sie regt das Denken an. Welches Denken kann das sein? Denk nach! »Aber wenn ich nachdenke, muss ich mich konzentrieren. Wenn ich lese, konzentriere ich mich, wie du sagst, auf nichts. Was soll denn dabei herauskommen?« Das kann ich dir sagen, schwatzt das plötzlich vertraulich gewordene Buch. Wenn du denkst, du liest, liest du dann nicht? Wenn du aber liest und denkst, dass du denkst, denkst du automatisch, dieser Bleiberg, auf dem du stehst, befinde sich in dir selbst, in deinen Eingeweiden, in deinen Muskeln, in deinen – achte auf meine Worte! – Gedanken. Wenn die Literatur eine Frage ist, dann bist du die Antwort. Wenn du die Frage bist, ändert sich daran nichts. Du bist also die Frage und die Antwort, doch nur, solange du liest. Noch Fragen?

BLOCH

B
Es gibt Stunden, da holt der alte Schallmeier seinen Bloch heraus, putzt sich die Brillengläser und beginnt zu lesen. Drei Sätze nur und er ist wieder im Rhythmus, dem eckig, ruck-zuck und dabei so geschmeidig sich wälzenden Strom von Undurchdachtem, Verdautem, Unverdautem, Verschrobenem und Gestemmtem. Er liest nicht lange und er hält inne, die Erinnerungen haben ihn überwältigt, es glänzt die Backe und eine Träne läuft darüber hin, als wollte sie sagen: Was soll ich tun? – Und wirklich, was sollte sie tun? Eine Träne dem Universum, der brodelnden Materie, dem prometheischen Feuer und der Mission: Er war der letzte, der sie seinen Deutschen entlockte, der sie ihnen entrang oder entriss, ja, entriss, das wird es sein, denn eigentlich war, was da stand, komisch – es war schon immer komisch, nur heiter, das war es nie. Schrecklich dagegen der gütige Apologet des ›schon immer‹, der hinauswatete, wo dieser unterging. Dass der sozialistische Held eines Tages sogar den Tod besiegt, das Skandalon – diese Große Marotte des Denkers sagt viel, wenngleich nicht alles. Immerhin verdeckt sie den Käfig, in dem der Unsterbliche sitzt, abgewandt, bleich, mit erloschenen Augen angesichts all der Tode, die aufgewandt wurden, um ihn für eine Weltsekunde hervorzubringen – ein Untoter unter seinesgleichen, ein Toter unter Toten und Lebenden. Zwischen diesen da und das All passte nichts als eine Trompete.

BLÖDHALTUNG

B
Wie blöd muss einer schon sein, um endlich auch für blöd gehalten zu werden? Das ist eine Preisfrage. Wer die Antwort weiß, der heimst alle Preise ein, die das Leben zu bieten hat, jedenfalls dann, wenn er es geschickt anstellt und nicht zu blöd für den Erfolg ist wie alle die anderen. Die meisten Menschen sind zu blöd, um Erfolg zu haben. Daran erkennt der Gerechte, wie positiv diese Eigenschaft ist. Ohne sie wäre Gesellschaft ein einziges Hauen und Stechen und der Erfolg bliebe auf der Strecke. Medien zum Beispiel halten ihre Kundschaft notorisch für blöd, solange sie sich auf der Erfolgsspur wähnen, sie begreifen nicht, dass die Kundschaft sie nur ersatzweise frequentiert, solange die richtigen Informationen noch ausstehen, die richtigen Analysen, sogar die richtigen Ansichten, denn das öffentlich-rechtliche Kommentatorengeschwätz kann es nicht sein. Das heißt sich von Tag zu Tag informieren. Information entsteht aus Desinformation, wer halbwegs informiert ist, misstraut jeder Information. Mit wachsendem Misserfolg, das weiß jeder halbwegs kluge Kopf, greifen alle Medien unter sich, sie begnügen sich nicht länger damit, ihr Publikum für blöd zu verkaufen, sondern versuchen es zur Blödheit zu nötigen: ein Circulus vitiosus mit bekanntem Ausgang. Es geht ja mit, das werte Publikum, so wie ein Gesunder mit einem Kranken mitgeht, in der Hoffnung, es ginge dann besser, doch wenn alles nichts nützt und der nächste Termin drängt, lässt er los und schon bleibt der Kranke mit seinem Gebrechen allein zurück. Das mag bedauerlich sein, aber so grausam ist das Leben, jedenfalls von Zeit zu Zeit. Meine Zeitung zum Beispiel, wie hieß sie nicht gleich? Blödgehaltene aller Länder – nein, bitte, vereinigt euch nicht! Es wäre furchtbar.

BLUMENBERG

B
Wir fanden, das sei ein treffender Name, als wir daran gingen, das kopernikanische All neu zu justieren, und nach einem Ort suchten, an dem diese notwendige Operation mit Leichtigkeit vollzogen werden konnte. Der Ort selbst war rasch gefunden: ein sanfter Hügel in einem Gelände voller Bauschutt, durchzogen von gurgelnden Wasseradern. Hier aber fanden sich Krokusse und, Glück eines neuen Tags, wiegten sich Butterblumen im Wind. Auf diesem Hügel saßen und redeten wir viel mit uns selbst, wir redeten uns die Tage weg, als seien es Stunden. Jahre vergingen so wie nichts und Bücher entstanden, von denen wir vordem kaum etwas ahnten, dickleibige, wie es sich an einem solchen Ort gehört, wir aber ließen die Finger unserer Gedanken wie Elfen durchs Gras laufen und dünkten uns glücklich. Nur hier konnte es geschehen, dass einer, inmitten restrukturierter Trümmer, die Legitimität der Neuzeit fand, diesen ebenso bestechenden wie zeitlos gültigen Gedanken, in den sich alle eintragen können, die noch vor Ablauf ihrer Frist seufzen möchten: »Wir waren es auch.« Und das ist sogar legitim. Denn angenommen, es wäre anders, so bliebe doch der Verdacht, es könne alles mit rechten Dingen zugehen, die gezinkten Karten müssten so sein und es komme nach und nach auf den Tisch, was darunter verkauft wurde. Neuzeit ist immer, wie sollte gerade diese nicht legitim sein? Welche Wucht steckt hinter einem solchen Gedanken? Man denke hier an die stete Brise, das Säuseln der Gedanken im Denken selbst, aus dem sie selten, und nicht zu ihrem Vorteil, herausbrechen. Von diesem aber lernten wir viel.

BLUTZUCKER

B
Zweierlei Ekel: der erste angesichts des besinnungs- und grenzenlosen Auskostens eines Weltzustandes, in dem den Deutschen der allgemeine Scham-Part zufällt. Der zweite davor, wie schamlos die Deutschen dieses Geschäft betreiben. Es scheint, sie betrachten es als ihr Glücks-Los. Das mag psychologisch und ›moralisch‹ richtig (und gut fürs Geschäft) sein. Aber: was für eine Moral ist das? Nirgends ist Scham gleich Moral. Allenfalls darf sie Handlangerdienste verrichten. Erst die gebändigte, die für die ›richtige Sache‹ mobilisierte (und kanalisierte) Scham wird moralisch – oder sollte es. Scham zeigt sich – als was? Erzwungene Scham wird Beschämung, Beschämung Gefolgschaft, Gefolgschaft jener bedenkenlose Fanatismus fürs Gute, der jeden Einwand beiseiteräumt und, sofern man ihm freie Bahn lässt, schon den Ansatz von Fairness mit eigentümlicher Wut verfolgt. Was also wäre eine zur öffentlichen Anstalt mutierte Scham? Vermutlich: archaische Un-Moral, als Sensibilität getarnt. Bei soviel (gedoppelter) Anfälligkeit fürs Gewesene blüht der Manichäismus der Gegenwart. Immer auf der richtigen Seite zu stehen, das kommt, aufs Ganze gesehen, teuer zu stehen, vor allem, wenn die moralischen und ökonomischen Ressourcen der richtigen Seite schwinden. Die Schlauen wissen es wohl und wechseln die Seiten wie öffentliche Verkehrsmittel – Hauptsache, die Selbstgerechtigkeit des in dritter Instanz Geläuterten kommt mit. Wo alle Volk sind, sind die Antideutschen die Erwählten. Zu was erwählt? Erwählt wofür? Vor allem: Erwählt wogegen? Erwählt von wem? Kinder, stellt Fragen. Schließlich seid ihr erwachsen. Auch das geht, wie vieles andere, vorbei.

BODENSEE

B
Ein Ritt über den Bodensee kommt selten allein. Schon bei paarweisem Aufritt verdoppelt sich die Annehmlichkeit des Versagens. Darin liegt ein Geheimnis, das vielen bekannt und kaum einem recht ist. So sieht man sie gekrümmt dahinjagen, auf Tuchfühlung fast, aber ohne Blick. Wie das Eis trägt! Verblüffend, ganz verblüffend.

BOTAMIN

B
Der fein zu verteilende Stoff – BW, das Salz der Erde, Be-Wusstsein: kein käufliches Produkt, dem es nicht beigemengt wäre, in niedrigen Dosen, versteht sich, unterhalb jener Grenze, an der die Hüter der Werte Einspruch erheben, obgleich sie beweglich ist und in Gefahrenzeiten leicht erhöht werden kann, so dass die Gefahr, wie jeder weiß, der im Bilde ist, augenblicklich zurückgeht. In der Gefahr weicht die Gefahr, um als Chance wiederzukehren. Das ist eins der Geheimnisse, vor denen die Misstrauischen zittern. Hölderlin hat es gewusst und Reagan, der Schauspieler, auch. Im therapeutischen Raum wird BW noch immer als Spritze verabreicht, man glaubt hier stärker dosieren zu dürfen und die Effekte ergeben ein rasch lesbares Bild. Vernünftigerweise lässt man es nicht dazu kommen. Was immer einst Psychoanalyse und Marxismus bezweckten, Designer können es besser und werden auf diesen Punkt trainiert. Die Welt steckt voller Bewusstsein, wussten Sie das? So lassen sich z.B. durch kleine Täfelchen Religionen verbreiten oder zerstören, eine geschickt gestaltete Website kann eine Region in den Wahnsinn treiben und, wer weiß, den Weltbrand entfachen. Daran arbeiten viele.

BOTSCHAFTER

B
Der Botschafter ist die Botschaft. Da schreitet er die Treppe herab, der alternde Neue, der neue Alte, denn auch dieser hat viel gestalten müssen, um in der Gestalt des Botschafters erscheinen zu dürfen. Nur die Botschaft wandelt sich nicht, sie ähnelt ein wenig der des Jüngsten Tags, wenn endlich alle Zukunft aufgebraucht sein wird. Nein, so weit ist es noch nicht. Aber der Verbrauch an Zukunft hat ein bedenkliches Maß angenommen und wird jetzt auf ein bedenkliches Maß zurückgenommen. Gleich fühlt die Gegenwart sich bedrängt und fordert ihr Recht. Welches sollte das sein? Welches Recht sollte die Gegenwart haben, wenn nicht das auf Gestaltung der Zukunft? Zukunftsfähig wollen sie sein und alles jetzt, das geht, unter Währungshütern, nur um den Preis der Falschmünzerei. Ganze Staaten lassen sich dabei erwischen und spielen mit ihren Flügeln, um Reue anzuzeigen und die Luft zu testen, vielleicht können sie noch entwischen. Der Botschafter kennt seine Kameraden, er ist einer von ihnen, er ganz allein, ein Staatswesen mit einem linken und einem rechten Flügel. Er weiß, wie man die Gewichte verteilen muss, auf dass niemand sich erhebt. Er weiß es gut, denn er ist gewarnt. Die Geschlechtslosen starren auf sein Geschlecht, als erwarteten sie dort ihr Los. Wenn es bitter kommt, tut es doch gut zu wissen, wo so einer den Most holt.

BRABBELSUMPF

B
Im Brabbelsumpf geht es uns wohl. Warum das so ist? Keine Ahnung. Ein richtiger Brabbler benötigt den Sumpf um voranzukommen ohne voranzukommen, aber das Rudern ist herrlich. Das Material ist zäh, es klebt an den Seiten, es klebt zwischen den Zehen, es verschmiert den Mund, sobald er sich öffnet, sieht es so aus, als öffne der Sumpf selbst seinen Schlund, oder besser: als öffne sich Schlund an Schlund, denn ein Brabbler kommt selten, eigentlich nie allein. Diese leuchtenden Zahnreihen haben etwas zu erzählen, etwas Großes, zu dem jede ihr Scherflein beiträgt, den Brabbelcent, erkennbar an seiner Unerkennbarkeit, die mancher für bare Münze hält. Keine Spielereien! Die Brabbler haben die Welt nicht erobert, sie haben sie nur verändert. Und das gründlicher, als sie es jemals verstanden. Verstehe einer die Welt.

BRANDT, PETER

B
Zu den überragenden Verdiensten Willy Brandts wird man einmal seine drei Söhne zählen müssen, von denen einer als Schauspieler die Nation allabendlich mit den Schrecken ungesetzlicher Handlungen versöhnt, während der andere, als Historiker, die Schrecken der Geschichte, ohne ihnen ein Jota abzunehmen, als lebbare Mitgift der Menschheit behandelt. Denn tatsächlich blieb es dieser Generation vorbehalten, die Lebbarbeit der Geschichte neu zu erproben, insbesondere desjenigen Teils, den ihr die Vorgänger (und Vor-Vorgänger) hinzugefügt hatten. Dem Leben im Schatten der Bombe entsprach in diesem Weltteil symmetrisch das Leben im Schatten der mühsam geteilten Einsicht in die Realität des absoluten Grauens. Fälschlicherweise nahm man an, es sei an der Grenze des eigenen Daseins gestoppt worden, während es doch auf anderen Kontinenten fort- und koexistierte: eine doppelte Virtualität, die ihre eigenen Virtuosen hervorbrachte, Bewältigungsathleten im Zeichen der moralischen terreur, die bei einigen, wie zu erwarten, in physischen Terror umschlug, bei anderen in eine Art von dauerhaftem Wundstarrkrampf mündete. Dass man im geteilten und geschrumpften Land die Nation zum Müllschlucker des Gewesenen deklarierte, lag wohl am Wege, in einer Welt der gelernten Lektionen blieb dies die gelernteste und gelehrigste. – Nicht das So-Sein, sondern das Sohn-(und Tochter-)Sein war über diese Generation verhängt, der noch immer etwas Blasses, Verwaschenes, Unfertig-Altbackenes und, ehrlich gesagt, bei aller vorgetragenen Entschiedenheit Unentschiedenes anhaftet. Der Sohn des zum Repräsentanten des ›anderen Deutschland‹, dann seines Landes und schließlich der sich restituierenden Nation aufgestiegenen Exilanten, des ersten und bislang einzigen Kanzlers, der nicht ›beliebt‹ war, sondern geliebt wurde, musste irgendwann wohl oder übel Historiker werden und die Linie, die der Vater in der Politik zog, ins Gewebe der Fußnoten und der gelehrten Parenthesen übertragen. Und wohl oder übel musste es die Nation sein, die ihn dabei beschäftigte: die besudelte, aber eben auch lebbare, jene geteilte, deren Einheit lange Zeit denkbar, aber praktisch unmöglich schien, die erneut vereinte, deren Ruhelosigkeit sich sofort neue Formen der Selbstnegation verordnete, auf dass sie ihrer Funktion als ideologische Schaltstelle Europas nicht verlustig gehe. Wer Peter Brandt für einen Apologeten des Ausgleichs hält, hat etwas grundlegend missverstanden. Wenn ›Verständigung‹ den rationalen, ›Ausgleich‹ den (macht-)ökonomischen und ›Versöhnung‹ den ethisch-religiösen Aspekt der Aufgaben umreißt, die nach Vernichtung und Aufbau anstanden, dann ist ›Entwahrlosung‹ vielleicht nicht der heikelste, aber subtilste, da unmittelbar auf den Wandel der Selbstverständigung im jeweiligen Ganzen zielende Teil. Das ist, alles in allem, ein kollektiver Vorgang, dem vorzugreifen gefährlich, dem hinterherzutrotten tödlich sein kann. Wie alle historischen Prozesse braucht auch dieser Symbolfiguren. Voilà – bedient euch!

BRATENWENDER

B
Wer den Braten riecht, der muss ihn wenden. Das ist eine alte Regel, herüberschallend aus Bereichen, in denen ›Kultur‹ weniger mit einem Theaterabend assoziiert ist als mit den Fingerzeigen einer nahen, nichtsdestoweniger schwer zu fassenden Gottheit, wie es denn geht, das Leben, oder meinethalben: wie Leben geht. Die intellektuelle Ableitung kommt demgegenüber spät, fast zu spät, aber sie bleibt deutlich, es handelt sich um eine der letzten Zuckungen der Wahrhaftigkeit, bevor sie in der Fülle des Gleichgültigen ertrinkt. Also: Wer den Braten riecht, muss ihn wenden. Oder: Es geht nicht an, in einem Gehäuse aus Überzeugungen weiter zu leben, dem bereits das Dach davonfliegt. Doch das ist ein grobes Bild – wer sich auskennt, dem sagen weit subtilere Zeichen Bescheid, er ist bereits im Bild, bevor es entsteht. Wer kennt sich da aus? Ist es der, der unruhig wird bis in die Zehenspitzen, weil ihm heiß und kalt ist, weil er es nicht mehr aushält im gesicherten Heim? Oder ist es der, der in Ruhe den ersten Streich führt? Welche Motive sind da im Spiel? Auch die Nachwelt ist kein genauer Herold, sie kann sich schwer täuschen, wie man so sagt. Und wer ist die Nachwelt? Den Braten riecht keiner und mancher, der sich als Verhängnis ausposaunt, sähe sich als Fliegenbeinzähler rasch überrundet.

BRINGSCHULD

B
Diese Frau ist eine Heuchlerin, na und? Sie ist Alleinerziehende. Der Mann an ihrer Seite, der als Vater konsumiert wird, weiß davon und schweigt. Er schweigt nicht nur, sondern ist eifrig dabei, geleitet von dem sonderbaren Gefühl, nicht hinter das Erreichte zurückfallen zu dürfen, weil es sonst aus wäre. Was wäre wohl aus, wenn er sich zurückzöge? Die Täuschung, was sonst. Die unerhörte Täuschung, Vater sein zu können unter Konditionen, die von ihm nicht gemacht wurden und die er nicht verantworten kann. Er akzeptiert sie aber und versucht, mit ihnen ›zurechtzukommen‹. Das Zurechtkommen ist eine merkwürdige soziale Tugend, die das Fußvolk nicht gern analysiert. Man verdankt sie Trümmerlandschaften, von denen manche glauben, sie existierten nicht mehr. Aus den Augen, aus dem Sinn. Und wirklich: seit draußen alles so geleckt aussieht, als stünde die große Flut gleich bevor, spielen sie Innenwelt. ›Erlaubt ist, was sich ziemt‹: der Zurechtkommer darf sich aufbrauchen. Dafür gibts Urlaub extra. Vaterschaft ist Bringschuld – ein Geschenkartikel, der sich im Geben verzehrt. Am Ende der Seifenoper erstrahlt aus den Kulissen die Fratze der Kindheit, die keine war. Erwachsene, gewillt, niemals erwachsen zu werden, reichen einander die Hände und ein auf X-Beliebigkeit heruntergedrückter Idiot murmelt bühnenreif: »Aber ich will doch...« Sein Double nervt derweil die Gäste des Stammlokals, sofern er nicht die Bedienung anmacht. Sie bringt das Zeug, das er dringend benötigt.

BRODER-EI

B
Wäre Broder nicht Broder, er wäre dennoch Broder geworden. Das ist keine Kritik, sondern eine Feststellung. Sie zieht die berechtigte Frage nach sich, was aus Broder geworden wäre, hätte er nicht von Beginn an Broder sein müssen. Solche Fragen sind, ihrer Natur nach, nicht zu beantworten. Sie leben vom Paradox, lebendiger sein zu müssen als das bewegte Bild, das sie hervorruft, während sie doch nur seinen blassen Widerschein liefern. So wirkt die Vorstellung eines anderen Broder schlechterdings widersinnig: Sie beleidigt den guten Geschmack und tritt den schlechten mit Füßen, statt ihn zu hofieren, wie es sich doch gehört. Es gehört sich, Broder als Broder zu betrachten, als das Absolutum, zu dem der Mensch nicht heranreift, sondern als das er in die Welt eintritt, jedenfalls in die Welt des Feuilletons, wo er hingehört. Broder, das ist: das Ei des Kolumbus, auf sich selbst gestellt. Broders fundamentale Entdeckung, sein Einstieg in die Welt derer, die, nun ja, zählen, bestand darin, den fleißig-kritischen Geistern der Republik ihre Kolumbus-Eier zu entwenden und dem Publikum lachend unter die Nase zu halten: Seht her, damit machen sie’s! Und alle sahen her. Bekanntlich entsteht ein Kolumbus-Ei dadurch, dass einer den Mumm hat, hart aufzusetzen, was partout nicht stehen will, und dadurch einen künstlichen Stand zu erzeugen: Geht doch! Der künstliche Stand der Kritik ist der Kritizismus: ›Da Juden Opfer sind, sind wir alle Juden. Da Opfer Opfer sind, sind wir alle Opfer. Da alle Opfer sind, sind alle wir.‹ Die künstliche Jagd nach dem leeren Täter, der mittels abstrakter Worthülsen wie ›Kapitalismus‹, ›Imperialismus‹, ›Neoliberalismus‹, ›alte weiße Männer‹ etc. fluktuierenden Täter-Imago, erheitert Broder und lässt seine professionelle Zornader schwellen. Einer wie er wird nicht müde, unter den Wortkaskaden des Opferdiskurses und der durch ihn hofierten Unfähigkeit zu trauern die wirklichen Opfer hervorzuklauben und auf die Delle zu deuten, die der Kritizismus der Wirklichkeit zufügt. Kritizismus ist der Konformismus derer, die von der Kritik leben. Wovon lebt Broder? Von der Kritik des Kritizismus? So kann man es sehen, so sieht es Broder, falls er zu sehen geruht. Wie kann einer immer neu kritisieren, was sich im Kern immer gleicht? Broder, dem auf Dauer gestellten Kulturlärm dauerhaft attachiert, kann nicht anders, als die eigene Kritik auf Dauer zu stellen. Das ist das Broder-Ei, wie die Republik es kennt. Kein Wunder, dass ihre Grenzen in ihm, gegen den enthemmten Konformismus, einen ihrer eifrigsten Verteidiger finden. Sie ist sein Lebenselixier, sein Jungbrunnen, sein Haus ohne Hut, sein Eierlieferant: Knirscht, aber steht.

BRÜLLABEND

B
Anspielungen gibt es, bei denen das Publikum brüllt, ohne dass es verstünde, worum es geht. Warum? Weil das Brüllen in seiner Natur liegt? In seiner Theaternatur? Das Publikum besitzt keine Theaternatur, es fordert sie nur – von anderen, aber natürlich auch von sich selbst, wozu säße es sonst an diesem Ort, wo es laut zugeht? Natürlich nicht im Zuschauerraum, hier geht es still zu und unbeweglich, schließlich sitzen hier die Verhältnisse ein, die da vorne am Pranger stehen, doch keine Regel ohne Ausnahme. Warum brüllt das Publikum? Weil es sich vor Eifer nicht anders zu helfen weiß? Nein. Es muss nur einmal heraus. Alles muss einmal heraus. All das Ungesagte, einmal muss es gesagt sein, damit es gesagt ist, und wenn es gesagt ist, dann hat es doch einer gesagt, oder? Applaus! Genauso gut muss heraus, was alle dauernd sagen, wenn man genau hinhört, das Mitgeplapperte, das Geplappere überhaupt, das alle kenntlich macht. Selbstgenuss im Ekel, Sie wissen schon. Kommt so ein Ekel auf die Bühne … we love it. Schon brüllt der Laden. Manchmal geht nur ein Stöhnen durch ihn hindurch, das ist dann grausiger als alles, was die Welt draußen zur Kenntnis nimmt, das geschieht nur hier.

BUCHFRONT

B
An der Buchfront wird munter gekämpft, es geht dort zu wie auf dem Basar, wenn die Preise verrutscht sind und dem Handel der Untergang droht. Das Buch schweigt zu diesen Kämpfen, es hat, wie zu allem, eine Meinung, und schwitzt sie aus, denn es geht um die Existenz. Was andere Front nennen, gerät ihm zur Fron, seit es die Welt nicht mehr abbildet, sondern verarmt. Die Welt ist mehr als ein paar Blätter Papier zwischen zwei Deckeln, das hat man immer gewusst, aber sein Wissen brav zwischen besagte zwei Deckel gepackt. Damit ist es vorbei. Was sich noch immer zwischen den Blättern tummelt, ist Betrug: man sieht sich von Marktschreiern hineingenötigt und strebt enttäuscht dem Ausgang entgegen, müde des Aufschubs, der sich im Wenden der Seiten kundtut, und entsetzt taumelnd angesichts des Versuchs, dem kindlich gebliebenen Gemüt das alte Quidproquo anzudienen. Schmeckt denn keiner die Asche? Nein, an der Buchfront wird nicht mehr gekämpft, man hat dort andere Sorgen.

BUCHSTABENLABYRINTH

B
Dass man aus Buchstaben Labyrinthe bilden kann, wissen alle, das ist nichts Besonderes. Dass man Buchstaben aus Labyrinthen verfertigt, wissen die wenigsten. Wie viele Labyrinthe gehen in einen Buchstaben? Viele, sehr viele, die meisten vielleicht. Nicht nur, dass man sie unter Buchstaben bringen kann – das geht immer, aber es bleibt ein bisschen beliebig –, sondern auch, dass die Grade ihrer Verschlingung nie zu hoch ausfallen können, um nicht irgendeiner Figur zuzuneigen, macht sie anfällig: irgendeine Figur ist bereits genug, um eine der robusten Typen hineinzulesen, welche die Welt regieren. Da geht es den Labyrinthen nicht anders als den Zeichen ohne Sinn, die sich eine sinnlose Deutung gefallen lassen müssen. Apropos: Sind Labyrinthe sinnlos? Doch nur, insoweit sie Buchstaben ähneln. Mit ihrer Hilfe lässt sich jeder Sinn erzeugen: durch Legen und Deuten. Nur die Freizeitlabyrinthe, an denen ein Schild hängt, das darauf hinweist, wie bedeutsam sie sind, bleiben stumm. Das versteht sich von selbst, der Buchstabe L, an dem ein Schild hinge mit der Aufschrift: Man kann damit lesen, böte einen ähnlich traurigen Anblick. Labyrinthe gewinnen ihren Sinn wie die Kopula für den, der nicht stehen bleibt, sondern weiter geht. Wer sie anstarrt, kann lange warten: da rührt sich nichts. Wer hineingeht, um eine Belohnung zu erhalten, dem winkt der Hirntod.

BUCHSTABENWISSEN

B
Wir wissen wenig darüber, was Buchstaben wissen, und dennoch vertrauen wir ihnen unser Liebstes an. So sind die Menschen: leichtfertig bis zum Exzess. Vor Jahren las ich eine Abhandlung mit dem Titel Können Buchstaben denken? Sie war, wie Sie sich vorstellen können, das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt war. Können Sklaven denken? Stumm schleppen sie die Buchstabenfracht über den Appenin und weiter bis nach Zeppelinheim, dort können sie verschnaufen, aber äußern dürfen sie sich nicht. Zur Qual verurteilt, dass sich andere bei ihrem Anblick etwas denken, leiden sie erstaunlich wenig. Ihr Anblick, ließe sich raten, straft das Denken Hohn. Wäre es nicht so selbstbezüglich, flösse etwas davon in es ein. Nein, mit dem Wissen der Buchstaben ist es nicht weit her, es lebt von der Hand in den Mund und freut sich, wenn der Fernseher geht. Dann haben sie frei. Schriftzeichen nennt man sie, das ist ungerecht, es unterschlägt ihren Eigenanteil an dem, was recht ist. An ihren Zeichen erkennt man die Schrift, an seinen Buchstaben hat man das Wort. Man kann es hochheben und wegtragen, man kann es auf den Markt tragen und verbrennen oder es tief vergraben, nur nicht in der Brust, die sich physiologisch nicht dafür eignet. Zeichen lassen sich übermitteln, ein Buchstabe erscheint, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Das erscheint wenig plausibel, doch es ist die Wahrheit, mit der keiner rechnet.

BUDGETSCHLACHT

B
Die wahren Schlachten des asymmetrischen Krieges sind Budget-Schlachten. Sobald Berichte über bewaffnete Konflikte in den gängigen Einflusszonen hochgefahren, sobald Gefechte, Niederlagen oder Massaker an Zivilisten in den ›Fokus‹ der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt werden, schreiten die Budget-Planer zur Tat: ein Fenster der Bearbeitbarkeit hat sich geöffnet, für eine kleine Weile lockert sich der Griff, der den Säckel des Finanzministers fest verschlossen hält ... gerade so lange, wie die Wogen einer diffus gefühlten Bedrohung durch die Bevölkerung laufen. Rasch und entschlossen müssen die Akteure zu Werke gehen, denn eine belanglose Nachricht lässt die Unruhe rasch wieder verebben. Bürger ist, wer morgens aufsteht und ganz vergessen hat, dass er sich gestern abend noch in tödlicher Gefahr befand. Das Leben geht immer weiter, das Büro ruft und die Kinder müssen zur Schule gebracht werden. Am Budget erweist sich die Wahrheit des Satzes, dass Krieg in bestimmter Hinsicht vor allem aus Warteschleifen besteht. Wer dem anderen an den Beutel will, muss nicht bloß auf eine passende Gelegenheit lauern, er sollte auch seine Zuarbeiter kennen und sich mit ihnen auf Zuruf verstehen. In der gekonnten Budgetschlacht wirken alle Faktoren, die sich sonst gegenseitig blockieren, in eine Richtung – wer auch jetzt nicht mitzieht, wird zum Mitwirkenden, ja zum Mittäter: das Ärgernis, das er den anderen gibt, fungiert als Katalysator, es regelt die Gemüter ein. Selbst ein Nichtsnutz, zum Beispiel ein Politik-Professor, findet dabei seine Aufgabe, indem er von postheroischen Gesellschaften fabelt, die sich mental irgendwie aufgegeben haben. Nichts peitscht die Wehrbereitschaft junger Männer mehr als dieser leise aus der Ampulle tröpfelnde Hohn, nur eben zu seiner Zeit, denn immer ist nimmer. Wo Männer sich wehrhaft fühlen, steigen die Ausgaben, übrigens auch die Unfallzahlen, also die Ausgaben: der Zyklus stimmt, das Leben hat alle wieder.

BÜCHERVERBRENNUNG

B
Da sich die Praxis der Bücherverbrennung nicht eindämmen lässt, wären alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen darauf zu verpflichten, eines jeden Autors, dessen Bücher auf seinem Territorium dieses Schicksal erleiden oder in der Vergangenheit erlitten haben, binnen Jahresfrist an einem zentralen öffentlichen Ort unter Angabe der einschlägigen Titel in würdiger und fortdauernder Form zu gedenken. Auf diese Weise wäre sichergestellt, dass sich die Verfolgung des Wortes nicht lohnt, es sei denn... Aber der an dieser Stelle keimende Gedanke ist trivial: ein Schriftsteller, der mit Verfolgung rechnet, kalkuliert ihre Wirkungen ein, einschließlich der erwünschten Umkehr der Verhältnisse. Er errichtet sich sein eigenes Denkmal und stünde gerührt vor dem staatlichen Monument – erstaunt darüber, das Herz aus Stein gerührt zu haben. Vielleicht wäre dies der Moment regierungsamtlicher Rührung und beide lägen sich in den Armen, bis die aufkommende Dämmerung und die allgemeinen Schalterstunden sie trennten.

BÜCHSENSPANNER

B
Vom Spanner zum Büchsenspanner – alle paar Jahre erfindet die journalistische Meute sich neu und vergisst, was zu erweisen davor als eins ihrer höheren Ziele galt: die Korruptheit des Krieges, die heuchlerische Bemühung von Recht und Völkerrecht auf Seiten derer, die da am Drücker sind. Das Vergessen kommt und geht anfallsweise, so bleibt immer zu tun und zu schauen, vom Durchreichen einmal abgesehen.

BÜNDNISFALLE

B
Ein Bündnis ist nichts für Leisetreter. Nur ein Bündnis, in dem es rappelt und knallt, ist etwas wert. Ansonsten fliegt es auseinander, sobald der Bündnisfall eintritt, und der Fall wird zur Falle. In der unendlichen Privatheit ihres Urteils lesen die Menschen ›Bündnis‹ als ›Beziehung‹ und fürchten sich vor dem, was sie selbst zielstrebig ansteuern, sobald sich Konflikte zeigen: dem Schlussmachen. Vor dem Schlussmachen steht das Alleinsein. Wer in der Beziehung allein ist, fürchtet sich davor, das leuchtet ein und es ist der Irrtum. Wer sich im Bündnis allein wähnt, der begeht die ernstesten Fehler. Ein Bündnis ist etwas für den Ernstfall. Der Ernstfall... Schon vergessen, worin er besteht? Der Fall, an dem nichts zu deuteln ist? Vorausgesetzt also, er tritt ein und der, den es trifft, vertraut darauf, dass alle sich ›ihrer Verpflichtung bewusst‹ sind, dann zählen nicht die Zeiten des gefahrlosen Miteinander. Dann zählt, wer zählt. Wie kann einer zählen, dessen Wort nie gezählt hat? Jedes größere Bündnis besitzt seine Mitmacher. Nicht der Eifer macht den Verbündeten, sondern der Verbund, man kann auch sagen: das Einvernehmen, das seine Differenzen austrägt, solange es Zeit ist. Immer gibt es Verbündete ersten, zweiten und dritten Grades und immer sind es die Eifrigen, die den ersten Grad verfehlen.

BURQUISE

B
Kaum erhebt sich irgendwo ein Geschrei über ein archaisches Kleidungsstück, das den Mindestanforderungen an die Beweglichkeit des menschlichen Körpers widerspricht und seinen Trägerinnen buchstäblich die Welt-Sicht nimmt – um von elementaren physischen Bedürfnissen wie dem nach Licht und Sonne, vor allem in nördlichen Breiten, ganz abzusehen –, tritt eine Modetheoretikerin ans Mikrophon und belebt die Debatte mit dem Hinweis auf das weibliche Ur-Recht, sich Männerblicken zu entziehen und dadurch dem über sie verhängten Dasein als Sexsklavinnen des anderen Geschlechts wenigstens ansatzweise Grenzen zu setzen. Im übrigen regle die Mode das diskrete Spiel aus Zeigen und Verhüllen viel wirkungsvoller als jedes Gesetz. Man werde sich des neuen Accessoires schon annehmen – Raffinesse toujours, please!
Wer so sehr von der Asymmetrie des Blicks zwischen den Geschlechtern überzeugt ist – der Mann blickt, die Frau wird erblickt –, der sollte seine Aufmerksamkeit doch auch für einen Moment auf den Umstand lenken, dass eine Person, die glaubt, sich den Blicken anderer durch Verkleidung zu entziehen, nicht weniger, sondern mehr Aufmerksamkeit erregt – und damit mehr Blicke, mehr Empfindungen, mehr Fragen wie zum Beispiel die nach dem Männerbild der betreffenden Dame oder nach der Art von Männergesellschaft, in der sie sich zu bewegen wünscht und vielleicht wirklich bewegt. Da spritzt der Saft, wo nur ein Näschen oder Härchen sich zeigt, und es wächst der Wunsch, die Maskerade vom Leib zu reißen, an welchen Ecken und in welchen Häusern auch immer, ins Ungeheure.
Wenn Mode darauf zielt – pansexuelle Eindeutigkeit anstelle des diskreten Spiels der Blicke, der Begehrlichkeiten und der Freude am schönen Dasein –, dann ist sie bereits Komplizin der Überwältigung und Unterwerfung, der Vergewaltigung durch die Männergesellschaft und ihre Sendboten, gegen die sie angeblich aufbegehrt, Teil des großen Sado-Maso-Spiels, das in minder gesitteten Kreisen selten als Spiel ausgetragen wird und oft genug in Mord und Totschlag endet. Die Parodie der Sittsamkeit ist die Orgie, die Parodie der Selbstbestimmung die Unterwerfung aus Kalkül. Die Parodie der Mode trägt viele Namen, ihr Klarname heißt: Demütigung. Es existieren Lehrstühle in diesem Land, auf denen frau sie lehrt.

CAHIERS

C
Abschreckendes Beispiel der Cahiers Valérys: Gymnastik des Geistes, jeden Morgen die gleichen Griffe, die gleichen Sparten, das Bedienen derselben Fasergruppen. Brillant sein, ohne vom Fleck zu kommen, weil das die Regel des Spiels ist. Das Umschlichenwerden durch die Diplomaten des Intellekts, die untrüglich wittern, woher heute der Geist weht, während sie artig ihren Tee nehmen. Die Zumutung, zu erarbeiten, was hier geschieht, der ganze aufgesetzte Unfug des hermeneutischen Dünkels. Geistverstopfung, es sei denn, einer hat gute Kanäle  und kann das Wasser nicht halten.

CASTRATIO DEI

C
Das Geheimnis der Endstation Gottes unter seinesgleichen, Demiurgenallee ohne Hausnummer. Wir fahren auf, erschrecken und gedenken der üblen Schöpfung, der creatio mala. Er aber schweigt, sitzt im Schatten seines Gartens nicht weit entfernt vom einstigen Paradies und bewundert in vergangener Feierlichkeit seine Irrtümer. Vor den zahllosen Hunden mit Federn oder wilden Hühnern mit schwarzem Fell, die sich einmal angemaßt hatten, die Nachfolge göttlicher Adler anzutreten und jetzt durch die Büsche streichen, liest er Brehms Tierleben.
Die Straße, von Staub bedeckt, geht an dieser Stelle zu Ende. Die Sonne ist untergegangen. Die Villa, fast schon im Dunkeln, scheint auch deswegen unvollständig, weil der Baum der Erkenntnis Teile der Mauern verschluckt hat. Ein rötlicher Schein wohnt in seinen Zweigen. Vielleicht stammt er von den Äpfeln der Erkenntnis oder vom Rücken des wahren Herrn dieser Welt in Nähe seines Bruders, denn von hier aus, in den ewigen Zweigen des ersten Rätsels spendet er Päpsten und Künstler die neuesten Moden, so wie er zugleich die Uhr jedes Langschläfers oder Demagogen heimlich zu korrigieren versteht, damit das Ende der Zeiten näher komme. Dann nämlich gäbe es Neuwahlen in seinem Sinne.
Das Bild des Gottes im Schatten seiner Villa erscheint wie gemalt von Hans von Marées. Solche Schatten kennt nur Italien. Unbedingt ist es ein Abend vor Rom in den Albanerbergen, der alte Mantel des Greises verschmölze wohl kaum an einer anderen Stelle der Welt so tief mit den schwärzlichen Blättern der Stechpalme und des Hollunders. Auch flüssige Sarkopharge aus den Auszügen des wilden Lorbeers erstarren niemals an anderen Orten so gründlich zu Malerei und verlassen das Auge mit solchen elegischen Sprüngen und Rissen der Leinwand wie hier. Kaum spürt man ja noch das alte Neapelgelb des Gemäuers, das bloß dahingewischt im verderblichen Asphalt zum römischen Kubus geworden ist. Vielleicht hat es Gott hier ganz gut. Die meiste Zeit über schweigen die mißlungenen Tiere und die brüllenden Löwen hat Gott in sich selber zurückgeholt. Sie hatten ihm trotz der eindrucksvollen Gemälde friedlicher Gärten im Stile Rubens, an Regenbögen befestigt, die kostbaren lieben Protogeschöpfe, Männlein wie Fräulein, niedergerissen und schwer beschädigt. Er vermochte auch nicht mehr, sie neu zu bilden. - PM

CHIRICO

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Wir machen aus Chirico ein Idol. Wir fragen nicht: War Chirico ein Renegat (einen Künstler, der das Antlitz seines Jahrhunderts gemalt hat, einen Abtrünnigen zu nennen, ist schon ein ziemlicher Schwachsinn), hat er diesem oder jenem Maler der ›klassischen‹ Moderne in seinen späteren Aufsätzen, in denen er die Rückkehr zur Malerei fordert, Unrecht getan, einen Cezanne beleidigt, einen Picasso gekränkt? Solche Fragen sind von Haus aus kindisch, unter uns: genauso kindisch wie die Sprache der Dekadenz, deren er sich in seinen Tiraden bedient – mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie Nietzsche übrigens, dem sie nicht geschadet hat. Ein Klassiker beleidigt niemanden, er taxiert durch Erwähnung. Nennen wir den späten, nahezu unsichtbaren Chirico einen Klassiker und entklassifizieren wir ihn im gleichen Zug. Dann wird sichtbar, dass dieser Ikonoklast im Namen der Bilder um – beinahe – jeden Preis verhindern wollte, dass die Malerei aufgegeben wird, wie es irgendwann wirklich geschah. Er hat den nächsten Schritt gesehen, als ihn noch – fast – keiner sehen wollte, und er wollte nicht, dass er gegangen wird. Er ist einer aus der Ordnung derer, die nicht wegsehen, wenn noch Zeit ist. Das gibt seinen Texten das Konvulsivische, das nicht zu ihren Inhalten zu passen scheint – den Ausdruck einer gewissen Beklommenheit aus Sorge, zu spät zu kommen. Eine hypertrophe Sorge, wie uns scheint, denn niemand, es sei denn der Engel der Malerei, erscheint rechtzeitig, um das Äußerste zu verhüten, wenn es sich doch darum handelt, es zu realisieren. Gesetzt, in ihm wäre der Engel der Malerei erschienen, in der einen Hand den Pinsel, in der anderen die über die Köpfe der Menge gehaltene Schreckschusspistole – was ist so wichtig an der Malerei, dass sie um – fast – jeden Preis bewahrt werden muss? Das ist die Frage, die er selbst nicht beantworten konnte, sein stummes Geheimnis. Hüten wir uns, es als ›erledigt‹ zu betrachten.

CHOMSKY

C
Der Preis des Etabliertseins besteht darin, dass man Noam Chomsky niemals erwähnt, es sei denn als netten Vorgartenzwerg, der grüßen lässt und schnell einmal selber grüßt, wenn man es eilig hat mit den Auftritten. Das gilt nicht überall und es gilt nicht immer, aber es gilt unter den ›obwaltenden‹ Umständen – man vergebe ihrem Walten das Ob. Es wird nicht immer so bleiben, man wird sich aus gebührendem Abstand wieder mit dem ›großen Linguisten‹ befassen und sein ehrenvolles Engagement für die gepeinigte Menschheit herausstreichen. Man wird diese eigentümliche Wirkung, die darin besteht, dass alle wissen, wovon er redet und schreibt, und so tun, als seien es Gemeinplätze, die das Problem hoffnungslos unterbieten, in ihr Gegenteil verkehren. ›Wir alle haben damals von ihm gelernt‹ – so wird es heißen und es wird die blanke Unwahrheit sein, es sei denn, man lernt so, wie ein Staubsauger Krümel vom Boden saugt: gleichgültig, lärmend, die leisen Geräusche, gleichsam die Abschiedsgeschenke des Weggesaugten, mit links übertönend, den Grund freimachend für anderes. Das ist die ›am häufigsten zitierte lebende Person der Welt‹. – Der geschluckte Chomsky oder: Der Heuchelei eine Gasse – ein solcher Titel könnte über vielen hochtrabenden Beiträgen zur Analyse der Gegenwartskultur stehen, also etwa zu dem, was bei Jaspers die ›geistige Situation der Zeit‹ hieß und mittlerweile zusammengeschnurrt ist zu einem Hände-weg-Appell an Leute, die in keine dieser von Amts wegen gesponsorten Kulturveranstaltungen gehen, es sei denn, um Käsehäppchen zu klauen und aufkommenden Ärger mit Sekt wegzuspülen.

CIORAN

C
Ein Held, dem es nicht genügte, gegen Windmühlen zu kämpfen, der unentwegt neue erfand, für den Hausgebrauch und für den Versand in alle Welt. »Aber man muss Windmühlen nicht erfinden, sie sind ja längst erfunden und funktionieren immer nach den gleichen Prinzip!« Das sagte ihm vor langer Zeit ein Besucher, als sie zusammen den Boulevard Saint-Germain entlangschlenderten. Es war ein Tag, an dem die Sonne den Regen wegblinzelte und die Straße im Nu mit Müßiggängern bevölkerte, deren zerknitterten Gesichtern man noch das Warten ansah. Der Weise blieb gelassen, blinzelnd auch er. »Man erfindet sie nur, solange man noch nicht weiß, wie sie funktionieren. Ich stehe nicht für den Erfolg, sondern für den Misserfolg. Sobald die Leute sich etwas Gutes tun wollen, verweise ich sie an die Konkurrenz. Ich spreche ihnen Mut zu und verspreche, mit ihnen zu weinen, wenn der Mut sie verlässt. Der erste Brief, in dem steht, es hat funktioniert, verwandelt mich unwiderruflich in einen von denen da.« Der Besucher sah die Inschrift über der Tür des Leidverwöhnten, sah, wie der Eingang zu diesem neuen Inferno sich öffnete und verschwand unter gemurmelten Worten, die heißen mochten »Ich komme gleich wieder« oder »Der Trommler kommt nieder«, Lautfolgen ohne Verstand, einzig der Not geschuldet, sich verständlich zu machen und keine Geste zu provozieren, die es ihm schwer machen würde zu gehen.

CHLADENIUS

C
Der Erfinder des Sehepunktes hat der akademischen Nachwelt ein Kuckucksei ins Nest gelegt, das sie bis heute nicht richtig ausbrüten wollte: den ›Sehepunckt eines akademischen Lehrers‹. Gemeint ist damit der synthetische Kathederbericht über vergangene Ereignisse, in dem alle verfügbaren Quellen zusammenlaufen, um eine mehr oder minder stringente Erzählung zu bilden. Die Kritik am Historismus hat den Objektivitätsanspruch dieser Art von Erzählungen gründlich in Frage gestellt und die Unhintergehbarkeit der ›subjektiven‹ Erzählungen bei der Erforschung der Vergangenheit ins Licht gehoben. Aber sie hat die Frage unerörtert gelassen, in welchem Maße all diese subjektiven Erzählungen selbst vom Bemühen um Objektivität ihre Färbung erhalten, das heißt bereits einen ganz eigenen synthetischen Charakter besitzen. Das Bewusstsein dessen, der berichtet, ist ein Niemandsbewusstsein, es scheitert bereits an der Aufgabe, den Generationsstandpunkt festhalten, geschweige denn eine bestimmte Perspektive. Niemand hat erlebt, was hier berichtet wird, am wenigsten der Berichtende. Der Vergangenheitsbericht geht über den Erlebnisraum des Berichtenden hinaus; wer berichtet, ist bereits außer sich. Man kann das Außer-sich-Sein als eine physiologische Gegebenheit oder als gesellschaftliche Tugend hinnehmen, man kann bei jeder passenden Gelegenheit seine Notwendigkeit und seinen Wert herausstreichen, aber man wird nicht verhindern, dass es eine Nonsens-Komponente mit sich führt, die sich aus keinem historischen Erzählen herausfiltern lässt. Nimmt man das mimetische Bedürfnis hinzu, das zwingend gebietet, vergangene Konstellationen nachzuspielen, als seien es eigene, dann ergibt sich zwar nicht die Banal-Idee von der Vergangenheit als ›Konstrukt‹, wohl aber die Realität einer ›Lehre‹, eines Belehrenwollens, das aller Rechenschaft beigemischt ist und in erster Linie als Selbstbelehrung, also als Arbeit an einem Selbstverhältnis verstanden werden will, das unübertragbar bleibt.

Contraportrait

C
Jeder Mensch kann auf zweierlei Weise beschrieben werden: als respektable Person oder als erbärmliches Subjekt. Man nennt das: ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und: die Wahrheit über ihn an den Tag bringen. Kaum einmal treffen Wahrheit und Gerechtigkeit so erbarmungslos auseinander wie hier. Hat die Gerechtigkeit keine Wahrheit? Aber ja doch: auch sie will Wahrheit. Ist die Wahrheit ungerecht? Keineswegs. Sie will Gerechtigkeit. Gerechtigkeit wollen und widerfahren lassen sind zwei Handlungen, die zueinander in einem feindseligen Widerspruch stehen. Sagen wir der Einfachheit halber, es sind Feinde. Wie kann das sein? Wie steht die Wahrheit zu diesem Widerspruch? Besitzt sie Mittel, ihn aufzulösen? Will sie keine Gerechtigkeit? Ist Wahrheit grausam? Nein, sie ist es nicht, aber sie muss es sein, denn es wird von ihr verlangt. Man verlangt ein Gorgonenhaupt, um ihm eine andere, kleinere Wahrheit entgegenzusetzen: die Wahrheit der Person. Die persönliche Wahrheit ist die kleine Schwester der furchtbaren Wahrheit, die keiner aushält. Dennoch muss sie heraus. Die kleine Schwester wird es schon richten. Aber richtet sie es? Und: Was wird hier gerichtet? Ist die Wahrheit einmal heraus, wird sie zugerichtet, verflacht, in Geschichten verpackt und in die Wiederholungsschleife geschickt. Sie wird zur Lüge. Um der Gerechtigkeit willen: Zerschlagt sie! Um der Wahrheit willen: Zerschlagt sie! Aber vergesst sie nicht: Sie ist die Wahrheit. Wenn die Gerechtigkeit siegt, siegt nicht die Wahrheit, sondern ihr erträglicher Teil. Wird sie grausam, so wird sie: grausamer als die Wahrheit selbst.

CORRECTNESS

C
Das Leiden an der normierten, gleichsam hartpolierten Oberfläche der politischen Sprache wird von den Akteuren selten geteilt. Es gehört zu den Berufsrisiken von Vordenkern, die Konzepte jenseits der Realisierbarkeit testen – im Schlagabtausch unter ihresgleichen, aber in steter Fühlung mit der Macht und den Prozessen, in denen sie sich zerstückelt und wiederherstellt, auf der ewigen Suche nach der verloren gegangenen Legitimität. Diese Legitimität ist es, die von den Akteuren wütend verteidigt wird und ihnen von der Zwischenschicht der ›Meinungsmacher‹ – ein Ausdruck, der nur noch achselzuckend Verwendung findet, weil die Sache zu groß für den Einzelnen zu sein scheint – nicht anders zugeteilt wird als den in Nationalparks zur Gesittung verdammten Raubtieren ihr täglicher Fraß durch die allgegenwärtigen Wildhüter. Wären wir nur politisch korrekt, so wäre die Sache damit abgetan, vor allem, wenn man bedenkt, dass die politischen Ideen seit langem als bekannt gelten und vermutlich wenig kreative Spielräume enthalten. Wir sind es aber nicht, wir sind wütend, weil wir die unsichtbaren Gitterstäbe in der Luft zu sehen glauben, gegen die wir weniger verzweifelt als zweifelnd anrennen, um dann doch lieber zum rechten Zeitpunkt das werte Haupt in Sicherheit zu bringen. Die Politik ist das Spielfeld – dieser Afterglaube eines unglücklichen Jahrhunderts mobilisiert zwar die Massen, aber er demoralisiert ihre Denker. Es macht sie nervös, wenn sie sehen, wie mindere Intelligenzen das Spiel machen. Nichts hindert sie einzugreifen, nur das Wissen um das Befremden, das sie unweigerlich auslösen, hält sie zurück. Sagen wir ruhig: es schlägt auf sie zurück, so dass sie wechselweise die herrschende Politik oder sich selbst als monströs empfinden. Der vollständig politisierte Mensch kann nur an der Politik leiden, es sei denn, er sitzt an den Hebeln der Macht oder unter seinesgleichen.

DÄMONENSCHEU

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Die Dämonenscheu wächst, unter dem Vorwand der Ratio, ins Ungeheure. Vernünftig sein heißt, den Dämonen nicht Raum geben – das ist eine Definition und nicht die schlechteste. Man versteht plötzlich die zarten Gemüter, die eine Malerei als düster empfinden, in der die Dämonen ... nein nein, nicht wüten, vielmehr herumspazieren, als handle es sich um Lustgärten, die eigens für sie angelegt wurden. Eine lichte Malerei – was ist das? Ein Versäumnis. »Schweig, Kind, so etwas sagt man nicht.« Aber was sagt man dann? Am besten gar nichts. Man verlagert die Rede, man redet von etwas anderem. Bei Platon etwa oder bei Goethe ist das Dämonische eine unpersönliche Instanz. Sich vor ihr verneigen heißt, den dämonischen Fratzen, den halb- und dreiviertelpersönlichen Angstmachern die glatte Stirn bieten, die Fassade der Arglosigkeit. Was hinter ihr vorgeht, geht niemanden etwas an. Oder doch? Sollte nicht eine verschwiegene Kommunikation, ein kleiner Grenzverkehr, über den man besser schweigt, die Drahtverhaue und Selbstschussanlagen einer rat- und rastlos der unbekannten Vernunft opfernden Scheu überwinden? Man kann nicht über Engel reden, ohne über Dämonen zu schweigen. Das ist der Punkt.

DÄMONENSCHNACK

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Ichschwäche ist eine schöne Vokabel, die viel Unsinn gebiert. Zur Ichschwäche gehört der Dämonenglaube. Er personalisiert, wo das starke Ich glaubt überwunden zu haben oder wo es überhaupt überwunden glaubt. Seit die Philosophie als eine letzte Form des Dämonenglaubens aus dem in schöner Idiotie ›gesellschaftliches Bewusstsein‹ genannten Vorurteil getilgt wurde, grassiert der theorieentkleidete Dämon und erschreckt seine Kundschaft diesseits und jenseits des Lethestroms, in dem das schöne Überhaupt versank. Das ist verständlich, denn überall dort, wo sich Menschen einer großen Leistung verschreiben – den Aufgaben der Kultur, der Gesellschaft, speziell der Zukunftsvorsorge –, überall dort also, wo Unpersönlichkeit gefordert wird, wo sie bis zum Äußersten geht, dort geht sie fort bis zum – nun, bis zum Abwinken, das weder Sieg noch Niederlage eines Konzepts bedeutet, sondern seine Erschöpfung. Es gibt Momente, in denen das ›Ich denke‹ nicht das Ich stabilisiert, sondern die Gegenseite. Dann personalisiert sich die unter dem Diktat des vernünftigen Ich zur Impersonalität verurteilte Affektseite und erfreut oder ängstigt das offene Ich mit ihren Heimsuchungen. Das Passionswesen trägt seinen Namen mit vollem Recht. Der Dämonen sind viele. Das erschreckt wenig, wenn auch die Vernunft sich diversifiziert. Im Schatten des ›Alles geht‹ schließlich tritt der Dämon in voller Kraft hervor: stark, einig, all-einig, bereit, zu züchtigen und widerrufen zu lassen, was sich an verzweifelter Freiheit auftut, bringt er die Frommen auf den Plan, die seine Ankunft lange erwartet haben. Auch der Antichrist ist eine der Kultur inhärente Figur. Die Reflexion selbst treibt ihn hervor, wenn sie, wie einst der Hexenwahn, die Massen ergreift.

DAMPFPLAUDERER

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Wir entfernen uns schnell von den Katarakten und Stromschnellen vergangener Debatten - allzu schnell, wie manche meinen, doch es hat auch etwas Tröstliches. Wer eben noch, eher träumerisch aus dem Nähkästchen einer unausgegorenen Zukunft plaudernd, den Grimm der Auguren heraufbeschwor, tritt einem heute, feist geworden, als etwas entgegen, das man in weniger geschlechtergerechten Zeiten einen Dampfplauderer nannte und nicht unbedingt mit philosophischen Qualitäten verband. ›Eher weniger‹ – das Motto könnte man über viele Erregungen setzen, in denen sich Gesellschaft intellektuell wird. Zuverlässig informiert die Wortverbindung ›intellektuelle Erregung‹ darüber, wie Denken in der Gesellschaft ankommt, falls ihm das jemals gelingt: als eine Art Schüttelfrost, der die Ärzte aufspringen und die altbewährten Mittelchen verordnen lässt, während sie bereits wieder hinter die Kulisse eilen, wo der nächste Privatpatient auf sie wartet. Diese Ärzte... Man könnte den Kopf über sie schütteln und Nachforschungen anstellen, wie und wo sie sich ihre Meriten erwarben, aber das wäre unfein und das Meiste ist auch bekannt. Doch scheint es Kollegen zu geben, die einst weniger zum Zuge kamen und ihren Groll mit ins Grab nahmen; nur die nächsten Angehörigen wissen davon und verteilen ihre Kenntnis in feinen Dosen.

DANEBEN

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Ein Holzkopf, der einen großen Maler bezichtigt, nicht malen zu können, sieht vielleicht mehr als der Maler, denn er sieht das Daneben. Das Daneben als die Folie aller Malerei, vielleicht aller Kunst, ist das, was sie in der Zeit hält. Das Daneben lässt sich nicht wegdenken, ohne dass man die Kunst wegdächte. Es bleibt aber daneben, es bleibt eine falsche Sicht, erträglich nur dann, wenn es wechselt. Kriegsheimkehrer, dem immer gleichen Daneben verhaftet, haben der Kunst mehr geschadet als ihre Verächter. Man muss die Kunst ein wenig verachten, um sie zu verstehen, und man muss sie verstehen, um sie zu sehen. Nun, man muss sie nicht sehen, vielleicht will sie nicht wirklich gesehen werden, jedenfalls nicht, solange es dem Geschäft schadet. Aber ein wenig sollte man schon. Wozu gäbe es sie sonst? Sagt die Verachtung.

DARÜBERREDEN

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Das Verstummen vor großen Kunstwerken ist barbarisch und reell, selbst das elaborierteste Darüberreden quatscht sie herunter, nichts anderes ist ihm inhärent. Aber vielleicht liegt auch darin eine Kunst, entfernt verwandt der Lebenskunst, die nicht teilt, weil sie nichts besitzt außer dem Reichtum, der aus den Poren quillt und an der Luft verdunstet. Die Kunst des Verstummens, im Leben so glorreich wie vernichtend im Kunsthandwerk, tritt spontan vor die großen Kunstwerke hin, sie gesellt sich zu ihnen von gleich zu gleich, es wäre lächerlich, zu behaupten, sie werde geübt. Das Herunterquatschen dagegen ist reine Übung, zu nichts nütze, außer am Folgetag fortgesetzt zu werden. Wie jemand morgens aufsteht, duscht, sich ankleidet, frühstückt und das Haus verlässt, um abends ermattet in die Kissen zu kriechen, so erhebt sich das Herunterquatschen vor den Arbeiten der Künstler, um niederzusinken: Brückenwerke für einen Tag, über die ein Ochsengespann zieht, einsam, einem fernen Horizont zu. »Lass uns darüber reden«, sagt der Agent, er meint das Geld, das die Sache einbringt, aber sein Angebot bringt den Horizont zum Leuchten. Ein Sonnenuntergang mehr, da ist nichts zu machen. Jedes Kunstwerk ist das letzte. Was nach ihm kommt, liegt im Ungewissen. Man hat noch nichts gesehen, man will es wissen, hat aber nichts in der Hand. Ein Prospekt wäre viel, manche gäben den Anblick dafür hin.

DASEIN

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Dasein kann man nicht lehren und tut es doch, alle Welt tut es, falls nicht, tut es die Nacht. In der Philosophie finden sich Wörter dafür, sie ›leuchten ein‹ oder auch nicht, geht man in die Breite, dann versinken sie im Gezänk. Vielleicht wird Dasein kenntlich durch diesen Gürtel aus Gezänk, der es umschließt. So weilt man in Gedanken lieber bei denen, die nicht mehr da sind, und was ihnen an Fürchterlichem widerfahren sein mag, es kommt nicht an gegen die Nähe, die man empfindet, wenn man sie liest oder ›ihrer gedenkt‹: seltsam ungelenker Ausdruck für etwas, das der Gelenke fast gar nicht bedarf. Dass gerade hier von interessierter Seite heftig gelenkt wird, nimmt nicht wunder, schließlich ist jede Art von Intimität, zumindest geistiger, ein Verbrechen gegen die Gesellschaft und muss erodiert werden. Dasein lernt man von denen, die nicht mehr da sind. Was war, leuchtet aus der Tiefe der Zeit, dass Zeit tief ist, gehört schon zum Dasein. Alles Herkommen ist nur ein Herunterkommen, schließlich gehört den Heruntergekommenen das, was sie die Gegenwart nennen. Schenk sie ihnen! Gegen- oder widerwärtig zu sein ist eine Hauptaufgabe, die immer gelöst werden muss. Auch dich nimmt sie nicht aus. Sie nimmt dich mit, deine Organe zeugen davon. Als Zeuge bist du rasch ein Versager, es fällt dir schwer, dich auf die justitiablen Aspekte zu konzentrieren, was geschieht, verwandelt sich, während es dich durchläuft. Kein Zeuge zu sein wäre die Aufgabe, schwer zu lösen, beinahe unmöglich und fast schon unsittlich, weil ohne Zeugen bloß das Verbrechen negiert.

DAUMESDICK

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Verstehe einer die Welt. Was gibt es da zu verstehen? Gib der Welt einen Sinn! Leichter gesagt als getan. »Gib dem Leben einen Sinn!« – so flüstert die Werbebranche, die das Leben für einen Kleiderhaken und Sinn für eine Parfüm-Marke ausgibt, in der alle anderen Platz finden. Es ist leichter, dem Leben einen Sinn, als der Welt einen Kinnhaken zu verpassen. Mit dem Sinn der Welt hält sich keiner auf. Was die Sprache ›Weltsinn‹ nennt, ist der Verzicht darauf, ihr einen zu suchen oder zu verpassen, wie es so sinnreich heißt. Der verpasste Weltsinn steht in eigensinnigem Widerspruch zur Welt der Verpasser, er passt nicht in sie hinein, er steht abseits. Man könnte ihn umrunden, bloß um zu sehen, was hinter ihm steckt, aber dazu bedürfte es der Umkehr, die den wenigsten mundet. Die meisten erhaschen einen ersten und letzten Blick auf ihn, wenn er im Rückspiegel verschwindet. Und das ist viel. Ein Verpasser kommt selten allein, es ist das Rudel, das diese Dinge veranlasst, der Einzelne hat dabei wenig zu melden. Aber er darf mit sich ringen, das ist ein feiner Zug und verhindert, dass sich das Rudel vor dem Einlauf zerlegt.

DAVONLAUFEN

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Wenn Sie immer davonlaufen wollen, wird es bald eng, das wissen Sie, aber es hält Sie nicht auf. Also? Wo gehen wir hin? Treiben Sie das Spiel, wie Sie wollen, aber nicht bis zum Äußersten. Das Äußerste, da haben Sie recht, ist ein großes Ziel, wert aller Anstrengung, wert auch, dass man alles andere wegwirft, dass man sich wegwirft... sehen Sie, da beginnt es. Sie können sich wegwerfen, das ist wahr. Sie können sich auch aufheben, das ebenso wahr und überdies falsch, denn, wie Sie wissen, nichts ist auf Dauer aufgehoben. Auf die Dauer ist jede Aufhebung passé. Sie haben also die Wahl, sich gleich wegzuwerfen oder Stückchen für Stückchen, peu à peu. Das hat Konsequenzen, die nicht jeder gleich überschaut. Und wenn schon. Zum Beispiel könnte es vorkommen, dass Sie hier und da ein größeres Stück von sich unterwegs verlieren, einfach so, weil Sie schon daran gewöhnt sind, dass alles in Auflösung – wie sagt man? – begriffen ist. Sie wollen auch kein Aufsehen, das ganz sicher nicht, daher schauen Sie sich gar nicht erst um. So verliert man den Überblick, irgendwann weiß man nicht mehr, was an einem dran ist und was schon fort, so gerät man ins Feuer der Zweifel. Oder Sie sind plötzlich in Geberlaune, das soll vorkommen, im Grunde ehrt es Sie, und Sie spenden mit Freuden, wovon Sie nichts, nicht das kleinste Fitzelchen hergeben dürften, wäre es Ihnen ernst mit Ihrer Person oder Identität oder wie Sie sich sonst nennen, dort, wo die Namen von einem abfallen und anstelle der Nacktheit die innere Kleiderstange zum Vorschein kommt, die allem den Halt gibt, den eine Form nun einmal benötigt. Aber das ist ja... Ja? Was wollten Sie sagen? Nein? Zum Davonlaufen, nicht wahr? Das wollten Sie sagen, stellen Sie sich nicht so an, ich seh es an Ihrem Gesicht und an der Art, wie Sie die Wange verbergen. Davon rede ich doch... Im Davonlaufen steckt eine Kraft, die dem abgeht, der immer standhält. Irgendwann wird sie böse, aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht auch nicht, vielleicht sollte man sich stärker damit befassen. Das Davonlaufen, als schöne Pflicht betrachtet, halten die Leute gern für die Kür und klatschen Beifall, was sonst? So kann man sich täuschen. Erst wenn der Davonläufer um sich schlägt und darauf beharrt, dass er einer Pflicht obliegt, werden sie ärgerlich und finden es nach und nach unerhört. Wer den ersten Preis im Davonlaufen errungen hat, sollte sich daher zufrieden geben und nach Hause gehen. Nach Hause? Leicht gesagt, da liegt das Problem.

D-DAY

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Das Gros der Weltkrieg-II-Soldaten liegt unter der Erde. Die wenigen, die noch leben, werden so sichtbarer, wenngleich nur auf kurze Zeit. Sie haben ihr Leben gelebt – die meisten von ihnen in der gusseisernen Überzeugung, wenn nicht das Rechte, so das Gebotene getan zu haben – und fanden daran keinen Makel. Sie waren Überlebende. Die Zartbesaiteten taten sich damit schwerer, sie gingen zuerst. Kriegsversehrt waren sie alle. Das große Morden steckte ihnen in den Knochen und begehrte im Sterben noch einmal Ausgang. Sie haben, mit Berechtigungspapieren und Stempeln an den vorgeschriebenen Stellen, auf Geheiß der Sieger und aus unterschiedlichen Antrieben den einen oder anderen Staat errichtet. Doch das kam danach. Sie blieben Davongekommene. Daraus entsprangen ihr Hochmut und ihre Verblendung. ›Nach uns wird kommen / Nichts Nennenswertes.‹ Brechts Diktum könnte über jedem einzelnen dieser Leben stehen, auch wenn das eine oder andere wütend Protest erhöbe. Diese mit Trauer grundierte Herablassung, dieses Glauben-zu-Wissen war fürchterlich für die folgende Generation, zu spät und zu selten als Zeichen der Ausweglosigkeit erkannt. Vielleicht werden so Staaten gegründet, vielleicht entsteht daraus die strukturelle Gewalt, die sich nicht mehr aus ihnen entfernen lässt. Glauben-zu-Wissen, das ist als Formel der Konversion schlagender als jenes ›Schwerter zu Pflugscharen‹, an dem sich die Ostgewaltigen ritzten. Was daran Glauben, was Wissen sein mag, wissen die Götter, unscheinbare, in den Tempeln des Nachkriegs nicht zugelassene Leute, die ihr Zeugnis für sich behalten.

DEFINITIONSMACHT

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Solange die Definitionsmacht über die Kunst, sagen wir: bei einigen New Yorker Galeristen und Museumsleuten liegt, solange liegt sie gut, so gut wie fest. Was will man mehr? Ich frage: Was will man mehr? Jedoch sollte sie einst, aus Gründen, die keiner überblickt, ins Rollen geraten, sollte sie, denn ausgeschlossen ist nichts hinieden, auf dich zurollen, dann... dann... Ja, was dann? Was denn dann? Freude, Frohlocken über ein sichtbar gewordenes Stück Freiheit, ein wenig – wie sagt man? – Eigenwelt? Nein? Was dann? Betretenes Schweigen? Wegsehen, Wiederhinsehen, Panik? Springst du dann auf und läufst vor ihr davon, aus lauter ungesicherter Angst, sie könnte über dich wegrollen? Wohin könnte sie wohl rollen wollen, wenn sie erst einmal den Weg über dich genommen hat! Riefest du dann, noch platt vor Entsetzen, hinter ihr her: »Habe ichs nicht gesagt? Habe ich es nicht vorher... schon gut... gesagt?« Sei gewarnt: es könnte doch sein, dass sie zurückkommt und noch einmal den Weg über dich nimmt, immer wieder, bis nur noch ein wimmerndes Bündel zurückbleibt, unfähig, die zerschlagenen Arme zu heben und »Halt! Halt!« zu rufen, wie es sich nun einmal gehört. So ein Urteil wiegt schwer. Arme Schildkröte, kein Panzer hält das aus. Jedenfalls nicht auf Dauer.

DELTA

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Die intellektuellen Bewegungen der letzten 40, vielleicht 50 Jahre wurden von drei, vier, vielleicht sechs Verlagen gemacht – mit Blick für das Machbare, internationaler Erfahrung, aufeinander eingespielten Autoren mit dem richtigen Sinn für Bezüge, guten Kontakten und einem eisernen Willen, links und rechts des Weges nichts Nennenswertes aufkommen zu lassen. Die Wissenschaften haben es ihnen auf ihre Weise gedankt. Man könnte die Gelehrten jener Jahre ›Reihengelehrte‹ nennen, wären damit nicht auch andere, selbstverständlich unstatthafte Assoziationen verbunden. Der Erfolg hat diese Verlage in das große Delta des amerikanischen Marktes hinausgetrieben, in dem sie nach und nach Richtung und Antrieb verloren. Seither ›covern‹ sie die gähnende Langeweile ihrer europäischen Home markets mit Bestsellern aus den Schreibstuben elitärer Wissensfabriken, in denen vor allem eines herrscht: Hochdruck – eine ausgefallene ›Bedingung‹ für das, was idealiter alle Zeit der Welt bräuchte, um zu werden. Doch man täuscht sich leicht. Europa ist anders. Nicht viel, aber... anders. Zwar übt es sich in den Verrenkungen des Juniorpartners, zur Belustigung seiner asiatischen Freunde und unter dem lässigen Hochmutsblick derer, die der übrigen Welt so weit enteilt sind, aber allen ist klar, dass dabei nur die Einfältigen und die Schlaumeier auf ihre Kosten kommen. Eine Lage, in der die Intelligenz eines Landes oder eines Kontinents in Fragen des Denkens und Wissens nicht mehr zum Zuge kommt, ist noch gar nicht analysiert worden. Es gibt nur eine Vokabel dafür und die ist historisch besetzt: Zivilisationsbruch. Fragt sich, wer eine solche Untersuchung beginnen könnte – die Gelangweilten? Die Frustrierten? Die um die Mitte des Lebens herum Abgewrackten? Die panischen Selbstretter mit dem sardonischen Lächeln und dem Willen zur absoluten Lüge? Die absolute Lüge... nun, das wäre etwas. Darauf ließe sich vielleicht bauen. Ein Schiff, eine Arche... ein Ararat-Modell für den heillosen Verstand, dem es an nichts fehlt außer an Stoff. Der Stoff, das sind die anderen.

DEMOKRATIEBEWEGUNG

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Auch Demokratie muss sich bewegen, sonst schläft ihr der Arm ein oder ein wichtigeres Organ. Also bewegt sie sich mit trägem Wellenschlag über die Ozeane. Das stört die Statthalter des Bösen, sie halten ihren Untertanen Augen und Ohren zu und versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass es schöne Bilder gibt. Die schönen Bilder umkreisen den Erdball und werfen begehrliche Blicke auf die schlimmen Orte. Dort wollen sie landen und sich vermehren.

DENKEN

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Das Denken erreicht sein Extrem dort, wo es das Denken des Denkens denkt oder zu denken vorgibt, denn der Schwindel, der es an dieser Stelle erfasst, ist nicht hintergehbar. Dabei wäre das Denken des Denkens leicht aufs Notwendige zu beschränken, hielte man sich nur an einige Grundregeln, ohne die auch hier nichts geht. Gerade das scheint unmöglich. »Es gibt keinen Grund«, sagen die Philosophen, »Sie müssen schon ins Freie herauskommen, wenn wir es Ihnen sagen.« Darin liegt eine ziemlich unfeine Anspielung auf Platons Höhlengleichnis, uns stört ebenso sehr das Müssen daran wie das Herauskommen, es ist schon mancher erschossen worden, der einer solchen Aufforderung Folge leistete – in Folge, wenn man so will und den Kalauer nicht fürchtet. Wer will schon in Folge erschossen werden? Das Denken des Denkens erfordert, für sich genommen, bereits den ganzen Menschen. Nicht wahr? Wahrlich, ich sage euch: den Menschen darüber hinaus, der das Denken des Denkens denkt, haben Dilettanten erfunden, um unseren Geist zu beschäftigen, der sonst frei hätte. Komm heraus ins Freie, ruft er, seit es so warm geworden ist, dass im Frühjahr die Birken blühen. Er ist ein Spötter. Wäre es denkbar, im Schatten des Gedachten zu ruhen wie Ionas unter dem Blatt? Undenkbar, wo geriete man hin! Der geschäftige Geist setzt seine Klammer um alles, es ist seine Art, sich herauszuziehen. Da sitzt er nun, gleichsam mit dem Klammerbeutel gepudert, und schert sich um nichts. Es sei denn, man sähe darin ein Zeichen und die letzte gedachte Klammer wäre die wirkliche.

DENKFABRIK

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Der Goldmacher will wissen, wie die anderen zu ihren Reichtümern kommen, da ihnen doch das Geheimnis des Goldmachens fehlt. Er weiß zwar, wie man Gold macht, aber in Wirklichkeit weiß er nichts. So jedenfalls könnte er denken, und um dem abzuhelfen beschließen, immer daran zu denken, wie es die anderen machen, und sich auf diese Weise ihre Reichtümer nach und nach anzueignen. Lasset uns eine Denkfabrik gründen, lasset uns die anderen einladen, in ihr zu arbeiten, auf dass wir sehen und lernen, was sie denken und wie sie arbeiten. Dann wird es uns an nichts fehlen. So denkt er und sein Gedanke ist die Tat. Das Ende vom Lied? Nun, er erfährt, wie die anderen denken und arbeiten, und darf sich glücklich schätzen, wenn er, außer Landes gejagt und mit Hohn und Schande bedeckt, sein Süppchen im Angesicht eines reizenden Abendhimmels genießt.

DENKSCHULDEN

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Stellt man die Leistungen der Nachkriegsdeutschen ›auf intellektuellem Gebiet‹ in einen weiteren Rahmen, so ergibt sich ein erstaunliches Potpourri aus Einseitigkeiten, leicht durchschaubaren Übertreibungen, fleißigen Adaptionen und einem gewissen Rezeptionsmarathon, das ebenso sehr von schlechtem Gewissen wie von der Angst herrühren dürfte, den Anschluss zu verlieren. Man hat wenig zu sagen außer dem gebetsmühlenhaft wiederholten Anderen zu einem unsäglichen Erbe. Darin steckt der kaum bemerkte, aber merkliche Verzicht auf primäre Weltsicht. Dieses zwanghafte Nach-Denken treibt langsam seinem biologischen Abgang entgegen und man weiß nicht, was an seine Stelle treten wird. Vorerst nichts, könnte man meinen, aber das scheint nur so. Immer bereitet sich etwas vor, wenn eine Disposition im Schwinden begriffen ist. Von Tüchtigkeit ist hier nicht die Rede. Tüchtig ist auch der Faule. Ohne ein gewisses Maß an Denkfaulheit ist Tüchtigkeit nur schwer zu erreichen. Tüchtigkeit türmt Schulden, könnte man mit einem Blick auf die gegenwärtigen fiskalischen Verhältnisse sagen. Denkschulden sind giftiger als Staats- oder Unternehmensschulden. Das muss so sein, da allen Unternehmungen Denkmuster vorausliegen. In diesen Regionen darf einer großzügig sein. Was dem einen Denken heißt, heißt dem anderen Strampeln. Zu bedeuten hat beides nichts. Wer glaubte, man könne die Sache mit Auftragsarbeit für Vordenker abdecken, stünde rasch im Freien.

DEUTUNGEN

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Deutungen sind die Substanz der Freiheit, besonders wenn es um Wahrheiten geht. Neben der Brücke der Lüge – das Wort enthält auch Spuren wie Liebe –, die vor dem Weltmeer der Unwissenheit ihre abgebrochenen Bögen schwingt, schwirren Millionen deutende Zeigefinger als Vögel verkleidet zur Insel Utopia.
Als Grabbeau, er nannte sich damals noch Philip und trug sein rötliches Haar versteckt unter einem Dreispitz, an einem Frühlingstage von der Place de la Concorde aus eine Anzahl solcher befiederten Zeigefinger nach Süden fliegen sah, wusste er, was die Stunde geschlagen hatte. Wir wissen es leider nicht.
Deutungen könnten Lücken wie diese, die in der Geistesgeschichte des Alphabets nur von minderer Bedeutung sind, leichtfertig zur Ehre der Altäre erheben, auf dass gefällige Brüder sie anbeten mögen. Auch hier sieht man Anfänge jener Religion der aufgebrochenen Sprache, die Grabbeau vorsorglich für bessere Zeiten in Museumsbehältern gefangen hält. - PM

DIAGNOSE

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Wir sind doch keine Ärzte, die täglich dem Patienten, Gesellschaft genannt, die Diagnose stellen müssen. Erwachsen, wie er ist, kommt er ganz gut selber zurecht und misst auch brav seine Werte. Den Rest kann er nachschlagen, damit ist er beschäftigt. In dieser Hinsicht also wären wir frei. Was hindert einen, der frei ist, sich das Gesicht zu bemalen, die Finger zu spreizen und Faxen zu machen? Wenig, vielleicht Reste eines verborgenen Schamgefühls, man sollte ihn lassen. Nicht die Diagnose, sondern das Durcheinanderreden, dem immer neue Hiobsbotschaften einen Anflug von Irrsinn verleihen, lässt dich zusammenzucken. Die Diagnose zieht sich zurück, sie ist der stecknadelkopfgroße Punkt am Horizont, der nicht weggeht, aber auch nicht näherkommt. Alles was recht ist! Eine rechte Warnung ist ihr Geld wert oder man schlägt sie in den Wind. Alles, was näherkommt, trägt diesen Zug von Schlaumeierei im Gesicht, den du nur zu gut kennst. – »Du! Was weißt denn du? Selbstüberhebung, was?« – Eine Diagnose, aber presto.

DIALEKTIK

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Nicht wenige arbeiten still daran, die Dialektik von dem schlechten Ruf zu befreien, in den sie durch Gedankenlosigkeit und staatlich sanktionierten Missbrauch geraten ist. Ob man eines Tages Erfolg haben wird, hängt nicht zuletzt daran, ob es gelingt, sie vom Gestrüpp sogenannter Klassikertexte zu befreien. Ob man aus ihr nicht mehr über den Witz, seine Funktionsweise und seine Verbindungen zum wirklichen Denken erfährt als aus den trüben Spiegeln des Freudianismus, das ist die Frage, offen wie eh und je, doch im Prinzip nicht offener als die andere, ob nicht der dialektische Materialismus am Ende nur ein Witz war, ein blutiger, zugegeben, nichtsdestoweniger einer, der es in sich hat; ein Stück Menschheitsentwicklung als Parabel über die Menschheitsentwicklung zu entwerfen und durchzuführen, das wirkt im Nachhinein nicht viel anders, als gehe jemand hin und gestalte die Straße nach Maßgabe der Kehrbesen, die auf ihr Samba tanzen. Die Dialektik ist als der grosso modo vergebliche Versuch zu betrachten, den menschlichen Witz, der aus Laune entspringt und der Bereitschaft, sich nicht blindlings zu unterwerfen, das Meiste verdankt, arbeiten zu lassen – für die Geschichte, ihre vermeintlichen Lenker und wirklichen Henker.

DIENST NACH VORSCHRIFT

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Jeder weiß, dass Dekonstruktion nur ein Taschenspielertrick ist. Er weiß es als denkendes Wesen oder er ahnt es zumindest in Zonen, zu denen die halbgare Verwirrung nur schwer Zutritt findet, er weiß auch, was dieser Trick bezweckt: den Sturz alter und die Vorbereitung auf neue Götter. Woher also der seltsame, nicht enden wollende Eifer von Hermeneuten, die darin eine Methode, zumindest ein probates Verfahren der Zurichtung der von ihnen verwalteten Texte gefunden haben wollen? Etwas kommt ihnen entgegen, man muss es nur sehen. Sie glauben, etwas Festes auf Zeit zu finden, etwas, das dem Beziehungsleben gleicht, dem sie den größten Teil ihres Lebens opfern. Ein kommodes Opfer – das wird es sein. Der Dienst am Text im Modus des ungläubigen Taktierens ist alles andere als geruhsam, aber er bleibt lebbar.

DIETZSCH, STEFFEN

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Wir möchten einen Preis für den Philosophen vorschlagen, dem es gelungen ist, die lebhafte Reisetätigkeit des ehemaligen Ostblockbewohners in eine genuin philosophische Lebensform zu verwandeln und diese zu leben. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, wem er gebührt, möchten wir auch gleich mitteilen, an welchen Kandidaten wir dabei denken. Dietzsch, ein Apologet des Lachens, das keiner Gründe bedarf, weil es sie jederzeit mitzubringen sich anheischig machen würde, käme es einmal auf eine solche Befragung an, wurde zum Nietzscheaner, weil er Nietzsche, vermutlich irrtümlich, für den Prototyp des europäischen Intellektuellen hält – Feind jeder Gemeinschaft, die ihre Rituale und Kollektivmorde lebt, weil es draußen kalt und der Feind nah ist. Jeder, wie er sagt, doch er weiß schon, welcher er entrann, und er registriert die ideologischen Reparaturtrupps, die schon einmal üben, wie es sein wird, beim großen Aufbau, wenn sich alle die Hände reichen, um abzuliefern, was sie sich in der Zwischenzeit widerrechtlich angeeignet haben, z.B. Gedanken, aber es gibt auch anderes.

DISTANZ

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Was als ›Kultur‹ in die Distanz verlegt wird, rächt sich im Nahverhältnis als Repression. So oder so ähnlich lautet das Konzept der Kulturfalle, in die, wie es heißt, vor allem Menschen geraten, die an einem Übermaß an Verständnis leiden, an Verständnisbereitschaft, leicht abrufbar und nach Belieben zu applizieren. Das muss nicht sein, aber es passiert, es passiert sogar in der Regel angesichts der einschlägig bekannten Arbeitsteilung zwischen Normverstehern und Normdurchsetzern. Das eintönige Pingpong zwischen Kulturbewahrern und Kulturverächtern, das notorische ›Ich meine nicht, dass...‹ wird angeregt durch diese fundamentale Fernstellung, die Horizontalisierung des Denkens, mit der die philosophische Hermeneutik zu ihrer Zeit hausieren ging und die heute das paarweise Zusammenrücken angeblicher Kontrahenten gewissermaßen flächendeckend ermöglicht. Wenn alles in der Kultur liegt, dann ist sie selbstverständlich beides, Zwangsjacke und Ermöglichungsgrund, beides in einem (und in einem fort), und jeder, der sich angeblich nach draußen begibt, sieht sich auf der Stelle von neuen Horizonten umzingelt und steht in einfachem Gegensatz zu dem, was neben ihm dazusein gleiches Recht beansprucht. Dieser geteilte Blick, der zwischen innen und außen irrt und hier wie dort ›Kultur‹ zu sehen glaubt, ist die hauptsächliche Ursache des Kulturschwindels, der mit gleichem Ernst ›Gänseleberpastete‹ und ›Kopftuch‹ zu sagen ermöglicht, weil es der Kopfschmerz ist, der den Ernst zeitigt. Die Distanz denken – das ist nicht so einfach, das überfordert den gesellschaftlichen Disput bei weitem. Das öffentliche Kopfzerbrechen, das die ›Kultur‹ bereitet, hält die sogenannten Kulturwissenschaften bei Kasse und bringt sie davon ab, ihren Job zu tun: wer nicht Ping sagt, wird von jedem Pong überrascht und muss nachsitzen, bis er seine Lektion gelernt hat. Sprichst du in Rätseln, so sprichst ach! du von Rätseln nicht mehr.

DISZIPLIN

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Wer den Menschen keine Disziplin anbieten kann, der unterhält sie vielleicht eine Weile, aber er imponiert ihnen nicht, er bleibt ein Pausenclown. Es ist müßig, geistige Disziplin nur im Gotteskriegertum und in sexueller Verneinung zu finden. Das Gewebe aus schlauen Andeutungen, gezielten Indiskretionen und Pseudoindiskretionen erledigt sich früher oder später von selbst wie jede Wichtigtuerei. Disziplin ist immer geistig. Auch die rüde körperliche Variante besitzt etwas, das man Geist nennen könnte. Wieviel G-Stoff darf es wohl sein? Darüber rätseln die nachdenklichen Geister und schielen nach den halbvollen Flaschen in ihren Regalen. Was davon ließe sich noch verwenden, um jenes Nichts an Lebensspannung zu erzeugen, unter dem einer mit der Unbill des Existierens zurechtkommen könnte? Während sie brüten, hilft der Geist der Fitness-Studios und Yogakurse mit physisch induziertem Wohlgefühl über die Runden. Über welche Runden? Welche Kampfart ist hier gefragt? Der auftrainierte menschliche Terrier, ein abrufbares Stück Erde, auch er ein Betrogener, wie man weiß, fällt irgendwann die Umgebung an. Seine Rache durchsetzt die abgedunkelte Kultur der Alten, die keiner Werbeetats bedarf, um Nachwuchs zu binden. Die fleißigen Amokläufe beginnen jenseits des fünfundvierzigsten Lebensjahres, bei abflauender Bereitschaft mitzutun.

DODERER

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oder das schöpferisch Schöpferische. In der unscheinbaren Doppelung lauert der Nachkrieg, das Sich-Entziehen, nachdem man genug belangt worden ist und ein paar Jahre zur freien Gestaltung wünscht. Diese Freiheit kann nur in der Freiheit zur Obsession bestehen, zum Besetzt-Sein, gleichgültig, wer noch klingelt. Alles, was ab jetzt Forderungen erhebt, tendiert zum Pseudos, es ist ein Pseudos, verdrehte Welt, verdrehter Geist, verdrehte Menschheit. Sieh dich nicht um! Das sitzt und ist als Parole unnütz, weil es die Bewegung nach rückwärts bereits ausführt, aber es reduziert die Nötigung, vorwärts zu gehen und erlaubt den geschärften Blick auf die sinistren Mittel, die eingesetzt werden, um sich im Dasein zu halten. Die Poesie des Sich, des Sich-Erhaltens, Entfaltens, des Sich Aus- und Einrollens, scheinbar fast nach Belieben, doch in Wahrheit nach Druck, einer angedeuteten Äquilibristik gemäß, die sich zeigt und im Sichzeigen verbirgt, eine solche Poesie findet ihren Weg wie Wasser durchs Geröll – zäh, zuckelnd, allerwege auf Vertiefung hoffend, also auf den Effekt von Jahrhunderten. Doch, leider, soviel Zeit bekommt niemand.

DÖRFER

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Wer von der Kunst redet, muss über die Dörfer gehen. Das sagt sich leicht, aber in den Dörfern ist keine Rede davon. Künstler lieben das Dorf, es kommt ihrer Neigung entgegen, im Beisichsein aufzugehen, beinahe wie ein Teig, der woanders bereitet wurde und nun, bei mäßiger Hitze, im Besinnlichen wächst. Das größte Dorf dieser Art ist Manhattan – hier sitzt der Gickelhahn neben jedem Bett und schreit jeden Morgen und Abend Verrat. Ein schöner Ort, das Künstlervolk liebt ihn und schwört Stein und Bein, ihn nie zu verlassen. Ist das fair? Nicht dass die Dörfer da draußen ein Recht darauf hätten, die Kunst zu besitzen, kein Dorf besitzt so ein Recht, die Kunst kommt und geht und nimmt sich der Armen an, wie sie mag. Aber so ganz von allen guten Geistern verlassen sollte das Land nicht sein, das schließlich alle trägt. So kommt es, dass in den Dörfern das Licht nicht ausgeht, dass in ihnen allabendlich die große Parade der Erwartung stattfindet, zu der sich kein Großfürst des Gewerbes blicken lässt. Nur kleinere Geister tummeln sich auffällig, sie schäkern mit den Töchtern der Dorfoberen und zeigen dem Gärtchen hinter dem Haus, das sie sich hier leisten können, was eine Harke ist. Dafür überlässt man ihnen dann die örtliche Druckerei, in der die kleineren Wahlplakate hergestellt werden, die einzufliegen sich aus ökologischen Gründen verbietet. Manchmal allerdings kommt ein großer, den keiner kennt, man merkt es gleich, denn er weiß nicht, was eine Harke ist, jedenfalls zeigt er es keinem. Man braucht eine Weile, um mit ihm warm zu werden, aber dann ist es gut. Was er hier zu finden gedenkt, will man von ihm wissen. »Nichts«, sagt er und lacht, »es ist doch alles da.« Er meint es nicht ernst, der Schalk blitzt ihm aus den Augen, aber die Antwort freut alle. Daheim spuckt er in die Suppe und schlägt das dreifache Kreuz derer, die vom Unglück gut bedacht wurden.

DONNERBALKEN

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Die Sprache der Not – wie auch der Notdurft – verfügt über einen gewissen Witz und eine bescheidene Anmut. Woran das liegt? Vermutlich daran, dass die Parameter der gesellschaftlichen Überblendung auf Null gestellt sind und der gesellige Charakter des Sprechens, leichter als jedes Element der öffentlichen Moral, mehr oder weniger ungehindert an die Oberfläche steigt. Ein Wort genügt, um sich zu verständigen, sobald die Geltungssprache stockt. Dieses Wort aus der Tiefe reißt Partikel der verschiedenen Sprachschichten mit sich, die es passiert – kein Wunder also, dass es glitzert, als sei es direkt der Phantasie entsprungen, die es bewegt. Die Surrealisten haben es deswegen für poetisch gehalten und, weil ihnen das nicht genügte, in ihm die ursprüngliche Dimension der Poesie zu erkennen vermeint. Irrtum! Das kräftige Wort bezeugt keinen kräftigen Geist, es verrät keine Geheimnisse aus dem psychischen Untergrund, es beweist nicht einmal Phantasie. Was es verrät, ist die Not selbst und die Filterfunktion der Sprache; sie begütigt auch dort, wo sie die Norm wegfegt, die selbst nicht mehr ist als: Sprache.

DONNERWOHNUNGEN

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Die Großen wohnen in Donnerwohnungen, die Kleinen in Wisperkammern. Beide Stätten zusammengelegt ergeben den Ort der Demokratie. Nicht dass die Großen mehr Platz besäßen, um rascher Drachengespanne der Wortwahl auffahren zu lassen, sondern sie gleichen staubigen Photographien auf bürgerlichen Dachböden und haben insofern keinen anderen Vorteil als den, in trockenen Höhlen bei schlechtem Wetter seufzen und klagen zu dürfen, denn niemand lässt Regen in Dachböden dringen.
So ging es bereits den Steinzeitmenschen, die nackt hinter Dornengestrüppen den Säbelzahntigern heulend vor Angst die Milchzähnchen zeigten. Der Großvater aber, kaum 30 Jahre alt, malte sie beide, die Großen wie Kleinen, mit Rötel und Hasenfett. Wie köstlich ward da noch die Furcht gebannt, der Schrecken gelähmt. Kein Mensch wagt heute, die Kunst im Arm, auf Brautschau nach solchen Motiven zu gehen. - PM

DRACHENSTURM

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Ein paar Hexen, mit Unguentum somniferum beträufelt, halten den Bann aufrecht, der auf diesem Bilde liegt wie am ersten Tag. Sein Jahrhundertschlaf unter bröckelndem Putz hinter verschmutzten, halbblind dem angebrochenen Tag wehrenden Scheiben darf nicht unterbrochen werden, denn das gestreifte Einhorn, das ein Auge zuviel hat vielleicht, ist nicht zu halten, es hält sich, so wie es steht, kaum selbst. Die Uhr mit Libellenflügeln weist dem »Gib acht« den Trompetenton und den Ohrenbläsern des Unheils fliegt das Liktorenbündel voran: Aus dem Weg! Den fahlen Rappen, auf dessen letztes verbliebenes Auge der Dolch des Einhorns zielt, kennen wir gut. Er ist die Stelle im Bild, die nicht weggeht, das Auge der Welt, das nicht sieht, sondern glotzt, weil es weiß und nicht weiß, es ist alles eins. Statt des Tamburins kreist ein Patronengurt, das versteht sich von selbst und bedarf keiner näheren Weise. Der Friede von Münster gebar dieses Bild und bewahrte es auf, manchmal kommt jemand herein, der es wissen will, und der Sturm klagt im Gebälk.

DRACHENZAUBER

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Es gibt keine Zufälle, es gibt nur Zusammenhänge. In Folge dieser Erkenntnis ist die Verfolgung in Linien bis ins Zentrum eines neuen Zeichens denkbar, und gäbe es dann auch nur für einen Augenblick die Erleuchtung. Alles andere wird ohnehin zur Arbeit der Philosophie. Sind erst die in den Alpen getanzten Nester schwungvoll genug gebildet, verfängt sich alsdann auch der Stoff der Gedanken und der Meister hebt beide Hände, um das Papier und den Tisch für die kurze Zeit des Empfangs von allen Mächten materieller Vernunft zu erlösen. Nur so kann der wartende Geist dem kommenden Geist geöffnet entgegentreten, damit die eingefangenen Zeichen, wie Tiefseefische im Netz, herbeigeschleppt und offenbart werden können. Dann senkt der empfangende Philosoph die Hände und der Drachenzauber beginnt.
Etwas Feuer der Sprache, dem oberen Bogen des Mundes in Höhe der vierzehnten Linie bergaufwärts entnommen, wird rasch aufs Papier gemalt (man vergesse die Malbutter nicht), sodann eine Spur des alten und steif gewordenen Wassers hinzugefügt – dieses Wasser ist fast getrocknet und Teil der unendlichen Dunkelheit –, und schließlich folgt jenes Magnesium oder Manna philosophorum (gewöhnliches Brausepulver der Kinder), um damit das knisternde, niemals kochende Wassser in weitem Bogen zu öffnen und dann mit einem Ruck förmlich aufzureißen.
Nun erscheinen die Eltern des Drachen, manierlich gekleidet nach den Moden getaufter Sünder des Jahres Tausend nach Christi. Sie führen den aufgerufenen Drachen als Knäblein bis an den Tisch. Sie bitten um Hilfe und Lehre. Das Drachenkind soll Schüler, Magister und endlich ein Drachenprofessor werden. Der Philosoph, der den Ritus beherrscht, lehnt anfänglich einige Male höflich ab, um schließlich durch mehrmaliges Öffnen und Schließen der Augen, gleichsam in Nähe des Schlafs, zuzustimmen. So entgeht er der Sünde wider sein Amt. Der junge Drache wird jetzt zusehends größer, fordert Becher und Schwamm, Malbutter und Zuber, um die Verkündigung zu vollziehen. Unverzüglich, auf herbeischwebenden Luftkissen, beginnt er die Zeichen der Zauberei zu entwerfen. Feierlich tunkt er die eine Pfoten in die Malbutter, entnimmt mit der anderen bunte Teilen seines gepanzerten Leibes, um entsprechende Farben zu finden, und so entstehen der Reihe nach luftgeschwängerte Teppiche von unendlicher Größe. Sie legen sich, kaum gemalt, über Häuser und Landschaften oder neu entstehende Orte, in denen künftig große Meister der Zauberei und der hohen Künste zur Welt kommen werden. Ein solches Prophetentum ist wahrer als alle Vernunft, getreuer als jeder Wachhund und vor allen Dingen so beständig wie jene Alpen, unter denen zuvor getanzt worden ist. Daher tragen sie oft deren Namen, wie Kaiser-Glücklich-Wand-Prophetie, Poltergauklamm-Gesänge, hohes Gesyndel-Wort und Spitzkofler-Unheil. Die Professur ist dem Knäblein jetzt sicher. Die glücklichen Eltern entschwinden, und das gute Kind, das inzwischen kaum noch in ein gewöhnliches Arbeitszimmer passt und dessen Flügel mit Gletscherspuren und Bergkristallen die Dünste der einsamen Höhenluft in akademische Räume tragen, legt befriedigt die ersten frischen Orakelblätter als Tafeln aus Gummigutti, aus Gneis und Glimmer wie Spielkarten auf den Tisch und ist zunächst noch, unter der Hand, Drachenprofessor geworden. Er hütet für die Dauer schwarzer Semester die Liste aller künftigen großen Persönlichkeiten, ob dämonengeschlechtlicher Abkunft, ob als Saatgut von Weiber- und Männerkernen oder als freie Gestalten des schwer überprüfbaren Poetenstandes. Er wählt sie geruhsam aus, um ihre Seelen zur Vorbereitung in die einsamen Hochschulen der großen Verwirrung zu senden, in denen die Zukunft ebenso wütet und mordet, wie sie auch Kunstwerke entstehen lässt. - PM

DRAHTVERHAU

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Die große Psychologin, die sich in das Denken des Gegenübers einfühlt, als vertrete das Fühlen dem Denken gegenüber ein unnachahmliches Plus, investiert sie mehr in Empathie oder mehr in Interessen oder doch in Abwehr? Gefühlt, möchte man sagen, mehr in letztere, es beleidigt sie, womöglich persönlich, dass Menschen anders denken als die Mehrheit oder die Clique, der sie sich zugehörig weiß (eine besondere Form des Wissens, die alle anderen aussticht) – es beleidigt sie und sie kann es nicht einfach hinnehmen, also fühlt sie sich ein, um die Motive des anderen, nein, nicht zu ergründen, denn das hieße sich ja in Gedanken mit ihnen zu beschäftigen, die nicht die eigenen wären, nein, um sie zu blockieren: ihr dem des anderen unendlich überlegenes Gefühl strahlt die wahren, die emotionalen, also doch wohl verständlichen Motive so rein, so absolut verständnisoffen und gleichzeitig unrettbar verschroben zurück, dass der andere sich nur verlegen an der Mütze zu schaffen machen kann, will er nicht als Hinterwäldler oder – wie hieß noch einmal das männliche Rüpelwort, das der großen Psychologin niemals entschlüpfen würde? – ... Schlimmeres in die Maschen des Drahtverhaus beißen, der die Kreise sondert. Fühlen, dass der andere eine andere Position vertritt, und es beim Fühlen belassen: ein Verständnisblockierer ersten Grades, dem weitere, derbere auf dem Fuß zu folgen pflegen, aber bereits unendlich wirkungsvoll – ausgeübt von Privilegierten im Namen von Privilegierten zum Zweck der Erhaltung von Deutungsprivilegien, die unter redlichen Argumentierern rascher in Bedrängnis kommen könnten, als es ihren Inhabern lieb sein dürfte. So funktioniert Gesellschaft, so funktioniert Politik, andernfalls wäre es – vermutlich – keine.

DRAHTZIEHER

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Kein Umsturz ohne Drahtzieher. Was bedeutet das? Sind die Handelnden Marionetten? Mitnichten, man muss sie nur in Bewegung setzen. Man muss ihre Bewegungen kontrollieren, man muss dafür sorgen, dass sie nicht ausbrechen oder einknicken, man darf sie mit ihrem Anliegen nicht allein lassen, man muss dafür sorgen, dass der Geldfluss nicht zum Erliegen kommt, der ihnen wundersame Kräfte leiht, man muss ihnen Unterstützer zuführen, also für sie lügen und heucheln, aber so, dass sie nicht beschädigt werden. Kurz, man muss dafür sorgen, dass sie so glaubwürdig auftreten können, wie die Natur sie geschaffen hat. Drahtzieher, heißt das, sind Helfer in der Not, vierzehn an der Zahl, man findet sie an Brücken und reißenden Übergängen, die Welt wäre um eine Hoffnung ärmer, gäbe es sie nicht. Gibt es sie denn? Die Natur hat dafür gesorgt, dass man sie nicht sieht, nur im Davongehen blitzt etwas von ihnen auf. Die Welt ist gütig.

DREHBUCH

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Das drehbare Buch, kaum erfunden, ein Welterfolg, sage ich Ihnen! Ein Einfall, im Grunde ein einfacher Einfall, sagen wir ruhig, schlicht, jawohl, schlicht das Ganze, aber: genial. Sie drücken auf einen Knopf und die Sache rollt ab. Linksherum, rechtsherum, je nach Bedarf oder Laune, das hält einer sowieso kaum auseinander. Technik eben, für alle Seiten nützlich. Auch Missbrauch, sicher, kommt vor, kommt vor. Wir können das nicht verhindern, wie sollen wir. Ja, wir legen Kundenkarteien an, das müssen wir, obwohl es... ja ja, verboten, ganz recht, auch das ist verboten, insofern... vergessen Sie’s! Vergessen Sie’s einfach! Ein wenig Technikbegeisterung, wenn ich bitten darf, sonst kommen wir nicht weiter. Und sagen Sie nicht, die alte Leier. Hier leiert nichts, wir garantieren... Keine Garantie? Sie wollen keine Garantie? Lesen ohne Garantie? Und was kommt dabei...? Bitte, hier ist der Ausgang, ich sag’s Ihnen. Eana. So ein Stoffel. Wer mir heute ein Drehbuch zeigt, ist für mich gestorben. Abgang, aus, durch die Küche. Diese Laffen meinen, sie haben den Erfolg gepachtet. Welchen Erfolg?

DREIECK

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Nein, meine Liebe, dieses Spiel ist nicht vorbei, es hat gerade erst begonnen, und es ist kein Witz. (Ein Witz, der eine Beziehung eingeht, ist keiner.) Jedes Dreieck, das in Betracht kommt, verfügt über einen stumpfen Winkel, eine Asymmetrie, die das Spiel in Gang bringt und verwirrt. An diesem Ort der größeren Spreizung entstehen die Spannungen, er nimmt den Bogen auf und damit die Rundung des Ganzen. Unter dreien schlägt einer den Bogen, nicht weil er Cäsar wäre oder Titan oder ein großer Kommunikator, sondern weil er dem Zentrum am nächsten steht. Wo alles nach außen drängt, bleibt ihm keine Wahl, nur Zerrissensein und Zerrissenwerden. Der Herausforderer hat es leicht, seine Kraft ist am stärksten, solange er sie nur wenig einsetzt. Mimetische Verähnlichung nennt die Theorie das, was zwischen den Kontrahenten geschieht, sobald der Kampf eingesetzt hat, ob es die Parteien schöner macht, bleibt dabei ausgespart. Allgemein nimmt man an, dass der Kampf die Züge verzerrt, manch einer gewinnt so erst welche, ein anderer verliert seine Zug um Zug. Das Kenntlichwerden ist eine zu ernste Sache, um sie Schiedsrichtern zu überlassen, die selbst nach dem Ort der Begierde schielen, sei es, um ihn einzunehmen, sei es, um mit dem Objekt davonzuziehen. Ein Dreieck ohne Zuschauer gilt nicht, er bildet den vierten, gewöhnlich ungenannt bleibenden Winkel.

DRUCKFEHLER

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Man muss, darin sind sich die Klassiker einig, Druckfehler annehmen können. Diese in den Text eingefügten Unbestimmtheitsmomente erinnern daran, dass das Geschriebene sich an jeder Stelle einer Wahl verdankt, die auch anders hätte ausfallen können. Wer das bestreitet, ist weniger Dogmatiker als Vermittler. Erst in der Vermittlung wird das Aufzuschreibende sakrosankt. Deshalb liegt es den Zeitgenossen, denen das große Glas das Denken versiegelt, als Vermittler tätig zu sein: sie können den Eifer produzieren, den die Konzentration auf die sich entziehende Sache unmittelbar hervorbrächte und rechtfertigte, und sie können ihn auf der Stelle nach außen wenden – als Gewusst-wie. Das große Glas, die Scheibe, die das Denken vom Nach-Denken trennt, die Unberührbaren von den Vertretern des Gewusst-wie, es ist eine Einrichtung, die man bewundern und die man verachten, aber nicht vernachlässigen darf. Ich will nicht verwechselt werden, hat Nietzsche einst bekundet, darin liegt eine Verwechslung, da die Ideenklempner sich im Anderen erkennen, in was denn sonst. Gerade ein solches Zitat gibt ihnen ein gutes Gewissen, sie haben es am Schnürchen und wissen, dass sie auf dem rechten Wege sind – in jedem Sinn. Dennoch muss vermutlich so reden, wer eine Religion zu gründen gedenkt. Er kann gar nicht anders, weil anders die Spiele des guten Gewissens nicht in Gang kommen. Und Gewissheit, gute Gewissheit, die Gewissheit, auf gutem Wege zu sein, die will man doch, wenn man sich aufs Abenteuer einlässt, auch wenn es nur den Weg zum nächsten Symposium einschließt. Abenteuerlich ist schließlich alles, was sich behaupten lässt, ganz schön abenteuerlich, daran besteht nicht der mindeste Zweifel.

DRYADENSIEDLUNG

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Die Ansammlung glatter Baumstämme neben den raueren Eichen bezeugt die nahe Verwandtschaft aufgerichteter Schlangenleiber vor dem Hintergrund eines chaotischen Meeres aus Blättern unterschiedlicher Farben. Dem Waldrand gegenüber bildet das ockerfarbene Sonnenmeer eines abgeernteten Feldes die Leere der klugen Natur, die seheinbar immer das Gleiche bietet, obwohl in unendlicher Feinheit ihr Anblick von unbekannten, stets wechselnden Geistern durchzogen ist, deren Anblick schwermütig macht. Vor dieser Weite liegt kaum zwei Schritte vom Weg der viel kleinere Ort eines unsichtbaren Geheimnisses in einem Waldrand ohne zeitgenössische Weitläufigkeit. Andere, heitere Waldregionen umgeben in immerwährender Feme aber auch dieses kleine bedenklich erscheinende Feld. An jenen glatten Bäumen, die einen verwachsen aufgerichteten, vielfach geschwungenen Zirkel aus Stämmen bilden, wandert das sehende Auge eines fast schlafend vorbeiziehenden Spaziergängers, gehüllt in seinen hier ganz befremdlichen Anzug, in weißer Hose und schwarzem Hemd. Der Ort scheint dagegen nichts einzuwenden, denn seine Zeichen entfernen sich nicht. Man darf des uralt anmutenden Dunstkreises dieser hier so besonderen Luft nicht vergessen, sie gebietet Aufmerksamkeit, die, von Anspielungen durchsetzt, auf die Anwesenheit des Übernatürlichen hinweisen. Indem die Natur hier so vieles offen lässt, ist sie dem frommen Misstrauen der Poesie verwandt, das ja so oft der hohen Sonnenmitte zur weiteren Welt hin schwankend Einhalt geboten hat, und wäre es nur für wenige Augenblicke. So entsteht diese kleine zusammengefasste Einsamkeit aus leeren Andeutungen, die fähig sind, Gewissheit zu überwinden und Ahnungen zu erfrischen. Es bleibt der geheime Kreis dieser Stämme dem übrigen Waldrand nur scheinbar verwandt, denn sie sind nur in höfischer Weise unschuldig grün belaubt, aber meilenweit von ihresgleichen entfernt. Das poetisch eingeschlafene Auge wandelt im Kreis dieser Gruppe der wenigen Auserwählten, die zweifellos eine hohe Familie bilden, immer tiefer hinaus in das Geheimnis einer Dryadensiedlung. Alle Stämme sind glatt und grau, rötliche Streifen fahren von den Kronen herab in spärliches Gras, das der Schwäche des Waldbodens, schwach durch Geister, schütter entsprießt. Vieles gäbe es noch von der frühen Verwandtschaft der zierlichen Frauen mit den älteren Schlangen und Drachen zu sagen, die der Sommertag hier für Sekunden umschlossen hält, aber das schlafende Auge erkennt, daß sich hier nichts Menschliches offenbart, sondern unvorstellbar das Ahnungsvolle sein Netzwerk stiftet. Eben eine Dryadensiedlung. - PM

DUCKMÄUSER

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Im Yagir geht man mit der Freiheit des Wortes ins Bett und wacht als Duckmäuser auf. Wie das geschieht? Es liegt am Klima, sagen die einen, an den Genen, die anderen. Da steckt schon der Grundkonflikt, der alle Welt bewegt. Die Gesellschaft hat sich fürs Klima entschieden, so besitzen die mit den Genen die schlechteren Karten. Kaum versammeln sich ein paar an einem der ihnen so teuren Orte, schallt es ihnen aus vertrauten Mündern entgegen: »Gene raus! Nie wieder Gene!« Und gleich beginnt der rituelle Tanz mit der Polizei. Die Anhänger des Wetters sind weit verstreut, sie besetzen die Schlüsselpositionen der Politik und könnten sich bequem zurücklehnen. Aber sie wissen, was sie ihren kämpfenden Vorfahren schulden und scheuen keine Schlacht. Woher dann der Hang zur Duckmäuserei? Wie so vieles, verdankt auch er sich dem Herkommen. Eigentümlich dunkel, so könnte man die Geschichtsbilder nennen, die im Yagir umgehen. Sie wurden dem Albtraum entrissen und es hängen, besonders morgens, immer noch Fetzen daran, die keiner unbestürzt sehen kann. Das gemahnt an Zeiten, da sich der Sohn des Landes erst wohlfühlte, wenn er einer neuen Offenbarung zuliebe das Haupt beugen durfte. Dann loderte in ihm der Geist des Aufruhrs, der immer glimmt, bis es wieder ans Totschlagen geht. Ehrlich gefragt: Ist es heute anders? Sie lieben, was immer sie auch behaupten, das harte Regiment und biegen das liberale so lange, bis es hart wird und scheuert – dann erst hat es Sitz. Sie machen es sich im Harten bequem. Wenn das Härteste, was einer Gesellschaft droht, der Landverlust ist, dann kann man sicher sein, dass der Erstbeste hingeht und die Riegel aufstößt: Lasst Luft herein, wir ersticken!

DÜMPELSPRACHE

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In aller Welt lesen Philosophen Literaten, um von ihnen zu lernen oder, wenn schon nicht zu lernen, sich wenigstens das eine oder andere Motiv abzuschauen oder abzuschreiben. Was wenig verwundert, da die Literaten die Felder des Sagbaren weit und breit abgrasen, so dass kaum jemand sich eine Formulierung ausdenken kann, die nicht irgendwann durch den Magen der Literatur gewandert ist. Eine Ausnahme bilden die ›deutschsprachigen‹ Philosophen, deren angestammtes Metier die Philologie ist – Altphilologie, viel deutscher Idealismus und noch mehr Nietzsche, dazu seit Jahrzehnten anschwellend dieses Stocher-Englisch, mit dem der linguistic approach anfangs seine Herkunft aus dem Wiener Jargon bemäntelte. In dieser kuriosen Philosophen-Philologie kommen literarische Texte nicht vor, sie bleiben, da unerheblich, ›ausgeblendet‹. So denken die Philosophen, aber sie täuschen sich. Ihre Texte wimmeln von literarischen Topoi, darunter solchen der übelsten Sorte, sie halten sie nur für Philosophie, weil sie sich das Lesen verboten haben und lieber abends auf Talkshow schalten.

DÜRRENMATT

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Als ich den Kafka las / war ich ein alter Has. / Noch Fragen hinten im Raum? / Man glaubt es kaum.

DUE SAVINII, PER FAVORE

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Als die Kunstkritik der Einsamkeit des großen Chirico überdrüssig ward, erfand sie ihm einen Bruder: Alberto Savinio. Sie machte ihn, wie es sich gehört, drei Jahre jünger und verlieh ihm, da es sinnlos ist, eine Gabe in schlichteren Dimensionen zu wiederholen, ein Multitalent, so dass Chirico eines Tages den Satz schreiben konnte: Mein Bruder war ein großer Schriftsteller und Komponist. Er hätte auch schreiben können: Mein Bruder war ein großer Hallodri, aber das hätte den Tatsachen noch weniger entsprochen und wäre als Beleidigung auf die Nachwelt gekommen. Die Dioskuren verdankt die Nachwelt dem Brauch, bis zwei zu zählen und dann ins Grübeln zu geraten: Was kommt danach? Vielmehr: Was wird schon kommen! – Der Bruder also? Der Bruder existiert eigentlich nicht. Er ist eine große, eine maßlose Hypothese. Durch einen Irrtum im Begrifflichen wie im Ausdruck, dessen Ursprung sich in der Nacht der gesprochenen Sprache verliert, wird der Bruder verwechselt mit dem brüderlichen Freund, dem Weggefährten, der interpretiert und erklärt – in Worten und Werken –, was der andere macht. Der es so erklärt, wie es sich selbst erklärte, könnte es sich erklären. Der es überdies nach- und vormacht – in einem anderen Medium, versteht sich –, so dass es weiter keine Umstände bereitet, auf dem einmal eingeschlagenen Kurs fortzufahren. Was wäre ein Leuchtturm, der nicht anderen den Weg wiese? Was wäre der Zeiger, der zitternd diesen Dienst leistet, anderes als der Bruder im Geiste? Und was wäre schließlich der letztere, wenn nicht der erste noch einmal? Aber weit gefehlt, dieser Zeiger zeigt nur, insofern er sich zeigt: Due Savinii, per favore.

DUMM GELAUFEN

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Die Dummen sind auf eine selbstlose Weise besorgt, sie könnten am Ende die Dummen sein. Selbstsucht müsste ihnen den Gedanken eingeben, sie seien es längst.

DUMPFBACKE

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Nehmen Sie ein bisschen von diesem Verbrechen, nehmen Sie ein bisschen von jenem, verrühren Sie das Ganze – Rührung tut gut – und reichern Sie es mit Stundensex an, wo immer sich Ihnen ein Sendeplatz bietet: bleiben Sie am Ball, allabendlich, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, erzeugen Sie das größte kriminalistische Durcheinander des Jahrhunderts in den Köpfen von Kindern, alten Leuten, Schwachsinnigen, Perversen, Kassenpatienten, Eltern, Nichteltern, Durchblickern, Bescheidwissern und Abstaubern, und Sie werden sehen, es wirkt. Sie können jedes Thema lancieren, jeden Verdacht unter die Leute bringen, jedes Misstrauen gegen ganze Bevölkerungsgruppen schüren und Heilige en gros fabrizieren. Es kostet Sie nur ein bisschen Geduld und braucht eine Maschinerie, die läuft und läuft... kurz, ein Medium. Aber was heißt schon, es kostet? Sie lassen diejenigen bezahlen, denen Sie das alles zwischen zwei Freifahrten antun, auch wenn sie nichts mit Ihnen zu tun haben wollen, und es läuft rund.

DURABILE

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Es war ein kräftiges Stück Arbeit, das Schaf zu melken, ordentlich mitgenommen sehen die Hände danach aus. Mitgenommen wohin? Ein Bauer, der nicht mit seiner Ansicht sparte, und aus diesem bekommt ihr nichts heraus. Sich inwendig ausgeben hat Vorteile, die dem Herzinfarkt ähneln, der sich – vielleicht – auf diesem Wege Bahn bricht. Poco poco, lente lente, man kann seine Einbrüche schließlich nicht stapeln. Das Schaf steht nebenbei, es hat sein Bestes gegeben, vielleicht das Zweitbeste, das wird sich weisen. An einem Baum schaukelt der böse Rest, der nie in Betracht kommt oder erst spät, es reicht, wenn er einen überkommt, dem muss man nicht vorgreifen. »Durabile«, sagen die Landwirte des Südens, sie klopfen das lederne Gemüt in der Hoffnung, einmal etwas anderes herausfallen zu sehen als die Erwartung. Aber Leder bleibt Leder, man trägt es außen, kein Mensch beißt freiwillig hinein.

DURCHBRUCH

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Unterkomplex denken, unterkomplex handeln, das war von jeher die bevorzugte Methode, sich beliebt zu machen bei Menschen und Göttern. Wer eine Kleinigkeit vergaß, dem gelingt der Durchbruch spontan. ›Verzeihung, ich vergaß‹: das könnte über dem Leben so manchen Hoffnungsträgers stehen, am besten vor seinem Abgang, oder, noch besser, vor seinem Auftritt. Es sind nicht die terribles simplificateurs, die das Leben würzen, sondern all diejenigen, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, aber im Modus der Ungeduld, denn sie wollen vorankommen. Nun preschen sie dahin, auf ebener Strecke, wo doch jeder, der Augen im Kopf hat, den Hügel sieht, in den sie sich bohren werden. Vielleicht wollen sie tiefer hinein als andere, das wäre denkbar und nicht einmal unplausibel. Ob es auch gut ist?

DURCHEINANDERWERFER

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Alle bedeutenden Durcheinanderwerfer sind auch Zurechtrücker, im Gegensatz zu den unbedeutenden, die für das geordnete Durcheinander verantwortlich zeichnen. Daher der Choral derer, aus denen noch etwas werden soll: Seien wir ein bisschen durcheinander / Leben wir ein bisschen auf dem Mond..! Dieses ›bisschen‹, man beachte, wird nur von der Grammatik künstlich klein gehalten, in Wirklichkeit ist es riesengroß und regelt die Welt oder was sich dafür hält.

DURSTLÖSCHER

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»Das Schicksal der westlichen Gesellschaft entscheidet sich an...« Wieso Schicksal? Wenn Gesellschaft ein Konzept ist, wieso dann Schicksal? Allen Konzepten steht das Schicksal bevor, entsorgt zu werden oder in andere, bessere, modernere, effizientere überführt zu werden. Das sind keine wirklichen Schicksale, sondern Maximierungsgeschichten. Kann Gesellschaft maximiert werden? In welchem Maximum jenseits ihrer selbst fänden sich ihre Spuren wieder? Kann es Gesellschaft jenseits von Gesellschaft geben? Mag sein. Gesellschaft ist eine Maximierungsvokabel: das jeweils Neue, Aktuelle, Unübersteigbare im Zusammenleben der Menschen scheint gerade das zu sein, was sich in ihr ›abzeichnet‹. Sagt man etwa, Frauen seien die besseren Gesellschaftswesen, so sagt man etwas, das je nach Gesellschaft differiert. Sagt man etwas Genaues damit? Will man überhaupt etwas Bestimmtes zum Ausdruck bringen? Oder will man bloß bestimmen? Ein Wechsel der Intonation ruft sehr unterschiedliche Vorstellungsreihen auf – man meint, je nachdem, ein Talent, eine Vorzugsstellung, einen Mangel, womöglich einen Makel oder, nicht zu vergessen, eine Aufgabe, vielleicht eine praktische, historische, vielleicht sogar eine immerwährende, einen Durst der Menschen nach mehr Gesellschaft, der sich schwer oder gar nicht stillen lässt. Mehr Gesellschaft, wer kann so etwas wollen? Wie lange kann einer durchhalten, das zu wollen?