Das A drängt, so weit wir
erfahren konnten, allein durch den strikten Ordnungseifer Thomas
von Aquins auf die erste Stelle im Alphabet, denn niemand vermag
sich bis heute auf die Regeln seiner wirklichen Reihenfolge zu
besinnen. Man kann Gestirne der Sprache nicht regeln. Man bedenke,
das Alphabet war einmal auf mehreren mondhaften Schlitten über den
Milchbart eines höheren Gottes hinabgefahren. In süßen Strömen
flossen die Buchstaben zur Namensstiftung von Sternschnuppen und
anderen Hustenanfällen des Himmels nieder in die frühesten
Fangnetze aller wahrhaft großen Stiftungen bis zu den Zeiten
Grabbeaus.
Unsere Fangnetze, eingeölt vom Malfett der Gnome, sind den
Abdrücken des Himmels zugeneigt und bilden die ersten Landkarten
menschlicher Abkunft, blau wie der Himmel, rot wie die Hölle und
gelb wie die asiatischen Wiesen bei Lhasa. Gestern erst lasen wir
zweimal ›Taipeh‹ und ›Karma‹ und empfanden den Widerspruch aller
Schuld auf Erden. Davon später, wenn die Verwirrung genügend Worte
erzeugt hat.
So nahm die frühe Magie das gespreizte A als passende Staffelei zu
Hilfe, auf dass man die ersten Leinwände astrologischer
Darstellungen, vor tellurischen Stürmen gesichert – auch sie
durchpflügen ja schließlich den breiten Himmel –, aufrichten
konnte. Noch lange hat es öffentlich unter Malern Wolken von oben
und unten gegeben, die als himmlische Kissen, in Wahrheit als
Polster der Inspiration, auf dem edlen Gerüst dieses Buchstaben
ihren Platz finden konnten. Joseph Donner von Richter galt das
gespreizte Gestell sogar als Criterium primum der Würde eines jeden
Malers und er verlästerte in seinem Hauptwerk gegen die Muse von
Cortona die späte französische Staffelei, deren Abdrücke er im
Wachs dieses Bildes gefunden haben wollte. Sie galt ihm als
infantiler Besenstiel mit verschiebbarem Unterkiefer. -
Paul Mersmann
Das denkbare Maß dieser Fingerübungen sind die Möglichkeiten des
Alphabets und die sind beträchtlich. Die Fülle dessen, was
nachdrängt, überflügelt den Stand des Erreichten und lässt ihn
größer erscheinen. Das Alphazet oder das allen Zugriffen entrückte
Buch: so ließe sich eine Schreibabsicht umreißen, die von Umriss zu
Umriss fortläuft, als liefe sie vor sich selbst davon. Was nicht so
falsch ist. - Ulrich Schödlbauer
A
AA
→Förderwille.
ABENTEUER
»Lust auf...?« »Aber nur ein kleines, für das man den Klee nicht
verlassen muss.« »Das soll etwas Kleines sein? Ist das nicht groß?
Etwas ganz Großes, für das man sich recken und strecken und
schlagen muss?« »Sie reden irre.« »Und wenn schon. Ist das kein
Abenteuer? Da haben Sie Ihren Klee, er geht nicht mehr heraus. Und
ginge er einmal heraus, wer wüsste schon, welcher Anwandlung er
dabei folgte. Nein, warten Sie. Ich habe Klee gesehen, der seine
Farbe wechselte, so fiebrig war ihm zumute. ›Kein Klee, niemals
mehr Klee‹, hörte ich ihn murmeln. Er wirkte so blass, so nervös,
als wollte er sagen: ›Man kann nichts machen.‹ Seither beschränke
ich mich darauf, den Reinigungskräften die Fünfziger zuzuschieben.
Solange sie keine Siebziger wollen, bin ich zufrieden. Nützt es
nichts, so schadet es nichts. Auch so kommt man voran.« - US
ABGRUND
Es ist nicht wahr, dass, wer auf dem Kopf geht, den Himmel als
Abgrund unter sich hat. Allein die Anstrengung, auf dem Kopf zu
gehen, verhindert den freien Blick in die Abgründe. Den Rest
erledigt die leichte Umstellung, die im Wissen darum liegt, auf dem
Kopf zu gehen: Der Himmel bleibt oben, man selbst ist tiefer
gerutscht, man ist abgerutscht –
that's all. Vielleicht nicht ganz,
denn wer den Himmel aus den Augen verliert, dem wird die Welt
fadenscheinig oder ›halbdurchsichtig‹, um ein neutraleres Wort in
einer Sache zu wählen, die keine Neutralität verstattet. Die
halbdurchsichtige, in einem Nebel von Befindlichkeiten schwimmende
Welt trägt den Himmel in sich, aber als Bedrängnis. Man will
hinaus, wohl wissend, dass dort draußen nichts ist. Man will das da
hinter sich bringen, ohne es zu verlassen. Der Schmerz ist die
schützende Hülle der Weltlosigkeit, die, zu sich selbst befreit,
verfliegt – ein Seelchen ohne Zentrum, ohne Zusammenhalt, ohne
Kontur, ohne... ja was denn? Ohne ›Fühligkeit‹, den Wetterlagen
entronnen, in denen dergleichen sich herstellt. - US
ABSCHAUM
Offenbar kann eine Gesellschaft nicht auf Dauer existieren, ohne
sich auf irgendeine Art z. B. des sexuellen Abschaums
geeinigt zu haben. Die Bilder wechseln, ebenso die Methoden der
Aussonderung und der Übertreibung, ebenso die Formen des
Durcheinanderschüttelns und ‑rüttelns, ebenso die Praktiken der
Benennung und des Aussparens, der aussparenden Benennung und der
benennenden Aussparung. Was bleibt, ist der ewige Pranger, das
Erzeugen der Meute, die Gier nach Bezichtigung, die Stunde der
Leute, die sich ›genau erinnern‹, das zwielichtige ›Geradestehen‹
von Menschen, die zufällig gerade da stehen, wo sie stehen,
schließlich die Arbeit für Polizei und Justiz, die dem allem
nachgehen und es wieder in die nicht ganz unvertraute Proportion
zurückbringen müssen. Die liberale Gesellschaft ist liberal gegen
ihre Kaprizen, solange sie stürmt, geht man ihr besser aus dem Weg.
Die Wogen gehen hoch, wenn ein Zeitgeist einen gewesenen hetzt oder
am besten gleich aufknüpft. Der nächste steht ihm schon in den
Hacken und lernt seine Lektion: er wird sie nützen, wenn die Zeit
gekommen ist. - US
ADORNO
Winkelschriften sollte man lesen, solange es Winkel gibt, also
immer. In einem entfernten Winkel der philosophischen Welt, fernab
von den gelehrten Strömen, auf denen die denkerische Fracht des
Jahrhunderts in riesigen Kähnen abwärts dem Meer der allgemeinen
Verwertbarkeit zugeführt wird, ruht dieses Werk, das seinerzeit zu
den aufregendsten zählte und seither Gelegenheit fand, auch die
Gelassenheit kennenzulernen und in sich einzulassen. Ein
dekapitiertes Corpus, wenn man so will, denn seine Hauptsache war
der Zeitgeist selbst, und der Verräter, der mit ihm auf und davon
ging, wusste wohl, welche Folgen seine Tat zeitigen würde. Ein paar
Blumen, jahreszeitlich erneuert, schmücken das Grab des Entsorgten,
und einige unsterbliche Seiten, keiner weiß sie zu deuten, wie es
der Meister gewollt, zieren die Stätte zur Linken wie zur Rechten.
Hier herrschen Popeia und selige Eintracht, nur lebendig soll nicht
mehr werden, was da vergraben wurde. Man hat dem Meister
Melancholie attestiert, als sei das ein Tadel. Was sicher stimmt,
aber nur dann, wenn man hinzunimmt, dass er sich unmittelbar gegen
den Tadelnden wendet und ihn richtet. Man nimmt dem Verblichenen
übel, dass er die Verzweiflung kennen gelernt und herausgelassen
hat; das Herauslassen des Eiters, an dem sich die anderen langsam
selbst vergiftet haben und nun zugrunde gehen, könnte immerhin als
die unkonventionelle Schönheit durchgehen, der dieser Ästhet anhing
und von der er einen seltsam unvollständigen Begriff besaß – zum
Schaden seines Werks, das just an der Stelle zur Unform anschwoll
und kein Ende fand. Zum Ruhme des Autors hingegen sei es gesagt: er
kam mit der Kunst nicht zu Rande und zu keinem Ende – das scheidet
ihn dauerhaft von den auf Kritik abonnierten Banausen, die ihn
beerbten. - US
ÄRGER
All diese Leute, sagt G., sind durch eine Phase des Verhaftetseins
hindurchgegangen, die es ihnen nicht erlaubt hat, ihr Wort zu
sagen. Sie waren gebannt durch ein Ich-weiß-nicht-was, das sich
ihnen in immer neuer Form darbot, aber als Tendenz konsumiert
wurde, als unaufhaltsamer Zug in der Zeit, ein Zug, nicht der Zeit
selbst, sondern, wie soll ich es ausdrücken, eines Denkens, einer
Sprech- und Machweise, hinter die man nicht zurückfallen durfte.
Und das, obwohl man gegen jede einzelne Form, ja praktisch gegen
jedes Detail sofort Vorbehalte hätte geltend machen können. Man tat
es ja auch, und diese Vorbehalte wurden aufgenommen, sie wurden ein
Bestandteil der Maschinerie, die alle vorwärtsstieß und ihnen das
Gefühl gab, trotz allem aufgehoben und dabei zu sein. Nun, da sie
gereift sind, ist die Verbindung gebrochen und sie gestehen sich
ein, dass sie ein Leben lang gefoppt wurden und, was mehr bedeutet,
sich selber foppten. Sie waren nie gemeint und sie haben ihre
Aufgabe versäumt. Manchmal überfällt sie das Gefühl, auf einer
Bühne zu stehen. Sie wissen nicht, welches Stück gerade gegeben
wird und lungern im Grunde nur herum, weil sie schon bisher keine
Rolle spielten und deshalb auch keinen geregelten Abgang bekommen.
Sie breiten die Arme aus und fallen jungen Schauspielern ins Wort,
die ihr Bestes geben und es schon gewöhnt sind, sich im Gedränge zu
behaupten. Keiner will Ärger, das ist das Ärgste und kränkt am
meisten. - US
ÄRGERNIS
Mit der Abschaffung des Greisenalters als fester sozialer Größe –
keine wirkliche Abschaffung, sondern eine der üblichen
Überblendungen – diffundiert auch die Figur des unwürdigen Greises,
man könnte sagen, sie taucht unter in der Masse all derer, die sich
ohne Sinn und Verstand die seltsamsten Blößen geben, als hätten sie
es vorsätzlich darauf angelegt, mit Hilfe kleiner und großer
Intrigen aus allen Verhältnissen herausgeschossen zu werden, in
denen sie sich eingenistet haben, weil man sich ihrer anders nicht
zu entledigen wüsste. Aber das ist nur die eine Seite der Sache.
Der Wahn, mitten im Leben zu stehen, entsteht ja nicht zwingend in
diesen Personen selbst, er fliegt ihnen aus der Gesellschaft zu, er
ist auferlegt und sie tragen ihn um den Hals wie ein
Elefantengeschirr, das blankpoliert ihr Elend verhöhnt. Für die
etwas Jüngeren, die nicht so genau hinsehen wollen, mag darin eine
Beruhigung stecken: Es geht doch, weiter geht’s, aber sicher,
Jahrzehnt um Jahrzehnt. Nur die Konkurrenz mit den Alten wünschen
sie zu gewinnen, darauf bestehen sie und fühlen sich ungewöhnlich
vital. Der banale Widerspruch, der darin liegt, ist den wenigsten
merklich: eine sonderbare Taubheit flüstert den meisten zu, was
geht und was ›wirklich‹ nicht geht. Die Alten sind, alles in allem,
folgsam, wenn sie ein Ärgernis geben. Das macht den Umgang mit
ihnen nicht leichter. - US
ALPHAZET
Man darf
das Etceterarische der Grundbegriffe nicht willkürlich übertreiben,
doch man darf es auch nicht verkleinern. Sie werden nachgeliefert,
daran besteht kein Zweifel. Niemand beginnt mit ihnen, wo käme er
denn da hin? Grundbegriffe führen nirgendwohin, wer auf dumme
Gedanken kommt, kann ihnen nachgehen, aber nur vage, auf
unbestimmte Zeit, man fängt sich leicht den Spott der Leute dabei.
Eher gehen sie einem nach, in ihrer eigenen Ordnung und in ihrem
eigenen Rhythmus. Doch keiner sollte darauf vertrauen, dass sie
schon nachkommen, man kann sich da arg täuschen und manchem bläst
es die Ausrüstung weg, ohne dass auf Ersatz zu hoffen wäre. Viele
halten es mit der Ansicht, Grundbegriffe seien einfache Begriffe,
aus denen sich die anderen dann zusammensetzen. Das ist keine
Täuschung, das ist eine Dummheit. Grundbegriffe sind, wie ihre
Bezeichnung, zusammengesetzte Begriffe, jeder von ihnen enthält das
volle Alphazet, aber in der Nussschale. Man blickt auf sie wie auf
die Steine auf dem Grunde des Wassers, die Gedanken fließen darüber
weg und sie liegen ruhig auf ihrem Platz, aber das scheint nur so.
Auch sie wandern, wie der Dichter schreibt, mit unterschiedlicher
Geschwindigkeit und in unterschiedliche Richtung, und nicht nur am
Grunde der Moldau, das ist ganz normal. Man erkennt sie zwischen
den anderen, im Verbund. Allein, auf dem Trockenen, geben sie
nichts her. Sinnsucher, die barfuß auf ihnen zu laufen versuchen,
empfinden sie leicht als spitz und versuchen, rasch wieder Land zu
gewinnen. Was nicht so leicht ist! Aber was ist schon leicht. Ein
Leichtsinn vielleicht, er ist schon weg. -
Die
Verfasser
ALPHAZETISMUS
Es gibt kein Alphazet, außer man schreibt es. Der Alphazetismus
besteht darin, einen Gedanken, den man lange gedacht hat, zu
ergreifen, sobald er sich flügge zeigt, als eine Geste der
Erschließung all dessen, was Menschen mangels überzeugenderer
Konzepte niemals aufhören werden, als wirklich zu bezeichnen. Ins
Gehege des Alphabets findet die Wirklichkeit kaum anders hinein als
eine Daphne in den Lorbeer – rasch, aus einer gewissen
Atemlosigkeit heraus, im Sich-Umwenden, im Entgleiten der Bewegung,
die eben noch alles beherrschte und jetzt den Körper in Wellen
verlässt, die den Betrachter wie Windgekräusel anmuten. Das
Alphazet will betrachtet werden. Bereits darin liegt ein
Alphazetismus, ein Unwille, sich zu bedienen und bedienen zu
lassen, ein Verweilen, das darüber hinausgeht und still steht,
jedenfalls der Tendenz nach. Denn der wirkliche Stillstand ist auch
der Stillstand des Wirklichen, seine Auflösung in etwas, das sich
dem
Leben entzieht, eine
fürchterliche Windstille, in der ein Blumentopf auf die Straße
fällt, bloß damit etwas passiert. Etwas passiert immer, im Alphazet
liefert es einer anderen Gangart, einer anderen Passierweise das
Geländer, an dem sie das bisschen Halt findet, dessen sie bedarf. -
US
ANGST
Das ängstliche Angekettetsein der Philosophen erweist sich, aus der
Nähe besehen, als leerer Schein. Er ist zweifellos ihr größter
Trick. Sie werfen ihn in die Luft und fangen ihn mit dem bloßen
Munde auf. Entfesselungskünstler, die sie sind, reizen sie mit ihm
das Problem. Je enger er am Körper geführt wird, desto sicherer
winkt der Beifall des sachkundigen Publikums. Keiner macht sich
Gedanken darüber, dass so ein leerer Schein lebt – anders als das
rote Tuch der Toreros. Man behandelt ihn, als sei er so gut wie
tot, also schlecht. Dabei hat er Geschwister, allen voran den
vollen Schein, den die Winzer lieben und die Eigenbrötler des
Denkens vorsichtig umgehen, als neide er ihnen ihr Asseldasein. Man
sollte wissen, dass beide, der leere Schein und der volle,
miteinander in einer weitgehend unenträtselten Verbindung stehen,
die niemals abreißt und vermutlich auch im Tod nicht erlischt. Das
Hervorgehen der Theorie aus der Selbstverhedderung des
philosophischen Gedankens ist das Leben des leeren Scheins. Solange
sein Auftritt währt, vergnügt sich der volle Schein im Schatten der
Versorgungsfahrzeuge, wo die Probleme auf Abruf lagern. Manchmal
tritt er in die Sonne, ruft lässig ein Taxi herbei und entschwindet
gen Westen. Das ist die Stunde der wirklichen Angst. Matter werden
die Griffe der Denker und hektischer, das Publikum fragt sich, ob
der Problemdruck, der auf den entferntesten Sitzen spürbar ist, sie
alle in einer gewaltigen Explosion hinwegfegen wird. Die
Veranstalter gehen im Geist die Sicherheitsvorkehrungen durch und
überschlagen die Einnahmen. Entweder sind sie tot oder sie werden
es binnen kurzem sein. - US
ANGST (2)
Angst gehört, auch wenn das nicht immer deutlich wird, zur Klasse
der undeutlichen Gegenstände (indiscretae). Angst hat
einer, sofern sie ihn hat. Die Sprache ist in diesem Fall
merkwürdig, man ›hat‹ Angst, aber man ›hat‹ nicht Liebe, sondern
man liebt. ›Liebe haben‹ bedeutet die Fähigkeit, lieben zu können,
die analoge Aussage verbietet sich praktisch von selbst. Ängstlich
sein bedeutet nicht, Angst haben zu können, sondern sie an der
falschen Stelle zu haben, vorne links zum Beispiel, wo sie nicht
hingehört, wo, im Gegenteil, des Lebens Pulse schlagen oder
schlagen sollten. Auch hier führt die Liebes-Analogie in die Irre,
denn lieblich sein bedeutet gerade nicht, an der falschen Stelle zu
lieben, sondern zur Liebe zu verführen – nicht aktiv, durch
ergriffene Mittel, sondern von innen heraus, durchs bloße Dasein,
nichts weiter. Wer hingegen zur Angst verführt, ist ein
Angstmacher, das besagt alles. »Du solltest mir besser keine Angst
machen«, sagt das Märchen-Kind zum Märchen-Drachen. Darin liegt
eine Drohung, die dem Drachen, in dem ein Angsthase schlummert,
unmittelbar eingeht. Dabei kann, was Angst einflößt, völlig
unbeteiligt dahinplätschern. Unbeteiligt am Einzelnen zum Beispiel
geht das Universum seinen Gang. Das scheint bloß so, aber es ist
die Wahrheit, und sie ruft Angst hervor. »Stirb nicht, liebes
Universum«, murmelt das sterbliche, das allzu sterbliche
Menschenwesen, »stirb nicht, jedenfalls nicht jetzt, wo alles so
schön ist!« Und es richtet sich auf zu seiner vollen Größe und
schwingt die Fäuste gegen die bösen Mitwesen, die das schöne,
schaurige, allzu sterbliche Universum durch ihre bloße Überzahl und
ihr ekelhaftes Glücksbegehren in echte Bedrängnis bringen.
Wenigstens aufpassen sollten sie, dass ihm nichts passiert, dafür
lohnt sich’s zu kämpfen. Die Welt so klein und das Verlangen so
groß – wie passt das zusammen? Niemals und nirgends. Dieses
Missverhältnis, nun, findet in der Angst seinen Ausdruck. Zur Kunst
erhoben, hängt sie in den Museen, füllt die Bibliotheken, rauscht
in Form elektronischer Klänge durch die Weiten der Milchstraße. Wer
weise ist, bekämpft die Angst nicht, sondern verwandelt sie in
Überschuss. So muss er keine Angst haben, dass sie zurückkommt, im
Gegenteil, er darf sich ihrer erfreuen, sobald es ihn anwandelt.
Wer die Pulks aus älteren Mitbürgerinnen sieht, wie sie mit ihren
Klapphockern durch die Museen ziehen, eine erklärungswütige
Plaudertasche vorneweg, der weiß Bescheid. Sie wollen die Angst
sehen, aber nicht deutlich, scharf, klar, sondern blinzelnd,
plaudernd, nebenher und unterwegs. Seit die Bildung die Bilder
vergessen hat, gehören sie ihnen. Vielleicht gehörten sie ihnen
immer und die Kenner, die sich dazwischen drängten, waren nichts
als verkappte Hüter einer tyrannischen Ordnung, die den Auftrag
bekommen hatten, sie abzudrängen. Heute, da die Museen, abseits der
großen Ausstellungen, auf ihre anthropologische Funktion beschränkt
sind, haben sie freie Bahn. Man versteht unmittelbar, dass sie hier
zu Hause sind, man merkt es an Stimme und Gang. - US
ANNAHME
»Angenommen also...« – Was ist das überhaupt, eine Annahme? Doch
wohl die Entgegennahme eines adressierten Gegenstandes, einer
›Sendung‹. Aber nicht irgendeine Entgegennahme, bewahre, vielmehr
eine, die rechtmäßig erfolgt oder unrechtmäßig, also eine, die
durch Recht und Gesetz geregelt ist... Das sind ein wenig viel
Annahmen für so eine kleine Annahme, die leicht durch die Maschen
schlüpft und mit unterläuft, wie man sagt. Angenommen also, es
fände sich ein Briefträger und er hätte recht mit der Annahme, den
rechtmäßigen Abnehmer seiner Sendung vor sich zu haben, und die
Annahme erfolgte nach Recht und Gesetz: angenommen, es handle sich,
alles in allem, um eine formal korrekte Annahme, so könnte man sich
ja bequem über die Inhalte beugen und darüber die Kautelen des
Empfangens vergessen. Aha! Man muss also vergessen, um zu
begreifen, worum es in der Sendung geht. Aber angenommen, man kann
nicht vergessen...? Wer kann denn glauben, er begreife im Ernst den
Sinn der Sendung, wenn er bereits vergisst, woher sie kommt? Wenn
er es auch nur einen Augenblick lang vergisst? Aber warum ist es
denn nicht gleichgültig, woher die Sendung kommt? Wenn sie zum
Beispiel eins meiner Kinder in meiner Abwesenheit erbricht, wäre
sie dann nicht mehr dieselbe? Man bedenke auch den Fall, die
Annahme erfolge unrechtmäßig, dafür in einem höheren Sinne
rechtmäßig: alsbald steht Sinngemäßheit gegen Buchstabentreue,
Begreifen gegen Begriff, der wahre Empfänger gegen den supponierten
– da tauchen also neue Annahmen auf, man kann nicht einmal sagen,
am Rande des Blickfelds, sondern buchstäblich dahinter, dahinter...
Das muss man sich einmal vorstellen. »Was sagen Sie? Eine Annahme
wäre eine Supposition? Eine Unterstellung? Moment mal. Wer
unterstellt hier wem was? Ich Ihnen? Wie kommen Sie dazu, so
etwas... Schauen Sie doch unter sich. Da ist doch gar kein Platz.
Und überhaupt: ich kenne Sie nicht. Ein Untergestell, das könnten
Sie brauchen, ich sehe jetzt Ihr Problem. Aber ist es meines? Sagen
Sie mir das eine: ist es meines? Ich nehme an, was ich will, damit
entferne ich mich von Ihnen beträchtlich. Lassen Sie mich ausreden.
Ich nehme an, was man mir eingibt. Oder auch nicht. Nicht jede
Eingabe zählt, wenn Sie verstehen... Manche sind dringlich, die
lege ich beiseite, für später. Es hat keine Eile.« - US
ANÖDE
»Streck deine Füße, die Langsamkeit fliegt uns voran«: ein
Jubelwort aus der Litanei der Anöde, der Zuflucht aller, die, mit
Helmen und Lanzen bewaffnet, im Kampf mit den Windmühlen erlagen
und nun ein sicheres Plätzchen wittern. Da sitzen sie, rundum
gepolstert wie Armlehnen und hören einander zu, während sie ihre
Wunden versorgen. Die alte Versorgungsmentalität beherrscht sie
noch immer. Und warum alt? Wunden müssen versorgt werden, zu allen
Zeiten, immer.
Von
daher, wie mein Vertreter sagt... Die Wunden bluten ja, sie
tropfen den schönen Kirschboden voll, auf dem jedes Sandkorn
knirscht, als sei es ein großer. Ein Großer? Ein großer was? Ein
Brocken, sage ich Ihnen. Diese da waren Kämpfernaturen, sie haben
Anstoß genommen, wie es ihrer Natur entsprach, ihrem Naturell,
sozusagen. Sie hatten wohl etwas zu sagen und sagten es laut und
vernehmlich, mehrfach, in einem fort. Nun ist es fort und kommt
nicht zurück. Sehen Sie den Horizont? Der lange schwarze Strich, da
steht es, äugt herüber und bewegt sich nicht mehr. Vielleicht äugt
es auch nicht, sondern blickt unverwandt in die
Zukunft. - US
ANPASSUNGSKRISE
Die Krise, ungleichzeitig wie stets, überkommt den, der sich in
Sicherheit weiß, der sich in sie gerettet hat – mit einem Sprung,
einer letzten verzweifelten Anstrengung, einem leichten Heben des
linken Zehs, unmerklich für die Umgebung, mit was auch immer. Sie
überfällt ihn hinterrücks; je größer die Anstrengung des
Entrinnens, desto vehementer der Aufprall. Angekommen und nicht
angekommen zugleich, weiß er weder, wie ihm geschieht, noch, was
von ihm verlangt wird. Vor allem letzteres beunruhigt ihn sehr. Er
möchte sich gern erkenntlich zeigen für die neu erworbene
Sekurität, leider enthält sie die größte Täuschung. ›Aber ich bin
doch dankbar‹, ruft, nein, intoniert er in allen Tonlagen,
vergebens. Es hört ihn auch keiner, denn äußerlich bleibt er stumm.
- US
ANSCHLUSSFÄHIGKEIT
Die Hasenfüßigkeit macht vor den Toren der Wissenschaft nicht Halt,
sie schlüpft vielmehr mit der ihr eigenen Behendigkeit unmittelbar
hinein. Ihre ersten Opfer sind die Helden des Alltags, die davon
träumen, einmal im
Leben
einen Trend zu inaugurieren. Man muss die herrschenden Trends stark
empfinden, um diesen Wunsch zu hegen, das heißt, man muss den
beherrschenden Anspruch, der von den Inaugurationstexten ausgeht,
in einem Maß respektieren, das mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit verhindert, dass der tief gehegte Wunsch
in
Erfüllung geht.
Es sind tüchtige Arbeiter, gut konditioniert, sie wollen die
Verhältnisse ändern, zumindest in ihrer
Disziplin, sie wollen dazu beitragen, dass sich
etwas bewegt. Sie haben ein starkes Ego, ihre Auftritte sind
durchdacht, sie verlangen, dass man ihnen zuhört, aber im
Entscheidenden zeigen sie sich taub und richtungslos. Es ist nicht
die Zeit für das, was zu sagen bliebe – den Rest, den sie sich nur
über das entschiedene Urteil aneignen könnten, das sie sich
versagen. Die Urteilsabstinenz ist über sie verhängt und manche
tragen ihr Los mit Grazie. Was für Leute wie sie ›ganz normal‹ ist,
drückt Standorte, an denen ein solches Verhalten endemisch wird, in
die Zweitklassigkeit oder in die Bedeutungslosigkeit. Das Spiel
machen andere. Da hilft kein
Förderwille. - US
ANSEHEN
Es ist, unter Menschen, nicht schlecht, ein gewisses Ansehen zu
genießen, was nicht heißen muss: ein gutes. Das Ansehen
unterscheidet Völker wie Menschen, es schert sich wenig um
Staatsgrenzen und Bevölkerungsmix. Zum Beispiel haben die Deutschen
stark unter ihrem Ansehensverlust gelitten und sind erleichert,
etwas davon wieder ihr eigen zu nennen. Sie bauen, mit einem
Augenzwinkern wird es gesagt, ›fine cars‹. Leider schmeckt das
Eigenlob verdächtig nach jenem Aber die Autobahnen, mit dem einst
der geistig-moralische Wiederaufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg
begann. Und ein gewisser Zusammenhang ist schwer zu leugnen. Eine
Industrie, von der die Hälfte der Bewohner eines Landes abhängig
ist, muss etwas Ungemeines besitzen. Sie birgt den Tempel und
vielleicht auch die Bundeslade, um die das geheime Leben aller
zirkuliert. Aus dem Ansehensverlust der Kultur haben forschere
Zeitgenossen geschlossen, dass sie nichts wert sei – ein
klassischer Fehlschluss, der mühsam die Einsicht verdecken half,
dass die anderen sich ein paar Jahre lang von denen da nicht über
die heikelsten und bedeutsamsten Elemente des Menschseins belehren
lassen wollten. Die Kultur hatte das da nicht verhindert, wozu
sollte sie gut sein? Vielleicht war das da sogar aus ihr
herausgekrochen, so dass man mit Fug sagen konnte, sie habe sich in
ihm entpuppt? Ein Hauch von Krieg gegen das eigene Herkommen liegt
über den Jahrzehnten nach ’45, ein zeit- und objektversetzter
Widerstand gegen wehrlose Klassiker, von toten Lebenden gegen
lebendige Tote geführt, als gelte es, eine bereits von den
Vorgängern demolierte Sache gemeinsam mit den Alltagszeugnissen der
Schande zu verscharren. So sind die Deutschen in dem, was sie ihren
Lernprozess nennen, erneut die Barbaren Europas geworden – fleißige
Lieschen ohne Alltagskultur, mit viel Kunst
und
Events, ohne eine
nennenswerte Literatur, ohne eine nennenswerte Philosophie, ohne
nennenswerte Humanwissenschaften, sogar ohne ein Bewusstsein, etwas
verloren zu haben. Auch hier glauben sie sich, nach einer langen,
frenetischen, blutigen und sterilen Stunde Null, endlich
angekommen, endlich des Makels ledig, etwas Besonderes zu sein. Ein
Irrtum? Nein, kein Irrtum, ein Grobianismus. - US
ANTICHRIST
Das ist der von einem nicht mehr personifizierbaren Gott-Teufel
künstlich geschaffene Gegenbruder Christi zum Schutze all derer,
die Jesus den Nazaräer verstoßen haben. Jene und ER gelten als
antispirituelle Zerstörer der klassischen Feste im Kirchenjahr und
überhaupt im weiteren Sinne als Verwirrer der Kathedralen der
Seelen. Man findet IHN und seine Anhänger mit schwarzen, übergroß
nachgeahmten Priesterkappen, Pantoffeln und Stolen auf Glasfenstern
und Wandgemälden, vornehmlich der Tempi sancti, innerhalb
mediterraner Orte, etwa auf jenem Bild vom Umbau Jerusalems zur
Schädelstätte durch Al Chumä den Lästerer. Von hier aus fuhr
dieser, als Begleiter des Antichristen, sehr häufig, wie von
französischen Kreuzrittern bei ihren Prozessen bezeugt, nach Westen
in gewisse Seelen phantastischer Prägung. Voller Wut behauptete
Ernst Hello, dieser niedere Knecht sei jeden Tag »voller Schmutz an
den Stiefeln« in die Köpfe der französischen Dichter gefahren.
Lautréamont war sich jedoch der köstlichen Gestalt des Inspiration
durchaus bewusst und erwähnt Al Chumä in Briefen als den
humoristischen Überbringer aller Aufträge des Antichristen, deren
Purifikation ihn allerdings immer viel Zeit gekostet habe. »Meine
Gesänge Maldorors wären fünfmal länger geworden, hätte Al Chumä
nicht soviel geschwätzt. Manchmal sprach er sogar von den
unterschiedlichen Marktpreisen für Brennholz auf den verschiedenen
Plätzen von Paris oder selbst von Grenoble.« Man kennt zahlreiche
Rezepte einer fleischlichen Wiedererweckung des Antichrist nach
1789 bei Gegenaufklärern und Satanisten in Frankreich durch
Pottasche und tierischen Leim, Weihwasser und Quecksilber. In
Barcelona zeigte man bis in die Neuzeit seine Mumie, vom Speer
eines Glaubensritters der ›vier Gelübde der Cavalleria andante‹
durchbohrt. Er wurde dort Don Spirito Diavolo contra Jesum genannt
und auf Verlangen nach Beiwohnung einer frommen Messe gezeigt. Er
war mehrere Meter lang und weiß wie Kreide, überhaupt vielleicht
eine Gipsfigur aus den Händen eines frommen oder besessenen
Künstlers. Er lag in einem Gefäß aus Kupfer und wurde gerollt wie
eine Tonne, wenn er sich offenbaren sollte.
Dehio fand ihn aber schon 1903 nicht mehr an der bekannten Stelle
und vermutete seine Abschaffung durch den frommen Erzbischof
Trivolo Maria sul davantorre del Christobal di Alicante. In einem
tieferen Sinne ist der Antichrist eine Hoheitsgestalt der älteren
Wissenschaften, die sich bewusst oder unbewusst auf ihn berufen.
Dreimal sei das Haupt, umflossen von den Primzahlen, zur Wurzel
Jesse gelangt und so zur Mutter aller Zahlen geworden. Dies lehrte
man noch für gebildete Berggänger unter den Goldsuchern der
Solothurner Bergakademie zu den Zeiten Lavaters. Von dieser
magischen Dreierreihe gingen hypnotische Kräfte aus, die Kranke
heilten und Schlaflose müde machten.
Eine neuere Forschung durch die
freie religiöse Phantasie gibt es leider bis heute nicht. -
PM
ANTWORTEN
Wo immer einer hinkommt, wollen die Menschen wissen, wie es
weitergeht. »Die Menschheit hat ein Recht auf klare Antworten.« So
las man es gestern, so liest man es heute. Die Menschheit, das sind
die Leute, denen das Fernsehen das kleine Einmaleins beibringt,
bevor es sie mit ein paar Kindergeschichten zu Bett bringt. Dazu
kommen jene Unverdrossenen, die sich aus dem öffentlichen Medium
nichts machen und stattdessen zu Vorträgen laufen, wo sie hinterher
mit dem Autor diskutieren oder sich ein Autogramm abholen wollen.
Jeder, der sie kennt, weiß, dass nichts weniger sie befriedigt als
klare Antworten. Sie lieben es, ihre Vordenker in die Klemme zu
bringen. Die Menschheit weiß in einem Ausmaß Bescheid, das denen,
die ihr etwas bieten möchten, mehr Stoff zum Nachdenken böte, als
sie verkraften könnten. Nein, die Menschen wollen keine klaren
Antworten. Sie wollen auch nicht belogen oder betrogen werden,
jedenfalls nur nach dem Maß dessen, was sie sich selbst zumuten.
Sie wollen... alles Mögliche, und es wäre immerhin möglich, dass
sie beim Zuhören auf ihre Kosten kommen. Manche wollen sich etwas
dabei denken, wenn andere reden, im Hinterstübchen, dort, wohin sie
niemanden blicken lassen. Sie sind, wie man hört, in der
Minderzahl, aber diese Annahme ist vielleicht ebenso töricht wie
der Appell an die Menschheit. Was sie zu denken gedenken, ist
unabsehbar, und selbst wenn es ein Immergleiches wäre, hätte
niemand ein Recht, es ihnen zu verwehren. Dieser Niemand, das ist
die unsichtbare Figur im Spiel, sie kreuzt die Bahnen der Akteure
und mancher trägt eine lahme Ferse davon. - US
APHOSACK
Sagen wir, so ein Aphorismus ist eine feine Sache – fragt sich, für
wen, fragt sich wozu? Ein
coltello ist ebenfalls eine feine
Sache, warum nur misstraut man dem, der ihn in der Tasche mit sich
herumträgt? Und dann: Warum ein stumpfer? Warum einer, der so klein
ist, dass er nicht einmal dazu dienen kann, ein Brot sorgfältig in
zwei Hälften zu zerlegen? Geschweige denn, ihn dem Gegner zur
rechten Zeit ins Herz zu bohren? So ein
coltello ist, recht betrachtet, zu gar
nichts nütze.
Betrachten wir die Sache von einer anderen Seite. Für viele
Mitmenschen ist es eine Notwendigkeit, der sie sich nicht entziehen
können, gefährlich zu erscheinen. Nur: in einer Gesellschaft wie
unserer erscheint man nicht lange gefährlich, ohne auf die eine
oder andere Weise aus dem Verkehr gezogen zu werden. Die Nachbarin
hat es genau bemerkt und die Polizei – gehen Sie mir mit der
Polizei! Das ist ein unnützer und gefährlicher Aufwand, anderen
gefährlich erscheinen zu wollen. Er bleibt auch vergebens, da die
Leute einen gefährlichen Menschen ungefähr so ernst nehmen wie
einen ausgebrochenen Zirkuslöwen oder einen Braunbär auf Urlaub.
Ein Anruf genügt und mit der Gefährlichkeit ist es aus. - US
ARMUTSFALLE
Seit Adler arm ist, beschränkt er sich beim Kaufen aufs Nötigste.
»Sieh her, was ich brauche«, sagt er, »das ist nicht der Rede
wert.« »Welcher Rede?« fragt G. interessiert, es freut ihn, wenn
einer Ausflüchte gebraucht, sie liegen dann nicht so am Boden herum
und er kann sicherer auftreten. »Dummkopf«, sagt Adler, denn er
kann Sophisten nicht leiden und kehrt gern den Wisser heraus.
»Armer Adler«, seufzt G., nachdem er in
Würde geschwiegen hat, »er sitzt in
der Falle und merkt nichts davon. Er glaubt noch, er könne fliegen,
wann immer er wolle, und es liege am Auftritt. Lassen wir ihm
seinem Glauben. Es ist besser, er stößt sich den Schnabel, als dass
er uns abstürzt.« »Adler stürzen nicht ab, mein Lieber«, ruft Adler
hinter ihm her, »sie bewachen den Mond.« »Wie er sie«, murmelt G.
und rudert zurück in die Armutsfalle. - US
ASTLACHEN
Sich einen Ast lachen → soviel wie: sich krumm lachen, einen
ungewöhnlichen Heiterkeitsausbruch hinlegen, auf Kosten anderer
triumphieren, aber im Verborgenen (oder auch nicht), einen vom
anderen übersehenen Vorteil einstreichen, unverhofft auf seine
Kosten kommen, dem (den) Mitmenschen das Nachsehen geben. Dass bei
solcher Gelegenheit etwas zum Vorschein kommt, gleichsam aus einem
herauswächst, scheint zunächst einmal nichts Außergewöhnliches an
sich zu haben, es versteht sich fast von selbst. So ein kleiner
Auswuchs – wo darf es sein? Unterm Ärmel? Aus dem Kopf? Aus der...?
Nana. Und doch... vielleicht. Die... hören Sie, ich kann mich vor
Lachen nicht halten, worauf wollen Sie hinaus? Wo wollen Sie hin?
So ein Aphorismus ist rascher entführt als die Vorstellung, die er
enthält. Allein gelassen, kauert sie einsam am Wegrand. Lachen Sie
ruhig, das ist die Wahrheit, nicht die ganze, aber ein Gutteil. Die
Vorstellung ist die Falle, die der Astlacher seinen Mitmenschen
stellt. Die Vorstellung, dass sie da draußen sitzt, erheitert ihn
in der Seele. Er hat sie gut sichtbar versteckt, man könnte sie
einen Fetisch nennen, einen Wegweiser vielleicht oder eine Grabrede
für niemanden. ›Lust, niemandes Grab zu sein‹ unter soviel
Plünderern. - US
AUFBRÜCHE
Du siehst ein Kunstwerk und bist entzückt. Du liest die Theorie,
die vom Künstler ausgeheckt wurde, um seine Richtung begreiflich zu
machen, und bist gelangweilt, befremdet, irritiert. Du fragt dich:
Wie konnte dieser schwache, offenkundig leicht zu verwirrende Geist
so ein Werk hervorbringen? Und du liest weiter. Du findest die
Theorie mit anderen im Bunde, die den gleichen Geist atmen:
Ansichten einer Clique, einer Schule, einer Bewegung. So geschieht,
was geschieht: auch die dazugehörige Praxis kann nicht länger
überzeugen. Du siehst das Gewollte, das sinnlos Erzwungene, du
siehst, wo du hinsiehst: falsche Theorie. Wohin ist das Sehen
entschwunden? Welche Sicht der Dinge hat es unaufhaltsam verzehrt?
Geht das Gedachte dem Gesehenen so weit vor? Ah, da kommt es
zurück. Beginnen wir also von vorn. Nein, du bist nicht länger
entzückt, aber du lässt gelten. Du lässt gelten, weil du nicht mehr
gefordert bist. Eine naive Sicht der Dinge lullt dich ein. So geht
es den Künsten, so geht es der Kunst. Man muss ihr die Aufbrüche
nachsehen, wie sonst käme sie zustande? Am Ende gilt, was du
siehst. Es gilt nicht wirklich, nur ein wenig vermindert, du muss
dich darein versehen, sonst siehst du nichts. - US
AUFREGEND
Warum die aufregenden Schriftsteller die langweiligen sind.
Auffällig ist: was in seiner Zeit ankommt, vergeht mit ihr. Später,
unter der Lupe kulturhistorischer Untersuchungen, mutiert es zum
Exempel von Trivialkultur. Alles, was den Zeitsinn stimuliert,
wirkt aufregend, es steigert das Bewusstsein der Gegenwart, die
Empfindung, gerade jetzt durch offene Türen zu gehen. Da in der
Regel niemand Zeit hat, um auf sein Pfingsten zu warten, lässt er
es sich vermitteln. Die Agenturen, die dieses Geschäft betreiben,
wissen, was an der Zeit ist, sie können sich auch täuschen, aber
das lässt sich rasch reparieren, ein Hauch genügt und sie stehen
auf dem Plan. Ein kleiner Ableger dieser Agenturen sitzt in den
aufregenden Schriftstellern, sie vibrieren gleichsam mit ihrem
Schreiben mit und verlangen von sich das Äußerste: Aktion. ›Die
Aktion‹ hieß das von Pfemfert vor dem Ersten Weltkrieg
herausgegebene, übrigens bis 1932 existierende Organ, in dem die
Aufgeregten sich sammelten, um Aufregung zu verbreiten. ›Irgendwie
links‹ geriert sich das bestehende Aufgeregtsein bis heute.
Manchmal kommt kurzfristig richtige Aufregung auf, wenn ein
Aufgeregter über die Stränge schlägt und alles zurücknehmen muss
oder rasch von der Bühne gezerrt wird, zurück ins Dunkel, wo das
Zwielichtige siedelt. Am aufregendsten ist natürlich der kühle Typ,
um den herum das Publikum in Wallung gerät. Überhaupt gilt: die
aufregendsten Menschen schreiben die aufregendsten Bücher. Ist das
nicht aufregend? Mitnichten. Jedenfalls darf sich die Aufregung
legen, wenn das Leben sich legt, teils zum Schlaf, teils zum
Entschlafen. Eine verblichene Aufregung gilt zwei geschälte, mit
denen sich ein paar Saurier bewerfen, zwischen denen man ein Netz
gespannt hat. - US
AUFZIEHTHEORIE
Da ich ein Knabe war, ach...! Damals gab es diese Spielzeugautos
mit einem Loch in der Seite, aus dem ein kräftiger Stift
herauslugte: man steckte einen Schlüssel hinein und zog damit eine
verborgene Feder auf, die Antriebsräder musste man währenddessen
festhalten, am besten mit dem Finger, ein Tipp für später, den
keiner verstand. Leider reichte die Spannung nur für kurze Sprints
– genug, immerhin, um die bange Frage aufzuwerfen, ob einer auch
rechtzeitig losstürzte, um das rasende Vehikel aufzufangen, sobald
es über die Tischkante hinausschoss. Stärker beeindruckten die
Aufziehmäuse aus grau lackiertem Blech, die mutig in Buchseiten
hineinfuhren, aber an einer nicht genau vorhersehbaren Stelle
umkippten und sich um sich selbst zu drehen begannen,
weitergetrieben durch einen geheimnisvollen Kraftschluss zwischen
dem dünnen, biegsamen Gummischwanz und der nur scheinbar glatten
Papierfläche, die hinreichend Haftung für das Spektakel bot. Später
habe ich Menschen hochgemut zwischen die Seiten eines Buches
geraten und zum Ergötzen und endlich zum Erschrecken ihrer Umgebung
nicht mehr herausfinden sehen. Ob sie allerdings um sich selbst
kreisten oder um einen geheimnisvollen Punkt des Entsetzens, der
nicht weiter benannt werden konnte, blieb in den meisten Fällen
unerfindlich. Immerhin hatte das Buch etwas bewirkt: die Geburt
eines Wesens, das einem Perpetuum mobile erstaunlich ähnlich sah
und am Ende doch nur liegen blieb. Ein schlimmes Los, ein schönes?
Einen, der das wüsste, könnte man auch nach anderen Dingen fragen,
zum Beispiel, woher es kommt, dass die Klingel stumm bleibt,
solange man auf sie hört oder warum es keinen Zweck hat, auf die
Straße zu laufen, wenn man Besuch erwartet – lauter Dinge, die
einen flüchtig zwischen zwei Abwesenheiten beschäftigen. - US
AUGENBLICK
Die Zeit zwischen zwei Wimpernschlägen vergeht, wie man weiß, im
Nu. Das ist leicht gesagt, im Bedenken stockt nicht allein die
Zeit, sondern auch der Gedanke. Im Nu ist einer bei sich, denn er
ist außer sich. Mehr zu sagen hieße, den Wimpernschlag
herausfordern, der den Gedanken unterbricht wie ein Glockenschlag.
Zwischen zwei Glockenschlägen findet der Gedanke keine Ruhe, ihm
fehlt das Widerlager, auf dem er sich strecken und in seiner
natürlichen Proportion zeigen kann. Stattdessen zeigt er seine
Panikfigur. Es soll Menschen geben, denen die Wucht des
Glockenschlags die Besinnung raubt. Der Augenblick besitzt seinen
unnachsichtigen Widersacher im Erz, das zur Besinnung ruft. -
US
AUGENVERDREHEN
Das Augenverdrehen ist eine Kulturtechnik, vergleichbar dem
Wettermachen oder dem Wettrüsten. Irgendwann zeigt sich ein
Ergebnis, aber keiner begreift, wie es dazu kam und wie die
wirklichen Bahnen zwischen Ursache und Wirkung verlaufen. Der
klassische Augenverdreher weiß nicht, was er will. Er nimmt auch
nicht wirklich übel, er dreht sich vielmehr heraus – aus einem
Gespräch, einer Wendung, einem Gedanken, einer Stimmung oder einem
Gefühl –, und zwar so, dass derjenige, der zufällig einen Blick auf
ihn wirft, Bescheid weiß. Im Grunde geht es ihm um nichts weiter
als diesen Zufall. Er will, dass der Blick, der auf ihn fällt,
etwas zu sehen bekommt. Er weiß sich nicht anders zu helfen als
dadurch, dass er den Blick, den er auf sich ziehen möchte, mit
einem Schabernack im voraus belohnt. Also sucht er in einem Spiel,
das zu spielen er keine Sekunde lang vorhat, den Verbündeten.
Eigentlich möchte er unsichtbar sein und aus dieser sicheren
Position heraus auftrumpfen. Besser, er möchte aufgetrumpft haben,
um es desto sicherer leugnen zu können. Noch besser: Er möchte sich
hier und heute aus seinem künftigen Grabe davonstehlen, um den
anderen das Nachsehen zu geben. Oder: Er möchte sich lieber
begraben lassen, als sich all das ungerührt anzuhören, was seine
Mitmenschen in ihrem täglichen Wahn von sich geben. Er hat eine
gute Haut, warum sollte er eine sein? - US
AUSSETZER
Man muss seine Gedanken aussetzen, wie man Fische aussetzt – nicht
der obligaten Kritik, diesem Gesäusel unter dem Einfluss widriger
Analgetica, sondern dem Element, in dem sie ihre natürliche
Regsamkeit unter Beweis stellen, in dem sie sich paaren und
irgendwann absterben, so wie man ihrer
ab ovo eingedenk bleiben sollte, falls
sich einige Prachtexemplare darunter finden. Ich persönlich – sagt
G. – gehöre ja einer Generation an, der die Lust am Gedanken abgeht
– man könnte auch sagen: fremd ist, aber das zu behaupten
überschreitet dann doch jede Kompetenz. Nein, sie geht ihr ab.
Darum handelt es sich: eine tragische Geschichte. Man sollte von
solch einem Abgang viel mehr Aufhebens machen. Nicht, dass er von
der Öffentlichkeit unbemerkt bliebe, aber das ist es ja – dieses
schier unendliche Gesäusel und Geflüster, dieses Hand-vor-den-Mund
und Darf-man-das, dieser Anschlusswille vor jeder Fähigkeit, dieses
zäh und stur Tertiäre, in jeglichem Sinn des Wortes, wo kommt das
her? Wo strebt es hin? »Auf den Friedhof, mein Freund, auf den
Friedhof. Gondwana stirbt«, krächzt dunkel die Stimme Waputas. Aber
– wäre das nicht zu leicht gedacht? Dieser Generation (vielleicht
ist es auch nur eine Halbgeneration, und darin liegt bereits die
ganze Tücke) eignet eine Behäbigkeit des Urteils, der allein mit
Gedankenschwere begegnet werden kann. So wankt der Gedanke langsam,
auf hohem Kamele reitend, herbei und gleitet herunter, als berge er
eine Kostbarkeit, dabei ist er nur unförmig. »Nietzsche sagt –«: so
beginnen viele ihrer Sätze, zu viele, an die sie sich in der Wüste
gewöhnten. Auch andere bedeuten ihr manches, haben sie erst einmal
volle Zitatreife erreicht. Im Land der getrockneten Feigen schmeckt
das Leben süß. - US
AUSZUG
Das Bewusstsein für Kontinuitäten schärfen – so etwas sagt sich
leicht und trifft schließlich die, die sich als erste dafür
erwärmten. Vielleicht zu recht, schließlich haben sie den Stein ins
Rollen gebracht, wohl wissend, dass immer etwas nachkommt, wo
keiner etwas erwarten konnte. Was kann schon kommen? Das ist die
Frage all derer, die sich aufmachen, die sich bereits aufgemacht
haben, weil sie es zu Hause nicht mehr aushalten konnten, weil sie
es nicht länger als ihr Zuhause betrachten, schließlich, weil sie
nicht länger nach einem Zuhause trachten, aus welchen Gründen auch
immer. Unter der Oberfläche wächst das Verbindende nach, es wächst
unaufhörlich, eine subkutane Realität, die der äußeren an Dichte
und Zusammenhang in keinem Punkte weicht. Warum das so ist? Keine
Ahnung. Oder doch? Betrachten wir den Vorzeichenwechsel: das
Negierte schielt über den Negator hinweg und ruft sein »Hier bin
ich«. Damit lässt sich vieles erklären, wenngleich nicht alles. Ein
anderer Grund: wer will, findet immer umfassendere Kausalitäten,
die sich per Willensentscheid nicht aushebeln lassen. Die
Konstellation frisst ihre Kinder. Auch sollte nicht übersehen
werden, wieviel Energie sich in Auszügen und Aufbrüchen verbraucht.
Woher sie stammt, wohin sie geht, ist das eine, ihre schiere Bilanz
das andere. Manch einer dünkt sich am Anfang und ist schon am Ende:
soviel hat es ihn gekostet, einen neuen Anfang zu machen. Und was
heißt schon neu? Mancher, der sich unvergleichlich vorkommt, müsste
sich verschämt in die Ecke drücken, wüsste er um die verborgenen
Motive in den Anfängen derer, die er verachtet. Der Manichäismus
zwischen den Generationen, dieses verzweifelte Ringen ums
Sagen-können und Sagen-haben, endet auf dem Richtplatz der Gefühle,
mit dem Eingeständnis der eigenen Niederlage dort, wo er begann.
Solange der Hochmut regiert, solange regiert auch die Not, der er
entstammt, die Not all derer, denen alle Wege versperrt erscheinen,
außer dem der Schande. Die Schande ist ein feiner Begleiter, sie
durchdringt die Metamorphosen, die sie initiiert, sie ist
urheberisch beteiligt an allen Urheber-Streitereien, sie ist causa
sui und causa causarum, Ursache einer Ursachenkette, die über die
Erde wegläuft, scheinbar glatt, aber ›dumpf in der Erde / wandert
es mit‹. So kommt es zur Figur des Verlorenen Sohns, dem
unerwarteten Wiederauftauchen dessen, der sich selbst enterbte,
inmitten des Erbes, das ihn aufnimmt, als sei er niemals fort
gewesen, obwohl... ihm dieses Fremde anhaftet, das nicht weggeht,
etwas Befremdliches, spürbar genug, damit man ihm Platz macht. Und
das wollte er ja: Platz. - US
B
BÄRENHÄUTER
Dichter, sagt mein Freund TK – er sagt es nicht wirklich, aber ich
sehe es ihm an –, wird man nicht durch Dichten, sondern durch diese
Fähigkeit, die Zeit in Worte zu fassen. Ich weiß, die Philosophen
haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf
an, sie so, wie sie ist, zu
werfen. Manche tragen das Fell des
Bären über der Schulter und man erkennt sie am Hasenfuß.
– »Besser am Hinkfuß. Das wäre doch ein Zeichen.« – »Man muss
etwas drauf geben, von nichts kommt nichts.« – »O doch. Eine ganze
Menge.« – »Das mag sein, aber unter Brüdern, da muss geteilt
werden.« - US
BALTHUS
Die Entdeckung des
Struwwelpeter für die Malerei lassen
wir Ihnen gern durchgehen, das ist hübsch, das hat Verve, das macht
Laune und besitzt sogar Farbe, mit einem Schuss
Gouvernanten-Familiarität à la Hogarth, vorsichtig modernisiert,
und die Mädchen in ihren Söckchen und all die Engelchen mit einem
aufgemalten Geschlecht, das zu ist wie der Bankschalter am Sonntag
und einer mit einer klitzekleinen Karte in der Hand darf sich
Hoffnungen machen, unberechtigte hoffentlich, das ist alles hübsch
und sogar recht schön und sehr schön gemalt, das muss einer sagen.
Aber was Sie hier angestellt haben, ist eine Wucht, da mag sich
einer heraussehen, wenn er mag, was er will. Das hat eine Klasse,
die zur ewigen Malerei gehört, und warum? Ich will es Ihnen sagen.
Es ist eine stille Raserei in diesem Bild, die sich dem Malakt
verdankt, einem langen, vollständig ausgeführten, nirgends
überdehnten oder gar überschrittenen Akt, in dem ein Pinsel
Gelegenheit erhielt, alles auszudrücken, was in ihm lag und
vielleicht noch liegt, vielleicht noch liegt. Ein äußerlich
bescheidenes Bild mit einem ruhigen, un
aufregenden, gewissermaßen banalen Motiv, das hier
nicht verraten werden soll, denn irgendwo muss das Sehen beginnen,
jenseits der nachvollzogenen Urteile und dem Suchen nach dem, was
alle Welt kennt. - US
BEDENKEN
Irgendwann verläuft sich jedes Argument und die natürliche
Bizarrerie des Bedenkens tritt hervor. Es handelt sich, ganz recht,
um einen Akt der Wegelagerei. Zumindest könnte man es so sehen.
Aber wer will das schon. Man kann eine Sache zudenken, bis sie
verschwunden ist, und wenn man sie dann befreit, ist etwas anderes
aus ihr geworden, etwas, von dem man Stein und Bein schwören würde,
man habe niemals daran gedacht. All diese Schwüre sind nichts wert.
Auch im Aufdenken ist das Bedenken groß, es bedarf kaum eines
Schlüssels und das Bedachte geht auf, groß wie ein Sarg, und
entlässt ein Blütenmeer. Schwerer geht das Entdenken, das Abziehen
der Gedanken, und selten ohne Getöse, an dessen Ende ein Wimmern zu
vernehmen ist, das dem eines Neugeborenen gleicht oder zu gleichen
versucht. Man weiß nicht und man wird niemals wissen, was in
solchen Momenten wirklich geschieht. Das Entdachte, seiner
natürlichen
Würde
zurückgegeben, erhebt sich augenblicklich und geht. Im
Fortdenken bleibt das
Denken sich selbst
überlassen, es ist ganz bei sich, ganz
forte. Nur mit dem Ankommen hapert es;
so wie die großen Seeschiffe weit draußen vor den Häfen ankern, hat
das starke Denken seine Anlegepunkte, wo die meisten nichts sehen.
- US
BEFREMDEN
Was soll ich sagen? Dass ich euretwegen gelitten habe, wie ein Tier
meinethalben, und dass ich es nicht einmal sagen darf, weil es euch
nur befremden würde? Das ist ein schönes Wort:
befremden, ein Wort voller Heimtücke,
voller Fußangeln, voller Blaff und Bluff, ein Radauwort auf leisen
Sohlen, ein Fortgänger im Ankommen, ein Unbelangbarer. Befremdet?
Das kann ich mir vorstellen. Ein Hauch fällt auf die Rede und
löscht ein Gesicht aus. So etwas geschieht, es geschieht andauernd,
es trotzt aller Aufklärung und allem Bedenken, es ist das
Unbedachte im Bedachten, aus dem einfachen Grund, weil es die
Grundform des Bedenkens darstellt. Im Befremden ersteht die
Welt, wie sie ist, mit ihren Schärfen und Kanten, ihrem Sortieren
und Sortiertsein und Umsortieren, ihrer Kälte und dem, was man
unvorsichtigerweise ihre ›Unbewohnbarkeit‹ nennt. Das Befremden
absorbiert jede Theorie, jeden Ansatz, so wie es jedes Gesicht zum
Verschwinden bringt. Es absorbiert sich selbst und das Spiel geht
weiter. Manche bleiben befremdet, sie gehen ein oder werden
entrückt. Das Befremden annulliert jeden Fortschritt, es stellt die
intimsten Beziehungen auf NN und ermöglicht den Neuanfang. Es
bewirkt, dass das Entsetzliche nur auf
Augenblicke sichtbar wird. »Das klingt doch
positiv.« Sagte ich's nicht? Nun, was soll...? - US
BEHÄNDIGKEIT
Die Behändigkeit ist ein besonderes Gut, ein Selbstläufer unter den
Gütern (und den Begüterten), entfernt der Beidhändigkeit verwandt,
aber doch nicht so sehr, dass sich daraus Schlüsse ergäben.
Überhaupt hält sie es weniger mit der Ergebung als mit deren
Mitläufer, der Ungeschert- oder Ungescheutheit, die an der Scheu
wie am Gescheitsein gleichermaßen partizipiert. Wie das?
Gescheitsein ist, wie es scheint, ein hohes Gut, das wird den
Kindern von früh auf eingebläut und sie wissen es auswendig. Was
sie keinen Deut gescheiter macht, aber in die Lage versetzt, nicht
so dumm zu sein, wie es nötig wäre, um zu dem zu stehen, was der
Verstand einem eingibt. Ungescheut das Rechte sagen, das wäre was
Rechtes, das könnte manchem so passen, der sich besser bedeckt
hält. Ein unerquickliches Wortfeld, fürwahr. Behände ist einer über
das hinaus, was ihn flugs einholt und hurtig verspeist, zur
Nachtzeit, sobald der Uhu schreit. - US
BEISSRÜPEL
Der Beißrüpel ist überzeugter Europäer, nach wie vor. Warum er
letzteres so betont? Er will sich nichts vormachen. »Ich entstamme
dieser Kultur«, pflegt er zu sagen, »ich kann nicht anders. Wäre
ich Brite, ich hätte Alternativen. Aber so – was soll ich tun?« Als
Europäer ist er Atlantiker. »Der Atlantik«, sagt er und schneuzt
sich, »darf kein Graben werden, er muss Brücke bleiben.« Dann sieht
er sich um und forscht, ob die Mienen Widerspruch zeigen. Die
Mienen freuen sich, dass er wieder in Form ist, und hüten sich,
etwas zu zeigen. Der Beißrüpel ist von Haus aus Mienenforscher, das
hat er nicht abgelegt, seit sein stürmischer Aufstieg begann,
vermutlich blieb keine Zeit. Seine
Karriere geht auf die Zeiten des
Kalten Krieges zurück, an den er sich mit Freude und ein bisschen
Stolz erinnert. »Das war eine gute Zeit«, seufzt er nicht selten,
»wohin gehen die guten Zeiten, vielleicht in den Abgrund?« Im
Grunde hat ihn das von
Homomaris gezeichnete Porträt
nicht schlecht getroffen, sogar zweimal, was einiges heißen will.
Oder so manches. – Als Atlantiker ist der Beißrüpel Pharisäer. Er
weiß, das ist kein Beruf, nur ein Wort, aber auch hier gilt: Er
kann nicht anders. »Wo ich bin, muss Klarheit herrschen«, herrscht
er seine der Melancholie ergebenen Untergebenen an, »völlige
Klarheit, verstehen Sie? Wir können und dürfen uns keine
Zweideutigkeiten leisten. Dafür stehe ich mit meinem Wort. Wieso
übrigens ›stehe‹? ›Dafür sitze ich...‹? Hm. Das scheint nicht zu
gehen. Scheißsprache. Muss reformiert werden.« Schon macht er sich
an die Arbeit, ist tagelang nicht zu sehen. Seine Frau kennt das
und geht auf Sauftour, die Mitarbeiterin beschließt definitiv, in
den Bundestag einzuziehen, sobald sie ›das hier‹ hinter sich hat.
Langsam, Stückchen für Stückchen, gewinnt die Sprachreform Profil.
O unsere Beißrüpel! Wenn wir sie nicht hätten, welche Unkultur!
Welche Friedhofsruhe! Welcher Abfall! – Als Pharisäer ist der
Beißrüpel Exzentriker. Er leistet sich seine Ausfälle wie andere
eine Reise nach Panama. Oder Honduras. Oder Afghanistan.
Brandgefährlich, aber es zieht ihn hin und er denkt nicht daran,
sich zu sträuben. Schließlich bevorzugt er Gruppenfahrten, die er
Inspektionsreisen nennt. »Ich muss wissen, was da unten los ist«,
bellt er auf Anfrage. Was wird schon sein? Ein paar Scherereien,
das bringt einen Kerl zum Anfassen nicht aus der Fassung. Da muss
er durch. Vor seinem Konterfei stehend, gefragt, wie er sich fühle,
bricht es aus ihm heraus: »Alles Lüge! Alles Fratze! Ich ist ein
anderer.« Auch das: geklaut. Als Exzentriker ist der Beißrüpel...
Aber das steht schon auf einem anderen Blatt. - US
BENNPHASE
Eine Stimmungskanone –! Ein ZDF ganz für sich allein, für nicht Anschlusswillige, die an allem sparen, selbst an dem, wofür einer steht. Dieser hier steht für nichts, das gefällt den Adepten. Was einfällt, muss doch einmal gestanden haben. So ein Geständnis... Ein Glück, dass die Hüter des Missbrauchs kein Verhältnis zum Geschriebenen haben, längere Partien stehen sie nicht durch, das sind die glücklichen. - US
BEOBACHTERSTATUS
Eine gewisse Superiorität in kulturellen Belangen lässt sich der
DDR posthum nur schwer absprechen. Es waren ihre Schriftsteller,
die im Westen die größte Aufmerksamkeit genossen. Natürlich nur
solche, die den Dissidenten-Nimbus mit dem Kulturbotschafterposten
zu vereinen wussten, speziell ausgesuchte Leute von erlesenem
Lebenswandel, die nach der Wende überwiegend in die Krise gerieten
oder ins Gerede. Die Misere des ersten sozialistischen Staates auf
... Boden brachte es mit sich, dass auf der anderen Seite des
Vorhangs eine kritische Öffentlichkeit auf dem Posten blieb und
Beachtung produzierte – ein rares Gut, um das man im liberalen
Staat kämpfen muss wie die Löwin um ihr Neugeborenes, was die
einschlägigen Kreise spät, aber gründlich begriffen haben. -
US
BEOBACHTUNG
›Beobachtung zweiten Grades‹ ist selten, sie ist nicht
institutionalisierbar, jedenfalls nicht auf dem Weg einer auf Dauer
gestellten Produktion hochgestochener Thesen. Sie tritt in der
Gefahr hervor oder gar nicht. Die besten Beobachter vergangener
Jahrhunderte waren ihren Zeitgenossen fast vollständig unbekannt.
Warum sollte das inzwischen anders sein? Die Kaste derer, die sich
heute den zweiten Grad attestieren, produziert für das Vergessen.
Das sollte nicht vergessen werden, wenn sie sich öffentlich auf die
Schultern klopfen, als käme gleich darunter das alte Lametta zum
Vorschein. - US
BERATERTÄTIGKEIT
Zu den bedenkenswerten Vorgängen der neunziger Jahre gehört auch
die nachhaltige Abdankung der Intellektuellen, die Einschmelzung
dieser Spezies zu etwas, das man ›beratende Intelligenz‹ nennen
könnte, wäre man nicht besser beraten, es zu lassen. Nicht dass
hier Zweifel an der Beratertätigkeit im Allgemeinen oder an der
Intelligenz gewisser Berater geschürt werden sollen! Aber den
beratenden Typus hat es immer gegeben und das sonderbare Verhalten
der neuen Freibeuter, die sich plötzlich in seine Jobs drängen,
verdient vielleicht doch eine deftigere Charakterisierung.
Wahrscheinlich wären schon frühere Zeiten darüber erstaunt gewesen,
wie wenig die Vorgänger der heutigen Pseudoberater in concreto zu
verändern gewusst hätten, hätte man ihnen die entsprechenden Rollen
angedient. Aber da man die Intellektuellen stets als Statthalter
des Feindes im eigenen Lande wahrnahm, an denen die Herrschenden
ein – friedliches, entspanntes, offenes, liberales, deutliches,
strenges – Exempel zu statuieren hatten, bestand das Spiel, in dem
alle Seiten sich trefflich einrichten konnten, doch eher darin, sie
von den Schalthebeln dieser Welt fernzuhalten. Das galt im Westen,
das galt, mit anderer Skalierung der Werte und Mittel, östlich des
Eisernen Vorhangs. Seither haben die Kassandren des Weltgeists
gelernt und sind fort – ein seltsamer Zusammenhang, der jeden
Gedanken daran verbieten sollte, Vögeln in großem Stil etwas
beizubringen. Nein, nicht alle sind fort, ein paar Invaliden sind
zurückgeblieben und vertreiben sich die Langeweile abwechselnd
damit, von den alten Zeiten zu schwärmen und sich gegenseitig zu
denunzieren. Auch sie juckt gelegentlich die Beraterei, aber da sie
die Epochen im Flug überblicken, genügt es, ihre guten Ratschläge
mit Verwunderung und einem warmen Gefühl unirdischer Beglückung zur
Kenntnis zu nehmen. - US
BESCHREIBUNG
Man bekommt es in Europa schnell mit Leuten zu tun, die denken
können, so weit ihre Englischkenntnisse es ihnen erlauben, das
heißt, nicht sehr weit. Diese Leute sind überall zu finden, wo man
auf die eine oder andere Weise über die Realitäten des Kontinents
verfügt. Da sie nicht wirklich verstehen, was sie tun – oder,
sofern eine Ahnung davon in ihren Köpfen spukt, diese nicht
ausdrücken können und daher lieber heimlich entsorgen – geschieht,
was geschieht, hinter ihrem Rücken, zwischen zwei
Entscheidungsgängen. Man sollte nicht glauben, sie hätten die
Verhältnisse, die sie produzieren, im Griff. Das Im-Griff-Haben ist
ihre schwächste Stelle – wer immerfort neue Beschreibungen ordern
muss, um den Griff nicht zu lockern, bleibt irgendwann auf ihnen
sitzen. Auch das Unverkäufliche hat seinen Preis; es strapaziert
die Nerven der Anbieter. Da haben sie die Realität, die sie meinen.
- US
BESTIMMUNG
Das ist ein großes Wort und
Grabbeau bediente sich seiner oft
unter Tränen. Im
Wilhelm
Meister hat Goethe diesen Begriff mit tiefen Worten
gedeutet. »Sie ist es«, lässt er Wilhelm am Bett des Flötenspielers
gestehen, »die uns einfängt wie ein Netz, uns niederwirft und
aufrichtet, sodass unser Brot, in Tränen genossen, nach den Feldern
und Bergadern jenes anderen zweiten Mondes schmeckt, von dem das
wahre Getreide der
Kunst
oft so unheilvoll auf uns niederrieselt. Wohl dem, der eine Mühle
hat, es süßer zu mahlen.« Auch kennt die wahre Bestimmung keinerlei
Grenzen. Jemand ward früh verworfen und später mit Hilfe Grabbeaus
erhoben, ein anderer stieg mit jämmerlichen Kunststücken auf, aber
Grabbeau warf ihn nieder und so ward sein Name für immer
getilgt.
In Marbach zeigt man, wenn auch nur ungern, die oft sehr
zahlreichen und über Nacht völlig verdörrten Zeitungsartikel der
›Frankfurter allzu kleinen‹, die niemand mehr lesen will. »Aus«,
sagt der berühmte Schneider der Hölle, der Infant mit dem
Ziegenbart, und zeigt seine gelben Zähne. Wir müssen ihn nicht
beschreiben, wir kennen ihn alle, auch er hat seine Bestimmung im
unteren Grenzenlosen. - PM
BETRACHTUNG
Siehe –: die Lilien auf dem Felde haben Anzeige erstattet und
bewegen sich in großer gedanklicher Schnelligkeit auf den
Betrachter zu. Ich finde sie aggressiv heute morgen, obwohl ich
zugeben muss, dass etwas herausspringen sollte, so wie sie sich
hergeben. Ich bin keine Lilie, ich weiß nicht, wie man sich fühlt,
wenn man wie sie in der Betrachtung lebt – so versunken in
sie, dass der Boden, in dem sie stehen, nicht weiter in Betracht
kommt, es sei denn, sie laufen Gefahr zu vertrocknen. Da springen
die Helfer herbei, hurtige Burschen, denen kein Weg zu weit und
keine Bürde zu schwer ist. Ein Leben in der Betrachtung, genauer
(was beinahe auf dasselbe hinausläuft): im Betrachtetwerden,
fördert zweifellos den Verdacht, die andere, abgedunkelte Seite
führe etwas im Schilde. Was ja auch stimmt. Wer im Blickpunkt
steht, steht auf Nägeln, und man weiß nie, wohin die Spitze weist.
- US
BETRIEBSAUSFLUG
Das Wirksamste am Betrieb ist die vollkommene gedankliche Leere, in
der er sich vollzieht. Das heißt nicht, dass in ihm nicht gedacht
würde. Im Gegenteil, nirgendwo wird vielleicht so viel gedacht wie
im Gewimmel der Termine und Interessen. Das betriebliche Denken
vollzieht sich im Modus des Im-Bilde-Seins, und es wäre doch
erstaunlich, den Engel die Jungfrau fragen zu hören, in welchem
Bild er sich jetzt eigentlich befinde und ob sie ihm aus dem Rahmen
hülfe, damit er sich ein Bild machen könne. Nein, er beugt das Knie
und überbringt seine Botschaft, Tag für Tag, Nacht für Nacht, er
denkt nicht daran, davon abzulassen, sein Blick glitte an jedem ab,
der ihn zu ein wenig Reflexion anhalten wollte. Man nennt das die
Macht der Rituale, aber da täuscht man sich. Das ist kein Ritual,
nichts, was sich wiederholte, das geschieht, einmal und
unwiederholbar, aber – und das ist das Unfassliche –
ununterbrochen, ohne Unterlass, bis in alle Ewigkeit. Es ist mit
dieser Ewigkeit nicht weit her, wie man sagt, sie liegt gleich um
die Ecke, man biegt einmal ab und ist schon angekommen für immer.
»Das weiß doch jeder«, sagt G., »aber was das Schönste ist, sie
werden unruhig, wenn sie die Ecke nicht gleich finden, sie werfen
ihre Hände und Füße und finden es unerhört, so dass man nicht
unterscheiden kann, ob sie nun hinein wollen oder sich mit Händen
und Füßen dagegen sträuben.« »Weder – noch«, meint A., dem die
Pfeife nie ausgeht. »Sie glauben, sie müssten sich sträuben, aber
es reißt sie dahin, sie finden die Schwelle, wenn sie zu stolpern
meinen und richten sich als andere auf wie in einem Bild von Max
Ernst: auf einmal tragen sie Vogelfedern im Gesicht und sprechen
die Sprache ihrer Hundsnatur.« »Das ginge noch an«, sagt G.,
»könnten sie auch schweigen. Aber wer ihnen zuhört und die Melodie
der Leere vernimmt, ist gebannt für immer. Er müsste sich
freikaufen, doch da wäre eine Schwierigkeit: solche Summen kommen
selten in einer Hand zusammen.« - US
BEWUSSTSEINSWELTEN
Wie wenig die öffentlichen Verteidiger der Vernunft gewillt sind,
die Büchse der Pandora zu öffnen, für die sie geräuschvoll eine
Lanze brechen oder auch zwei, erweist sich am Schicksal von
Büchern, die nicht bloß vor Vernunft strotzen, sondern sich den
Grundlagen aller Vernünftigkeit widmen, dem Denken in seinen
Möglichkeiten und Gliederungen, seinen Funktionen und
Wirkmechanismen, seinen Fähigkeiten und Modi der Weltverhaftung.
Diese – wenigen – Werke liegen wie Blei in den Regalen, die
Bibliothekarin blickt auf das Anschaffungsdatum und bläst besorgt
den Staub von den Kanten. Ein schönes Buch, warum wird es nicht
angenommen? Es liegt ein bisschen still da, es ist vielleicht schon
ein wenig dick für sein Alter, aber sind das Gründe? Das Denken
denken – vor dieser Parole laufen alle davon und halten sich noch
auf sichere Distanz die Ohren zu. Was nicht schlecht ist, weil sich
so manches Geschrei erübrigt. - US
BILDERHANDLUNG
Dass Bilder eine Geschichte erzählen, ist ein frommer Wunsch, der
viel damit zu tun hat, dass sie so müßig herumhängen. Nicht anders
der Film: die bloße Abfolge von Bildern erzeugt keine Handlung.
Dennoch redet man von der Handlung eines Films, als sei gerade sie
das Reale daran. Jeder ist eingeladen, sich eine zu denken und
folgt spontan. Diese Folgsamkeit, die beim Kinogänger größer ist
als beim Bildbetrachter, erschreckt, sie zeugt von einem Mangel an
Phantasie oder ihrer willkürlichen Beschneidung. Dabei gibt es
Unterschiede. Das Bild
zeigt eine Handlung, der Film
hat eine Handlung. Über
den Unterschied lohnt es sich nachzudenken. Schließlich hat der
Film seine Handlung nicht verschluckt, so dass sie jetzt in ihm
steckt und herausgezogen werden kann wie ein Knochen oder ein
Tennisball, er hat sie auch nicht zur Hand, eine solche Vorstellung
wäre ganz widersinnig, man sagt, er
besitzt sie. Das lässt aufhorchen: der
Film als Handlungsbesitzer erinnert an einen Kioskbesitzer oder den
Besitzer eines Juweliergeschäftes, in dem die Auslagen diskret
andeuten, was es alles zu kaufen gibt. Der Film verkauft eine
Handlung, dafür ist er gedacht, es ist seine Aufgabe. Zusammen mit
dieser Handlung verkauft er noch andere Dinge: den Geschmack an
bestimmten Landschaften oder Stadtvierteln, an teuren Autos, an
ausgefallenen Klamotten, an Gesten und Blicken, am Typus der
Schauspielerin oder des Schauspielers und natürlich das ›Image‹
genannte Bild dieser Person, das kein Bild ist, sondern ein
Phantasma, mit dessen Hilfe die Kundschaft zur Selbstbefriedigung
schreitet. Dies alles hängt an der Handlung, die er verkauft. Sie
muss gut sein, damit der Film glaubwürdig wirkt und die restlichen
Verkäufe nicht ins Stocken geraten. Gut ist eine Handlung dann,
wenn man zu wissen glaubt, was der Regisseur sich bei seinem
Streifen gedacht hat. Wem das zu schwer ist, der hält sich an die
Schauspieler: wenn sie überzeugen, dann muss auch am Ganzen etwas
dran sein. Dieser Schluss vom Teil aufs Ganze, von der
darstellenden Person auf den Sinn eines Ablaufs, ist widersinnig.
Aber das stört nicht – es hebt die Stimmung. Ein guter Film liegt
leicht auf, er verfliegt. Er ist schon verflogen, nur die
Schauspielerin war süß, sie würde man gern kaufen, aber man muss
warten, bis ihr nächster Film kommt. - US
BIOGRAPHIE
Dass etwas von A bis Z erlogen sein könne, ist ein Philologentraum.
›Alles Lüge‹ steht über den eifrig geschriebenen Biographien der
Künstler, der Autoren, der Menschen von außergewöhnlicher
Kompetenz. Glaubt ihnen kein Wort, denn den bedeutenden Menschen
gibt es nicht. Kennen Sie das Wort ›Litanei‹? Ein bisschen? Das
reicht nicht. Die Herstellung der Lügen erfordert eine eherne Stirn
und das Absingen immer derselben Strophen aus einem Buch. Und das
ist wahr. Über das Wunder der inversen Wahrheit wurde viel
geschrieben, überwiegend von Menschen, deren Biographien
selbstredend aus lauter Lügen bestehen, weil niemand die Wahrheit
kennt. Biographien sind Würfe. Ob sie ins Ziel gelangen, hängt von
der Art und Beschaffenheit des Ziels ab wie von der Art des Wurfs,
der bei Linkshändern anders aussieht als bei einem Neurodermitiker,
der trotz eifrigen Forschens nicht weiß, was ihn reizt. So wird ein
Leben emporgeschleudert und ein anderes in den Abgrund versenkt,
beides sinnlos. Dazwischen bewegen sich die Schlaumeier mit der
Unbefangenheit von Kröten oder Eidechsen: ein kleines Vergehen,
eine kleine Entlarvung, eine kleine Verächtlichmachung, eine
Andeutung, jemanden wie dich und mich vor sich zu haben, berechtigt
bereits zu den unsinnigsten Zuschreibungen. Jeder, der sich im
Leben halbwegs kundig gemacht hat, ist ein Kompendium seines
Jahrhunderts. Darin liegt nichts Besonderes. Fragt sich, wie
beschlagen der Biograph ist und woran ihm liegt. Entsprechendes
gilt für die Tat, die ihre Bedeutung aus flüchtigen Konstellationen
empfängt und deshalb mit der Zeit sinnlos erscheinen muss. Der
Biograph, der sie aus der Sinnlosigkeit erlöst, ist immer ein
Heiland. Oder ein Nussknacker. Die kleinen knackt er, die großen
lässt er unter dem Vorwand liegen, sie bestünden aus lauter
Missverständnissen.
Wir wissen
noch nicht, wie wir verstehen sollen, was damals geschah. Es ist
mir eine Ehre, jedem künftigen Verständnis vorgearbeitet zu haben,
das als solches wird auftreten können. Amen. - US
BLOCH
Es gibt Stunden, da holt der alte Schallmeier seinen Bloch heraus,
putzt sich die Brillengläser und beginnt zu lesen. Drei Sätze nur
und er ist wieder im Rhythmus, dem eckig, ruck-zuck und dabei so
geschmeidig sich wälzenden Strom von Undurchdachtem, Verdautem,
Unverdautem, Verschrobenem und Gestemmtem. Er liest nicht lange und
er hält inne, die Erinnerungen haben ihn überwältigt, es glänzt die
Backe und eine Träne läuft darüber hin, als wollte sie sagen: Was
soll ich tun? – Und wirklich, was sollte sie tun? Eine Träne dem
Universum, der brodelnden Materie, dem prometheischen Feuer und der
Mission: Er war der letzte, der sie seinen Deutschen entlockte, der
sie ihnen entrang oder entriss, ja, entriss, das wird es sein, denn
eigentlich war, was da stand, komisch – es war schon immer komisch,
nur heiter, das war es nie. Schrecklich dagegen der gütige Apologet
des ›schon immer‹, der hinauswatete, wo dieser unterging. Dass der
sozialistische Held eines Tages sogar den Tod besiegt, das
Skandalon – diese Große Marotte des Denkers sagt viel, wenngleich
nicht alles. Immerhin verdeckt sie den Käfig, in dem der
Unsterbliche sitzt, abgewandt, bleich, mit erloschenen Augen
angesichts all der Tode, die aufgewandt wurden, um ihn für eine
Weltsekunde hervorzubringen – ein Untoter unter seinesgleichen, ein
Toter unter Toten und Lebenden. Zwischen diesen da und das All
passte nichts als eine Trompete. - US
BLUMENBERG
Wir fanden, das sei ein treffender Name, als wir daran gingen, das
kopernikanische All neu zu justieren, und nach einem Ort suchten,
an dem diese notwendige Operation mit Leichtigkeit vollzogen werden
konnte. Der Ort selbst war rasch gefunden: ein sanfter Hügel in
einem Gelände voller Bauschutt, durchzogen von gurgelnden
Wasseradern. Hier aber fanden sich Krokusse und, Glück eines neuen
Tags, wiegten sich Butterblumen im Wind. Auf diesem Hügel saßen und
redeten wir viel mit uns selbst, wir redeten uns die Tage weg, als
seien es Stunden. Jahre vergingen so wie nichts und Bücher
entstanden, von denen wir vordem kaum etwas ahnten, dickleibige,
wie es sich an einem solchen Ort gehört, wir aber ließen die Finger
unserer Gedanken wie Elfen durchs Gras laufen und dünkten uns
glücklich. Nur hier konnte es geschehen, dass einer, inmitten
restrukturierter Trümmer, die Legitimität der Neuzeit fand, diesen
ebenso bestechenden wie zeitlos gültigen Gedanken, in den sich alle
eintragen können, die noch vor Ablauf ihrer Frist seufzen möchten:
»Wir waren es auch.« Und das ist sogar legitim. Denn angenommen, es
wäre anders, so bliebe doch der Verdacht, es könne alles mit
rechten Dingen zugehen, die gezinkten Karten müssten so sein und es
komme nach und nach auf den Tisch, was darunter verkauft wurde.
Neuzeit ist immer, wie sollte gerade diese nicht legitim sein?
Welche Wucht steckt hinter einem solchen Gedanken? Man denke hier
an die stete Brise, das Säuseln der Gedanken im Denken selbst, aus
dem sie selten, und nicht zu ihrem Vorteil, herausbrechen. Von
diesem aber lernten wir viel. - US
BODENSEE
Ein Ritt über den Bodensee kommt selten allein. Schon bei
paarweisem Aufritt verdoppelt sich die Annehmlichkeit des
Versagens. Darin liegt ein Geheimnis, das vielen bekannt und kaum
einem recht ist. So sieht man sie gekrümmt dahinjagen, auf
Tuchfühlung fast, aber ohne Blick. Wie das Eis trägt! Verblüffend,
ganz verblüffend. - US
BRATENWENDER
Wer den Braten riecht, der muss ihn wenden. Das ist eine alte
Regel, herüberschallend aus Bereichen, in denen ›Kultur‹ weniger
mit einem Theaterabend assoziiert ist als mit den Fingerzeigen
einer nahen, nichtsdestoweniger schwer zu fassenden Gottheit, wie
es denn geht, das Leben, oder meinethalben:
wie Leben geht.
Die intellektuelle Ableitung kommt demgegenüber spät, fast zu spät,
aber sie bleibt deutlich, es handelt sich um eine der letzten
Zuckungen der Wahrhaftigkeit, bevor sie in der Fülle des
Gleichgültigen ertrinkt. Also: Wer den Braten riecht, muss ihn
wenden. Oder: Es geht nicht an, in einem Gehäuse aus Überzeugungen
weiter zu leben, dem bereits das Dach davonfliegt. Doch das ist ein
grobes Bild – wer sich auskennt, dem sagen weit subtilere Zeichen
Bescheid, er ist bereits im Bild, bevor es entsteht. Wer kennt sich
da aus? Ist es der, der unruhig wird bis in die Zehenspitzen, weil
ihm heiß und kalt ist, weil er es nicht mehr aushält im gesicherten
Heim? Oder ist es der, der in Ruhe den ersten Streich führt? Welche
Motive sind da im Spiel? Auch die Nachwelt ist kein genauer Herold,
sie kann sich schwer täuschen, wie man so sagt. Und wer ist die
Nachwelt?
Den Braten riecht keiner und mancher, der sich als
Verhängnis ausposaunt, sähe sich als Fliegenbeinzähler rasch
überrundet. - US
BRINGSCHULD
Diese Frau ist eine Heuchlerin, na und? Sie ist Alleinerziehende.
Der Mann an ihrer Seite, der als Vater konsumiert wird, weiß davon
und schweigt. Er schweigt nicht nur, sondern ist eifrig dabei,
geleitet von dem sonderbaren Gefühl, nicht hinter das Erreichte
zurückfallen zu dürfen, weil es sonst aus wäre. Was wäre wohl aus,
wenn er sich zurückzöge? Die Täuschung, was sonst. Die unerhörte
Täuschung, Vater sein zu können unter Konditionen, die von ihm
nicht gemacht wurden und die er nicht verantworten kann. Er
akzeptiert sie aber und versucht, mit ihnen ›zurechtzukommen‹. Das
Zurechtkommen ist eine merkwürdige soziale Tugend, die das Fußvolk
nicht gern analysiert. Man verdankt sie Trümmerlandschaften, von
denen manche glauben, sie existierten nicht mehr. Aus den Augen,
aus dem Sinn. Und wirklich: seit draußen alles so geleckt aussieht,
als stünde die große Flut gleich bevor, spielen sie Innenwelt.
›Erlaubt ist, was sich ziemt‹: der Zurechtkommer darf sich
aufbrauchen. Dafür gibts Urlaub extra. Vaterschaft ist Bringschuld
– ein Geschenkartikel, der sich im Geben verzehrt. Am Ende der
Seifenoper erstrahlt aus den Kulissen die Fratze der Kindheit, die
keine war. Erwachsene, gewillt, niemals erwachsen zu werden,
reichen einander die Hände und ein auf X-Beliebigkeit
heruntergedrückter Idiot murmelt bühnenreif: »Aber ich will
doch...« Sein Double nervt derweil die Gäste des Stammlokals,
sofern er nicht die Bedienung anmacht. Sie bringt das Zeug, das er
dringend benötigt. - US
BUCHSTABENLABYRINTH
Dass man aus Buchstaben Labyrinthe bilden kann, wissen alle, das ist nichts besonderes. Dass man aus Labyrinthen auch Buchstaben verfertigt, wissen die wenigsten. Wie viele Labyrinthe gehen in einen Buchstaben? Viele, sehr viele, die meisten vielleicht. Nicht nur, dass man sie unter Buchstaben bringen kann – das geht immer, aber es bleibt ein bisschen beliebig –, sondern auch, dass die Grade ihrer Verschlingung nie zu hoch ausfallen können, um nicht irgendeiner Figur zuzuneigen, macht sie anfällig:
irgendeine Figur ist bereits genug, um eine der robusten Typen hineinzulesen, welche die Welt regieren. Da geht es den Labyrinthen nicht anders als den Zeichen ohne Sinn, die sich eine sinnlose Deutung gefallen lassen müssen. Apropos: Sind Labyrinthe sinnlos? Doch nur, insoweit sie Buchstaben ähneln. Mit ihrer Hilfe lässt sich jeder Sinn erzeugen: durch Legen und Deuten. Nur die Freizeitlabyrinthe, an denen ein Schild hängt, das darauf hinweist, wie bedeutsam sie sind, bleiben stumm. Das versteht sich von selbst, der Buchstabe L, an dem ein Schild hinge mit der Aufschrift:
Man kann damit lesen, böte einen ähnlich traurigen Anblick. Labyrinthe gewinnen ihren Sinn wie die Kopula für den, der nicht stehen bleibt, sondern weiter geht. Wer sie anstarrt, kann lange warten: da rührt sich nichts. Wer hineingeht, um eine Belohnung zu erhalten, dem winkt der Hirntod. - US
BUCHSTABENWISSEN
Wir wissen wenig darüber, was Buchstaben wissen, und dennoch vertrauen wir ihnen unser Liebstes an. So sind die Menschen: leichtfertig bis zum Exzess. Vor Jahren las ich eine Abhandlung mit dem Titel
Können Buchstaben denken? Sie war, wie Sie sich vorstellen können, das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt war. Können Sklaven denken? Stumm schleppen sie die Buchstabenfracht über den Appenin und weiter bis nach Zeppelinheim, dort können sie verschnaufen, aber äußern dürfen sie sich nicht. Zur Qual verurteilt, dass sich andere bei ihrem Anblick etwas denken, leiden sie erstaunlich wenig. Ihr Anblick, ließe sich raten, straft das Denken Hohn. Wäre es nicht so selbstbezüglich, flösse etwas davon in es ein. Nein, mit dem Wissen der Buchstaben ist es nicht weit her, es lebt von der Hand in den Mund und freut sich, wenn der Fernseher geht. Dann haben sie frei. Schriftzeichen nennt man sie, das ist ungerecht, es unterschlägt ihren Eigenanteil an dem, was recht ist. An ihren Zeichen erkennt man die Schrift, an seinen Buchstaben hat man das Wort. Man kann es hochheben und wegtragen, man kann es auf den Markt tragen und verbrennen oder es tief vergraben, nur nicht in der Brust, die sich physiologisch nicht dafür eignet. Zeichen lassen sich übermitteln, ein Buchstabe erscheint, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Das erscheint wenig plausibel, doch es ist die Wahrheit, mit der keiner rechnet. - US
C
CAHIERS
Abschreckendes Beispiel der
Cahiers Valérys: Gymnastik des
Geistes, jeden Morgen die gleichen Griffe, die gleichen Sparten,
das Bedienen derselben Fasergruppen. Brillant sein, ohne vom Fleck
zu kommen, weil das die Regel des Spiels ist. Das Umschlichenwerden
durch die Diplomaten des Intellekts, die untrüglich wittern, woher
heute der Geist weht, während sie artig ihren Tee nehmen. Die
Zumutung, zu erarbeiten, was hier geschieht, der ganze aufgesetzte
Unfug des hermeneutischen Dünkels. Geistverstopfung, es sei denn,
einer hat gute Kanäle und kann das Wasser nicht halten. -
US
CASTRATIO DEI
Das Geheimnis der Endstation Gottes unter seinesgleichen,
Demiurgenallee ohne Hausnummer. Wir fahren auf, erschrecken und
gedenken der üblen Schöpfung, der creatio mala. Er aber schweigt,
sitzt im Schatten seines Gartens nicht weit entfernt vom einstigen
Paradies und bewundert in vergangener Feierlichkeit seine Irrtümer.
Vor den zahllosen Hunden mit Federn oder wilden Hühnern mit
schwarzem Fell, die sich einmal angemaßt hatten, die Nachfolge
göttlicher Adler anzutreten und jetzt durch die Büsche streichen,
liest er Brehms Tierleben.
Die Straße, von Staub bedeckt, geht an dieser Stelle zu Ende. Die
Sonne ist untergegangen. Die Villa, fast schon im Dunkeln, scheint
auch deswegen unvollständig, weil der Baum der Erkenntnis Teile der
Mauern verschluckt hat. Ein rötlicher Schein wohnt in seinen
Zweigen. Vielleicht stammt er von den Äpfeln der Erkenntnis oder
vom Rücken des wahren Herrn dieser Welt in Nähe seines Bruders,
denn von hier aus, in den ewigen Zweigen des ersten Rätsels spendet
er Päpsten und Künstler die neuesten Moden, so wie er zugleich die
Uhr jedes Langschläfers oder Demagogen heimlich zu korrigieren
versteht, damit das Ende der Zeiten näher komme. Dann nämlich gäbe
es Neuwahlen in seinem Sinne.
Das Bild des Gottes im Schatten seiner Villa erscheint wie gemalt
von Hans von Marées. Solche Schatten kennt nur Italien. Unbedingt
ist es ein Abend vor Rom in den Albanerbergen, der alte Mantel des
Greises verschmölze wohl kaum an einer anderen Stelle der Welt so
tief mit den schwärzlichen Blättern der Stechpalme und des
Hollunders. Auch flüssige Sarkopharge aus den Auszügen des wilden
Lorbeers erstarren niemals an anderen Orten so gründlich zu Malerei
und verlassen das Auge mit solchen elegischen Sprüngen und Rissen
der Leinwand wie hier. Kaum spürt man ja noch das alte Neapelgelb
des Gemäuers, das bloß dahingewischt im verderblichen Asphalt zum
römischen Kubus geworden ist. Vielleicht hat es Gott hier ganz gut.
Die meiste Zeit über schweigen die mißlungenen Tiere und die
brüllenden Löwen hat Gott in sich selber zurückgeholt. Sie hatten
ihm trotz der eindrucksvollen Gemälde friedlicher Gärten im Stile
Rubens, an Regenbögen befestigt, die kostbaren lieben
Protogeschöpfe, Männlein wie Fräulein, niedergerissen und schwer
beschädigt. Er vermochte auch nicht mehr, sie neu zu bilden. -
PM
CHIRICO
Wir machen aus Chirico ein
Idol. Wir fragen nicht: War Chirico ein Renegat (einen
Künstler, der das Antlitz seines Jahrhunderts gemalt hat, einen
Abtrünnigen zu nennen, ist schon ein ziemlicher Schwachsinn), hat
er diesem oder jenem Maler der ›klassischen‹ Moderne in seinen
späteren Aufsätzen, in denen er die Rückkehr zur Malerei fordert,
Unrecht getan, einen Cezanne beleidigt, einen Picasso gekränkt?
Solche Fragen sind von Haus aus kindisch, unter uns: genauso
kindisch wie die Sprache der Dekadenz, deren er sich in seinen
Tiraden bedient – mit der gleichen Selbstverständlichkeit
wie
Nietzsche
übrigens, dem sie nicht geschadet hat. Ein Klassiker beleidigt
niemanden, er taxiert durch Erwähnung. Nennen wir den späten,
nahezu unsichtbaren Chirico einen Klassiker und entklassifizieren
wir ihn im gleichen Zug. Dann wird sichtbar, dass dieser Ikonoklast
im Namen der Bilder um – beinahe – jeden Preis verhindern wollte,
dass die Malerei aufgegeben wird, wie es irgendwann wirklich
geschah. Er hat den nächsten Schritt gesehen, als ihn noch – fast –
keiner sehen wollte, und er wollte nicht, dass er gegangen wird. Er
ist einer aus der Ordnung derer, die nicht wegsehen, wenn noch Zeit
ist. Das gibt seinen Texten das Konvulsivische, das nicht zu ihren
Inhalten zu passen scheint – den Ausdruck einer gewissen
Beklommenheit aus Sorge, zu spät zu kommen. Eine hypertrophe Sorge,
wie uns scheint, denn niemand, es sei denn der Engel der Malerei,
erscheint rechtzeitig, um das Äußerste zu verhüten, wenn es sich
doch darum handelt, es zu realisieren. Gesetzt, in ihm wäre der
Engel der Malerei erschienen, in der einen Hand den Pinsel, in der
anderen die über die Köpfe der Menge gehaltene Schreckschusspistole
– was ist so wichtig an der Malerei, dass sie um – fast – jeden
Preis bewahrt werden muss? Das ist die Frage, die er selbst nicht
be
antworten konnte, sein stummes
Geheimnis. Hüten wir uns, es als ›erledigt‹ zu betrachten. -
US
CHOMSKY
Der Preis des Etabliertseins besteht darin, dass man Noam Chomsky
niemals erwähnt, es sei denn als netten Vorgartenzwerg, der grüßen
lässt und schnell einmal selber grüßt, wenn man es eilig hat mit
den Auftritten. Das gilt nicht überall und es gilt nicht immer,
aber es gilt unter den ›obwaltenden‹ Umständen – man vergebe ihrem
Walten das Ob. Es wird nicht immer so bleiben, man wird sich aus
gebührendem Abstand wieder mit dem ›großen Linguisten‹ befassen und
sein ehrenvolles Engagement für die gepeinigte Menschheit
herausstreichen. Man wird diese eigentümliche Wirkung, die darin
besteht, dass alle wissen, wovon er redet und schreibt, und so tun,
als seien es Gemeinplätze, die das Problem hoffnungslos
unterbieten, in ihr Gegenteil verkehren. ›Wir alle haben damals von
ihm gelernt‹ – so wird es heißen und es wird die blanke Unwahrheit
sein, es sei denn, man lernt so, wie ein Staubsauger Krümel vom
Boden saugt: gleichgültig, lärmend, die leisen Geräusche, gleichsam
die Abschiedsgeschenke des Weggesaugten, mit links übertönend, den
Grund freimachend für anderes. Das ist die ›am häufigsten zitierte
lebende Person der Welt‹. –
Der geschluckte Chomsky
oder:
Der Heuchelei eine
Gasse – ein solcher Titel könnte über vielen hochtrabenden
Beiträgen zur Analyse der Gegenwartskultur stehen, also etwa zu
dem, was bei Jaspers die ›geistige Situation der Zeit‹ hieß und
mittlerweile zusammengeschnurrt ist zu einem Hände-weg-Appell an
Leute, die in keine der von Amts wegen gesponsorten
Kulturveranstaltung gehen, es sei denn, um Käsehäppchen zu klauen
und aufkommenden Ärger mit Sekt wegzuspülen. - US
CIORAN
Ein Held, dem es nicht genügte, gegen Windmühlen zu kämpfen, der
unentwegt neue erfand, für den Hausgebrauch und für den Versand in
alle Welt. »Aber man muss Windmühlen nicht erfinden, sie sind ja
längst erfunden und funktionieren immer nach den gleichen Prinzip!«
Das sagte ihm vor langer Zeit ein Besucher, als sie zusammen den
Boulevard Saint-Germain entlangschlenderten. Es war ein Tag, an dem
die Sonne den Regen wegblinzelte und die Straße im Nu mit
Müßiggängern bevölkerte, deren zerknitterten Gesichtern man noch
das Warten ansah. Der Weise blieb gelassen, blinzelnd auch er. »Man
erfindet sie nur, solange man noch nicht weiß, wie sie
funktionieren. Ich stehe nicht für den Erfolg, sondern für den
Misserfolg. Sobald die Leute sich etwas Gutes tun wollen, verweise
ich sie an die Konkurrenz. Ich spreche ihnen Mut zu und verspreche,
mit ihnen zu weinen, wenn der Mut sie verlässt. Der erste Brief, in
dem steht, es hat funktioniert, verwandelt mich unwiderruflich in
einen von denen da.« Der Besucher sah die Inschrift über der Tür
des Leidverwöhnten, sah, wie der Eingang zu diesem neuen Inferno
sich öffnete und verschwand unter gemurmelten Worten, die heißen
mochten »Ich komme gleich wieder« oder »Der Trommler kommt nieder«,
Lautfolgen ohne Verstand, einzig der Not geschuldet, sich
verständlich zu machen und keine Geste zu provozieren, die es ihm
schwer machen würde zu gehen. - US
CORRECTNESS
Das Leiden an der normierten, gleichsam hartpolierten Oberfläche
der politischen Sprache wird von den Akteuren selten geteilt. Es
gehört zu den Berufsrisiken von Vordenkern, die Konzepte jenseits
der Realisierbarkeit testen – im Schlagabtausch unter
ihresgleichen, aber in steter Fühlung mit der Macht und den
Prozessen, in denen sie sich zerstückelt und wiederherstellt, auf
der ewigen Suche nach der verloren gegangenen Legitimität. Diese
Legitimität ist es, die von den Akteuren wütend verteidigt wird und
ihnen von der Zwischenschicht der ›Meinungsmacher‹ – ein Ausdruck,
der nur noch achselzuckend Verwendung findet, weil die Sache zu
groß für den Einzelnen zu sein scheint – nicht anders zugeteilt
wird als den in Nationalparks zur Gesittung verdammten Raubtieren
ihr täglicher Fraß durch die allgegenwärtigen Wildhüter. Wären wir
nur politisch korrekt, so wäre die Sache damit abgetan, vor allem,
wenn man bedenkt, dass die politischen Ideen seit langem als
bekannt gelten und vermutlich wenig kreative Spielräume enthalten.
Wir sind es aber nicht, wir sind wütend, weil wir die unsichtbaren
Gitterstäbe in der Luft zu sehen glauben, gegen die wir weniger
verzweifelt als zweifelnd anrennen, um dann doch lieber zum rechten
Zeitpunkt das werte Haupt in Sicherheit zu bringen.
Die Politik ist das Spielfeld – dieser
Afterglaube eines unglücklichen Jahrhunderts mobilisiert zwar die
Massen, aber er demoralisiert ihre Denker. Es macht sie nervös,
wenn sie sehen, wie mindere Intelligenzen das Spiel machen. Nichts
hindert sie einzugreifen, nur das Wissen um das Befremden, das sie
unweigerlich auslösen, hält sie zurück. Sagen wir ruhig: es schlägt
auf sie zurück, so dass sie wechselweise die herrschende Politik
oder sich selbst als monströs empfinden. Der vollständig
politisierte Mensch kann nur an der Politik leiden, es sei denn, er
sitzt an den Hebeln der Macht oder unter seinesgleichen. - US
D
DÄMONENSCHEU
Die Dämonenscheu wächst, unter dem Vorwand der Ratio, ins
Ungeheure. Vernünftig sein heißt, den Dämonen nicht Raum geben –
das ist eine Definition und nicht die schlechteste. Man versteht
plötzlich die zarten Gemüter, die eine Malerei als düster
empfinden, in der die Dämonen... nein nein, nicht wüten, vielmehr
herumspazieren, als handle es sich um Lustgärten, die eigens für
sie angelegt wurden. Eine lichte Malerei – was ist das? Ein
Versäumnis. »Schweig, Kind, so etwas sagt man nicht.« Aber was sagt
man dann? Am besten gar nichts. Man verlagert die Rede, man redet
von etwas anderem. Bei Platon etwa oder bei Goethe ist das
Dämonische eine unpersönliche Instanz. Sich vor ihr verneigen
heißt, den dämonischen Fratzen, den halb- und
dreiviertelpersönlichen Angstmachern die glatte Stirn bieten, die
Fassade der Arglosigkeit. Was hinter ihr vorgeht, geht niemanden
etwas an. Oder doch? Sollte nicht eine verschwiegene Kommunikation,
ein kleiner Grenzverkehr, über den man besser schweigt, die
Drahtverhaue und Selbstschussanlagen einer rat- und rastlos der
unbekannten Vernunft opfernden Scheu überwinden? Man kann nicht
über Engel reden, ohne über Dämonen zu schweigen. Das ist der
Punkt. - US
DÄMONENSCHNACK
Ichschwäche ist eine schöne Vokabel, die viel Unsinn gebiert. Zur
Ichschwäche gehört der Dämonenglaube. Er personalisiert, wo das
starke Ich glaubt überwunden zu haben oder wo es überhaupt
überwunden glaubt. Seit die Philosophie als eine letzte Form des
Dämonenglaubens aus dem in schöner Idiotie ›gesellschaftliches
Bewusstsein‹ genannten Vorurteil getilgt wurde, grassiert der
theorieentkleidete Dämon und erschreckt seine Kundschaft diesseits
und jenseits des Lethestroms, in dem das schöne Überhaupt versank.
Das ist verständlich, denn überall dort, wo sich Menschen einer
großen Leistung verschreiben – den Aufgaben der Kultur, der
Gesellschaft, speziell der Zukunftsvorsorge –, überall dort also,
wo Unpersönlichkeit gefordert wird, wo sie bis zum Äußersten geht,
dort geht sie fort bis zum – nun, bis zum Abwinken, das weder Sieg
noch Niederlage eines Konzepts bedeutet, sondern seine Erschöpfung.
Es gibt Momente, in denen das ›Ich denke‹ nicht das Ich
stabilisiert, sondern die Gegenseite. Dann personalisiert sich die
unter dem Diktat des vernünftigen Ich zur Impersonalität
verurteilte Affektseite und erfreut oder ängstigt das offene Ich
mit ihren Heimsuchungen. Das Passionswesen trägt seinen Namen mit
vollem Recht. Der Dämonen sind viele. Das erschreckt wenig, wenn
auch die Vernunft sich diversifiziert. Im Schatten des ›Alles geht‹
schließlich tritt der Dämon in voller Kraft hervor: stark, einig,
all-einig, bereit, zu züchtigen und widerrufen zu lassen, was sich
an verzweifelter Freiheit auftut, bringt er die Frommen auf den
Plan, die seine Ankunft lange erwartet haben. Auch der Antichrist
ist eine der Kultur inhärente Figur. Die Reflexion selbst treibt
ihn hervor, wenn sie, wie einst der Hexenwahn, die Massen ergreift.
- US
DAMPFPLAUDERER
Wir entfernen uns schnell von den Katarakten und Stromschnellen
vergangener Debatten - allzu schnell, wie manche meinen, doch es
hat auch etwas Tröstliches. Wer eben noch, eher träumerisch aus dem
Nähkästchen einer unausgegorenen Zukunft plaudernd, den Grimm der
Auguren heraufbeschwor, tritt einem heute, feist geworden, als
etwas entgegen, das man in weniger geschlechtergerechten Zeiten
einen Dampfplauderer nannte und nicht unbedingt mit philosophischen
Qualitäten verband. ›Eher weniger‹ – das Motto könnte man über
viele Erregungen setzen, in denen sich Gesellschaft intellektuell
wird. Zuverlässig informiert die Wortverbindung ›intellektuelle
Erregung‹ darüber, wie Denken in der Gesellschaft ankommt, falls
ihm das jemals gelingt: als eine Art Schüttelfrost, der die Ärzte
aufspringen und die altbewährten Mittelchen verordnen lässt,
während sie bereits wieder hinter die Kulisse eilen, wo der nächste
Privatpatient auf sie wartet. Diese Ärzte... Man könnte den Kopf
über sie schütteln und Nachforschungen anstellen, wie und wo sie
sich ihre Meriten erwarben, aber das wäre unfein und das Meiste ist
auch bekannt. Doch scheint es Kollegen zu geben, die einst weniger
zum Zuge kamen und ihren Groll mit ins Grab nahmen; nur die
nächsten Angehörigen wissen davon und verteilen ihre Kenntnis in
feinen Dosen. - US
DANEBEN
Ein Holzkopf, der einen großen Maler bezichtigt, nicht malen zu
können, sieht vielleicht mehr als der Maler, denn er sieht das
Daneben. Das Daneben als die Folie aller Malerei, vielleicht aller
Kunst, ist das, was sie in der Zeit hält. Das Daneben lässt sich
nicht wegdenken, ohne dass man die Kunst wegdächte. Es bleibt aber
daneben, es bleibt eine falsche Sicht, erträglich nur dann, wenn es
wechselt. Kriegsheimkehrer, dem immer gleichen Daneben verhaftet,
haben der Kunst mehr geschadet als ihre Verächter. Man muss die
Kunst ein wenig verachten, um sie zu verstehen, und man muss sie
verstehen, um sie zu sehen. Nun, man muss sie nicht sehen,
vielleicht will sie nicht wirklich gesehen werden, jedenfalls
nicht, solange es dem Geschäft schadet. Aber ein wenig sollte man
schon. Wozu gäbe es sie sonst? Sagt die Verachtung. - US
DARÜBERREDEN
Das Verstummen vor großen Kunstwerken ist barbarisch und
reell, selbst das elaborierteste Darüberreden quatscht sie
herunter, nichts anderes ist ihm inhärent. Aber vielleicht liegt
auch darin eine
Kunst,
entfernt verwandt der Lebenskunst, die nicht teilt, weil sie nichts
besitzt außer dem Reichtum, der aus den Poren quillt und an der
Luft verdunstet. Die Kunst des Verstummens, im
Leben so glorreich wie vernichtend im
Kunsthandwerk, tritt spontan vor die großen Kunstwerke hin, sie
gesellt sich zu ihnen von gleich zu gleich, es wäre lächerlich, zu
behaupten, sie werde geübt. Das Herunterquatschen dagegen ist reine
Übung, zu nichts nütze, außer am Folgetag fortgesetzt zu werden.
Wie jemand morgens aufsteht, duscht, sich ankleidet, frühstückt und
das Haus verlässt, um abends ermattet in die Kissen zu kriechen, so
erhebt sich das Herunterquatschen vor den Arbeiten der Künstler, um
niederzusinken: Brückenwerke für einen Tag, über die ein
Ochsengespann zieht, einsam, einem fernen Horizont zu. »Lass uns
darüber reden«, sagt der Agent, er meint das Geld, das die Sache
einbringt, aber sein Angebot bringt den Horizont zum Leuchten. Ein
Sonnenuntergang mehr, da ist nichts zu machen. Jedes Kunstwerk ist
das letzte. Was nach ihm kommt, liegt im Ungewissen. Man hat
noch nichts gesehen, man will es wissen, hat aber nichts in der
Hand. Ein Prospekt wäre viel, manche gäben den Anblick dafür hin. -
US
DAVONLAUFEN
Wenn Sie immer davonlaufen wollen, wird es bald eng, das wissen
Sie, aber es hält Sie nicht auf. Also? Wo gehen wir hin? Treiben
Sie das Spiel, wie Sie wollen, aber nicht bis zum Äußersten. Das
Äußerste, da haben Sie recht, ist ein großes Ziel, wert aller
Anstrengung, wert auch, dass man alles andere wegwirft, dass man
sich wegwirft... sehen Sie, da beginnt es. Sie können sich
wegwerfen, das ist wahr. Sie können sich auch aufheben, das ebenso
wahr und überdies falsch, denn, wie Sie wissen, nichts ist auf
Dauer aufgehoben. Auf die Dauer ist jede Aufhebung passé. Sie haben
also die Wahl, sich gleich wegzuwerfen oder Stückchen für
Stückchen, peu à peu. Das hat Konsequenzen, die nicht jeder gleich
überschaut. Und wenn schon. Zum Beispiel könnte es vorkommen, dass
Sie hier und da ein größeres Stück von sich unterwegs verlieren,
einfach so, weil Sie schon daran gewöhnt sind, dass alles in
Auflösung – wie sagt man? – begriffen ist. Sie wollen auch kein
Aufsehen, das ganz sicher nicht, daher schauen Sie sich gar nicht
erst um. So verliert man den Überblick, irgendwann weiß man nicht
mehr, was an einem dran ist und was schon fort, so gerät man ins
Feuer der Zweifel. Oder Sie sind plötzlich in Geberlaune, das soll
vorkommen, im Grunde ehrt es Sie, und Sie spenden mit Freuden,
wovon Sie nichts, nicht das kleinste Fitzelchen hergeben dürften,
wäre es Ihnen ernst mit Ihrer Person oder Identität oder wie Sie
sich sonst nennen, dort, wo die Namen von einem abfallen und
anstelle der Nacktheit die innere Kleiderstange zum Vorschein
kommt, die allem den Halt gibt, den eine Form nun einmal benötigt.
Aber das ist ja... Ja? Was wollten Sie sagen? Nein? Zum
Davonlaufen, nicht wahr? Das wollten Sie sagen, stellen Sie sich
nicht so an, ich seh es an Ihrem Gesicht und an der Art, wie Sie
die Wange verbergen. Davon rede ich doch... Im Davonlaufen steckt
eine Kraft, die dem abgeht, der immer standhält. Irgendwann wird
sie böse, aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht auch
nicht, vielleicht sollte man sich stärker damit befassen. Das
Davonlaufen, als schöne Pflicht betrachtet, halten die Leute gern
für die Kür und klatschen Beifall, was sonst? So kann man sich
täuschen. Erst wenn der Davonläufer um sich schlägt und darauf
beharrt, dass er einer Pflicht obliegt, werden sie ärgerlich und
finden es nach und nach unerhört. Wer den ersten Preis im
Davonlaufen errungen hat, sollte sich daher zufrieden geben und
nach Hause gehen. Nach Hause? Leicht gesagt, da liegt das Problem.
- US
D-DAY
Das Gros der Weltkrieg-II-Soldaten liegt unter der Erde. Die
wenigen, die noch leben, werden so sichtbarer, wenngleich nur auf
kurze Zeit. Sie haben ihr Leben gelebt – die meisten von ihnen in
der gusseisernen Überzeugung, wenn nicht das Rechte, so das
Gebotene getan zu haben – und fanden daran keinen Makel. Sie waren
Überlebende. Die Zartbesaiteten taten sich damit schwerer, sie
gingen zuerst. Kriegsversehrt waren sie alle. Der Krieg steckte
ihnen in den Knochen und begehrte im Sterben noch einmal Ausgang.
Sie haben, mit Berechtigungspapieren und Stempeln an den
vorgeschriebenen Stellen, auf Geheiß der Sieger und aus
unterschiedlichen Antrieben den einen oder anderen Staat errichtet.
Doch das kam danach. Sie blieben Davongekommene, daraus entsprangen
ihr Hochmut und ihre Verblendung. ›Nach uns wird kommen / Nichts
Nennenswertes.‹ Brechts Diktum könnte über jedem einzelnen dieser
Leben stehen, auch wenn das eine oder andere wütend Protest erhöbe.
Diese mit Trauer grundierte Herablassung, dieses Glauben-zu-Wissen
war fürchterlich für die folgende Generation, zu spät und zu selten
als Zeichen der Ausweglosigkeit erkannt. Vielleicht werden so
Staaten gegründet, vielleicht entsteht daraus die strukturelle
Gewalt, die sich nicht mehr aus ihnen entfernen lässt.
Glauben-zu-Wissen, das ist als Formel der Konversion schlagender
als jenes ›Schwerter zu Pflugscharen‹, an dem sich die
Ostgewaltigen ritzten. Was daran Glauben, was Wissen sein mag,
wissen die Götter, unscheinbare, in den Tempeln des Nachkriegs
nicht zugelassene Leute, die ihr Zeugnis für sich behalten. -
US
DEFINITIONSMACHT
Solange die Definitionsmacht über die Kunst, sagen wir: bei einigen
New Yorker Galeristen und Museumsleuten liegt, solange liegt sie
gut, so gut wie fest. Was will man mehr? Ich frage: Was will man
mehr? Jedoch sollte sie einst, aus Gründen, die keiner überblickt,
ins Rollen geraten, sollte sie, denn ausgeschlossen ist nichts
hinieden, auf dich zurollen, dann... dann... Ja, was dann? Was denn
dann? Freude, Frohlocken über ein sichtbar gewordenes Stück
Freiheit, ein wenig – wie sagt man? – Eigenwelt? Nein? Was dann?
Betretenes Schweigen? Wegsehen, Wiederhinsehen, Panik? Springst du
dann auf und läufst vor ihr davon, aus lauter ungesicherter Angst,
sie könnte über dich wegrollen? Wohin könnte sie wohl rollen
wollen, wenn sie erst einmal den Weg über dich genommen hat!
Riefest du dann, noch platt vor Entsetzen, hinter ihr her: »Habe
ichs nicht gesagt? Habe ich es nicht vorher... schon gut...
gesagt?« Sei gewarnt: es könnte doch sein, dass sie zurückkommt und
noch einmal den Weg über dich nimmt, immer wieder, bis nur noch ein
wimmerndes Bündel zurückbleibt, unfähig, die zerschlagenen Arme zu
heben und »Halt! Halt!« zu rufen, wie es sich nun einmal gehört. So
ein Urteil wiegt schwer. Arme Schildkröte, kein Panzer hält das
aus. Jedenfalls nicht auf Dauer. - US
DELTA
Die intellektuellen Bewegungen der letzten 40, vielleicht 50 Jahre
wurden von drei, vier, vielleicht sechs Verlagen gemacht – mit
Blick für das Machbare, internationaler Erfahrung, aufeinander
eingespielten Autoren mit dem richtigen Sinn für Bezüge, guten
Kontakten und einem eisernen Willen, links und rechts des Weges
nichts Nennenswertes aufkommen zu lassen. Die Wissenschaften haben
es ihnen auf ihre Weise gedankt. Man könnte die Gelehrten jener
Jahre ›Reihengelehrte‹ nennen, wären damit nicht auch andere,
selbstverständlich unstatthafte Assoziationen verbunden. Der Erfolg
hat diese Verlage in das große Delta des amerikanischen Marktes
hinausgetrieben, in dem sie nach und nach Richtung und Antrieb
verloren. Seither ›covern‹ sie die gähnende Langeweile ihrer
europäischen Home markets mit Bestsellern aus den Schreibstuben
elitärer Wissensfabriken, in denen vor allem eines herrscht:
Hochdruck – eine ausgefallene ›Bedingung‹ für das, was idealiter
alle Zeit der Welt bräuchte, um zu werden. Doch man täuscht sich
leicht. Europa ist anders. Nicht viel, aber... anders. Zwar übt es
sich in den Verrenkungen des Juniorpartners, zur Belustigung seiner
asiatischen Freunde und unter dem lässigen Hochmutsblick derer, die
der übrigen Welt so weit enteilt sind, aber allen ist klar, dass
dabei nur die Einfältigen und die Schlaumeier auf ihre Kosten
kommen. Eine Lage, in der die Intelligenz eines Landes oder eines
Kontinents in Fragen des Denkens und Wissens nicht mehr zum Zuge
kommt, ist noch gar nicht analysiert worden. Es gibt nur eine
Vokabel dafür und die ist historisch besetzt: Zivilisationsbruch.
Fragt sich, wer eine solche Untersuchung beginnen könnte – die
Gelangweilten? Die Frustrierten? Die um die Mitte des Lebens herum
Abgewrackten? Die panischen Selbstretter mit dem sardonischen
Lächeln und dem Willen zur absoluten Lüge? Die absolute Lüge...
nun, das wäre etwas. Darauf ließe sich vielleicht bauen. Ein
Schiff, eine Arche... ein Ararat-Modell für den heillosen Verstand,
dem es an nichts fehlt außer an Stoff. Der Stoff, das sind die
anderen. - US
DENKEN
Das Denken erreicht sein Extrem dort, wo es das Denken des Denkens
denkt oder zu denken vorgibt, denn der Schwindel, der es an dieser
Stelle erfasst, ist nicht hintergehbar. Dabei wäre das Denken des
Denkens leicht aufs Notwendige zu beschränken, hielte man sich nur
an einige Grundregeln, ohne die auch hier nichts geht. Gerade das
scheint unmöglich. »Es gibt keinen Grund«, sagen die Philosophen,
»Sie müssen schon ins Freie herauskommen, wenn wir es Ihnen sagen.«
Darin liegt eine ziemlich unfeine Anspielung auf Platons
Höhlengleichnis, uns stört ebenso sehr das Müssen daran wie das
Herauskommen, es ist schon mancher erschossen worden, der einer
solchen Aufforderung Folge leistete – in Folge, wenn man so will
und den Kalauer nicht fürchtet. Wer will schon in Folge erschossen
werden? Das Denken des Denkens erfordert, für sich genommen,
bereits den ganzen Menschen. Nicht wahr? Wahrlich, ich sage euch:
den Menschen darüber hinaus, der das Denken des Denkens denkt,
haben Dilettanten erfunden, um unseren Geist zu beschäftigen, der
sonst frei hätte. Komm heraus ins Freie, ruft er, seit es so warm
geworden ist, dass im Frühjahr die Birken blühen. Er ist ein
Spötter. Wäre es denkbar, im Schatten des Gedachten zu ruhen wie
Ionas unter dem Blatt? Undenkbar, wo geriete man hin! Der
geschäftige Geist setzt seine Klammer um alles, es ist seine Art,
sich herauszuziehen. Da sitzt er nun, gleichsam mit dem
Klammerbeutel gepudert, und schert sich um nichts. Es sei denn, man
sähe darin ein Zeichen und die letzte gedachte Klammer wäre die
wirkliche. - US
DENKSCHULDEN
Stellt man die Leistungen der Nachkriegsdeutschen ›auf intellektuellem Gebiet‹ in einen weiteren Rahmen, so ergibt sich ein erstaunliches Potpourri aus Einseitigkeiten, leicht durchschaubaren Übertreibungen, fleißigen Adaptionen und einem gewissen Rezeptionsmarathon, das ebenso sehr von schlechtem Gewissen wie von der Angst herrühren dürfte, den Anschluss zu verlieren. Man hat wenig zu sagen außer dem gebetsmühlenhaft wiederholten Anderen zu einem unsäglichen Erbe. Darin steckt der kaum bemerkte, aber merkliche Verzicht auf primäre Weltsicht. Dieses zwanghafte Nach-Denken treibt langsam seinem biologischen Abgang entgegen und man weiß nicht, was an seine Stelle treten wird. Vorerst nichts, könnte man meinen, aber das scheint nur so. Immer bereitet sich etwas vor, wenn eine Disposition im Schwinden begriffen ist. Von Tüchtigkeit ist hier nicht die Rede. Tüchtig ist auch der Faule, ohne ein gewisses Maß an Denkfaulheit ist Tüchtigkeit nur schwer vorstellbar. Tüchtigkeit türmt Schulden, könnte man mit einem Blick auf die gegenwärtigen fiskalischen Verhältnisse sagen. Denkschulden sind giftiger als Staats- oder Unternehmensschulden. Das muss so sein, da allen Unternehmungen Denkmuster vorausliegen. In diesen Regionen darf man großzügig sein. Was dem einen Denken heißt, heißt dem anderen Strampeln. Zu bedeuten hat beides nichts. Wer glaubt, man könne die Sache mit Auftragsarbeit für Vordenker abdecken, steht rasch im Freien. - US
DEUTUNGEN
Deutungen sind die Substanz der
Freiheit, besonders wenn es um
Wahrheiten geht. Neben der Brücke der Lüge – das Wort enthält auch
Spuren wie Liebe –, die vor dem Weltmeer der Unwissenheit ihre
abgebrochenen Bögen schwingt, schwirren Millionen deutende
Zeigefinger als Vögel verkleidet zur Insel Utopia.
Als
Grabbeau, er
nannte sich damals noch Philip und trug sein rötliches Haar
versteckt unter einem Dreispitz, an einem Frühlingstage von der
Place de la Concorde aus eine Anzahl solcher befiederten
Zeigefinger nach Süden fliegen sah, wusste er, was die Stunde
geschlagen hatte. Wir wissen es leider nicht.
Deutungen könnten Lücken wie diese, die in der Geistesgeschichte
des Alphabets nur von minderer Bedeutung sind, leichtfertig zur
Ehre der Altäre erheben, auf dass gefällige Brüder sie anbeten
mögen. Auch hier sieht man Anfänge jener Religion der
aufgebrochenen Sprache, die Grabbeau vorsorglich für bessere Zeiten
in Museumsbehältern gefangen hält. - PM
DIAGNOSE
Wir sind doch keine Ärzte, die täglich dem Patienten,
Gesellschaft genannt, die Diagnose stellen müssen.
Erwachsen, wie er ist, kommt er ganz gut selber zurecht und misst
auch brav seine Werte. Den Rest kann er nachschlagen, damit ist er
beschäftigt. In dieser Hinsicht also wären wir frei. Was hindert
einen, der frei ist, sich das Gesicht zu bemalen, die Finger zu
spreizen und Faxen zu machen? Wenig, vielleicht Reste eines
verborgenen Schamgefühls, man sollte ihn lassen. Nicht die
Diagnose, sondern das Durcheinanderreden, dem immer neue
Hiobsbotschaften einen Anflug von Irrsinn verleihen, lässt dich
zusammenzucken. Die Diagnose zieht sich zurück, sie ist der
stecknadelkopfgroße Punkt am Horizont, der nicht weggeht, aber auch
nicht näherkommt. Alles was recht ist! Eine rechte Warnung ist ihr
Geld wert oder man schlägt sie in den Wind. Alles, was näherkommt,
trägt diesen Zug von Schlaumeierei im Gesicht, den du nur zu gut
kennst. – »Du! Was weißt denn du? Selbstüberhebung, was?« – Eine
Diagnose, aber presto. - US
DIALEKTIK
Nicht wenige arbeiten still daran, die Dialektik von dem schlechten
Ruf zu befreien, in den sie durch Gedankenlosigkeit und staatlich
sanktionierten Missbrauch geraten ist. Ob man eines Tages Erfolg
haben wird, hängt nicht zuletzt daran, ob es gelingt, sie vom
Gestrüpp sogenannter Klassikertexte zu befreien. Ob man aus ihr
nicht mehr über den Witz, seine Funktionsweise und seine
Verbindungen zum wirklichen Denken erfährt als aus den trüben
Spiegeln des Freudianismus, das ist die Frage, offen wie eh und je,
doch im Prinzip nicht offener als die andere, ob nicht der
dialektische Materialismus am Ende nur ein Witz war, ein blutiger,
zugegeben, nichtsdestoweniger einer, der es in sich hat; ein Stück
Menschheitsentwicklung als Parabel über die Menschheitsentwicklung
zu entwerfen und
durchzuführen, das wirkt im Nachhinein
nicht viel anders, als gehe jemand hin und gestalte die Straße nach
Maßgabe der Kehrbesen, die auf ihr Samba tanzen. Die Dialektik ist
als der
grosso modo
vergebliche Versuch zu betrachten, den menschlichen Witz, der aus
Laune entspringt und der Bereitschaft, sich nicht blindlings zu
unterwerfen, das Meiste verdankt,
arbeiten zu lassen – für die
Geschichte, ihre vermeintlichen Lenker und wirklichen Henker. -
US
DIENST NACH VORSCHRIFT
Jeder weiß, dass Dekonstruktion nur ein Taschenspielertrick ist. Er
weiß es als denkendes Wesen oder er ahnt es zumindest in
Zonen, zu denen die halbgare Verwirrung nur schwer Zutritt findet,
er weiß auch, was dieser Trick bezweckt: den Sturz alter und die
Vorbereitung auf neue Götter. Woher also der seltsame, nicht enden
wollende Eifer von Hermeneuten, die darin eine Methode, zumindest
ein probates Verfahren der Zurichtung der von ihnen verwalteten
Texte gefunden haben wollen? Etwas kommt ihnen entgegen, man muss
es nur sehen. Sie glauben, etwas Festes auf Zeit zu finden, etwas,
das dem Beziehungsleben gleicht, dem sie den größten Teil ihres
Lebens opfern. Ein kommodes Opfer – das wird es sein. Der Dienst am
Text im Modus des ungläubigen Taktierens ist alles andere als
geruhsam, aber er bleibt lebbar. - US
DISTANZ
Was als ›Kultur‹ in die Distanz verlegt wird, rächt sich im
Nahverhältnis als Repression. So oder so ähnlich lautet
das Konzept der
Kulturfalle, in die, wie es
heißt, vor allem Menschen geraten, die an einem Übermaß an
Verständnis leiden, an Verständnisbereitschaft, leicht abrufbar und
nach Belieben zu applizieren. Das muss nicht sein, aber es
passiert, es passiert sogar in der Regel angesichts der einschlägig
bekannten Arbeitsteilung zwischen Normverstehern und
Normdurchsetzern. Das eintönige Pingpong zwischen Kulturbewahrern
und Kulturverächtern, das notorische ›Ich meine nicht, dass...‹
wird angeregt durch diese fundamentale Fernstellung, die
Horizontalisierung des Denkens, mit der die philosophische
Hermeneutik zu ihrer Zeit hausieren ging und die heute das
paarweise Zusammenrücken angeblicher Kontrahenten gewissermaßen
flächendeckend ermöglicht. Wenn alles in der Kultur liegt, dann ist
sie selbstverständlich beides, Zwangsjacke und Ermöglichungsgrund,
beides in einem (und in einem fort), und jeder, der sich angeblich
nach draußen begibt, sieht sich auf der Stelle von neuen Horizonten
umzingelt und steht in einfachem Gegensatz zu dem, was neben ihm
dazusein gleiches Recht beansprucht. Dieser geteilte Blick, der
zwischen innen und außen irrt und hier wie dort ›Kultur‹ zu sehen
glaubt, ist die hauptsächliche Ursache des Kulturschwindels, der
mit gleichem Ernst ›Gänseleberpastete‹ und ›Kopftuch‹ zu sagen
ermöglicht, weil es der Kopfschmerz ist, der den Ernst zeitigt. Die
Distanz denken – das ist nicht so einfach, das überfordert den
gesellschaftlichen Disput bei weitem. Das öffentliche
Kopfzerbrechen, das die ›Kultur‹ bereitet, hält die sogenannten
Kulturwissenschaften bei Kasse und bringt sie davon ab, ihren Job
zu tun: wer nicht
Ping sagt, wird von jedem
Pong überrascht und muss nachsitzen,
bis er seine Lektion gelernt hat.
Sprichst du in Rätseln, so sprichst ach! du
von Rätseln nicht mehr. - US
DISZIPLIN
Wer den Menschen keine Disziplin anbieten kann, der unterhält sie
vielleicht eine Weile, aber er imponiert ihnen nicht, er bleibt ein
Pausenclown. Es ist müßig, geistige Disziplin nur im
Gotteskriegertum und in sexueller Verneinung zu finden. Das Gewebe
aus schlauen Andeutungen, gezielten Indiskretionen und
Pseudoindiskretionen erledigt sich früher oder später von selbst
wie jede Wichtigtuerei. Disziplin ist immer geistig. Auch die rüde
körperliche Variante besitzt etwas, das man Geist nennen könnte.
Wieviel G-Stoff darf es wohl sein? Darüber rätseln die
nachdenklichen Geister und schielen nach den halbvollen Flaschen in
ihren Regalen. Was davon ließe sich noch verwenden, um jenes Nichts
an Lebensspannung zu erzeugen, unter der einer mit der Unbill des
Existierens zurechtkommen könnte? Während sie brüten, hilft der
Geist der Fitness-Studios und Yogakurse mit physisch induziertem
Wohlgefühl über die Runden. Über welche Runden? Welche Kampfart ist
hier gefragt? Der auftrainierte menschliche Terrier, ein abrufbares
Stück Erde, auch er ein Betrogener, wie man weiß, fällt irgendwann
die Umgebung an. Seine Rache durchsetzt die abgedunkelte Kultur der
Alten, die keiner Werbeetats bedarf, um Nachwuchs zu binden. Die
fleißigen Amokläufe beginnen jenseits des fünfundvierzigsten
Lebensjahres, bei abflauender Bereitschaft mitzutun. - US
DODERER
oder das schöpferisch Schöpferische. In der unscheinbaren Doppelung
lauert der Nachkrieg, das Sich-Entziehen, nachdem man genug belangt
worden ist und ein paar Jahre zur freien Gestaltung wünscht. Diese
Freiheit kann nur in der Freiheit zur Obsession bestehen, zum
Besetzt-Sein, gleichgültig, wer noch klingelt. Alles, was ab jetzt
Forderungen erhebt, tendiert zum Pseudos, es ist ein Pseudos,
verdrehte Welt, verdrehter Geist, verdrehte Menschheit.
Sieh dich nicht um! Das
sitzt und ist als Parole unnütz, weil es die Bewegung nach
rückwärts bereits ausführt, aber es reduziert die Nötigung,
vorwärts zu gehen und erlaubt den geschärften Blick auf die
sinistren Mittel, die eingesetzt werden, um sich im Dasein zu
halten. Die Poesie des Sich, des Sich-Erhaltens, Entfaltens, des
Sich Aus- und Einrollens, scheinbar fast nach Belieben, doch in
Wahrheit nach Druck, einer angedeuteten Äquilibristik gemäß, die
sich zeigt und im Sichzeigen verbirgt, eine solche Poesie findet
ihren Weg wie Wasser durchs Geröll – zäh, zuckelnd, allerwege auf
Vertiefung hoffend, also auf den Effekt von Jahrhunderten. Doch,
leider, soviel Zeit bekommt niemand. - US
DÖRFER
Wer von der
Kunst redet,
muss über die Dörfer gehen. Das sagt sich leicht, aber in den
Dörfern ist keine Rede davon. Künstler lieben das Dorf, es kommt
ihrer Neigung entgegen, im Beisichsein aufzugehen, beinahe wie ein
Teig, der woanders bereitet wurde und nun, bei mäßiger Hitze, im
Besinnlichen wächst. Das größte Dorf dieser Art ist Manhattan –
hier sitzt der Gickelhahn neben jedem Bett und schreit jeden Morgen
und Abend Verrat. Ein schöner Ort, das Künstlervolk liebt ihn und
schwört Stein und Bein, ihn nie zu verlassen. Ist das fair? Nicht
dass die Dörfer da draußen ein Recht darauf hätten, die Kunst zu
besitzen, kein Dorf besitzt so ein Recht, die Kunst kommt und geht
und nimmt sich der Armen an, wie sie mag. Aber so ganz von allen
guten Geistern verlassen sollte das Land nicht sein, das
schließlich alle trägt. So kommt es, dass in den Dörfern das Licht
nicht ausgeht, dass in ihnen allabendlich die große Parade der
Erwartung stattfindet, zu der sich kein Großfürst des Gewerbes
blicken lässt. Nur kleinere Geister tummeln sich auffällig, sie
schäkern mit den Töchtern der Dorfoberen und zeigen dem Gärtchen
hinter dem Haus, das sie sich hier leisten können, was eine Harke
ist. Dafür überlässt man ihnen dann die örtliche Druckerei, in der
die kleineren Wahlplakate hergestellt werden, die einzufliegen sich
aus ökologischen Gründen verbietet. Manchmal allerdings kommt ein
großer, den keiner kennt, man merkt es gleich, denn er weiß nicht,
was eine Harke ist, jedenfalls zeigt er es keinem. Man braucht eine
Weile, um mit ihm warm zu werden, aber dann ist es gut. Was er hier
zu finden gedenkt, will man von ihm wissen. »Nichts«, sagt er und
lacht, »es ist doch alles da.« Er meint es nicht ernst, der Schalk
blitzt ihm aus den Augen, aber die Antwort freut alle. Daheim
spuckt er in die Suppe und schlägt das dreifache Kreuz derer, die
vom Unglück gut bedacht wurden. - US
DONNERWOHNUNGEN
Die Großen wohnen in Donnerwohnungen, die Kleinen in Wisperkammern.
Beide Stätten zusammengelegt ergeben den Ort der Demokratie. Nicht
dass die Großen mehr Platz besäßen, um rascher Drachengespanne der
Wortwahl auffahren zu lassen, sondern sie gleichen staubigen
Photographien auf bürgerlichen Dachböden und haben insofern keinen
anderen Vorteil als den, in trockenen Höhlen bei schlechtem Wetter
seufzen und klagen zu dürfen, denn niemand lässt Regen in Dachböden
dringen.
So ging es bereits den Steinzeitmenschen, die nackt hinter
Dornengestrüppen den Säbelzahntigern heulend vor
Angst die Milchzähnchen zeigten. Der Großvater aber,
kaum 30 Jahre alt, malte sie beide, die Großen wie Kleinen, mit
Rötel und Hasenfett. Wie köstlich ward da noch die Furcht gebannt,
der Schrecken gelähmt. Kein Mensch wagt heute, die
Kunst im Arm, auf Brautschau nach
solchen Motiven zu gehen. - PM
DRACHENSTURM
Ein paar Hexen, mit
Unguentum
somniferum beträufelt, halten den Bann aufrecht, der auf
diesem Bilde liegt wie am ersten Tag. Sein Jahrhundertschlaf unter
bröckelndem Putz hinter verschmutzten, halbblind dem angebrochenen
Tag wehrenden Scheiben darf nicht unterbrochen werden, denn das
gestreifte Einhorn, das ein Auge zuviel hat vielleicht, ist nicht
zu halten, es hält sich, so wie es steht, kaum selbst. Die Uhr mit
Libellenflügeln weist dem »Gib acht« den Trompetenton und den
Ohrenbläsern des Unheils fliegt das Liktorenbündel voran: Aus dem
Weg! Den fahlen Rappen, auf dessen letztes verbliebenes Auge der
Dolch des Einhorns zielt, kennen wir gut. Er ist die Stelle im
Bild, die nicht weggeht, das Auge der Welt, das nicht sieht,
sondern glotzt, weil es weiß und nicht weiß, es ist alles eins.
Statt des Tamburins kreist ein Patronengurt, das versteht sich von
selbst und bedarf keiner näheren Weise. Der Friede von Münster
gebar dieses Bild und bewahrte es auf, manchmal kommt jemand
herein, der es wissen will, und der Sturm klagt im Gebälk. -
US
DRACHENZAUBER
Es gibt keine Zufälle, es gibt nur Zusammenhänge. In Folge dieser
Erkenntnis ist die Verfolgung in Linien bis ins Zentrum eines neuen
Zeichens denkbar, und gäbe es dann auch nur für einen
Augenblick die Erleuchtung. Alles andere wird
ohnehin zur Arbeit der Philosophie. Sind erst die in den Alpen
getanzten Nester schwungvoll genug gebildet, verfängt sich alsdann
auch der Stoff der Gedanken und der Meister hebt beide Hände, um
das Papier und den Tisch für die kurze Zeit des Empfangs von allen
Mächten materieller Vernunft zu erlösen. Nur so kann der
wartende
Geist dem
kommenden Geist geöffnet entgegentreten, damit die eingefangenen
Zeichen, wie Tiefseefische im Netz, herbeigeschleppt und offenbart
werden können. Dann senkt der empfangende Philosoph die Hände und
der Drachenzauber beginnt.
Etwas Feuer der Sprache, dem oberen Bogen des Mundes in Höhe der
vierzehnten Linie bergaufwärts entnommen, wird rasch aufs Papier
gemalt (man vergesse die
Malbutter nicht), sodann eine Spur
des alten und steif gewordenen Wassers hinzugefügt – dieses Wasser
ist fast getrocknet und Teil der unendlichen Dunkelheit –, und
schließlich folgt jenes Magnesium oder
Manna philosophorum (gewöhnliches
Brausepulver der Kinder), um damit das knisternde, niemals kochende
Wassser in weitem Bogen zu öffnen und dann mit einem Ruck förmlich
aufzureißen.
Nun erscheinen die Eltern des Drachen, manierlich gekleidet nach
den Moden getaufter Sünder des Jahres Tausend nach Christi. Sie
führen den aufgerufenen Drachen als Knäblein bis an den Tisch. Sie
bitten um Hilfe und Lehre. Das Drachenkind soll Schüler, Magister
und endlich ein Drachenprofessor werden. Der Philosoph, der den
Ritus beherrscht, lehnt anfänglich einige Male höflich ab, um
schließlich durch mehrmaliges Öffnen und Schließen der Augen,
gleichsam in Nähe des Schlafs, zuzustimmen. So entgeht er der Sünde
wider sein Amt. Der junge Drache wird jetzt zusehends größer,
fordert Becher und Schwamm, Malbutter und Zuber, um die
Verkündigung zu vollziehen. Unverzüglich, auf herbeischwebenden
Luftkissen, beginnt er die Zeichen der Zauberei zu entwerfen.
Feierlich tunkt er die eine Pfoten in die Malbutter, entnimmt mit
der anderen bunte Teilen seines gepanzerten Leibes, um
entsprechende Farben zu finden, und so entstehen der Reihe nach
luftgeschwängerte Teppiche von unendlicher Größe. Sie legen sich,
kaum gemalt, über Häuser und Landschaften oder neu entstehende
Orte, in denen künftig große Meister der Zauberei und der hohen
Künste zur Welt kommen werden. Ein solches Prophetentum ist wahrer
als alle Vernunft, getreuer als jeder Wachhund und vor allen Dingen
so beständig wie jene Alpen, unter denen zuvor getanzt worden ist.
Daher tragen sie oft deren Namen, wie
Kaiser-Glücklich-Wand-Prophetie, Poltergauklamm-Gesänge, hohes
Gesyndel-Wort und Spitzkofler-Unheil. Die Professur ist dem
Knäblein jetzt sicher. Die glücklichen Eltern entschwinden, und das
gute Kind, das inzwischen kaum noch in ein gewöhnliches
Arbeitszimmer passt und dessen Flügel mit Gletscherspuren und
Bergkristallen die Dünste der einsamen Höhenluft in akademische
Räume tragen, legt befriedigt die ersten frischen Orakelblätter als
Tafeln aus Gummigutti, aus Gneis und Glimmer wie Spielkarten auf
den Tisch und ist zunächst noch, unter der Hand, Drachenprofessor
geworden. Er hütet für die Dauer schwarzer Semester die Liste aller
künftigen großen Persönlichkeiten, ob dämonengeschlechtlicher
Abkunft, ob als Saatgut von Weiber- und Männerkernen oder als freie
Gestalten des schwer überprüfbaren Poetenstandes. Er wählt sie
geruhsam aus, um ihre Seelen zur Vorbereitung in die einsamen
Hochschulen der großen Verwirrung zu senden, in denen die Zukunft
ebenso wütet und mordet, wie sie auch Kunstwerke entstehen lässt. -
PM
DREHBUCH
Das drehbare Buch, kaum erfunden, ein Welterfolg, sage ich Ihnen!
Ein Einfall, im Grunde ein einfacher Einfall, sagen wir ruhig,
schlicht, jawohl, schlicht das Ganze, aber: genial. Sie drücken auf
einen Knopf und die Sache rollt ab. Linksherum, rechtsherum, je
nach Bedarf oder Laune, das hält einer sowieso kaum auseinander.
Technik eben, für alle Seiten nützlich. Auch Missbrauch, sicher,
kommt vor, kommt vor. Wir können das nicht verhindern, wie sollen
wir. Ja, wir legen Kundenkarteien an, das müssen wir, obwohl es...
ja ja, verboten, ganz recht, auch das ist verboten, insofern...
vergessen Sie's! Vergessen Sie's einfach! Ein wenig
Technikbegeisterung, wenn ich bitten darf, sonst kommen wir nicht
weiter. Und sagen Sie nicht, die alte Leier. Hier leiert nichts,
wir garantieren... Keine Garantie? Sie wollen keine Garantie? Lesen
ohne Garantie? Und was kommt dabei...? Bitte, hier ist der Ausgang,
ich sag's Ihnen. Eana. So ein Stoffel. Wer mir heute ein Drehbuch
zeigt, ist für mich gestorben. Abgang, aus, durch die Küche. Diese
Laffen meinen, sie haben den Erfolg gepachtet. Welchen Erfolg? -
US
DREIECK
Nein, meine Liebe, dieses Spiel ist nicht vorbei, es hat gerade
erst begonnen, und es ist kein Witz. (Ein Witz, der eine Beziehung
eingeht, ist keiner.) Jedes Dreieck, das in Betracht kommt, verfügt
über einen stumpfen Winkel, eine Asymmetrie, die das Spiel in Gang
bringt und verwirrt. An diesem Ort der größeren Spreizung entstehen
die Spannungen, er nimmt den Bogen auf und damit die Rundung des
Ganzen. Unter dreien schlägt einer den Bogen, nicht weil er Cäsar
wäre oder Titan oder ein großer Kommunikator, sondern weil er dem
Zentrum am nächsten steht. Wo alles nach außen drängt, bleibt ihm
keine Wahl, nur Zerrissensein und Zerrissenwerden. Der
Herausforderer hat es leicht, seine Kraft ist am stärksten, solange
er sie nur wenig einsetzt.
Mimetische Verähnlichung nennt die
Theorie das, was zwischen den Kontrahenten geschieht, sobald der
Kampf eingesetzt hat, ob es die Parteien schöner macht, bleibt
dabei ausgespart. Allgemein nimmt man an, dass der Kampf die Züge
verzerrt, manch einer gewinnt so erst welche, ein anderer verliert
seine Zug um Zug. Das Kenntlichwerden ist eine zu ernste Sache, um
sie Schiedsrichtern zu überlassen, die selbst nach dem Ort der
Begierde schielen, sei es, um ihn einzunehmen, sei es, um mit
dem Objekt davonzuziehen. Ein Dreieck ohne Zuschauer gilt nicht, er
bildet den vierten, gewöhnlich ungenannt bleibenden Winkel. -
US
DRUCKFEHLER
Man muss Druckfehler annehmen können. Diese in den Text eingefügten
Unbestimmtheitsmomente erinnern daran, dass das Geschriebene sich
an jeder Stelle einer Wahl verdankt, die auch anders hätte
ausfallen können. Wer das bestreitet, ist weniger Dogmatiker als
Vermittler. Erst in der Vermittlung wird das Aufzuschreibende
sakrosankt. Deshalb liegt es den Zeitgenossen, denen das große Glas
das Denken versiegelt, als Vermittler tätig zu sein: sie können den
Eifer produzieren, den die Konzentration auf die sich entziehende
Sache unmittelbar hervorbrächte und rechtfertigte, und sie können
ihn auf der Stelle nach außen wenden – als Gewusst-wie. Das große
Glas, die Scheibe, die das Denken vom Nach-Denken trennt, die
Unberührbaren von den Vertretern des Gewusst-wie, es ist eine
Einrichtung, die man bewundern und die man verachten, aber nicht
vernachlässigen darf.
Ich will
nicht verwechselt werden, hat Nietzsche einst bekundet,
darin liegt eine Verwechslung, da die Ideenklempner sich im Anderen
erkennen, in was denn sonst. Gerade ein solches Zitat gibt ihnen
ein gutes Gewissen, sie haben es am Schnürchen und wissen, dass sie
auf dem rechten Wege sind – in jedem Sinn. Dennoch muss vermutlich
so reden, wer eine Religion zu gründen gedenkt. Er kann gar nicht
anders, weil anders die Spiele des guten Gewissens nicht in Gang
kommen. Und Gewissheit, gute Gewissheit, die Gewissheit, auf gutem
Wege zu sein, die will man doch, wenn man sich aufs Abenteuer
einlässt, auch wenn es nur den Weg zum nächsten Symposium
einschließt. Abenteuerlich ist schließlich alles, was sich
behaupten lässt, ganz schön abenteuerlich, daran besteht nicht der
mindeste Zweifel. - US
DUE
SAVINII, PER FAVORE
Als die Kunstkritik der Einsamkeit des großen
Chirico überdrüssig ward, erfand sie ihm einen
Bruder: Alberto Savinio. Sie machte ihn, wie es sich gehört, drei
Jahre jünger und verlieh ihm, da es sinnlos ist, eine Gabe in
schlichteren Dimensionen zu wiederholen, ein Multitalent, so dass
Chirico eines Tages den Satz schreiben konnte:
Mein Bruder war ein großer Schriftsteller und
Komponist. Er hätte auch schreiben können: Mein Bruder war
ein großer Hallodri, aber das hätte den Tatsachen noch weniger
entsprochen und wäre als Beleidigung auf die Nachwelt gekommen.
Die
Dioskuren
verdankt die Nachwelt dem Brauch, bis zwei zu zählen und dann ins
Grübeln zu geraten: Was kommt danach? Vielmehr: Was wird schon
kommen! – Der Bruder also? Der Bruder existiert eigentlich nicht.
Er ist eine große, eine maßlose Hypothese. Durch einen Irrtum im
Begrifflichen wie im Ausdruck, dessen Ursprung sich in der Nacht
der gesprochenen Sprache verliert, wird der Bruder verwechselt mit
dem brüderlichen Freund, dem Weggefährten, der interpretiert und
erklärt – in Worten und Werken –, was der andere macht. Der es so
erklärt, wie es sich selbst erklärte, könnte es sich erklären. Der
es überdies nach- und vormacht – in einem anderen Medium, versteht
sich –, so dass es weiter keine Umstände bereitet, auf dem einmal
eingeschlagenen Kurs fortzufahren. Was wäre ein Leuchtturm, der
nicht anderen den Weg wiese? Was wäre der Zeiger, der zitternd
diesen Dienst leistet, anderes als der Bruder im
Geiste? Und was wäre schließlich der
letztere, wenn nicht der erste noch einmal? Aber weit gefehlt,
dieser Zeiger zeigt nur, insofern er sich zeigt:
Due Savinii, per favore. - US
DUMPFBACKE
Nehmen Sie ein bisschen von diesem Verbrechen, nehmen Sie ein
bisschen von jenem, verrühren Sie das Ganze – Rührung tut gut – und
reichern Sie es mit Stundensex an, wo immer sich Ihnen ein
Sendeplatz bietet: bleiben Sie am Ball, allabendlich, Jahr um Jahr,
Jahrzehnt um Jahrzehnt, erzeugen Sie das größte kriminalistische
Durcheinander des Jahrhunderts in den Köpfen von Kindern, alten
Leuten, Schwachsinnigen, Perversen, Kassenpatienten, Eltern,
Nichteltern, Durchblickern, Bescheidwissern und Abstaubern, und Sie
werden sehen, es wirkt. Sie können jedes Thema lancieren, jeden
Verdacht unter die Leute bringen, jedes Misstrauen gegen ganze
Bevölkerungsgruppen schüren und Heilige en gros fabrizieren. Es
kostet Sie nur ein bisschen Geduld und braucht eine Maschinerie,
die läuft und läuft... kurz, ein Medium. Aber was heißt schon, es
kostet? Sie lassen diejenigen bezahlen, denen Sie das alles
zwischen zwei Freifahrten antun, auch wenn sie nichts mit Ihnen zu
tun haben wollen, und es läuft rund. - US
DURABILE
Es war ein kräftiges Stück Arbeit, das Schaf zu melken, ordentlich
mitgenommen sehen die Hände danach aus. Mitgenommen wohin? Ein
Bauer, der nicht mit seiner Ansicht sparte, und aus diesem bekommt
ihr nichts heraus. Sich inwendig ausgeben hat Vorteile, die dem
Herzinfarkt ähneln, der sich – vielleicht – auf diesem Wege Bahn
bricht.
Poco poco, lente
lente, man kann seine Einbrüche schließlich nicht stapeln.
Das Schaf steht nebenbei, es hat sein Bestes gegeben, vielleicht
das Zweitbeste, das wird sich weisen. An einem Baum schaukelt der
böse Rest, der nie in Betracht kommt oder erst spät, es reicht,
wenn er einen überkommt, dem muss man nicht vorgreifen. »Durabile«,
sagen die Landwirte des Südens, sie klopfen das lederne Gemüt in
der Hoffnung, einmal etwas anderes herausfallen zu sehen als die
Erwartung. Aber Leder bleibt Leder, man trägt es außen, kein Mensch
beißt freiwillig hinein. - US
DURCHBRUCH
Unterkomplex denken, unterkomplex handeln, das war von jeher die
bevorzugte Methode, sich beliebt zu machen bei Menschen und
Göttern. Wer eine Kleinigkeit vergaß, dem gelingt der Durchbruch
spontan. ›Verzeihung, ich vergaß‹: das könnte über dem Leben so
manchen Hoffnungsträgers stehen, am besten vor seinem Abgang, oder,
noch besser, vor seinem Auftritt. Es sind nicht die
terribles simplificateurs, die das
Leben würzen, sondern all diejenigen, die ihre Hausaufgaben gemacht
haben, aber im Modus der Ungeduld, denn sie wollen vorankommen. Nun
preschen sie dahin, auf ebener Strecke, wo doch jeder, der Augen im
Kopf hat, den Hügel sieht, in den sie sich bohren werden.
Vielleicht wollen sie tiefer hinein als andere, das wäre denkbar
und nicht einmal unplausibel. Ob es auch gut ist? - US